Part 11
So weit hatte es kommen können nur deshalb, weil ursprünglich die Fürsten aus Angst für ihr Seelenheil sich verpflichtet gefühlt hatten, so gut wie alle kirchlichen Forderungen zu erfüllen. Das Beispiel Heinrichs IV. mag gar manchen davor gewarnt haben, sich gegen kirchliche Machtansprüche, so unbegründet sie waren, mit Energie aufzulehnen. Ein Brauch aber, der Jahrhunderte besteht, wird in den Augen der Urteilslosen geheiligt, und sei es der größte Mißbrauch. So war die Folge, daß man nicht etwa jeden Versuch des angeblichen Nachfolgers Petri sich um weltliche Angelegenheiten zu kümmern, als Anmaßung zurückwies, sondern daß man im Gegenteil die Bemühungen der weltlichen Gewalten um Rückerlangung der durch Dummheit ihrerseits und raffinierte Schlauheit auf der andern Seite verlorenen Rechte als Sakrileg betrachten konnte.
Man hatte es dank der menschlichen Dummheit dahin gebracht, daß das Monopol der kirchlichen Lehre, deren Beschaffenheit wir ja weiter oben zur Genüge kennen lernten, allseitig anerkannt wurde. Man hatte das Volk daran gewöhnt, den Staat nur als Ausführungsorgan der Kirche zu betrachten und hatte den gesunden Menschenverstand, jedes Billigkeitsgefühl so weit eingebüßt, daß man sich in diesem Pfuhle wohl fühlte und den angriff, der es wagte, das verblendete Volk daraus zu befreien, ja, der ihm die Möglichkeit gewährte, auch nur andere Meinungen kennen zu lernen.
Das war der Segen einer Zeit, die mit Staatsgewalt Frömmigkeit zu erzwingen versucht hatte.
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Aus Billigkeitsgründen wollen wir nun auch auf protestantische Länder einen Blick werfen. Daß man hier im wesentlichen die gleichen Prinzipien hatte, leuchtet ein.
Die Zwickauer Ratsschulbibliothek verwahrt ein Exemplar der Originalausgabe des am 25. Juni 1580 in Dresden erschienenen Konkordienbuches. In diesem dicken Folioband sind Bekenntnisschriften, die drei ökumenischen Symbole, die Sondersymbole der evangelisch lutherischen Kirche und endlich die Konkordienformel von 1577 vereinigt. Vorbesitzer dieses Buches war der Pastor _Wenzeslaus Altwasser_ aus Oels, der in Bergreichenstein wirkte, dann aber nach der Schlacht am Weißen Berge und den nunmehr einsetzenden Bekehrungsversuchen der Jesuiten und Mißhandlungen katholischerseits zum Wanderstabe griff.
Von seiner Hand befinden sich auf dem Vorsatzpapier folgende Eintragungen:
Anno Domini 1629. 20. Julij. Nach vollendeter fünffacher ordentlicher Außlegung mit den Summarien Herrn Viti Dieterichs der H. Bibel von Meinen zwayen Kindern alß Matthia Altwasser, von Prag auß Böhmen, eilf järgen vndt numehr inß zwölffte gehenden Knaben, vndt Anna Maria Altwasserin der Jungern, in das zehende Jahr gehenden Mägdlein, auch auß Böhmen, in der Königlich Freyen Berg Stadt Bergreichenstein gebohren, geschehen, ist ihnen beyden gegenwertiges Buch Formula concordiae auch vnder die Hende ordentlich vndt verstendlich außzulesen von Mir gegeben worden, Gott verleihe vnd gebe ihnen seinen heiligen Geist, daß die nach ihrem Kindlichen Alter so viel drauß fassen vndt Behalten mögen, das ihnen die zeit ihres Lebenß zu ihrem Besten gedeyen möge etc.
Den 6. Septemb. gleich auf den Abendt ist es mit lesen ordentlich zuendt gebracht worden.
Den 10. Septemb. ist es Widterumb von Neuem Angefangen worden vndt die woche furm Advent noch desselben Jares absolviret worden.
