Chapter 4 of 17 · 3979 words · ~20 min read

Part 4

Die, eingangs erwähnte, an sich sicherlich ganz berechtigte Lehre, daß man sich nicht durch persönliche kleinliche Rücksichten, vermeidbare Schwächen, dazu verleiten lassen darf, große Ziele aufzugeben, daß man nicht früh genug die jugendliche Sentimentalität abstreifen soll und, ohne sich über das Notwendige hinaus zu verhärten, gegen Heimweh und Trennungsschmerz schon deshalb ankämpfen muß, weil es unvermeidliche Übel sind, Tatsachen, mit denen der Weise fertig werden muß, führten zu recht widerlichen Konsequenzen bei unseren Asketen. Hartherzigkeit, Unempfindlichkeit gegen menschliche Leiden, Undankbarkeit gegen erwiesene Wohltaten gehören wohl sicherlich zu den abstoßendsten menschlichen Fehlern. Gewiß muß der Feldherr, ohne sich durch das Jammern der Verwundeten, das Röcheln der Sterbenden erweichen zu lassen, unter Umständen Tausende opfern. Er hat das größere Ziel, die Erhaltung des Vaterlandes, im Auge. Weichen Regungen hier nachzugeben, die Schonung von Tausenden auf dem Schlachtfelde mit der Auslieferung von Hunderttausenden daheim an einen siegreichen Gegner zu erkaufen, wäre eine Pflichtwidrigkeit. Sicherlich muß der Operateur ohne Rücksicht auf die Schmerzen des Patienten seine blutige Kunst ausüben, wenn es Höheres gilt, die Erhaltung des Lebens. Der Missionar darf nicht an die Lieben daheim denken, so wenig wie der Forschungsreisende, wenn er in die Ferne zieht zur Ausübung seines schweren und entsagungsvollen Berufes. Höhere Rücksichten müssen eben immer und überall den minder hohen vorangestellt werden. Zu den schwierigsten im Leben zu erlernenden Künsten gehört sicherlich, sich jederzeit über das, worauf es ankommt, über das Essentielle, klar zu sein.

Sonach kann man es auch gewiss verstehen und gutheißen, wenn Christus seinen Jüngern anbefiehlt, ihre Familien zu verlassen, um ihm in die Fremde zu folgen. Zu Hause sitzend, hätten sie eben die Lehre unmöglich verbreiten können. Was aber wurde aus diesem in der Natur der Sache liegenden Gebot?

Was macht die Dummheit aus ihm?

Wer zweifeln sollte, daß die Hartherzigkeit kirchliches Gebot war, wird eines Besseren belehrt durch die Geschichte, die _Gregor der Große_ (Dial. II, 24) erzählt: Ein Knabe war in ein Kloster eingetreten. Die Liebe zu seinen Eltern übermannte ihn aber derart, daß er eines Nachts sie heimlich besuchte. Er starb jedoch am Tage seiner Rückkehr, und als er begraben wurde, weigerte sich die Erde, einen so schändlichen Verbrecher aufzunehmen. _Seine Leiche wurde wiederholt aus dem Grabe geschleudert_ und konnte erst in Frieden ruhen, als der heilige _Benedikt_ ihr das Sakrament auf die Brust gelegt hatte[8].

Das ist ja natürlich nur eine Legende, aber eine mit recht trauriger Moral! Welche Unsumme von Herzensroheit steckt in ihr! Aber diese Roheit ist lediglich eine Ausgeburt der Dummheit. Als ob die kindliche Pietät des Knaben ein dauerndes Hindernis seines neuen Berufes gewesen wäre! Und wie mußte diese brutale Dummheit auf das Volk wirken!

Doch wir brauchen uns keineswegs an Legenden zu halten. Die Geschichte der »Heiligen« bietet genug Material. Und das Traurige ist, daß es sich nicht etwa um menschliche Schwächen handelt, die einfach registriert werden, sondern um _vorbildliche Taten_!

