Part 5
Nein, heute wollte der Konrad nicht mehr verdrießlich sein! Und er wußte erst noch nicht, daß schon alles auf dem besten Wege war für ihn und er nur noch ein Weilchen warten mußte, bis ihm der liebe Gott helfen wollte.
* * * * *
Der Abend dämmerte schon. Den schmalen Fußpfad vom Dorfe her nach dem »weißen Häuschen« ging langsam, mit gesenktem Kopf, ein kleines, barfüßiges Mädchen. Es war Vronik. Sie hatte ihre Schutzbefohlenen, den Daniel und das Regele, nach Hause geführt. Nun durfte sie noch ein Weilchen tun, was sie gern wollte.
Vronik hatte den ganzen, langen Nachmittag im Wald an dem bekannten Plätzchen gewartet, ob Frau Behrens nicht komme, aber umsonst. Die Kinder konnten heute nicht so befriedigt sein von ihrer Hüterin wie gewöhnlich. Denn diese horchte an einem fort, ob sich kein Tritt hören lasse, und dann ging sie wieder ein Stückchen weit den Berg hinauf, um zu sehen, ob nirgends eine schwarze Gestalt aus den Büschen trete. Denn sie hatte so viel auf dem Herzen, und es ist nicht leicht, ganz umsonst auf den einzigen Menschen zu warten, von dem man glaubt, daß er einem helfen könnte. Und Vronik wußte ja, daß es nun wieder eine ganze Woche anstehen werde, bis sie Frau Behrens sehen könne. Da war es nicht zu verwundern, daß sie nicht wie sonst auf die vielen Wünsche und Fragen der Kinder hörte, sondern nur allemal wieder sagte: »Ja, ja, spielet jetzt nur auch ein wenig allein. Immer kann ich euch auch nicht vorsingen.« So hatte die Vronik heute gar kein so sonntägliches Gefühl wie sonst, als sie ihr Wägelchen nach Hause schob. Sie mußte nur immer denken: »Warum ist die Frau nicht gekommen? Hat sie am Ende ganz vergessen, daß sie sich auf etwas Gutes für den Konrad besinnen wollte?«
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Unter solchen Gedanken hatte die Vronik fast unbewußt den Waldweg eingeschlagen, als sie nun freie Zeit hatte. Nun stand sie vor dem Häuschen. Es saß niemand mehr auf dem Bänkchen vor der Türe, denn es war schon Dämmerung und kühl. Ein heller Lichtschein fiel aus dem Fenster. Da drinnen im Zimmer würde nun wohl die fremde Frau sitzen, die nicht mehr wußte, was ein Trost ist und die doch dem armen Kinde schon ein Trost geworden war. Vronik konnte es nicht lassen, sie mußte sich auf das Bänkchen stellen, das gerade unter dem erleuchteten Fenster stand. Nur einen Augenblick hineinsehen wollte sie, es würde es ja niemand merken. Nur geschwind sehen, ob die Frau etwa krank sei oder ob sie nun gerade so traurig, wie sonst, vor dem Haus am Tisch unter der Lampe sitze und vor sich hinstarre.
Es sah aber ein wenig anders aus in dem Zimmer, als Vronik sich vorgestellt hatte. So etwas Behagliches, Heimliches hatte das Kind noch nie gesehen, dem seither das einfache Stübchen daheim bei der Mutter und von noch früher her das Arbeiterhäuschen in der Schweiz als das Schönste, was es geben konnte, vorgeschwebt war.
Vronik drückte das Gesicht fest an die Scheiben, um nur alles genau sehen zu können, die Bilder an den Wänden, die Blumen in Töpfen und Schalen, die da überall herumstanden, den ganzen zierlichen, behaglichen Schmuck des wohleingerichteten Wohnzimmers. Frau Behrens saß aber nicht allein darin. Ein alter Herr mit freundlichem Gesicht und schneeweißen Haaren saß neben ihr auf dem Sofa und hielt ihre Hand gefaßt. Und neben den Beiden lag, gerade hell vom Licht der Lampe beschienen, in einem Korbwagen eine kleine, schmale, weißgekleidete Gestalt, die gar nicht ausgesehen hätte, als ob sie lebe, wenn nicht die großen, aufmerksamen Augen sich ein wenig bewegt hätten. Vronik vergaß ganz, was sie da heraufgetrieben hatte, und auch, daß sie hatte gleich wieder heimgehen wollen. Sie sah nur immerfort auf die kleine Gruppe in dem erleuchteten Zimmer. Ursula ging hin und her, deckte den Tisch zum Abendessen und zupfte hier und da, wenn sie an dem Korbwagen vorüberging, eine Spitze an dem Kleidchen der kleinen Gertrud zurecht, weil sie dem Kinde jetzt gerade sonst nichts Gutes antun konnte.
