Part 26
Es saßen ihrer Zwanzig in dem engen Raum auf roh zusammengenagelten Schemeln. Auf dem Herd brodelte es in einem großen Topf, ein alter Mann stand dabei und rührte mit einer riesigen Kelle. Im Herdloch fielen die Funken wie glühender Regen; von dort kam ein rötlicher Schein – das einzige Licht in dem winter-dunklen Raum. Aber trotzdem es im Ofen knackte und knasterte, und man vors Fenster als Schutz ein dickes Brett gestellt hatte, war es doch nicht warm hier; die Luft war nur dick.
Josef war ordentlich zurückgeprallt vor dem Dunst, der ihm entgegenschlug. Mit erschrockenen Augen sah er sich um: so hausten die hier im Winter? All diese Leute zusammengepfercht, und so Tag für Tag?!
Bräuer sagte: »Über die Hälft ist nach Aachen abjeschoben. Die kommen erst wieder erauf, wenn die Arbeit draußen anjeht. Die hier flechten Körb und binden Besen. Der da,« – er wies auf ein Gesicht, das Josef bekannt vorkam – »der ist jeschickt, der hat uns die Schemel gemacht. Nu schnitzt er Löffel. Zeig mal her!«
Der blasse Mensch, der den rotborstigen Kopf über seine Arbeit geneigt hatte, stand auf und kam heran; er zeigte ein Besteck aus Birkenholz, nur roh geschnitzt, aber an den abgeplatteten Stielen war als hübsche Verzierung eine Blume eingekerbt.
»Setz dich wieder!« Man merkte der Stimme des Aufsehers trotz aller Rauheit einen gewissen Stolz an.
Josef lobte die Geschicklichkeit des Sträflings. Der Gelobte wurde rot, er hob den Blick und zum ersten Mal sah Josef in die grünen, unruhigen Augen. Jetzt zog der Mensch in einem geschmeichelten Lächeln den Mund breit, und Josef erschrak fast: ha, fletschte der Kerl die Zähne! Unangenehme Physiognomie! Aber gesünder sah er aus, nicht mehr so käseweiß, nicht so zum Erbarmen elend wie das letzte Mal. Und man sollte doch denken, hier eingeschlossen im vergitterten Haus müßte er elender aussehen als draußen in freier Luft?! Merkwürdig, dieser Mensch schien jetzt ganz wohl und zufrieden!
»Wollen Sie wat von unserer Supp essen, Herr Schmölder?« fragte Bräuer.
Josef nickte; er war hungrig.
Der Alte am Herd nahm einen von den Blechnäpfen, die aufgestapelt einer im andern standen, und füllte ihn mit seiner Kelle aus dem großen Kessel. Es roch ganz gut: nach Erbsen, nach Schmalz, nach Zwiebeln und nach Wärme. Aber als Josef ein paar mal den Blechlöffel in die dünne Brühe getaucht hatte, hatte er genug. Das schmeckte doch nicht. Und auch das Stück schwarzen säuerlichen Brotes mit der zähen geräucherten Blutwurst wollte ihm nicht munden, obwohl der Alte, der ihm das präsentiert hatte, mit aufglänzenden Blicken jeden Bissen verfolgte, den er in den Mund steckte. Er erhob sich; ihm war, als müßte er ersticken in dieser dumpfen Dunkelheit. Der letzte Bissen würgte ihn. »Ich danke, Herr Bräuer. Adieu! Ich muß nun zurück!«
»Ich bring Sie en Stück längs!« Es mußte dem Aufseher nun doch zum Bedürfnis geworden sein, mit jemandem zu reden. »Mer jewöhnt sich dat Sprechen janz ab,« sagte er wie entschuldigend, als sie draußen durch den Schnee stapften.
»Läuft Ihnen keiner fort? Sie haben ja nicht wieder zugeschlossen!« Josef sah noch einmal nach dem verlassenen Haus zurück und schauderte.
»Wohin?« Bräuer machte eine umfassende Handbewegung. »Hier sind die sicher verwahrt. Die sind ja auch janz zufrieden hier. Und ich bin auch zufrieden mit ihnen!«
»Und doch wollen Sie fort, wie ich höre?«
Das Gesicht des Aufsehers, das sich eben ein wenig aufgehellt hatte, wurde rasch wieder finster. Er zog die Stirn in Falten und schlug den Blick zu Boden.
