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Part 1

Aus der Geschichte der menschlichen Dummheit

Von Dr. _Max Kemmerich_ erschien im Verlage von _Albert Langen_:

Kultur-Kuriosa Erster Band Zehntes Tausend

Kultur-Kuriosa Zweiter Band Sechstes Tausend

Dinge, die man nicht sagt Siebentes Tausend

Prophezeiungen Alter Aberglaube oder neue Wahrheit? Viertes Tausend

Aus der Geschichte

der

menschlichen Dummheit

Von

Dr. Max Kemmerich

[Illustration: Dekoration]

Albert Langen Verlag für Literatur und Kunst _München_

Copyright 1912 by Albert Langen, Munich

Inhaltsverzeichnis

Seite Vorwort VII

1. Kapitel: Die Bibel als Maßstab der Wahrheit 1

2. Kapitel: Die Askese 43

3. Kapitel: Der Hexen- und Teufelswahn in der mittelalterlichen Kirche 72

4. Kapitel: Der Kampf um die religiöse Dummheit 111

5. Kapitel: Religiöse Zwangserziehung 154

6. Kapitel: Der Teufel in der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart 192

7. Kapitel: Die heilige Garderobe und ähnliches 211

8. Kapitel: Die Dummheit der Massen 234

Literaturnachweis 286

Vorwort

Eine Geschichte der menschlichen Dummheit zu schreiben überstiege meine Kräfte: sie müßte umfangreicher werden, als die chinesische Enzyklopädie. Darum begnüge ich mich mit diesem Streifzuge, der einem ganz bestimmten Gebiete gilt. Der Zufall war es nicht, der mich leitete.

Nicht nur dem Vorwurfe der Unvollständigkeit sehe ich mit Gemütsruhe entgegen. Auch auf den andern bin ich gefaßt: was mir dumm erschiene, sei so fabelhaft gescheit, daß ich es nur nicht verstünde.

Nun -- jedem Narren gefällt seine Kappe.

_München_, im Mai 1912

_Der Verfasser_

I. Kapitel

Die Bibel als Maßstab der Wahrheit

Jede Offenbarungsreligion lehrt, daß Gott in eigener Person übernatürliche Wahrheiten oder zum mindesten Wahrheiten von absolutem Werte den Menschen zukommen läßt. Für die Christen sind diese göttlichen Willensäußerungen im Alten und Neuen Testament niedergelegt. Da nun in früheren Zeiten und teilweise auch heute noch die Theologen des frommen Glaubens sind, daß Gott, wenn auch nicht persönlich die Schriften abgefaßt, so doch jedenfalls die Autoren inspiriert habe, ihnen gleichsam in die Feder diktierte, so ist es klar, daß jedem Worte der Bibel die denkbar größte Bedeutung von dieser Seite beigelegt wird.

Der Glaube an Gott, sowie der an Offenbarung -- denn wenn Gott existiert, ist nichts näherliegend, als die Annahme, daß er auch mit der Menschheit in Kontakt bleibt, ihr Winke oder Befehle zukommen läßt, sie belohnt und straft, kurz sich ihr oder ihren auserlesensten Vertretern gegenüber irgendwie äußert -- mag irrig sein. Daß er nicht töricht ist, bedarf keines Beweises. Und die Annahme, daß die höchsten iten nicht etwa in der Zendavesta, den vier Veden, dem Alten Testament oder dem Koran niedergelegt sind, sondern in den Schriften des Neuen Testamentes, versteht sich beim gläubigen Christen von selbst. Denn würde er der Offenbarung einer anderen Religion größeren Wahrheitsgehalt beimessen, dann hätte er aufgehört ein gläubiger Christ zu sein.

Liegt es uns also auch völlig fern den Offenbarungsglauben -- ohne ihn zu teilen -- für dumm zu halten, so ist der Umfang, in dem der Bibel absolute Autorität in Fragen der Weltanschauung und Lebensführung eingeräumt wird, allerdings ein Gradmesser der Intelligenz.