Das möge aus folgendem hervorgehen:

Der uns schon bekannte Wüsteneinsiedler _Evagrius_ erhielt nach geraumer Zeit Briefe von seinen Eltern. Da er es aber nicht ertragen konnte, daß seine Gedanken durch Erinnerung an diejenigen, die ihn liebten, gestört wurden, warf er die Briefe ungelesen ins Feuer.

Der heilige _Pömen_ und seine sechs Brüder hatten ihre Mutter verlassen, um ein asketisches Leben zu führen. Die alte, durch Krankheit gebeugte Mutter ging nun, uneingedenk des Undankes ihrer Söhne, allein in die Wüste, um die zärtlichgeliebten Kinder noch einmal zu sehen. Sie erblickte sie gerade, als sie aus ihrer Zelle in die Kirche gehen wollten. Sie liefen aber sofort in die Zelle zurück und einer der Söhne warf die Türe vor ihr zu, so daß sie draußen bleiben mußte und bitterlich weinte. Pömen kam nun an die Türe, öffnete sie aber nicht und sprach: »Warum weinst und schreist du so sehr, bist du nicht schon genug vom Alter geplagt?« Als sie die Stimme ihres Sohnes erkannte, antwortete sie: »Es geschieht, weil ich euch, meine Söhne, zu sehen verlange. Was könnte es euch schaden, wenn ich euch sehen würde? Bin ich nicht eure Mutter? Säugte ich euch nicht? Ich bin jetzt eine alte und verwelkte Frau, aber der Ton deiner Stimme hat mein Herz so erregt, daß ich mein Verlangen, euch zu sehen, nicht bewältigen kann.« Die heiligen Brüder weigerten sich trotzdem, die Türe zu öffnen. Sie sagten der Mutter, sie würde sie nach dem Tode sehen, und der Lebensbeschreiber erzählt, sie sei dann fortgegangen, zufrieden mit dieser Aussicht[9].

So ehrt man seine Eltern.

* * * * *

Ein gewisser _Mutius_ verließ einst in Begleitung seines einzigen Kindes, eines achtjährigen Knaben, sein Besitztum und bat um Aufnahme in ein Kloster. Die Mönche willfahrten seiner Bitte und begannen damit sein _Herz zu disziplinieren_. »Er hatte bereits vergessen, daß er reich war; er mußte nunmehr vergessen lernen, daß er Vater war,« sagt _Cassian_, der uns die erbauliche Geschichte überliefert. Man trennte also das Kind von ihm, hüllte es in schmutzige Lumpen, schlug es, trat es mit Füßen und mißhandelte es auf jede Art. Tag um Tag mußte der Vater sehen, wie das Kind sich vor Kummer verzehrte. »Aber,« sagt der bewundernde Biograph, »obgleich er dies Tag für Tag sah, war doch die _Liebe zu Christus und zur Tugend des Gehorsams so groß, daß das Vaterherz starr und unbewegt blieb_.« »Er dachte wenig an die Tränen seines Kindes, er war einzig um seine eigene Demut und Vollkommenheit in der Tugend bekümmert.« Endlich befahl ihm der Abt, das Kind zu nehmen und in den _Fluß zu werfen_. Er ging ohne Murren und ohne sichtbaren Schmerz, das Gebot zu vollziehen. Erst im letzten Augenblicke traten die Mönche dazwischen und retteten das Kind am Rand des Flusses. Mutius erlangte später eine hohe Stellung unter den Asketen und wurde mit Recht als einer betrachtet, der das Gemüt eines Heiligen zu großer Vollkommenheit entfaltet hatte.

Ob die Geschichte wahr ist oder nicht, ist wie bei fast allen Heiligengeschichten recht gleichgültig und von minimaler Bedeutung gegenüber der Tatsache, daß die damalige Kirche diese Herzlosigkeit und alles menschliche Gefühl mit Füßen tretende Verhalten lobte. Was hat doch die Dummheit der Askese und die um jeden Preis Gehorsam fordernde klerikale Herrschsucht aus dem einfachen »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« gemacht!

