Chapter 12 of 17 · 3960 words · ~20 min read

Part 12

Das geht mit größter Deutlichkeit aus der Tatsache hervor, der Pfarrer _Ewald_, der in einer Predigt im Jahre 1858 Vilmar, der über die Versuchungen des Teufels einen Vortrag gehalten hatte, bekämpfte, vom hessischen Konsistorium _einen Verweis erhielt_. Ewald vertrat den Standpunkt, daß Jesus nichts weniger als verlieren könne, wenn man seine Versuchung als _innerlichen_ Vorgang auslege[2].

Wie weit die kirchliche Reaktion sich vorwagte, lehrt vor allem der protestantische Hannoversche Katechismus. Dieser führte im ersten Teile die fünf Hauptstücke auf, dann folgt die Erklärung nach Luther. Hier werden die Gläubigen ermahnt: »des Morgens, so du aus dem Bette fährst oder des Abends, wenn du zu Bette gehst, sollst du dich segnen mit dem heiligen Kreuz.« Im dritten Buche folgt eine »ausführliche Erklärung des lutherischen Katechismus.« Hier wird in Frage 45, 46 und 47 der förmliche Bund mit dem Teufel gelehrt. Frage 45 lautet: »_Zaubern heißt übernatürliche Kräfte und wunderbare Aushilfe wider Gottes Ordnung und ohne Gottes Verheißung suchen._« Frage 46: »Wie geschieht solches? Durch allerlei Aberglauben mit Besprechen und Wahrsagen, Zeichendeuten, Geisterbannen und dergleichen, da man das Heilige mißbraucht und die hochgelobte Dreieinigkeit, Gottes Wort, Sakrament und Kreuz lästert und sonst vorwitzige Kunst treibt.« Frage 47: »Warum ist dies eine schwere Sünde? Die solches selber tun, oder durch andere tun lassen, verleugnen den Glauben und treten wissentlich oder unwissentlich _mit dem Teufel in Verbindung_.« Frage 56 lautet: »Wie versucht uns der Teufel? Wenn er uns durch innerliche Anreizung oder äußerliches Blendwerk zur Sünde locket und dränget oder nach geschehener Sünde in Mißglauben und Verzweiflung treibt.«

Dieser Katechismus vertrat nicht nur antediluvianische Anschauungen, sondern kam auch dem Katholizismus entgegen, wie etwa die Frage 139 beweist: »Was ist die ewige Verdammnis? Es ist die unaufhörliche Verwerfung von dem fröhlichen Angesicht Gottes zu unaussprechlicher Pein und Qual an Leib und Seele unter der schrecklichen Gesellschaft der bösen Geister in der Hölle.«

Gottlob bewies das Publikum auch hier wieder mehr Verständnis für den Zeitgeist und den gesunden Menschenverstand als die Gottesgelahrten. Am 14. April 1862 sollte dieser wundervolle Katechismus dem Lande »zum Geschenk gemacht« und in die »evangelisch-lutherischen Kirchen und Schulen« des Königreichs Hannover eingeführt werden, um -- wie die königliche Verfügung sich ausdrückt -- bei den Untertanen die rechte Erkenntnis und den wahren Dienst Gottes fördern zu helfen. Doch es erhob sich dagegen im Volke ein solcher Entrüstungssturm, daß unterm 19. August das Gebot der allgemeinen Einführung zurückgenommen wurde[3].

In den Zeiten des Rationalismus war die Abrenuntiationsformel: »Entsagst du dem Teufel und allen seinen Werken?« aus den Agenden ausgeschieden worden. Die lutherische Reaktion hatte in ihren Verdummungsplan auch ihre Wiederaufnahme als wesentlichen Bestandteil der Taufe aufgenommen und auf der vom 16.-24. Mai 1854 tagenden Kirchenkonferenz dies empfohlen. Von den Vertretern Sachsens, Bayerns, Hannovers, Mecklenburgs und Württembergs hatten außer denen des letztgenannten Landes alle dem dahingehenden Antrage _Kliefoths_ zugestimmt! Dieser Kliefoth hatte in Mecklenburg schon im Jahre vorher den Prediger _Bartholdi_ seines Amtes entsetzt, weil er sich an der Teufelsentsagung Änderungen erlaubt hatte!

