Part 14
Wie aber, wenn ein Gedanke absurd ist? Wenn der Wahnwitz ihm aus den Augen grinst? Wenn er jeder Vernunft, jeder Erfahrung widerspricht, seinen Anhängern die größten Mühen, Opfer und Gefahren an Gut und Blut auferlegt? -- Dann wird er in zahllosen Fällen fanatisch aufgegriffen werden und mit elementarer Gewalt sich durchzusetzen versuchen. Der Träge wird zum Tatenmenschen, der Zauderer kühn, der Geizhalz verschwenderisch, der Feigling ein Held werden. Es ist nur nötig, daß der Gedanke einen Herold findet, der, selbst von ihm erfüllt, die Gewalt des Beispiels oder der Rede besitzt, mit möglichst überspannten Bildern und Zukunftshoffnungen nicht spart, der den mystischen Schleier des Geheimnisvollen zu weben versteht und alles wird ihm folgen, wie einst die Kinder dem Rattenfänger von Hameln.
Das war zu allen Zeiten so, es ist so und wird so bleiben. Heute nennen wir die Kraft, die jene wunderbare Wirkung hervorruft: Suggestion; früher hatte sie keinen Namen. Man reihte sie in das große Gebiet der Magie oder Zauberei ein. Uns genügt die Feststellung, daß sie wirken kann, einen Fieberwahn hervorzurufen vermag, wenn sie -- auf Dumme stößt. _Diese Dummen aber findet sie immer und überall._
Hier bewährt sich die Allmacht der Dummheit in unheimlichster Weise: sie steckt an. Dieselben Leute, die unter normalen Umständen die Torheiten verlachen würden, machen sie mit, wenn sie andere sehen, die sie vormachen. Das Geheimnis der Massenpsyche, der die Hemmungen fehlt, ist nahezu unergründlich. Unergründlicher aber noch ist die Tiefe der Dummheit, die in solchen Momenten einem Vulkan gleich zur Oberfläche drängt, sich nun erst zeigt, während sie immer gegenwärtig ist. Und wie die glühenden Lavamassen eines Ätna, die sonst in den Eingeweiden der Erde schlummern, hier und da durch ein schwaches Rauchwölkchen ihr Dasein verratend, plötzlich zu neuem Leben erwachen, wie sie mit ihrer feurigen Flut blühende Landschaften, betriebsame Städte in Wüsten und Trümmerhaufen verwandeln, so sehen wir es auch hier.
Wehe, wenn die Dummheit, sonst mit möglichster Diskretion unsern Augen verborgen -- etwa wie die Senkgruben der Häuser -- die so heilsame Hülle der Scham abwirft, wenn sie die Lächerlichkeit nicht mehr fürchtet, auf die Stimmen der Warner nicht mehr hört. Dann richtet sie furchtbareres Unheil an, als alle Vulkane der Erde. Gewiß nicht immer. Bisweilen bleibt es bei harmlosen Versuchen, über die man bald wehmütig lächeln, bald laut lachen möchte, aber oft, nur allzuoft bahnt sie sich über Leichen ihren Weg.
Was etwa denken wir von den _Kreuzzügen_, die mindestens zwei Millionen wehrhafte Männer, die Blüte der Christenheit, mit unwiderstehlicher Gewalt in den Hades führten? Gewiß, die Folgen waren vielfach segensreich. Die Berührung mit fremden Völkern und Zonen erweiterte den Horizont, gab dem glücklich Heimkehrenden manch fruchtbares Samenkorn in die Hand, das im Heimatlande üppig erblühen sollte. Aber die Idee selbst? Die Art der Verwirklichung? Wie müssen wir den _Kinderkreuzzug_ des Jahres 1212 beurteilen, als Tausende und Abertausende, den Ruf des Heilands »Lasset die Kindlein zu mir kommen« mißverstehend, auszogen, um im fremden Lande elend unterzugehen? Reiners Annalen vom Jahre 1212 berichten dazu, daß »ex arte magica« dieses Phänomen bewirkt worden sei. Wir aber sagen: es war die gewissenlose Dummheit der Eltern und Seelsorger, die namenloses Leid über unzählige Familien brachte.
