Part 18
Der Blasse hatte bis jetzt fortgearbeitet; Schweiß troff ihm von der Stirn, seine Brust zitterte unter angestrengtem Atmen. Nun, da der Alte ihn anredete, schreckte er auf: »Laß mich in Ruh!« Aber dann stöhnte er: ja, er konnte nicht mehr! Scheu sah er sich um – niemand beobachtete ihn – und der Alte hier würde ihn nicht verraten! Mit ein paar Sätzen war er hinter dem nächsten Gebüsch, warf sich da lang hin und keuchte sich aus. Aber bald, nun er ruhte, ließ das Arbeiten in seiner Brust nach, er fühlte etwas wie Wohlbehagen. Ah, die Luft war heut schön! Der Duft der großen Tannen an der Ley kam herüber und mischte sich mit dem strengen und doch wohltuenden Geruch des Heidekrauts. Blaßrosa Glöckchen in niedrigen kleinen Büschelchen blühten zwischen dem anderen höheren Kraut. Der Sträfling riß ein paar Stengelchen davon ab und steckte sie zwischen die Lippen. Er saugte daran; harzig und bitter schmeckte das, aber es tat seinem immer trockenen Munde doch wohl. Er schloß die Augen.
Um ihn summte es – Bienen im Wind – oder war es der Wind selber in den Ästen der Tannen? Sonst nichts. Nicht die harte Stimme des Aufsehers. Da, plötzlich ein Singen! Er erschrak; ein Anruf des Aufsehers hätte ihn kaum so erschreckt.
»Der dritte schütz’ mich immerdar, Daß mir nichts Böses widerfahr’!«
Da stand ein kleines Mädchen nicht weit von ihm in der Heide, bückte sich und pflückte von den rosa Glöckchen. Einen dicken Strauß hielt es schon in den Händen. Er glotzte.
Das Kathrinchen war gar nicht erschrocken über den Mann, der da plötzlich hinter einem Brombeergestrüpp vor ihm lag: ei, der war müd, der ruhte sich aus! Emsig pflückte es weiter: hier blühten die Glöckchen am allerschönsten, ein Kranz davon mußte die Mutter Gottes in der Ley herrlich kleiden!
Es war Kathrinchen plötzlich eingefallen, der Maria im Stein einen Kranz zu binden, als sie so still dagesessen und gestrickt hatte. Die Kühe waren ja brav, die liefen nicht weg, sie konnte sich schon getrauen um den großen Felsen und um die schwarzen Tannen herumzuwandern und Blumen zu pflücken, da, wo sie am schönsten blühten.
Sie lächelte den Mann an.
Er sagte nicht ›Guten Tag‹, er wies nur mit ausgestrecktem Finger auf ihren Rocksaum.
Sie guckte an sich herunter. O weh! Mit Schrecken sah sie, was sie angerichtet hatte: ihr Strickzeug, Jesus, ihr Strickzeug! Sie schleifte es hinter sich her, der Wollfaden hakte an den scharfen Pinken ihrer Schuhe fest; er war nicht gerissen, aber ganz verwirrt, vom Knäuel abgewickelt und mit Strümpfchen und Nadeln und allerlei dürrem Kraut unentwirrbar zusammengedreht. Sie stieß einen Jammerruf aus, ließ ihren Strauß fallen und faßte mit beiden Händen nach dem Strickzeug. Der Faden hatte sich ihr wohl zehnmal ums Bein geschlungen, sie saß wie in einer Fessel, sie kam nicht heraus.
Der Mann lag auf dem Bauche, das Gesicht zwischen die Hände gestemmt, und beobachtete sie. Er rührte sich nicht: war die niedlich! Die blassen Lippen seines mageren Gesichts verzogen sich, er zeigte in einem stummen Lachen das ganze Gebiß. Solch niedliches kleines Dingelchen hatte er wahrhaftig noch nie zu sehen gekriegt! Das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Aber das Dingelchen kriegte den Faden nicht los vom Bein, es verzog das Gesicht zum Weinen. Da fletschte er die Zähne: »Wart, ich helf dir!«
Geschmeidig kroch er heran, immer auf dem Bauch rutschend; kroch immer näher an sie heran und nahm ihr Beinchen in die Hand. Der Strumpf war heruntergerutscht, er fühlte das nackte Fleisch, warm und weich. Ein Schauer durchrieselte ihn; er stieß einen zittrigen Seufzer aus. Langsam begann er, den Faden vor dem Beinchen abzuwinden.