Weil sich in Sachsen der Pastor _Siedel_ aus Tharand nicht damit begnügte, bei der Taufe die Teufelsentsagung im allgemeinen auszusprechen, sondern die Frage jedem einzelnen Paten vorlegte, war es zu ärgerlichen Szenen gekommen. Er hatte von dem Kaufmann _Decker_ keine Antwort erhalten. Als er die Frage wiederholte, entgegnete dieser: ich glaube an Gott, aber an keinen Teufel. Wegen dieser Erklärung wurde er nicht nur von der Patenstelle ausgeschlossen, sondern auch _in eine Kriminaluntersuchung wegen Störung des Gottesdienstes verwickelt_! Die Sache führte sogar im Landtage zu einer aufregenden Szene.

Als in Bayern im Jahre 1854 ein sogenannter Agendenkern als Anhang zum neuen Gesangbuch empfohlen wurde, worin die Teufelsentsagung enthalten war, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen, die damit endeten, daß König Max unterm 27. November 1854 erklärte, es sollten ohne Zustimmung der Gemeinden keine Veränderungen in der Gottesdienstordnung getroffen werden. Endgültig wurde diese Teufelsangelegenheit erst im Jahre 1879 entschieden und zwar dadurch, daß nach den Beschlüssen der Generalsynode Parallel-Formulare zu freiem Gebrauch mit und ohne Entsagungsformel aufgenommen wurden. Wen also Herz und Geist dazu treiben, der kann noch heute in feierlicher Weise seinen Teufelsglauben bekennen!

Übrigens war auch in der badischen Generalsynode im Jahre 1855 über die Wiedereinführung des Teufels lebhaft debattiert worden. Es ist ja bewundernswert, mit welcher Harmonie und Gleichzeitigkeit in allen deutschen Staaten der Verdummungsprozeß eingeleitet wurde. Wiewohl in Baden das ans Ruder gekommene orthodoxe Kirchenregiment mit einem Schlage den bisherigen Katechismus, Gottesdienstordnung, biblische Geschichte usw. abgeschafft hatte, so wagte man es doch nicht recht, den Teufel bzw. die Teufelsentsagung in die Agenden so glatt wieder einzuführen. Wohl aber figurierte er wieder in den neuverfaßten Katechismen, den biblischen Geschichten und in den neuen Gebeten[4].

Bekanntlich spielt für die Geschichte der Hexenprozesse die Stelle 1. Mosis 6, 1-4 eine traurige Rolle. Hier wird erzählt, daß die Göttersöhne mit den Menschentöchtern Verbindungen eingingen, aus denen »Gewaltige in der Welt und berühmte Leute« entsproßten. Der Professor _Heinrich_ gab nun 1857 in Berlin unter dem hochaktuellen Titel »Die Ehen der Söhne Gottes mit den Töchtern der Menschen« ein Buch heraus, in dem er vor allem betont, daß die Bibel »göttlich und inspiriert« ist. Daher kann sich in ihr keine Mythe finden, sondern alles in ihr sei reell und wirklich »nirgends menschliche Fabeln und Phantastereien, sondern überall Geschichte und göttliche Lehre« (S. 1). Es handelt sich also um einen wirklichen Vorgang. Durch den Fall der Engel mit den Menschenweibern sei ein wildes Geschlecht entstanden, das Gottes ganzen Weltplan zerstört hätte, wenn er es nicht vertilgt haben würde. Er entwickelt, wie es den Engeln möglich war, physisch diese Ehen zu vollziehen, »warum die Engel allein in die männliche und nicht auch in die weibliche Geschlechtsform sich metamorphosierten« (S. 94), und daß das tierische Gesetz, wonach Tiere verschiedener Gattung keine Jungen hervorbringen, hier nicht gelte usw. usw. Daß diese geistreiche Untersuchung ganz auf den Standpunkt des Hexenhammers hinausläuft, ist klar.

