Part 15
Hierauf trat eine neue Form der merkwürdigen Seuche auf, indem die Askese überhand nahm. Einige ältere Männer fasteten bis zu 40 Tagen, davon 18 Tage absolut. Einer hatte sich einen Drehkrampf angewöhnt. Auf dem einen Absatz drehte er sich während 1-1/2-2 Stunden täglich blitzschnell herum -- bis zu 60 Touren in der Minute -- und las dabei noch laut aus einem Erbauungsbuche. Eine Frau ließ sich über offenem Feuer einige Minuten rösten, andere saugten die übelriechenden gangränösen Geschwüre aus. Dann gab es wieder alle erdenklichen Konvulsionen: Emporschnellen aus liegender Position, Krähen wie Hähne, Bellen wie Hunde, unanständige Purzelbäume, auch Visionen, Prophezeiungen und Wunderheilungen durch Händeauflegen kamen vor.
Die extravagantesten Formen nahm die Seuche gegen ihren Schluß an. Da gab es sogenannte »Secours«, die die Frauen angeblich zur Erleichterung mit sich vornehmen ließen und die darin bestanden, daß der Leib mit Latten, bis zu 3000 mal, geschlagen wurde, daß der Kopf in einer starken Schlinge eingeschnürt wurde, die mehrere Männer zogen. Man warf ferner Personen in Tüchern in die Höhe, ließ Kopf und Beine auseinander ziehen usw. usw. Und zwar nahmen jeweils mehrere Männer zugleich diese Prozeduren an den Mädchen, ihren bizarren Wünschen folgend, vor[10].
Nunmehr entstand eine _Manie, sich kreuzigen zu lassen_. Unter der geistlichen Führung eines Herren De la Barre wurden vier Närrinnen derart suggeriert, daß sie sich jeweils am Karfreitag vor einem gewählten Publikum _ans Kreuz schlagen ließen_, wo sie eine Stunde und darüber blieben. Dann zog man die Nägel heraus und die Wunden hatten Zeit bis zur nächsten Prozedur zu verheilen. Das wichtigste Suggestivmittel waren auch die oben schon kurz erwähnten »Secours«. Sie bestanden in gewaltsamen Zerrungen des Körpers, Fausthieben auf die Brust, taktmäßigem Dreschen des Kopfes mit den Fäusten (faire le moulinet), das von vier bis fünf Personen an der Konvulsionärin vorgenommen wurde, Pressen von Kopf und Bauch usw. Herr _de la Barre_ ließ seine Opfer auch mit Holzklötzen auf die Brust schlagen und behauptete, daß sie _dadurch nicht verletzt wurden, um anzudeuten, daß auch die Kirche aus allen Verfolgungen unberührt hervorgehe_. Barre erzählte einem Augenzeugen von den Kreuzigungen: »Gott befiehlt zuweilen zwei oder drei derselben (nämlich der Ekstatikerinnen), eine zu Füßen der anderen zu kreuzigen. Man kann nicht umhin, davon gerührt zu werden, denn es gewährt einen _wirklich recht hübschen Anblick_.«
Aus dieser Äußerung geht sehr klar hervor, daß es dem geistlichen Herren weniger um eine fromme Handlung, als um Befriedigung einer perversen Wollust zu tun war. Seine Opfer aber handelten aus reiner Dummheit.
Eine andere Gruppe von Närrinnen stand unter Geistlichen, deren Anführer ein P. Cottu war. Sie wurden für die Kreuzigung am Karfreitag ebenfalls durch »secours« präpariert, außerdem versuchte man die von den Nägeln zu durchbohrenden Stellen durch Waschen mit dem Wasser vom Grabe des heiligen Paris unempfindlich zu machen. Merkwürdig ist, daß die Gekreuzigten angaben, keinen Schmerz zu empfinden. Die soeur Françoise starb 1760, wie es scheint wesentlich infolge der erlittenen »secours«. Auf dem Sterbebett wollte der Pater Cottu ihr noch mit einigen secours-Hieben zu Hilfe kommen. Der anwesende Arzt hinderte ihn daran. Eine Viertelstunde später war sie eine Leiche[11].
