Part 21
Also die Brunnen waren doch gut?! An denen hatte es nicht gelegen, daß der Mechernich und der Peter krank geworden waren. Venn-Wasser hatten sie getrunken, von dem rostigbraunen, mit Schaumblasen bedeckten, das oben in den Gräben steht, und vor dem man oft, sehr oft schon, ernstlich gewarnt worden war. Ei, wer nicht hören will, muß fühlen. Recht war ihnen eigentlich geschehen, ganz recht, warum hörten sie nicht auf das, was ihnen gesagt wurde?! Aber dem Leykuhlen war Unrecht geschehen. Wahrhaftig. Die Brunnen waren doch gut – gutes, reines, gesundes Wasser! Sie fühlten alle Scham. Wozu denn auch eine Wasserleitung?! Das Geld für die brauchte man wahrlich nicht herauszuschmeißen, wenn man selber so gute Brunnen im Dorfe hatte! Ein befreiendes Lachen ging durch Heckenbroich.
Als die Bürgermeisterin am Nachmittag aus der Vesper kam, fühlte sie, wie schnell sich die allgemeine Gesinnung geändert hatte. Die Grüße waren ehrerbietig, fast ehrfurchtsvoll. Wieder streiften sie viele Blicke, aber jetzt waren sie nicht unfreundlich, wie am Vormittag, es war wieder etwas von der alten vertraulichen Zuneigung in ihnen. Noch steckte in der Kirche die ganze Schwüle, die der Vormittags-Gottesdienst mit seiner Überfüllung darin zurückgelassen, aber man hatte sie jetzt nicht mehr in ihrer ganzen Unerträglichkeit empfunden. Ein befreiender Windstoß war in die bange Schwüle gefahren: die Brunnen waren gut, das Wasser von Heckenbroich war gesund, der Bürgermeister hatte doch recht getan, wer da von Wasserleitung noch redete, sprach dummes Zeug!
Es war ein Sonntagnachmittag, wie ein solcher lange nicht zu Heckenbroich gewesen war. Die Bauern schritten wieder ihre Weiden ab; sie hatten bisher nicht den Mut dazu gefunden. Am Ende stand’s doch nicht ganz so schlimm, wer weiß, wenn man jetzt bald Regen bekam, schlugen die verdorrten Wurzeln doch noch einmal aus. Die Witwe Höfen trieb sogar ihre Kuh auf ihr Stückchen Grasland, und das Tier fand doch noch ein Hälmchen zum Rupfen. Viele prüfende und sehnsüchtige Blicke richteten sich zum Himmel auf; alle Wetterkundigen ließen sich vernehmen. Aber noch war kein Regen in Sicht; wenn der kommen wollte, wehte der Wind ganz wo anders her, und dann stand das Kreuz der Marienley nicht so fern in goldigem Blinken, dann ragte es nah, zum Greifen nah, hob sich schwer aus den blauschwarzen Tannen auf einem weißwolkigen, unruhigen Hintergrund. Noch war nicht an Regen zu denken.
Wie immer versank die Sonne flammend im roten Venn, der Himmel glühte bis zum fernsten Streifen mit Rosen- und Goldgewinden. Purpurne Dämmerung sank nieder auf Heckenbroich.
Es kam die Nacht, heiß, unerquicklich, heute vielleicht noch dunstiger als all die Nächte vorher. Die Ferne blinkte nicht so golden, sie war mit einem grauen Hauch überzogen.
Und doch schliefen die Leute von Heckenbroich. Eine Ermattung war übers Dorf gekommen, die Ermattung der Beruhigung: wenigstens das Wasser war gesund, wenigstens die Brunnen waren tauglich!
Auch Leykuhlen schlief, nach vielen schlaflosen Nächten von einer tiefen Ermüdung befallen. Als Mariechen das Licht ausblies, hatte er noch mit ihr sprechen wollen, aber die Worte verloren sich ihm.
Es war ein köstlicher Traum, der seine Gedanken verwirrte – ah, wie es rauschte, so sanft und lind! Himmlische Musik! Es rauschte, als wollte es regnen. Er schlief, erquicklich wie lange nicht, von feuchtkühlenden Lüften bestrichen; vom gleichmäßigen Rauschen war sein Ohr umschmeichelt. Er lag und atmete tief und gleichmäßig, die Stirn glatt und erhellt im beglückenden Traum. Er hörte nichts vom hellen Ausruf seiner Frau; erst als sie ihn kräftig rüttelte, wachte er auf. War es schon Morgen?!