»Merci,« sagte Kathrinchen jetzt erleichtert. Aber dann schlug sie die Hände zusammen: oh weh, wie sah das Strickzeug aus, die Maschen waren von den Nadeln gerutscht, alles kaputt! Geschwind kauerte sie sich nieder: schnell, schnell, daß nur nicht noch mehr Maschen herunterfielen! Sie wurde blutrot, ihre Hände fingen an zu schwitzen, Tränen schossen ihr in die Augen; sie kam nicht mit der Arbeit zustande.
»Heul nicht,« sagte der Sträfling und nahm ihr das Gestrick aus den Händen. Das Stricken hatte er gelernt, als er das erste Mal gesessen hatte; nun kam es ihm zu paß.
Sie sah ihm zu mit großen Augen, ganz hingenommen von seiner Geschicklichkeit. Er raffte die Maschen auf und strickte ein paar Male herum. Sie sprang auf und wollte hell jubeln. Er aber riß sie heftig am Rock wieder nieder: »Halts Maul!« und nickte mit den scheuen Augen aufs Venn hinaus zum Hause mit dem roten Dach hinüber.
Da sah Kathrinchen erst, daß er Sträflingskleidung trug. Aber auch jetzt war sie nicht bange: der war ja so gut! Verständnisvoll nickte sie: er wollte sich wohl hier ausruhen von seiner schweren Arbeit, und nun mußte sie still sein, sonst kam der Aufseher und holte ihn! Sie duckte sich ganz geschwind wieder nieder zu ihm hinter den dichten Busch. St, ganz still!
So blieben sie noch eine Weile zusammen. Er lag auf dem Bauche, die Ellenbogen aufgestemmt, das Gesicht zwischen den Händen und betrachtete sie immerwährend. Sie hatte ihre Kühe ganz vergessen, strickte eifrig, das Versäumte wieder einzubringen. Und dabei unterhielten sie sich, ganz leise, flüsternd, damit niemand sie höre. So scheu sonst Kathrinchen vor Fremden war, so gesprächig war sie jetzt; sie erzählte von der Schule, von den Eltern, von den Geschwistern und von der Maiblum daheim. Sie hatte ja den ganzen Tag so still sein müssen.
Er hörte ihr zu mit offenem Munde und verschlang sie fast mit den Blicken. Plötzlich schreckte er auf, eine Stimme hallte laut. Der Bräuer, kam der schon wieder?! Nun hieß es, sich davonmachen. »Bis auf ein andermal,« flüsterte er heiser. Ob sie ihm wohl die Hand geben würde?
Sie gab ihm freiwillig die Hand.
Oh, wie tat ihm das wohl, daß das Kind sich nicht vor ihm fürchtete! Starr, unverwandt hingen seine Blicke an ihr. Die Furcht saß hinter ihm – da war ja schon der Bräuer – aber er konnte sich gar nicht trennen. Ein heißes Verlangen kam ihm plötzlich, die Kleine zu küssen. Kaum bezähmte er sich: nur nicht sie erschrecken! Wenn er das tat, sie in seine Arme packte, dann kam sie vielleicht nicht wieder, nie wieder – und sie sollte, sie mußte wiederkommen. Er mußte sie noch einmal antreffen hier hinter dem Busch!
* * * * *
Als Kathrinchen diesen Abend nach Hause trieb, war sie glücklich; der Tag war ihr gar nicht lang geworden. Ihre sieben Stück waren auch brav gewesen, hatten sich so satt gefressen, daß sie keine Seitensprünge mehr machten, sondern bedächtig hintereinander gingen mit wackelnden Bäuchen. Es bedurfte keines Knalls und keines Schlages mit der langen Peitsche, die noch einmal so lang war, wie die Hirtin selber. Der Bauer hatte Kathrinchen einen Hund mitgeben wollen, aber sie hatte keinen gewollt; sie hatte ein bißchen Angst vor Hunden, die bellten so laut.
