Chapter 16 of 17 · 3999 words · ~20 min read

Part 16

Einwohner des Ortes Korano bei Neapel sahen noch im Cholerajahr 1885 auf einem benachbarten Hügel, auf dem eine Kapelle stand, die _Madonna_ in schwarze Gewänder gehüllt, für die Errettung der Menschheit betend. Die Kunde von diesem Ereignis zog alsbald solche Menschenmassen nach Korano, daß sich die italienische Regierung veranlaßt sah, zur Verhütung weiterer Ausbreitung der Halluzinationsepidemie den Hügel polizeilich abzusperren, und die Kapelle zu beseitigen. Natürlich könnte sich jeden Tag wieder etwas Ähnliches ereignen[20].

* * * * *

Daß die Dummheit auch in den gebildeten Kreisen Masseninfektionen ermöglicht, lehrt die Geschichte der »_Königsberger Mucker_«.

In den ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts erregte in Königsberg, ausgerechnet in Königsberg, der Stadt Kants, eine Sekte berechtigtes Aufsehen. Zwei Geistliche, der Archidiakon _Ebel_ von der Altstädter Kirche, und der Prediger _Diestel_ von der Haberger Kirche hatten sie ins Leben gerufen, und zwar ausschließlich aus den höchsten Gesellschaftsschichten. Grafen und Barone, Gräfinnen und Geheimrätinnen, Offiziere und ein jüdischer Professor hatten sich zu Ebels Gemeinde die Bruderhand gereicht, und tatsächlich hatte dieser dafür Sorge getragen, daß man auf seine Kosten kam.

Das Zeremoniell interessiert uns am meisten, denn die Lehre war schließlich auch nicht viel dümmer, als manche offiziell vertretene, und wenn sich Ebel als »_des Menschen Sohn_« feiern ließ, so will das alles noch gar nichts besagen gegen die Art, in der dies geschah.

Es handelte sich natürlich um eine Geheimlehre. Da war vor allem die Rangordnung wichtig, die Ebel in seinem Reiche einführte. Hinter ihm, als Spitze, folgten drei Frauen, die Gräfin v. d. G. als Ebels erste Frau im Geiste als »Lichtnatur«, Emilie v. S. als seine zweite Frau im Geiste in der Eigenschaft als »Finsternisnatur« und endlich seine angetraute Gattin als dritte Frau im Geist. Sie repräsentierte die »Umfassung«. In psychischer und physischer Hinsicht stand sie dem heiligen Ebel weit weniger nah, als seine vornehmen und schönen Seelenbräute. Auf diese drei Frauen folgte dann in genauer Rangordnung die übrige fromme Gemeinde.

Wo so viel vom Geist die Rede ist, darf natürlich der Körper nicht darben. Und daß er das nicht tat, dafür hatte Ebel in bewundernswerter Weise gesorgt. Da war zunächst die _Beichte_.

Die Angehörigen der engeren Gemeinde hatten von Zeit zu Zeit zu beichten, und zwar nicht etwa Ebel selbst, sondern den drei »Frauen im Geiste«. Worauf es hier besonders ankam, waren natürlich geschlechtliche Sünden mit inbegriffen die einfache Gedankenunzucht. »Je überströmender man in dieser Hinsicht war, je empörenderer Ausdrücke man sich bediente,« so erzählt Professor _Sachs_ als Eingeweihter, »desto höher wurde man gestellt, desto mehr als im wahren Ernst der Heilung stehend, wurde man betrachtet. Schien das Bekannte nicht wichtig, d. h. nicht arg genug, so erregte das Unzufriedenheit und wurde ein Festhalten am Argen, ein Unterhandeln mit dem Teufel, Lauheit, ärger als kalt und warm genannt, und nun begann das heftigste und andringlichste Pressen auf andere und geschärftere Bekenntnisse. Kamen solche hervor, so wurde Gott gepriesen, der das Herz eines Verstockten erweicht hatte.«

Im Zeremoniell der Ebelschen Mysterien spielte der »_Seraphinenkuß_« eine große Rolle. Er bestand darin, daß sich die Gläubigen verschiedenen Geschlechts mit den Zungenspitzen berührten.