Merkwürdig ist keineswegs, daß ein Theologe so etwas produzieren konnte, wohl aber, daß es ein protestantischer war und im Jahre 1857[5].

Noch im Jahre 1859 konnten in der evangelischen Kirchenzeitung (Nr. 8 und 9) ähnliche Gedanken geäußert werden. Der Verfasser, der bescheidenerweise nur E. M. zeichnet, veröffentlichte hier »Zeitbetrachtungen über die christliche Lehre vom Teufel«. Nach seiner Überzeugung kann »die Zugehörigkeit der Lehre vom Satan zu dem Ganzen der kirchlichen, speziell der evangelisch-kirchlichen Glaubenslehre nicht in Frage gestellt werden«. Er findet »die Gegenwart merkwürdig durch den Widerspruch, welchen sie der Annahme eines persönlichen Teufels entgegensetzt« und charakterisiert »unsere Zeit der christlichen Lehre vom Teufel gegenüber« sehr richtig mit den Worten »es ist die allererklärteste Antipathie«. Er beklagt, daß »das Verhalten der großen Masse des Volkes und zumeist der Gebildeten unter demselben, auch das eines nicht geringen Teils der Vertreter heutiger, selbst wohl der sich gläubig nennenden Theologie »_noch immer_ richtig durch den Ausspruch von Klaus Harms aus dem Jahre 1817 gekennzeichnet werde«. »Den Teufel hat man totgeschlagen und die Hölle zugedämmt[6].«

Wenn es allerdings nach solchen frommen Glaubensstreitern auf protestantischer oder katholischer Seite ginge, dann würde der Teufelsglaube heute noch so lebendig sein, als je zuvor und man würde auch weiterhin das bequeme Verfahren befolgen für Vergehen und Verschuldungen nicht selbst die Verantwortung zu übernehmen, sondern sie einem Außenstehenden, eben dem Fürsten der Finsternis, aufs Konto zu setzen.

Doch noch ein Menschenalter später begegnen wir derselben Sorte Literatur.

_Ernst Mühe_, Pfarrer in Derben in Pommern, ließ 1884 in Leipzig seine Predigten erscheinen unter dem Titel »Die Leidensgeschichte Jesu Christi, sowie seine Höllenfahrt und glorreiche Auferstehung«. Wundervoll schildert er hier die Höllenfahrt, die er natürlich für eine historische Tatsache hält und so eingehend beschreibt, als wäre er dabei gewesen. Er kennt auch genauestens die Wirkung der Predigt Jesu bei den »Geistern der Vorwelt«. »Seht, wie sie aufhorchen, wie sie die Epiphanie des Herren anstaunen. Die Millionen scharen sich um den einst Verachteten ... Millionen fallen nieder, bekennen und bereuen ihren Unglauben und beten ihn an ... und der Held führt das ganze Gefängnis im Triumphe gefangen und führt alle die, welche sich retten lassen wollen, als den ersten Lohn seiner Todesschmerzen, hinüber in das selige Paradies« (S. 121).

Mühe weiß es ganz genau, wie lange Christus in der Unterwelt war: drei Stunden. Da er um 3 Uhr nachmittags starb, und zum Schächer gesagt hatte, »heute noch sollst du mit mir im Paradiese sein», »so kann er nach irdischer Zeitrechnung nicht ganz drei Stunden in der Unterwelt verweilt haben, denn der Tag ging um sechs Uhr zu Ende und er mußte Wort halten« (S. 123).

»Da nun aber bald die Zeit herannahte, da Jesus auferstehen mußte, so kam er wieder aus dem Paradies hinauf, begab sich in seine Grabeshöhle und _nahm seinen Leib wieder an_, und seine Gottheit durchleuchtete und verklärte ihn. Nur seine Wundenmale behielt er _freiwillig_, als Beglaubigungs- und Erkennungszeichen und als ehrenvollen Siegesschmuck. Bald darauf kam ein Engel vom Himmel herab und wälzte den Stein von des Grabes Tür. Die Erde aber erbebte vor Freuden über ihren auferstandenen Schöpfer. So ist die Auferstehung in Wahrheit geschehen; nur blinder Unglaube kann daran zweifeln.«