Die Hirtin sang leise vor sich hin während des ganzen Weges. Um das Kreuz der Ley verglühte das Abendrot; es hüllte auch sie mit in seinen Schimmer. Das Rot des Himmels strahlte weit; der Fluß im Talgrund, drunten das weiße Bahnhofsgebäude und die Gleise, oben das einsame Haus auf dem Venn, das Dorf, an Mattenhängen sich langziehend, seine Hecken und der überragende Kirchturm, alles war rosig bestrahlt.
Holzarbeiter kehrten heim aus den Wäldern, ein Angler kam vom Forellenfang, die Torfstecher kamen zurück, ein Bauer trieb seinen Ochsen zum Schmied weiter ins Dorf hinein, um ihn beschlagen zu lassen, und durch die Heckenausschnitte sah man die Frauen auf den Türschwellen sitzen und Kartoffeln schälen. Kathrinchen grüßte, manch freundlicher Gegengruß wurde dem Hütekind.
An der Hecke beim Adams stand schon die Bäuerin und nahm die Kühe in Empfang; sie gab Kathrinchen ein Schmierchenbrot. Gern hätte Kathrinchen das selber gegessen, ganz verstohlen leckte sie einmal daran im Schutz der Hecke – ha, wie lecker! – aber sie gönnte es sich nicht. Das sollte die Mutter haben oder die Bäreb.
Aber Bäreb war noch nicht daheim. Den Geschwistern war es zu lang geworden, auf den letzten Zug unten am Bahndamm zu lauern: wer weiß, am Ende kam die Bäreb auch mit dem Zuge noch nicht! Frau Huesgen war in einiger Unruh: die Bäreb hatte doch so bestimmt gesagt, daß sie heute wiederkommen würde. Und morgen mußte sie ja wieder in die Fabrik. Und nun war es schon so spät!
Den Kindern, die um den Tisch saßen, glänzten die Augen: ha, Milchsuppe mit Brotbrocken drin, wie lange hatte es keine solch gute Suppe gegeben! Die liebe Maiblum! Wenn doch die Bäreb käme, was würde die dazu sagen! Sie platzten fast vor Begier, der Schwester etwas zu verkünden.
Es war dunkel in der niedrigen Küche, ein Lämpchen wurde jetzt nicht mehr angezündet wie im Winter, das sparte man. Man sah fast nichts mehr, nur mitunter glitzerten beim Fallen von Funken im Aschenloch die hurtig sich drehenden Augäpfel der Kinder. Der Suppennapf war geleert, die Blechlöffel auf den Tisch gesunken, müde gähnten die Kleineren. Wie spät mochte es wohl sein? Sie konnten den Himmel nicht sehen, hatten keine Uhr im Haus, und auch keine schlug von der Kirche. Ob die Bäreb nun noch kommen konnte?! Unruhig ging die Mutter zur Tür hinaus und kam ebenso unruhig wieder zurück. Es half nichts, man mußte ohne Bäreb den Rosenkranz beten. Frau Huesgen kniete nieder, ihre Kinder knieten um sie her. Ein Ave reihte sich an das andere.
Obgleich das Fenster geschlossen blieb und draußen die Hecke hoch ragte, hörte man doch das betende Murmeln bis auf die Straße hinaus. So hört man’s um diese Zeit, da Nacht sich senken will und die Hecken schwarz ragen, fast aus jedem Hause von Heckenbroich. Die Mutter betete vor mit einigen Kindern: »Gegrüßet seist du, Maria,« und im Zusatze: »der uns den heiligen Geist gesandt hat!« Die anderen antworteten: »Heilige Maria, bitte für uns Sünder!«
In Frau Huesgens Seele zog Ruhe ein: was hatte sie denn, daß sie sich so aufregte? Ihre Kinder standen ja unter der Heiligen Schutz! Sie bekreuzigte sich fromm.
Da wurde die Tür hastig aufgerissen – ein wohlbekannter Tritt – da stand die Bäreb. Ja, sie war’s, obgleich man sie im Dunkeln kaum erkennen konnte. Der Dores greinte.
Die Mutter riß ihn in ihre Arme und küßte das übermüdete, weinende Kind: Dores, ihr Doreschen, nun war er wieder da, und war so viel besser!