»Es ist schade, Herr Bräuer!« Josef sagte es warm. Wahrhaftig, er hatte dem Menschen doch Unrecht getan, der war längst nicht so schlimm, als er sich stellte. »Sie sollten nicht gehen, Herr Bräuer!«
»Ich muß!« Der Aufseher brummte es zwischen zusammengebissenen Zähnen, und dabei zuckte es über sein Gesicht. Nun sagte er nichts mehr. Eine Strecke trabten sie stumm nebeneinander her, dann stieß er plötzlich heraus: »Ich hab en Frau zu Haus. Adjüs!« Er machte kurz kehrt.
Ehe Josef noch etwas sagen konnte, war er schon fort. Mit weitausholenden Schritten rannte er zurück, kein Rufen erreichte ihn mehr. Josef wendete sich ärgerlich: er hätte Bräuer doch noch einmal fragen können, ob er hier auch auf dem richtigen Wege war?
Wie eine Wand hatte es sich plötzlich zwischen ihn und die Strafkolonie geschoben. Grau, dick. Das war nicht Nacht, das war ein dichter Sack, der sich einem urplötzlich über den Kopf stülpte.
Sollte das etwa Nebel sein? Venn-Nebel? Josef hatte schon oft davon erzählen hören. Ei, das war ja ganz interessant, den einmal mitzumachen! In London hatte er oft Nebel erlebt – nun, schlimmer war der berüchtigte Londoner Nebel nicht, wie dieser hier! Pfui, wie sich einem der schwere Dunst auf Hals und Brust legte!
Er nieste und hustete und knöpfte dann seinen Überzieher fester zu; im Haus hatte er ihn aufgerissen gehabt in seiner Beklommenheit. Nun fror ihn, obgleich es gar nicht mehr kalt war. Kein Lüftchen regte sich, es war ganz still geworden, und trotzdem durchschauerte es ihn bis ins Mark. Kältende Tropfen hingen an Schnurrbart und Wimpern; das ganze Gesicht wurde feucht. Nur rasch nach Haus, es war zu unlustig, um spazieren zu gehen!
Er rannte wie toll. Aber als er hundert Meter gelaufen war, stand er plötzlich still: ging er denn auch richtig? Nur nicht die Richtung verlieren! ›Immer mit die Ruhe‹, wie Heinrich sagte. Er ging langsamer. Er strengte die Augen an: endlich mußte doch einmal ein Ausblick kommen, irgend einen Ritz mußte dieser Sack doch haben. Nur ein Auslug, und man wußte gleich wieder, wo man war.
Er ging und ging. Aber der Auslug kam nicht, der graue Sack wurde immer dicker. Und enger; gleichsam, als würde er einem über dem Kopf fest zusammengezogen. Er ging rascher. Er fühlte, daß er aufgeregt wurde. Ganz niederträchtig, hier so herumrennen zu müssen! Sein Herz klopfte. Hoffentlich war es nicht mehr weit bis zur Fangeuse! Aha, da schien ja jemand gegangen zu sein. Nun immer ruhig den Fußtapfen nach, sie nur nicht verlieren, dann kam man schon an ein Haus, an irgend einen bewohnten Ort, wenn’s auch, schlimmstenfalls, nicht die Fangeuse war.
Er bückte den Kopf nieder und ging wie ein Spürhund der Fährte nach. Noch immer Fußstapfen, noch immer. Bauerntappen waren das nicht. Merkwürdig, wie seine Füße gerade da hineinpaßten – der rechte Fuß, der linke Fuß – keine nägelbeschlagene Sohlen! Er zuckte plötzlich zusammen und stieß einen Ausruf des Ärgers und der Verwunderung aus: was machte er denn, rannte er denn auf der eigenen Fährte herum wie ein Verrückter?! Er wollte lachen, aber er konnte nicht.
»He! Holla! Ho–ho–o–oh!«
›He–holla–ho–ho–o–oh!‹ äffte ihm irgend etwas nach.
War hier ein Echo? Scheu blickte er sich um.