Noch im Jahre 1823 trug sich etwas Ähnliches in _Wildensbuch_, einem kleinen Weiler im Norden des Kantons Zürich zu. Die Hauptheldin war _Margarete Peter von Wildensbuch_, ein junges Bauernmädchen. Sie verstand es, ihrer Umgebung ihre religiösen Phantasien einzuflößen und führte mit ihnen, bewaffnet mit allen möglichen Instrumenten, Kämpfe gegen den Teufel und Dämonen auf. Als »heilige Gret« verehrten sie die Landleute, wiewohl ihrem Seelenbunde mit einem ähnlich veranlagten Schuster ein Kindlein entsprossen war.
Nach mancherlei tumultuarischen Szenen eröffnete Margarete am 15. März 1823 den Ihrigen: Wenn Christus siegen und der Satan völlig überwunden werden müsse, dann sei es notwendig, daß Blut fließe. Zudem habe Gott ihr in der letzten Nacht große Dinge offenbart, die heute zustande kommen müßten. Sie habe sich für viele Seelen verbürgt, besonders für die ihres Vaters und ihres Bruders Kaspar. Niemand dürfe sich jetzt weigern, sein Leben für Christus zu lassen.
Sie ließ nun in ihre Kammer ihre Anhänger und Anhängerinnen kommen, zwölf an der Zahl, und das widerliche Schauspiel begann.
Zunächst machte sie der Umgebung klar, daß nunmehr Blut fließen müsse, damit viele tausend Seelen gerettet würden. Sie befahl allen, sich auf Brust und Stirn zu schlagen, damit dem Teufel die Gewalt über sie genommen würde. Dann versetzte sie ihrem Bruder Kaspar mit einem eisernen Keile so heftige Hiebe auf Kopf und Brust, daß er ohnmächtig zu werden begann. Es fiel dem Dummkopf aber keineswegs ein, sich zu wehren. Während sie losschlug, rief sie: »Sehet, wie der Teufel die Hörner aus dem Kopfe des Kaspar hervordrängen will, -- sehet, wie sie aus der Brust herauskommen!« Und die fromme Gemeinde sah es auch wirklich!
Sie ließ dann von ihrem übel zugerichteten Bruder ab, und behandelte andere mit einem hölzernen Hammer. Das war aber nicht ausreichend. Auf ihre Frage, ob die Anwesenden für die armen Seelen sterben wollten, erhielt sie ein einstimmiges »Ja« zur Antwort. Sie begnügte sich aber vorerst mit ihrer Schwester Elisabetha.
Diese schlug sich zunächst selbst mit einem hölzernen Schlägel auf den Kopf, dann legte sie sich quer über das Bett und forderte Margarete auf, sie sofort totzuschlagen. Sie wurde dann auch erschlagen, nachdem die »heilige Gret« versprochen hatte, _sie am dritten Tage wieder auferstehen zu lassen_. Sie ließ sich ohne einen Laut des Schmerzes mit einem eisernen Keil den _Kopf zerschmettern_ und sagte noch unter den Todesstreichen: »Ich lasse mein Leben für Christus.«
Grausiger war das Ende der »Heiligen« selbst. Neben der Leiche ihrer Schwester auf dem Bette sitzend, schlug sie sich den Kopf blutig und befahl ihrer Anhängerin Kündig, die auch beim Tode der Schwester mitgewirkt hatte, ihr noch weitere Wunden beizubringen, denn »Christus in ihr habe gegen seinen Vater für so viele tausend Seelen Bürgschaft versprochen; erst jetzt müsse noch mehr Blut fließen; sie müsse sterben und sich selbst opfern.« »Schlag zu, Gott stärke deinen Arm!« rief sie der zögernden Freundin zu. Sie ließ sich dann, ohne die geringste Äußerung von Schmerz, von der Kündig mit einem Schermesser einen Kreisschnitt um den Hals und einen Kreuzschnitt auf die Stirne machen.
