Part 7
Das geht nach Delrio nicht nur aus den päpstlichen Bullen hervor, sondern auch aus dem übereinstimmenden Urteil aller kirchlichen Gerichtshöfe in Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland. Da die Kirche definiert hat, Hexen seien als wirkliche Verbrecherinnen zu bestrafen, so kann kein weltlicher Richter dieses Urteil aufheben und sagen, eine Hexe, die sich als solche bekannt habe, habe sich getäuscht, _sondern er hat sie einfach zu verurteilen. Die Kirche, welche die Säule der Wahrheit ist, und der römische Papst, der die Zunge und der Mund der Kirche ist, und auf dem das Versprechen ruht: dein Glaube wird nicht wanken, erklären sich für die Tatsächlichkeit der von den Hexen begangenen Verbrechen._
Das VI. und letzte Buch handelt vom Amte und Pflichten des _Beichtvaters_ bei den Hexenprozessen. Seine Aufgabe ist es, sich genau über den Teufelsvertrag zu erkundigen. Da kann er dann allerdings mancherlei erfahren: Ein junges Mädchen hat im Jahre 1594 in Südfrankreich ausgesagt: sie sei früh von einem Italiener verführt worden. Ihr Verführer habe sie am Vorabend des Festes Johannis des Täufers zur Mitternachtszeit auf das Feld geführt, dort habe er mit einem Stabe einen Kreis gezogen und gewisse Worte aus einem schwarzen Buche gelesen. Da sei plötzlich ein großer schwarzer Ziegenbock erschienen, der gefragt habe, was sie hier wolle. Ihr Verführer habe geantwortet, sie wolle sich seinen Getreuen anschließen. Darauf mußte sie den Ziegenbock unter den Schwanz küssen. Später führte sie der Bock in ein benachbartes Gebüsch und vermischte sich mit ihr geschlechtlich. Bei diesem Akt habe sie keine Lust, sondern nur Schrecken gefühlt; die Samenergießung des Bocks habe in ihr eine eisige Empfindung erregt. Auch eine Messe sei in Gegenwart des Bocks gelesen worden. _Über solche Einzelheiten des Verkehrs mit dem Teufel sind die Hexen vom Beichtvater zu befragen!_
Es erfordert schon eine alles Menschliche übersteigende Portion von Verblendung nicht einzusehen, daß die Antworten durch Suggestion und Folter aus den Hexen herausgeholt wurden, nachdem die frommen Glaubensrichter den in ihrem eigenen Gehirn brodelnden Blödsinn _in die armen Opfer hineingelegt hatten_. Aber jahrhundertelang wollten die Inquisitoren und mit ihnen ihre Auftraggeberin, die Kirche, das nicht einsehen, sondern nahmen alles, was den armen Opfern erpreßt wurde, für bare Münze. Widerriefen aber die »Hexen« in den kurzen Zwischenpausen der Folter, dann war ihnen das nur ein erneuter Beweis für ihre Halsstarrigkeit und ihre Verbindung mit dem Satan!
Als Mittel gegen gewisse Zaubereien werden empfohlen: das vierblätterige Kleeblatt, das Blut eines schwarzen Hundes, das rechte Auge eines Wolfes, das Herz eines Hasen. Der Magnetstein versöhnt Mann und Weib usw. Ein natürliches Mittel gegen das durch Zauberei bewirkte geschlechtliche Unvermögen der Ehegatten ist nach Delrio: sie sollen vor dem Schlafengehen im Schlafzimmer die Galle eines Fisches auf glühenden Kohlen verbrennen.
In der Abhandlung »_von den kirchlichen Heilmitteln gegen Behexung_« entwickelt Delrio, daß sie von Christus, den Aposteln und ihren Nachfolgern eingesetzt seien, den Teufel peinigten und häufig zum Bekenntnis der Wahrheit zwängen. In der Jesuitenmission von Peru wollte sich ein Indianer taufen lassen. Teufel in Gestalt von Vögeln und niederfallenden Steinen hinderten ihn daran, ja noch in der Kirche zeigten sich Teufel auf dem Kopfe stehend, die Beine in der Luft und schreckliche Huhurufe ausstoßend. Als aber die Messe anfing, hörte das alles auf und nach der Taufe war der Indianer von den teuflischen Anfechtungen ganz befreit. Solche »wahre« Geschichten werden in Fülle mitgeteilt.