So geht es weiter. Herrlich ist auch die Predigt Mühes über die unbefleckte Empfängnis. Dieser Protestant sagt: »O selige Stunde der unbefleckten Empfängnis! Maria wird Mutter ohne Zutun eines Mannes.« »Ein geistgesalbter Prediger der Neuzeit sagt: Gott hat Adam geschaffen nicht bloß ohne Zutun des Mannes, sondern auch ohne Zutun einer Frau. Er hat Eva geschaffen mit Zutun eines Mannes und ohne Zutun einer Frau; nun schafft er Jesum ohne Zutun eines Mannes mit Zutun einer Frau.«[7]

Dieser würdige und völlig ebenbürtige Geistesgenosse seines katholischen Kollegen Bautz, erzählt in seinen »Biblischen Merkwürdigkeiten« und der »Neuen Folge biblischer Merkwürdigkeiten« (Leipzig 1886) folgende erbauliche und seinem Scharfsinn Ehre machenden Geschichten:

In der Arche Noah waren alle Tiere in Winterschlaf verfallen. Infolgedessen brauchten sie nicht ernährt zu werden (Vorwort).

Die Mauern Jerichos sind mit Hilfe der Engel eingefallen (I, 80).

Die Sonne Josuas stand still, indem »Gott den Umschwung der Erde um ihre Achse und infolgedessen auch den Lauf des Mondes plötzlich aufgehalten hat« (I, 95).

Der Teufel vollbrachte sein erstes teuflisches Wunder, indem er der Schlange Sprache verlieh, Gott sein erstes göttliches, indem er die Schlange umbildete, daß sie auf dem Bauche kriechen mußte (II, 17-19).

Dieser unerschrockene Streiter Gottes ist auch in der beneidenswerten Lage, über die Werke des Teufels und sein Treiben genau Auskunft geben zu können. In seiner Predigt »Alttestamentliches Exempel aus Moses Leben« (Leipzig 1883) hat er die glorreiche Entdeckung gemacht, daß die Wunder der ägyptischen Zauberer keineswegs Blendwerk waren, sondern »nach der einzig richtigen Auslegung« vollbrachten sie ihre Wunder »_mit Hilfe des Satans und der bösen Geister, mit denen sie im Bunde standen_« (S. 77). Wie der fromme Verfasser in seinen »Biblischen Merkwürdigkeiten« feststellt, unterliegt »es keinem Zweifel, daß _der Teufel in Menschengestalt oder sonstwie erscheinen und sichtbar werden kann_«, denn in der Versuchungsgeschichte (Matth. 4) »faßte er Christus an und führte ihn im Fluge mit sich durch die Luft«. -- »Es ist ganz verkehrt, wenn die Weltmenschen den Teufel immer als eine Spukgestalt mit Hörnern und Pferdefuß lächerlich machen. Er kann in tausenderlei Gestalt die Menschen betrügen. Am meisten Macht übt er dadurch, daß er den Menschen einredet, es gäbe gar keinen Teufel.« Aus Hiob geht hervor, daß Unglücksfälle, Sturm, Hagel, Krieg, leibliche Krankheit und geistliche Anfechtungen nur vom Satan über uns gebracht werden, freilich dürfen wir damit nicht sagen, daß jede Krankheit geradezu vom Teufel komme, aber mittelbar kommt doch alles von ihm.