»Bärtes, et regent! Hör, wie et am Regnen is!«
Da war er mit gleichen Füßen auch schon aus dem Bett. Das war kein Traum. Es rauschte nicht nur in den Lüften, als wollte es regnen, nein, es regnete wirklich schon rauschend nieder in gleichmäßig-eindringlichem Fluß. Kein Donner und Blitz, kein plötzlicher Guß, der rasch wieder aufhört, wie er gekommen: das war Landregen. Der Himmel ohne Licht, alle Sterne verkrochen. Regen, Regen, Erlösung, Segen!
Beide Arme in den Regen hinausstreckend, gab der Mann seine offene Brust den schweren Tropfen und den kühlenden Lüften preis. Was nutzte alle Wetterkunde? Die Wetterkundigen hatten noch lange keinen Regen prophezeit, und nun war er doch da, ungeahnt gekommen über Nacht, weil er, der die Wolken macht zu seinem Wagen und dahinfährt auf den Flügeln der Winde, weil er geboten hatte, und siehe, es geschah!
Leykuhlens Blick flog hinüber zu den dunklen Umrissen der Kirche. Schimmerte da nicht schon ein Glanz? Nein, es war nur das Dämmern der ewigen Lampe, die rötlich durchs schwarze Fensterglas glimmte!
Er fuhr in die Kleider. Auf der Straße war es schon lebendig. Das war ein Geschwatz und Gelächter, ein Rufen und Laufen, ein Rappeln, ein Schleppen mit Kübeln und Fässern im Morgengrauen. Die Leute fingen den Regen auf. Nur notdürftig waren sie bekleidet, aber mit Wonne ließen sich Männer und Weiber naß regnen bis auf die Haut. Das war ein Genuß. So hell hatten die Stimmen lange nicht geklungen. Man patschte durch die dunklen Regenpfützen, man öffnete die Stalltüren, ließ auch dem Vieh einen Mund voll der köstlichen Luft zukommen; trat einer in eine der Pfützen, die sich mit Zauberschnelle gesammelt hatten, so daß sie hoch aufspritzte, wurde sein Gelächter erst recht hell.
Ein Bann war gelöst. Die Dürre, die so lange Zeit mit eisernem Reifen Land und Leute umspannt hatte, war gewichen. Wie befreit dehnte sich die Brust und das Herz in ihr. Es regnete, es regnete!
Als Leykuhlen hinter seiner Hecke hervortrat, bemerkten sie ihn gleich: de Burjermeester, de Burjermeester! Sie umringten ihn. »Et räent, Hähr Burjermeester, et räent jo! Dat is jot!« In den rauhen Stimmen war’s wie ein Jauchzen. Sie begrüßten ihn, sie machten sich an ihn heran; die Männer schüttelten ihm die Hände, die Weiber schwatzten auf ihn ein, es war ihnen allen die Zunge gelöst. Daß sie ihm noch am gestrigen Tage ernstlich gegrollt hatten, das wußte kein Mensch mehr. Sie sahen ihn an, als sei er der, der den Regen gemacht hatte.
Leykuhlen stand unbedeckten Hauptes inmitten seiner Getreuen. Der Regenwind schnob daher und spielte mit seinen Haaren. Es überrieselte ihn, er empfand die Kühle wie einen heiligen Schauer. Sein Herz war übervoll einer gewaltigen Freude: da war ja der Regen! Und das Zeichen, das er begehrt hatte! Über ihn rann der Guß und badete ihm Gesicht und Seele. Er mußte an sich halten, seine Würde wahren, sonst hätte er laut herausgeschrieen wie ein Knabe, in höchstem Jubel: die Brunnen waren doch gut, und er hatte doch recht getan! Gott sei Dank! Er neigte die Stirn, die der Regen wusch; er fühlte den Finger Gottes.