Daß jemand aus Gehorsam um ein Haar zum Mörder wird, was nicht zum mindesten die spätere Heiligsprechung veranlaßt, ist durchaus kein vereinzelter Fall.

Einst kam ein Thebaner zum Abte _Sisös_ und bat ihn Mönch zu werden. Der Abt fragte ihn, ob er Angehörige hätte. Auf die Antwort »einen Sohn« entgegnete der Abt, »_Nimm deinen Sohn und wirf ihn in den Fluß_ und dann kannst du ein Mönch werden«. Der Vater hätte den Befehl vollzogen, wenn nicht im letzten Augenblicke ein von Sisös abgesandter Bote ihn widerrufen hätte[10].

Die Beispiele ließen sich ins Unendliche vermehren. Verlassen wir aber lieber diese häßlichen Bilder, jedoch nicht ohne noch eines hinzuzufügen, das Zeugnis ablegt von der Skrupellosigkeit der Mittel, deren sich »Christen« zur Erreichung ihrer Zwecke bedienten und von der Herzensroheit, die sich dabei offenbart.

Der fromme Kirchenvater _Tertullian_ verbot den Gläubigen den Besuch der Theater, dafür stellte er ihnen aber ein desto herrlicheres Schauspiel in Aussicht, nämlich -- die _Todesqualen der Sünder in der Hölle_. »Von welcher Größe wird dieses Schauspiel sein? Wie werde ich es bewundern? Wie werde ich lachen? Wie werde ich mich freuen? Wie werde ich frohlocken, wenn ich so viele und so große Könige, von denen es heißt, sie seien in den Himmel aufgenommen worden, mit Jupiter in eigener Person und denen, die für ihn zeugten, in der tiefsten Finsternis werde jammern sehen! Dann werden die Verfolger des Namens unseres Herrn in einem grausameren Feuer schmelzen, als das war, das sie angezündet hatten für die Christen ... Dann werden die Tragödienspieler in ihrem eigenen Schmerz größere Weherufe ausstoßen, als einst auf der Bühne. Dann werden die Schauspieler erst richtig geschätzt werden können dank der größeren Geschmeidigkeit, die ihnen das Feuer verleiht. Dann wird man den Wagenlenker erblicken ganz feuerrot in feurigem Wagen; dann werden die Athleten ein Schauspiel bieten, aber nicht wie sie gymnastischen Übungen, sondern dem Feuer erliegen usw.« Der Mann, der ein solch glänzendes Zeugnis seiner Menschenliebe ablegt, schließt das 30. Kapitel seiner Schrift de Spectaculis mit den Worten: »Wenn du solche Schauspiele betrachtest, darüber in _ausgelassene Freude_ gerätst, was kann dir dagegen ein Prätor oder Konsul, ein Quästor oder hoher Priester bei all seiner Freigebigkeit bieten[11]?«

* * * * *

Welch ein Geist, der daraus atmet! Und auf diese Weise wollte Tertullian zur Religion der Nächstenliebe erziehen!

Gegen diese häßlichen Bilder von mit Dummheit gepaarter Roheit wirken körperliche Peinigungen noch harmlos.

In ihnen war man recht erfinderisch. Die Übungen hatten keineswegs nur den Zweck, den Leib abzutöten, als vielmehr dazu nach den höheren durch Nachahmung der Leiden Christi zur Entsühnung der Menschheit beizutragen.

