Chapter 3 of 17 · 3832 words · ~19 min read

Part 3

Das Buch, das natürlich jedes Bibelwort für bare Münze nimmt und in naivster Weise u. a. beweist, daß die Schrift bereits vor der Sintflut erfunden war, wirft auch die Frage auf, ob _genug Wasser zur Überschwemmung der ganzen Erde vorhanden gewesen sei_. »Einige Meßkünstler sagen, daß zur gäntzlichen Bedeckung der Oberfläche unmöglich, so viel Wasser vorhanden seyn könne: zumahl Moses anführe, daß das Gewässer 15 Ellen hoch über die höchsten Berge gestiegen sey. Aber es hat noch Niemand unter allen Meßverständigen eine so genaue Ausrechnung des Meeres Breite und Tiefe geliefert, daß man sagen könnte, wie viel Lasten Wasser in dieser oder jener See sey. Wer misset die Erde mit einem Dreyangel? ist ein Ausdruck der Heiligen Schrift. Wer weiß, wie viel Wasser in den unterirdischen Gängen der Erde, und in ihren Hölen eingeschlossen sey. Moses sagt ausdrücklich: alle Brunnen der großen Tieffen brechen auf, d. i. alles Wasser, das in den tiefsten Gründen der Erde befindlich war, stieg auf Gottes Befehl herauf. Wie gieng das zu? Gott brachte durch Hülfe der Winde die Wasser weg, also ist es ihm auch möglich gewesen durch dieselben die Wässer über der Erde zusammen zu treiben. Man stelle sich nur einen Seesturm vor. Wäre dieses Wasser auch nicht genug gewesen, so kam doch das Wasser aus den Wolcken darzu.« In dieser Tonart geht es weiter[19].

Es ist wirklich höchste Zeit, daß Gelehrte mit Rücksicht auf die Möglichkeit einer totalen Sintflut den Wasservorrat auf den Liter berechnen. Das wäre auch eine dankbare Aufgabe für eine Akademie der Wissenschaften!

Welche Unsumme von pfäffischer Borniertheit und Dummpfiffigkeit ist zur Prüfung einer solchen Frage erforderlich! Und das in der Zeit der Aufklärung!

Der Leipziger Anti-Wolfianer _Crusius_ ([+] 1775), faßte die »oberhimmlischen Wasser« als eine _wirkliche Wassersphäre_ auf, die die ganze Welt umgebe und _durch Widerspiegelung der Gestirne den Schein der Milchstraße erzeuge_[20]!

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Der Kampf der freien Forschung, der Astronomie, Geologie, Anthropologie, ja der ganzen Naturwissenschaft gegen die Bibel bzw. gegen die erdrückende Mehrheit der Theologen, die auf sie gegen gesunden Menschenverstand und Erfahrung schworen, ist voller Tragik.

Daß sich frühere Jahrhunderte an den Wortlaut der Bibel hielten und auch die Schöpfungsgeschichte buchstäblich auffaßten, ist allgemein bekannt. Weniger schon, daß noch in einer 1789 erschienenen Dogmatik des Freiburger katholischen Exegeten und Apologeten Engelbert _Klüpfel_ ([+] 1811) die _sechs_ Tage der Schöpfung als _24stündige Zeiträume_ aufgefaßt werden. Er wies alle Versuche zur Ausgleichung der geologischen Lehren mit der Bibel zurück und behauptete, daß die Raschheit des Schöpfungsverlaufes im Interesse der Wahrung von Gottes unbeschränkter Allmacht betont werden müsse. Sogar _Augustins_ Simultanschöpfungslehre ließ er als plausibel, weil durch die bedingte Zustimmung so großer Kirchenlehrer wie den hl. _Thomas von Aquino_ gedeckt, zu. Er verteidigte ferner die Geschichte des Sündenfalls und des Paradieses als _streng historisch aufzufassende Urkunden_.

Ähnlich faßt auch das 1796 erschienene Bibelwerk von _Brentano-Dereser_ im 1. von Brentano bearbeiteten Teil den Schöpfungsbericht, die Tagewerke und alles andere buchstäblich und streng historisch auf.

Noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts gab es eine Reihe bedeutender protestantischer Theologen, so _Buddeus_, Joh. Jak. _Rambach_ usw., die noch _zwischen Helio- und Geozentrismus schwanken_, natürlich aus _biblischen Gründen_. So schrieb noch 1717 S. H. _Klausing_ in Wittenberg De Scriptura Sacra non Copernizante. Um dieselbe Zeit verfaßte Sam. Chr. _Hollmann_ ebenda die Dissertation »_Vom Gebundensein des christlichen Astronomen durch die hl. Schrift_« (De obligatione astronomi christiani erga Scr. S.), und Nikol. _Möller_ in Kiel eine Abhandlung »Von der _unzweifelhaften Bewegung der Sonne und Ruhe der Erde_« (De indubio solis motu immotaque telluris quiete) 1724. Er verwarf darin _Kopernikus_, _Tycho Brahe_, _Cartesius_, _Huyghens_, _Newton_ samt und sonders und beschwor ihre Anhänger: sie möchten doch »jene höchst gottlose, von gewissen heidnischen Philosophen des Altertums auf des Erzfeindes Satan Antrieb ausgesonnene, dann von Kopernikus wieder aufgewärmte und von Cartesius und dessen Anhängern vergeblich in Schutz genommene Meinung fahren lassen, weil sie damit doch nur dem _Atheismus, Deismus, Naturalismus und Indifferentismus Vorschub leisteten_!«

Fromme Protestanten haben ja noch im 19. Jahrhundert gegen den Heliozentrismus geeifert, nachdem schon (!) 1822 Papst _Pius_ VII. offiziell erklärt hatte, »daß die Drucklegung und Publikation von Werken, welche über die Bewegung der Erde und das Stillestehen der Sonne nach der gemeinsamen Meinung der modernen Astronomen handeln, in Rom gestattet sei.« Allerdings ließ erst der Neudruck des Index von 1835 die Verbote gegen _Kopernikus_, _Stunica_, _Foscarini_, _Galilei_ und _Kepler_ fallen. Schon achtzig Jahre vorher hatte _Benedikt_ XIV. für einen einzigen Fall die Weglassung gestattet[21].

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Doch was will das alles gegen folgende Zeugnisse protestantischer Beschränktheit bedeuten? Ihnen kann man weder den Stand des Wissens ihrer Zeit als mildernden Umstand anrechnen, noch die Intoleranz einer höchsten kirchlichen Instanz, die mit Exkommunikation und Scheiterhaufen drohte, und sie dadurch zum Verschweigen der eigenen Meinung zwang, noch gibt es sonstwo irgendwelche Entschuldigungsgründe. Vielmehr handeln alle diese Autoren aus reiner, lauterer Dummheit.

Der alttestamentliche Exeget C. Fr. _Keil_ in Dorpat trat seit 1860 als Gegner der Geologen und _Verteidiger einer buchstäblichen Geltung der sechs Schöpfungstage auf_. Seine triftigsten Gründe zur Widerlegung der Geologen nimmt er aus der _Bibel_. Sie berichtet »von zwei Ereignissen der Urzeit, deren Einfluß auf die Gestaltung des Erdbodens und die Entwicklung der Pflanzen- und Tierwelt keine Naturwissenschaft ermessen kann. Wir meinen 1. den _Fluch_, der infolge des Falles der Stammeltern unseres Geschlechtes von Gott über die Erde ausgesprochen und durch den auch die Tierwelt dem Verderben unterworfen wurde (Gen. 3, 17; Röm. 8, 20), und 2. die _Sintflut_, durch welche der Erdboden bis zu den höchsten Bergen unter Wasser gesetzt wurde und alle lebendigen Wesen auf dem trocknen Lande bis auf die von Noah in der Arche geborgenen Tiergeschlechter untergingen.« Die _Sintflut verursachte die Gebirgsbildung, Wirkung des göttlichen Fluches aber sind die in der gegenwärtigen Tierwelt verbreiteten Phänomene des Raubens, Zerreißens, Verzehrens_ usw.[22]!