In Vronik stieg ein brennendes Heimwehgefühl auf. Sie hatte sich so zu der fremden, traurigen Frau hingezogen gefühlt, weil sie glauben mußte, diese stehe ganz allein auf der Welt und weil sie gut wußte, wie es tut, verlassen zu sein. Und nun sah sie den alten Herrn bei ihr sitzen, der so väterlich die Hand der traurigen Frau hielt, sah das Kind in dem Wagen, das ein so feines, zartes Gesichtchen hatte und das doch wohl Frau Behrens gehören mußte, und das trauliche Zimmer, in dem diese Leute ungestört beisammensitzen konnten.
»Da wird sie's freilich wohl vergessen haben, daß sie kommen wollte,« dachte das arme Gottswillenkind.
»Vielleicht bleibt jetzt der alte Herr immer bei ihr und macht sie wieder ganz fröhlich. Und dann wird sie wohl nichts ausfindig machen für den Konrad.«
Es wurde spät. Vronik war auf das Bänkchen niedergekniet, hatte den Kopf auf die Arme gestützt und mit begierigen Augen ins Zimmer gesehen, bis ihr die Augen zugefallen waren. Es sah so heimatlich aus da drin und wenn das Kind auch wußte, daß es da nicht hingehöre, so wollte es doch noch ein kleines Weilchen hineinsehen und ein wenig vergessen, daß es so allein sei. Und darüber war es eingeschlafen. Jetzt wogten die weißen Abendnebel um die schlafende Gestalt her und am Himmel glänzten die Sterne. Und Vronik träumte von einer Heimat, wo sie wirklich hingehörte, wo man sie lieb hatte und den Bruder auch.
Drinnen im Zimmer saß der alte Herr, der ein Doktor war und ein väterlicher Freund der Frau Behrens, soweit diese sich zurückerinnern konnte, noch lange bei ihr auf dem Sofa. Er hatte im Frühjahr den Ankauf des weißen Häuschens besorgt, weil ihn die junge Frau gebeten hatte: »Lassen Sie mich fort, Herr Doktor, von allen Menschen weg. Vielleicht kann ich mich in der Einsamkeit besser zurechtfinden.«
Nun war er gekommen, um wieder einmal nach seiner Schutzbefohlenen zu sehen. Ursula hatte ihm heimlich geschrieben, weil sie den stummen Jammer nicht mehr so allein mitansehen konnte und weil sie auch hoffte, daß der Herr Doktor etwas für die kleine Gertrud zu tun wisse.
Es war kein fröhlicher Tag gewesen für den alten Herrn, der ein so warmes, mitfühlendes Herz hatte und gern allen Traurigen geholfen hätte. Denn Frau Behrens sagte auf all seine liebreichen Worte nur: »Seien Sie mir nicht böse, ich kann nicht anders als traurig sein und niemand kann mir helfen.«
Nun hatte der Herr Doktor heute abend noch ein Mittel versucht, Frau Behrens ein wenig aufzurütteln. Er hatte den Wagen mit der kleinen Gertrud ins Zimmer bringen lassen, und die Mutter selbst hatte ihm helfen müssen, das Kind ganz eingehend zu untersuchen. Sie hatte die Kleidchen auf- und zuknöpfen und die leichte Gestalt in den Armen halten müssen. Und nun sagte der Herr Doktor ernsthaft: »So, nun hören Sie mir einmal zu. Kein Mensch auf der ganzen Welt darf sich so hinsetzen und sein Leben mit Klagen zubringen. Der liebe Gott weiß, was er getan hat. Und er weiß auch, warum er Gertrud am Leben ließ und nicht eines von den gesunden Kindern, und niemand kann im voraus sagen, eines sei unnütz auf der Welt. Fangen Sie einmal an, das Kind lieb zu haben. Singen Sie ihm etwas vor. Nehmen Sie es in die Arme, es spürt vielleicht gut, wenn man es lieb hat. Es kann auch noch kräftiger werden, man weiß nie, was unser Herrgott noch im Sinn hat mit so einem schwachen Kindlein.«
Und als Frau Behrens stumm vor sich hinsah, fuhr der alte Herr fort: »Wenn Sie es noch nicht recht lieb haben können, so tun Sie es um Gotteswillen; weil er es will. Es wird ihnen noch ein Trost werden, das weiß ich.«
Frau Behrens hätte nicht gut sagen können, welche Gedanken ihr an dem Abend schon durch den Sinn gegangen waren. Es war nicht mehr ganz so dunkel in ihrem Herzen wie vorher. Seit sie mit dem armen Gottswillenkind zusammengetroffen war, hatte sich manches in ihr geregt, was sie lang vergessen hatte. Und Vroniks Trost war ihr oft eingefallen, wenn sie auch selbst noch nicht recht sagen konnte: »daß der liebe Gott bei einem ist und einen nie verläßt, wenn man auch sonst allein ist, das ist ein Trost.« Nun bei den letzten Worten des Doktors fiel ihr das Gottswillenkind wieder ein. Das hatte man ja auch, samt seinem Bruder, »um Gotteswillen« aufgenommen und Frau Behrens wußte, daß es die Beiden nicht gut hatten. Und es kam ihr beschämend in den Sinn, daß sie ihr eigenes, armes Kind auch nicht liebevoller behandle, und sie dachte mit Recht, daß es doch Kinder, die man dem lieben Gott zulieb versorgen will, am besten von allen haben sollten.