Doch gab es noch eine weit vollkommenere Methode zur stufenweisen Läuterung und fortschreitenden Heiligung der Mitglieder dieser frommen Gemeinde. Im wesentlichen bestand diese heilige Prozedur darin, daß in den Versammlungen Frauen irgendwelche, für gewöhnlich dem männlichen Anblick entzogene _Teile ihres Körpers entblößten_. Die Männer hatten dabei die ihnen sicherlich nicht wenig sauer fallende Aufgabe, die ganze Herrlichkeit ohne Empfindung von Sinnenlust zu betrachten. Da das natürlich nicht so einfach war, wurde eifrig geübt. Übrigens hat auch diese Art der Abtötung, wie wir an anderer Stelle ausführten, in der von der Kirche gebilligten »Askese« ihr Vorbild.

Die Erfolge der Methode waren, wie ja vorauszusetzen, glänzend. Sachs schreibt darüber:

»Schon das unaufhörliche starke Küssen und Umarmen, das gang und gäbe war, die ungenierte Art der körperlichen Annäherung auch da, wo von geschlechtlichen Übungen zur Heilung keine Rede war, sondern die zur gewöhnlichen Art des Zusammenseins gehörte (denn in Gegenwart irgendeines Fremden, draußen Stehenden, trat das förmlichste und zierlichste Zeremoniell ein), schon dies konnte nicht verfehlen, jene Wirkung sinnlicher Erregung auszuüben, zumal viele der Frauen mit vielen Reizen des Äußeren, wie des Geistes ausgestattet waren. Wer etwa sagen wollte, es sei ihm hierin anders ergangen, von dem scheint es mir, daß er sich belüge oder wenigstens täusche.«

Wir brauchen nicht die Versicherung des Mediziners Sachs, der in der ganzen frommen Geschichte keine rühmliche Rolle spielte, um an der Wirkung der Übungen nicht zu zweifeln.

Ebel hatte sich selbst eine besonders schwere Form des Gottesdienstes vorbehalten: Zur Herstellung von einer Hautkrankheit besuchte er das Seebad Tenkitten bei Fischhausen, wo ihn ein Teil seiner weiblichen Gemeinde pflegte. Als ihn einst der behandelnde Arzt besuchen wollte, wie er gerade im Bade saß, bemerkte er schon von weitem, daß in dem nahe gelegenen Damenbad gebadet wurde. Kaum hatte man von dort seine Annäherung wahrgenommen, als eine halb entkleidete Dame ihm entgegenrannte und ihn beschwor, fern zu bleiben, weil _Ebel gerade von den Damen gewaschen und gebadet würde_! Zehn bis zwölf jüngere und ältere Damen standen entkleidet halb im Wasser um ihren Oberpriester herum, um ihm »voll Eifer Hilfsleistungen zu tun, von denen das Schamgefühl mit Unwillen sich abwendet«.

Daß Ebel sich auf so angenehme und billige Weise mit einem Harem zu versorgen wußte, mag für seine Sittlichkeit nicht eben rühmlich sein, jedenfalls macht es aber seiner Intelligenz alle Ehre. Was aber soll man von den Damen seiner Gemeinde denken, die ohne Rücksicht auf Schamgefühl und Standesbewußtsein sich bereitwillig seinen Wünschen fügten!? Was von der Gräfin Ida v. d. G., einer jungen Witwe, die durch Geburt, Charakter und Schönheit gleich ausgezeichnet war? Und doch glaubte sie, ungeachtet ihrer hohen Bildung, in Ebel Gottes Sohn verehren zu müssen. Sie glaubte es auch noch, als das Gericht über die »Mucker von Königsberg« sein Urteil gefällt, Ebel seines Amtes entsetzt und als sittlich verworfenen Menschen gebrandmarkt hatte. Sie verließ ihn auch dann nicht und opferte ihm Stellung, Familie, Vermögen, ja pflegte ihn bis an sein Ende (1861). Und zwar darf man nicht annehmen, daß sie mit ihm im Konkubinat lebte, wenn auch eine unbewußte Erotik sie sicherlich zu dem schönen Manne hinzog. Es war pure Dummheit[21].