Stehen hier gleich am Anfange klassische Beispiele für den Heroismus, die Todesverachtung, zu der die Dummheit die Massen fortzureißen vermag, so werden wir im bunten Wechsel einer Fülle von Gesichten begegnen, die kaleidoskopisch an unserm Auge vorbeiziehend, neben den edelsten Regungen des Menschenherzens auch dessen gemeinste enthüllen.
Wie die gewaltige Autorität der Kirche die treibende Kraft der Kreuzzüge war, so werden wir finden, daß sie fast ausnahmslos auch die anderen Dummheiten bewußt oder unbewußt veranlaßte. Fast immer aber sind es religiöse Motive, die den grandiosesten Erscheinungen der Massendummheit als Triebfedern zugrunde liegen.
Wir sahen, daß die Kirche seit je der Askese das Wort geredet hat. Während im allgemeinen der Mensch es sich lieber gut sein läßt, die Feste feiert, wie sie fallen, gibt es auch Zeiten großer Erregung, in denen die unvermeidlichen Übel nicht zu genügen scheinen, in denen man danach trachtet, sich »zur Buße« für etwas, was man meistens weder direkt noch indirekt verschuldete, noch andere Leiden freiwillig zuzufügen.
Hierher gehören die _Geißelfahrten des Mittelalters_.
Die Kirche hat es von je gern gesehen, wenn Büßer sich mit eigener Hand geißelten. Gab es Virtuosen dieser Art der Askese, so fehlte es auch nicht an gekrönten Häuptern, die ihnen nur wenig nachstanden. Daß selbst Kaiser und Könige, ein Otto III., Heinrich II. von England, Otto IV., Ludwig IX. von Frankreich, ja noch ein Maximilian I. von Bayern sich mit eigener Hand züchtigten, ist hinlänglich bekannt. Besonders abschreckend -- nach unsern Begriffen -- ist das Verfahren Otto IV., der an den Folgen eines in zu großer Dosis genommenen Abführmittels starb. Am 18. Mai 1218 hatte der erst 36jährige Fürst aus dem alten Welfenhause gebeichtet. Doch das genügte ihm nicht. An seinem siechen Körper wollte er abbüßen, was seine Seele gesündigt hatte. So ließ er denn Ruten herbeischaffen und unter den Klängen des Miserere sich von den Geistlichen damit schlagen. Die Streiche schienen ihm zu milde. Bis aufs Blut sollte man ihn peitschen. Endlich wurde er erschöpft in sein Bett getragen, in dem er andern Tags seine Seele aushauchte[1].
Wo das Volk solches bei seinen Führern sah, ist es nicht so wunderlich, daß es in schweren Zeiten an Nachahmung dachte. So entwickelte sich denn die _Geißelwut_ zu einer _Massenepidemie_, die riesige Dimensionen annahm.
Das kam so: Aus dem I. Kapitel des Neuen Testamentes ließ sich berechnen, daß das große Jahr des Gerichtes 1260 eintreten würde. Denn die 42 Geschlechter von Abraham bis Jesus Christus, jedes zu 30 Jahren berechnet, ergaben in Anwendung auf die Zukunft der Menschheit die Zahl 1260. Ein Irrtum war völlig ausgeschlossen, da ja das große Sterben des Jahres 1259, das Italien heimsuchte, deutlich auf das Ende aller Dinge hinwies. Ein gewaltiger Bußeifer, geschürt durch das Tertiariertum des Ordens vom hl. Franz, ergriff die weitesten Kreise. Ein alter Einsiedler, _Rainerio Fasani_ genannt, trat in der Nähe von Assisi als einer der ersten Führer von größeren Bußbrüderschaften, die sich öffentlich geißelten, auf. Von Perugia aus, wo er die Genossenschaft von »Geißlern Jesu Christi« gründete, verbreitete sich die Seuche weiter nordwärts. Halbnackt zogen die Büßer, von fanatischen Mönchen geführt, von Stadt zu Stadt, im Takt der gesungenen Bußpsalmen die Geißeln auf ihre Körper fallen lassend und ihre Wege mit Blutspuren bezeichnend. In die Gegend von Modena und Parma fällt der Hauptschauplatz dieses Treibens. Man wäre über den Po vordringend bis in die Lombardei gezogen, hätte nicht der Tyrann Pallavicini von Cremona Verstand genug besessen, dieses Korps der Rache von seinem Gebiete fernzuhalten. So bewirkte sein Eingreifen das baldige Abflauen der Bewegung. Schon mit dem Ende des Jahres 1260 hörten die Geißelfahrten auf, um sich für viele Jahrzehnte nicht zu wiederholen.
