Part 1
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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Textes verschoben.
Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~ und =fettgedruckte= so.
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Röschen, Jaköble und andere kleine Leute
Ein Geschichtenbuch für Kinder und Kinderfreunde
von
Anna Schieber
Mit Bildern von Amalie Bauerle
9.-16. Tausend
1923 Verlag von D. Gundert in Stuttgart
Druck: Christliches Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart
Inhaltsverzeichnis.
Seite
1. Was das Röschen zu verschenken hatte 3
2. Die Geschichte vom dummen Frieder 11
3. Wer die Mutter am liebsten hatte 17
4. Vom Jaköble, der nicht »Ja« sagen konnte 22
5. Kätterles Christbaum 34
6. Die Gottswillenkinder 43
7. Zweierlei Reichtum 85
8. Gretels Ferientage 115
9. Wie Heini den Rückweg fand 123
10. Ein Ersatz 140
11. Eine Reise in die Welt 158
12. Die Botenflori 173
13. Augenblicklich 184
14. Angelika 191
15. In die Sonne 205
16. Aus dürrem Erdreich 221
1. Was das Röschen zu verschenken hatte.
Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines Häuschen. Es sah ein bißchen wackelig aus, es lehnte nur so an einer Mauer, auf der Gras und allerlei Unkraut wuchs. Dem Röschen machte das aber keinen Kummer, das lebte ganz vergnügt und zufrieden in den Tag hinein und besann sich gar nicht, ob es am Ende Kinder gebe, die besseres Essen und schönere Kleider haben und ein schöneres Haus, um darin zu wohnen. Das Röschen war das einzige Kind im Hause. Der Vater saß den ganzen Tag auf seinem Stühlchen und flickte Schuhe und Stiefel, wenn er welche hatte, und die Mutter kochte und wusch und besorgte die Geiß und das Äckerlein. Und alle beide, der Vater und die Mutter, jammerten oft, daß sie so arm seien und das Häuschen so schlecht, und wenn das Röschen sang und sprang und immer lustig war, schüttelten beide den Kopf und sagten: »Das wird's schon noch anders lernen!«
Eines Morgens war das Röschen früh aufgestanden und hatte sich schnell fertig gemacht. Das war allerdings bald geschehen gewesen, denn es hatte nur ein einziges Röcklein anzuziehen und die Füßchen blieben bloß. Jetzt im Sommer, wo es warm war, gingen viele Kinder barfuß.
Jetzt stand das Röschen unter der Haustür und besann sich, ob es lieber zuerst in den Stall wolle und nach der Geiß sehen oder lieber gleich auf ein Schemelchen steigen und der Mutter ein wenig am Waschzuber helfen. Das war beides sehr vergnüglich. Dann entschloß es sich, ganz zuerst sein Stück Brot zu essen, das es in der Hand hielt, denn es hatte seine Milch nur leer ausgetrunken.
Da schlürfte ein alter Mann an das Häuschen heran, der steckte in einem ganz zerrissenen Kittel und zu den Schuhen guckten die Zehen heraus. »Guten Morgen, Kind,« sagte er, »ist die Mutter daheim? So geh und frag sie einmal, ob sie einem armen Mann ein bißchen was zu essen habe. Ich komme schon weit her heute und habe noch nichts gehabt.«
»Hab' nichts zu verschenken, hab' gar nichts zu verschenken,« rief die Mutter aus dem Häuschen. »Ich wär' selber froh, wenn mir einer etwas schenkte. Jawohl, die Mauer will einfallen und der Gartenzaun ist kaput und alle Hemden haben Löcher und nirgends ist ein Geld zu neuen. Gibt reiche Leut' genug, geht zu denen; wir sind selber arm.« Der alte Mann wollte traurig weitergehen, da legte ihm Röschen schnell sein Brot in die Hand und sprang ins Häuschen zurück, eh' er sich noch bedanken konnte.
Die Mutter hatte es aber gerade noch gemerkt und zankte nun auch mit dem Röschen.
»Du darfst kein Brot verschenken,« sagte sie, »ich hab' kein Geld zu so viel Brot! Sei froh, wenn du selber hast.«
Das Röschen war ein wenig rot geworden. »Ich habe keinen so argen Hunger,« sagte es, »es ist gleich, wenn ich jetzt kein Brot bekomme.«
»Ja, dann bist du am Mittagessen um so ausgehungerter,« sagte nun auch der Vater. »Also du merkst dir's, du hast dein Brot nicht zum Verschenken, sondern zum Selberessen!«
Zuerst war das Kind ein wenig betrübt, denn es hatte nicht unartig sein wollen, der arme Mann hatte ihm so leid getan, und es mochte überhaupt so gern etwas verschenken. So gern!