Ganz gewiß nicht intelligenter war die Gemeinde, die sich um den _Henry James Prince_ in England scharte. Er hatte seinen weiblichen Anhang so betört, daß er sich eines Tages folgendes leisten konnte: in offener Versammlung kündete er an, »in der Kraft Gottes werde er eine Jungfrau sozusagen zum Weibe nehmen, nicht mit Fürchten und Schämen an geheimer Stelle und bei verschlossenen Türen, sondern offen im Lichte des Tages und in Gegenwart aller Heiligen beiderlei Geschlechtes. Gottes Wille sei es, daß er sie nehme und er werde niemanden fragen, am wenigsten die Erwählte selbst. Welche er nehmen würde, sagte er nicht. Die Jungfrauen sollten sich also bereit halten, da niemand wissen könne, wann der Bräutigam käme. Zuerst wollte er sie besiegeln mit einem Kuß, dann sie herzen und an sich halten, so daß der himmlische Geist und das Ding von Erde miteinander verwüchsen und fortan eins seien an Leib und Seele.«

Tatsächlich passierte das Unerhörte. An der von ihm gegründeten »Stätte der Liebe« (Agapemone) _deflorierte er in offener Versammlung der Gläubigen ein schönes Mädchen_ namens Miß Paterson!

Die Folge davon war, daß allerdings einige Mitglieder der Gemeinde sich von Prince lossagten, _die Mehrzahl scharte sich aber um so dichter um den Heiligen_!

* * * * *

Übrigens hatte er in Norddeutschland einen Vorläufer gehabt in der Person des Johann Paul Philipp _Rosenfeld_ (geb. 1731). Wiewohl aus guter Familie stammend, trieb er sich in bettelhafter Kleidung als Vagant herum, da seine Faulheit ihn an der Ausübung eines Berufes hinderte. Da kam er auf den Gedanken, die Dummheit als unerschöpfliche Goldader auszubeuten, und er sollte glänzenden Erfolg haben. Durch geheimnisvolle Andeutungen über seine Person, Prophezeiungen, Angriffe auf Geistlichkeit, Taufe, Kirchenbesuch, weltliche Obrigkeit usw. usw. verstand er es, sich in bengalische Beleuchtung zu setzen und den Landleuten den Glauben beizubringen, er sei der wahre Messias und Gottessohn. Er stellte ihnen das ewige Leben schon auf Erden in Aussicht, doch war daran eine Bedingung geknüpft. Er erklärte, die Schlüssel zum verschlossenen Paradies zu besitzen, sowie das »Buch des Lebens, das nach der Beschreibung in der Offenbarung Johannis mit sieben Siegeln versiegelt sei. Um das Erlösungswerk zu vollenden, müsse er die Siegel öffnen und dazu müsse er sieben Jungfrauen haben«.

Seine Anhänger, höchst ehrbare, wenn auch, im Gegensatz zum Königsberger Fall, ungebildete Leute, waren gern bereit, ihm diesen bescheidenen Wunsch zu erfüllen, doch waren unter der damaligen Gemeinde in Prenzlow (Brandenburg) keine sieben Jungfrauen aufzutreiben und so mußte die Zeremonie verschoben werden.

Daß Rosenfeld im Jahre 1769 ins Irrenhaus, ein Teil seiner Gemeinde nach Spandau gebracht wurde, schürte den Glaubenseifer nur an und trug zur Vermehrung der Anhängerschaft bei. Er hatte nunmehr den Hauptsitz seiner Tätigkeit nach Biesental verlegt und bewirkt, daß die Rosenfeldianer aus friedlichen Bürgern zu Fanatikern und Radaubrüdern geworden waren. Sie bedrohten ihren Pfarrer und veranstalteten 1770 einen förmlichen Tumult.