Übrigens betrugen sich die frommen Büßer nichts weniger als gesittet. Ihr wüstes Geheul, ihr Benehmen fremdem Eigentum gegenüber -- wo ihren Betteleien kein geneigtes Ohr geschenkt wurde, scheuten sie auch vor Gewalttaten nicht zurück -- heilte manchen der Bewegung sonst freundlich gegenüberstehenden Christen. So auch _Salimbene_, den Augenzeugen und Berichterstatter der merkwürdigen Epidemie.
Erst das furchtbare Pest- und Hungerjahr 1348/49 ließ wieder Geißelfahrten im großen Stile aufkommen. Nicht mehr Prozessionen, sondern Wallfahrten großer Massen zogen im Lande herum, nicht mehr auf Italien beschränkte sich die Epidemie, wenn sie auch wieder von dessen Norden ausging, sondern Ungarn und Polen, Österreich, Böhmen, Sachsen, Thüringen, die Gegenden des Ober- und Niederrheins, die Niederlande, ja England und Jütland samt den dänischen Inseln wurden zum Schauplatz dieses Völkerwahns. Frankreich wurde nur mit Mühe freigehalten.
Die Wallfahrer gaben sich durch Bezeichnung ihrer Mäntel und Hüte mit roten Kreuzen, sowie durch Vorantragen von Fahnen und Kreuzen als eine Art von Kreuzfahrern aus und behaupteten durch einen von Christus selbst geschriebenen und von einem Engel dem Patriarchen von Jerusalem überbrachten Brief zu ihren Bußübungen aufgefordert zu sein.
Als Geißelwerkzeug bedienten sich die sonderbaren Heiligen kurzer Stöcke, mit je drei Strängen daran, durch deren dicke Endknoten je zwei scharfe Stacheln kreuzweise hindurchgetrieben waren. Auch mit ihrer Körperhaltung und ihren Manipulationen ahmten sie das Kreuz nach, indem sie sich bei Absingung des Bußliedes an den drei Stellen, wo der Refrain wiederkehrte:
»Jesus der wart gelabt mit gallen des süllen wir an ein criuze vallen«
mit kreuzweise ausgestreckten Armen zu Boden warfen und für die Dauer von fünf Paternostern liegen blieben. Am Schluß des Gesanges schlugen sie sich mit kreuzweise ausgebreiteten Armen an die Brust.
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War Frankreich von der großen Geißelbewegung von 1348/49 verschont geblieben, so holte es das damals Versäumte doch später nach. Wo hätte je das zündende Beispiel der Dummheit nicht epochemachend gewirkt?! In Südfrankreich und Spanien trat unter Führung des gewaltigen Bußpredigers _Vincentius Ferrer_ ([+] 1419) im Jahre 1399 die Bewegung mit größter Kraft auf. Es sollen sich um ihn 80000 Büßer gesammelt haben, die unter den Rufen »(dies geschieht) zu Ehren des Leidens Jesu Christi!« oder »Zur Erlangung der Vergebung meiner Sünden« oder »Herr Gott habe Erbarmen« barfüßig einherzogen und sich öffentlich geißelten. Übrigens wurde die Kirche, die hier im großen und ganzen den kühlen Kopf behielt, den sie der privaten Geißelung gegenüber verloren hatte, dieser Bewegung gleichfalls Herr, wenn auch nach nicht geringem Kraftaufwande[2].