Aber dann vergaß es seinen Kummer wieder. Draußen auf der Straße wackelte der kleine dicke Philipp daher, Röschens ganz guter Kamerad und Schützling, das Büblein des reichen Schafbauern. Der Philipp lachte über sein ganzes rundes Gesicht, als er sein Röschen sah. Er strebte, wo er nur konnte, zu ihm hin, denn das Röschen konnte so nett mit ihm spielen und sogar Geschichten erzählen. »Vom Wolf und den sieben Geißlein« und »vom Hänsel und Gretel« und noch anderes.
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Die Mutter zankte zwar manchmal. »Sollen sich selber eine Kindsmagd halten, so reiche Leut,« sagte sie, wenn der Philipp angewackelt kam: »Rösle, 'schicht zählen!«
Aber dann freute sie sich allemal doch auch wieder, wenn die Kinder so einträchtig zusammenhausten und das Röschen so recht wie ein Mütterlein für den Kleinen sorgte. Heute kam der Philipp in einem besondern Aufzug. An einem Fuß hatte er einen flammroten Strumpf und sonst nichts, der andere steckte in einem mächtig großen Pantoffel, der offenbar seiner Mutter gehörte. Den zweiten Strumpf trug er in der Hand und dann noch etwas Glitzerndes. Als Röschen näher hinsah, war es eine silberne Taschenuhr, die der kleine Schelm jedenfalls heimlich mitgeschleppt hatte. »Tiktak machen,« sagte er ganz fröhlich. Daß der Philipp von daheim durchgegangen sei, sah Röschen wohl, und daß man ihn sogleich wieder heimbefördern mußte, wußte sie auch. Aber der kleine Ausreißer war nicht gesonnen, sich heimführen zu lassen. Und die Uhr, die das verständige Röschen gerne tragen wollte, mochte er auch nicht aus den Händen lassen. Und doch mußte es sein!
Röschen wußte aber einen Rat. Entschlossen griff sie in ihre Tasche und holte da ein Bildchen heraus, schön farbig, mit Schäfchen auf der Weide und Kindern mit Blumenkränzen auf dem Kopf dabei. »Da, Philipple, komm, gib mir das Tiktak, so kriegst du das Bildchen dafür. Aber dann mußt du ganz brav mit heimgehen.«
Das wirkte Wunder. Das widerspenstige Geschrei hörte auf, und die beiden trotteten Hand in Hand des Schafbauern Haus zu.
Es hatte dem Röschen zuerst ein wenig leid getan, das Bildchen in die Hand des kleinen Buben zu stecken. Es war in einem Zichorienpäckchen gewesen und Röschen hatte es eigentlich morgen der Mutter schenken wollen. Denn da war der Geburtstag der Mutter, und diese hatte erst noch neulich, als man im Pfarrhaus den Geburtstag der Frau Pfarrerin gefeiert hatte, gesagt: »Jetzt so ein Lebtag, wie ~das~ ist in ~dem~ Haus! Jawohl, mein Geburtstag ist auch bald und mir schenkt niemand nichts!« Seither hatte Röschen das Bildchen als Schatz gehütet und oft gedacht: »Ja, ja, du wirst dann schon sehen, daß dir auch jemand was schenkt, Mutter!«
Aber das Röschen konnte nichts dafür! Wenn es etwas zu verschenken hatte, so kribbelte ihm das so lange in der Tasche und in den Händen, bis es richtig draußen war. Dann war es wieder so vergnügt wie der Hans im Glück. Und jetzt hatte sie doch das Büblein beruhigen müssen.
Die Schafbäuerin stand schon unter der Haustür und schaute nach ihrem Kleinen aus, als die zwei ankamen.
Sie hatte schon das ganze Haus nach dem Philipp ausgesucht und war jetzt nur froh, daß er wieder da war. Eben kam auch der Bauer unter die Tür. »Wo kann nur auch meine Uhr sein?« fragte er. »Ich suche sie schon allenthalben.« Da streckte das Röschen die Uhr hin, die sie sorglich im Schürzchen getragen hatte, und erzählte den Hergang. »Du bist brav, Rösle,« lobte der Bauer, »so ist's recht. Komm aber, komm, du mußt auch ein paar schöne Äpfel haben, weil du so gut aufgepaßt hast.« Und das Röschen ließ sich vergnügt sein Schürzchen füllen mit so schönen rot und gelben Äpfeln, wie es noch gar nie gehabt hatte. Dann zog es schnell wieder ab, denn es war ein neuer Gedanke in ihm aufgestiegen.