»He, he! Hört denn niemand?!«
›Niemand!‹
Seine Stimme klang nur schwach im dicken Nebel; der dämpfte jeden Schall. Er wischte sich über die Stirn; schon fing er an zu schwitzen, die Anstrengung war groß, er wurde müde. Unter seinen Sohlen ballte sich der Schnee, hing sich an die Absätze in Klumpen; je schwerfälliger er zutrat in seiner Müdigkeit, desto lästiger klebten die Klumpen an. Schwer stützte er sich auf seinen Stock. – – – – – –
Josef rief nicht mehr. Wer sollte ihm hier auch helfen? Hier mußte man sich selber zu helfen suchen, wenn man nicht, wie die Bäreb, an einen Schutzengel glaubte. Überall Fußtapfen, überall Fußtapfen. Aber er war nicht mehr sicher, ob es nur die seinen waren; sie waren teilweise verwischt, auseinandergetreten im Schnee. Und es war zu wenig licht, um deutlich zu sehen. Mit beiden Händen faßte er seinen Stock und trieb ihn tief hinein in den Schnee: daran würde er’s merken, wenn er wieder an denselben Platz zurückkehrte. Ob er etwa in die Runde lief, immer auf den eigenen Fußtapfen herum die ganze Zeit?!
Es wurde ihm schwer, den Stock zu entbehren, seine müden Füße glitschten hin und her; es kostete ihn jedesmal eine Anstrengung, sie zu heben, die Kniee waren steif. Aber er wankte weiter. Weiter mußte er, er konnte sich doch nicht hinlegen hier. Nicht einmal hinsetzen. Die größte Lust hatte er freilich dazu, er war so müde, und die grenzenlose Stille des Nebels schläferte unwiderstehlich ein. Wenn er sich nun hier hinlegen würde und einschlafen? Dann würde er nicht mehr aufwachen – es wäre der sanfteste Tod! Einen Augenblick kam ihm dieser Gedanke, trotz aller augenblicklichen Not. Nur immer weiter, weiter, so leicht gibt man das Leben denn doch nicht auf.
Nun lief er, so rasch er konnte. Wie lange mochte er schon unterwegs sein? Es war Mittagszeit gewesen, als er in der Strafkolonie eingetroffen war; eine Stunde mußte seither wohl vergangen sein. Er sah nach der Uhr und starrte erschrocken – drei?! Er hielt sie sich ans Ohr, er rüttelte sie. Sie ging wie immer, gleichmäßig mit leisem Tick, tick. Um himmelswillen, drei Stunden war er seither schon umhergeirrt? Jetzt fühlte er erst ganz die Müdigkeit. Sie war lähmend. Wenn er nun nicht mehr weiter konnte, wenn er hier im Nebel sich nicht bald zurechtfand, was dann?! All das fiel ihm ein, was Bäreb erzählt hatte.
Überall, rechts und links, vor ihm, hinter ihm, tauchten Kreuze auf. Er wußte, das war nur eine Halluzination, hier waren keine; aber er sah sie so deutlich, als ständen sie da, schwarz und verwittert, denen zum Gedächtnis, die im Schnee erfroren, die im Nebel verirrt waren.
Große Schweißtropfen rannen ihm von der Stirn, vom Kinn, und fielen nieder in den Schnee. Noch ein paar Stunden, und es war vorbei. In der Abenddämmerung ging kein Mensch mehr durchs Venn. Hoffentlich traf er jetzt noch einen Grenzjäger an, ihr Dienst trieb die ja umher bei allem Wetter! Mit geschärftem Ohr lauschte er: war da nichts zu hören? Aber er hörte kein Klirren von Sporen, kein Traben eines Pferdes, kein ›Wer da!‹ Gar nichts. Nichts.
Eine grauenhafte Stille umfing ihn. Erst war er aufgeregt gewesen im Gedanken, so spät nach Hause zu kommen – Bäreb würde sich ja um ihn ängstigen – aber nun kam ihm eine größere Angst. Sie überfiel ihn plötzlich wie eine Pantherkatze in jähem Sprung. Sie saß ihm im Nacken, er konnte sich ihrer nicht mehr erwehren, er wurde sie nicht los, so sehr er auch rannte. Das Klopfen seines Herzens war zum Hämmern geworden. Poch, poch – wie das gegen die Rippen anstieß, als wollte es sie eindrücken. Es stach ihm im Rücken bei jedem Atemzug. Jetzt mußte er langsamer gehen, so rasch ging es nicht mehr weiter. Er stand still, die Hand gegen das klopfende Herz gestemmt. Mit wirren Blicken sah er sich um.