Dieser Wahn hat sich in scheußlichster Form sogar bis in unsere Zeit erhalten!
Unweit Messina geißelten sich im Jahre 1891 bei einer Prozession am Feste »U. L. Frau in Ketten« die Büßer mit Eisenketten so grausam an Brust, Schultern, Schenkeln und Waden, daß im Volke eine lebhafte Erregung entstand. Von Bußschmerz und Bewunderung ergriffen, leckten Weiber den blutbesprengten Boden der Kirche, in der die Prozession zum Hochaltar zog, ab! Zwei Männer sollen damals an ihren Wunden gestorben sein.
Eine Fraternidad piedosa in Neu-Mexiko vereint in der Karwoche Geißelungen mit Schaustellungen der Kreuzigung. Einzelne ihrer Büßer schleppen schwere Holzkreuze auf den Knien über steinigen Boden hinrutschend einen steilen Hügel hinauf. Einer derselben ließ sich -- um das Jahr 1870 -- in Puerto de Luna _ans Kreuz nageln_, was seinen Tod verursachte. In Santa Rita in Südkalifornien sind ähnliche Aufführungen auch heute noch im Schwange, doch lassen sich die Büßer vorsichtshalber nur anbinden[3].
Auf die grausigste Form dieser Raserei, die Kreuzigung, werden wir weiter unten noch zurückkommen.
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Ein anderes Gebiet der Dummheit betreten wir mit folgenden Berichten:
Im _Findelhaus zu Amsterdam_ trat im Jahre 1566 eine psychische Massenerkrankung unter den Pfleglingen auf, die auch heute noch unter dem Namen Chorea magna bei hysterischen Kindern beobachtet wird. Bei der Mehrzahl der Insassen des Findelhauses, etwa 30-60 Kindern beiderlei Geschlechts, sah man damals eigenartige Konvulsionen mit Grimassenschneiden, wütendem Herumklettern auf Möbeln, Dächern und Bäumen, Blöken wie die Schafe und Verschlucken einer Menge von unverdaulichen Dingen, wie Nadeln, Wolle, Glasscherben und Lederstücken, die nachher wieder erbrochen wurden.
Ferner zeigte sich in dem _Kloster Uvertet_ (Grafschaft Hoorn) nach Ablauf eines sinnlosen Fastens von 50 Tagen in den Jahren 1550-1565 eine merkwürdige Epidemie unter den Nonnen. Nachdem sie sich während des Fastens nur von Rübensaft ernährt hatten und beinahe alle an einer schweren Stomatitis mit fauliger Zersetzung im Munde erkrankt waren, stellte sich zunächst bei einer der Klosterfrauen die Halluzination von nächtlichem Stöhnen ein. Bald folgten bei ihr und dann bei einer Anzahl anderer Lachkrämpfe. Dann verdrehten sie auf alle möglichen Weisen den Körper, fielen in kataleptische Starre, die mit grotesken Sprüngen abwechselte, und mißhandelten sich selbst, schrieben aber die Peinigungen einem zornigen Teufel zu. Die Nonnen rutschten ferner auf den Knien durch weite Räume und selbst die Treppen herab, ja sie kletterten auf Bäume und ließen sich, den Kopf nach unten, herabhängen. In den Intervallen waren sie häufig sprachlos geworden. Hervortretend war auch die Sucht, andere zu beißen, wie überhaupt die Angriffe auf Zuschauer. Beten in Gegenwart der Nonnen und Widerstand steigerte ihr Gebaren zu Wutparoxysmen. Zu den sonderbarsten Bewegungen gehörte auch das Hinunterrollen eine ganze Treppe hinab um die eigene Längsachse. Als Sündenbock mußten die unglückliche, selbst mitergriffene Köchin des Klosters und ihre alte Mutter herhalten. Die Nonnen verklagten sie stürmisch als Satansanbeterinnen und Urheberinnen der Seuche, was zur Folge hatte, daß beide Frauen _verbrannt_ wurden. Darnach steigerte sich jedoch noch die Seuche und erlosch erst nach drei Jahren[4].