Wenn frühere Jahrhunderte, unkundig der Natur und ihrer Gesetze, die biblische Kosmologie als lautere Wahrheit hinnahmen, so ist das verständlich. Wenn sie aber auch festgehalten wurde, nachdem unwiderleglich ihre Irrtümlichkeit nachgewiesen war, so läßt uns das hinsichtlich der Bibel nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten. Entweder beweist die Unstimmigkeit zwischen der Heiligen Schrift und der Wahrheit, daß die ganze Bibel _keine_ Offenbarung ist, wenn wir nämlich annehmen, daß der allwissende, unfehlbare Gott sie quasi diktiert hat, daß es sich also um eine Fälschung handelt, -- oder daß Gott zwar die frommen Verfasser der einzelnen Schriften mit seinem Geist erfüllt hat, daß er ihnen aber die Form überließ, beziehungsweise sie als Menschen ihrer Zeit sich auch nur gemäß dem damaligen Wissen ausdrücken konnten. Letztere Annahme hat aber die Konsequenz eines Verzichtes auf die Verbalinspiration der Bibel. Daß Gottes Diktat keine Fehler enthalten kann, ist ebenso klar, wie daß die Schriften selbst der hervorragendsten Männer der Vorzeit nicht dem heutigen Wissen in allen Punkten entsprechen können. Daß Jesus von Nazareth, nach dem Evangelium, das schöne Wort sprach: »der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig«, gibt jenen einen autoritativen Helfer, die ihrer eigenen Vernunft nicht vertrauen.

Wer also in Fragen der Kosmologie, Geologie, Biologie, Geschichte und vieler anderer Gebiete eine Inkongruenz zwischen Bibel einerseits, Vernunft und Erfahrung anderseits erkennt und daraus weder folgert, daß die Bibel als Ganzes keine geoffenbarte Wahrheit sei oder aber, daß er den Umfang der Offenbarung zu weit ausdehnt, der begeht einen Denkfehler.

Wer nun weiterhin aus solchen der Vernunft und Erfahrung widersprechenden Bibelstellen oder gar aus einzelnen Worten weitgehende Schlüsse irgendwelcher Art zieht, sein Leben danach modelt, auf den Gebrauch seines Verstandes verzichtet, sich um sein gutes Recht bringen läßt oder gar sein Leben opfert, der handelt dumm.

Diese Dummheit werden wir nun nicht etwa nur in alter Zeit finden, in der wir sie ja kaum so bezeichnen können, sondern auch noch in der jüngsten Vergangenheit, ja in der Gegenwart. Gibt es doch eine mächtige Richtung, die den durch Fragen der Weltanschauung nicht minder als solche des Wirtschaftslebens hervorgerufenen Kämpfen unserer Zeit dadurch begegnen zu können vermeint, daß sie den biblischen Buchstabenglauben als Panazee anrufen! Wenn diese Männer so handeln gegen besseres Wissen, dann ie nicht anständig. Handeln sie so aus Überzeugung, so sind sie dumm. Zudem erzielen sie naturgemäß bei der Intelligenz, auf die es doch allein ankommt, das Gegenteil dessen, was sie bezwecken.

Bekanntlich folgert das Papsttum seine auf Allmacht hinauslaufenden Ansprüche aus der Bibelstelle »Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Und will dir des Himmelreichs Schlüssel geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein.« (Matth. 16, 18-19.) Ergänzt wird diese Stelle durch das Wort Christi an den gleichen Apostel »Weide meine Schafe« (Ev. Joh. 21, 16). Zu diesem Mandat des Stifters unserer Religion tritt noch nach kirchlicher Lehre eine historische Begründung des Rechtsanspruches hinzu: Petrus sei der erste Bischof von Rom, der erste Papst, gewesen; sein Geist aber habe sich durch Tradition ungeschwächt erhalten.

Nachdem die Bischöfe von Rom es verstanden haben durch anderthalb Jahrtausende in immer steigendem Maße ihre Ansprüche durchzusetzen, muß man ihrer Intelligenz und ihrer politischen Genialität die größte Bewunderung zollen. Anders aber steht es um die Klugheit der beherrschten Völker.

Lassen wir es ganz dahingestellt sein, ob es nicht für eine Kirche wünschenswert ist eine Spitze zu besitzen, so daß praktische Motive die Errichtung des Papsttums hinlänglich rechtfertigen würden, so scheint es desto wichtiger die römische _Begründung_ des Machtanspruches zu prüfen, bzw. die _Bereitwilligkeit, mit der diese Begründung hingenommen wurde_, zu beleuchten. Wir lassen dabei auch die Frage offen, ob nicht die angeführten Evangelienstellen Interpolationen sind, die das Papsttum vornahm, um die tatsächliche Machtstellung durch die höchste Autorität zu legitimieren.