Zur Kirche! Schon läutete es zur Messe. Die Fenster wurden helle vom ersten scheuen Morgenschein, der das feuchtdampfende Land, die triefenden Hecken, die getränkten Matten nun noch deutlicher zeigte. Wie mit freundlichen Augen lugte die Kirche von Heckenbroich; ihre Türen öffneten sich weit. Es eilten die Männer, die Frauen, die Alten und die Jungen, das ganze Dorf strömte herbei.
Weit ins morgendämmernde Land hinaus durchs offengebliebene Portal brauste Orgelklang. Der Bürgermeister hatte nicht erst beim Pastor angefragt, eigenmächtig hatte er den Lehrer auf den Chor hinaufbeordert, der Bälgetreter mußte eilends herbei, nun hieß es, alle Register gezogen. Es rauschte und brauste mit Jubelgetön: Gott den Dank, allen Heiligen den Preis. Der Bürgermeister selber mit all seiner Lungenkraft intonierte das _Te deum laudamus_:
»Großer Gott wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke!«
* * * * *
Bürgermeister Leykuhlen hatte immer ein gutes Ansehen in Heckenbroich und Umgebung genossen, aus der ganzen Gegend kam man zu ihm sich Rat holen, aus der Kreisstadt sowohl als aus dem entlegensten Venndorf. Aber nun war es doch noch anders geworden. Er war in den Augen der Leute noch gewachsen. Man hätte sich kaum mehr getraut, etwas zu tun, ohne ihn zu befragen; er war der Klügste und ein gottesfürchtiger Mann dazu. Die Mützen flogen von den Köpfen.
›Der König von Heckenbroich!‹ Das hatte der Tierarzt mit einem gewissen Spott aufgebracht, und andere sprachen es nach. Der Landrat nicht ohne Ärger. Da war er mit all seinem Eifer, mit all seinem guten Willen und seiner Betriebsamkeit, mit der Vielseitigkeit seiner Interessen nicht halb so weit gekommen, wie dieser Bauernbürgermeister mit seiner Einseitigkeit. Weiß Gott, wenn’s wieder zu den Wahlen kam, stellten sie ihn noch als Abgeordneten für den Kreis auf! »Da sei Gott vor!« schrie Dreiborn in einem Entsetzen, das so komisch war, daß seine Zuhörer lachten. Aber ihm selber war’s nicht komisch, ihm war ernst dabei zu Mut, traurig sogar. Er hatte doch auch das Land lieb, auf seine Weise. Wenn doch einer käme, der den Leuten ein Licht aufsteckte! So geriet man ja immer tiefer ins Mittelalter hinein! Er pustete und wurde rot und röter, wenn er von dem Bauernbürgermeister hören mußte; und doch konnte er dem Mann eine gewisse Anerkennung nicht versagen: der Pfaffenknecht tat auf seine Weise das Beste – aber eben auf =seine= Weise!
Leykuhlen hatte keine Ahnung davon, daß in der Kreisstadt viel über ihn gesprochen wurde. Das _Te Deum_, das er so ganz aus eigener Machtvollkommenheit nach Anbruch des großen Regens in der Kirche von Heckenbroich hatte singen lassen, konnte nicht unbesprochen bleiben. So etwas war noch nicht dagewesen. Aber nur wenigen war es ein ärgerlicher Anstoß, die meisten standen ihm voller Sympathie gegenüber.
Auch Heinrich Schmölder erzählte davon zu Hause. Ihm war es im Grunde ganz gleichgültig, er hatte den Kopf voll mit eigenen Angelegenheiten – sollte er Hedwigs Mitgift nicht lieber doch noch in Händen behalten und dem jungen Paar nur eine Rente geben? – aber Lenchen hatte so lange gespöttelt und gehetzt, bis auch er von ›Betbruder‹ sprach. Dem Gatten so wenig als möglich zu widersprechen, war einer der Grundsätze von Frau Schmölder; aber jetzt echauffierte sie sich doch: wie konnte Heinrich so etwas sagen?! Man hätte wirklich annehmen können, er wäre kein guter Christ, wenn man’s nicht besser wüßte. Und was sollte der Bräutigam davon denken, der mit am Tische saß?
Aber Scheffler lächelte nur verbindlich; er hatte kaum hingehört, was der Schwiegervater sagte, er tändelte mit der Braut. Hedwigs Hand in der seinen haltend, zog er ihr spielend den goldenen Reif vom Finger und schob ihn ihr wieder auf. Das war ihnen beiden sehr unterhaltsam.