Die ganze Lehre vom Sühnetode Christi ist ja merkwürdig genug. Daß Christus sterben mußte, wenn seine Religion nachhaltig auf die Gemüter wirken sollte, ist klar. Die tiefe Tragik seines Martyriums war eine Voraussetzung der weltgeschichtlichen Bedeutung seines ganzen Auftretens. Das hat aber nur sehr wenig mit der kirchlichen Sühnelehre zu tun, in der Gott-Vater eine merkwürdige Rolle zugewiesen ist. Machen wir uns die alte Opferlehre zu eigen, daß man das Beste seiner Herde, seines Besitzes dem Gotte opfert, um ihn günstig zu stimmen, so können wir ja schließlich auch verstehen, daß der Asket das Beste was er hat diesem Zwecke widmet, bzw. das tut, was ihm am meisten Mühe macht oder am schmerzlichsten ist. Nur was an dieser Ansicht christlich ist -- von der Naivität des Glaubens ganz abgesehen -- will nicht recht einleuchten.

Gottes Hinopferung seines Sohnes ist entschieden schwieriger zu begreifen. Ein Vater ist beleidigt worden, was Gottes Kränkung durch die sündige Menschheit entspricht. Um nun an den Beleidigern eine edle Rache zu nehmen, bringt der Vater seinen Sohn um, bzw. -- was bei Gottes Allmacht auf das Gleiche hinaus läuft -- er duldet, wie sein Sohn, noch dazu der einzige, umgebracht wird. Dadurch ist das Verbrechen der Beleidiger gesühnt. Gewiß, eine merkwürdige Logik, die wohl niemand ins Praktische umsetzen möchte.

Doch sei dem wie ihm wolle: die Asketen glaubten -- und in den Mönchsorden glaubt man es heute noch -- daß die Selbstpeinigung nicht nur Wert habe als Disziplinierungsmittel, sondern auch dazu beitrage, den kirchlichen Gnadenschatz zu vermehren. Je mehr Übles sich also ein solcher Heiliger zufügt, desto größere Verdienste erwirbt er sich um die Christenheit. Wir können diese Anschauung nicht gerade als ein Wunder der Intelligenz betrachten. Wenn wir aber in einem späteren Kapitel sehen werden, welches Unheil sie im Volke anrichtete, dann werden wir sie sicherlich nicht glimpflicher beurteilen.

Da man sich nun auf normale Weise die nötige Pein nicht beibringen kann, verfielen ingenieuse Köpfe auf die Ausbildung einer besonderen Technik, und man muß ihnen lassen, daß sie dabei Erfolg hatten. Wer wird das bestreiten wollen, wenn er folgende erbauliche Geschichte hört?!

Ein gewisser _Dominicus Loricatus_ hatte die Spezialität, als Stellvertreter von anderen gewisse Bußzeiten durch von Geißelschlägen begleitetes Psalmensingen zu absolvieren. So absolvierte er beispielsweise hundert Bußjahre, indem er zwanzig von der entsprechenden Zahl Geißelhieben begleitete Psalter rezitierte. Auf diese 20 Psalter kamen 300000 Geißelhiebe, die er sich während der sechs Tage, die diese Prozedur dauerte, beizubringen hatte. _Damiani_, der uns von diesem sonderbaren Heiligen berichtet, erläutert den Vorgang folgendermaßen: »Da 3000 Geißelschläge nach unserer Regel ein Bußjahr ausmachen, und, wie es oft erprobt ist, beim Hersingen von 10 Psalmen 1000 Hiebe stattfinden, so ergeben sich für die Disziplin eines Psalters (also für 150 Psalmen begleitet von 15000 Hieben) fünf Jahre Buße; und wer 20 Psalter mit der Disziplin hersingt, kann überzeugt sein, 100 Bußjahre vollgemacht zu haben« (20mal 15000=300000). Welche Mathematik der Buße! Loricatus konnte es aber auch schneller, als in sechs Tagen. Er soll einmal binnen 24 Stunden über 12 Psalter mit den obligaten Hieben erledigt und damit den Beweis geliefert haben, daß er die 20 Psalter nötigenfalls schon binnen zwei Tagen zu absolvieren imstande war. Einst erledigte er während einer einzigen Quadragesima, ohne die 40 Tage ganz zu gebrauchen, das Zehnfache des obigen Betrages, also 1000 Bußjahre, mittels Absingen von 200 Psaltern, und indem er sich _drei Millionen Geißelhiebe_ eigenhändig versetzte. Hierbei pflegte er den ganzen Körper zu geißeln mittels einer Vereinigung der disciplina sursum (betreffend Kopf und Rücken) und der disciplina deorsum (betreffend Hüften und Beine). Weil die anfänglich von ihm viele Jahre lang benutzten Ruten nicht genug Blut fließen ließen, ließ er gegen sein Lebensende an deren Stelle die stärker schmerzenden und verwundenden Geißelriemen oder Peitschen treten[12].