Man stelle sich vor: Ein armer Zimmermannssohn verleiht einem armen und nahezu gänzlich ungebildeten Fischer ein Recht, das er selbst nicht besitzt. Denn wenn der Stifter einer Religion denen, die an ihn glauben, auch gewiß für die Ewigkeit, für das Himmelreich, bindende Vorschriften machen kann, es ihnen öffnen oder verschließen darf, da er sich ja hier mit einem gewissen Recht als Herr fühlen kann, so gilt das doch ganz gewiß nicht für die reale, materielle Welt. Daß das Papsttum aber die Herrschaft über diese beansprucht, sich ausdrücklich höher einschätzt, als alle Könige der Erde, ist jedem Geschichtskundigen bekannt.

Also; Jemand verleiht angeblich einem andern ein Recht, das er nicht besitzt. Der andere (Petrus) übt es auch gar nicht aus, ist es doch sehr zweifelhaft, ob er je Bischof von Rom war und wenn, dann war er Oberhaupt einer kleinen und damals noch ganz bedeutungslosen Gemeinde. Und dieser Mann vererbt sein »Recht« auf ewige Zeiten! Man glaubt seinen Nachfolgern -- angenommen, die Bischöfe von Rom wären das wirklich -- und Könige und Kaiser beugen sich ihnen!

Welche Fülle von Klugheit auf päpstlicher Seite! Welche Dummheit auf weltlicher!

Dieser Fiktion fügen sich die mächtigsten Herrscher, desgleichen ihre Völker. So wird England päpstliches Lehen, Heinrich IV. erscheint als Büßer vor dem Papst, ein Friedrich Barbarossa hält ihm den Steigbügel, er greift in die Wahl der deutschen Könige ein und vernichtet ganze Geschlechter, er verteilt gar die neue Welt als anerkannte höchste irdische Instanz! Diese wenigen, ins Unendliche zu vermehrenden Beispiele sind eines der grandiosesten Beweise für den Sieg der überlegenen Intelligenz über die stultitia hominum.

Die notwendige Voraussetzung dieser über ein Jahrtausend die Weltgeschichte bestimmenden Fiktion, deren praktische Verwirklichung Könige und Völker nur zu sehr am eigenen Leibe erfahren mußten, war aber ein _blinder Bibelglaube_.

Und wenn es heute noch Leute gibt, die die päpstlichen Ansprüche mit päpstlicher Begründung verteidigen, wenn es den Anschein hat, daß diese Leute sogar Boden gewinnen, dann möchte man an der Zukunft der Menschheit verzweifeln.

Dieser blinde Bibelglaube oder Glaube an die geistliche Autorität kommt auch den Lehrmeinungen und Dogmen zugute. Man interessierte sich infolgedessen in früheren Zeiten für die entlegensten Dinge, soweit sie mit dem Glauben im Zusammenhang standen. Hätte man den gleichen Scharfsinn für Nützliches verwandt, man würde um Jahrhunderte früher die jetzige Kulturhöhe erklommen haben.

Die Wurzel des Übels war und ist zum Teil heute noch die _Todesfurcht_ bzw. die _Sorge um das jenseitige Leben der Seele_. Daß es eine Unsterblichkeit gibt, kann mit ebenso triftigen Gründen behauptet, wie bestritten werden; aber angenommen sie existiert, so ist doch soviel gewiß, daß wir von ihrer Beschaffenheit nichts Näheres wissen, noch wissen können. Gerade diese Frage aber beschäftigte und beschäftigt gläubige Gemüter zum Übermaß. Und da man es verstanden hatte dieser Form der Feigheit -- denn schließlich läuft die ganze Sorge um das Fortleben der Seele auf die Furcht vor dem Nichts hinaus oder auf die noch jämmerlichere in einem vorausgesetzten Jenseits die Verantwortung für seine diesseitigen Handlungen tragen zu müssen -- durch Erhebung zur »Religiosität« oder »Frömmigkeit« das Mäntelchen der Tugend umzuhängen, so galt es auch noch für verdienstvoll sich über die größten das Jenseits betreffenden Nichtigkeiten den Kopf zu zerbrechen. Hier stets im Rahmen des Dogmas und der Bibel zu bleiben, Erfahrung und Vernunft nicht allzusehr zu verletzen, war gewiß nicht immer leicht.