Anno Domini 1630. den 22. May Stylo Veteri. Nachdem gedachte meine zwey Kinder, Matthiaß vndt Anna Maria, die H. Bibel (Gott sey lob vndt danck dafur gesagt) nu _zum sechsten mahl mit ordentlichem Lesen zu ende bracht_ vndt numehr daß Jüngste Kind Wenzeßlauß Johanneß Altwasser auch darzu angewiesen worden. Alß habe ich ihnen eben desselben tags, Welcheß Vigilia SS. Trinitatis gewesen, das Buch Formula Concordiae _zum dritten mahl vnter die Hände gegeben_, daß eß also diese 3 Meine Kinder Matthiaß, Anna Maria vndt Johannes Wenzeßlauß ordentlich Morgenß, Mittagß vndt Abendß durchlesen sollen. Gott wolle seinen heiligen Geist ihnen verleihen, darmit eß auch in ihren vnmundigen Jahren nicht ohne frucht wolle abgehn vndt auf dieser Lehr vndt Bekentnuß biß an ihr ende ... bestendig verharren vnd seliglich ihr Leben beschließen. Amen, Amen, in deinem Namen, Herr J. C. Amen.
Den 23. Junij ist dieses Buch Formulae concordiae mit ordentlichem durch lesen Morgenß früe zu ende bracht worden. Gott dem Herrn sey dafür lob vndt danck gesagt, der wolle geben vndt verleihen, daß es nicht ohne Nutz möge abgegangen sein[17]«.
Ein Kommentar erübrigt sich!
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Eine Analogie zur katholischen Intoleranz und Beschränktheit bietet der Kampf zwischen den einzelnen protestantischen Konfessionen.
Bekanntlich bekämpften sich in früheren Jahrhunderten die Lutheraner und Reformierten mit der größten Leidenschaft, ja man paktierte lieber mit dem Katholizismus, als daß man sich zu Konzessionen innerhalb der protestantischen Glaubensgemeinschaften herbeiließ. Da dieser Zustand sehr viele Unzuträglichkeiten im Gefolge hatte und naturgemäß lediglich dem Katholizismus dienlich war, da überdies die Unterschiede der Glaubenslehre zwischen den protestantischen Konfessionen kaum in die Wagschale fielen gegenüber den Gemeinsamkeiten, war nichts näher liegend, als der Versuch einer Verschmelzung, einer Union. Sparte sie doch nicht nur Kräfte, um sie für wichtigere Aufgaben freizumachen. Vor allem ermöglichte erst sie der Disziplin und Geschlossenheit des Katholizismus in einer Erfolg versprechenden Weise entgegenzutreten. So ist es nicht verwunderlich, daß von Zeit zu Zeit immer wieder Versuche nach dieser Richtung unternommen wurden, nachdem Luthers Starrsinn in Fragen der Abendmahlslehre auf dem Religionsgespräch zu Marburg (1529) eine Verständigung mit Zwingli verhindert hatte.
Endlich sollte das 19. Jahrhundert die längst gehegten Wünsche verwirklichen, als Friedrich Wilhelm III. von Preußen 1817 in seinen Staaten die Union vollzog. Nassau, Rheinbayern, Baden, Darmstadt schlossen sich im gleichen und den folgenden Jahren an. So wäre alles in schönster Ordnung gewesen, hätte nicht die Geistlichkeit beider protestantischer Konfessionen da und dort zu stören versucht, was die Regierungen mit großer Mühe geeint hatten. Der sogenannte Positivismus, die Richtung, die einen Ruhm darin findet, den Zeitbedürfnissen und Fortschritten der Wissenschaft möglichst gar keine Konzessionen zu machen und im Buchstabenglauben und Konservierung des größten Unsinns, wofern er nur alt genug ist, sich nicht genug tun kann, gewann nun in den fünfziger Jahren die Oberhand. Damit wurde die Rückbildung des gesamten kirchlichen Lebens im Sinne des 16. und 17. Jahrhunderts eingeleitet, alle freie Forschung und Wissenschaft wurde geächtet.