Hierauf mußte die Kündig auf ihren Befehl, damit die Seelen erlöst und der Satan überwunden werde, die _Kreuzigung_ an ihr vornehmen. Sie legte sich auf Holzstücke und ließ sich von der Freundin, die sie mit »Gott stärke deinen Arm« und der Verheißung nicht nur die tote Schwester aufzuerwecken, sondern auch selbst nach drei Tagen wieder aufzuerstehen, anfeuerte, Nägel durch Füße und Hände, durch jedes Ellbogengelenk und durch die beiden Brüste schlagen. Eine andere Närrin half dabei. Während der Kreuzigung rief sie unaufhörlich: »Gott stärke deinen Arm! Ich fühle keinen Schmerz! Es ist mir unaussprechlich wohl! Sei du nur stark, damit Christus überwinde.«
Als sie nun, ohne jegliche Schmerzäußerung, gekreuzigt war, forderte sie, man solle ihr einen Nagel ins Herz schlagen, oder ihr den Kopf spalten. Die Kündig versuchte ihr demgemäß ein Messer in den Kopf zu treiben. Da es sich krümmte und sie gleich darauf begehrte, man solle ihr den _Kopf einschlagen_, taten es die Kündig und ein weiterer Anhänger mit einem Stemmeisen[12].
Wenige Jahre vorher, 1817, war in dem österreichischen Dorfe _Ampfelwang_ etwas Ähnliches passiert. Veranlaßt war die fanatische Bewegung durch den dortigen katholischen Pfarrer _Pöschl_, der die Köpfe seiner Gemeinde mit närrischen Ideen von einer nahen Judenbekehrung, dem bevorstehenden Ende der Welt und ähnlichem füllte. Da er durch die Regierung versetzt wurde, sah sich die Gemeinde, in der dieser Blödsinn Wurzel gefaßt hatte, gezwungen, sich ein neues Haupt zu geben. Sie wählte sich also den Bauern _Joseph Haas_, einen leidenschaftlichen Anhänger Pöschls, zum geistlichen Führer. Dieser gewann in Kürze die ganze Gemeinde mit Ausnahme einer einzigen Familie für seine Ideen.
Die Pöschelianer waren sich bald darüber klar, daß in dieser Familie der Antichrist stecken müßte, weigerte sie sich doch den gemeinschaftlichen Andachtsübungen beizuwohnen. Daß man sie deshalb _umbringen mußte_, war selbstverständlich und es geschah auch unter dem Zauberworte »der Herr will es«.
Doch man sann auf neue fromme Taten, wozu gerade die Karwoche die beste Gelegenheit bot. Die Frage wurde aufgeworfen, ob Gott, da ihm doch der für die Brüder erfolgte Tod Christi angenehm war, wohl auch Gefallen daran finden würde, wenn ein Mitglied der Gemeinde für die andern Brüder und Schwestern den Opfertod erlitte. Natürlich bejahte man sie und beschloß durch das Los eines der Gemeindemitglieder als Opfer zu bestimmen. Da zuerst der Führer Haas gezogen wurde, man ihn aber für unentbehrlich hielt, warf man das Los zum zweiten Male mit dem Erfolg, daß es auf ein 17- bis 18jähriges Mädchen fiel. Es jubelte laut über die Gnade, für die Brüder und Schwestern wie Christus sterben zu dürfen, nur _bat sie, ihr auch die Martern Christi zuzufügen_. Man schneidet ihr den Kopf bis aufs Gehirn auf, als sie aber, bisher jubelnd, nun zu wimmern begann, wurde sie _völlig erschlagen_. Nun erwartete ihre Gemeinde betend ihre Auferstehung gleich der Christi, da sie doch wie dieser gestorben war. Vorher schnitt man ihr noch das Herz auf, um darin mystische Figuren zu finden. Während die Gläubigen die Auferstehung erwarteten, wurden sie verhaftet[13].