Er war in seinem Leben schon in allerlei gefährlichen Lagen gewesen, viel gefährlicheren als heut: in einem furchtbaren Sturm auf der Überfahrt nach Amerika und bei einem Zusammenstoß von zwei Eisenbahnzügen – die Passagiere waren schreiend durcheinandergerannt, die Verwundeten hatten gewinselt und gestöhnt, er war ruhig geblieben. Hier wurde es ihm schwer, die Fassung zu bewahren. So allein, so mutterseelenallein. Und so gar nichts sehen können, keine zehn Schritt vor sich! Das war entsetzlich.
Er stieß einen furchtbaren Schrei aus – er war gegen etwas gerannt, sein Fuß strauchelte – er packte zu: es war sein Stock! Sein Stock, den er hier in den Schnee gerammt hatte. Bei ihm war er nun wieder angelangt. Also abermals in die Runde gelaufen?!
Er schlug sich vor die Stirn: warum tat er das, warum ging er denn nicht nach rechts oder links? Er riß den tief eingebohrten Stock aus dem Schnee heraus und stapfte nach links. Aber dann hielt er auf einmal an: was nützte es, er kam ja doch nie, nie wieder hier heraus! Warum noch die letzte Kraft erschöpfen? Besser stehen bleiben und warten, bis der Nebel sich gelichtet hatte; der mußte sich wenigstens doch etwas heben. Regungslos stand er, auf den Stock gestützt; ohne ihn wäre er umgesunken. Die Überanstrengung verursachte ihm Schwindel; im grauen Nebel tanzten rote Punkte, sie wurden größer und größer, wurden zu rasch sich drehenden Kreisen. In seinen Schläfen stach es, der Boden, auf dem er stand, schwankte wie ein Schiff; ächzend schloß er die Augen. O, wie würde sie jammern, wenn er nicht wiederkam! Ob sie nicht hinauslief, um ihn zu suchen?!
»Bäreb, Bäreb!«
Gellend war der Ruf der Brust entwichen. Er schrie den Namen des Mädchens mit aller Anstrengung von Hals und Lunge. Aber nichts war in diesem Ruf zu hören von der Angst, von der Verzweiflung, von der Sehnsucht, die ihn herausgepreßt hatte; er klang matt und zahm. Die Stille war zu groß. Sie hatte, ohne den Mund aufzutun, eine viel gewaltigere Stimme, und die gebot: ›Schweig!‹ Der Mensch verstummte.
Josef riß die Uhr aus der Tasche. Vier Uhr! Wieder eine Stunde vorbei. Nun war er sieben Stunden von Hause fort. Bald kam die Nacht. Er stand und zitterte und rührte sich nicht mehr vom Platz, nur daß er zuweilen die Füße aufstampfte und die Arme umeinanderschlug, um nicht ganz zu verklammen. Durch seinen Kopf rasten die Gedanken; er wußte selbst nicht, was er eigentlich dachte, ihm war dumpf und wirr im Gehirn. Die Hoffnung, einem Grenzjäger zu begegnen, hatte er längst aufgegeben; die saßen bei dem Nebel auch in einem Unterschlupf. Niemand war im Venn, als er und die Kreuze der Toten.
Er sah wieder nach der Uhr. Er mußte sie sich dicht vor die Augen halten, selbst so war’s kaum möglich mehr, sie zu erkennen. Halb fünf! Die Kniee drohten unter ihm einzubrechen. Wenn jetzt nicht ein Wunder geschah, dann – –
Horch, war das nicht ein Glöckchen?! Es klang so.
Klingelingeling!
Ein blechernes Anschlagen wie von den Schellchen, die die Pferde vorm Schlitten tragen.
Er schrie nicht, er rief nicht Hilfe, der Mund war ihm wie zugehalten; aber er wandte sich jetzt nach der Richtung des Klingelns. Er rannte, er stürzte, er sank tief ein in den Schnee, er raffte sich wieder auf, rannte wieder aufs neue – immer das leise Klingelingeling – jetzt ward es schon stärker – jetzt noch stärker – jetzt ganz deutlich: Klingelingeling!