Der Bischof von Brescia, _Guido von Lacha_, war im Rufe der Heiligkeit gestorben. Die päpstlichen Inquisitoren erkannten aber aus gewissen Anzeichen, daß er ein Ketzer gewesen sei. Daher ließen sie, überfließend vom Geiste wahren Christentums und treu den Gepflogenheiten ihrer Kirche, _den Leichnam ausgraben, um ihn zu verbrennen_. Aber vom Scheiterhaufen weg hoben die Teufel -- die jedoch niemand sehen konnte -- den Körper in die Luft, so daß das Volk dies als ein Zeichen der Heiligkeit des Verstorbenen auffaßte. Doch die Inquisitoren ließen sich nicht beirren. Man ließt die Messe zu Ehren der hl. Jungfrau. Bis zur Wandlung schwebt der Leichnam noch immer in der Luft, da rufen plötzlich die Teufel: O Guido von Lacha, solange haben wir dich verteidigen können, jetzt ist ein Stärkerer da als wir. Und sogleich fiel der Körper auf den Scheiterhaufen zurück und verbrannte ohne weitere Schwierigkeiten.
Zum Schlusse wollen wir noch eine dieser erbaulichen Geschichten anführen: Im Jesuitenkollegium zu Graz trug sich folgendes zu: Am 22. März 1600 kam dorthin ein 22jähriger Jüngling, um einem der Patres zu gestehen, er habe sich vertraglich dem Teufel ergeben. Da er aber den Vertrag nicht gehalten habe, sei es ihm schlecht ergangen. Der Teufel erschien ihm darauf in Breslau wieder und versprach ihm 12 Jahre des größten Genusses, wenn er sich nach Ablauf dieser Zeit ihm mit Leib und Seele ergeben wolle. Der Jüngling schrieb darauf den Vertrag mit seinem eigenen Blut, das der Teufel ihm aus den Fingerspitzen preßte. Später erneuerte er den Vertrag wieder. Der Teufel schärfte dem Jüngling ein, besonders nie zu den Jesuiten zu gehen und schalt ihn, als er es doch getan hatte. Er versprach ihm sogar ein Buch, in dem die Namen aller Teufel eingetragen seien und die Art, jeden einzelnen herbeizurufen. Vom April bis Mitte Juni dauert nun der schreckliche Kampf der Jesuiten gegen den Teufel um den Jüngling, ein Kampf, in dem Erscheinungen und greuliche Unwetter miteinander abwechselten. Schließlich siegen aber die Jesuiten doch. Auf Befehl des _Erzherzogs Ferdinand_, nachmaligen Kaiser Ferdinand II. und des _Bischofs von Sekau_, wird am 18. Juni über die ganze Geschichte eine _Predigt_ gehalten und der mit Blut geschriebene Teufelsvertrag öffentlich in der Jesuitenkirche verbrannt.
Ein andermal zwingt Maria auf eindringliche Gebete des Bekehrten hin, dem Teufel einen solchen Vertrag wieder auszuliefern. Er erscheint in schrecklicher Gestalt und tut es unter Fluchen und Heulen.
Recht instruktiv ist das lange Kapitel, in dem Delrio _gegen die Gegner des Hexen- und Teufelsglaubens_ vom Leder zieht. Wir erfahren daraus, daß es zumeist »anmaßende« Ärzte, Philologen und streitsüchtige Rechtsverdreher sind, die von Theologie keine Ahnung haben und lügen, wenn sie den Eifer der katholischen Kirche nach dieser Richtung hin bekritteln. Stützt sich doch dieser Eifer auf Gottes Gebot und auf das Wort des Apostels. Sie lügen, wenn sie die kirchlichen Exorzismen abergläubisch nennen.