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Zu den grausigsten Äußerungen der Dummheit gehört wohl unzweifelhaft in neuerer Zeit die russische Sekte der _Skopzen_, d. h. der Selbstverstümmler. Sie zählt mehrere tausend Anhänger, meistens aus dem niederen Volke, besonders Soldaten, aber auch sehr reiche Kaufleute, die große Geldsummen dafür, früher namentlich zur Bestechung der Obrigkeit, hingeben. Sie berufen sich für ihren Wahnwitz auf zwei Bibelstellen (Matth. 19, 12 und Luk. 23, 29), wiewohl in der ersteren nur von Verschnittenen die Rede ist, ohne jede Nutzanwendung, es in der zweiten aber heißt: »Die Zeit wird kommen, wo man sagen wird: selig sind die Unfruchtbaren, die Leiber, die nicht geboren, die Brüste, die nicht gesäugt haben.« Das ist aber völlig genügend, und vielleicht noch weniger wäre es, denn die Dummheit stellt sehr bescheidene Ansprüche an das Material, aus dem sie ihre Schlüsse zieht.
Die eigentliche Lehre der Sekte nimmt an, daß der Sündenfall Adams die geschlechtliche Vermischung gewesen sei, denn die Menschen sollten sich nur durch »heilige Küsse« fortpflanzen. Aus dieser ersten Sünde seien alle übrigen gekommen und die Welt sei jetzt sehr verderbt. Die Hauptlehre Christi, die Erlösung, bestehe aber in nichts anderem, als der »Feuertaufe«, d. h. der _Entmannung durch glühendes Eisen_. Diese, jetzt durchs Messer ausgeführt, besteht entweder in vollständiger Entfernung oder in Kastration, das »große und kleine Siegel«. Damit verbinden sich chiliastische Ideen. Im Anfange des 19. Jahrhunderts war ein gewöhnlicher Bauer Seliwanoff der inkarnierte Christus und auch zugleich der Zar Peter III., der nicht wirklich getötet worden sein soll. Dagegen ist der herrschende Zar der Antichrist. Ferner fordern die Skopzen geheime Versammlungen, in denen wildes Tanzen und Singen, inspiriertes, sinnloses Predigen und wohl auch wirklich ekstatische Zustände die Hauptsache sind. Die Neubekehrten werden dabei in narkotischen Schlaf versetzt und dann entmannt, die Weiber verschneiden ihre Brüste. Geschlechtlicher Verkehr ist die größte Sünde. Deshalb fluchen die Skopzen ihren eigenen Eltern. Trotz aller Verfolgungen besteht die Sekte noch heute.
Eine sicherlich nicht minder furchtbare Sekte, wie die Skopzen, ist in Rußland die der _Teufelsanbeter_, die dem Satan Opfer darbieten. Ferner gibt es in Sibirien die _Morelschiki_, die es für ihre Pflicht halten, sich »Gott ganz darzubieten« und sich in _ganzen Scharen gegenseitig niederstechen und verbrennen_. Das taten im Jahre 1868 auf dem Gute eines Herrn von Gurieff an der Wolga 47 Männer und Frauen gleichzeitig. Um 1870 sollen hundert, ja Hunderte auf diese Weise zugleich gestorben sein.
Die Geißlersekte der _Chlysten_, die stündlich den Weltuntergang erwartet, sowie das Reich des Antichrist, gerät unter wilden Tänzen und Sängen in eine ekstatische Wut, wobei sie sich nicht nur selbst furchtbar mißhandeln und durchpeitschen, sondern im Jahre 1869 sich einmal auf die harmlosen Zuschauer stürzten und einige totprügelten.
Im Gouvernement Kiew bei Tiraspol weihten sich 25 Sektierer, beinahe alle Bewohner eines Gehöftes, freiwillig dem Opfertod, indem sie sich auf Anstiften einer Frau den Tod durch _Einmauernlassen_ und _Verhungern_ gaben[14].