Ist es schon eine Dummheit auf unlösliche Fragen Zeit und Energie zu verwenden, so wird sie dadurch gewiß nicht geringer, daß Jahrhunderte ihr huldigten. Die Zeit der Scholastik aber hatte es sich zur Aufgabe gestellt Glauben und Vernunft in Einklang zu bringen. Was nicht erreichbar war -- und das war sehr vieles, etwa die Dreiheit des Monotheismus, die unbefleckte Empfängnis, die leibliche Auferstehung und Himmelfahrt Christi, die Verwandlung von Wein in Blut, von Brot in den Leib des Heilandes u. a. m. -- das wurde als »Wunder« angestaunt. Und das geschieht auch heute noch von ungezählten Millionen.

Gewiß hat die Scholastik auch das Denkvermögen verfeinert, aber sie schliff eine Waffe, nicht um sie im Kampfe gegen die Rätsel der Natur zu verwenden, sondern um damit Haare zu spalten.

Als einst vor König Philipp von Makedonien ein Jongleur seine Kunst produzierte, darin bestehend, daß er in die Luft geworfene Erbsen mit einer Nadel auffing, da verweigerte ihm der kluge König eine Belohnung. Er ließ ihm lediglich einen Scheffel Erbsen übergeben. Wäre ein kluger Papst beim Aufwerfen der ersten Spitzfindigkeiten mit der ganzen scholastischen Richtung ebenso verfahren, dann hätte die gelehrte und fromme Dummheit niemals solche Dimensionen annehmen können.

Solche scholastische Fragen sind etwa folgende:

Steht oder liegt Gott Vater?

Kann er ein Kind schaffen ohne Vater? Einen Berg ohne Tal, eine Hure wieder zur Jungfrau machen?

Tanzen die Engel Menuett oder Langaus?

War es Lucifer, der den ersten Purzelbaum schlug?

Ist eine Entweihung der Sakristei auf einem Ziegelstein Entheiligung der ganzen Kirche, oder nur der Sakristei?

Geht das »Vater unser« Gott allein an, oder auch die Heiligen? Prinzipaliter (in der Hauptsache) Gott, minus prinzipaliter (in der minderen Hauptsache) auch die Heiligen?

Am Hof zu Konstantinopel stritt sich im 14. Jahrhundert nicht nur die Geistlichkeit, sondern auch der Hof und die ganze Nation über die Frage, ob das Licht auf Tabor ein erschaffenes oder unerschaffenes Licht gewesen sei.

Besonders fein sind die Fragen über die Sakramente; namentlich die Taufe: Ist ihr Wesen das Wort oder das Wasser? Ersteres, denn sonst könnten ja Fische in der Taufe leben, und ein Esel, der Taufwasser saufe, ein getaufter Christ sein wollen. Ob man auch mit Erde, Luft, Feuer, Wein, Bier usw. taufen dürfe? Einige waren für das Bier, wenn es so hell wie Wasser von der Wand fließe. Ob man in jeder Sprache taufen dürfe? Ob eine bedingte Taufe, z. B. »wenn du kein Bastard bist« oder eine unterbrochene Taufe, wenn ein Balken herabfiele und der Priester im Schrecken ausrufe: »Sakrament! was ist das!« gültig sei? Ob Engel oder Teufel gültig taufen können und was zu tun sei, wenn sich das Kind gar ungebührlich aufgeführt habe? Man war sich darin doch ziemlich einig, daß der Prophet Ezechiel reines Wasser verlangt.

Die berühmten Scholastiker _Scotus_, _Lombardus_, _Thomas von Aquino_, _Occam_, _Bonaventura_, _Albertus Magnus_ usw. prüften die Fragen: ob Gottes Sohn sich auch in einen Ochsen, Esel, Kürbis oder Teufel verwandeln könne.

Wieviele Chöre der Engel es gäbe, wie sie sitzen und was für Instrumente sie spielen.

Was man in der Hölle treibe und wie hoch die Hitze steige?

Wohin sich der transsubstanziierte Leib begäbe, wenn etwa eine Maus oder ein Wurm ins Ciborium gerate? Ob der Mund dieser Tiere so unrein sei, wie der des Sünders?

Ob auch das mit dem Wein im Kelch etwa vermischte Wasser sich in Wein oder Blut verwandle und ob man mit Bier, Apfelmost, Branntwein und Essig nicht ebensogut kommunizieren könne, als mit Wein?