Einen Vorgänger von ähnlicher Glaubensstärke und Verstandesschwäche -- es hat da oft den Anschein, als könnten sich Glaube und Verstand nicht vertragen, so daß derselbe Mensch entweder nur gläubig oder nur verständig sein kann, oder doch, als ob zu gewissen Zeiten beim gleichen Individuum bald der Glaube herrscht, bald der Intellekt -- hatte Keil allerdings im orthodoxen Protestanten Joh. _Richers_. Dieser gab unter dem Titel »Natur und Geist« im Jahre 1850 ein dreibändiges gelehrtes Werk heraus, in dem er, gleich wie in seiner »Zeitschrift für heilige Naturforschung« (1860) der gesamten physikalischen Wissenschaft vom Standpunkt einer theosophischen Spekulation den Krieg erklärte. Er _griff die Lehren von der Schwerkraft, der Anziehungskraft, Elektrizität, Wärme, Licht, Galvanismus und Magnetismus_ an. Übrigens blieb dieser bibelfeste Mann keineswegs vereinzelt. Karl _Schöppfer_ schrieb »_Die Erde steht fest_«, Berlin 1854 (5 Auflagen!), ferner »_Die Bibel lügt nicht_« (Nordhausen 1854), und »_Die Widersprüche in der Astronomie_« (1869). Der Superintendent A. _Frantz_ in Sangershausen wurde sich gefährlich durch sein Buch »Andeutungen über die Pseudodoxie der Naturwissenschaft« (Magdeburg 1867). Der Engländer _Morrison_ ließ im gleichen Jahre »New Principia or True System of the Astronomy, in which the Earth is proved to be the Stationary Centre of the Solar System« erscheinen.

Noch im Jahre 1876 konnte von protestantischer Seite in Frankfurt ein Werk verbrochen werden, das im wesentlichen auf gleichem Standpunkte steht. _Anton Ziegler_ vertritt in seinem Buche »Die Nachtseite der evangelischen Glaubenswissenschaft« den stumpfsinnigsten Bibelglauben. »In sechs gewöhnlichen Tagen, d. h. _in 6 mal 24 Stunden_, hat Gott die rohe Weltsubstanz zum Kosmos verklärt.« »Gott hat, nachdem er gleichsam das Gröbste auf einmal vollbracht und die Weltmaterie, wie ein Bildhauer seinen Marmorblock, außer sich hingestellt hatte, sich bei der ... Formierung des Marmorblocks geradeso wie ein Mensch an die _Abwechslung von Tag und Nacht gehalten_, so daß also die materielle Substanz der Schöpfung, wenn auch nur um ein Weniges, älter ist als ihre Ordnung und Schönheit.« Der geniale Verfasser erblickt ein eklatantes historisches Zeugnis für diese Wahrheit, in den zwar nicht die Erdensubstanz selbst, aber doch deren Gestalt und Ordnung teilweise ändernden Wirkungen der Sintflut, die man jetzt gewöhnlich viel zu gering anschlage, nachdem man sie in früheren Jahrhunderten ungebührlich überschätzt habe.

Die Engländer hatten übrigens den Naturwissenschaften gegenüber sich nicht minder rabiat benommen. So konnten zwei glaubensstarke Männer, _Fairholm_ und _George Young_, der profanen die »_Schriftgeologie_« (Geol. of Scripture, Scriptural Geology 1833) entgegenstellen. Im Jahre 1844 eiferte _Dean Cockburn_ in einem Vortrage vor der britischen Naturforscherversammlung, einmal sogar speziell gegen die Physische Geographie der _Lady Somerville_ in einer Predigt, die er in der Kathedrale von York hielt, gegen die Irrlehren der Geologie. Der anonyme Verfasser der 1853 erschienenen Schrift »A brief and complete refutation of the anti-scriptural theory of Geologists« behauptete, die Versteinerungen seien bloße Naturspiele. Selbst die _Mammute_ Sibiriens seien niemals lebende Tiere gewesen, _sondern als leblose Fleisch- und Knochenklumpen unter dem Eise erschaffen_. Ein umgeknickter Baumstamm, den man versteinert in einem Steinkohlenlager gefunden hatte, sei nur geschaffen worden, »um die _schrecklichen Gotteslästerungen der Geologen zum Schweigen zu bringen_[23].«