»’n Abend zusammen,« sagte Bäreb. Aber ihre Stimme klang gedrückt; es war nichts von der Freude darin, wieder daheim zu sein.
Die Geschwister umringten sie, Kathrinchen schmiegte sich an sie, die Jungen rissen ihr fast den Rock vom Bund; jeder wollte sie anfühlen, jeder wollte ihr die Wangen patschen, und jeder ihr gleich ins Gesicht schreien: »Oß Maiblum, oß Maiblum! De hat e Kalev krigge, esu e fing Kalev!«
Bäreb war zusammengezuckt, sie sagte kein Wort, sie lachte auch nicht mit den Geschwistern. Langsam, schwer tappte sie hin zum Tisch und setzte sich auf die Bank. Sie stützte den Kopf, und dann brach sie plötzlich in ein heftiges, schluchzendes Weinen aus.
Die Kinder standen verdutzt: die Bäreb weinte, weil die Maiblum ein Kalb gekriegt hatte? Was fiel der denn ein?! Aber Frau Huesgen nahm’s nur als Freude, sie wußte, wie Bäreb an der Maiblum hing. Und konnte sie denn nicht auch vor Freuden weinen, daß ihre Wallfahrt so gut geholfen hatte?! Sie strich der Tochter übers Haar, von dem das Kopftuch heruntergeglitten war. Rauh und verwahrlost lagen die Haare an den Schläfen, und als Kathrinchen jetzt doch eine Lampe angezündet hatte, sah die Mutter, wie blaß und verstört die Bäreb aussah, gar nicht zum Kennen, förmlich alt und herabgekommen vor übergroßer Müdigkeit. Ja, es war eine harte Tour gewesen, noch dazu mit dem Dores! Aber der Herrgott im Himmel würde es der Bäreb schon lohnen, was die aus Liebe zu den Ihren getan hatte. Und nun, wie war’s denn gewesen, wollte sie denn gar nichts erzählen von Echternach?! Sie brannten alle darauf.
Aber Bäreb schüttelte stumm-verneinend den Kopf.
Nun morgen, bis morgen würde man sich ja noch gedulden, da würde man schon alles zu hören kriegen, jetzt war die Bäreb zu müde! Frau Huesgen trieb die Kinder zu Bett. Gleich darauf lag auch Bäreb neben Kathrinchen und schlief wie eine Tote. –
So müde auch Bäreb gewesen war, am Morgen war sie doch schon wieder früh auf, so früh, daß sie bereits zur Fabrik gegangen war, als die Mutter erwachte. Und am Abend kam sie so spät wieder, daß es schon dunkel war in der Hütte, als sie eintrat. Und so ging es Tag für Tag, Woche um Woche; immer war’s so.
Und es war, als sei Bäreb nie fortgewesen, als sei kein Echternach in ihr Leben getreten. Nur am Sonntag, wenn auch der Vater daheim war, dann hatte Bäreb Zeit, an Echternach zu denken; dann erzählte sie wohl auch – Wunderdinge – ihre blassen Wangen röteten sich dabei, und Eltern und Geschwister lauschten, die Augen aufgerissen, in einer andächtigen Scheu.
* * * * *
Der Juli war auf seiner Höhe, die Matten um Heckenbroich in die Halme geschossen; zartes Reihgras mit tausenden von Blumen durchsetzt, stand in leuchtenden Farben. Bunten Teppichen gleich, in allen Schattierungen von rot und blau, von gelb und weiß, säumten die Wiesen den Fluß-Grund und stiegen an den Hängen hinauf, bis hoch zum Venn.
Das dörrte jetzt schweigend im Sonnenbrand. Wo sonst grünes Gras aus feuchtem Grund gewuchert hatte, war es jetzt trocken und das harte Sauergras war gelb und schilfig geworden. Die Rinnsale alle, die das Venn durchschleichen, die Bächlein, schmal, zweihandbreit, die man kaum sieht im buschigen Grund, unterm Grün der Preißelbeere zwischen den Moospolstern, wollten jetzt versiegen. Nur der Fluß im Tal und der Bach in der Au hatten noch Wasser; aber auch sie rauschten und sprangen nicht mehr in sprudelnder Frische über die Steine, langsamer zogen sie hinab, wie müde geworden.