Rosenfeld hatte im Irrenhaus seinen Plan der Siegeleröffnung keineswegs aufgegeben. Unter seinen getreuesten Anhängern befand sich auch der Schäfer Gumto aus Mecklenburg-Schwerin. Ihm gegenüber hatte er sein Inkognito gelüftet und sich Gumto und dessen Frau als _wahrer Heiland_ vorgestellt, dem zur Öffnung des Buches mit sieben Siegeln nur eine Kleinigkeit, nämlich die besagten sieben Jungfrauen, fehlten. Da Gumto drei Töchter hatte, so machte ihm Rosenfeld klar, daß unter den von Anbeginn der Welt zur Entsiegelung bestimmten Jungfrauen auch sie sich befänden. Würde der Schäfer sie ihm nicht ausliefern, dann würden alle Seelen über ihn »Ach« schreien.

Die Vorstellung der über ihn »Ach« schreienden Seelen machte begreiflicherweise auf den Schäfer den tiefsten Eindruck. Er wollte durch seine Weigerung nicht eine schreckliche Schuld auf sich laden und war bereit die drei Töchter auszuliefern. Aber sie waren leider noch zu jung! Doch die Zeit verging schnell und Rosenfeld befahl aus dem Irrenhaus -- das man sich darnach als ein recht fideles Gefängnis vorstellen muß -- dem Ehepaar Gumto, die älteste 15jährige Tochter ihm zuzuführen.

Die Frau übernahm die Überbringung und schärfte der Tochter unterwegs ein, den Befehlen des Propheten ja genau zu folgen, sonst wäre sie ewig verflucht, da sie ja schon von Geburt an zu einer der sieben Jungfrauen erkoren sei. Unterwegs nahm man noch einen Mann und eine Frau, ebenfalls Rosenfeldianer, mit, um der bevorstehenden Zeremonie mehr Weihe zu verleihen.

»In der Dämmerung kamen die vier Personen im Irrenhaus an und wurden vom Türhüter in eine besondere Stube gewiesen. Rosenfeld, von ihrer Ankunft benachrichtigt, erschien. Er fragte das Mädchen, ob sie eine _Braut Christi_ werden wolle? Sie antwortete: Ja! Er fuhr fort: So müsse sie auch alles tun, was er von ihr verlange. Ob sie das aufrichtig wolle? Als das Kind auch hierauf ja antwortete, _legte er sie auf ein dastehendes Bett und vollzog den Beischlaf mit ihm im Angesicht der gegenwärtigen Personen_, nämlich der _eigenen Mutter_, ihres nachmaligen Schwagers Lüdemann und einer Frau Naumann.«

Auf Grund günstiger Berichte über seine Aufführung(!) im Irrenhaus wurde Rosenfeld im März 1771 aus der Irrenanstalt entlassen und ließ sich 1775 dauernd in Berlin nieder. Hier verlangte er nun zum Erlösungswerke von seinen Anhängern die sieben Jungfrauen. Man fand das ganz selbstverständlich und außer den drei Töchtern Gumtos lieferte ihm noch der Weber Glanz aus Biesental zwei und ein anderer Anhänger, namens Meyer die beiden letzten.

Die armen Kinder behandelte er nun wie Sklavinnen, die er nach Laune rief und fortschickte und im übrigen vom Morgen bis zum Abend für ihn arbeiten ließ. Während er eine der sieben liebte und mit ihr drei Kinder erzeugte, verhütete er Nachkommenschaft bei den sechs anderen, die diesen faulen Wollüstling durch ihrer Hände Arbeit ernähren mußten. Als eine der armen geplagten und halb verhungerten Geschöpfe aus Hunger und Kummer zu ihrer Mutter floh, genügte die Drohung Rosenfelds, wenn sie nicht zurückkehre, gehöre sie nicht zu den sieben glücklichen Jungfrauen, sondern sei ewig verdammt und verloren, um die Mutter zu veranlassen, die Tochter zur Rückkehr zu zwingen. Zwei der Jungfrauen starben, zwei Töchter Gumtos heirateten Rosenfeldianer. Niemand beschwerte sich.