Laut Ausschreibung vom 26. Januar 1854 sollten in Kurhessen zu Kirchenältesten nur die Erleuchtetsten gewählt werden und diese mußten _wöchentlich einmal in den Hauptstücken des Katechismus und den Bußpsalmen überhört werden_! In Mecklenburg wurde die Bilderbibel von Schnorr verboten »wegen erheblicher in der christlichen Lehre begründeter Bedenken die bildlichen Darstellungen Gottvaters betreffend!«
In diesem heute noch gottgesegneten Lande hatte -- wie sich aus obigem schon schließen läßt -- die Volks- und Schulbildung einen wunderbaren Grad der Vollkommenheit erreicht: von 822 Rekruten des Jahrganges 1855 konnten nur 361 Gedrucktes lesen, 405 schwankten zwischen Lesen und Buchstabieren und bloß 118 konnten fertig schreiben. In 79 Ortschaften waren in einem der letzten Jahre sämtliche Geburten unehelich und in 100 Ortschaften die Hälfte.
Ist es doch eine bekannte Erfahrungstatsache, daß jede Priesterschaft, sobald sie die Gewalt erlangt, weit größeren Wert auf unbedingte Unterordnung und blinde Anerkennung ihrer Lehren legt, als auf sittliche Lebensführung; freie Forschung aber und unabhängiges Streben nach Wahrheit in Acht und Bann tut.
Im Musterlande Mecklenburg wurde unterm 6. Juni 1858 dem _positiv_ gesinnten Professor Dr. _Baumgarten_ von Rostock das Recht, Vorlesungen zu halten, entzogen, »weil seine Häresien den ganzen Bestand der kirchlichen Lehre zu zersetzen und auch die faktischen Bestände der kirchlichen Ordnung aufzulösen drohen«.
In einer am 18. und 19. August auf dem Gute des Freiherrn von _Maltzan_ abgehaltenen Konferenz wurde über die Frage »Wer ist ein Ketzer?« verhandelt. Man bewies aus der Konkordienformel, _daß es mit einem Reformierten, der die reformierte Lehre aufrecht erhalte, keine Gebetsgemeinschaft gäbe_! Als der Abgeordnete _Manecke-Duggenkoppel_ diese Unduldsamkeit im Landtag zur Sprache brachte, forderte ihn der Vizelandmarschall von Maltzan, ein Sohn des Vorgenannten.
In Reuß-Greiz wurde auf Betreiben des lutherischen Agitators _Löhe_ unterm 11. Dezember 1856 die Teilnahme der Reformierten am Abendmahl, wiewohl die Fürstin dazu gehörte, verboten, »weil die gemischte Abendmahlsgemeinschaft Sünde sei«.
Der bayerische Pfarrer _Wucherer_ erklärte es in seinem kirchlichen Wochenblatt sogar für bedenklich, daß lutherische Pfarrer mit reformierten Frauen in gemischter Ehe lebten!
Am tollsten und unionsfeindlichsten gebärdeten sich die lutherischen Pfarrer in Preußen. Die Intoleranz und Verfolgungssucht dieser Richtung fand ihren klassischen Ausdruck in der Rede des Justizrates und Oberkirchenrates Dr. _Stahl_ vom 29. März 1855. Er sprach in Berlin »Über die christliche Toleranz« und erklärte die Toleranz als Kind des Unglaubens. »Die Forderung der Gewissensfreiheit als Recht gesetzlicher Staaten und verfassungsmäßig regierter Völker ist ein Teil jenes Werkes der Zerstörung und Umwälzung, welche die moderne Wissenschaft bezeichnet und die Ruhe Europas bedroht.« Er erklärte -- allerdings mit einigem Recht! -- das Christentum für seinem Wesen nach intolerant. Sein Keim ist die Exklusivität, seine Wirkungsart ist die Aggression gegen alle anderen Religionen, die Propaganda unter allen Völkern. »Der einzelne Mensch könne für seine Person denken und, soweit es die polizeiliche Fürsorge für Presse und Buchhandel zuläßt, auch sogar schreiben, nur darf er hiernach nicht Gott mit Gleichgesinnten verehren wollen.« Stahl wendet sich ausdrücklich an die christliche Obrigkeit, die »zur Vermeidung von Ärgernis und öffentlicher Verführung über die Freiheit der religiösen Vereinigung wachen müsse, auch hinsichtlich positiv gläubiger Konfessionen und Sekten der Christenheit gehe ihre rechtliche Verbürgung der Religionsübung über die Grenze der christlichen Toleranz hinaus[18].«
Noch heute ist ein preußischer Erlaß vom 30. Januar 1851 in Gültigkeit, nach dem ausländische Juden zur Bewilligung eines längeren Aufenthaltes der Genehmigung des Ministers des Innern bedürften. Gegenwärtig sind für die Genehmigung nachgeordnete Behörden zuständig[19].