Wie sein leuchtendes Vorbild auf die, welche nicht alle werden, wirkte, werden wir in anderem Zusammenhange kennen lernen.

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Doch die Selbstgeißelung wollte anderen Frommen nicht genügen. Sie zerbrachen sich den Kopf, wie sie sich auf noch wirksamere Weise Unannehmlichkeiten zur höheren Ehre Gottes zufügen und damit der Menschheit noch dienlicher sein könnten. Und siehe da: ihr Eifer wurde von Erfolg gekrönt! Da war besonders einer, der es auf diese Weise zu einer gewissen Unsterblichkeit in der Geschichte der menschlichen Narrheit bringen durfte. Denn seiner Askese, deren Neuheit, wenigstens für das Abendland, noch ein gewisser Einschlag von Sensation eine pikante Note verlieh, blieb die Nachahmung ähnlich hochstrebender Seelen nicht versagt.

Der Eremit _Symeon_ war selbst für seine Zeit ein wunderlicher Heiliger. Als frommer Hirtenknabe war er fürs Mönchleben erzogen worden und hatte bereits während eines dreijährigen Einsiedlerlebens zu Telanissos beispiellose Proben von Selbstkasteiungen abgelegt, mit Stricken um den Leib, mit Ketten, Fasten bis zu 40 Tagen und anderem. Aber das alles genügte ihm nicht. Er wollte dem verhaßten Getriebe dieser sündigen Welt möglichst fern bleiben und erreichte diesen seinen Zweck auf die einfachste und genialste Weise: Zuerst stellte er sich auf eine _Säule_ von 6 Ellen Höhe, dann wählte er eine doppelt so hohe, später eine von 18 Ellen um endlich eine von fast 40 Ellen zu dauerndem Wohnsitz zu erküren. Hier führte er 36 Jahre lang ein luftiges Andachtsleben, um es um das Jahr 460 zu beschließen. Sein Leben machte Schule und es soll noch gar nicht so lange her sein, daß der letzte dieser Säulenheiligen seine Seele -- Geist hatte er vermutlich nie besessen -- aushauchte[13].

Ein Nachahmer dieses Säulenasketen, _Symeon der Jüngere_ ([+] 596) soll gar 68 Jahre in der Höhe zugebracht haben. Tatsächlich konnten solche Drohnen mit sich auch gar nichts Besseres anfangen, als sich möglichst aus jeder menschlichen Gemeinschaft auszuschließen.

* * * * *

Betrachten wir noch einige Formen dieser erfindungsreichen Männer Gottes! Da war das _ewige Schweigen_, heute noch von den Trapisten geübt, jeglicher _Verzicht auf Körperpflege_ und _Waschwasser_, _Schlafentziehung_ usw.

Merkwürdiger als dauerndes Schweigen -- schließlich das klügste, was diese Geisteshelden tun konnten -- und als die anderen Formen der Selbstpeinigung ist die Askese des _ewigen Weinens_, die seit den Zeiten Justinians modern wird. Reichlichstes Tränenvergießen schien diesen Männern -- einem _Isidor von Melitene_, _Paul von Anarzarbus_, _Georg von Skythopolis_ u. a. -- zum höchsten geistlichen Lebensbedürfnis unerläßlich. Köstliches wird da vom _Abte Joseph von Bêth Abhê_ berichtet: so oft er Gras und Blumen sah, konnte er seinen Tränenstrom kaum zurückhalten, weil ihm Jesaj. 40, 6 und 1. Pet. 1, 24 in den Sinn kamen[14]!

