Part 2
Dieses Thema schien den Theologen so bedeutend, daß der gräflich Schönbornsche Konsistorialprofessor Christoph _Haymann_ im gleichen Jahre in Waldenburg eine Abhandlung erscheinen ließ, von deren schier endlosem Titel wir den Anfang zitieren »Zufällige Gedanken über des Hochedlen und hochgel. M. Salomon Ranischens, des Hochfürstl. Sächsis. Gymnasii illustris in Altenburg hochverordneten Professors ...« Hier wird der Abhandlung zwar Beifall gezollt, jedoch bezweifelt, ob der Beweis zwingend dafür erbracht sei, daß der Engel, der Elieser auf seiner Reise unterstützte auch den gemessenen Befehl gehabt hätte ihm beim Vermählungsgeschäft behilflich zu sein. Er glaubt vielmehr, daß Gott selbst die Umstände und Herzen der in Frage kommenden Personen nach dem Wunsche Eliesers gelenkt habe. Auch fehle der zwingende Beweis dafür, daß Isaak durch eine Erscheinung, Botschaft oder Anzeige des Engels bestimmt worden sei der Rebekka entgegenzugehen.
Der Fall wird mit größtem Scharfsinn und natürlich auch unter Zurückgreifen auf den hebräischen Urtext geprüft. Das war aber auch nötig, denn Salomon Ranisch antwortete in einem »_Sendschreiben_ an den Hochehrwürdigen, hochachtbaren und hochgelahrten Herrn M. Christoph Heymann (sic!) usw.« Altenburg 1754.
Er meint es trage die »Schwäche des menschlichen Verstandes« Schuld an der Gleichgültigkeit der Ausleger, die der Tätigkeit des Engels bei der Vermählung Isaaks nicht die nötige Beachtung geschenkt hätten. Vielleicht hätten sie unter dem Engel den unerschaffenen Engel des Bundes verstanden, vielleicht auch sich den Schein der Gelehrsamkeit beigelegt, als ob die Interpretation der Tätigkeit des Engels so leicht sei, daß man stillschweigend darüber hinweggehen könne. Ihm aber sei ein Licht aufgegangen durch die Vorlesungen des Professor _Crusius_, der dozierte, daß Gott die Welt regiere teils durch den Lauf der Natur, teils durch die Hilfe der Wunder, teils aber auch durch den Dienst der Engel. Wenn es ihm auch ferne läge zu bestreiten, daß der Engel die Aufgabe hatte Elieser auf seiner Reise zu beschützen, so seien wir doch auch gezwungen, ihn als »einen Beystand der gestifteten Ehe« anzusehen. Das beweist er denn auch philologisch. Ja, der Engel sei sogar mit dem Messias identisch. Weit entfernt sich widerlegen zu lassen, ist Ranisch der Ansicht, daß gerade diese Ehegeschichte ein wunderschönes Beispiel dafür sei, daß _Gott durch den Dienst der Engel die Ehen der Frommen stifte_[6].
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In der Abhandlung »_Adam der erste Vasall_« erbringt Joh. Dan. _von Hoven_ (Lingen 1753) den Beweis, daß das _Paradies ein Lehen war_, mit dem _Gott als Lehnsherr Adam als ersten Vasall_ belehnt hatte.
Der Lehnsherr Gott, zugleich unumschränkter Landesherr, führt einen doppelten Namen im Hebräischen in diesen seinen beiden Eigenschaften. Der Lehnsherr wird eigentlich Herr genannt, nicht sowohl weil er die Oberherrschaft sich vorbehalten wollte, als wegen der Treue und Pflichten, die der Vasall ihm zu leisten schuldig ist. Der an einen Lehnsherrn zu stellenden Forderung, daß er freie Verfügung über die zu vergebenden Güter habe, entspricht Gott durchaus. Er handelte jedoch weniger als kontrahierende Partei, denn aus freiem und unumschränkten Wohlgefallen.