Im Jahre 1609 trat in der Landschaft _Labourd_ in den französischen Pyrenäen gleichfalls eine schreckliche Epidemie auf: Die Frauen der armen, ungebildeten, ein rauhes Leben führenden baskischen Fischer wurden nachts massenhaft von Träumen und Teufelsvisionen heimgesucht. Meistens glaubten sie mit einem _Incubus-Teufel geschlechtlich zu verkehren_. Man schickte besondere Kommissäre, die den hervortretenden Zug der Nymphomanie in erster Linie erkundeten und hunderte von Frauen alsbald _hinrichten_ ließen. Auf der Folter sollen verschiedene »unsagbare Genüsse« erlebt haben. Nun ergriff dieser Zustand aber _auch die Kinder_ zu Tausenden: beinahe alle gaben an von schwarzen Katzen, den Seelen der hingerichteten Mütter, nachts zu den Hexensabbaten entführt zu werden. Man versammelte sie, um sie zu behüten, scharenweise nachts in den Kirchen. Trotzdem dauerte es noch Monate, bis die Epidemie erlosch[5].
Es ist klar, daß in beiden Fällen die kirchliche Lehre von Hexen und Teufel das Unheil angestiftet hatte. Das gemeine Volk ist ja meistens zu unproduktiv, um auch nur eine Dummheit aus sich selbst zu erzeugen. Selbst dazu braucht es eine höhere Instanz, die sich ihm im vorliegenden Falle in der Kirche in wünschenswerter Vollendung bot.
Quidquid delirant reges, plectuntur Achivi!
Die stärkste und tragischste aller so zahlreicher ähnlicher Klosterepidemien war die der Ursulinerinnen des _Klosters bei Loudun_, einer Stadt im Departement Vienne, in den Jahren 1632-1637 resp. 1642. In diesem erst vor sechs Jahren begründeten Kloster waren viele Töchter vornehmer Familien, auch eine Verwandte Richelieus. Durch ein gegenseitiges maßloses Überbieten in asketischen Übungen wohl verursacht, brach der merkwürdige Wahn plötzlich bei 16 Nonnen, darunter der Oberin, aus. Zuerst traten zahlreiche Visionen und Halluzinationen erst schreckhaft von Gespenstern (darunter bezeichnenderweise des verstorbenen Beichtvaters) auf, dann wurden die Visionen lasziv.
Man sah Dämonen, die durch die verschlossene Tür, öfter in der Gestalt des derzeitigen Beichtvaters, eindrangen und unter tausend Überredungskünsten obszöne Anträge stellten. Die Nonnen liefen aus ihren Zellen, kletterten sogar auf den Dächern herum und wurden bei ihrem Widerstande gegen die Verlockung der Dämonen »von diesen« furchtbar mißhandelt, so daß die Spuren noch tagelang sichtbar waren. Leichname im Fegefeuer erschienen, die bei Bespritzen mit Weihwasser laut aufzischten. Bald fühlten die Nonnen die Macht der Dämonen, die durch Mund und Genitalien einzudringen pflegten, oft mehrere, 3-5 gleichzeitig. Sie werden in die tollsten Verdrehungen geworfen. Besonders oft kommt es zu dem sogenannten »arc de cercle«, so daß der Kopf weit hinten übergebogen die Zehen berührt. In dieser Position laufen sie mit verblüffender Schnelligkeit durch die Zimmer. Dann schreien und brüllen sie laut in tierischen Tönen oder lassen die Zunge schwarz und borkig weit zum Munde heraushängen. Dann kommen wieder laszive Stellungen, Beckenbewegungen und schamlose Entblößungen sehr oft vor. Sie schließen dabei die Augen und scheinen die Halluzination sexuellen Verkehrs zu erleben. Dazwischen schütteln sie blitzschnell den Kopf, werden von hystero-epileptischen Krämpfen befallen mit Schaum vor dem Mund und folgender kataleptischer regungsloser Starre oder flexibilis cerea mit automatischem Einhalten der eigenartigsten Stellungen.