Der gleiche Gottesmann setzt in seinem Buche »Der Aberglaube. Eine biblische Beleuchtung der finstern Gebiete der Sympathie, Zauberei, Geisterbeschwörung usw.« (2. Aufl., Leipzig 1886) auseinander, wie sich der Teufel bei Bündnissen mit ihm benimmt. Diese Greuel haben auch in unserer aufgeklärten Zeit nicht aufgehört, nur daß der Teufel jetzt »manierlicher auftrete und sich der Mode und Zeitrichtung schlau zu akkomodieren wisse«. »Alles Unheimliche fasse der Glaube an Zauberer und Hexen in sich.« Die Zauberei ist der Höhepunkt menschlicher Teufelei. Nach dem abschließenden Gesamturteil Mühes ist der _Aberglaube ein Eintreten in die Gemeinschaft mit dem Reich der Finsternis_ und in höchster Linie eine Auflehnung gegen Gott. Darum gebühre ihm die Strafe der Gotteslästerung, die Gott im Alten und Neuen Testament hundertfach angedroht habe (3. Mos. 20, 27, Offenb. 22, 15): _Hinrichtung und Steinigung_. Doch will Herr Mühe ihn zunächst mit Predigt und Belehrung bekämpfen, »_da leider die neue Gesetzgebung den Obrigkeiten keine genügende Handhabe bietet, um diesem Frevel wirksam zu steuern_«[8].

In dieselbe Kategorie von Wahrheitssuchern scheint sich auch der evangelische Pfarrer _Ewald Dresbach_ stellen zu wollen, wenn er in seinem Buche »Die protestantischen Sekten der Gegenwart im Lichte der heiligen Schrift« (Barmen 1888) schreibt; wir sprechen es »als unsere wohlerwogene Überzeugung aus, daß _im Sektentum sich der Antichrist offenbart_«. Auf den Einwurf, daß sich doch auch in ihnen fromme Leute finden, antwortet er: »Was die Frömmigkeit betrifft, so wissen wir es auf Grund der apostolischen Aussage, daß auch der Satan hin und wieder das Lichtgewand des Engels tragen kann«, das gehört zuweilen zu seinen Manieren; im übrigen reden wir ja nicht von einem einzelnen, auch nicht von einer schnell vorübergehenden Erscheinung: sondern tiefer schauend haben wir das Allgemeine im Auge, die Dinge betrachten wir im »Lichte der Ewigkeit« -- und eben da besteht die Behauptung zu Recht: im Sektenwesen äußert sich der »Widerchrist« (S. 19).

Daß sich in den Sekten außerordentlich viel Fanatismus und Dummheit jeder Art findet, ist ja zweifellos richtig. Aber etwa in den großen Kirchen nicht? Mit welchem Recht bestreiten wir der Minderheit eine Meinung, die die Mehrheit haben darf?

Am deprimierendsten aber wirkt es, wenn ein Mann, der sich zur Aufgabe stellte, die Sekten und ihre Torheiten und Schattenseiten zu beleuchten, keine schärfere Angriffswaffe findet, als die aus dem Arsenal des finstersten Mittelalters entnommene des Antichrists und Satans!

Wen wird es, wenn Männer mit solch finsterem, stupidestem mittelalterlichen Aberglauben auf das Volk losgelassen werden, wundern, wenn sich nachstehende Geschichte ereignen kann?

Im Dezember 1910 erschien bei der Polizeiverwaltung Cöpenick eine Arbeiterfrau namens K. und wünschte den Polizeiinspektor in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen. Sie stellte allen Ernstes das Verlangen, ihrer Nachbarin, einer 70jährigen Frau, den Prozeß zu machen, denn sie sei -- eine Hexe! Die alte Frau habe schon viele Leute behext, lasse alte Hexenbücher im Zimmer herumtanzen usw. Das schlimmste aber sei, daß sie das neugeborene Kind der Beschwerdeführerin, das bis zum dritten Tage ganz gesund gewesen sei, behext habe, so daß es seitdem immer schreie. Auch ihr Mann war überzeugt, daß das Kind behext sei. Da die Frau durchaus nicht den Eindruck einer Geisteskranken machte, versuchte der Polizeiinspektor ihr durch Vernunftgründe den Aberglauben auszureden. Natürlich nützte es nichts. Sie entfernte sich mit den Worten: »Sie mögen noch so schlau sein, Herr Inspektor, aber die Hexe ist doch noch schlauer. Sie hat ihre alten Bücher, die Sie nicht haben[9].«