»Halt!« Mit einem Schrei stürzte der Verirrte vorwärts und fiel der Länge lang dem Karrengaul vor die Füße. Der blieb stehen.
Der Mann, der heute vormittag endlich den ersehnten Proviant nach der Fangeuse heraufgeschafft hatte und jetzt auf der Rückfahrt begriffen war, sich ganz auf den Instinkt seines Pferdes verlassend, lud den Herrn auf seinen Schlitten und wendete noch einmal um.
XV
Über die sturmgepeitschte Fläche rannte das Mädchen. Der Schnee war nicht mehr körnig wie eisiger Sand, er war weich geworden und ließ sich zusammentreten; aber schwer war trotzdem das Weiterkommen. Erst recht schwer. Bärebs Brust keuchte, sie mußte sich stemmen gegen den starken Wind, der sie umwerfen wollte, und wütend, daß ihm das nicht gelang, an ihren Röcken zerrte, um sie in Fetzen zu zerstückeln. Das Kopftuch riß er ihr herunter, fast schmerzhaft peitschte es ihr den Nacken; die Haarsträhnen schlugen ihr ums Gesicht. Weit war es, sehr weit bis Heckenbroich, aber sie mußte hin. Der Tünnes würde dann schon rasch hinunterlaufen zur Stadt, zum Doktor, zum Apotheker – ihr Herr war krank, Jesus Maria!
Aus tränengefüllten Augen schickte Bäreb einen flehenden Blick gen Himmel. Die ganze Nacht, nachdem er heimgekehrt war, hatte der Herr im Fieber gelegen, er sprach irre, er erkannte sie nicht. Und heute Nacht war ihm wieder so heiß gewesen, daß sie ihm alle Augenblicke zu trinken geben mußte. Eiskaltes Wasser war noch nicht eiskalt genug. Und er füllte sich so schwach, so krank, daß er nicht aufstehen konnte.
Jetzt schlief er. Jetzt konnte sie die Zeit benutzen: der Doktor mußte zu ihm kommen. Der Tee, den sie zu kochen verstand, der nutzte dem Herren nichts. Ob es schlimm mit ihm war? Er hatte sich das Blut verkühlt, das war sicher; ganz matt hatte ihn ja der Knecht zur Fangeuse gebracht, wie ein Toter lag er auf dem Wagen, kaum, daß er hatte sagen können: ›Bäreb, da bin ich noch einmal wieder!‹ Gelächelt hatte er freilich dazu; aber sie mußte weinen, wenn sie an dies Lächeln dachte. Alles hatte sie getan, was sie tun konnte, um ihn zu erwärmen; hatte seine Füße gerieben, ihren warmen Atem in seine Hände gepustet – es hatte alles nichts genutzt. Noch im Bett hatte er mit den Zähnen geklappert, so lange, bis die flammende Hitze kam. Ach, daß sie dem Mann doch Auftrag gegeben hätte, den Doktor heraufzuschicken – aber wer konnte gleich ahnen, daß es so schlimm werden würde mit ihm! Ihr Herr, ihr lieber, guter Herr.
Es war Bäreb einen Augenblick, als hätte sie noch nie jemanden so lieb gehabt, nicht einmal Vater und Mutter. Mit Ungestüm warf sie sich dem Wind entgegen. Nein, sie kehrte nicht um, sie mußte durch! Eine Schneegrube kam ihr in die Quere, dort ein aufgewehter Wall, sie übersprang beides.
Es war ein harter Weg, eine mächtige Anstrengung. Der Schweiß troff ihr vom Leibe, laut keuchend hob und senkte sich ihre Brust, ihre Pulse klopften; es war ihr, als könne sie die Füße nicht mehr heben. Aber sie mußte, sie wollte voran. So war es ihr gewesen, damals – ach, damals zu Echternach! Aber jetzt war keine Musik dabei, keine anfeuernde, lockende, beschwörende Melodie.
Warum ihr nur heute auf diesem Wege Echternach einfiel? Es war doch gar keine Ähnlichkeit zwischen hier und dort!