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Die Verfolgungen Andersdenkender in den Grenzen des deutschen Reiches muß als höchst maßvoll bezeichnet werden gegenüber der im kalvinistisch-puritanischen Schottland. Zweifellos waren die protestantischen Verfolgungen in allen Ländern weit weniger blutig, als die katholischen. Das hängt aber viel weniger mit der toleranteren Gesinnung, als mit der geringeren Macht zusammen, die in der Regel der Protestantismus über die Seelen und die Regierungen ihrer Länder ausübte. Immerhin wurde an Intoleranz auch anderwärts erkleckliches geleistet.
In England wurde 1562 ein Gesetz erlassen, wonach alle, die jemals einen Ehrengrad an den Universitäten erlangt hatten oder ordiniert worden waren, alle Rechtsanwälte, alle Magistratsmitglieder bei Gefängnisstrafe den Supremateneid leisten mußten. Weigerten sie sich nach drei Monaten, den ihnen wieder zugemuteten Eid zu leisten, so wurden sie als Hochverräter _mit dem Tode bestraft_.
Das war insofern berechtigt, als die Katholiken sehr unsichere Untertanen waren. Die Regierung hätte unter diesen Umständen ganz recht gehabt, sie durch diesen Eid in Zukunft von solchen Ämtern auszuschließen. Aber ein rückwirkendes Gesetz zu erlassen, das beinahe jeden gebildeten römischen Katholiken, der sich weigerte, den mit den Lehren seiner Kirche zugestandenermaßen unvereinbaren Eid zu leisten, der Todesstrafe schuldig machte, war sowohl eine unerhörte Grausamkeit, als eine haarsträubende Dummheit. Denn selbstverständlich schworen ihn nur die schlechten Charaktere, die darum doch innerlich ihrer Kirche treu blieben und kaum einer Regierung geneigter wurden, die sie zu solcher Heuchelei zwang. Übrigens wurde dieses Gesetz lange vor der Bulle erlassen, die Elisabeth des Trones verlustig erklärte.
Fast noch dümmer als das Gesetz, sind die zu seiner Rechtfertigung angeführten Gründe. Bischof _Bilson_ sprach in seinem Werke »Christian Subjection« (1585) von der _absoluten Sündhaftigkeit der Toleranz_. Nicht bloß das öffentliche Bekenntnis des Katholizismus sei darum verwerflich, sondern auch die geheime Gesinnung. Er ruft den Katholiken zu, »kein Winkel ist so geheim, kein Gefängnis so fest, um zu gestatten, daß eure Ruchlosigkeit dort Gott schände, andere anstecke und euren Trotz befestige ... Ein christlicher Fürst darf keine Verzeihung und Nachsicht gegen eure Falschheit haben« (p. 26).
Bei der Thronbesteigung Elisabeths wurde ein Gesetz erlassen, das jeden Gottesdienst der Katholiken -- die sich bis dahin noch vollkommen ruhig verhalten hatten -- außer nach dem Prayer Book verbot. Die Strafe für die dritte Übertretung war _Einkerkerung auf Lebenszeit_. Ein anderes Gesetz legte jedem, der sich vom anglikanischen Gottesdienst fern hielt, eine Geldbuße auf. Die Presbyterianer wurden während einer langen Reihe von Herrschern eingekerkert, gebrandmarkt, verstümmelt, gegeißelt und an den Pranger gestellt. Viele Katholiken wurden unter falschen Vorwänden gefoltert und gehängt, die Wiedertäufer und Arianer aber lebendig verbrannt.