Noch am Ende des 19. Jahrhunderts bestand in unserem so gesitteten und aufgeklärten Europa, nämlich in _Appelteren bei Amsterdam_ eine Sekte, die mehrfach zu religiösen Zwecken geheime Morde begangen haben soll. Gerichtlich konnten etwa 40 Mitglieder ermittelt werden. Sicher ist, daß der Knecht Brinkman, in Diensten bei einem Bauern Scherf, bei einer »Teufelsaustreibung« ums Leben kam. Man sprach bei einer Versammlung dieser ultraorthodoxen Protestanten im Hause Scherfs die Überzeugung aus, der Teufel sei im Hause und habe speziell von Brinkman Besitz ergriffen. Zunächst soll Scherf nach dem Beispiel Abrahams seine eigenen 5 Kinder als Opfer angeboten haben. Da man sie aber nicht im Hause fand, so ging man um 1 Uhr nachts, sofort nach Schluß der Sitzung, zu Brinkman, den man aus dem Schlafe weckte. Scherf begann die _Teufelsbeschwörung_, worauf der Knecht mit Stangen und Stöcken von allen _totgeschlagen wurde_. Am nächsten Tage richtete man für die »Brüder und Schwestern« ein festliches Mahl her und sang dabei zahlreiche religiöse Lieder. Bei der bald folgenden Verhaftung gab der _Gemeindevorsteher_ Spiering an, _er habe die feste Absicht gehabt, auch noch eines seiner Kinder zu opfern_[15].
Wer an den heute noch in der protestantischen theologischen Literatur spukenden Teufelsglauben sich erinnert, wird sich nicht im mindesten darüber wundern, daß Bauern das praktisch üben, was ihre Seelenhirten theoretisch begründen.
Es läßt sich ja überhaupt nicht in Abrede stellen, daß _alle diese Massendummheiten auf kirchliche oder biblische Einflüsse zurückgehen_. Entweder wird eine kirchliche theoretische Forderung praktisch und im großen Stile geübt, wie wir es bei den verschiedenen Formen der Askese sahen. Oder es wird ein Beispiel aus der Geschichte unserer Religion nachgeahmt, wie etwa die Kreuzigung Christi, oder aber eine in den Evangelien enthaltene, oder auch nur angedeutete Lehre wird weiter entwickelt. Dahin gehört der kirchlich -- vom Katholizismus so gut wie vom Protestantismus -- sanktionierte und in ein System gebrachte Hexen- und Teufelsglaube. Oder man beruft sich, wie etwa die Skopzen, auf teils mißverstandene, teils isoliert betrachtete und ganz einseitig, monomanisch, zur Lebensrichtschnur gemachte Bibelstellen. Schließlich können die Skopzen sich mit dem gleichen dogmatischen Recht auf ein Bibelwort hin verstümmeln, wie das Papsttum auf ein anderes, seine Macht des Bindens und Lösens aufbaut.
Es ist eben immer eine ungeheure Dummheit sich irgendeinem Ausspruch, irgendeiner Autorität mit Kadavergehorsam zu unterwerfen, auf Buchstaben und Worte zu schwören. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß es nicht auch sehr klug sein kann, sich die Weisheit und Lebenserfahrung anderer zunutze zu machen. Aber maßgebend soll eben doch stets die Art der Interpretation, die Kritik, die Beurteilung des Falles, kurz der eigene gesunde Menschenverstand bleiben.
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Ein anderer religiöser Gedanke, der auch auf die Bibel zurückgeht, ist der des _tausendjährigen Reiches_. Ja, für die Wiederkehr Christi können sich Gläubige sogar auf seine eigenen Worte berufen. Da ist es nur natürlich, wenn sie für ihr Leben die Konsequenzen daraus ziehen. Die Dummheit besteht eben auch hier wieder in der willenlosen Unterordnung unter eine fremde Autorität. Aber auch diese Willenlosigkeit, dieser freiwillige Verzicht auf Kritik, ist von den Kirchen mit Feuer und Schwert gezüchtet worden, wie die Geschichte der Glaubensverfolgungen lehrt. Ist aber einmal das eigene Urteil zum Schweigen gebracht, ist der Fromme gezwungen mancherlei, was Vernunft und Erfahrung widerspricht, unter dem Drucke kirchlicher Autorität bedingungslos zu glauben, dann ist der Geist für die gläubige Hinnahme _jeder_ Ungeheuerlichkeit entsprechend präpariert.