Die Äpfel konnte man heute gut verstecken und am Morgen der Mutter auf einen Teller legen. Das war noch ganz anders als ein Bildchen! Und dann sollte sie ~noch~ einmal sagen: »Mir schenkt niemand nichts!«
Aber unterwegs begegneten dem Röschen zwei kleine Geschwister; die weinten so herzbrechend, daß es das Röschen ganz erbarmte. »Drum ist der Jaköble hingefallen und hat sich die Hosen so zerrissen, daß man sie vielleicht nicht mehr flicken kann,« sagte das Schwesterlein, »und jetzt kriegen wir vielleicht alle beide Schläge.« Und dann weinten sie wieder zur Gesellschaft alle zwei weiter. Das war schlimm, das sah das Röschen auch ein. Aber dann fiel ihm auf einmal ein, daß es eine schöne Stecknadel mit einem blauen Glasknopf an seinem Tuch stecken hatte. Die hatte es gestern gefunden. Sie war zwar ein bißchen rostig, aber man konnte doch gut den allergrößten Lappen damit hinaufstecken, man sah es gar nicht mehr so arg. So lang hatte das kleine Mädchen das Schürzchen halten müssen, daß die Äpfel nicht herausfielen; jetzt sah das Röschen wohl, wie verlangend alle zwei nach den schönen Äpfeln sahen. »Da, so habt ihr jedes einen,« sagte es schnell, damit es sich nicht noch anders besinne, und gab zwei der schönen Äpfel hin. »Es sind immer noch viel,« tröstete es sich. »Am Ende hätten nicht einmal alle auf einem Teller Platz gehabt.«
Und vergnügt kam es an seinem Häuschen an, ging aber nicht vornen zur Haustür hinein, sondern schlüpfte durch ein Loch in dem Zaun, um die Äpfel hinten an der Mauer zu verstecken. Auf einmal hörte es ein Geräusch hinter sich. Da stand ein fremder Herr mit einer Brille und einem Rucksack, der hatte ganz merkwürdige Blumen in der Hand. »Keine schönen,« dachte das Röschen, »und überall sind noch die Wurzeln dran und noch Erde.« Der Herr sagte ganz freundlich »guten Tag« zu Röschen und fragte dann gleich: »Hör, Kleine, da droben auf der Mauer wächst eine Pflanze, sieh die mit den haarigen Blättern und der kleinen gelben Blüte! Die muß ich haben, die fehlt mir in meiner Sammlung, kann ich mir sie holen?« Das Röschen war ganz erstaunt, daß der Herr die Blume wollte, die doch gar nicht schön aussah, und es sagte ganz bereitwillig: »Du kannst auch eine schönere haben, vornen am Haus sind auch Astern, blaue und rote.«
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»Astern brauche ich nicht,« sagte der Herr, »gerade die möchte ich haben, willst du mir sie geben?«
»Ja freilich,« lachte Röschen; »Blumen darf ich schon herschenken, da zankt die Mutter nicht, nur Brot nicht und nichts, was man um Geld kaufen muß, weil man keins hat.« Und damit stieg sie auch schon an der verwitterten Mauer in die Höhe; man konnte das gut, es stand da und dort ein Stein weit hervor. »Nicht abreißen, hörst du?« rief ihr der Herr nach. »Mit der Wurzel ausziehen, ganz sachte, so!« Triumphierend brachte das Röschen die ganze Pflanze in der Hand daher, ihr Gesicht strahlte. »Was freut dich denn so, Kleine?« sagte der Herr wohlgefällig; es gefiel ihm, daß das Röschen so bereitwillig war. »Alles freut mich,« erklärte Röschen. »Daß ich morgen der Mutter die Äpfel geben kann und daß es doch noch einen für das Jaköble und seine Schwester gelangt hat, und daß dem Philipp mein schönes Bildle so gefallen hat und dir die Blume -- und alles!« Röschen mußte einen tiefen Atemzug tun, denn es hatte sehr viel auf einmal gesagt und das war es nicht gewohnt. In dem Gesicht des fremden Herrn hatte es ein paarmal gezuckt, so, als ob er das Lachen verbeißen müßte. Aber dann wurde er wieder ganz ernsthaft, denn es fiel ihm ein, daß daheim seine Buben und Mädchen viel schönere und bessere Sachen hatten als das Röschen, und daß es ihnen nicht einfiel, sich zu besinnen, wem sie eine Freude damit machen könnten.