Der Wert dieser Konstatierung liegt in der einwandfreien Feststellung, daß auch hier nicht etwa Fachkreise aus sich heraus eine verhängnisvolle Dummheit ablegten, sondern daß _Outsider, Naturforscher und Denker, nötig waren, einen Irrwahn zu beseitigen, der sich ohne diese Hilfe von außen in alter Kraft bis heute erhalten hätte_. Ist es doch eine Tatsache, daß Delrios Werk nicht minder als das von Institoris und Sprenger, das eine drei, das andere vier Jahrhunderte in Geltung sein konnten, in ungezählten Auf lagen neu gedruckt wurden -- Delrio erlebte deren zwanzig -- _ohne daß die »heilige apostolische, katholische und römische Kirche« auch nur ein Wort des Tadels gefunden hätte_.
IV. Kapitel
Der Kampf um die religiöse Dummheit
Es leuchtet ein, daß nur ein Volk, solange es auf recht primitiver kultureller Höhe steht, all den Blödsinn gläubig hinnimmt, den wir bisher kennen lernten. Gewiß wird das Beispiel der Theologen, in denen es die Intelligenz, die Männer verehrt, die die es in ihrer Hand haben, ewige Strafen oder ewigen Lohn zu verleihen, geraume Zeit alle Auflehnungsversuche des gesunden Menschenverstandes niederzuhalten wissen. Früher oder später wird aber zuerst bei einzelnen, dann bei breiteren Volksschichten der Augenblick eintreten, wo man die Ketten versuchen wird abzuschütteln.
Das war natürlich auch in unserer Geschichte der Fall. Wir meinen hier weniger die Reformation, die gewiß viel Gutes brachte, aber aus anderen Gründen entsprang und die schlimmsten Verstöße gegen den gesunden Menschenverstand zum guten Teile beließ. Wenn sie auch Dogmen und Priesterherrschaft verwarf, so richtete sie dafür doch desto höher das Regiment der Bibel auf. Da mag wohl die Frage erlaubt sein, ob es an sich als ein so großer Sieg der Vernunft zu begrüßen ist, wenn der Papst, der doch als höchste Glaubensinstanz die Möglichkeit hat -- ob er im guten Sinne von ihr Gebrauch machte, ist eine andere Frage -- die Glaubenslehren an die Zeitforderungen anzupassen, beseitigt wird, damit der kalte Buchstabe einer zwei Jahrtausende zurückliegenden Zeit unbeugsam herrscht.
Wir haben zunächst den Kampf der Vertreter des Fortschrittes gegen die überzeugten Verfechter der mittelalterlichen Anschauung im Auge und werden mit Staunen sehen, daß selbst Männer, die sonst verdienstlich wirkten und an deren Intelligenz kein Makel ist, für den kindischsten Aberglauben eintraten. Die suggestive Macht der altehrwürdigen Tradition, großer Namen, einer gewaltigen Organisation ist so ungeheuer, daß nur sie es begreiflich erscheinen läßt, wie der scharfe Verstand gelehrter Männer völlig stumpf wird in dieser Frage.
Als die fürchterliche Epidemie des Hexenwahnes, von Kirche und Papst gefördert und noch zu einer Zeit künstlich und mit den scheußlichsten Gewaltmitteln aufrecht erhalten, wo der Aberglaube, wie die im vorigen Kapitel angeführten Klagen darüber hinlänglich beweisen, im Volke längst im Schwinden begriffen war, ihren Höhepunkt erreicht hatte, ließ _Johann Weier_ im Jahre 1563 sein Buch »_De Praestigiis Daemonorum_« erscheinen.
