Part 6
Der Wallone antwortete nicht, er tat, als verstände er kein Deutsch; ganz gemächlich setzte er sich wieder in Fahrt. Lange nach dem Automobilisten kamen sie im Städtchen an.
Im Weißen Schwan war es sehr lebhaft. Die tiefen Fenster des Speisesaals standen geöffnet, die Gardinen blähten sich im Zugwind; Tür und Fenster gegeneinander auf, denn es war drinnen voll und heiß. Es hatten schon welche zu Mittag gegessen und waren jetzt, zwischen Mokka und Maibowle, beim Skat; andere wollten noch dinieren, viele bestellten schon Abendbrot. Und zu trinken, alle zu trinken.
Ein Aushilfskellner im schmierigen schwarzen Jackett und der Hausknecht mit groben Fäusten rannten gehetzt hin und her. Jean, das Faktotum, das jeden Gast kannte, empfing mit vertraulichem Nicken die Wünsche der Kunden.
»Unverschämter Kerl!« murmelte Scheffler, als der Kellner die Achseln zuckte: »Bedaure sehr, Herr Oberleutnant, hier ist alles besetzt,« zugleich aber mit bedeutungsvollem Augenzwinkern auf ein verstecktes Türchen neben dem Büfett wies.
»Dreister Halunke!«
»Wie der Herr, so’s Gescherr,« sagte der Stabsarzt. Aber sie stapelten doch durch das versteckte Türchen in einen engen und dunklen Gang und durch diesen auf das heimliche Zimmer los.
Es war nicht leer, wie sie dies Privatgemach der schönen Helene zu finden erwartet hatten. Der kleine Sofatisch war in die Mitte gerückt, sechs Einjährige zwängten sich darum. Und zwischen ihnen, dicht Schulter an Schulter, die Ellenbogen auf den Tisch gestemmt, die schöne Helene. Eine Riesenbowle stand auf dem Tisch, der Sektkühler auf dem Boden – aha, die mußten es sich hier ja schon recht wohl haben sein lassen!
Vor dem musternden Blicke der Offiziere sprangen die sechs auf wie ein Mann. Hand an der Hosennaht, den Hals steif wie in Eisen, standen sie so stramm, wie sie nur konnten. Ihre vom Wein geröteten Gesichter wurden jetzt noch röter.
Der Adjutant winkte ab, aber er tat es mit geheimer Wut: grüne Jungens, wie konnten die sich unterstehen, sich hier so breit zu machen! Ein zorniger Blick streifte die Wirtin.
Helene saß auf ihrem Stuhl und lachte, lachte, daß sie sich schüttelte. Der Schreck von den armen Jungens! Haha, das war zum Totlachen, das war ein Spaß! »Hahahaha!« Sie konnte gar nicht aufhören mit Lachen. Keine Spur von Verlegenheit zeigte sie; Schefflers zornigen Blick mit einem ganz harmlosen erwidernd sprang sie jetzt auf und auf die Neugekommenen zu: »Tag zusammen, Tag, Tag!« Dann machte sie den Einjährigen einen Knix und zeigte ihnen lachend ihre weißen Zähne: »Adjüs, meine Herren!« Ihnen den Rücken kehrend und die Zungenspitze zwischen den Zähnen vorstreckend, sagte sie dann ziemlich laut: »Jott sei Dank, die Jüngeskens wurden mir als langweilig. No, Kinder, nu kommt!«
Die Tür mit dem Fuß aufstoßend und ihre Freunde vor sich hinausschiebend, schwatzte sie: »Laßt mir aber die armen Jüngeskens in Frieden, die wollten sich auch emal ’ne jute Tag machen. No, Herr von Scheffler, sind Sie bös mit mir, Sie kucken mich heut ja jar nit an?« Sie wollte sich an ihn heranmachen.