Das Verfahren der oben gekennzeichneten Theologen wirkt umso grotesker, je mehr wir die Forderungen des Tages auf den verschiedensten Gebieten betrachten. Wenn wir einen Blick werfen auf die Fortschritte der Naturwissenschaften, die uns zur Stellung immer größerer Fragen zwingen, auf die sich auf ihrer Grundlage bildende neue Weltanschauung, auf den Siegeslauf der Technik, der Medizin und so und so vieler anderer Wissenszweige. Wenn wir die gewaltigen Aufgaben ins Auge fassen, die das Wirtschaftsleben an uns stellt, der Übergang des Agrarstaates in den reinen Industriestaat mit seinen unabsehbaren Folgen. Wenn wir in die Rechtspflege, Wohnungsfrage und tausend andere Probleme hineinleuchten, Probleme, die die Zukunft zu lösen haben wird, aber nicht lösen kann, ohne die regste Mitarbeit jedes einzelnen von uns.

Und in solchen Zeiten, wo letzten Endes die Fortexistenz des Vaterlandes als Weltmacht auf dem Spiele steht, wo das Europäertum gegen das erstarkte Amerika und das neu erwachte Asien kämpfend seine Kräfte sammeln muß, da treten Männer auf, angeblich Verkünder der Religion der Liebe, Bringer der Wahrheit, und schüren konfessionelle Zwietracht, wenn sie nicht einer längst endgültig abgetanen Weltanschauung neues Leben einzuhauchen versuchen.

Gäbe es einen Teufel, selbst dann wäre es eine Dummheit kostbare Zeit durch Nachdenken über ihn zu verlieren. Unser harren wichtigere Aufgaben!

VII. Kapitel

Die heilige Garderobe und ähnliches

So ungefähr alles das, was wir bisher an Dummheiten kennen lernten, was naive Zeiten, eine irregeleitete Phantasie auf diesem Gebiete ersannen, finden wir zu einem blühenden Strauß gebunden in einer gewissen Literatur vereint, in die sich hineinzuwagen, nicht geringe Überwindung kostet. Es handelt sich nicht etwa um Hintertreppenromane oder Detektivgeschichten, mit denen die hungernde Phantasie unserer Jugend verdorben wird. Für _Erwachsene_ ist sie geschrieben, für _das unwissende Volk_, das in Büchern Belehrung sucht, seine kärglichen Mußestunden dazu benutzen will, den Geist zu bilden, der Wahrheit näherzukommen.

Und wo könnte es das mit größerer Zuversicht tun, als in Schriften seiner geistlichen Hirten? In Büchlein, für deren Inhalt die höchste Autorität eintritt. Soll es _hier_ nicht Belehrung und Erbauung finden, wo wäre sie dann zu suchen?

Folgen wir also dem gläubigen Leser in seine Erbauungslektüre! Wenn wir dabei kirchlichen Lehren begegnen, deren Ersetzung durch bessere wir für kein unerreichbares Ideal menschlicher Geistesarbeit halten können, so mag auch das nicht ohne Nutzen sein.

Mit bischöflicher Approbation erscheinen eine große Reihe von Schriften, die sich mit den kirchlichen Gnadenmitteln befassen und deren billiger Preis keinen Zweifel darüber aufkommen lassen kann, daß sie für Verbreitung in die Volksmassen bestimmt sind. Sie sollen der frommen Herde Fingerzeige geben für die zur Erlangung der ewigen Seligkeit erforderlichen Schritte.

Besonders handelt es sich hier darum, den Gläubigen das Tragen von gewissen Kleidungsstücken, deren hohe Bedeutung für das Seelenheil wir gleich kennen lernen werden, ans Herz zu legen.

Wir meinen die _Skapuliere_.

Unter Skapulare versteht die Ordensregel des h. Benediktus ein Kleidungsstück, das die Mönche bei der Handarbeit über der Ordenskleidung trugen. Es bedeckte die Schultern und hatte das eine Ende vorn, das andere hinten herabhängen. Manche Ordensleute tragen dieses Skapulier als Teil ihrer Ordenskleidung in der Form eines etwa einen Fuß breiten, vorn und hinten bis auf die Füße herabhängenden Stückes Zeug.

Dieses Skapulier nun, in verschiedenen Farben getragen, hat eine gar wunderbare Kraft!