Eine glühende Röte wie eine Flamme schoß ihr plötzlich übers ganze Gesicht; ihr Blick wurde unsicher, sie senkte den Kopf gleich einer Schuldbewußten und blieb zögernd stehen. Aber nur einen Augenblick, dann bewegten ihre Lippen sich murmelnd, sie bekreuzte sich andächtig: der heilige Willibrord war trotzdem ein mächtiger Fürsprecher für sie im Himmel gewesen. »Heiliger Willibrord, bitt für uns, wir bitten dich, heiliger Willibrord, erhöre uns!« Sie fing laut an zu beten.
* * * * *
Viele Tage hatte Josef im Fieber gelegen; es war eine böse Erkältung. ›Knapp an einer Lungenentzündung vorbei,‹ sagte der Doktor. Auch den Kreisphysikus schickte Heinrich noch herauf, es sollte dem Vetter nicht an ärztlicher Behandlung fehlen. Er war sehr besorgt, wenn er auch am Krankenbett polterte und wetterte: das kam von solch verrückten Ideen! Er fühlte sich selber auch schuldig dabei: wie hatte er nur zugeben können, daß der Josef mit seiner schwachen Konstitution einen Winter auf der Fangeuse zubrachte?! Am liebsten hätte er den Kranken in Decken gepackt und sofort herunter geschafft. Aber das ging nicht an. Bis zur Fangeuse konnte man nicht mit dem Federwagen fahren, und den Patienten per Karren herunter zu befördern, dem widersetzte sich der Arzt.
Auch Josef widersetzte sich. Nach Fieberwochen und hochgradiger Erregung war eine sanfte Ruhe über ihn gekommen. Er glaubte sich nie mehr einer Aufwallung fähig. Er fühlte sich jetzt wohl hier, so wohl unter diesen braunen Arbeitshänden, die feiner geworden waren in der Winterrast und weicher in seiner Pflege.
Sie war den ganzen Tag um ihn. Draußen gab es so gut wie nichts zu tun, und es kam viel öfter ein Bote herauf, der ihnen alles brachte, was sie bedurften; dafür sorgte schon Heinrich Schmölder, daß sein Vetter nicht Mangel an irgend etwas hatte.
Der Arzt hatte vorläufig seine Besuche eingestellt. Man würde ja sehen, was mit der Zeit nötig tat, vor der Hand nur nicht aus der Stube heraus, und Ruhe, geistige und körperliche Ruhe!
Die hatte er. Um sie schwamm das Venn. Sie saßen wie auf einer Insel. Alles das, was vordem gefroren gewesen, war jetzt aufgetaut; all die Moorlöcher und Torfgruben hatten ihr Maul aufgetan und zeigten zwischen schmutzigen Schneerändern ihren schwarzen Schlund. Jetzt war es am unsichersten im Venn, jetzt am allerschlechtesten zu gehen; man wußte nie, ob unterm nachgebenden Schnee nicht ein Sumpfloch lauerte.
Scharfe Februarsonne hatte um die Mittagsstunde mit spitzer Zunge gestochen und gestöbert; der Schnee war noch nicht ganz fort – die Lasten waren zu groß gewesen – aber schon zeigte sich unterm Scharren des Wildes moosiges Grün. Die Tage waren länger. Mit mißtönendem Schrei segelten Wildvögel über die Fangeuse. Josef hörte sie und rückte sich bequemer in seinem Sessel. Was kümmerte es ihn, was draußen war? Ob Grau und Grausen, um ihn war Friede und auch Friede in ihm.
In der wohligen Ermattung des Genesenden betrachtete er Bäreb: ein liebes Mädchen, ein treues Geschöpf! Aber kein Wunsch war in ihm. Wer dem Tod so nahe ins Auge geschaut hatte wie er, dem blieben solche Wünsche für alle Mal fern. Oft nahm er ihre Hand, wenn sie ihm etwas reichte, in die seine, ohne daß sein Puls darum rascher klopfte; oft ruhte ihr Kopf fast auf seinem Schoß, wenn sie sich tief vor ihm niederbückte, um ihm die Decke an den Füßen einzustopfen. Er fühlte es dann mit Genugtuung: er spürte kein Verlangen mehr. Träumerisch lächelte er wie bei etwas längst Überwundenem.