Dieser gelehrte Arzt aus Kleve hatte den Mut des gesunden Menschenverstandes, den seltensten und verdienstlichsten, den es gibt. Wenn er auch noch den Glauben an Hexerei mit der Mehrzahl seiner Zeitgenossen teilte, so betonte er doch, daß viele der Opfer kirchlicher Verfolgung lediglich Wahnsinnige seien, also unschuldig hingerichtet würden. Ferner erklärte er, daß alle Hexen vom Teufel getäuscht würden, wenn sie behaupteten, durch die Luft zu fahren, mit ihm geschlechtlich zu verkehren usw. Der Teufel rede ihnen nur ein, daß sie das alles getan hätten. Damit trat ganz von selbst der Begriff der Besessenheit an Stelle der Hexerei. Wenn Weier nun weiterhin behauptete, daß der Teufel die Besessenen direkt und nicht durch Vermittlung einer Hexe plage, vielmehr aus Bosheit nur ein armes altes Weib in diesen scheußlichen Verdacht bringe, sowie, daß besonders Kranke und durch Gemütsleiden Geschwächte den Verführungen des Teufels zugänglich seien, und mit einem Appell an die Fürsten Europas schloß, dem Vergießen unschuldigen Blutes Einhalt zu tun, so ist ohne weiteres klar, daß sein Werk höchsten Lobes würdig ist. Mag er auch theoretisch noch auf irrigem Standpunkte stehen, so macht er doch praktisch der Menschlichkeit und Vernunft solche Konzessionen, daß die notwendige Folge des Buches eine bedeutende Abnahme, wo nicht ein Aufhören der Hexenprozesse sein mußte.
Wenn wir an dem Werke irgend etwas auszusetzen haben, so ist es die naive Anschauung vom Wirken des Teufels. Schließlich ist das nur eine dem Kausalitätsbedürfnis gemachte Konzession. Wir registrieren eben die Phänomene der Hysterie und Besessenheit, deren Ursachen wir oft nicht kennen, ohne sie auf den Teufel oder Dämonen zurückzuführen, verzichten dafür aber auf eine kausale Begründung.
Auf alle Fälle tut Weier einen energischen Schritt auf der Bahn der natürlichen Erklärung und der Humanität nach vorwärts und es wäre sehr zweifelhaft, ob er klüger gehandelt und der Sache mehr genützt hätte, wenn er Dämonen und Teufel negiert hätte. Wahrscheinlich hätte dann das Buch, weil von den Zeitgenossen noch nicht verstanden, gar keine weitere Wirkung ausgeübt, als die, den Autor auf den Scheiterhaufen zu bringen.
Nun lebte damals in Frankreich _Jean Bodin_ (c. 1530-1596), den seine Zeitgenossen für den bedeutendsten Mann seines Volkes hielten und der zweifellos ein ausgezeichneter Philosoph war. Sein Werk »De la république« (Paris 1577) legt dafür Zeugnis ab. Dieser kluge und tolerante Mann, der in seinem »Colloquium Heptaplomeres de rerum sublimium arcanis abditis« einen Standpunkt über den Religionen einnimmt und -- damals etwas Unerhörtes -- die Meinung äußert, daß jede ein Recht auf Anerkennung habe, wofern sie nicht gegen Staat, Sittlichkeit oder Gottesfurcht gerichtet sei, griff Weiers Buch heftig an! In seiner »_Démonomanie des sorcières_« beruft er sich auf die _Autoritäten_, die so einmütig und entscheidend über diesen Gegenstand seien, daß es keinem vernünftigen Menschen möglich wäre zu widerstehen. Er beruft sich ferner auf den Volksglauben aller Länder, aller Zeiten und aller Religionen, auf Aussprüche einer ungeheuren Anzahl von heidnischen Schriftstellern und Kirchenvätern, auf Gesetze gegen die Hexerei und auf Hunderte von Fällen, die französische und andere Gerichte untersucht hätten. War er doch selbst soundsooft als Richter Vorsitzender bei solchen Prozessen gewesen!
Er berichtet dann mit den kleinsten und umständlichsten Details und mit unerschütterlicher Zuversicht alle Vorgänge beim Hexensabbat, die von den Hexen zur Luftfahrt angewandten Methoden, ihre Verwandlungen, ihren fleischlichen Verkehr mit dem Teufel, ihre verschiedenen Mittel, den Feinden zu schaden, die Zeichen, die zu ihrer Entdeckung führen, ihre Geständnisse nach der Verurteilung und ihr Benehmen auf dem Scheiterhaufen.