Übrigens war die Kunst, immer weinen zu können, wann man wollte, die gratia lacrimarum, das ganze Mittelalter hindurch hoch geschätzt.

Wohl die armseligste Art der Askese ist die, welche die Freude an der Natur in Acht und Bann tut. So wird von einem Mönch in den ersten christlichen Jahrhunderten erzählt, _daß er sich, sooft er in den Garten ging, das Gesicht verhüllte, damit der Anblick der Bäume nicht seinen Geist störe_[15]!

Welch trauriger Tropf!

Aber gerne geben wir zu, daß jeder Grashalm, jedes Sandkörnchen mehr Reiz bietet, als die damalige Art über religiöse Gegenstände nachzudenken. Wem das vorige Kapitel diese Erkenntnis nicht beigebracht hat, dem ist nicht zu helfen.

Übrigens ist man noch im 16. Jahrhundert auf den Pfaden des obigen idiotenhaften Mönches gewandelt, wie ja die Dummheit mit der Wahrheit das gemeinsam zu haben scheint, daß beide unsterblich sind.

Der Jesuit _Petrus Canisius_ warnte davor, die Schönheit einer Gegend zu bewundern, da aus zu großer Freiheit der Seele Gefahren entstehen. Das Leben ist ein Kampf; bestehen kann ihn nur, wer mit scheuem und gesenktem Blick, unter Abtötung und Kasteiung, auf dieser Erde wandelt. Der gefährlichste Gegner der Seele ist der Leib, an den sie gekettet. Das vornehmste Werkzeug des Teufels das Weib, die personifizierte Verführung, gegen die nur die äußerste Vorsicht schützen kann. »O wie große Narren sind diejenigen, die aus diesem Jammertal ein Paradies machen wollen!« _Der Mensch darf sich an nichts freuen und ergötzen, da alles ein Werk des Teufels sein könnte_[16].

Hier sehen wir noch einmal in der einfachsten Formel dieselben Gedankengänge, die zu Resultaten führten, wie wir sie oben kennen lernten! So wenig vermag die Dummheit Mittel und Absicht zu unterscheiden! Aus dem berechtigten Bestreben durch Bekämpfung der Sinnenlust Kräfte für höhere Aufgaben freizumachen, wird ein unausgesetztes Ringen mit der Sinnlichkeit, ein Kampf, der für nichts anderes mehr Kräfte frei läßt. Aus dem Wunsche, sich abzuhärten, an Entbehrungen und Schmerzen zu gewöhnen, um dadurch nicht durch kleine Unbequemlichkeiten sich ständig den Lebensgenuß zu trüben, also aus der Absicht einer _Steigerung_ des Lebensgenusses, wird dessen völlige Unterdrückung. Und endlich führte Christi Lehre, die durch den Auferstehungsglauben die Todesfurcht bekämpfen sollte, also im eminentesten Sinne dazu bestimmt war, das Leben _freudig_ zu machen, da es den Gedanken an dessen Ende, das ja manchem Hasenfuß jedes Mahl gleich dem Schwerte des Damokles vergällen mag, fortnahm, dazu, daß die Menschen ein solches Dasein führten, daß sie den Tod nur als willkommene Erlösung betrachten konnten.

So gewaltig ist die Macht der Dummheit!

Nun wollen wir noch zum Schlusse dieses Abschnittes an einer Klosterregel zeigen, wie alle die oben angeführten Torheiten zu einem System vereint mit Hinzunahme der blödesten Gebetsaskese dazu bestimmt waren, das ganze Leben auszufüllen und dadurch zu zerstören. Wie diese Denkweise aus Leuten, die vielleicht Brauchbares hätten leisten können und jedenfalls hinter dem Pflug oder in der Spinnstube auch geleistet hätten, Drohnen erzog, denen als besonderes göttliches Gnadengeschenk eine so groteske Dummheit verliehen war, daß sie nicht nur meinten ein Gott wohlgefälliges Werk zu tun, ihre Seele auf unermeßliche himmlische Freuden vorzubereiten, sondern auch noch die Sünden der Menschheit abzubüßen sich berufen fühlten.