Doch genug des Blödsinns! Wer es nicht gelernt hat seiner Vernunft und Erfahrung zu vertrauen, wer Autoritäten bedarf, um sich von der Wahrheit irgendeiner Sache überzeugen lassen zu müssen, der ist auf der schiefen Ebene. Wie weit ihn seine Dummheit forttreibt, das ist mehr oder weniger Frage des Zufalls. Der schlimmste Förderer der Dummheit war zweifellos der Bibelglaube bzw. der an die Unfehlbarkeit der Bibel in allen Fragen. Ferner der an die Unfehlbarkeit irgendeiner kirchlichen Instanz, der Dogmen, Konzilien, des Papstes oder irgend eines Bekenntnisses, weil diesen Autoritäten die Macht zur Verfügung stand eventuell mit Gewalt ihre Ansicht aufzuzwingen. Zudem hatten sie die Heiligung durch die Länge der Zeit für sich und die Resonnanz der Massen. Aber auch andere Mächte sind nicht ungefährlich, auch wenn sie nicht mit dem Bannstrahl der Amtsentsetzung, von Folter und Gefängnis ganz zu schweigen, auftreten können.

Doch wir wollen das Kapitel nicht schließen, ohne ein reizendes Pröbchen von Verquickung der Naturwissenschaft mit dem Bibelglauben mitzuteilen:

Der französische Botaniker _Naudin_ entwickelt in seiner Abhandlung »Die verwandten Spezies und die Entwicklungslehre« (im Bulletin der französischen botanischen Gesellschaft 1874) folgende Gedanken: Adam, der erste Mensch, der sich aus dem Urblastem oder aus dem Erdkloße loslöste, besaß vorerst nur einen temporären Organismus, einen androgynen Larvenleib ohne geschlechtliche Differenzierung.« Aus diesem _Larvenzustande_ trat dann durch jene entwickelnde Kraft der volle Mensch heraus. Um dieses große Werk zu ermöglichen, mußte Adam in einen erzeugungslosen und bewußtlosen Schlaf versetzt werden, welcher mit dem Larvenzustande der Tiere, die einer Metamorphose unterliegen, Ähnlichkeit hat.« Während dieses Schlafes erfolgte nach der Bibel die Hervorbildung des Weibes aus dem Manne. Man hat sich nach Naudin diesen Vorgang als ein ähnliches _Knospentreiben_ zu denken, _wie es bei den Medusen und Ascidien stattfindet_. Der auf diese Weise physiologisch fertig ausgebildete Mensch konnte fortan, ähnlich wie die Pflanzen- und Tierarten, zwar noch zahlreiche Rassen oder Spielarten als Produkte des ihm noch innewohnenden Rests von Entwicklungskraft hervorbringen, jedoch keine neue organische Spezies[24].

Fußnote:

[A] In der Vorrede der Benediktiner-Ausgabe der griechischen Kirchenväter -- Paris 1706 -- Tom. II. hat Montfaucon viele Stimmen von Kirchenvätern gesammelt, die die Antipoden leugnen.

II. Kapitel

Die Askese

Sahen wir im vorigen Kapitel, wie der Geist durch die Autorität der Bibel und Kirche geknechtet wurde, so wenden wir uns nun der Mißhandlung des Körpers unter dem Einfluß der gleichen Faktoren zu.