Was nun Weiers Buch betrifft, so kann Bodin kaum Worte finden, um sein Erstaunen und Mißfallen darüber auszudrücken, _daß ein unbedeutender Doktor es gewagt haben sollte, sich der Autorität aller Zeitalter zu widersetzen_. Daß dieser Mann ein solch unbegrenztes Vertrauen auf seine eigenen Ansichten und eine so übermäßige Mißachtung für die weisesten Menschen gehabt haben sollte, um mit skeptischem Geist die Wirklichkeit einer der bekanntesten vorhandenen Tatsachen zu tadeln und zu bekritteln, das wäre in der Tat das Übermaß menschlicher Anmaßung, der _Höhepunkt menschlicher Beschränktheit_. Aber die _Gottlosigkeit_ sei noch größer, wie diese Vermessenheit, Weier hätte »sich gegen Gott gerüstet«, sein Buch sei ein Gewebe »schrecklicher Gotteslästerungen«. »Keiner, der noch so wenig von der Ehre Gottes berührt ist, könnte ohne gerechten Zorn derartige Lästerungen lesen.«
Weier hätte es nicht nur gewagt die Urteile so vieler gewissenhafter Richter anzufechten, er hätte es versucht, jene, die die Heilige Schrift und die Stimme der Kirche als die schlimmsten Verbrecher brandmarkte, zu retten. Er hätte sich's sogar herausgenommen, die Zaubersprüche und Beschwörungsformeln, die er von einem berüchtigten Zauberer erlernt hatte, der Welt kundzumachen.
Mit diesem berüchtigten Zauberer meint Bodin den _Cornelius Agrippa_, Lehrer Weiers, der sich durch seine Bemühungen die Verfolgungen wegen Hexerei zu verhindern, sowie dadurch, daß er das Leben einer Bäuerin, die der Inquisitor Savon verbrennen wollte, rettete, ausgezeichnet hatte. Daher glaubte man allgemein, er sei mit dem Teufel im Bunde. Wegen Magie, die er mit dem Resultate studiert hatte, daß sie _entweder auf Betrug oder einer höheren Kenntnis der Naturgesetze_ beruhe, war er ein Jahr eingesperrt gewesen. Agrippa hatte also dafür gebüßt, daß er in diesen Fragen seiner Zeit um Jahrhunderte voraus war.
Doch kehren wir zu Bodins Entrüstung über Weier zurück!
Wer könnte -- meinte er -- nach solchen furchtbaren Enthüllungen, wie sie Weiers Buch enthalte, _ohne Bestürzung an die Zukunft der Christenheit glauben_? Wer könnte in Frage stellen, daß die derartig verbreitete Wissenschaft die Zahl der Hexen ungeheuer vermehre, die Gewalt des Satans unendlich steigere und den Unschuldigen zahllose Leiden bringen werde? Niemand könnte nun mit mehr Recht ob seiner Gesinnung beargwöhnt werden, wie Weier, der ein so gottloses Buch geschrieben habe und eine solche Vertrautheit mit den Geheimnissen eines so gottlosen Gewerbes gezeigt habe.
Denen zu verzeihen, die Gottes Gesetz zum Tode verdamme, läge außerhalb der Kompetenzen der Fürsten. Wer sich solcher Handlungen schuldig mache, hätte die Majestät des Himmels beleidigt. So sei der frühe Tod Karls IX. von Frankreich darauf zurückzuführen, daß er das Leben des berüchtigten Zauberers Trois-Echelles geschont habe unter der Bedingung, daß er seine Mitschuldigen nenne. »Denn das Wort Gottes lautet sehr bestimmt, daß derjenige, der einen des Todes Schuldigen entrinnen läßt, die Strafe auf sich selbst zieht, wie der Prophet zum König Ahab sagte, er müsse sterben, weil er einem Manne verziehen, der des Todes schuldig war. Denn niemand hätte jemals gehört, daß Zauberern Gnade widerfahren wäre[1].«
Wie kam nun einer der gebildetsten Geister Europas gegen Ende des 16. Jahrhunderts -- die »Démonomanie des Sorciers« erschien 1581 -- dazu einen Irrwahn, den sämtliche Zeitgenossen, wenigstens so weit sie sich literarisch zu äußern wagten, teilten, noch durch das Gewicht seines Namens zu stützen?