Das Venn tat sein Maul auf. Der moorige Grund schrumpelte ein in unzählige Falten und Fältchen, wie ein runzliges, altes Gesicht; und dann riß die Erde in handbreite Spalten. Stundenweit konnte man jetzt trockenen Fußes gehen, wo man sonst hatte waten müssen; nur die ganz tiefen Löcher hatten noch Wasser, aber es war von einer trügerischen Grasnarbe zugedeckt. Die ganze Fläche war besetzt mit den schwarzen Haufen der Torfstücke, die die Torfstecher aufgesetzt hatten zum Dörren; Totenhügeln glichen sie nach einer mordenden Schlacht.
Ab und zu ragte ein Kreuz, verwittert, kohlschwarz, schief auf die Seite gesunken, einem Toten zum Gedächtnis gesetzt in dieser schattenlosen, angeprallten, atem-anhaltenden Einsamkeit.
Regungslos standen die Grenzen der Tannenwälder. Das Wild trat heraus am hellichten Tage, es wartete nicht mehr den Abend ab; in Rudeln kam es bis dicht vors Dorf, um in den beblümten Matten zu äsen. Es hatte Hunger, denn die zarten Farrenwedel, die unter den Tannen grünen, waren längst geknickt von der Hitze, Moos und Gras versengt von den Strahlenschwertern, die an den nackten Tannenstämmen niederfuhren bis zum Grund. Erbarmungslos war jeder Stengel geköpft. Die Preißelbeere zeigte die Notreife, und die Heckenbroicher besprachen schon die Aussichten dieser Beerenernte. Aber vorerst hatten sie noch ihre erste Ernte einzubringen: das Heu.
Überall wurden die Wiesen gemäht, überall duftete es nach Heu. Zu rasch fast trocknete es, wie Pulver zerrieb es sich zwischen den Fingern, man konnte nicht eilends genug es wenden; das war ein jähes Dörren, fast dem Verkohlen gleich. In der glühenden Luft ging aller Saft verloren, alle Kraft, die doch darin bleiben muß, soll das Vieh sich gut nähren. Und es wurde noch heißer, immer noch heißer. Jeden Tag die gleiche eintönige Bläue, die nicht vom kleinsten Wölkchen durchsegelt ward; ein Himmel von eherner Monotonie. Die Augen sehnten sich nach Grau, nach trüber Beleuchtung; es tat ihnen weh, immer in diese blinkernde, blendende Weite zu sehen.
Balthasar Adams vom grünen Klee kratzte sich bedenklich den Kopf. Er hatte die meisten und besten Wiesen, aber auch er hatte dies Jahr zu klagen: das Heu hatte gar keinen Gehalt. Und noch immer keine Aussicht auf andere Witterung. Sonst hatte man den Regen in der Heuernte immer gefürchtet, jetzt hätte man ihn gern haben mögen; acht Tage hintereinander, das wäre nicht zuviel gewesen. Was sollte man machen, wenn das Wetter so blieb?! Dann verbrannte auf den gemähten Wiesen die Grasstaude bis in die Wurzel, sie trieb nicht mehr aus; es gab eine erbärmliche Weide fürs Vieh diesen Herbst. Und man hatte selber bald kein Wasser mehr; tief, tief mußte man jetzt schon den Eimer hinablassen in den Brunnen, so tief als die Kette reichte, und brachte dann doch nur trübes und grundiges Wasser herauf. Eine Dummheit war’s von dem Leykuhlen gewesen, fast eine Fahrlässigkeit war’s zu nennen, daß er, anstatt den Kirchenbau so zu betreiben, nicht lieber eine Wasserleitung gebaut hatte! Er war Bürgermeister – der geistliche Herr war schon alt – er, er mußte es doch wissen, was der Gemeinde am nötigsten tat. Wie lange würde es noch dauern, und man hatte, wenn das Wasser so schlecht wurde, die Krankheit hier, die wie ein Gespenst sich zuzeiten immer wieder sehen ließ im Land.