Daß die sinnlichen Begierden viel Unheil in der Welt anrichten und ihre Zügelung eine der wichtigsten Aufgaben der sittlichen Persönlichkeit sei, ist ganz zweifellos richtig. Jeder strebende Mensch wird danach trachten, sich von den Ketten der Sinnenlust zu befreien, seinen Verstand und Willen über das Triebhafte in ihm Herr werden zu lassen.

Dieser durchaus gesunde Gedanke, den alle hochstehenden Religionen mehr oder minder klar aussprechen, bedarf aber, wie jeder, zur Durchführung der Intelligenz. Wo diese fehlt, wird ein teils widerliches, teils komisches Zerrbild daraus. Aus dem berechtigten Bestreben, seine Sinne zu zügeln, wird das törichte sie überhaupt zum Schweigen bringen. Hat eine verständige Selbstzucht das Ziel durch Beherrschung der Sinne, Kräfte für höhere Zwecke frei zu machen, wird in den Händen der Dummen die Ertötung des Fleisches Selbstzweck, sie führen einen Kampf, in dem sie ihre gesamte Kraft absorbieren. Sollen wir durch Abhärtung, Bedürfnislosigkeit, Erlangung einer gleichmäßigen Heiterkeit der Seele uns widerstandsfähiger machen gegen die nur allzugroßen und allzuvielen Leiden, die uns das Leben bringt, es erreichen, daß nicht jede bagatellmäßige Unbequemlichkeit uns derart stört, daß wir zu ernster Arbeit oder verständiger Lebensfreude unfähig werden, so bereitet der Asket sich absichtlich größere Leiden, als sie normalerweise je das Leben ihm bringen wird.

Gewiß gibt es eine Weltanschauung des traurigsten Pessimismus, die das ganze Leben als eine ununterbrochene Leidenskette betrachtet. Niemand hat sie in eine tiefere Lehre gebracht, als Buddha. Aber selbst dieser erhabene indische Weise ist weit davon entfernt, Askese zu fordern. Mögen wir aus den vielen Unzulänglichkeiten des Daseins folgern, daß es höhere Werte gibt, als Sinnengenuß, daß es nicht ratsam ist, sein Herz allzusehr an Vergängliches zu hängen, darum auf die ohnehin bescheiden zugemessenen Freuden zu verzichten, ist etwa geradeso töricht, als wollte der Frierende noch seine letzten Kleidungsstücke abwerfen, statt die wenigen, die er hat, desto fester um sich zu nehmen.

Zweck der Askese, der Genügsamkeit und Bedürfnislosigkeit kann doch nur sein dadurch _glücklicher_ oder besser zu werden, höhere oder dauerhaftere oder leichter zu beschaffende oder auch unschädlichere Genüsse an die Stelle der gegenteiligen zu setzen. Der Soldat, der Hochtourist, der Nordpolfahrer, werden gut tun, sich an Entbehrungen zu gewöhnen, um auch ohne schwer zu beschaffende materielle Genüsse zufrieden sein zu können. Der Seemann wird versuchen müssen, das Heimweh zu bekämpfen, der körperlich Leidende wird seine Freuden vornehmlich auf dem Gebiete des Gemütes und Geistes suchen, statt seinen Schmerzen nachzugeben. Nicht der ist weise, der aus Furcht ein Glied verlieren zu können, sich selbst verstümmelt, aus Angst vor dem Tode Hand an sich legt, sondern die starke Seele, die beim Verlust der Augen froh ist, noch das Gehör zu besitzen, die sich mit der linken Hand begnügt, wenn die rechte verloren ging, die überhaupt nicht das Fehlende, sondern das _Vorhandene_ betrachtet und mit diesen Mitteln das Möglichste zu erreichen versucht.

Besonders einfältig aber sind Menschen, die auf den Gebrauch irgendeines Gutes verzichten, weil sie sich nicht die Willensstärke zutrauen, es mäßig und eines Gebildeten würdig zu verwenden. Dazu gehört etwa die Abstinenzbewegung unserer Tage. Es ist die gleiche Barbarei auf den Alkohol zu verzichten, weil man sonst unmäßig sein würde, als sich zu betrinken, während es klug wäre eine Dosis zu ermitteln, die angenehme Wirkungen hervorruft, ohne dem Körper zu schaden und willensstark -- wenn wir dieses hochtrabende Wort auf eine so selbstverständliche Sache anwenden dürfen -- dieses zulässige Quantum nicht zu überschreiten, wenn das Verlangen danach auch noch so groß sein mag.