Am meisten bestürzte das Verhalten der Besessenen bei den Exorzismen, in der Kirche oder überhaupt in Gegenwart heiliger, gottesdienstlicher Übungen. Während die Frauen in den Zwischenzeiten normal schienen, ihren Verrichtungen nachgingen und tiefe Verzweiflung über ihren Zustand an den Tag legten, brach, sobald der Exorzismus begann, der Paroxysmus mit voller Macht aus. Die vorher gesitteten Mädchen benahmen sich nun wie die Furien.
Mit wüsten Schimpfworten, wie sie dem Pöbel eigen sind und von denen man nicht wissen konnte, wie sie die Nonnen kennen gelernt hatten, zogen sie gegen alles Heilige los. Sie schalten über die wütenden Schmerzen, die ihnen der Anblick der heiligen Kultobjekte verursache und verlachten die Ohnmacht des beschwörenden Priesters. Dann wanden sie sich wieder -- meist unter lasziven Reden -- unter Krämpfen und Verdrehungen am Boden.
Da die Nonnen den Priester Urbain Grandier als Veranlasser ihrer Besessenheit nannten und dieser beim Versuch sie zu beschwören fast in Stücke gerissen worden wäre, wurde er grausam gefoltert und dann hingerichtet. Nachdem sich dieser Wahnsinn auch auf die städtische und ländliche Umgebung des Klosters ausgebreitet hatte, erlosch er erst nach 9 Jahren[6].
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Ein Wahnsinn, der der Großartigkeit nicht ermangelt, befiel die _Hugenotten_ nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes durch Ludwig XIV. im Jahre 1685. Diese Handlung des alternden Sonnenkönigs, bei der man zweifeln kann, ob sie mehr ein Akt der Dummheit oder der Niedertracht war, hatte der allliebenden Kirche, die ihren Grundsätzen damals so getreu blieb, wie in den Zeiten der Albigenser oder Stedinger, das Schwert in die Hand gedrückt. In den Landschaften Dauphiné, Vivarais und in den Cevennen wurde jede kalvinistisch-protestantische Religionsübung mit den grausamsten Maßregeln unterdrückt, Geistliche hingerichtet, Güter konfisziert und dennoch die Auswanderung aufs härteste bestraft. In dieser Not ergriff die einfachen Bauern, zunächst der Dauphiné, das Feuer göttlicher Inspiration. Sie sahen die Wiederkunft Christi nahe und erklärten sich selbst für den auferstandenen Heiland. Sie versprachen die Truppen der Regierung durch den heiligen Geist selbst in die Flucht zu schlagen, ja buchstäblich »_wegzublasen_«.
Um das zu beweisen, gingen die frommen Bauern scharenweise und ohne Furcht den Regierungstruppen entgegen. Zunächst teilte man sich gegenseitig durch Anblasen den heiligen Geist mit, dann begann man mit voller Lungenkraft gegen den Feind zu _hauchen_, und zwar taten sich hier vornehmlich die Frauen hervor, die mit hellster Stimme »Taratara« schrien, um dadurch die Trompetenstöße Jerichos nachzuahmen. Natürlich wurden die armen, unwissenden, frommen Landleute wie die Schafe von den Regierungstruppen niedergemetzelt. Erst nachdem sich diese Vorgänge so und so oft wiederholt hatten, flohen sie und in der Dauphiné und Vivarais wurde der Widerstand endlich im Blut erstickt.
Übrigens entspricht dem Blasen eine ähnliche Tollheit in grauer Vorzeit.
Die Messalianer, eine häretische Sekte des 4. Jahrhunderts, machten das _Ausspucken_ zur religiösen Handlung, in der Hoffnung, sich auf diese Weise der Teufel zu entledigen[7].