Endlich im Jahre 1780 leitete Gumto eine Klage gegen Rosenfeld ein, da er seine messianischen Verheißungen nicht erfüllt habe, wiewohl der Kläger 15 Jahre sein treuer Anhänger war, ihm drei Töchter auslieferte und in Armut, Spott und Verachtung gefallen sei. Er bat Friedrich den Großen, Rosenfeld zu prüfen, ob er wirklich der rechte Messias sei. Gumto erklärte aber in der Eingabe, »daß, was an ihm sei, er sich nach der Schrift und nach der Vernunft _völlig überzeugt habe, daß Rosenfeld wirklich der sei, für den er sich ausgebe_, nämlich _der gerechte und lebendige Gott_!« Natürlich hatte der Schwindler jetzt ausgespielt und mußte mit Staupenschlag und lebenslänglicher Festungshaft seine Verfehlungen büßen[22].

* * * * *

Eine einfache, aber raffinierte Schuhmachersfrau namens _Ulbricht_ gründete in einem Dorfe in der Nähe Dresdens eine religiöse Sekte, die 1887 70 Mitglieder zählte. Sie verbreitete den Grundsatz des Kommunismus und das Gebot der geschlechtlichen Abstinenz, auch bei Verheirateten. Sie gab vor »Sendbotin Christi« zu sein, hatte öfter göttliche Inspirationen, in welchen sie mit geschlossenen Augen (die aber dann mit blauer Brille verdeckt waren), sich in einer Art länger dauernder ekstatischer Hypnose zu befinden schien und erteilte in diesem Zustande der Gemeinde detaillierte Weisungen über die Art, in der sie ihr, der Prophetin, _ihr Vermögen anzuvertrauen hätten_. Das geschah auch wirklich und einzelne lieferten ihr den ganzen Besitz, bis zu 30000 Mark aus. Von den Mitgliedern der Sekte reisten mehrere im Lande herum und heilten Kranke durch Händeauflegen.

Endlich wurde ein Bauer mißtrauisch, zeigte die Frau an und führte ihre Verhaftung herbei. Die Ulbricht legte ein volles Geständnis ab und bekannte, daß sie als ehemaliges spiritistisches Medium die Praktiken zur Täuschung der Bauern erlernt habe. Wegen Betruges wurde sie zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Merkwürdig und für die unüberwindliche Macht der Dummheit Zeugnis ablegend ist nun die Tatsache, daß sie nach ihrer Rückkehr aus der Strafhaft _von der Mehrzahl ihrer Gläubigen wieder als Prophetin anerkannt wurde_ und daß die Sekte noch 1898, vielleicht auch heute noch, fortbestehen konnte[23].

* * * * *

Wohl die harmloseste Form, in der die religiöse Dummheit sich der Massen bemächtigen kann, ist die der Wut zu predigen.

In Schweden trat in den Jahren 1840 und 1841 diese merkwürdige religiöse Volkskrankheit auf und verbreitete sich über _mehrere tausend Personen_. Bei jeder kleinen Aufregung begannen lokalisierte Zuckungen im Körper oder Gesicht und es folgte der unwiderstehliche _Drang zu predigen_, d. h. von den Visionen, die die guten Leute erfüllten, zu berichten, vor Laster, Trunk und Lüge usw. zu warnen. Das Volk nannte daher diese hystero-epileptische Seuche »_Predigerkrankheit_«[24].

Nach dem Vorangehenden wird niemand mehr bezweifeln, daß auch heute noch, trotz aller Aufklärung, Bildung und »Kultur« ähnliche Vorkommnisse möglich sind. Ja, vor wenigen Jahren erst, 1907, hat sich eine derartige _Schwärmerbewegung_ gezeigt und zwar _in Hessen_.

In Kassel und dessen weiterer Umgebung versammelten sich religiös erregte Volksmassen, um zwei Norwegerinnen, die behaupteten, die Gabe des Zungenredens von Gott zu besitzen und vom Evangelisten _Heinrich Dallmayer_ nach Kassel gebracht worden waren, zu lauschen. Die beiden Damen schrien zwar nur in unverständlichen Tönen und gaben vor, daß es der Geist Gottes sei, der aus ihnen rede. Das genügte aber der frommen Gemeinde, die sich zuerst im »Blauen Kreuz« zusammenfand, vollständig als Befähigungsnachweis. Man feierte sie also als Prophetinnen. Aber das Zungenreden wirkt ansteckend. Kaum hört die Versammlung die mit wildem Enthusiasmus hervorgestoßenen Worte, als sich auch schon neue Zungenredner melden. Die Norwegerinnen verschwinden von der Bühne und der Hexensabbat beginnt.