Bei Aufhebung der Klöster, und vielleicht da und dort noch heute, war der Tageslauf einer Nonne, wenigstens bei den Klarissinnen in München, folgender:

Nachts um 1/2-12 Uhr wird die Nonne geweckt, punkt 12 Uhr beginnt die Matutin, die fünfviertel Stunden, an Festtagen aber volle zwei Stunden dauert, weil dann die Laudes und das Te Deum gesungen werden. Nach 2 Uhr müssen alle Nonnen wieder in ihren Betten liegen und zwar bis 5-1/4 Uhr. Dann werden alle geweckt und müssen das hochwürdigste Gut besuchen.

Um 3/4-6 Uhr gibt die Priorin das Zeichen zur Meditation (Betrachtung). Sie geht sogleich von Zelle zu Zelle um nachzusehen, ob jede Nonne vor ihrem Altärchen kniet und ihren Betrachtungen obliegt. Diese dauern eine halbe Stunde, an Feiertagen aber eine viertel Stunde, weil die Prim um 6 Uhr beginnt.

Die Prim fängt täglich um ein Viertel nach 6 Uhr an, an Sonn- und Feiertagen aber pünktlich um 6 Uhr. Nach derselben wird in das Kapitel gegangen, wo die Abgestorbenen vorgelesen und für sie das Seelen-Offizium (Officium de profundis) gebetet wird.

Die Kapiteltage sind Montag, Mittwoch und Freitag, ferner Samstag, falls an diesem Tage nicht gebeichtet wird.

Das Zeichen zur ersten heiligen Messe wird mit der Glocke um Viertel nach 7 Uhr gegeben, an Sonn- und Feiertagen aber pünktlich um 7 Uhr.

Um 8 Uhr ist die Terz, die während des ganzen Jahres gesungen wird, darauf folgt die zweite heilige Messe und darauf werden die Sext und die Non psalliert. Hierauf kann jede Nonne bis um 10-1/4 Uhr ihrem Amt oder Arbeit nachgehen oder in ihrer Zelle arbeiten.

An Sonn- und Feiertagen tritt insofern eine Änderung ein, als nach der Terz eine Predigt mit Hochamt gehalten wird. An den Ordensfesten wird nach dem Gottesdienst eine Exhortation im Speisesaal vom Beichtvater gehalten. An den Festtagen werden die Laudes, Prim, Vesper und Komplet gesungen, während an den Werktagen die Äbtissin oder Priorin das Recht hat von einer gesungenen Vesper zu dispensieren und sie nur beten zu lassen.

Um ein Viertel nach 10 Uhr wird das erste Glockenzeichen zu Tisch gegeben, worauf jede Nonne in ihrer Zelle das »Partikular-Examen« macht, das die Priorin, wie bei der Meditation, von Zelle zu Zelle wandernd kontrolliert. Nach Beendigung dieses Examen besuchen alle das hochwürdigste Gut und begeben sich dann in den Speisesaal.

Um 1/2-11 Uhr setzen sich alle an die Tische und bleiben dort eine oder höchstens fünfviertel Stunden lang. Während des Mittagsmahles werden die Ordensregeln, die Lebensgeschichten der Heiligen und auch Predigten gelesen.

Wird nicht vom Lesen dispensiert, was einmal die Woche geschieht, dann muß eine Frau bei Tisch bedienen. In letzterem Falle darf nur eine Viertelstunde lang gelesen werden und die bei Tisch bedienende Frau wird von einer Schwester abgelöst.

Nach beendetem Mittagsmahl wird wieder das hochwürdigste Gut besucht und dann geht jede Nonne an ihr Amt oder ihre Arbeit.