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In Schottland war es am schlimmsten. Dort wurde fast während der ganzen Zeit, die die Stuarts auf dem Trone Englands saßen, von der englischen Regierung auf Anstiften der schottischen Bischöfe und mit Billigung der englischen Kirche eine Verfolgung gegen alle, die die bischöfliche Verfassung verwarfen, mit einer Grausamkeit geführt, die mit fast allen, die uns überliefert sind, wetteifern kann.
Wenn ein Konventikel in einem Hause gehalten wurde, war der Priester der _Todesstrafe_ verfallen. Wurde es unter freiem Himmel abgehalten, verfielen Prediger und Gläubige demselben Schicksal. Die Presbyterianer wurden wie Verbrecher über die Berge gejagt, man riß ihnen die Ohren vom Kopf, brandmarkte sie mit glühenden Eisen, riß ihnen die Finger mit Daumenschrauben auseinander, zerquetschte die Knochen ihrer Beine in spanischen Stiefeln, peitschte Frauen öffentlich durch die Straßen, exportierte unzählige nach Barbados, hetzte wütend gemachte Soldaten auf sie und feuerte sie an, ihre Geschicklichkeit im Foltern zu zeigen.
Als die Reformation in Schottland siegte, war eine ihrer ersten Handlungen ein Gesetz, das jedem Priester die Zelebrierung und jedem Laien das Hören der Messe verbot bei Strafe der Vermögensentziehung bei der ersten, der Verbannung bei der zweiten und des Todes bei der dritten Übertretung. Man bezeichnete es öffentlich als unerträgliches Übel, daß der Königin von Schottland gestattet sein sollte, in ihrer eigenen Privatkapelle die Messe zu hören. Daß noch heute in England die Katholiken einige Rechte _nicht_ besitzen, ist ja allgemein bekannt.
Als in Frankreich die Verwaltung gewisser Städte den Protestanten eingeräumt wurde, unterdrückten sie sofort gewaltsam den katholischen Gottesdienst unbedingt, verboten jedem Protestanten einer Hochzeit oder einem Leichenbegängnis beizuwohnen, wobei ein katholischer Priester fungierte, hoben alle gemischten Ehen auf und verfolgten mit Aufbietung all ihrer Macht diejenigen, die von ihrem Glauben abgefallen waren.
In Schweden wurden alle, die in irgendeinem Artikel von der Augsburger Konfession abwichen, sofort verbannt[20].
Es war eben in allen Ländern, bei allen Konfessionen der gleiche Geist der Intoleranz lebendig. Mit den gleichen Mitteln der Absperrung gegen Gedanken, die von den eigenen abwichen, der Zwangserziehung zu einer äußerlichen Kirchlichkeit, der Verfolgung Andersdenkender wurde gewirkt. Überall machte sich der Staat zum Büttel der Kirchen. Und doch hätte jedem Verständigen klar sein sollen, daß man mit Gewaltmitteln Gedanken nicht besiegen kann und daß es doch wohl an der Beschaffenheit der kirchlichen Lehren liegen müsse, wenn sie sich nicht anders, als durch solche Zwangsmaßnahmen aufrecht erhalten ließen.
Wir haben gar keine Veranlassung, hoheitsvoll auf jene Zeiten herabzublicken. Es wäre heute noch ebenso, wenn der Laienverstand nicht über die Weisheit der Theologen und ihrer Werkzeuge gesiegt hätte. Die Gefahr eines Rückfalles besteht aber so lange, bis nicht die Trennung von Kirche und Staat durchgeführt ist. Denn auch heute noch muß der freie Denker, jeder, dessen Gewissen sich nicht in die Schablone irgendeiner polizeilich konzessionierten Lehrmeinung einzwängen läßt, um sein Dasein kämpfen. Die Mittel sind ja minder barbarisch, aber der Geist, in dem sie angewandt werden, unterscheidet sich nur unwesentlich von dem der Vorzeit.