Als Großalmerode, das von dieser heiligen Sekte hörte, eine Deputation in die Kasseler Versammlung geschickt hatte, kann sie sich, in die Heimat zurückgekehrt, eines Zungenredners rühmen. Auch dieser wirkte Wunder, denn nach wenigen Tagen gab es in Großalmerode ein halbes Dutzend, ja Dutzende, die diese Gabe zu besitzen behaupteten, und in Bälde galt es sogar als höchst auffallend, wenn ein junges Mädchen, ein halbwüchsiger Bursche, nicht ebenfalls zungenredeten.

Die Symptome nun, die sich überall, denn Großalmerode war keineswegs der einzige Schauplatz dieses Blödsinns, gleichmäßig zeigten, waren folgende: Wenn die Stunde gekommen ist, verfällt der Zungenredner in einen regelrechten Krampf. Mit leichten Zuckungen beginnend, endet er mit den wildesten Gliederverrenkungen. Die Gesichter sind verzerrt, die Augen starr, die Arme werden wild und sinnlos durch die Luft gewirbelt und der ganze Körper schüttelt sich rhythmisch, wie in furchtbaren Wehen. Das Knacken der Glieder und ein wüstes, schauerliches Zähneklappern bildet die Begleitmusik. Dann hört man wieder jammervolles Stöhnen, Seufzen und Schluchzen, das nur von einzelnen mehr geheulten, als gesprochenen Gebetsrufen unterbrochen wird.

Das ist der Auftakt. Nunmehr beginnt plötzlich und gewaltsam das eigentliche Zungenreden. Eine Anzahl unverständlicher Laute wird ungestüm in die Versammlung geschleudert. Meistens sind es komplizierte und verworrene Orakelsprüche. Ein Ohrenzeuge hat einen der einfachsten Sätze festgehalten. Er lautet: »Schallo mo, dall badbad wotschikrei.« Die meisten lassen sich aber in unserer Buchstabenschrift gar nicht wiedergeben.

Ein Mädchen hatte es sich bequemer gemacht, indem es in seiner Besessenheit immer »toje, toje, toje ... to« schrie. Das genügte aber auch vollständig den Offenbarungssuchern und ließ sich als höhere Weisheit unschwer interpretieren.

Denn das Zungenreden allein tut es nicht. Die goldenen Sprüche müssen erst durch einen Ausleger der misera plebs verdeutlicht und verdeutscht werden. Daß dieser Interpret sich nicht viel anders benimmt, als die Zungenredner, ist sicher eher dazu angetan seine Autorität zu erhöhen, als zu vermindern.

Übrigens setzte sich die Versammlung ganz systematisch durch stundenlanges Knien verbunden mit der Monotonie des ewigen Betens, Seufzens und Jammerns, die dann plötzlich durch die tollen Ausbrüche der Zungenredner unterbrochen wurde, in eine seltsame, für alles Mystische empfängliche Stimmung. Dazu kam die von Augenblick zu Augenblick geschickt gesteigerte Erwartung, daß nunmehr etwas besonders Großartiges sich ereignen müsse.

Daß keineswegs nur Ungebildete sich an diesem Wahn, dem nach geraumer Zeit die Regierung ein Ende bereitete, beteiligten, geht schon daraus hervor, daß der _Pfarrer des Ortes sich an die Spitze der Bewegung stellte_[25].

* * * * *

Wenn wir im Kometenjahre 1910 soundsooft in den Zeitungen von Leuten lesen mußten, die aus Furcht vor dem Weltuntergang selbst Hand an sich legten, so waren das ja alles gewiß keine Beweise von hoher Intelligenz. Immerhin ist der Gedanke, durch Zusammenstoß mit einem Himmelskörper vernichtet zu werden, vielleicht falsch, aber an sich keineswegs dumm. Der Halleysche Komet stand ja am Himmel, er näherte sich mit unheimlicher Geschwindigkeit; daß die Erde in seine Nähe kommen würde, war gewiß; also war doch zweifellos eine Ursache der Furcht vorhanden, wenn auch nicht für Naturkundige. Zudem handelte es sich wohl ausnahmslos um Landleute, die ein sicheres Ende einem möglichen vorzogen, und ferner betreffen die Fälle meist Ungarn und weniger zivilisierte Länder.