Er raunte verlegen und ärgerlich: »Ruhig doch! Du bist ja schon beschwipst!« Und laut sagte er: »Gehen wir lieber, meine Herren, hier ist ja kein Platz. Sehen wir zu, wo anders unterzukommen!«
Das wollte Helene nun um keinen Preis zugeben. Ehe sie ihre Herren gehen ließ, schmiß sie lieber die Einjährigen, die dummen Jungens, heraus, so leid es ihr auch um die tat, und so gut die auch verzehrt hatten. Ihre Herren Offiziere ließ sie nicht: »Nee, nee, nee!« Fast weinend verstellte sie ihnen den Weg.
Abeking fühlte den Ärger hinschmelzen, den er empfunden hatte, als er sie so intim mit den Einjährigen hatte sitzen sehen. Aber Scheffler und Schmidt blieben hart, bis der Stabsarzt einen Vergleich vorschlug: »Die Helene hat in unsere Stube Fremde reingelassen, Einjährige noch dazu, zur Strafe darf die Helene sich heut an keinen anderen mehr kehren, sie muß sich verpflichten dazu. Bei uns sitzen bleiben muß sie, ’nen Schwank aus ihrem Leben erzählen – was, Helenchen, das paßt Ihnen so? Und trinken soll sie mit uns, ’ne Pulle Sekt trinken, was?«
»Och, warum denn nit? Jern!« Die hübsche Frau lachte hell auf. Sie blitzte mit ihren kecken Augen ihren einstmaligen Verehrer zärtlich an: »Wahrhaftigens Jott, der dicke Stabsarzt is doch noch der allernettste, jar nich jleich so krabitzig wie jewisse andere Leut!« Sie machte ein Mäulchen.
Der junge Leutnant hätte ihr am liebsten einen Kuß darauf gedrückt – so lange hatte er keine weichen Lippen unter den seinen gefühlt. Nervös zwirbelte er an seinem schüchternen Schnurrbärtchen, sein hübsches Gesicht wurde knabenhaft rot.
Scheffler und Schmidt aber waren gewiegte Diplomaten, so leicht ließen sie sich nicht herumkriegen, da mußte die Helene erst noch ganz andere Seiten aufziehen.
Es war ein langes Parlamentieren auf dem engen, fensterlosen Gängelchen zwischen Privatgemach und Eßsaal. Keiner konnte den anderen recht sehen. Aber Abeking glaubte zu fühlen, daß Helene sich dichter an ihn drückte, als suche sie bei ihm den nötigen Beistand. Verstohlen legte er den Arm hinter sie und legte ihn leicht um ihre Taille; da trat sie ihm bedeutungsvoll auf den Fuß. Der ganze enge Gang war voll von ihrer Wärme, ihre Röcke raschelten, ihr gekraustes Haar kitzelte ihn unter der Nase.
»Na, denn man los,« sagte Scheffler und stieß die Tür nach dem Eßsaal auf. »Blödsinnige Luft hier in dem engen Loch!«
Abeking fand das gar nicht.
Aber wo sollten sie nun Platz nehmen? Helene schlug den Tisch draußen an der Haustür vor, der war noch frei, aber Scheffler sagte ziemlich unverblümt: »Verrückt! Ich werde mich doch nicht mit d..« das ›dir‹ unterdrückte er noch rechtzeitig, räusperte sich und verbesserte: »mit meinem Wein auf die offene Gasse setzen!«
Helene hatte wohl gemerkt, was er eigentlich hatte sagen wollen, sie bekam einen roten Kopf, aber sie zeigte keinerlei Empfindlichkeit. Sie rief den Hausknecht, und er mußte die großen Efeuwände herbeischleppen, die, in Ermangelung eines Gartens, mit ihrem verstaubten Grün die Wände eines winzigen dumpfen Höfchens maskierten. Jetzt wurden sie vor dem Tisch auf der Gasse ausgestellt, man saß dahinter wie in einer versteckten Laube. Und sogleich war die nötige Stimmung hergestellt.
Der übelgelaunte Scheffler ließ seine Mißstimmung fahren. Schmidt erzählte Anekdoten aus seiner Vaterstadt Köln, nicht gerade salonfähige, aber höchst scherzhafte. Der Stabsarzt, ein Pommer, blieb an Derbheit nicht zurück; es waren gepfefferte Geschichten. Der kleine Leutnant verwunderte sich eigentlich, daß Helene darüber so lachen konnte. Nun, sie war eben noch recht naiv, verstand er doch sogar die Pointen nicht einmal alle.