Da ist zunächst das _braune_ der Karmeliter. Dem h. _Simon Stock_, Generalobern dieses Ordens, erschien die heilige Jungfrau und gab ihm ein braunes Skapulier mit dem Auftrage, die Mitglieder seines Ordens und der mit diesem verbundenen Bruderschaften sollten ein solches tragen als Zeichen ihrer besonderen Verehrung gegen die heilige Jungfrau und als Unterpfand ihres besonderen Schutzes. Um an den gewährten Gnaden und Ablässen Anteil zu haben, muß das Skapulier beständig, auch zur Nachtzeit, getragen werden, desgleichen in Krankheiten. Legt man es ohne Not ab, dann hat man während dieser Zeit keinen Anspruch auf Ablässe. Allerdings darf man es auch unter der Kleidung tragen.

Die kleine Mühe des Tragens lohnt dieses Skapulier allerdings reichlich. Hat doch die Madonna dem h. Simon Stock verheißen, daß »wer in dem braunen Skapulier sterbe, das ewige Feuer nicht erleiden werde.« Wenn es sich nun auch allerdings nach katholischer Lehre von selbst versteht, daß der Träger des Skapuliers nicht darauf sündigend ein ruchloser Mensch sein darf, so ist es doch offenkundig, »daß gar manche durch Bekleidung mit dem Skapulier noch auf dem Todbette die Gnade der Bekehrung und Rettung ihrer Seele erlangt haben, ebenso liegen auch Beispiele vor, wo Vermessentlichen und Unbußfertigen auf auffallende Weise noch vor ihrem Tode das Skapulier entrissen wurde und abhanden kam.« So schreibt wenigstens der Jesuit _Maurel_ in seinem mit Genehmigung der Oberen in sechster Auflage 1878 in Paderborn erschienenen Buche »Die Ablässe, ihr Wesen und ihr Gebrauch« (S. 379).

Besonders günstig gestellt sind die Träger des Skapuliers, der an einem Samstag das Zeitliche segnen: die Jungfrau Maria wird in höchsteigener Person zu diesen »hinabsteigen und jene, welche ich im Fegefeuer finde, befreien und zum Berge des ewigen Lebens führen.« Allerdings muß der Skapulierträger auch einige »gute Werke« verrichten, aber von ihnen allen, vom Fastengebot, täglichen Gebeten usw. usw. kann er befreit werden -- so entschied noch Papst Paul V. unterm 15. Februar 1613 -- nur das Tragen des Skapuliers ist eine unerläßliche Bedingung.

Die Länge des Aufenthaltes im Fegefeuer hängt also nicht etwa von der persönlichen Würdigkeit des armen Sünders ab, sondern vom Skapuliertragen und vom _Wochentage, an dem er stirbt_!

Doch diese Vergünstigungen scheinen dem Papst Clemens X. noch nicht ausreichend gewesen zu sein, sonst hätte er nicht unterm 8. Mai 1673 verordnet, daß die mit dem Skapulier der Karmeliter Bekleideten »von der Mutter Gottes auf ganz besondere Weise an Kindesstatt angenommen« sind und »einen größeren Anteil von all dem Guten, was in der gesamten katholischen Kirche geschieht«, erhalten.