Und fragen wir uns, welche hohen Glaubensgüter denn heute noch mit Gewaltmitteln, als da sind Kirchenzwang, Boykott gegen Andersdenkende, Schwierigkeiten bei Staatsanstellungen usw. usw. verteidigt und propagiert werden, so finden wir, daß darunter gar manche sind, die alles andere eher als Schutz verdienen. Sehr häufig wird die Dummheit gegen Aufklärung und Intelligenz in Schutz genommen, und wenn das nicht schon immer so gewesen wäre, dann hätten wir es in der Kultur unendlich viel weiter gebracht. Dem Laienverstand gehört und gehörte stets die Zukunft. Er brachte immer und überall den Fortschritt, führte der Wahrheit näher und darum wurde er auch immer bekriegt.
Die folgenden Kapitel werden keinen Zweifel darüber lassen können, daß noch in der Gegenwart von Faktoren, die sich für Hüter der Wahrheit und Volkserzieher halten, und die durch die staatliche Autorität in diesem Wahn bestärkt werden, ja denen geradezu ein Monopol verliehen wurde, Lehren verbreitet und Anschauungen vertreten werden, die wir nur als hohes Lied der Dummheit bezeichnen können.
VI. Kapitel
Der Teufel in der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart
Die Leidenschaft mit der die spätmittelalterliche Kirche für den Teufels- und Hexenglauben eintrat, die Gewaltmittel, mit der sie das Volk, das sich zum guten Teil gegen diesen Blödsinn sträubte, zu seiner Anerkennung zwang, haben wir kennen gelernt. Desgleichen die literarischen Don Quichote, die auf die Bibel und sonstige Autoritäten gestützt, dem Fortschritt der Vernunft Knüppel in den Weg warfen. Endlich siegte diese doch mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Aber dieser Sieg war keineswegs vollständig.
Die Kirche hielt und hält auch heute noch an der Teufelslehre fest, nur daß sie sie aus guten Gründen nicht mehr in allzugroßen Buchstaben auf ihre Fahne schreibt. Heute noch wagt sich da und dort ein kühner Streiter Gottes mit einer Dissertation zu Ehren des höllischen Fürsten vor, ohne daß die kirchlichen Oberen es wagen würden, ihn zu verleugnen. Ob sie gerade ihre besondere Freude an solchen Arbeiten haben, ist ja eine andere Frage.
Am bekanntesten sind auf katholischer Seite die Untersuchungen des Höllentopographen und Professors in Münster, Dr. Joseph _Bautz_ (vgl. Kultur-Kuriosa I, S. 232 ff.), sowie des Professors in Dillingen, David _Leistle_ (vgl. Kultur-Kuriosa II, S. 35 ff.), über diese Materie. Sie beweisen, daß man heute noch in diesen Kreisen der Frommen um kein Haar anders denkt, als vor einem halben Jahrtausend. Denn es handelt sich keineswegs um einzelne Entgleisungen wie die _Leo Taxil_-Affäre zum Gelächter der ganzen gebildeten Welt hinreichend bewiesen hat. (Vgl. Kultur-Kuriosa I, S. 236 ff.)
Noch im Jahre des Heils 1912, konnte der württembergische Pfarrer _Zisterer_ in Eriskirchen am Bodensee in der Zeitschrift »Der Katholik« die _Verfassung der Hölle_ zu seinem Spezialstudium erwählen. Er führt in dem Aufsatz aus, daß es falsch sei von Teufeln in der Mehrzahl zu reden, denn der Teufel, Satan oder Luzifer sei der einzige souveräne Fürst und unbeschränkte Monarch im höllischen Reiche. Die bösen Geister seien seinem Willen als untertänige Diener und persönliche Hilfskräfte unbedingt unterworfen. Daher ist es klar, daß man wohl von bösen Geistern, nicht aber von Teufeln reden darf. Das unterirdische Reich ist einheitlich, seine Bewohner sind durch den Geist der Solidarität miteinander verbunden. Sie dürfen ohne persönliche Teilnahme ihres Herrn und Meisters auf der Erde Streifzüge ausführen und Mensch und Vieh Schaden bringen.
Also selbst an einem theoretischen Ausbau der Lehre fehlt es nicht!