Josef saß dabei und biß sich auf die Lippen; in seinem Gesicht vibrierte es nervös. Nun hielt er nicht mehr an sich; dies verliebte läppische Getändel alle und alle Tage mit anzusehen, das war zuviel. Gereizt fuhr er auf: »Leykuhlen ist durchaus kein Betbruder, und auch kein Pfaffenknecht, wie ihn gewisse Leute zu nennen belieben. Er ist ein Mann, ein ganzer Mann, der genau weiß, was er zu tun hat. Ich wollte, ich wäre so einer!«
»No, und wat dann?« fragte der Vetter mit seinem breiten Lächeln.
»Dann stünde ich auf und schöbe den Stuhl unter den Tisch: prost Mahlzeit,« stieß der andere heftig heraus. Er sprang auf. »Ihr habt ja gar keine Ahnung von Größe; keinen Schimmer! Wenn ihr nur eueren guten Tag lebt, damit basta. Aber der Mann da oben, der hat selbstlose Ideen. Der ist wohl auch der Berufene, der Einzige vielleicht, der geeignet ist, Kreis und Land zu vertreten. Klug, kräftig, männlich, geradezu, unerschrocken –«
»Und dazu noch en jute Portion Selbstbewußtsein,« setzte, halb tadelnd, halb anerkennend, der Fabrikant hinzu. »Kreisphysikus und Landrat können ein Lied davon singen. Haha!« Er amüsierte sich noch in der Erinnerung; er hatte gehört, wie Leykuhlen denen gegenübergetreten war.
Josef schob seinen Stuhl unter den Tisch. »Gesegnete Mahlzeit,« sagte er kurz. Seiner Cousine nickte er zu: »Dein Diner war sehr gut, Sophie, ausgezeichnet wie immer; danke. Aber ich äße lieber Brot und Kartoffeln oben auf der Fangeuse!« Und damit ging er zur Tür hinaus.
»Was hat er denn nun schon wieder?« fragte Frau Schmölder ganz erschrocken. »Rebhühner ißt er doch sonst so gern. Er war ja so ungemütlich!«
»Verrückt,« sagte Heinrich, zuckte die Achseln und lachte hinter dem Vetter drein. Er nahm Josef jetzt nur mehr komisch: was sollte er sich denn noch über den ärgern?!
Dann sprachen sie von etwas anderem. Es war so selbstverständlich, daß das junge Paar die neuen Reitpferde, die Egon sich als demnächstiger Hauptmann anschaffen würde, auch einfahren ließ. Nur in welcher Farbe der Wagen ausgeschlagen werden sollte, oder ob ein Selbstfahrer eleganter wäre, darüber war man sich noch nicht einig.
Josef stürmte hinaus. Er war ingrimmig, alles widerte ihn an; und doch sagte ihm der eigene Verstand, daß er eigentlich gar keine Berechtigung habe, so aufgebracht zu sein, kein Mensch hatte ihm ja etwas getan. Aber er konnte sein Gleichgewicht nicht wiederfinden, wie sehr er auch bergauf und bergab rannte. Wo sollte er hin? Einen Augenblick dachte er an Leykuhlen, Frau Mariechen hatte etwas so Beruhigendes; aber er schämte sich, dem Freund in dieser Verfassung unter die Augen zu treten. Bärtes war so ruhig, so gleichmäßig, ein so ganz in sich gefestigter Mensch; was sollte er wohl bei diesem, er, der heute noch, den Fünfzigen nicht allzu fern, wie einer von achtzehn war?!
Er spazierte ziellos umher den ganzen Nachmittag, lief in sich gekehrt, mit gerunzelter Stirn; schon war er todmüde, aber er mochte doch noch nicht zurückkehren. Endlich fand er sich, oberhalb der Au, am Fuß der großen Tanne, zwischen deren Wurzeln er einmal so sanft geruht hatte in einer Mondscheinnacht. Heute war noch Sommerabendsonne, die Landschaft nicht so traumhaft verklärt wie im Mondschein, auch nicht so poetisch; wirklicher, leibhaftiger, kräftiger in den Farben, aber doch auch schön und vor allem beruhigend. Die Stille tat ihm wohl. Seine Mißstimmung verlor sich im Anschauen der Landschaft. Dunkel, so dunkel der Tannenwald, saftgrün das Wiesental. Schon schwebte ein leiser, silberiger Duft über Grund und Hängen, der Hauch des Herbstes. Bald würden die wenigen Laubkronen, die zwischen den dunklen Tannen verstreut waren, sich rostbraun färben, und dann –?! Es packte ihn noch einmal wieder: Himmel, der Herbst so nahe, und noch einmal ein Winter da unten – entsetzlich! Er schüttelte sich.