Was nun Adam betrifft, so ist er namentlich benannt. Er ist als Vasallus capitaneus zu betrachten, das Weib aber nur als Valvasor.
Das Lehensgut ist ein unbewegliches Grundstück, das aus besonderer Gnade verliehen wird und eigentlich weder ge- noch verkauft werden darf. Ein solches beneficium war der Garten Eden: a) er war ein unbewegliches Grundstück, b) der Mensch hatte aus sich selbst kein Recht darauf, sondern c) es lediglich aus Gnade erhalten und zwar d) für sich und seine Leibeserben e) mit allen Regalien, f) sowohl geistlichen als weltlichen. Zwar hatte Gott dem Menschen erlaubt sich die Erde untertan zu machen, dabei aber den Garten Eden ausdrücklich abgesondert und für sich selbst vorbehalten. Es handelt sich hier also um ein Lehn in curte oder territorio des Landesherren und damit zugleich ein feudum ligium.
Die Belohnung geschieht durch Einräumung, tätliche Einführung und Übergebung des Grundstückes vom Herrn an seinen Vasallen im Beisein wenigstens zweier Zeugen, wogegen sich der Vasall durch den Lehnseid seinem Herrn verpflichtet, was jedoch auch erlassen werden kann. Die Einsetzung erfolgt nach Gen. II, 8 und 15 ordnungsgemäß vermutlich in Gegenwart einiger Engel, da diese auch bei der Austreibung anwesend waren. Fehlte auch der Lehnseid, wie ja zulässig, so empfing Adam doch Instruktionen bezüglich seiner Dienstpflichten, nämlich den Garten zu bebauen und zu bewahren. Auch war das Servitut auferlegt vom Baum der Erkenntnis nichts zu essen bei Verlust des Lehens. Dieser erfolgte ganz rechtmäßig wegen eines crimen feloniae -- das unerlaubte Essen und Verhandlungen mit der Schlange als Feindin des Lehnsherren -- und crimen lesae majestatis, da er bei der Untersuchung den Lehnsherren selbst beschuldigte[7].
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Im Jahre 1756 erschien in Jena »Johann Georg _Walchs D. Abhandlung vom Glauben der Kinder im Mutterleibe_, aus dem lat. ins deutsche übersetzet und mit Anmerckungen erläutert von M. Adam Lebrecht Müller« in zweiter Auflage!
Diese wenn auch nicht lesenswerte, so doch sicherlich gelesene Untersuchung stellt fest, daß gar kein Zweifel darüber bestehe, daß getaufte, in zarter Kindheit sterbende Kinder des ewigen Lebens teilhaftig werden. Wie aber, wenn Kinder sterben, deren Eltern keine Christen sind? Die Ansichten über das Schicksal ihrer Seelen weichen voneinander ab. Der Verfasser hält dafür, daß sie infolge der Erbsünde der ewigen Seligkeit verlustig gehen. Kinder aber von christlichen Eltern erlangen die ewige Seligkeit auch wenn sie ungetauft sterben, wofern die Taufe unmöglich war. Aber wie läßt sich das begründen? Höchst einfach! Da es unmöglich wäre ihnen das ewige Leben zu verleihen ohne Glauben, aber unbillig sie unverschuldet der Verdammnis zu überliefern, so folgt daraus, daß »_Gott den Glauben in den Kindern, da sie noch im Mutterleibe sind bewirkt_!« Er kann das nach Matth. XIX, 26 und Luk. I, 37 tun. Von Johannes wird Luk. I, 15 sogar ausdrücklich erzählt, daß er noch im Mutterleibe vom heiligen Geist erfüllt wurde. »Wir finden Exempel solcher Kinder, welche Gott bereits im Mutterleibe zu heiligen Ämtern ausersehen hat. Jer. I, 5. Gal. I, 15 sqq. Also kann Gott im Mutterleibe heiligen[8].«
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Ein Thema, dessen Aufwerfung nicht geringere Intelligenz erfordert, als seine Beantwortung, behandelt der Prediger Johann Friedrich _Wachsmann_ in seiner 1751 zu Helmstedt erschienenen Schrift betitelt »Untersuchung der Frage, _warum Gott den gefallenen Engeln keinen Erlöser gegeben habe_?«