Übrigens hat die gewissenhafte Befolgung des »Wachet und betet« auch manches Gute im Gefolge und die Verirrungen der Chiliasten sind im Vergleich mit jenen, die wir oben kennen lernten, recht harmloser Natur.
Einer solchen Form der Narretei huldigt eine Sekte in Amerika, die sich _Shaker_ nennt und Mitte vorigen Jahrhunderts etwa 4000 Mitglieder zählte. Auch sie sind Chiliasten, unterscheiden sich aber nicht unwesentlich von zahlreichen Glaubensgenossenschaften, die gleichfalls an die Wiederkehr des Messias glauben, dadurch, daß sie vom bereits erfolgten Eintritt dieses Zustandes fest überzeugt sind. Und zwar war es ein weiblicher Messias, namens _Ann Lee_, in der die Wiederverkörperung Christi zu erblicken ist. Diese Ann Lee, die zu Bolton in Lancashire 1758 einer kleinen Gemeinde von Mystikern beitrat und durch mancherlei Verfolgungen sich genötigt sah, im Jahre 1772 nach Amerika auszuwandern, ist als »Schwester und Braut Christi« die einzige Heilige, die die Shaker verehren.
Die Lehre ist sehr einfach: Im Jahre 452 begann mit der Begründung der päpstlichen Macht das Reich des Antichrists, das nach der Offenbarung Johannis dem zweiten irdischen Auftreten des Heilandes vorangehen soll. Seit der Reformation, die den »großen Drachen« nicht tötete, sondern nur in zwei Teile zerriß, nahm dieses Reich allmählich wieder ab. Während dieser Herrschaft des Antichrists war der göttliche Geist Christi in den Himmel zurückgekehrt, um dort seine »Wiederkunft in und mit der heiligen Braut, welche die Tochter der ewigen Weisheit ist«, vorzubereiten. Anno 1747 ließ er sich auf Ann Lee herab, um durch eine zweite Erlösung der Menschheit sein tausendjähriges Reich zu gründen, in dem die Sünde keine Stätte hat.
Die friedliche, arbeitsame und überhaupt brave Gemeinde scheut vor allem jeden geschlechtlichen Verkehr. Gott feiert sie durch tägliche Tänze, nach flotten Melodien. Warum sollten allein die Beine den Schöpfer nicht loben dürfen[16]?
Schlimmer war die _Millermanie_ in Amerika, die verursacht wurde durch die Prophezeiungen eines gewissen _William Miller_ (geb. 1772, [+] 1849) aus dem Staate Neu-York. Seit dem Jahre 1831 kündigte er das Erscheinen des Herrn am Himmel an, sowie das Ende aller Dinge für den März 1843. In Neu-York, Maine, Massachusetts und anderwärts scharten sich Leute, denen er seine Wahnideen zu suggerieren verstand, um ihn. Als _Adventisten_, wie sie sich im Glauben an die Wiederkehr Christi in sichtbarer Gestalt nannten, verloren sie alles Interesse an irdischen Dingen. Sie gaben ihre Geschäfte auf, überließen zum Teil ihre Familien dem Elend, um in Versammlungen zu beten und zu predigen und sich auf diese Weise für den großen Tag vorzubereiten. Als dieser aber nicht eintraf, tröstete man sich mit der Annahme, daß die Berechnung des Datums falsch sei und die Prophezeiung sich am 22. November 1844 nach jüdischem Kalender erfüllen müsse.