Da ist zunächst zu berücksichtigen, daß die Kirche, wie wir sehen, eine bis in alle Einzelheiten ausgebaute Lehre von Hexerei und Zauberei besaß. Doch das allein genügt nicht. Bodin hatte als Richter ja selbst die Geständnisse der Angeschuldigten gehört. Der Irrtum, daß die Tortur die Wahrheit enthülle, statt der richtigen Ansicht, daß ihre Qualen fast jeden zu jeder gewollten Aussage bewogen, spielt weiter eine große Rolle. Dazu kommt, daß _viele der sogenannten Hexen selbst fest davon überzeugt waren, daß sie der inkriminierten Handlungen sich schuldig gemacht hatten_, weil der von der Kirche, wo nicht erzeugte, so doch sicherlich gepflegte Wahn allen ins Blut übergegangen war. Und endlich -- und das ist die letzte Wurzel -- weil die Autorität der Kirche immer noch unumstößlich feststand, selbst bei einem Manne, wie Bodin, der wegen seiner Toleranz gegen die Protestanten fast ein Opfer der Bartholomäusnacht geworden wäre.
Die Dummheit Bodins bestand im wesentlichen eben in seinem _Autoritätsglauben_. Autoritätsglauben in Fragen der Wissenschaft ist eine der verhängnisvollsten, den Fortschritt am meisten hemmenden Dummheiten.
Die Hexenverfolgungen nahmen in Frankreich unter dem Einflusse _Voltaires_ und seines Spottes immer mehr ab, um schließlich ganz aufzuhören, nachdem noch im Jahre 1718 das Parlament von Bordeaux einen Mann als Zauberer verbrennen ließ. Daß trotzdem die Geister- und Teufelsbannformeln in der römisch-katholischen Kirche bis auf den heutigen Tag im Rituale blieben und das ganze 18. Jahrhundert hindurch angewandt wurden, ist allerdings richtig, ebenso, daß mancherlei Versuche von geistlicher Seite, die alte Praxis wieder einzuführen, gemacht wurden.
Als diese erfolglos blieben, da gab zu Anfang des 19. Jahrhunderts der _Abbé Fiard_ ein diese beklagenswerte Tatsache erklärendes Werk heraus. Er wies darin nach, daß die _Philosophen_ und die Revolutionäre des 18. Jahrhunderts die _Repräsentanten der alten Zauberer wären_, daß sie unter der unmittelbaren Eingebung des Satans handelten und daß ihr Erfolg ganz und gar der Satansgewalt zuzuschreiben sei. In gläubigen Kreisen hatte man sich nämlich gar nicht daran gewöhnen können, daß der Satan, der bisher eine solche Rolle gespielt hatte, daß man seine höllischen Komplizen, die Hexen und Zauberer, mit Feuer und Schwert, durch Kirchen- und Staatsgewalt kaum hatte unterdrücken können, so plötzlich seine Gewalt hätte verloren haben sollen.
Fiard bewies seine immerhin nicht alltägliche These durch den Hinweis, daß viele große und erschreckende Wunder die philosophische Bewegung begleitet und daß diese Wunder noch jetzt nicht aufgehört hätten. Die Kuren Mesmers so gut wie die Prophezeiungen Cagliostros müßten der übernatürlichen Wirksamkeit zugeschrieben werden. Das schrecklichste aber von allen Zeichen der teuflischen Gegenwart sei das immer mehr zunehmende Vorkommen der _Bauchrednerei_! Gottlob sind wir über diesen Gegenstand nicht auf unsere eigenen Vermutungen angewiesen, da ja einige der gelehrtesten Geistlichen des 14. Jahrhunderts feierlich erklärt hätten, daß der Mensch angewiesen sei mit dem Munde zu sprechen und daß, so oft er in irgendeiner anderen Weise spräche, er es mit Hilfe des Teufels täte[2].