Harte Tritte klapperten; der steinige Boden leitete den Schall weit. Da kamen sie herauf, die müden Arbeiterinnen, die, nun die Dampfpfeife gepfiffen und das Glöckchen oben im Türmchen der Fabrik gebimmelt hatte, matt und hungrig den Heimweg antraten. Arme Dinger! Er sah ihnen entgegen, wie sie den Fußpfad heraufstiegen, zu zweien und dreien nebeneinander die Breite des Pfades einnehmend; alle trugen ein Körbchen am Arm, alle neigten die glattgestrählten Köpfe nieder auf das Strickzeug, dessen grobe Nadeln in ihren Händen rasselten. Selbst jetzt noch fleißig! Er bewunderte sie. Sie sprachen mit einander, mitunter sagten auch ein paar das ›Gegrüßet seist du,‹ her. Als sie bei ihm vorüberkamen, sagte er ›Guten Abend‹. Sie stießen sich an und kicherten: der Herr, der da auf dem Boden lag und sie zuerst gegrüßt hatte, erregte ihre Heiterkeit. Sie beguckten ihn rasch von der Seite, und dann lachten sie noch im Weitergehen: der war ja närrisch!
Es war ihm peinlich. Warum lachten sie denn so? Dumme Dinger! Er sprang auf und kroch die Berglehne etwas höher hinan und lagerte sich dort hinter ein Brombeergestrüpp. Nun konnte er sehen, ohne selber gesehen zu werden. Ganz hübsche Mädchen, sahen nur alle älter aus, als sie wohl sein mochten! Der Schönheitskenner rümpfte die Nase. Aber da, da kam eine hintennach, die war wirklich noch hübsch, vollkommen hübsch! So taufrisch, gänzlich unberührt.
Es war Bäreb. Sie kam als allerletzte. Langsam, wie sehr müde, ging sie; ein großer Abstand blieb zwischen ihr und den übrigen Mädchen. Sie strickte auch nicht wie jene, sie betete auch nicht, obgleich sie die Hände vor sich gefaltet hielt. Ihr schwerer Blick starrte geradeaus, weit, weit weg in den dämmernden Abend.
»Hela!« Es reizte Josef, sie anzurufen.
Sie erschrak heftig. Als sie nach ihm hinsah, erkannte er sie: ah, dieses hübsche Mädchen war ja die Huesgen! Schon einmal hatte er sie so erschreckt, oben vor der Kirche – war er denn so schrecklich?! Schnell rutschte er den Hang hinunter und stand mit einem Scherzwort vor ihr. Sie sagte »Juten Abend«; er merkte, daß auch sie ihn erkannte, aber sie lächelte nicht. Ihr mattes Gelblich-weiß errötete nicht, sie sah an ihm vorbei mit einem verlorenen, traurigen Ausdruck.
Nun, die machte ja ein so unglückliches Gesicht? Warum denn? War ihr der Schatz untreu geworden? Er fragte es sie scherzend.
Da schoß ihr das Blut jäh ins blasse Gesicht, und seine Hand fortstoßend, die ihr unters Kinn greifen wollte, sagte sie hastig: »Ich han keene Schatz. Ich will ooch keene – oß Dores is duet – vürletzte Sonndag hammer hen bejrawe!« Sie hielt sich die Hände vors Gesicht und fing an, herzbrechend zu weinen.
Josef war betroffen. Also der kleine Dores war tot? Er erinnerte sich des Kindes noch ganz genau. Aber war das denn so ein Jammer um den blöden Knaben? Er wurde ganz verlegen bei ihren Tränen. Was sollte er sagen?