Manche Anhänger der Millersekte verfielen infolge der andauernden religiösen Exaltation in unheilbare Geisteskrankheit, wähnten sich im Himmel oder verzichteten auf Nahrung, weil sie nurnoch die Kost der Engel benötigten. Als nun auch das zweite Datum sich als falsch herausstellte, genügte selbst diese Enttäuschung nicht, die Adventisten von ihrer Torheit zu heilen. Vielmehr war die einzig bedeutsame Folge lediglich die, daß die Anhängerschaft sich in mehrere Sekten spaltete. Noch heute gibt es in Amerika gegen 65000 solcher sonderbarer Heiliger, während die europäische Generalkonferenz im Jahre 1901 mit Stolz auf eine Gemeinde von 7700 Seelen blicken konnte[17].
Eine ebenbürtige Sekte gründete der gänzlich ungebildete Rademacher _Kondrat Maljòwanni_ in Südrußland. Die Eltern dieses Analphabeten waren Potatoren und er selbst bis zum 40. Lebensjahre dem Trunk ergeben. Trotz oder wegen aller dieser Umstände gelang es ihm in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine große und begeisterte Gemeinde um sich zu versammeln. Auch er predigte den nahen Weltuntergang und verstand es denen, die nicht alle werden, klarzumachen, daß dieses Ereignis auf ihr Schicksal von günstigem Einfluß sei. Sie gaben ihre Arbeit auf und verkauften oder verschenkten ihr Eigentum.
Bei den gemeinsamen Andachtsübungen der Maljòwannisten kommt es unter den Versammelten häufig zu hysterischen Anfällen. »Unter allgemeinem Lärm, Geschrei und Durcheinander sieht man die einen hinstürzen wie vom Blitze getroffen, andere entzückt oder kläglich schreien, weinen, springen, in die Hände klatschen, sich selbst gegen die Stirn oder vor die Brust schlagen, an den Haaren reißen, mit den Füßen stampfen, tanzen, alle möglichen Töne und Rufe von sich geben, entsprechend den verschiedenen Emotionszuständen wie Freude, Glück, Verzweiflung, Furcht, Entsetzen, Erstaunen, Andacht, dem Ausdrucke psychischen Schmerzes, der Geruchs- oder Geschmackswahrnehmung usw. Noch andere ahmen Hundegebell, Pferdewiehern und sonstige Tiere nach[18].«
Besonders merkwürdig war bei dieser Erscheinung, daß Maljòwanni es verstand, bei seinen Anhängern fast genau dieselben Wahnideen hervorzurufen, die ihn selbst erfüllten. Er suggerierte zunächst Personen aus seiner Umgebung, die eine gewisse Neigung zu religiöser Exaltation besaßen, seine Wahnideen, und diese sorgten dann ihrerseits für deren Weiterverbreitung. Diese psychopathische Epidemie nahm schließlich einen so bedrohlichen Umfang an, daß nur durch die Einmischung der russischen Regierung Einhalt getan werden konnte.
Eine ganz analoge Bewegung haben wir im _Lazarettismus_ zu sehen.
Er ist als Erscheinung deshalb so interessant, weil er beweist, daß noch heute, genau wie vor Jahrtausenden, ein religiöser Fanatiker sein Publikum findet. Die Bewegung gewinnt an Bedeutung, wenn man berücksichtigt, mit welcher Energie die katholische Kirche Sonderbestrebungen zu bekämpfen weiß und nicht minder durch ihr Auftreten auf dem uralten Kulturboden Italiens.
Der Vater der zu betrachtenden Sekte war _David Lazaretti_, 1834 in Arcidosso geboren, seines Zeichens Karrenführer (barocciaio). Er stammte aus einer Familie, in der religiöser Wahnsinn vorgekommen war, besaß Intelligenz und war ein schöner, stattlicher Mann. Auf eine Erscheinung der Madonna im Jahre 1866 hin, brachte er einige Monate bei einem Einsiedler in Montorio Romano zu. Das Resultat dieser frommen Zurückgezogenheit war ein Stigma an der Stirn, bestehend in dem von Strahlen und Dornen umgebenen Herzen Jesu. War er auch nicht gerade auf sehr wunderbare Weise zu diesem Zeichen gekommen -- er hatte es durch Glüheisen und Tätowierung hervorgerufen -- so läßt sich denken, daß es im gegebenen Moment seine Wirkung nicht verfehlte.