Er geht mit bewundernswertem Scharfsinn zu Werke, wenn er nach der Feststellung, daß viele Engel durch eigene Schuld in Sünde fielen, im Gegensatz zu den verführten Menschen, schließt, daß es also keineswegs unmöglich wäre, sie durch einen Erlöser daraus zu befreien. Und zwar weder unmöglich bei Gott, da dieser ja allmächtig, noch beim Erlöser. Denn diese Unmöglichkeit müßte entweder darin bestehen, 1. daß der Sohn Gottes, ob er sich gleich mit der menschlichen Natur habe vereinigen können, doch unvermögend gewesen, die Natur der Engel anzunehmen und sie zu erlösen. Oder 2. daß, weil die englische Natur trefflicher sei, als die menschliche der Sohn Gottes eine Unmöglichkeit gefunden habe, die englische Natur anzunehmen; oder 3. daß, weil die Sünde der gefallenen Engel größer, als die Sünden der Menschen gewesen, es dem Sohne Gottes unmöglich gefallen, für ihre Sünde eine vollkommene Genugtuung zu leisten, wenn er auch ihre Natur angenommen hätte; oder 4. daß außer der Annahme der englischen Natur, wenn sie unmöglich gewesen wäre, sonst kein anderer Weg auf seiten des Erlösers habe sein können, die gefallenen Engel aus ihrem kläglichen Elende zu erlösen.
Nun ist es klar, daß sowohl Gott, als auch dem Erlöser das alles sehr wohl möglich gewesen wäre. Gab also Gott den gefallenen Engeln keinen Erlöser, so kann nur sein Wille, nicht sein fehlendes Können, daran schuld gewesen sein.
Aber warum wollte Gott nicht?
Die Antwort würde uns sehr schwer fallen, uns schlaflose Nächte verursachen, vielleicht uns ein Gemütsleiden zuziehen, hätte nicht Herr Pastor Wachsmann auch sie richtig gefunden.
Ja, warum wollte Gott nicht? Er wollte nicht entweder aus Güte, oder aus Gerechtigkeit, oder aus Heiligkeit! Der Verfasser entscheidet sich für die letztere. Und er hat mit seiner Motivierung recht: Eigentlich wollte er ja den gefallenen Engeln einen Erlöser geben, unter der Bedingung, daß sie glaubten. Aber er sah bei seiner Allwissenheit vorher, daß sie das ganz und gar nicht tun würden, und deshalb unterließ er es.
Zu dieser hochaktuellen Untersuchung von unabsehbarer praktischer Bedeutung hat der hochwürdige Herr Abt _Schubert_ eine Vorrede geschrieben, die zugleich eine kritische Würdigung ist.
Zwar ist er der Ansicht, daß es zur Seligkeit nicht nötig sei zu wissen, warum Gott den bösen Engeln keinen Erlöser sandte, nachdem aber der Rostocker Gottesgelahrte D. Johann _Fecht_ in seinen Noctibus Christianis p. 359-887(!!!) weitläufig untersucht habe, _ob Christus unter allen Menschen die schönste Gestalt habe_?, billigt er die Frage. Hat doch schon der hl. Augustinus (Enchirid c. 29. Opp. Tom. VI. p. 207) die Ansicht ausgesprochen, Gott habe deshalb den gefallenen Engeln keinen Erlöser gesandt, weil das ganze Menschengeschlecht, aber nur ein Teil der Engel gefallen sei, ein Verlust, der durch die Anzahl der erlösten und auserwählten Menschen wieder habe ersetzt werden müssen! Auch der hl. Gregorius (Lib. IX Moral c. 28) hat sich zu dieser wichtigen Frage geäußert, desgleichen Bernhard (in Tr. de grad. hum. p. 975). Wenn auch Wachsmanns Ausführungen im allgemeinen zuzustimmen sei, so müsse doch bedacht werden, daß die gefallenen Engel nur deshalb so verstockt seien und an den Erlöser nicht glauben würden, weil sie wüßten, daß sie auf ewig verdammt sind. Trotzdem wäre Gott auch die Erlösung dieser hartgesottenen Sünder möglich gewesen, jedoch nur durch unendliche Leiden seines Sohnes. Und da Christus sich dazu nicht freiwillig erbot, wollte Gott ihn nicht zwingen. Zudem wäre ihre Erlösung »ein unnützes und überflüssiges Werk« gewesen. Und so etwas macht Gott nicht.