Ein Blick auf die Geschichte des Christentums -- allerdings auch auf die anderer Religionen -- lehrt uns, wie weit Theorie und Praxis vom Vernünftigen abwichen. Um die Skylla zu vermeiden fiel man allgemein in die Charybdis.

Betrachten wir zunächst die Askese des Fastens und des Speiseverbotes.

Im 4. und 5. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung gab es Asketen, die gekochte Speisen verabscheuten und lange Zeit oder gar ihr Leben lang sich ausschließlich von Gras, Kräutern, Baumfrüchten, rohen Getreidekörnern usw. ernährten. _Jakob von Nisibis_ war einer dieser »Omophagen«. Eine andere Spezies dieser Narretei wurde von den »Krithophagen« repräsentiert, sonderbaren Heiligen, die nur von in Wasser aufgeweichter Gerste oder, wie _Eusebius_, von entsprechend präparierten Bohnen oder Kichererbsen lebten. In diese Kategorie gehört auch die Linsenesserin _Domnina_. Noch weiter in der Frömmigkeit des Magens bzw. im »Vergnügen, an Dingen, welche wir nicht kriegen«, um mit Busch zu sprechen, gingen die Hungerkünstler _Markianos_, der das ganze Jahr hindurch nur einmal täglich aß, oder _Symeon Stylites_ der Ältere (bevor er seine Säule bestieg) und die Beröenserinnen _Marana_ und _Kyra_, die bald das 40tägige Fasten Christi nachahmten, bald das dreiwöchige Daniels. Den Rekord aber stellt _Elpidius_ auf, der 25 Jahre hindurch nur an Samstagen und Sonntagen aß oder gar der fromme _Johannes_ der -- wer's nicht glaubt, bezahlt 'nen Taler -- eine Reihe von Jahren nur von der Eucharistie lebte. Allerdings verwandte man damals zu diesem Zweck Brot statt Oblaten.

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Daß ein solches Leben nicht gerade die Disposition zu den Freuden der Liebe steigert, ließe sich eigentlich annehmen. Das Verhalten der Einsiedler widerspricht dem aber. Wie ließe es sich sonst verstehen, daß _Evagrius_ nicht nur auf geistige Getränke verzichtet, sondern sogar seine Schüler _vor dem Wassertrinken warnt_, da es »majores phantasias generat et largiora daemonibus receptacula praebet«. Als diesen Asketen einst der Dämon der Unkeuschheit peinigte, sprang er zur Winterszeit in einen Brunnen und mußte zur Kühlung seiner Glut dort die ganze Nacht zubringen. Was diesen Frommen an Intelligenz gebrach, scheint demnach durch ihre »Männlichkeit« reichlich wettgemacht worden zu sein[1]!