So war das rücksichtslose Eintreten der alten Kirche für den alten Teufelsglauben doch nicht umsonst. Die Dummheit hat eben nicht weniger Ewigkeitsdauer, als die Wahrheit, nur daß sich beider Machtsphären, was das Menschenmaterial betrifft, nicht decken.
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Doch nicht allein die römisch-katholische Kirche, die ja als Lehrerin ewiger Wahrheiten ihrem prinzipiellen Standpunkte nach eine einst gültige Lehre, möge sie auch noch so töricht sein, nicht aufgeben darf, hält am Teufel fest. Auch der Protestantismus, der sich so gern als Träger des religiösen Fortschrittes feiern läßt und keinesfalls dogmatisch festgelegt ist, zählt in seinen Reihen mannhafte Verfechter des Teufelsglaubens.
Daß er sich auf die Bibel stützt, die soundso oft vom persönlichen Teufel spricht, will ihn nicht entlasten. Denn im Kampfe zwischen Bibel und Vernunft siegte letztere doch im Laufe der Zeit und trotz aller dem Fortschritt bereiteten Schwierigkeiten stets. Das müßte längst bei denkenden Menschen zur Erkenntnis geführt haben, daß nicht die Bibel oder irgendeine Glaubenslehre als Maßstab der Vernunft in Frage kommen kann, sondern lediglich die Vernunft als Maßstab der ersteren.
Doch sehen wir uns nunmehr einmal im höllischen Reiche, das noch bis auf den heutigen Tag in den Köpfen protestantischer Gottesgelahrter sein petrifiziertes Dasein fristet, näher um!
In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, jener berüchtigten Reaktionszeit auf allen Gebieten, sollte auch der Teufelsglauben, den man wenigstens im Protestantismus seit den Jahren der Aufklärung für endgültig überwunden halten durfte, selige Urstände feiern. Jedenfalls waren Kräfte am Werke, ihm zu neuem Leben zu verhelfen.
August Friedrich Chr. _Vilmar_, in weitesten Kreisen als Verfasser der Literaturgeschichte bekannt, ließ unter dem Titel »Die Theologie der Tatsachen wider die Theologie der Rhetorik« (Marburg 1856, 4. Aufl. Gütersloh 1876) eine Schrift erscheinen, die nicht mehr und nicht weniger, als die Wiedereinführung des Teufelsglaubens bezweckt.
Er führte (S. 38f.) u. a. folgendes aus: »Unsere Rhetoriker lachen zwar nicht mehr über den Teufel, wie die Vokabulisten und Grammatisten vor vierzig Jahren taten und so weit sie noch vorhanden sind, auch jetzt, gleich den Naturweisen, noch immer tun. Die Rhetoriker und Dogmatiker unter ihnen zum voraus, besitzen allerdings nicht die aller Belehrung unzugängliche Dummdreistigkeit der Vokabulisten, denen ihre Vokabeln die Welt sind ... Also die Existenz des Teufels kommt wieder zum Vorschein, aber nur als eine Existenz der Floskel, der Phrase; käme die Existenz des Teufels wirklich wieder in der christlichen Lehrunterweisung der Hirten und Lehrer zum Vorschein, so müßte sie als eine Existenz des Schreckens und Entsetzens zum Vorschein kommen; denn, beiläufig gesagt, _die Lehre vom Teufel_ ist wie die von der ewigen Verdammnis nicht ein Artikel des Glaubens und des Trostes, sondern des _Wissens und der Furcht_. ... Es kommt hier darauf an, wenn man recht lehren und die Seelen recht behüten will, des Teufels Zähnefletschen aus der Tiefe _gesehen_ (mit leiblichen Augen gesehen; ich meine das ganz unfigürlich), und seine Kraft an einer armen Seele empfunden, sein Lästern, insbesondere sein Hohnlachen aus dem Abgrund gehört zu haben. Wer kann nun hiervon zeugen? Wer kann mit einer solchen Erfahrung, zugleich den Sieg des Gekreuzigten auf den Lippen und in den Augen, als rechter Lehrer an Christi Statt, auftreten? Wer lehrt mit dem Teufel kämpfen? Wer lehrt, sich gegen ihn zu verwahren? Ihn zu überwinden? Davon schweigt die heutige Dogmatik, dieser Tatsachen gänzlich entleert, durchaus ...