So legte er jetzt ganz väterlich seine Hand auf den Kopf des kleinen Mädchens und sagte: »So ist's recht, Röschen, so ist's recht! Aber weißt du, mich freut's auch, wenn ich etwas herschenken kann. Sieh, das nagelneue Fünfzigpfennigstück, das schenke ich dir, da kannst du dir selber etwas drum kaufen, das dir Freude macht!«
Das Röschen war ganz rot geworden vor Freude. »Was ich nur will und muß niemand fragen?« sagte es und streckte die Hand aus nach dem Schatz. »Ja,« sagte der Herr, »aber lieber keine Bonbons, das gibt schwarze Zähne.«
Das Röschen war aber noch keinen Augenblick gesonnen gewesen, sich Bonbons zu kaufen. Es sah ganz verwundert auf, daß man an so etwas denken konnte. Dann konnte es aber nicht mehr länger stehen bleiben, denn es hatte einen Gedanken auszuführen, den das Geldstück in ihm hervorgerufen hatte. So sagte es nur noch: »Vergelt's Gott und Ade!« zu dem Herrn und lief dann davon, schnell, schnell die Dorfgasse hinauf.
Das war am andern Morgen ein Verwundern in dem Häuschen! Die Mutter war aufgestanden und zuerst in den Stall gegangen wie gewöhnlich. Aber als sie wieder in die Stube kam, lag auf dem Tisch eine riesige Brezel, von einem Kranz von Äpfeln umgeben. Und von der Hängeampel herunter baumelte, an einem roten Schnürchen angebunden, eine Wurst! Und das Röschen stand daneben und lachte wie ein Kobold. »Das ist dein Geburtstag, Mutter,« rief es und klatschte in die Hände. »Jetzt hast du's auch wie die Frau Pfarrer, jetzt ist ~auch~ ein Lebtag bei uns.« Die Mutter mußte sich setzen, so sehr hatte sie die Bescherung angegriffen. Und der Vater kam mit der Schuhbürste in der Hand heran und hätte gern die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wenn er sie frei gehabt hätte. »Ja, woher denn und wieso das alles?« wollten aber beide Eltern jetzt wissen. »Uns schenkt doch niemand nichts!«
Aber das Röschen wußte es besser. Und wir wissen's auch. Denn wer etwas zu verschenken hat, bekommt allemal wieder etwas und wenn's nur ein fröhliches Herz ist.
2. Die Geschichte vom dummen Frieder.
Es war einmal ein Büblein, das saß auf einem Mäuerchen ganz nahe bei dem großen Spielplatz, wo die Kinder des Dorfes Ringelreihe spielten und »Fuchs, du hast die Gans gestohlen« und noch vieles andere. Es sah immerfort zu den lustigen Kameraden hinüber, denn es hätte gar zu gern auch mitgetan. Aber das durfte es nicht. Denn die andern Kinder sagten es ihm alle Tage und seine eigenen Brüder sagten es auch, daß es zu dumm dazu sei. Ja, sie hießen das Büblein nur den dummen Frieder. Die Brüder und die Nachbarsbuben und alle Kinder, die der Frieder kannte, gingen in die Schule, lernten lesen und schreiben und auch singen. Und das hätte der Frieder auch sehr gern getan, aber dazu war er auch zu dumm. Er konnte die Buchstaben nicht verstehen und konnte nicht behalten, daß zweimal zwei vier ist. Der Herr Lehrer wollte den Frieder nicht in der Schule haben, und so blieb er denn zu Hause. Oder vielmehr, er zog alle Tage, an denen es nicht regnete, mit dem Kinderwägelchen hinaus an das Mäuerchen unter der großen Linde. In dem Wägelchen saßen die beiden kleinen Geschwister, die der Frieder zu hüten hatte. Denn das konnte er am besten, und die Base, die für ihn und die Geschwister sorgte, sagte immer, das sei das einzige, wozu er zu gebrauchen sei. Der Vater ging immer schon am frühen Morgen auf Arbeit aus und eine Mutter hatten die Kinder nicht mehr. Sie war gestorben, als das allerkleinste noch im Tragkissen lag, und seither gab es keinen Menschen mehr, der den dummen Frieder lieb gehabt hätte. Er konnte nichts recht behalten, er vergaß sehr oft, was man zu ihm sagte; aber daran dachte er doch noch oft, wie ihm die Mutter allemal mit der Hand über den Kopf gefahren war und gesagt hatte: »Sei du nur brav und folgsam, Friederle, dann habe ich dich gerade so lieb wie die andern! Und der liebe Gott auch!«
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So sagte jetzt niemand mehr. Der Vater sagte nur manchmal: »Wenn ich nur wüßte, was man aus dem Buben machen soll, er ist zu allem zu dumm!« Und die Brüder schoben ihn dahin und dorthin und ließen ihn nicht mitspielen und nicht mitarbeiten, wenn sie Futter schnitten für die Kuh oder Gras holten an den Rainen für die Geiß und für ihre braunen Hasen.