Der Bauer Adams trank längst wieder aus seinem Brunnen. Was kümmerte es ihn, daß es verboten war?! Sein Nachbar Zumstädtchen tat es ja auch. Aber ein gutes Gewissen hatte er doch nicht dabei. Ja, hätte man nun eine Wasserleitung, wie man sie hätte haben können, vom reinen Wasser des Aubachs, man wäre aller Unruh und allen Ärgers ledig gewesen. Der Leykuhlen, der Leykuhlen mit seiner Kirch, der Teufel sollte ihn holen mitsamt seinem Frommsein!
Ein grimmiger Zorn gegen den Bürgermeister faßte den Bauer. Ein um so größerer, als er klug war, um sich nicht selber auch einen Teil Schuld beizumessen. Er war die gewichtigste Stimme, hatte die meisten Weiden, das meiste Vieh, warum hatte er denn nicht das Maul aufgetan und dagegen gesprochen, als sie alle schrieen: En neue Kirch, en neue Kirch, und dem Bürgermeister zustimmten?!
Seitdem man dem Adams seinen Brunnen verschlossen hatte – seinen eigenen Brunnen, auf seinem eigenen Grund und Boden, so daß er nur nächtens daraus schöpfen konnte, heimlich daraus stehlen mußte wie ein Dieb! – seitdem hatte sich seine Meinung völlig geändert. Eine Wasserleitung mußte sein, eine Wasserleitung hätte längst sein müssen, daß man nicht solchen Unannehmlichkeiten ausgesetzt war! Seine Hände, die er in beiden Taschen der Buckskinhose stecken hatte, ballten sich unwillkürlich zu Fäusten. Er sah den Leykuhlen da hinten durch die Wiesen schreiten – aha, der sah nach seinen Knechten, die dort mähten – der kam ihm gerade recht!
»Hela!« Er schrie ihn an, und als der andere nicht gleich hörte, weil selbst die starke Männerstimme in der großen Weite verflatterte wie ein schwacher Kinderruf, legte er die beiden Hände als Schallrohr an den Mund und brüllte hinein mit Aufbietung aller Kräfte: »Hela!«
Da stutzte Leykuhlen und sah sich um.
Jetzt hatten sie sich ins Auge gefaßt. Der dürre Adams schwenkte die Arme und gestikulierte. Sie kamen aufeinander zu.
»Burjermeester,« sagte der Bauer, »da ’s jot, dat ich Uech ens treff! Wie is et dann mit der Wasserleitung? Solle mir noch lang dat Wasser saufe uhs oß Pötze? De Frösch springen drin!« Er sah den andern blinzelnd an: das war ja ein bißchen übertrieben, aber das schadete nichts, der Bürgermeister sollte merken, daß es ihnen nun Ernst war, daß sie nicht damit einverstanden waren, daß das Geld, das schöne Geld der Gemeinde so verbaut worden war! Er knurrte grimmig: »Hm, is dat en Trockenheit – Jeses, en Hitz! – und wann mir keen Wasser mieh hant, wat dann?«
Leykuhlen war blaß, aber eine heiße Röte trat ihm jetzt auf die Stirn. »Bin ich der liebe Herrjott? Kann ich rejnen lassen über Nacht und am Tag die Sonn scheinen? Akkurat esu, wie et Uech passend wär?!« Er zuckte die Achseln und sah niedergeschlagen und abgespannt aus.
»Davon is jo keen Red!« Adams brauste auf: was stellte der Bürgermeister sich denn so dumm? »En Wasserleitung hätt’r baue solle, dozumal, wie m’r esu jot bei Kass’ wore! Wat fange mir mit der jruße Kirch an? Die alt war noch lang jot. Do bruchte mir keen Angst ze han, dat oß Pötze zu End jonn. Der Zumstädtchen hat heut nühst wie Schlamm eropjehollt!« Mit bösen Augen sah er dem Bürgermeister ins Gesicht.