Was aber sagen wir dazu, wenn im aufgeklärten Deutschland im Jahre 1912 sich in Bad Godesberg, in nächster Nachbarschaft der Universitätsstadt Bonn eine Sekte bildet, die den Weltuntergang prophezeit und zwar ausgerechnet auf den 21. März 1912 und wenn diese Sekte Gläubige in gebildeten Kreisen findet?

Ein wahnwitziger Schwärmer hatte aus der Bibel den untrüglichen Beweis für seine Prophezeiung erbracht. Seine Weisheit hatte er in einem Schauertraktätchen unter die Leute verteilt. Natürlich fand er Gläubige, die sich auf diesen großen Tag entsprechend vorbereiten wollten. Unter ihnen befand sich auch eine Dame besten Standes, die »um ganz rein vor dem Heiland zu erscheinen«, sich einer radikalen Leibesreinigung unterzog. Ein einfaches Bad genügte ihr nicht in ihrem frommen Sinne und so schüttete sie denn in das Badewasser ein _großes Quantum Salzsäure_. Die Folge blieb nicht aus: beim Verlassen des Wassers löste sich die Haut vom ganzen Körper ab, so daß die Unglückliche in die Klinik verbracht werden mußte, wo sie wohl inzwischen ihren Leiden erlegen ist[26].

* * * * *

Wir sind am Ende!

Wer bezweifelt noch, daß es ausnahmslos die Autoritäten und zwar fast ausschließlich die religiösen Autoritäten waren und sind, die durch törichte Lehren der Dummheit oft in ihren furchtbarsten Formen Anregung boten und Vorschub leisteten, ja noch leisten? Die Dummheit aber gehört zum kostbar gehüteten, unverlierbaren Besitz der Menschheit.

Literaturnachweis

I. Kapitel

[1] Vorstehende Beispiele nach Carl Julius Weber, Demokritos, Ausg. bei C. H. Otto, Berlin, III. Bd., S. 216 f.

[2] Vgl. Emil Schürer, Gesch. d. jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi, 2. Bd., 4. Aufl., Leipzig 1907, S. 553 ff. Die Reinlichkeitsgesetze ebenda, S. 560 ff.

[3] Hermann Reuter, Gesch. d. religiösen Aufklärung im Mittelalter, I, S. 41 ff.

[4] Über Agobards Schriften vgl. W. Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen, I. Bd., 6. Aufl., S. 211, Anm. 3.

[5] Karl Goedeke, Dichtungen von Hans Sachs, I. Teil (Deutsche Dichter des XVI. Jahrhunderts, IV, 1), Leipzig 1870, S. XXII der Vorrede.

[6] Vgl. Das Merckwürdige aus den kleinen deutschen theologischen, philosophischen und philologischen Schriften, welche vor kurtzen an das Licht getreten, II. Bd., Leipzig 1756, S. 469 ff., 519 ff. und 529 ff.

[7] Ebenda, II. Bd., S. 170 ff.

[8] Ebenda, II. Bd., S. 1049 ff.

[9] Ebenda, I, Leipzig 1753, S. 65 ff.

[10] Bayle, Dictionnaire historique et critique, Rotterdam 1698, I. Bd., p. 21, Artikel Abel.

[11] Das Merckwürdige etc., I, S. 445 f.

[12] Ebenda, I, S. 143 ff.

[13] O. Zöckler, Geschichte der Beziehungen zwischen Theologie und Naturwissenschaft, I. Bd., S. 628.

[14] Ebenda, I, S. 629.

[15] Ebenda, I, S. 689.