Der Herr Abt schließt sein Gutachten mit der Hoffnung, es mögen sich noch viele »geschickte und gelehrte Männer« dadurch veranlaßt sehen, »solche Fragen in der Theologie zu untersuchen, die bisher noch nicht hinlänglich entschieden worden, damit das Licht unserer Erkenntnis zum Preis der göttlichen Majestät immer klarer und heller gemacht werde«[9].
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Die _Gründe, aus denen Kain von Abel erschlagen wurde_, ließen die Theologen nicht schlafen. Doch die Erleuchtung blieb nicht aus. Man fand, daß _religiöse Differenzen_ den Brudermord verursacht hätten. Kain hätte behauptet, daß es weder ein ewiges Leben, noch Belohnung für die guten und Bestrafung für die bösen Taten gäbe, daß die Welt nicht durch Gottes Barmherzigkeit erschaffen worden sei usw. Abel widersprach und da ihm bessere Argumente fehlten, tat er, was man in solchen Fällen noch heute den Freidenkern gegenüber gern tun würde, er erschlug den gläubigen Bruder[10]!
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M. Joh. Jacob _Plitts_ »Vernunft und Schriftmäßige Gedanken über _diejenigen Menschen, welche bald nach ihrem Tode wieder auferwecket und größtentheils zweymahl gestorben sind_«, Marburg 1752, repräsentieren vielleicht einen noch höheren Grad gelehrter Dummheit.
Diese schon durch ihren Titel -- man beachte das »größtenteils zweimal gestorben!« -- beachtenswerte Untersuchung befaßt sich auch mit der hochwichtigen Frage, _wo die Seelen der Auferweckten gewesen sind_. »Die Gottesgelahrten haben es vor die schwerste Frage dieser Sache gehalten, wo denn die Seelen dieser Verstorbenen bis zu der Zeit, da sie wieder auferwecket sind, geblieben wären? Die hl. Schrift redet von zwei Orten nach dem Tode, und versichert, daß aus der Hölle keine Erlösung sey, und wer einmahl in dem Himmel ist, auch ewig darinne bleibe ... Die Schwierigkeiten werden am glücklichsten gehoben, wenn man annimmt, daß diese Seelen bis zur Auferweckung in ihren Leibern geblieben, ob sie gleich keine weitere Gemeinschaft mit denselben gehabt haben. 1. Diese Meynung hat nichts widersprechendes, und ist also möglich: denn die räumliche Trennung der Seele von dem Leibe gehöret nicht zu dem Wesen des Todes nothwendig; 2. es stimmt weit besser mit den göttlichen Vollkommenheiten, wenn die Seelen, die bald wieder mit ihrem Cörper haben sollen vereiniget werden, nicht an einem besonderen Ort versetzet worden. Die Ursachen, warum die Seelen gleich nach der Trennung von ihren Leibern an einen gewissen Ort versetzet werden, fielen weg, und den Menschen würde es schwer werden, eine Ursache zu entdecken, warum Gott die Seelen der zweymahl Verstorbenen auf eine so kurtze Zeit aus ihrem bisherigen Orte in einen andern sollte versetzet haben, in welchem sie natürlicher Weise nach dem Tode des Leibes geblieben wären. Ueberdies häuffet Gott die Wunder nicht ohne Noth, sondern wählet immer den kürtzten Weg, einen gewissen Endzweck zu erreichen. Es war also ein kürtzer Weg, wenn die Seelen in ihren Cörpern blieben, als wenn sie in den Himmel versetzet, und kurtz hernach wieder mit dem vorigen Leibe vereiniget würden«[11].