Ich habe einmal, schon vor Jahren, von der Kanzel mit mißtönender aber aus tiefstem Herzen kommenden Stimme die laute Apostrophe gehört: >Könnt ihr denn beten, beten von selbst und wann ihr wollt? Ihr könnt's nicht, nein! Warum könnt ihr's denn nicht? Der _Satan_ leidet's nicht, ja der _Satan_; der _Teufel_ verwehrt's euch!< ... Mir jedoch klang jene mißtönende Stimme damals und klingt mir nachhallend noch jetzt gleich der Stimme der Harfen, die da ist wie die Stimme starker Donner und wie die Stimme großer Wasser.«
Vilmar will in diesem IV. Abschnitt nicht mehr und nicht weniger, als den Teufelsglauben wieder in die Theologie einführen.
Zur Lehre vom geistlichen Amt bekennt Vilmar, der als vortragender Rat im Ministerium gewirkt hatte, bevor er in Marburg Professor der Theologie wurde, daß es nicht aus der Gemeinde, sondern direkt von Christus stamme, »welcher unmittelbar hinter der Ausübung desselben steht.« Er führt u. a. als Begründung an: »Zumal vermag sie (die Gemeinde) nicht in des Teufels zornige Augen zu sehen, denn was von den letzten Zeiten geweissagt ist, daß wo es möglich wäre, die Auserwählten verführt würden, das gilt mit weit schärferem Nachdrucke von der einzelnen Erscheinung des Teufels in dieser Welt: vor ihr stiebt die Gemeinde auseinander wie Schneeflocken, nicht verführt, aber erschreckt bis in den Tod. Nur wir erschrecken nicht und fürchten uns nicht, denn der, welcher den Fürsten dieser Welt ausgestoßen hat, hat uns vor des Teufels ödes Schlangenauge, vor seinen lästernden und hohnlachenden Mund und vor sein im Höllenzorn zuckendes Angesicht gestellt.« (S. 85 f.)
Der gleiche Gelehrte, der nur das Unglück hatte, um einige Jahrhunderte zu spät das Licht der Welt zu erblicken, äußert sich auch über den Hexenglauben und Teufelslug, als dessen Verteidiger er sich aufwirft. Er schreibt:
»So beruht das _Hexenwesen_ seinem Ursprunge nach keineswegs auf leeren Einbildungen, törichten Träumen und kindischen Märchen, sondern _auf wirklichen Verhältnissen und handgreiflichen Zuständen_, welche wie die Versammlungstage und Versammlungsplätze noch in der Gegenwart vollkommen deutlich erkennbar sind.« »Der Kampf gegen das Hexenwesen und die Hexen ist kein anderer, als derselbe, welcher heute noch die Welt bewegt, der Streit zwischen dem Glauben und dem Unglauben, zwischen dem Bekenntnis Christi und dessen Verleugnung.«
Die Pièce de résistance ist entschieden folgender Satz, in dem Vilmar sich mit nicht mißzuverstehender Klarheit auf den Standpunkt des Hexenglaubens stellt: »Vielleicht zur größern Hälfte waren die Bündnisse mit dem Teufel, diese Zauberkünste, Einbildung, aus der zum Abfall geneigten Zeitrichtung gezogene Einbildung, niemals jedoch Einbildung eines einzelnen; zur kleineren, indes bedeutenderen Hälfte, waren sie, wie die Giftmischerkünste, _Wahrheit_[1].«
Da hier Vilmar zweifellos nicht sagen will, daß die »Hexen« gewisse hypnotische oder ähnliche Kräfte besaßen, sondern _auf dem Standpunkte des von der Kirche gelehrten Teufelsbündnisses_ steht, so redet er natürlich hellen Unsinn. Und doch handelt es sich keineswegs um die Entgleisung eines einzelnen, vielmehr _stand die Regierung hinter ihm_.