Um die hochgegiebelten alten Schieferdächer mit ihren vorgebauten Bodenluken, zu denen einst der überall auch jetzt noch vorhandene Krahnen die Warenballen aufgehißt hatte, fingen die Fledermäuse an zu flattern. Sie hatten hier Schlupfwinkel genug. Lauter schien der Fluß in seinem engen Bett, eingepreßt zwischen Fels und Häuserzeile, dahinzugrollen. Oben auf der Kirchhofsley lag noch Sonnenglanz, man sah die Kreuze der Gräber scharf-umrissen in den Aether ragen; hier unten in der Gasse vor der Wirtshaustür war es schon ganz dämmerig. Das helle Gesicht der Frau über dem schwarzen Trauerkleid schimmerte nur mehr wie ein weißer Fleck.
Den jungen Offizier fröstelte es plötzlich wie damals, als er hier zum Begräbnis gewesen war – sterben, ah, schrecklich! Ob denn keiner an den einstmaligen Wirt mehr dachte? Der lag nun dort oben, und seine Frau lachte hier unten. Noch nicht viel länger als ein Vierteljahr war’s her – wie rasch man vergessen wird! Er dehnte sich mit einem Seufzer, lehnte im Stuhl hintenüber und starrte in die Höhe, am hohen Giebel des Schwan, um den wie unruhige Gedanken im Zickzackflug fortwährend dunkle Fledermäuse flatterten, empor, und weiter hinauf in den dunstigen Abendhimmel. Der Abendstern zeigte sich im Gewölk, aber er rutschte fort, hinter das alte Burggemäuer. Kein Stern stand über diesem Haus.
»Sind Sie müd, Herr Leutnant?« Helene legte ihm die Hand auf den Arm.
Er war blaß geworden; nun erschrak er: »Ah, Pardon, was sagten Sie?«
»Ob Sie müd sind?« Ganz nah reckte die Frau ihr lächelndes Gesicht an das seine, aus nächster Nähe sah er ihre glitzernden, schimmernden Augen. Unterm Tisch fühlte sie nach seiner Hand. Er preßte die ihre mit heftigem Druck und behielt sie in der seinen.
Was fehlte ihm denn? War er schon betrunken oder war er plötzlich toll geworden? Die älteren Kameraden sahen nach ihm hin.
Abeking war aufgesprungen. Das Sektglas hochhebend, den Kopf hintenüber geworfen, rief er laut: »Ein Pereat den Toten! Wir leben und lieben – prost, schöne Frau, auf Ihr Spezielles!«
»Pröstchen, pröstchen!« Die Sektgläser klingelten.
»Sie sind ja en ganz höll’scher Kerl,« sagte der Pommer.
Helene fühlte sich sehr geschmeichelt, sie zeigte ihre weißen Zähne: das war mal ein netter Junge, den sie wohl leiden mochte!
Sie waren schon mit der zweiten Flasche zu Ende. Helene klatschte in die Hände, da erschien auch bereits die dritte, in Eis gekühlt.
»Wenn das so weiterjeht, sind wir all voll bis Mitternacht,« sagte der Kölner.
»Ich empfehle mich für ein halbes Stündchen, meine Herren!« Scheffler stand auf. »Ich muß noch einen Besuch machen. Ich habe es versprochen. Ich muß mich erkundigen, wie den Damen Schmölder ihr neulicher Besuch zur Besichtigung des Lagers bekommen ist!« Er grüßte leicht die Kameraden, drohte Helene mit dem Finger und ging dann davon, schneidig, eine elegante Offizierserscheinung. Seine schlanke Gestalt verschwand schnell im dunkelnden Gäßchen.