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Welcher fromme Christ fürchtet nicht das jüngste Gericht, das Ende aller Dinge? Vor allem, daß es ihn nicht wachend und betend ereilt? Da ist es natürlich von ungeheurem praktischen Werte, annähernd zu wissen, wann dieses schreckliche Ereignis eintrifft. Bekanntlich glaubte man im Jahre Tausend unserer Zeitrechnung nunmehr sei alles aus, und in diesem Glauben wanderte der fromme Kaiser Otto III., das Weltwunder, nach Gnesen. Die Adventisten leben in unseren Tagen noch der Meinung, daß die Katastrophe plötzlich hereinbrechen könne. Wie töricht! Hat doch schon längst M. Gottfried _Büchner_ die Frage in durchaus befriedigender Weise gelöst und dadurch jeden wahrhaft Frommen von einem schweren Alb befreit.
Zu Jena erschien im Jahre 1751 die Abhandlung »_Daß der jüngste Tag und das Ende der Welt gewiß aber noch lange nicht komme_, suchet aus der Schrift und Vernunft zu beweisen M. Gottfried Büchner«.
Die Beweisführung ist durchaus zwingend. Wenn auch der gelehrte Verfasser sich nicht getraut, das Jahr oder gar Tag und Stunde des jüngsten Tages genau anzugeben, so weist er doch mit Recht auf Habakuk III, 2 hin, wo es heißt »Herr ich habe dein Gerücht gehöret, daß ich mich entsetze; Herr du machest dein Wort lebendig mitten in den Jahren und lässest es kund werden mitten in den Jahren.« Nun ist es ja evident, daß das lebendig gewordene Wort Gottes Christus ist. Da es mitten in den Jahren kommt, d. h. in der Mitte zwischen Schaffung und Untergang der Welt, so ist es nicht allzuschwer, den letzteren Termin zu bestimmen. Wissen wir doch, daß Christus etwa im Jahre 4000 nach der Schöpfung auftrat. Wir können daraus folgern, daß der jüngste Tag 4000 Jahre nach ihm eintritt, haben also noch über 2000 Jahre Zeit, uns unseres Lebens und unserer Sünden zu freuen. Und das wollen wir hiermit auch tun[12]!