Im protestantischen England stand es um diesen Wahnwitz nicht viel besser, als bei uns oder in Frankreich.
Während unter _Heinrich VIII._ von England nur sehr wenige Hinrichtungen von Hexen und Zauberern stattgefunden hatten und das Hexengesetz unter seinem Nachfolger überhaupt aufgehoben wurde, führte die »jungfräuliche Königin« _Elisabeth_ es wieder ein und zwar schon bei ihrer Thronbesteigung. Als der Bischof _Jewel_ vor der Königin predigte und auf die Vermehrung der Hexen zu sprechen kam, drückte er die Hoffnung aus, daß die Strafen noch mehr verschärft würden, wiewohl Elisabeth neue Gesetze, die mit Strenge vollzogen wurden, gemacht hatte.
Der Streiter Gottes sagte zur Königin: »Mögen Eure Gnaden geruhen, sich von der wunderbaren Vermehrung zu überzeugen, die Zauberer und Hexen in den letzten Jahren in Ihrem Königreiche genommen haben. Euer Gnaden Untertanen schwinden dahin bis zum Tode, ihre Farbe verbleicht, ihr Fleisch modert, ihre Sprache wird dumpf, ihr Sinn betäubt. Ich bitte Gott, daß die Zauberer ihre Kraft niemals weiter anwenden mögen, als an den Untertanen.«
Trotz dieser Scharfmacherei blieben die Gesetze weit milder, als auf dem Festlande, da die Hexen, denen man nicht nachweisen konnte jemandem durch ihre Zauberformeln geschadet zu haben, beim erstenmal nur mit Pranger oder Gefängnis bestraft wurden, während die zum Tode verurteilten am Galgen und nicht auf dem Scheiterhaufen sterben mußten. Ferner wurde gegen sie keine Tortur angewandt, sondern nur die Nadelprobe, bei der die Opfer über den ganzen Körper gestochen wurden, um das unempfindliche Mal (stigma diabolicum) zu finden -- daß es sich hier um hysterische Anästhesie handelt, liegt auf der Hand! -- oder man unterzog sie dem Hexenbad. Hier galt das Schwimmen auf dem Wasser als Zeichen von Schuld, da das reine Element eine Hexe nicht aufnahm, Untersinken aber war ein Beweis für die Unschuld. Endlich störte man mehrere Nächte hindurch den Schlaf der Angeklagten, um so ein Geständnis zu erpressen, ein heute noch in Amerika bei Strafverhören als »dritter Grad« übliches Verfahren, das allerdings wenig humaner ist, als die Folter.
Gegen diese grausamen oder einfältigen Methoden schrieb im Jahre 1584 ein Laie (natürlich!) namens _Reginald Scott_ seine »_Enthüllungen der Hexerei_« (Discovery of Witchcraft) und bewies mit größter Geschicklichkeit die Grausamkeit und Torheit der Verfolgung und die Einfältigkeit des ganzen Hexenwahns. Wiewohl dieser Angriff der denkbar geschickteste war, im volkstümlichen Stile geschrieben, jeden Denkenden überzeugen mußte, verfehlte er seine Wirkung. Das wird den Kenner der menschlichen Dummheit in keiner Weise verwundern, denn was will Logik, gesunder Menschenverstand, Gelehrsamkeit oder gar Humanität ausrichten, wenn es sich um Dummheiten handelt, die die Religion als Mutter verehren!