Der Stabsarzt und Schmidt spöttelten hinter ihm drein: der ging auf Freiersfüßen! Na, der Schwiegervater in spe würde auch keine besondere Freude haben, wenn er mit dem roten Kopf ankam! Und so spät war’s, acht Uhr fast! Aber freilich, hier brauchte man’s nicht so genau zu nehmen – Entfernung, Dienst, Überbürdung selbst am Sonntag – es ließen sich so viel Entschuldigungen finden. Die Leutchen freuten sich am Ende immer noch, wenn der schöne Adjutant von Scheffler erschien!
»No,« sagte Helene und warf die Lippen auf, »dat weiß ich doch noch nit so jenau. Der Heinrich Schmölder is lang nit so dumm, als wie ihr denkt. Helau!« sie legte den Daumen auf die Nase und spreizte die übrigen Finger der Hand. »Der weiß janz jenau, dat et auf sein Portemonnaie abjesehen is! Der Ladewig, der Ladewig –« sie fing plötzlich an zu singen – »de hat dat jrößte Portemonnaie!«
Keiner machte »sst!« Nun Scheffler fort war, nahmen sie gar keine Rücksicht mehr; die Helene hatte sowieso schon einen Spitz, und dann war sie am alleramüsantesten. Bald war die dritte Flasche Sekt geleert. Nun trank man Bowle.
Währenddes saß der Adjutant bei Schmölders. Die Familie hatte sich eben zum Abendbrot setzen wollen, er wurde eingeladen, mitzuspeisen. Es gab Rehbraten; Herr Schmölder hatte das Reh selber geschossen, er war ein großer Nimrod. Oben der Waldbestand um die Fangeuse war sein eigenes Revier, leider nur ein zu kleines; er hätte gern alles andre drum herum noch dazu gepachtet. Aber ein Teil des Forstes gehörte dem Fiskus, der andere der Gemeinde Heckenbroich, und mit den Kerls war ja nichts zu machen, die forderten ja jetzt eine Pacht – eine Pacht! Schmölder zitterte vor Ärger, als er dem Offizier von den habgierigen Bauern erzählte.
»Und da is der Leykuhlen dran schuld, niemand anders als der – für ein Butterbrot hat sie mein Vater früher jehabt – aber der, der möchte Jott weiß wieviel Jeld zusammenschrappen für seine Jemeinde! Nur um die Schulden zu bezahlen, die sie haben von dem verfl..... Kirchenbau her!«
»Aber Schmölder!« Ganz erschrocken starrte ihn seine Frau an; es war ihr schrecklich, daß ihr Mann so sprach.
»No ja, ja,« – er lenkte ein, als er das entsetzte Gesicht seiner Frau und die flehenden Blicke seiner Tochter sah – »na, was ich sagen wollte! No, ja, seit die Bauern oben die Riesenkirche jebaut und sich deswegen Schulden auf den Hals jeladen haben, soll ich der dumme Peter sein, der sich von ihnen über den Löffel barbieren läßt. Aber ich biet nit mit bei der Jagdversteigerung – sie werden ja sehen, wie sie sitzen bleiben!«
»Das ist aber doch schade, zu schade, um die famose Jagd!« Herr von Scheffler bedauerte lebhaft. Er hatte es sich schon so fein ausgedacht, mit dem Schwiegervater auf diesem großartigen Terrain zu jagen. Betroffen sah er auf seinen Teller nieder: das war entschieden eine Lockung weniger. Aber dann dankte er mit verbindlichem Lächeln der Frau des Hauses, die ihm noch einmal Rehbraten anbot: »Danke sehr, gnädigste Frau – o nein, ich esse gar nicht wenig, aber bei der Hetzerei oben gewöhnt man sich eben das Essen ein wenig ab. Man hat ja nie Zeit!«
»Haben Sie denn soviel zu tun, Herr Oberleutnant?« fragte errötend Hedwig. Sie errötete heute in einem fort. Ohne jeden Grund, wie Josef feststellte. Sonst mochte er die junge Nichte gern, sie hatte sich mit offener Zuneigung ihm angeschlossen, aber heute gefiel sie ihm nicht. Wie konnte ein Mädel wie Hedwig, das mal gewiß seine drei, vier Millionen kriegte und vor allem ein gutes, hübsches Kind war, gleich so den Kopf verlieren, wenn eine bunte Jacke mit aufgewichstem Schnurrbärtchen auf der Bildfläche erschien?! Das war doch zu dumm! Er nahm sich vor, ihr einmal ins Gewissen zu reden. Aber vorderhand war nichts zu machen.