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Die für das Seelenheil nicht minder wertvolle, als für jene wahre Wissenschaft, die wir alle erstreben, notwendige Frage, ob die _Erde im Herbst oder im Frühjahr geschaffen wurde_, ließ begreiflicherweise die Theologen nicht zur Ruhe kommen. Schon die alte Kirche hatte sich mit ihr befaßt. Nach der großen Glaubensspaltung lieferten orthodoxe Katholiken, Lutheraner und Calvinisten etwa in gleicher Stärke Verteidiger der einen, wie der anderen Meinung. Die meisten Katholiken treten zwar für die Erschaffung im Frühjahr ein, so auch _Cajetan_, _Molina_, _Valentia_, _a Lapide_, _Tornielli_ usw., aber auch große Autoritäten, wie _Arias_, _Montanus_, _Pererius_, _Mesenne_ und _Petavius_ entscheiden sich für den Herbst. Von lutherischen Theologen sind sich _Luther_, _Melanchthon_, _Agid. Hunnius_, _Joh. Gerhard_, _Somson_, _Gottfried Wegner_ u. a. darin einig, daß die Erschaffung der Welt nur im Frühjahr stattfinden konnte, während der berühmte Leipziger Chronologe _Calvisius_ ([+] 1617), _Abrah. Calov_, _Strauch_, _Runge_, _Walther_ usw. gute Gründe für die andere Jahreszeit hatten. Auch unter den Reformierten gab es bedauerlicherweise zwei Lager: _Alsted_, _Polanus_, _L. Capellus_, _G. J. Vossius_, _Jul. Caesar Scaliger_ und _Pareus_ brachen für den Frühling Lanzen, während _Danäus_, _Zanchius_, _Piscator_, _Voetius_, _Maresius_, _Burmann_, _Heidegger_, _Turretin_ usw. die Ehre des Herbstes als Weltschöpfungstermin verteidigten. Es war ein harter Kampf, um so mehr, als der berühmte Kartograph _Mercator_ ([+] 1594) berechnet hatte, daß die Welt nur im _Hochsommer_ entstanden sein konnte. Natürlich fand auch diese wissenschaftliche Erkenntnis ihre Anhänger, wenn auch nicht viele. Noch zu Anfang des 18. Jahrhunderts hatten sich die Gemüter nicht beruhigt, wie die damals erschienene Schrift des Geraer Rektors _Hogel_ beweist, der herausgerechnet hatte, daß _Gott am 26. Oktober abends zu schaffen angefangen hatte_[13].
Hauptsächlich in reformierten Kreisen herrschte Meinungsverschiedenheit darüber, ob der Schöpfungsakt Gottes jedesmal den ganzen _Zeitraum von 24 Stunden_ einnahm oder ob er in kürzerer Zeit fertig wurde oder ob er -- wozu besonders die strenge Orthodoxie neigte -- mit einem Schlage und ohne jeden Zeitaufwand erfolgte. Zwischen den Lutheranern aber gab es Differenzen über den Zeitpunkt, in denen _die Engel erschaffen_ wurden: ob er auf den _ersten oder zweiten Schöpfungstag_ zu legen sei oder ob man ihn ganz unbestimmt lassen müsse[14].
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Der Lübecker Generalsuperintendent August _Pfeiffer_ ([+] 1698), ein durch seine wissenschaftlichen Arbeiten bekannter Theologe, ließ unter dem Titel »Pansophia Mosaica e Genesi delineata, d. i. _Grundriß aller Weisheit darinnen aus dem 1. B. Mosis alle Glaubensartikul; die Widerlegung der Atheisten, Heiden, Juden, Türcken, und aller Ketzer; alle Disciplinen in allen Facultäten; der Ursprung aller Sprachen; der Extract von allen Historien, Antiquitäten und Curiositäten; alle Professiones, Handwerke und Handthierungen; alle Tugenden und alle Laster; aller Trost kurz und deutlich gewiesen werden_« (Leipzig 1685), ein Werkchen in Duodez erscheinen, das selbst unter den an Albernheit gewiß den höchsten Ansprüchen genügenden theologischen Untersuchungen noch einen Ehrenplatz einnimmt. Er führt den Nachweis, daß das 1. Buch Mosis der Inbegriff aller göttlichen und menschlichen Weisheit ist und findet darin u. a. sogar die sämtlichen 28 Artikel der Augsburger Konfession. Auch alle Rechtswissenschaft, Medizin, Philosophie, Redekunst haben hier ihre Wiege.
Pfeiffer ist ganz und gar nicht verwaist unter den gelehrten Dummköpfen. So schrieb _Dorsch_ eine Theologia Zachariana (1637), _Majus_ eine Theologia Jeremiana (1696), _Bebel_ eine Daniel-Theologie und _Hinckelmann_ vier Jahre später (1687) eine Hiob-Theologie. Den Vogel aber schießt _J. Deutschmann_ ab mit der Schrift »_Theologie Adams, des ersten wahren Lutheraners_« (Theologia primi theologi Adami vere Lutherani, Wittenberg 1689)[15].