[16] Vgl. W. E. Hartpole Lecky, Geschichte des Ursprung und Einflusses der Aufklärung in Europa. Übers. von H. Jolowicz, Leipzig und Heidelberg 1868. I. Bd., S. 209 ff. und Zöckler, Theologie und Naturwissenschaft, I, S. 338 ff.

[17] Vgl. W. E. Hartpole Lecky, Geschichte des Ursprung und Einflusses der Aufklärung in Europa. Übers. von H. Jolowicz, Leipzig und Heidelberg 1868. I. Bd., S. 209 ff. und Zöckler, Theologie und Naturwissenschaft, I, S. 338 ff.

[18] Lecky, Gesch. d. Aufklärung, I, S. 230, Anm. 2.

[19] Das Merckwürdige etc., I, S. 614 f.

[20] Zöckler, Theologie und Naturwissenschaft, II, S. 47.

[21] Ebenda, II, S. 44 f., 351 und 471 ff.

[22] Vgl. C. Fr. Keil, Die biblische Schöpfungsgeschichte und die geologischen Erdbildungstheorien in Kliefoths Kirchlicher Zeitschrift, 1860, S. 479 ff. (nach Zöckler).

[23] Zöckler, II. Bd., S. 471-475, S. 558, Anm. 41 und S. 353.

[24] Ebenda, II. Bd., S. 703.

II. Kapitel

[1] O. Zöckler, Askese und Mönchtum, I. Bd., 2. Aufl., 1897, S. 237 f.

[2] Ebenda, I. Bd., S. 171 ff. und 177 ff.

[3] Lecky, Gesch. d. Aufklärung, I, S. 241, Anm.

[4] Zöckler, Askese und Mönchtum, I, S. 300, Anm. 2 und S. 302 f.

[5] Ebenda, I, S. 238 f.

[6] Gioja, Philosophia della Statistica tom, II, p. 389 zitiert nach Lecky, Gesch. d. Aufklärung, II, S. 34.

[7] Lecky, Sittengeschichte Europas, II. Bd., S. 121.

[8] Ebenda, II, S. 107.

[9] Ebenda, II, S. 99 und 103.

[10] Ebenda, II. Bd., S. 100.

[11] Zitiert nach Lecky.

[12] O. Zöckler, Askese und Mönchtum, S. 529, Anm.

[13] Ebenda, I, S. 265 und 267.

[14] Ebenda, I, S. 279 f.

[15] Lecky, Sittengeschichte Europas, II. Bd., S. 99.

[16] Rieß, P. Canisius, S. 514, zitiert nach S. Riezler, Gesch. Baierns, VI, S. 252. Die Puritaner Schottlands forderten dasselbe. Vgl. H. Th. Buckle, Gesch. der Civilisation in England, übers. von A. Ruge, 7. Aufl., Leipzig 1901, II. Bd., S. 376 ff.

[17] (Lipowsky) Gemälde aus dem Nonnenleben, München 1808, S. 65-77.

[18] Ebenda, S. 89 f.

[19] O. Zöckler, Askese und Mönchtum, I. Bd., S. 579 f.

III. Kapitel

[1] Graf von Hoensbroech, Das Papsttum in seiner sozialkulturellen Wirksamkeit, I. Bd., 5. Aufl., 1905, S. 215-220.

[2] Ebenda, I. Bd., S. 384 ff.

[3] Kemmerich, Kultur-Kuriosa I, 10. Tausend, S. 242 ff. Teilweise einschlägig auch S. 53 ff.

[4] Jakob Burckhardt, Die Cultur der Renaissance in Italien, 7. Aufl., II. Bd., S. 73 und Exkurs LXXVII.

[5] Hoensbroech, Das Papsttum, I. Bd., S. 387 ff.

[6] Lecky, Gesch. der Aufklärung in Europa, I. Bd., S. 61, Anm. 3.

[7] Hoensbroech, 1. Bd., S. 428 ff.

[8] Ebenda, I, S. 442 ff.

IV. Kapitel

[1] Lecky, Gesch. der Aufklärung in Europa, I, S. 66 ff.

[2] Garinet, Histoire de la magie en France, p. 280, zitiert nach Lecky.

[3] Lecky, Gesch. d. Aufklärung, I, S. 79-82.