Wenn auch beide Vettern Schmölder mit ziemlich verdrossenen Mienen die brillante Unterhaltung des Leutnants über sich ergehen ließen – er sprach von Bällen, von Ritten, von Vorgesetzten, von Kameraden, von Pferden, von Avancement – die Tochter errötete, lächelte und strahlte. Und auch die Mutter schien lebhaftes Wohlgefallen an dem hübschen Offizier zu finden: das war doch kein oberflächlicher grüner Junge mehr, das war ein ernsthafter, tüchtiger, liebenswürdiger Mensch, aus gutem Hause, und trotz seines Adels strebsam und solide gesinnt!
Scheffler empfahl sich bald nach dem Abendbrot. Er bedauerte unendlich, aber er mußte fort: morgen in aller Frühe schon Dienst, er hatte nur nicht versäumen wollen, in der ihm so knapp bemessenen Zeit den Damen wenigstens seine Aufwartung zu machen. Mutter und Tochter gaben ihm das Geleit bis zur Gartentür.
Der Vater war abgerufen worden; der Verwalter oben von der Fangeuse war da, er hatte den Herrn Schmölder dringend zu sprechen verlangt.
Josef war hinter den Damen hergeschlendert. Kein Mensch kümmerte sich um ihn; er kam sich überzählig vor.
Am Himmel, den man hier nur wie in einem Ausschnitt sah zwischen Tannen, Felsen und alten Giebeln, flimmerten jetzt die Sterne. Dies reich bestickte Tuch würde sonst sein Auge entzückt haben, heute sah er es nicht an. Der Garten, der im Schutze der Felswand, die jeden Mittagssonnenstrahl auffing, grünte und blühte und duftete in fast südlicher Fülle, war eine Oase mitten im herben Eifelland; aber heute steckte Josef seine Nase nicht in die üppigen Fliederbüsche. Den roten Piruszweig, der sich über den Weg streckte, stieß er unsanft beiseite. Er war verdrießlich, unangenehm von allem berührt; so tödlich gelangweilt vom Geschwätz am Abendtisch, daß er am liebsten auf und davon gelaufen wäre. Aber wohin? Kein Geld, keine Stellung, kein Platz, der sein eigen war – es war zum Verzweifeln. Und das Geschwätz ging an der Gartentür noch immer fort! Zornige Ungeduld übermannte ihn. Es war ein Aufbäumen in ihm gegen die Enge, gegen die Kleinlichkeit, und doch fühlte er’s mit heftiger Schmerzlichkeit: nie, nie kam er wieder hier heraus! Hier wurde er festgehalten durch eigene Schuld, hier war er begraben mit Haut und Haar, mit allem, was in ihm war an höherem Flug, und er selber hatte sich die Grube gegraben. Drin liegen bleiben mußte er nun, verrotten bei lebendigem Leibe. Dieses verdammte Geschwätz!
Des Leutnants Rede ergoß sich. Cousine Schmölder sagte nur zuweilen: »ah« und »oh« und »wie nett!«, und das kleine Mädchen lachte glückselig-verlegen dazu.
Josef drehte kurz um und ging ins Haus zurück. Lieber den Garten missen, als sich so die Laune verderben lassen! Pfeifend, die Hände in den Taschen seines braunen Sommerjacketts, schlenderte er ins Wohnzimmer.
Da saß Heinrich auf dem Sofa in seiner alten grünen Tuchjoppe, und der Mann von der Fangeuse stand vor ihm und drehte verlegen seinen Hut in den Händen.