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Die Askese der esoterischen Manichäergemeinde, des Ordens der »Wahrhaftigen« oder »Erwählten«, bestand nach den übereinstimmenden Angaben der Kirchenväter, wie der orientalischen Quellen vor allem in der Übernahme der »drei Siegel« (signacula). Das sind: 1. die Enthaltung des Mundes von jeder Art unreiner Speise und unreiner Worte (signaculum oris). 2. Die Enthaltung der Hände von jedweder die Lichtwelt schädigenden Beschäftigung, namentlich vom Abbrechen von Baumfrüchten usw. (signaculum manum), 3. Die Enthaltung des Busens von aller sinnlichen Unlauterkeit, besonders allem Geschlechtsverkehr, auch der Ehe (signaculum sinus). Die Mundversiegelung verpflichtete den vollkommenen Manichäer zur Vermeidung nicht nur jeglichen Fleischgenusses, sondern auch aller nicht reiner Vegetabilien. Nur »reine« Pflanzenkost bestehend aus Melonen, Öl und anderen (angeblich an Lichtbestandteilen besonders reichen) Baumfrüchten war gestattet. Getreideprodukte, namentlich Brot, durfte von ihnen nur ausnahmsweise genossen werden und auch dann war es keinesfalls zulässig, daß sie es selbst zubereiteten oder brachen. Die manichäischen Laien hatten keine so strengen Kostgesetze, immerhin mußten sie durch die Fürsprache eines »Elektus« göttliche Verzeihung erwirken. Der Elektus redete das ihm überreichte Brot, um seine Unschuld an dessen Zubereitung zu beteuern, folgendermaßen an: »Ich habe dich nicht geschnitten, nicht gemahlen, nicht geknetet, nicht in den Backofen gelegt, sondern ein anderer hat das getan; ich esse dich ohne Schuld usw.« Übrigens galt ihnen die Tötung von Tieren als noch schlimmeres Vergehen, als diese Pflanzenverletzungen, weil die Tiere dämonischer Abkunft seien, ihre Schlachtung also einen Eingriff ins Reich der Dämonen bedeute. Auch die Bereitung und der Genuß von Wein war ein Kapitalverbrechen, denn der Wein sei die Galle des Fürsten der Finsternis.

Die Beschränkungen des »Händesiegels« fallen weniger unter den asketischen Gesichtspunkt, als unter den einer abergläubigen Reinlichkeitsobservanz. Die Busenversiegelung aber war eine Maßnahme, die die »Erwählten« zwar in den Augen derer, die nicht alle werden, zu höheren Wesen stempelten, im übrigen aber keine größere Torheit forderte, als die Mönchs- und Nonnenorden bis zum heutigen Tage, ja als die Kirche von ihrem gesamten Klerus[2].

Das Fastenverbot, das ja bekanntlich im ganzen Mittelalter und zum Teil heute noch bestand, wurde besonders in Frankreich mit außerordentlicher Strenge gehandhabt. Wie Bodin erzählt (Démon des sorciers, p. 216), ließen die Zivilgerichte von Angers im Jahre 1539 diejenigen, die des Fleischgenusses am Freitag überführt waren, _lebendig verbrennen_, wenn sie ohne Reue blieben, aber aufhängen, wenn sie bereuten[3].

Diese Zwangsmaßregeln beweisen zur Genüge, wie wenig bereitwillig man es handhabte. Auf die einfältigen Spitzfindigkeiten es zu umgehen -- daß man etwa den Biber zu den Fischen rechnete -- sei nur andeutungsweise hingewiesen.

Die Fastenaskese wird noch heute in alter Stärke in der griechisch-orthodoxen Kirche gehandhabt. Einige an der Sonne gedörrte Baumfrüchte mit etwas Brot und Wasser bilden die einzige Kost für die strenger lebenden Athos-Asketen. Dabei wohnen sie in finsteren Schluchten unter elenden Obdächern von Lehm, Baumzweigen usw. Ein gewissenhafter anatolischer Christ hat sich im Jahre mindestens an 180 Tagen des Fleischgenusses zu enthalten, ja an ungefähr 140 Tagen darf er auch keine Fische genießen. Im orthodoxen Rußland aber hat für die strengeren Fastenzeiten das Priestertum eine Art Überwachungsrecht sogar über die Ärzte. Nur auf Grund besonderer vom Popen ausgestellter Erlaubnisscheine dürfen den Kranken dann kräftigere Speisen, wie Fleisch, Fleischbrühe, Eier, Butter usw. ärztlich verordnet werden[4].

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Geradezu wahnwitzig ist der Kampf, den der Gläubige gegen die Sinnenlust führen muß. Zugegeben, daß sie da und dort die Gedanken von Wichtigerem und Höherem ablenken mag, so lehrt doch gerade die Geschichte der Asketen die Unmöglichkeit oder doch Unzweckmäßigkeit dieses Ringens mit einer Naturgewalt. Mit etwas mehr Intelligenz begabt, hätte der Asket hie und da der Natur nachgegeben, statt vor unbefriedigter Sinnlichkeit keinen anderen Gedanken fassen zu können.