Die Lächerlichkeit der Scholastik wird glänzend illustriert durch folgendes Gespräch dreier Oxforder Mönche, die den König baten ein Türchen durch die Stadtmauer brechen zu dürfen und die uns Ant. _Wood_ in seiner Historia et Antiquitates Universitas Oxoniensis (Oxford 1674) überliefert hat:

»Erleuchtetster Herr König!« -- »Wer seid ihr denn?« -- »Wir sind Magister in Euren Diensten.« -- »Was für Magister?« -- »Magister vom ehrwürdigen Haus der Kongregation.« -- »Was für ein Haus ist denn das?« -- »Habt ihr die Materie im Auge _woraus_: aus Kalk und Steinen; habt ihr die Materie im Aug' _wofür_: für die Erteilung der göttlichen Gnade; -- habt ihr die Materie im Aug' _worauf_: auf dem Gottesacker der heiligen Jungfrau.« -- »Was ist euer Begehren?« -- »Wir wollen eine Türe gemacht haben,« sprach der erste Mönch. Der zweite sagte: »wir wollen nicht eine gemachte Tür, sondern daß eine gemacht werde.« Und der dritte sagte: »Wir wollen nicht, daß eine Türe gemacht werde, sondern daß eine gemachte Tür vorhanden sei.«

Hierauf erwiderte der König: »Vortreffliche Herrn Magister, tretet ab und werdet einig untereinander und dann sollt ihr die Türe haben[1].«

Die scholastischen Spitzfindigkeiten haben ihre Vorläufer im Judentum, das ja nicht geringeren Wert auf die geschriebene Autorität legte, als unser Mittelalter. Die Kasuisten der Israeliten konnten besonders an der Sabbatfeier ihren Scharfsinn nicht genug üben. So war es am Sabbat verboten, einen Knoten zu machen oder aufzulösen. Da diese Bestimmung aber viel zu allgemein schien, entschied man: »Folgendes sind die Knoten, über deren Anfertigung man schuldig wird: der Knoten der Kameltreiber und der der Schiffer; und so wie man schuldig ist wegen deren Schürzung, so ist man auch schuldig wegen deren Lösung. R. Meir sagt: Wegen eines Knotens, den man mit der einen Hand lösen kann, ist man nicht schuldig. Es gibt Knoten, wegen welcher man nicht wie bei dem Kameltreiber- und Schifferknoten schuldig wird. Ein Frauenzimmer darf den Schlitz ihres Hemdes zuknüpfen, so auch die Bänder der Haube, die einer Leibbinde, die Riemen der Schuhe und Sandalen, Schläuche mit Wein und Öl, einen Topf mit Fleisch.« Da der Knoten an der Leibbinde gestattet war, so wurde festgesetzt, daß man auch einen Eimer über den Brunnen mit der Leibbinde festknüpfen dürfe, nur nicht mit einem Stricke.

Das Schreiben am Sabbat war verboten, und wenn es auch nur zwei Buchstaben gewesen wären. Aber nicht ohne Einschränkung: »Schreibt einer in dunkle Flüssigkeiten, in Fruchtsaft, oder in Wegestaub, in Streusand oder überhaupt in etwas, worin die Schrift nicht bleibt, so ist er frei. Schreibt einer mit verkehrter Hand, mit dem Fuße, mit dem Munde, mit dem Ellenbogen ... oder wenn jemand einen Buchstaben auf die Erde und einen an die Wand schreibt, oder auf zwei Wände des Hauses, oder auf zwei Blätter des Buches, so daß sie nicht miteinander gelesen werden können, so ist er frei. Wenn er in zweienmalen vergessend zwei Buchstaben schrieb, etwa einen des Morgens und den andern gegen Abend, so erklärt ihn R. Gamaliel für schuldig; die Gelehrten sprechen ihn frei.«

Am Sabbat war es nicht nur verboten Feuer anzuzünden, sondern auch es zu löschen, selbstverständlich unter Ausdehnung auf Lichter und Lampen: »Wer ein Licht auslöscht, weil er sich fürchtet vor Heiden, vor Räubern, vor bösem Geist, oder um eines Kranken willen, damit er einschlafe, ist frei. Geschieht es aber, um die Lampe, das Öl oder den Docht zu schonen, so ist er schuldig. R. Jose spricht ihn in jedem Falle frei, außer in betreff des Dochtes, weil er dadurch gleichsam eine Kohle bereitet.« »Man darf ein Gefäß zum Auffangen der Funken unter die Lampe setzen, aber nicht Wasser hineintun, weil man dadurch löscht.« Daß man eine Feuersbrunst am Sabbat nicht löschen durfte, versteht sich von selbst.