Nur der ganz kleine Hannes, der noch nicht recht allein gehen konnte, hing sich immer an ihn und wollte getragen sein. Und das allerkleinste Annele, das noch nichts sagen konnte als »adda«, zappelte aus Leibeskräften, wenn es den Frieder sah, und rief so lange sein einziges Wort, bis er seine Kappe nahm und mit ihm hinausfuhr, immer an das gleiche Plätzchen. Dort saß er dann und trug den Kleinen Steinchen zusammen zum Spielen und grüne Blätter. Sie konnten sich allein vergnügen, denn der Frieder sprach nicht viel mit ihnen. Er sah nur immerfort auf das Wägelchen, und wenn der Hannes nicht mehr darin sitzen wollte, nahm er ihn heraus und auf den Arm.
Man konnte von hier aus hören, wenn die Kinder in der Schule sangen. Das war dem dummen Frieder die größte Freude. Dann machte er den Kleinen mit dem Finger ein Zeichen, daß sie still sein sollten, und alle drei horchten mäuschenstill, bis der Gesang zu Ende war.
Weil aber nun die andern Dorfkinder wußten, daß der Frieder das Kinderhüten verstehe und sonst nichts, so dachten sie, es sei dann gleich, ob er noch ein paar mehr zu hüten habe oder nicht. Und weil sie selber gern spielen wollten, so stellten sie nur eins ums andere von ihren Kinderwägelchen samt den Kleinen darin unter die Linde: »Da, Frieder, paß auf mein Rösle auf, aber laß es nicht 'rausfallen!« »Frieder, guck auch nach meinem Georg, daß ihm niemand nichts tut.«
Und der Frieder lachte noch ganz vergnügt dazu. Dazu war er doch nicht zu dumm! Und dann trug er seine glatten Kieselsteinchen der Reihe nach zu allen Kleinen, und wenn eins aufstehen wollte oder auf dem Boden nach den Brennesseln zurutschte, dann hob er den Zeigfinger auf und sagte: »Bscht! Mußt auch brav sein und folgsam! Dann mag ich dich auch so wie die andern und der liebe Gott auch!« Ich weiß nicht, ob das die Kleinen recht verstanden haben, aber gefolgt haben sie dem Frieder besser, als ihren klugen Brüdern und Schwestern.
An einem schönen Abend saß der Frieder auch an seinem Plätzchen und hatte eine ganze Reihe von Wägelchen um sich her, und auf dem Boden und an dem Mäuerchen umher spielten und krabbelten lauter kleine Buben und Mädchen. Die großen spielten: »Als ich einst reiste aus dem Savoyerland,« und Frieder konnte sich nicht satt hören und sehen. Auf einmal hörte er ein lautes Wagengerassel und als er hinsah, kam den Berg herunter ein Fuhrwerk ohne Fuhrmann. Die Pferde rasten, wie wenn sie wild geworden wären, und der Fuhrmann kam erst weit hintendrein. Und als der Frieder noch näher hinsah, merkte er erst, daß ein kleines Büblein mitten im Weg saß und mit Steinen spielte. Sein Kindsmägdlein aber sang mit den andern und hörte und sah nichts davon. Was sollte der dumme Frieder machen? Er fürchtete sich vor Pferden und doch wußte er wohl, daß der kleine Adam überfahren werde, wenn er ihn nicht weghole.