_Jakob_ I., weit entfernt sich überzeugen zu lassen, verfolgte nur desto heftiger, war er doch überzeugt, daß die stürmische Seefahrt bei seiner Rückkehr von Dänemark, ein Werk der Hexen gewesen sei, und daß der Teufel ihn für seinen fürchterlichsten Gegner ansehe. Er ließ hinfort die Hexen schon bei der ersten Übertretung töten, selbst wenn sie ihren Nächsten keinen Schaden zugefügt hätten. Dieses Gesetz trat in Kraft, als _Coke_ Kronanwalt und _Bacon_ Parlamentsmitglied war und zwölf Bischöfe in der Kommission saßen, der es überwiesen war. Die Verfolgungen wurden heftiger, zugleich drang der Aberglaube tiefer in die Literatur und in das Volk ein. Denn die Dummheiten, die oben gemacht werden, verbinden mit dem Zauber, der jeder Dummheit schon von Natur eigen ist, noch den Nymbus der Majestät.
Damals konnte _Sir Thomas Browne_ erklären, daß diejenigen, die das Vorhandensein der Hexerei leugneten, nicht bloß Ungläubige, sondern mittelbar auch _Gottesleugner_ wären. Übrigens glaubte er selbst weder an Incubi, noch an Lykanthropie.
_Bacon_ konnte in einem seiner wichtigsten Werke als die drei »Abweichungen von der Religion« _Ketzerei, Abgötterei und Hexerei bezeichnen_. Daß _Shakespeare_ an die Wirklichkeit der Hexerei glaubte, beweisen seine Hexen im Macbeth nicht minder, wie das entstellte Bild, das er von der Jungfrau von Orleans zeichnet.
So wirkte in einem protestantischen Lande -- das ist zu beachten! -- die obrigkeitliche Dummheit Tod und Verderben bringend fort! Aber es wurde noch schlimmer[3].
Die _Puritaner_, die mit _Cromwell_ die Gewalt erlangten, waren geneigt in allem, was ihnen nicht paßte, satanischen Einfluß zu erblicken. Als Unruhen in der Grafschaft Suffolk entstanden, erklärte der berüchtigte Hexenfinder _Matthew Hopkins_ sie von Hexen verpestet. Eine Kommission, begleitet von zwei vom Parlament ausgewählten ausgezeichneten presbyterianischen Geistlichen, leitete dort die Untersuchung, und in einem Jahre mußten in der einen Grafschaft 60 Personen als Zauberer für die Dummheit ihrer Zeitgenossen am Galgen büßen. Während der wenigen Jahre der Republik wurden mehr Personen wegen Hexerei und Zauberei zu Tode befördert, als in der ganzen Periode vor und nachher.
Doch von langer Dauer war der Wahn in dem so nüchternen und klugen England nicht und sein letztes Stündlein hätte noch eher geschlagen, würde er nicht in der Person des _Joseph Glanvil_ einen eifrigen Verteidiger gefunden haben. Dieser zu seiner Zeit berühmte Geistliche, in dessen Händen siebzehn Jahre lang die Verteidigung des sterbenden Glaubens gelegen hatte, ein relativ aufgeklärter und sogar skeptischer Kopf, Freund der induktiven Methode, die in erster Linie dazu berufen war, der mittelalterlichen Spekulation den Todesstoß zu versetzen, sollte zum Hexenanwalt werden.
In seinem »_Sadducismus Triumphatus_« schrieb _Glanvil_ eines der geschicktesten Bücher, die je zur _Verteidigung_ des Aberglaubens verfaßt worden sind. Zunächst klagt er über den raschen Fortschritt des Skeptizismus in England, in dessen Folge es in den oberen Klassen Mode geworden sei, nicht mehr an Hexerei zu glauben. Wir machen hier wieder die interessante Beobachtung, daß, wie einst die katholische Kirche im 16. Jahrhundert über das rasche Schwinden des Hexenglaubens im Volke klagte und deshalb mit Gewalt die entweichende Dummheit festhalten wollte, so im protestantischen England ebenfalls die Geistlichkeit in sich den Beruf fühlte, sich gegen die Aufklärung des Volkes zu stemmen. Übrigens ist sie sich in diesem Punkte, dem Festhalten an alter Torheit, bis zur Stunde treu geblieben, wenn auch Verteidiger des Inkubus sich in der Regel nicht mehr ins dichteste Gewühl wagen.