Die Gesetzeshüter dehnten ihre Verbote auch auf Handlungen aus, die nur möglicherweise eine Sabbatverletzung herbeiführen konnten. Demnach eine Analogie zum berühmten dolus eventualis unserer Richter: »Der Schneider gehe bei einbrechender Dunkelheit nicht mit einer Nadel aus; denn er könnte vergessen und (nach Eintritt des Sabbat) damit ausgehen. Auch nicht der Schreiber mit einem Rohre.« Ferner ist es am Sabbat verboten, bei Lampenlicht zu lesen, oder Kleider von Ungeziefer zu reinigen. Beides sind nämlich Handlungen, bei denen helles Licht besonders nötig ist, daher liegt die Versuchung besonders nahe, die Lampe zu neigen, um ihr mehr Öl zuzuführen. Das wäre aber ein Verstoß gegen das Verbot des Feueranzündens. Dem Schullehrer ist zwar gestattet zuzusehen, wie Kinder bei Licht lesen, er selbst darf es aber nicht.

Ein Arzt darf am Sabbat einem Kranken nur Beistand leisten, wenn Lebensgefahr vorhanden ist. R. Matthija ben Charasch erlaubt sogar einem an Halsschmerzen Leidenden am Sabbat Heilmittel in den Mund zu tun, weil es vielleicht lebensgefährlich sein könnte. Dies wird jedoch nur als Ansicht dieses einen Gelehrten und keineswegs als allgemein gültig angeführt. Jedenfalls darf der Arzt nur bei Lebensgefahr helfen: »Man darf nicht einen Bruch (eines Gliedes) wieder einrichten. Wer sich die Hand oder den Fuß verrenkt hat, darf sich nicht mit kaltem Wasser begießen.« Daher auch die Anfeindungen Jesu durch die Pharisäer wegen seiner Krankenheilungen am Sabbat!

Auch die jüdischen Soldaten beobachteten die Sabbatruhe gewissenhaft. So ließ sich am Anfang der makkabäischen Erhebung eine Schar von Gesetzestreuen lieber bis auf den letzten Mann niedermachen, als daß sie zum Schwert gegriffen hätte. Von da an beschloß man auch am Sabbat das Schwert zu gebrauchen, jedoch nicht zum Angriff, sondern nur zur Verteidigung.

Daß die Gesetze über Reinheit und Unreinheit mindestens ebenso sophistisch waren, wie die über die Sabbatruhe, ist hinlänglich bekannt. Uns genügen die mitgeteilten Beispiele[2].

Doch zurück zur Scholastik!

Man wird zur Entschuldigung dieses Unsinns ins Treffen führen, daß nur wenige Jahrhunderte, besonders die zweite Hälfte des 11., das 12. und 13., ihn kultivierten. Nun wäre es ja an sich schon hinlänglich betrübend, wenn zweieinhalb Jahrhunderte lang -- tatsächlich herrschte die Scholastik ja die doppelte Zeitdauer, wenn auch nicht so absolut, wie von etwa 1050 bis 1300 -- die fähigsten Köpfe der Christenheit nichts besseres zu tun gehabt hätten, als leeres Stroh zu dreschen. Aber selbst diese lahme Entschuldigung ist nicht stichhaltig. Denn wie man bereits im 5. Jahrhundert in Konstantinopel an allen Straßenecken über Dogmatik, über Gottähnlichkeit und Gottgleichheit disputiert hatte (vgl. Kultur-Kuriosa I, S. 180), so hatte man auch schon Jahrhunderte früher im Abendlande diesem müßigen Sport gehuldigt.

So zerbrechen sich im 9. Jahrhundert -- um nur ein Beispiel zu nennen -- Nonnen den Kopf darüber, ob Maria geboren habe, wie andere Frauen. Die Frage wurde in allen Details behandelt, was der Ausmalung geschlechtlicher Dinge den weitesten Spielraum ließ. Als nun nach Alt-Corvey die Kunde kam, gewisse Leute wagten zu lehren, Maria habe trotz der übernatürlichen Empfängnis Jesus ebenso geboren, wie andere Frauen ihre Kinder, erhob sich das lauteste und heftigste Geschrei über diese Häresie. _Paschasius Radbertus_ und _Ratramnus_, beides Autoritäten, widersprachen mit leidenschaftlichem Eifer. Man schuf eine Physiologie des Irrsinns, um die Jungfrauschaft der Gottesgebärerin aufrecht erhalten zu können[3].