Sie hielt sich die harten braunen Finger vors Gesicht, und er sah die Tränen zwischen ihnen durchrinnen. Die mußte ein weiches und warmes Herz haben! Er begann, ihr freundlich zuzureden. Sie weinte in einem fort, sie hörte nicht auf das, was er ihr zum Trost sagte; aber als er sie nach der Wurzel der großen Tanne hinzog, die wie eine Bank, mit Moos gepolstert, herausstand, ließ sie sich willenlos ziehen.
Er sprach recht väterlich. Er war fast erstaunt, wie gut er das konnte. Im stillen machte er sich über sich lustig, aber zugleich rührte ihn dieses bitterliche Weinen, diese ganze Hilflosigkeit, die sich in der geknickten Mädchengestalt offenbarte. Und um den blöden Jungen weinte sie so? Oder war da noch ein anderer Kummer?!
Der leis-spöttelnde Zug, der seine Mundwinkel herabgezogen hatte, schwand; es war herzliches Mitgefühl in seinem Ton: »Warum weinst du denn so? Kannst du es nicht sagen?«
Da hob sie das verweinte Gesicht aus den Händen. Ein Blick traf ihn aus den dunklen Augen, vor dem er stutzte. »Nee,« stieß sie schluchzend hervor. Ihr blasses Gesicht wurde flammendrot bis unter das schwarze, an den Schläfen ein wenig wellige Haar. »Nee – ich kann et nit saone – nee!« Sie schüttelte sich wie in einem inneren Krampf und warf den Oberkörper vornüber. Ihr Gesicht lag auf ihren Knieen. Die Arme schlang sie um die Kniee und preßte sie fest, als müsse sie sich so zusammenhalten, um nicht zu zerspringen vor heftigem Schluchzen.
Und alles dies um den blöden Jungen? Das war ja kaum möglich! Aber wenn sie es denn nicht sagen wollte, wollte er sie auch nicht weiter ausfragen. Was ging’s ihn auch an?! Aber er blieb doch noch neben ihr sitzen. Mit leichter Hand strich er ihr über den gebeugten Kopf: »Wein dich aus, Anna, Maria, Lenchen – na, Mädchen, wie heißt du doch gleich?«
»Bäreb,« flüsterte sie, kaum hörbar.
Aber sein feines Ohr fing es doch auf. »Nun, Bäreb, wein dich aus! So –« er klopfte ihr den Rücken – »das tut wohl! Wenn man noch so weinen kann wie du, Kind, dann wird man auch bald wieder froh!«
»Och, Hähr?!« Sie hob den Kopf und sah ihn angstvoll-fragend, ungläubig an.
Er nickte lächelnd: »Ja, auf mein Wort!«
Einen Augenblick huschte es wie ein Hoffnungsschimmer erhellend über ihr Gesicht, dann wurde es wieder trüb. »Ich jlöw dat nit,« murmelte sie und ließ den Kopf wieder hängen. »Nee, nee!« In ausbrechendem Jammer, nicht mehr achtend, daß ein Herr, ein Fremder neben ihr saß, warf sie den Kopf wieder auf ihre Kniee und schluchzte aufs neue.
Was sollte er tun? Zu sagen war da nichts, er kannte ja auch nicht ihren Kummer; helfen konnte er auch nicht. Aber sie dauerte ihn so: armes, geplagtes Fabrikmädchen, gewiß hatte sie es auch noch schlecht zu Hause! Stumm legte er den Arm um ihre Schulter. Er fühlte ihre ganze Wärme. War das ein kräftiger junger Körper, trotz all der mageren Schlankheit. »Tröste dich!« Er drückte sie leicht.
Da richtete sie sich hastig auf. Jetzt erst ward sie sich ihrer Unschicklichkeit bewußt. Errötend, den Blick erschrocken niederschlagend, sprang sie auf die Füße. O, was sollte der Herr wohl von ihr denken?! Sie war ganz verwirrt.
Josef lächelte flüchtig: die Kleine sah so allerliebst aus in ihrer Beschämung. Aber dann wurde er ernst. Ein Gedanke war ihm plötzlich durch den Kopf geschossen, der sich seiner ganz und gar bemächtigte, wie ein brennender Wunsch. Wenn die mit ihm ginge! Sie schien ja unglücklich hier zu sein, vielleicht, daß sie gern auf die Fangeuse hinauf zöge?!