An Fasttagen wird unter dem Beten des Psalmes Miserere nach dem Chor gegangen und dort das Tischgebet vollendet. Nach demselben nehmen die Nonnen ihr Tischzeug weg und verwahren es, während die jüngeren Frauen abnehmen und alles in Ordnung bringen.

Wenn eine lange Vigil gehalten wird, so fängt sie um 2 Uhr an, worauf die Laudes gesungen werden, die Vesper aber nur psalliert wird.

Alle Tage ist die Vesper gewöhnlich um 3 Uhr nachmittags.

An Sprechtagen dürfen die Klosterfrauen ohne besondere Anfrage bei der Priorin im Garten spazieren gehen, sooft sie Zeit haben, auch dürfen sie im Winter im Winterrefektorium (Speisesaal) und im Sommer im Sommerrefektorium sich zur Arbeit versammeln und erhalten dann ihren Abendtrunk. An Fasttagen aber darf keine Frau im Garten spazieren gehen ohne besondere Erlaubnis der Priorin. Das gleiche gilt auch von der Versammlung im Refektorium. Eine solche Versammlung findet nachmittags von halb drei bis 3 Uhr statt, wenn die Äbtissin einen Abendtrunk bewilligt.

An den Muttergottestagen findet um 1/2-3 Uhr Prozession statt, danach musikalische Vesper nebst Litanei. Nach deren Beendigung ist bis halb 5 Uhr Gebetstunde.

Wird nur eine kurze Vigil gehalten, dann wird sie nach der Vesper psalliert. An allen Schweigetagen wird die Gebetstunde von 3/4-4 Uhr bis 1/2-5 Uhr gehalten und zwar von jeder Klosterfrau in ihrer Zelle. Die Priorin gibt hierzu das Zeichen und sieht in den Zellen nach. Im Winter, sowie an Beicht- und Kommuniontagen wird diese Gebetstunde im Chor gehalten.

Um 1/2-5 Uhr wird das erste Zeichen zum Nachtmahl gegeben, worauf das hochwürdigste Gut wieder besucht wird. An Schweigetagen wird um 3/4-5 Uhr, an den Sprechtagen um 5 Uhr zu Tisch gegangen.

An den Schweigetagen wird zweimal zu den besonderen Schweigestunden geläutet. Diese Stunden sind von 1-2 Uhr nachmittags und vom Abend 6 Uhr bis zum anderen Morgen nach der Prim. Binnen dieser Zeit darf niemand etwas sprechen.

An allen Beichttagen, dann an Sonn- und Feierabenden, ist die Gebetstunde zum zweiten Mal bis 1/2-7 Uhr auf dem Chor und dann die Lektion im Konvent. Diese dauert eine halbe Stunde und auf sie folgt die Komplet.

Alle Nonnen müssen wöchentlich einmal beichten und kommunizieren, falls aber in eine Woche ein Feiertag fällt, so auch an diesem. Abwechslungsweise müssen aber alle Tage drei Nonnen beichten und die Kommunion empfangen.

Nach beendetem Komplet wird das nächtliche Examen eine Viertelstunde lang gehalten und zwar in der Zelle einer jeden Klosterfrau und unter der Kontrolle der Priorin. Hierauf wird das höchste Gut zum letzten Male besucht.

Um 8 Uhr abends müssen alle Nonnen in ihren Betten ruhen, was ebenfalls die Priorin kontrolliert. Sie sieht auch manchmal während des Schlafens nach und weckt diejenigen liebreich aus dem Schlafe, die allenfalls unanständig in ihren Betten liegen. Geschieht das bei einer oder der anderen Nonne öfters, so wird sie gebüßt.

Es war verboten im Bett auf dem Rücken zu liegen, vielmehr sollte die Nonne auf der rechten oder auf der linken Seite schlafen.

Der Gebrauch des Papiers auf dem Abort ist nicht erlaubt[17].