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Wenn Naturvölker, Zeiten, die vom Naturgeschehen noch keine richtige Vorstellung haben im Erdbeben mit seinen Schrecken einen Eingriff Gottes in den Lauf der Natur erblicken, daraus sein Grollen entnehmen wollen, so werden wir das für Unwissenheit, nicht aber für Dummheit halten können. Wie aber, wenn im aufgeklärten 18. Jahrhundert in einer Abhandlung, die die natürlichen Ursachen der Erdbeben durchaus nicht bestreitet, ein Diakon Johann Christian _Leo_ in seiner Predigt »_Die Offenbahrungen Gottes im Erdbeben_«, Weißenfels 1757, darlegt, daß _Gott im Erdbeben seine Gerechtigkeit und Güte offenbart_! Wie völlig alles Verstandes beraubt muß eine Konfession oder Zeit sein, die nach der schrecklichen Katastrophe von Lissabon und unter deren unmittelbarem Eindruck solche Folgerungen ziehen kann[16]!
Wenn irgend etwas den Beweis zu liefern vermag, daß der blinde Bibelglaube die Vernunft lähmt und dadurch verdummt, so ist es zweifellos ein Symptom wie dieses: unter allen Umständen ist ein Eingriff Gottes in das Naturgeschehen eine gute Handlung. Wir sehen zwar das genaue Gegenteil, aber da Gott alle guten Eigenschaften hat und Vater der Menschen ist, so trügen uns eben Augen und Verstand! Betrachten wir nun des Näheren die lähmende Rolle, die dieser Bibelglaube spielt, zumal, wenn er noch durch den an die unfehlbaren Interprätationen der Autoritäten gestützt wird!
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Die Frage von der Existenz der _Antipoden_ gehört zu den wenigen wissenschaftlicher Art, die die alte Kirche beschäftigten. Da die Manichäer zufällig das Richtige trafen, widersetzen sich die Kirchenväter ihrer Ansicht, waren doch die Manichäer als Ketzer verdammt. Der Mönch _Cosmas_, der zu Beginn des 6. Jahrhunderts in Alexandrien lebte, hatte in seiner »Topographia Christiana«[A] die Resultate seiner weiten Reisen niedergelegt, sowie eingehend Stellung genommen zum Verhältnis der Wissenschaft zur Bibel. Er bestreitet die Existenz der Antipoden, und zwar aus folgenden zwingenden Gründen:
Da der Schöpfungsbericht der sechs Tage mit den Worten schließt »Dies ist das Buch des Ursprungs von Himmel und Erde« (Genesis 2, 4) meint Cosmas, wenn die Lehre von den Antipoden richtig wäre, dann würde der Himmel die Erde umschließen und es hätte daher nur zu heißen brauchen: »Dies ist das Buch des Ursprungs des Himmels.« Da es nun kaum einen biblischen Schriftsteller gibt, der sich nicht des Ausdruckes »Himmel und Erde« zur Bezeichnung des Universums bedient, so war das von Cosmas angeführte Argument von größter Beweiskraft. Setzte es ihn doch in die Lage, als Gewährsmänner gegen die Existenz der Antipoden _Abraham_, _David_, _Hosea_, _Jesaja_, _Sacharia_, _Melchisedek_ usw. anzuführen. Autoritäten beweisen aber ja bekanntlich noch heute und besonders war das damals der Fall.
Aber Cosmas hat damit seine Beweismittel noch keineswegs erschöpft. Da es in der Bibel heißt, die Erde stehe auf ihren Pfeilern fest, was zum mindesten schließen lasse, daß sie nicht in der Luft schwebe, da ferner Paulus sagt (wenigstens wie Cosmas aus den phantastischen Erklärungen von Hebr. VIII, 1, 2, IX, 1, 2, 11, 12, 24 folgert), alle Menschen seien geschaffen, um auf dem Antlitz der Erde zu leben, woraus deutlich hervorgeht, daß sie nicht auf mehr als einem Antlitz oder gar auf ihrem Rücken leben, so müsse ein Christ »nicht einmal von Antipoden sprechen«.