Nur als Bäreb am Sonntag herunterpatschte zur Messe – sie hatte fast mehr Verlangen nach der Kirche als nach den Ihren – fühlte er etwas wie einen eifersüchtigen Stich. Und die Zeit wurde ihm lang, bis sie wiederkehrte. Sehr lang.
Dafür wußte sie dann aber auch viel zu erzählen. O, unten begann schon der März sich zu rühren, die Hecken zeigten, daß Leben in ihnen war! Die Hühner fingen an zu legen, und von der Maiblum hofften sie, daß sie wieder kalben würde in diesem Jahre. Die Mutter war gesund, die Geschwister waren sehr gewachsen, das Kathrinchen hatte ein Kleid gekriegt von der Frau Bürgermeister, darin sah sie aus – o, so fein! Der Rock war schon lang, es war darin bald wie ein erwachsen Mädchen. Und Bauer Adams hatte sie schon im voraus gedungen; sie würde wieder hüten gehen für ihn, wenn es an der Zeit war. Jetzt ging sie freilich nur aufs Venn, um an den sonnigsten Stellen, bei der Marienley, nach den gelben Blumen zu suchen, die bereits aus dem getauten Schnee zu sprossen anfingen. Die ging sie dann verkaufen herunter nach der Stadt. O ja, das Kathrinchen war fleißig! Die ältere Schwester war ordentlich stolz auf die Kleine. Wenn die erst in die Fabrik ging und in Akkord arbeitete, die verdiente tüchtig was!
Es durchzuckte Josef. Die Augen schließend, winkte er abwehrend mit der Hand: er mochte nicht von der Fabrik hören. Wie sollte das werden, wenn er nicht mehr hier oben war?! Würde Bäreb dann auch wieder in die Fabrik gehen müssen?
Sie plauderte, sein verfinstertes Gesicht nicht beachtend, eifrig fort. Auf dem Platz waren auch schon wieder Soldaten eingerückt. Und an der Strafkolonie waren sie auch wieder am Bauen, das Dach war aufgeflogen, sie deckten es neu. Viele waren draußen mit Karren und Schaufeln und Pflug und Egge. Lustig hatte es ausgesehen, als ihrer zwei sich vorgespannt hatten vor den Pflug, und die anderen sie angetrieben hatten mit Hott und Hüh.
Also wieder das alte Lied?! Josefs Stirn verfinsterte sich immer mehr. Ein rundes Jahr war herum, ein ganzes volles Jahr – schon wollten die gelben Narzissen, die Märzbecher im Venn, wieder anfangen zu blühen – und war man weiter gekommen in all dieser Zeit? Es war alles noch beim alten, beim gleichen – Fabrik, Strafkolonie, Truppenübungsplatz – und es würde auch lange noch so bleiben! Er stieß einen Seufzer aus. Und hatte =er= denn etwas vor sich gebracht? Nichts, gar nichts; nur vage Wünsche, Hoffnungen, Verbesserungen ins Blaue hinein!
Er fragte nach Leykuhlen. Was machte der Bürgermeister, warum war er während seiner Krankheit denn gar nicht einmal zu ihm heraufgekommen?
»O, oß Burjermeester läßt Uech villmals jrüße,« sagte Bäreb rasch, rot werdend ob ihrer Vergeßlichkeit. »He wor in der Kerch. De Leut saone, de könt nu no Berlin, de wird siehr jruß on hat vill zu saone!«
So, – sehr groß – viel zu sagen! Josef lächelte in sich hinein, die Bäreb war gar so wichtig. Und dann wurde sein Gesicht wieder ernst: wäre es denn gut, wenn der so viel zu sagen hätte, wie die Leute meinten? Wer weiß! Josef zuckte die Achseln. Er ärgerte sich über sich selber. War er denn so nüchtern geworden, daß er nichts mehr von dem Begeisterungsrausch wiederfinden konnte, der ihm vormals Kopf und Herz warm gemacht hatte? ›Verbohrt‹, ›zu bigott‹ – so sagte der Landrat. War denn Leykuhlen wirklich so bigott?!
Er hatte früher nie darüber nachgedacht. –
* * * * *