Das war im finstersten Mittelalter! wird man einwenden. Nun, gar so finster war in mancher Hinsicht das 9. Jahrhundert gar nicht, wie die Entscheidung Karls des Großen gegen den Bilderdienst oder die Schriften des Erzbischofs _Agobard von Lyon_[4] beweisen, der sich gegen das Wettermachen der Hexen u. a. wendet. Aber immerhin sei zugegeben, daß die Menschen von damals noch sehr barbarisch dachten, ihre Kenntnisse gering waren, ihre Frömmigkeit kindlich.

Die Scholastik verbunden mit widerlicher Frömmelei, saß unsern Altvordern noch Jahrhunderte lang so tief in den Knochen, daß sich auch die Poesie von ihr nicht freimachen konnte. Der neue Meistergesang des ausgehenden 15. Jahrhunderts, der in Nürnberg seine Wiege hatte, schuf nicht nur eigene Töne mit eigenen Namen, sondern war auch anscheinend bestrebt, den Gesängen einen neuen Inhalt zu geben. Aber das war nicht so einfach, denn die älteren Meister zum mindesten konnten auf die scholastischen Grübeleien und auf die Metaphysik nicht verzichten. Besonders wurden kirchliche Dogmen und kirchliche Traditionen als Gegenstand der Poeterei erkoren.

Was dabei herauskam, läßt sich denken. Sang man doch in scholastischer Weise mit allen Künsten der Dialektik, aber natürlich mit steter Unterordnung unter die kirchliche Lehre, über so hochpoetische Themen wie: Wo Gott gewesen, ehe die Welt geschaffen war. Wie das Verhältnis der drei Personen in der Trinität beschaffen sei. Wie sich die Gottheit von ihrem eigenen Geschöpf habe gebären lassen können. Wie es möglich gewesen, daß die Geburt Gottes des Sohnes mit der Unbeflecktheit der Jungfrau sich habe vereinigen lassen. Wie die Ubiquität Gottes des Sohnes im Sakrament des Altars zu fassen sei. Selbst Hans _Folz_, der ja als Neuerer des Meistergesanges auftrat, beschäftigte sich in vielen Gedichten ganz in althergebrachter Weise mit diesen Dingen. Von den übrigen Meistern der Schule aber, soweit ihre Gedichte mit Wahrscheinlichkeit ermittelt werden können, hat sich kaum einer mit einem andern Gegenstande befaßt[5].

So weit kann also eine gelehrte Dummheit von ihrer Zeit Besitz ergreifen, daß selbst die Poesie keinen andern Stoff findet, als diesen schon für prosaische Behandlung zu langweiligen, und daß die Rechtgläubigkeit und dogmatische Korrektheit höher gewertet wird, als freischaffende Phantasie!

Doch das ist ja alles noch Mittelalter, wird man einwenden.

Was aber sagt der unverbesserliche Lobredner menschlicher Intelligenz zu Schriften, die vor wenigen Jahrhunderten, ja noch an der Schwelle der Gegenwart im gleichen Geiste abgefaßt wurden? Was dazu, wenn er erfährt, daß es sich um _protestantische_ Theologen handelt, denen man ja geneigt ist gegenüber ihren katholischen Amtsbrüdern eine gewisse geistige »Freiheit«, ein größeres Anpassungsvermögen an die realen Bedürfnisse des Lebens, an den Zeitgeist, nachzurühmen? Sehen wir uns diese Literatur einmal an!

»Schriftmäßige Abhandlung von dem _Dienste der Engel bey den Eheverbindungen der Frommen_, über Gen. XXIV, 7 und 40 ...« heißt eine Broschüre, die im Jahre 1753 in Altenburg aus der Feder des Gymnasialprofessors Salomon _Ranisch_ erschien. Er beweist nicht nur aus der Bibel sein Thema für die Vergangenheit, sondern spricht auch die Meinung aus, daß noch heute Engel als Heiratsvermittler fungieren. Allerdings nur bei Frommen.