Daß die Beweise des Cosmas, gestützt auf Bibel und Autoritäten, nicht minder auch durch den Antagonismus gegen die Manichäer, allgemeine Anerkennung finden mußten, ist selbstverständlich. Selbst ein _Bonifacius_, ermutigt vom Papst _Zacharias_, fand es nicht unter seiner Würde, in dieser Sache die Sturmfahne gegen den Irländer _St. Virgilius_ zu führen, als dieser es gewagt hatte, um die Mitte des 8. Jahrhunderts in Bayern die Existenz der Antipoden zu behaupten. Man bannte 748 diesen später heilig gesprochenen Abt von St. Peter in Salzburg, späteren Bischof, der trotz seiner Irrlehre dazu berufen war, Kärnten und Steiermark zu christianisieren. Übrigens wurden auch noch in späteren Jahrhunderten Verteidiger der Antipodenthese von päpstlicher Seite verdammt, während _Albertus Magnus_, _Dante_ und andere ungestraft die gleiche Ansicht vertreten durften. Im 14. Jahrhundert wurden wegen der Antipodenlehre noch _Pietro d'Abano_ bestraft, _Cecco d'Ascoli_ als Greis verbrannt. Aber selbst noch zur Zeit Heinrichs des Seefahrers, als die großen atlantischen Entdeckungen doch schon begonnen hatten, konnten sich noch Männer wie der Kardinal _d'Ailly_ auf Grund der Bibel gegen Antipoden erklären, ja ein _Columbus_ mußte sich von den Theologen Salamancas darüber belehren lassen, daß die Annahme bewohnter Länder auf der anderen Erdhälfte gegen Schrift und Kirchenväter verstoße[17].
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Unter dem Titel »Systema Theologicum ex Prae-Adamitarum Hypothesi« erschien im Jahre 1655 von dem französischen Protestanten _La Peyrère_ ein Werk, das verdienstvoll genannt werden muß durch die Kritik, die es an der biblischen Geschichte übt und mit der es versucht Widersprüche zwischen Wissenschaft und Bibel dadurch aufzuklären, daß es die ganze vorsintflutliche Geschichte lediglich auf das jüdische Volk beschränkt wissen will. Sehr merkwürdig sind nun einzelne Fragen, die er in diesem Bestreben aufwirft: Warum hütete Abel die Schafe, da es doch keine Diebe gab? Wo nahm Kain die Waffe her, mit der er seinen Bruder tötete?
Daß in der Bibel zwei Schöpfungsgeschichten miteinander verquickt sind, was zu Widersprüchen führt, war ihm nicht entgangen und kommt ja auch z. B. klar in Kains Furcht weiter zu wandern zum Ausdruck, da er nicht von jemand getötet zu werden Gefahr laufen wollte.
Nun ist es gewiß kein Wunderwerk der Intelligenz, daß noch am Ende des 18. Jahrhunderts gestützt auf diese aus der Bibel zu folgernde Schöpfung anderer Menschen unabhängig von der Adams das irländische Parlamentsmitglied _Dobbs_ die Existenz einer nicht von Adam stammenden Menschenrasse nachdrücklich verteidigt und die _Neger auf eine Ehe Evas mit dem Teufel zurückführt_! In Amerika geschah dasselbe zur Verteidigung der Negersklaverei[18].
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Im Jahre 1752 erschien in Nordhausen eine 9 Bogen starke Schrift des Konrektors des dortigen Gymnasiums Joh. Friedrich _Albert_ mit dem Titel »Versuch eines neuen Beweises, daß die _Sündfluth allgemein gewesen, und über die gantze Erde ergangen sey_; wobey zugleich noch andere dahin gehörige Sachen und seltene Nachrichten ausgeführet worden.«