Und es fiel ihm auch noch ein, daß die Mutter immer gesagt hatte: »Wenn der Frieder dabei ist, passiert den Kleinen nichts. Der läßt keinem etwas geschehen.«
Jetzt lachte er vergnügt in der Erinnerung. Nein, er ließ keinem etwas geschehen. Viel schneller, als schon jemand den dummen Frieder hatte laufen sehen, war er auf der Straße, gerade vor den wilden Pferden, und riß den kleinen Adam in die Höhe und auf die Seite. Aber ~so~ schnell konnte er's doch nicht tun, daß nicht der eine Schimmel noch Zeit gehabt hätte, ihn mit dem Fuß zu schlagen! Das tat einen Augenblick sehr weh, aber dann spürte er gar nichts mehr. -- Als der Frieder wieder aufwachte, lag er in seinem Bett. Dahin hatte man ihn getragen, weil er gar nichts mehr von sich gewußt hatte und wie tot dagelegen war, als ihn das Pferd gestoßen hatte. Es fiel ihm nicht gleich wieder ein, warum er im Bett sei, und überhaupt nichts von dem, was geschehen war, da hörte er den Vater sagen: »Das ist noch gut gegangen! Der dumme Bub' hätte ja zu tot gefahren werden können. Läuft gar noch den Gäulen vor die Füße und unter die Wagenräder.«
Da fiel es dem Frieder wieder ein, was ihm begegnet war, und er wollte gerade sagen: »Man darf den Kleinen nichts passieren lassen, die Mutter hat's gesagt!« Da kam eine junge Frau in die Stube. »Wo ist der Frieder?« fragte sie. Und dann kam sie an sein Bett und küßte ihn und streichelte sein Haar, gerade wie die Mutter, und sagte: »Kein Mensch soll dich mehr dummer Frieder heißen! Du hast mir mein Büblein vor den wilden Gäulen errettet, und wenn du das nicht getan hättest, dann hätte ich jetzt kein Kind mehr.« Der Frieder machte die Augen zu und lachte still vor sich hin. Es war ihm, wie wenn seine Mutter wieder da wäre. Aber die Bäuerin ging noch nicht. Sie sagte zum Vater: »Wenn der Frieder wieder aufstehen kann, dann gebet ihn doch mir. Ich will ihn ganz versorgen und er soll es gut haben bei mir. Mein Mann ist auch damit einig. Euch ist er ja doch eine Last!«
Das wollte der Vater zuerst nicht, und auch die Base und die Brüder nicht. Denn dann hatte man niemand mehr, der die Kleinen hüten konnte, und das hatte der dumme Frieder am besten verstanden.
Aber die Bäuerin ließ nicht nach. Und als der Frieder wieder gesund war, holte sie ihn auf ihren Hof. Da durfte er allerlei lernen, und der Bauer sagte oft: »Der Frieder ist gar nicht so dumm, wie er aussieht.« Er durfte im Stall und auf dem Feld und in den Obstgärten helfen und konnte ganz tun, als ob er zu Hause wäre.
Aber am glücklichsten war er doch, wenn die Bäuerin nach der Stadt oder aufs Feld wollte und dem Frieder vorher mit der Hand über das Haar strich, wie seine Mutter getan hatte, und dann zu dem Bauern sagte: »Da kann man ruhig sein. Dem Adam passiert nichts, wenn der Frieder dabei ist. Der läßt keinem Kleinen etwas geschehen!«
3. Wer die Mutter am liebsten hatte.
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In einer großen, freundlichen Schlafstube standen vier Bettchen, immer eins etwas größer als das andere. Und in den Bettchen lagen vier Kinder, auch immer eins größer als das andere. Sie schliefen aber noch nicht, obgleich sie schon ihr Nachtgebet gesprochen hatten, sondern jedes sah ganz erwartungsvoll nach der Türe. Denn die Mutter war von Kathrine, der Köchin, in die Küche geholt worden, und ehe man einschlief, mußte sie noch einmal kommen und jedem Kind einen Gutenachtkuß geben. Das konnte man sich gar nicht anders denken. Hänschen, der kleinste, rieb sich immerfort die Äuglein, denn die wollten ihm zufallen; da kam die Mutter herein. »Wer wacht noch von meinen kleinen Schelmen?« fragte sie. »Ich, ich,« riefen alle und jedes wollte die Mutter zuerst bei sich haben. »Mütterlein, ich habe dich doch am aller-allerliebsten,« sagte Gustav. Er war schon zehn Jahre alt und ein fleißiger Schüler. Und er machte heimlich einen schönen Lampenschirm für die Mutter, den sollte sie morgen bekommen; deshalb dachte er, er habe die Mutter am liebsten, denn so etwas konnten die Kleinen nicht tun. Aber diese wollten sich's nicht gefallen lassen; sie wollten die Mutter auch am liebsten haben, und es hätte beinah' Streit gegeben unter den Geschwistern.