In den _Cevennen_ jedoch ward der Widerstand weit hartnäckiger. Nachdem die Erwachsenen schließlich der schonungslosen Gewalt gewichen waren, begann der Geist die zarten Kinder zu erfassen, wiewohl man Sorge getragen hatte, sie gut katholisch zu erziehen. Die Dörfer vereinigten sich zu gemeinsamen Betversammlungen, in denen gewöhnlich ein als Prophet anerkannter Mann den Vorsitz führte. Zunächst kamen feurige Ermahnungen zum Ausharren, dann Absingen von Psalmen und daraufhin einstimmig der Ruf »Erbarmen«. Hierauf stürzt plötzlich der Vorsitzende mit einigen aus der Versammlung nieder, entweder in vollen Konvulsionen mit schäumendem Mund oder nur unter starkem Zittern am ganzen Körper oder klonischem Zucken von Kopf und Schultern (daher rührt der Name _Trembleurs des Cévennes_). Die Leute schilderten dabei das Gefühl, als ob im Hinstürzen ein Hammerschlag sie getroffen hätte. Nach dem Erwachen beginnt sofort einer in erhobenem Ton und pathetisch zu prophezeien, vom Untergang des großen Babylons, d. h. der katholischen Kirche, dem Siege ihrer Sache, der Erscheinung Gottes mit allen Engeln voll Glorie, feurigen Ermahnungen zum Ausharren usw. Ferner reden sie oft stundenlang in einer fremden Sprache mit sonderbaren Wortbildungen, das frühere »in Zungen reden«. Verstummte der eine, so wurde durch Anblasen der Geist auf einen anderen übertragen, dieser fiel sofort nieder, wand sich in Krämpfen, prophezeite darnach und so ging es fort. Viele hatten allerdings nur die Krämpfe, ohne dann zu prophezeien. An diesen merkwürdigen Andachten beteiligten sich viele Tausende mit dem größten Eifer, mit Extasen und Krämpfen. Für einen, der hingerichtet wurde, standen zehn neue auf, wie die Schergen des Königs klagten.
Schließlich kamen die Kinder an die Reihe. Man schätzt sie auf 8000! Darunter waren ganz junge im Alter von 3-5 Jahren. Wenn den Kindern auch die Krämpfe fehlten, so hatten sie dafür doch um so glänzendere Visionen und besonders die göttliche Inspiration, die sich in einem ganz ähnlichen pathetischen Redestrom äußerte, wie bei den Erwachsenen. Der Eindruck dieser Versammlungen war so stark, daß frühere Gegner und Katholiken mit vom Geist ergriffen wurden, ebenfalls zu prophezeien begannen und sich den Hugenotten anschlossen.
Die Gesamtdauer dieser Bewegung ist auf 20 Jahre anzusetzen. Am heftigsten war sie um 1689. Sie erlosch selbst bei den vielen, die nach England ausgewandert waren, nicht vor Ablauf von Jahren.
Übrigens waren die gleichen Personen außerhalb ihrer Paroxysmen todesmutige und äußerst unerschrockene Verteidiger ihrer Sache auf dem Schlachtfelde[8].
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Daß die katholische Kirche durch ihre wahnwitzige Teufels- und Hexentheorie, sowie durch ihre Verfolgung der Hexen und Hexenmeister diesen fürchterlichen Blödsinn noch gewaltsam zu einer Zeit aufrecht erhielt, wo das Volk schon längst angefangen hatte ihn abzulegen -- nicht die einzige Dummheit, die durch die kirchliche Autorität aufrecht erhalten wurde und wird -- ist eine schon häufig betonte Tatsache. Aber auch eine andere merkwürdige Erscheinung, die _Lykanthropie_, ist auf die Einwirkung der alleinseligmachenden Kirche zurückzuführen.