Dazu bemerkt der Karmeliter-Pater _Grassi_: »Ordensleute, Mitglieder der Bruderschaft und andere, die zu diesem Skapulier Andacht hegen, entgehen vermöge eines ungewöhnlichen Beistandes der Mutter Gott zahllosen Gefahren. Die Gewehre, welche nicht losgegangen oder deren Kugeln matt und ohne zu verwunden zu Boden gefallen, die Ketten, welche zerbrochen, die Dolche, die sich gekrümmt, die Bedrängnisse, von welchen man befreit, die Abgründe, in die man gefallen und aus denen man unbeschädigt hervorgekommen, die Feuersbrünste, welche gelöscht, die Krankheiten, welche gehoben, die verzweifelten Lagen, denen man glücklich entronnen, wie auf so vielen Gemälden dargestellt wird, die unzähligen Gedenktafeln, welche an den Altären der h. Jungfrau Maria vom Berge Karmel aufgehängt sind, -- verkündigen alle der Welt, mit wie großem Rechte dem _Karmeliter-Skapuliere_ der Titel »_Rettung in Gefahren_« zukommt, welchen ihm die h. Jungfrau gegeben hat. Man sah sogar viele von diesen Wundern sich ereignen, wenn man dieses Skapulier anderen Gläubigen, die in Gefahren des Leibes oder der Seele waren, auflegte, Beängstigten, Verwundeten, Besessenen usw. oder wenn man es in anderen Notfällen anwandte, z. B. es mit lebhaftem Vertrauen in die Flammen warf, um eine Feuersbrunst zu löschen, oder in die Luft, in das Meer, um einen Sturm zu stillen[1]!

Ein anderes Skapulier ist das _weiße_, das der »allerheiligsten Dreifaltigkeit«, bestehend aus zwei Zeugstücken aus weißer Farbe mit eingenähten Kreuzchen von roter und blauer Wolle. Die weiße Farbe weist auf die Herrlichkeit des Vaters, die blaue auf das Leiden des Sohnes, die rote auf die Liebe des heiligen Geistes hin. »Das Skapulier verleiht die Gemeinschaft der guten Werke und Verdienste sowohl mit dem Orden der heiligen Dreifaltigkeit als auch mit der Bruderschaft gleichen Namens, in welche man durch Annahme dieses Skapuliers eintritt.«

Ein drittes Skapulier ist das _blaue_, das der »unbefleckten Empfängnis der heiligen Jungfrau Maria«. Es hatte einst die ehrwürdige _Ursula Benincasa_, die in Neapel im Rufe der Heiligkeit starb, vom Jesuskind erbeten, das ihr mit der unbefleckten Jungfrau selbst erschienen war. Durch Tragen dieses Skapuliers erhält man nicht nur die besondere Gunst der Madonna, sondern auch noch Anteil an den Gebeten und guten Werken der Theatiner. Wer es trägt, gewinnt »so oft er, es sei an welchem Orte es wolle, zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit und der allerseligsten, ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau sechs Vaterunser mit ebenso vielen Ave Maria und Ehre sei dem Vater usw. nach der Meinung des Papstes spricht, alle Ablässe, welche für den Besuch der sieben Hauptkirchen Roms, der Portiuncula-Kirche zu Assisi, sowie für den Besuch Jerusalems und des Gnadenortes des heiligen Apostels Jacobus zu Compostella in Spanien bewilligt sind, und ist hierzu ausnahmsweise keine Beichte und Kommunion und auch kein weiteres Ablaßgebet erforderlich.«

Wer sich über dieses geheimnisvolle Skapulier näher informieren will -- und wer wollte das nicht, nachdem man auf bequemere Weise kaum seiner Sünden ledig werden kann -- lese »_Andachten und Satzungen der Bruderschaft zu Ehren der unbefleckten Empfängnis Mariä mit dem himmelblauen Skapulier_« (Regensburg, Verlag Pustet) oder »_Kurze Erklärung über das kleine himmelblaue Skapulier zu Ehren der allerseligsten unbefleckten Jungfrau Maria_, das von den Skapulierklerikern der Theatiner-Kongregation geweiht wird, samt einem Verzeichnis der Ablässe. Getreue Übersetzung des römischen approbierten Textes« (Mainz, bei Kirchheim).

Ferner gibt es das »_rote Skapulier_ des Leidens des heiligsten Herzens Jesu, sowie des liebreichsten und mitleidigen Herzens der seligsten unbefleckten Jungfrau Maria« über das ein bei Pustet in Regensburg mit Genehmigung des dortigen bischöflichen Ordinariats erschienenes Schriftchen »_Herz-Jesu oder rotes Passions-Skapulier_« näheren Aufschluß gibt. Wir verdanken es einer barmherzigen Schwester in Paris, der im Jahre 1846 »der Heiland wiederholt mit einem solchen Skapulier in der Hand erschien«.