Leykuhlen hielt den Blick ruhig aus. »Wat regt Ihr Uech esu op, Adams,« sagte er dann. »Et is wahr, et is en schlimm Zeit, äwer de Sonn hat oß noch nie jeschadt!« Er legte dem Bauern die Hand auf die Schulter und versuchte ein Lächeln. »Ihr seid doch ’ne kloge Mann, laßt doch nit jlich der Mut falle! Et hat noch immer, immer jot jejange. Wenn et esu bleibt, müsse wir uns eben Wasser fahren, aus dem Aubach erop, in Fässern. Dat is dann nit angersch!«
»So?« Zornsprühend sah ihn der sonst so ruhige und gehaltene Bauer an. »So, un wer soll dann in dieser Zeit oß Heu einfahre? Et hat nit jeder esu vill Ochse, wie Ihr habt. Un noch zwei Perd. En halev Stund erunter, en Stund erup – wat sollen die Leut dann maache, die kee Fuhrwerk han?«
»Wir werden ihnen aushelfen, dafür sind wir Heckenbroicher. Mer soll von uns nit sagen, dat wir Brüder im Stich jelassen hätten!«
»Jo woll, jo woll,« höhnte Adams, »predigt Ihr nur esu weiter, dat hört sich alles siehr schön an. Ihr hätt oß nur früher nit im Stich losse solle. Jo, Ihr, Ihr!« Er fuchtelte dem andern mit seinem Finger immer vor der Nase herum. »Et is jot fromm sein in anger Leuts Tasch. So’n Dommheit, so’n Unsinn, esu en jruße Kirch zu baue, wenn et Nötigste im Dorf fehlt!« Er räusperte sich zornig und spuckte aus in großem Bogen.
Sie standen in der Prallsonne, die Hecke, die hinter ihnen die Weide abschloß, gab nur einen schmalen Streifen Schatten. Die Röte, die der Bürgermeister vordem nur auf der Stirn gehabt hatte, zog sich immer tiefer herab über sein ganzes Gesicht. Er schwitzte und dabei fror ihn. Der starke Mann schüttelte sich wie in innerem Frost: der Bauer hatte so unrecht nicht, ja, es war schlimm, sehr schlimm jetzt, daß sie keine Wasserleitung hatten!
Unbarmherzig fuhr Adams fort: »So, un wenn mir nu de Krankheit kriege – mer soll doch dat Wasser nit trinke, et wär unjesund – die is doch nit et erschte Mol he. Wenn se nu wiederkömmt?!« Er sah dem Bürgermeister mit einem gewissen Triumph ins Gesicht: »Wenn se nu wiederkömmt, he?«
»Se is schon da,« sagte der andere erbleichend.
* * * * *
Es war so. Bürgermeister Leykuhlen mußte es ja wissen, und er wußte es bereits seit zwei Tagen: drei Fälle von Typhus waren im Lager. Man hatte erst Hitzschlag angenommen; die Leute waren bei einer Gefechtsübung gewesen, die Sonne hatte geprallt, als schösse sie mit mörderischen Pfeilen. Aber nun schüttelten die Ärzte die Köpfe: wo hatten sich die Kerls den Typhus geholt?! Jedenfalls außerhalb des Lagers. Es war ja bekannt, diese Gegend war verseucht; es gab ein Dorf hier, nicht allzu weit, dort hatte der Typhus in einem Jahre so gemäht, daß der Kirchhof zu klein geworden war, und man flugs einen neuen anlegen mußte. Und Tage waren es jetzt, so heiß wie unterm Äquator, und die Nächte trotzdem eisig kalt. Eine Gegend wie Sibirien! Dazu die ablehnende Verschlossenheit der Bevölkerung gegen alle Neuerungen. Wer weiß, wo die Soldaten sich herumgetrieben hatten?!
Die strengsten Absperrungsmaßregeln wurden auf dem Platz durchgeführt. Urlaub gab’s nicht, kein Soldat durfte das Lager verlassen, die Posten wurden verdoppelt. Auch das Sitzen abends vor den Baracken, unter deren Wellblech keiner gern hineinging, wurde den Leuten nicht mehr gestattet. Es war die einzige Annehmlichkeit gewesen, abends wenn die Dämmerung aufs rote Heidekraut sank und die Nebel vom Moorland aufstiegen, sich draußen abzukühlen. Weit, weit bis ins Venn hinein war der Gesang der Soldaten erklungen.
»Es waren drei Soldaten, Dabei ein junges Blut, Sie hatten sich vergangen, Der Graf nahm sie gefangen Setzt sie bis auf den Tod!«