»Also, kurz, warum kündigt Ihr mir?« sagte Schmölder knapp. »Macht nit so viel Worte – also warum?«
»Herr Schmölder, Ihr müßt entschuldigen, et wird mir schwer, Uech zu kündige, Herr Schmölder. Ich war ooch janz jern oben, ich hatt nühst zu klage. Äwer dat Settche will’t nu absolut nit mieh, et saat, et wär him zu afjeleje do. Un der Schollweg is zu wiet für ose Jung. Im Winter kann hä jo jar nit hinjonn. On zu Ostere kömmt oß Mädche ooch in Scholl. Drei Jahr hammer et do owen usgehaalde, länger als de vürige do is bliewe. Do is keen Dorf on keen Huhs, kee menschliche Seel! Bis Heckenbroich is et so wiet, un jut drei Stund hammer no ’r Kirch. Nit ens Erdäppel könne mer trecke,[6] de Säu wühlen alles up. On de Hirsch kömmt bis in ’ne Jart[7] – Herr Schmölder, Ihr wißt doch noch, dat Ihr selwer eine jeschosse habt aus oser Kammerfenster? Nix för unjut, Herr Schmölder, ich hätt Uech nit jekündigt, äwer dat Settche will absolut nit mieh bliewe. Et saat, wir sind zu wiet von Kirch on Scholl, dat jeht nit mieh, mit dene Köngd!«
[6] ziehen.
[7] Garten.
»Zum Kuckuck, so laßt se doch nit nach Kirch un Schul jehen,« schrie Schmölder. Er fuhr den Mann an, als habe er was verbrochen. War das eine Art, ihm zu kündigen, einfach weil es dem dummen Weibsbild nicht mehr paßte? Nun ging die Sucherei wieder von neuem los! Einen Menschen mußte er doch da oben im Moorhaus haben, der Obacht gab, sonst fiel die Bude noch über Nacht mal zusammen. Und wenn er zur Jagd heraufkam, im Winter auf Sauen, im Sommer auf Böcke, im Herbst auf Hirsche, da wollte er doch sein Bett gemacht haben, geheizt und den Kaffee gekocht. Die Frau vom Jilles hatte das immer besorgt, auch die Rehleber, mit Tannennadeln gespickt, auf Weidmannsart zu braten verstanden! So genau Heinrich Schmölder sonst mit dem Gelde umging, hier wollte er etwas springen lassen.
»Ich will Euch wat sagen, Jilles,« lenkte er ein, »ich will Euch zulegen, pro Monat zehn Mark, macht auf’t Jahr hundertzwanzig – einhundertundzwanzig Mark! Mann, dat ’s en Wort! Und die Frau soll auf Christtag en anständig Präsent von mir kriegen, und Ihr und der Jung Buckskin zum Anzug. So, un nu is et jut!«
Er schien die Sache für abgemacht zu halten, aber der Mann von der Fangeuse räusperte sich und blieb noch stehen. In hülfloser Verlegenheit zerknüllte er seinen Sonntagshut. Über sein hartes Gesicht zuckten Begehren und Abneigung: einhundertundzwanzig Mark, das war ein Stück Geld! Er sah nieder an seinem ärmlichen Rock und gedachte einer Kuh, die er zu Heckenbroich in einem Stall gesehen hatte und die zum Verkauf stand.
»Herr Schmölder,« sagte er gedrückt, aber nach und nach wurde seine Stimme sicherer, »ich kann nit, wahrhaftigen Jott nit, et jeht nit. Dat Settche kriet dat arm Dier.[8] Nit Kirch, nit Laden, nit Straß, zweimal die Woch nur der Briefdräger, als dann on wann emal ’ne Camis’;[9] sonst keen Mensch! On kömmt ens einer, muß mer de Dür noch verschließe; wir sind eso nah an der Jrenz – en halw Stund bis Belligen – wer weiß, ob et nit einer von denen is!« Er deutete mit dem Daumen über die Schulter und machte ein verächtliches und zugleich doch verängstetes Gesicht. »Von denen do! Seit die im Venn sin, könne wir nit mieh ruhig schlaafe. Kömmt letzt ’ne Kerl, stößt de Dür up on saat: ›Jude Morje!‹ On ob er en Flasch Bier krieje könnt! Modderselig allein war dat Settche zo Huhs, die kriet ’ne Schrecke. On, Herr Schmölder, de Kerl wollt nit jonn!« Er machte eine Pause und sah erwartungsvoll seinen Herrn an: was würde er nun sagen?!