_Makarius_, der Lehrer des Evagrius, wurde einst derart vom Dämon der Wollust geplagt, daß er sich nur durch eine ganz erleuchtete Kriegslist helfen konnte: er hielt sich sechs volle Monate hindurch splitternackt in einer Sumpfgegend seiner Wüste auf, _bis die Stechmücken seinen Körper bis zur Unkenntlichkeit zugerichtet hatten_ und man ihn, über und über verschwollen und wie ein Aussätziger aussehend, nur mehr an seiner Stimme erkannte.

_Ammonios_ mußte auch zu einer Gewaltkur greifen, um seiner Sinne Herr zu werden. Sobald er ein menschliches Rühren verspürte, _verbrannte er sich_ bald an diesem, bald an jenem Gliede. Daß sein Körper mit Brandmalen über und über bedeckt war, läßt Schlüsse auf sein Innenleben zu.

Kein Wunder, daß diese Männer im wahrsten Sinne des Wortes -- hatten sie doch schon in der Einsamkeit ihrer Einsiedelei genug auszustehen -- den Anblick eines weiblichen Wesens nicht ertragen konnten. So riß einer der Altväter Cassians, _Paulus_ mit Namen, beim Anblick einer Frau plötzlich aus, als würde er von einem Löwen verfolgt. Die Beschaffenheit der Frau spielte gar keine Rolle. Diese armen, an Satyriasis leidenden Trottel -- denn wie ließe sich ihr Verhalten anders als durch diese Krankheit erklären? -- wurden sogar durch _den Anblick der eigenen Schwester in Wallung versetzt_. Ein gewisser _Pior_ mußte erst von seinem Bischof den strikten Befehl erhalten, seine Schwester aufzusuchen. Er kürzte aber den Besuch möglichst ab, betrat nicht einmal ihr Haus, sondern stellte sich ihr nur auf der Türschwelle zu kurzer Betrachtung vor. Dann kehrte er spornstreichs in seine Zelle zurück.

Wie doch nichts erfunden wird, bevor sich das Bedürfnis dazu einstellt! Was hätte man damals mit Yohimbin angefangen!

Die weiblichen Reize wirkten ja sogar noch im Grabe! Wenigstens existiert eine Legende vom keuschen Abte _Thomas_ -- wie der gute Mann zu dem Epitheton ornans keusch kommt, wird ihm wohl selbst ein Rätsel sein! -- dessen Gebeine noch im Grabe keine weibliche Leiche neben sich dulden konnten[5]!

Der Geist dieser Heiligen muß auch in den frommen Leuten in Schweden gewirkt haben, als sie die Unterdrückung von Linnés System forderten, weil es sich auf die Entdeckung der Geschlechter der Pflanzen gründe und demnach darauf berechnet sei, die _Einbildung der Jugend zu erhitzen_[6]!

Gegenüber den oben genannten, recht unbequemen Gewaltkuren, ist entschieden die folgende Form der Askese geschmackvoller oder doch amüsanter.

_Evagrius_ schildert sie mit Bewunderung: gewisse Mönche in Palästina seien durch »ein ganz vortreffliches und göttliches Leben« so sehr Herr ihrer Leidenschaften geworden, daß sie gewöhnt waren, mit den Frauen zusammen zu baden. Denn weder der Blick, noch die Berührung, noch die Umarmung einer Frau konnte sie in ihren natürlichen Zustand wieder zurückfallen lassen. »Unter Männern wollten sie Männer, unter Frauen Frauen sein« (Hist. Eccl. I, 21).

Damals wohnten auch Jungfrauen und Mönche oft in demselben Hause beisammen und erklärten mit einer Heuchelei von seltener Kühnheit, sie hätten ihre natürlichen Leidenschaften so beherrscht, daß sie _in Keuschheit dasselbe Bett teilten_[7].

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