Diese Lykanthropie besteht in dem Wahn oder namentlich in der Furcht, daß Menschen zu reißenden Tieren werden, oder daß Kinder durch Hexen in »Werwölfe« verwandelt werden können. Eine solche merkwürdige Epidemie kam in den Jahren 1598-1600 im _schweizerischen Jura_ zu St. Claude bei Freiburg vor. Einige Frauen bildeten sich ein, sie seien _Werwölfe_, und eine fiel auch wirklich Kinder an und tötete sie. Die Untersuchung wurde mit christlicher oder doch kirchlicher Milde geführt. Da es ganz klar auf der Hand lag, daß es sich hier um einen Satansbund handelte, so ließ der Richter Bouquet 600 Personen aus der Jura Landschaft _hinrichten_.
Harmloser war die sogenannte _Laira-Krankheit_, die im Jahre 1613 die Gemeinde Amon bei Dax in Südfrankreich ergriff. Mehr als hundertundzwanzig Frauen, sicher ein sehr hoher Prozentsatz der weiblichen Bevölkerung der Ortschaft, wurde von dem merkwürdigen Drange ergriffen, laut und andauernd ein _heulendes Bellen_, so wie die den Vollmond anbellenden Hunde, auszustoßen. Ferner wälzten sie sich wütend am Boden herum, schlugen um sich, bissen und benahmen sich wie wilde Tiere. Am heftigsten wurde das Bellen, wenn die Frauen zum Gottesdienst versammelt waren. Natürlich waren auch hier wieder Hexen schuldig, die sich deutlich dadurch verrieten, daß die Besessenen die Nähe einer solchen durchs Gefühl merkten und sofort einen heftigen Anfall bekamen. Allein die Hexen waren so zahlreich, da außer den Richtern und den Besessenen die Mehrzahl der Ortsbewohner verdächtigt worden waren, daß man sich damit begnügte, nur eine beschränkte Anzahl hinzurichten, darunter allerdings einige, die selbst von dem Wahne befallen waren. Das störte die Richter aber in keiner Weise, da ja der Teufel, wie sie meinten, den Hexen die List eingeflößt habe, die Krankheit nur vorzutäuschen[9].
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Bei den französischen Jansenisten grassierte von 1728-1739 ein äußerst absonderlicher Massenwahn. Ein sehr gutmütiger und asketischer Almosenpfleger namens _François de Paris_ war 1727 gestorben und hatte sich im Testament als geheimen Jansenisten bekannt. Er wurde auf dem kleinen Pariser _St. Medardus-Friedhof_ begraben, aber später vom Papste wegen seines Bekenntnisses verleugnet. Sofort nach seinem Tode begannen suggestive Wunderheilungen von oft zwanzigjährigen hysterischen Lähmungen und sonstigen hysterischen Symptomen. Das erregte das größte Aufsehen, eine Völkerwanderung auf den Friedhof begann und bald waren dort hysterische Krämpfe und Extasen an der Tagesordnung. Bald kam eine ganze Tanzseuche auf nach Art des »großen Veitstanzes«.
Männer und Frauen hüpften unter allen möglichen Verdrehungen umher, die Frauen besonders liebten es ohne Rücksicht auf das Schamgefühl, auf dem Kopf zu tanzen. Alles wirbelte durcheinander, man verschlang Kieselsteine und glühende Kohlen, Frauen ließen sich von Männern den aufgetriebenen Leib eindrücken (vgl. Kultur-Kuriosa I, S. 178f.) usw. Besonders auffällig war ein hinkender Abbé, der auf dem Grabmal selbst stehend, als Virtuosenstück den »Karpfensprung« unermüdlich ausführte und behauptete, daß dadurch sein kurzes Bein sich verlängere. In dem allgemeinen Tanze hörte man ein »Seufzen, Heulen, Deklamieren, Prophezeien und Miauen«.
Als der Unfug zu stark wurde, ließ König Ludwig XV. den Kirchhof schließen und den Eingang bewachen, woher das witzige Epigramm stammt:
De par le roi défense à Dieu De faire miracles en ce lieu.
Statt nun dadurch ein Aufhören der Seuche zu erzielen, brach sie im Gegenteil jetzt allenthalben in mitten von Paris aus. Man sah die Konvulsionäre in den Höfen und auf den Straßen, bis man sie einsperrte, was in wenig Tagen 60 Geistliche ereilte.