[8] wird melancholisch.
[9] Grenzjäger.
»Nun – und?« Josef, der, am Büfett lehnend, alles mit angehört hatte, beugte sich interessiert vor. »Nun?!« War das wirklich so ein armer Teufel von Sträfling gewesen, hatte es einer riskiert, auszurücken, der Grenze zuzueilen durch dick und dünn?!
»Et war ’ne Torfstecher, ich kam drüber heem,« sagte der Mann. »Äwer et konnt doch jrad so jut einer von denen do sein, so ’ne Räuber und Mörder. Nee, nee, Herr Schmölder –« ganz energisch schüttelte er den Kopf und ließ all seine Schüchternheit fahren, – »sucht Uech ’ne angere. ’n Awend zosammen!« Er setzte seinen zerknüllten Hut auf und trabte rasch aus dem Zimmer.
Heinrich Schmölder öffnete schon den Mund, ihm noch einmal nachzuschreien, aber dann besann er sich: ein Schmölder bittet doch so einen dummen Kerl nicht?! Wenn der Esel nicht wollte, nahm er sich eben einen anderen Verwalter. Aber selbst für Geld und gute Worte ging keiner so leicht aufs Moor hinauf. »Da haben wir’t,« sagte er grimmig laut und schlug auf den Tisch, daß der Aschbecher stäubte, »mußt uns die verdammte Rejierung auch ihre Verbrecher so auf die Nas’ pflanzen – en Unverschämtheit! Natürlich, wegen der Nachbarschaft bleibt mir der Jilles nit! Un verdenken kann ich et ihm nit emal. Dem Landrat werd ich aber meine Meinung sagen, der soll mir noch kommen mit seiner Kolonisation! Wat fang ich nu an?«
»Heinrich, setz mich doch hin,« sagte Josef rasch. Es war über ihn gekommen wie eine Erleichterung.
»Dich –?!« Schmölder sah den Vetter an, als habe er gesprochen: ›Setz mich auf den Mond!‹ »Laß doch die Dummheiten,« sagte er unwirsch. »Ich mach jetzt nit Spaß, ich bin wirklich in Verlejenheit. Janz leer stehen kann ich die Bude nit lassen, un hin jeht mir so leicht keiner!«
»Heinrich, es ist mein Ernst!« Josef war näher herangetreten und legte ganz entschlossen und kräftig die Hand auf den Tisch. »Setz mich dahin, ich gehe mit Freuden!«
»Och, du bist ja verrückt!« Heinrich sah Josef an und lachte dann unbändig: »Wieder janz de Josef! Immer wat Neues, und dann kein Bestand! Nee, da laß du die Finger von. Die Fangeuse hat et an sich. Schon mein Alter hat seine Not jehabt, un jetzt werden die Leut ja mit Jewalt raffiniert jemacht – da will sich keiner bejraben. Schnee im Winter, zum Ausschaufeln hoch, ewige Stürme; dat braust von der belgischen See her, aus Nordwest, im Winter wie im Sommer fast immer egal. Und im Frühjahr Wasser im Venn fast bis an et Haus, du kannst kahnfahren!« Er lachte noch einmal amüsiert auf, fast vergaß er seinen Ärger darüber. »Du hast jar kein Ahnung, mein Sohn!« Mit einem geringschätzigen Blick maß er des Vetters schlanke, etwas schwächliche Gestalt. »Bist du überhaupt schon mal oben jewesen auf der Fangeuse? Nicht?!« Josef hatte verneint. »No, dann halt’s Maul jefälligst!«
Josef zuckte zusammen: wie grob der Heinrich wieder war! Er fühlte, wie der andere ihn mißachtete, und das tat ihm weh.
»Am liebsten schlüg ich die Barack los mit allem, wat drum und dran is, die janze Fangeuse! Viel wert is dat sumpfige Dreckloch doch nit. Wenn nur nit die Jagd da so jut wär! Und wer würd se mir auch abkaufen?!«