* * * * *
Es war nun ausgemachte Sache, daß Josef Schmölder die Fangeuse bezog. Heinrich Schmölder schüttelte den Kopf: was der Josef doch für einen Dusel bei den Weibern hatte, trotz seiner angegrauten Haare! Fand wahrhaftig eine, die mit ihm da hinaufzog, noch dazu eine, die blutjung war und die hübscheste von allen in der Fabrik! Na, wenn das nur gut ging! Aber dem Josef war ja nicht zu raten, der hörte ja doch nicht. Und er, Heinrich, hatte sich auch des Rechtes begeben, ein Veto einzulegen; hatte er nicht gesagt: wenn du eine Magd findest, dann zieh hinauf! Übrigens, für ihn selber war es ja auch ganz angenehm, wenn in den Jagdtagen ein so hübsches Mädchen ihm das Bett machte und den Kaffee kochte.
Josef rüstete in fieberhafter Ungeduld; der frühere Hüter der Fangeuse war zum August bereits abgezogen. Und nun färbten sich schon die einzelnen Laubbäume gelb, und Astern und Georginen blühten im Garten. Wenn man jetzt nicht eilte, entging einem der Herbst da oben, der köstliche Herbst mit seinen Nebelmorgen und den um so leuchtenderen Mittagen, mit seiner kristallenen Klarheit und dem lichten Himmel, der sich so leicht über die Erde spannt. Er lachte seine Cousine aus, die von wollenen Hemden sprach und eine ganze Ausrüstung für ihn zusammenstellte. Konserven aller Art, Würste, Schinken, Kolonialwaren wurden eingepackt. Wie zur Verproviantierung einer Festung. Die gute Sophie! Es war wirklich nett von ihr. Aber als ob man nicht jeden Augenblick herunterkommen könnte, wenn man etwas gebrauchte! Aber man würde nicht kommen.
Endlich war es erlangt, wonach er sich immer gesehnt hatte. Endlich würde er allein sein, endlich einmal ohne das Geschwätz des Alltags, das ihn nervös und traurig machte. Um ihn würde nur die Natur sein, die er so unendlich liebte, mit der man Zwiesprache halten kann wie mit der Geliebten, und die, je vertrauter man mit ihr wird, dem Glücklichen immer neue und immer noch größere Schönheiten offenbart. Josef war in einer gehobenen Stimmung, er pfiff und trällerte den ganzen Tag.
»Wie’n Liwerlink,«[23] sagte Heinrich mit Spott. Josef war froh, aber auch er war froh, der Josef war ihm öfter doch recht unbequem gewesen. Frau Schmölder aber war ganz betrübt, daß der Vetter hinaufzog, er war immer galant, viel galanter als Heinrich. »Du freust dich ja so, daß du von uns fortkommst,« sprach sie, nicht ohne Vorwurf im Ton.
[23] Lerche.
Da faßte er sie um die Taille und schassierte mit ihr ein paar Mal durchs Zimmer, bis ihnen beiden der Atem ausging. »Sophie, nichts für ungut – haha – ja, Sophiechen, ich freue mich unbändig auf die Fangeuse!«
»Erkälte dich nur nicht, du weißt, du bist nicht der Stärkste. Es ist rauh im Venn – huh, ich möchte im Winter nicht da oben sein!«
Sie schauderte und sah ihn besorgt an. Es würde ja nun hier unten viel friedlicher sein, es war immer so peinlich, wenn Heinrich und Josef sich zankten; aber wenn er sich nur nichts holte da oben, sie sagten doch alle, das Venn sei nicht zum Spaßen!
Nein, es war auch nicht zum Spaßen. Aber zum Bewundern. Stumm saß Josef Schmölder auf dem Bock neben dem Kutscher, der ihn hinauffuhr. Die Schmöldersche Equipage war dazu nicht tauglich, man hatte zwei Arbeitspferde vor einen Karrenwagen aus der Fabrik gespannt. Wo sonst die Ballen und Lumpensäcke aufgestapelt waren, lagen jetzt die Koffer und Kisten und Körbe, und hintenauf saß Bäreb mit ihrer Lade und hielt noch ein Bündel auf dem Schoß.