Aus dem früheren Trinker und Flucher wurde durch religiöse Halluzinationen ein Asket und Schwärmer, der zum Volke predigte und durch Prophezeiungen, Versprechungen und Drohungen auf die ländliche Bevölkerung großen Einfluß zu gewinnen verstand. So konnte er, gefördert durch großes Selbstgefühl, zunächst die »Gesellschaft der christlichen Familien«, die 80 Familien umfaßte, aus der Bevölkerung von Monte Amiata gründen. Die Kolonie lebte unter Führung ihres Propheten, für den sie sogar Frondienste tat, um ihn der profanen Feldarbeit zu entheben, mehrere Jahre lang in genossenschaftlichem Kommunismus.
Lazaretti begnügte sich nicht damit, immer geheimnisvoller zu prophezeien und heftig auf alle Andersgläubigen, besonders die Protestanten, zu fluchen, sondern ordnete auf dem Monte Labbro, den er sich zum Sitze seines geistlichen Fürstentums erkor, den Bau eines Turmes an. Seine Gemeinde widmete sich dieser Arbeit mit Feuereifer, vom frühen Morgen bis zum späten Abend in Wind und glühender Sonne Steine tragend. Übrigens wurde der Turm nicht vollendet.
Der religiöse Wahnsinn zeigte bei Lazaretti immer groteskere Formen. Er schrieb an den König von Italien, an die Fürsten der Christenheit, umgab sich mit »Aposteln« und suchte in Äußerlichkeiten, so weit es eben ging, Christus nachzuahmen. So hatte er seinem Apostel Petrus als Symbol seines Amtes zwei Schlüssel aus Pappdeckel kreuzweise auf die Brust geheftet.
Für den 18. August 1878 hatte Lazaretti ein Erdbeben vorherverkündet, das alle, die nicht an ihn glaubten, verschlingen würde. Natürlich sah seine Gemeinde mit Furcht und Hoffnung diesem Tage entgegen, hatte er doch versprochen, sich um Mitternacht ihr in anderer Gestalt zu zeigen. Immerhin war auch seine jetzige Erscheinung, wenigstens in seinen und der Gläubigen Augen, ganz respektabel, denn er beanspruchte »Symbol der neuen Reform des heiligen Geistes« zu sein.
Die Tragödie -- oder sollte es keine sein, wenn wir viele Hunderte von Menschen einem Wahnsinnigen folgen sehen? -- ging ihrer Katastrophe entgegen. Sprach er von sich als »Anführer und Richter Christus in der wahren und lebendigen Gestalt der Wiederkunft unseres Herrn Jesu Christi in diese Welt«, so war das natürlich Irrwahn. Recht aber sollte er mit seiner düsteren Prophezeiung erhalten, er sei das »Opfer, das für die Erlösung der Welt hingeschlachtet werden mußte«.
Für die Mitte des August 1878 bereitete Lazaretti einen großartigen Auszug vom Monte Labbro vor. Die Tage vom 14.-18. August wurden mit Gebet, Predigt und Gottesdienst zugebracht und in ungezählten Tausenden war die Umgebung herbeigeströmt, harrend der Dinge, die da kommen sollten. Am Morgen des 18. August kam Lazaretti in die Kirche, das rote Futter seines Mantels nach außen. Mit leiser und feierlicher Stimme sagte er: »Dies ist ein Blutzeichen. Mein Blut, das Blut des neuen Abel wird, ihr werdet es sehen, binnen kurzem vergossen werden und wird sich mit dem heiligen Blut, das dort in jenem Kelch ist, vermischen«. Als er an der Spitze des grotesken Zuges aufbrach, trat ihm die Behörde mit der Aufforderung, sich zurückzuziehen, entgegen. Er leistete keine Folge. Ein Steinhagel überschüttete die Beamten und Karabinieri. Sie gaben Feuer. Als eines der ersten Opfer fiel der Prophet.
Noch 1883 gab es Leute, die an die Wiederkunft des »heiligen David« glaubten[19].