Frau Behrens hatte noch gar keine Antwort auf die ermahnenden Worte des Doktors gegeben. Denn sie kämpfte mit sich selbst und konnte noch nicht recht mit ihrer Traurigkeit fertig werden.
Da kam Ursula ins Zimmer. Sie war hinausgegangen, um die Läden zu schließen. Nun trat sie etwas erregt ein und sagte: »Was soll man da anfangen? Es ist ein schlafendes Kind auf dem Bänkchen vor dem Hause. Das ist's, das schon einmal hier war. Man kann es doch nicht draußen lassen.«
Ursula und der Doktor sahen einander erstaunt an, als hier Frau Behrens lebhaft aufstand und sagte: »Bring's herein, Ursula. Oder nein, ich will es selbst holen. Es kennt mich; es hat auf mich gewartet, das weiß ich.«
Der Doktor sah ihr vergnügt nach, denn er dachte: »Man kann nicht wissen, auf welche Weise ihr der liebe Gott helfen will.«
Eine kleine Weile später trat Frau Behrens ein. Sie trat leise und sachte auf und trug auf beiden Armen das barfüßige Bauernkind. Sie legte es aufs Sofa nieder und dann sagte sie flüsternd: »Man darf es nicht wecken, es schläft so tief und fest. Ursula soll ins Dorf gehen und sagen, daß man das Kind nicht vergeblich sucht. Und morgen sieht man weiter.«
Als der Herr Doktor in dieser Nacht zur Ruhe ging, oben in dem freundlichen Balkonzimmer, stand er noch eine Weile still am Fenster und sah in die schweigende Gegend hinaus. »Du machst es nicht, wie wir gedacht, du machst es besser als wir denken,« sagte er vor sich hin. Denn er hatte schon gemerkt, daß der liebe Gott beiden helfen wollte, den Kleinen und Großen, da konnte er sich wohl freuen.
* * * * *
Das war am andern Morgen ein erstauntes Gesicht, mit dem sich Vronik beim Erwachen umsah. Sie glaubte immer noch zu träumen. Die Sonne schien hell durch die blanken Fenster und blütenweißen Vorhänge, beschien die weißen Kissen, in denen das arme Gottswillenkind lag, und das ganze, freundliche Zimmer. An der Wand hing ein großes Bild. Es war der Heiland, der ein Schäflein auf der Schulter trägt. Das mußte Vronik unverwandt ansehen. Das Schäflein schmiegte sich so dicht an den guten Hirten, der es trug, es wurde einem wohl, wenn man es nur ansah. Und Vronik fiel das Lied ein, das die Mutter so oft mit ihren Kindern gesungen hatte, die Stelle, wo es hieß: »Und nach diesen schönen Tagen werd ich endlich heimgetragen in des Hirten Arm und Schoß, Amen, ja, mein Glück ist groß.« Es war dem Kinde einen Augenblick zumute, als ob es auch »heimgetragen« wäre. Aber dann fiel ihm der ganze gestrige Abend wieder ein. Seine Kleider lagen auf dem Stuhl neben dem Sofa, und dann wußte Vronik plötzlich, daß sie wieder ins Dorf hinunter müsse, in den Pfleghof, wo jetzt längst die Gänse und Enten und Hühner auf ihr Futter warteten und wo alles nach der Vronik rief. Sie konnte nur gar nicht begreifen, wie sie da hereingekommen war. Sie hatte doch gestern abend nur zum Fenster hereingesehen. Leise schlüpfte sie in ihr Röckchen, da ging die Tür zum Nebenzimmer auf und Ursula kam herein. Sie machte heute ein ganz freundliches Gesicht, denn sie liebte die Kinder und es kam ihr vor, als ob etwas besonderes mit diesem Kinde sei. Und das war auch wahr. Denn wenn der liebe Gott ein barfüßiges Waisenkind an der Hand nimmt und führt es einer traurigen Mutter zu, daß sie einander wieder fröhlich machen sollen, so ist das schon etwas besonderes. Das wußte nun zwar Ursula noch nicht, daß ihre Herrin die ganze Nacht wach gelegen war und viele Gedanken in sich bewegt hatte. Daß sie sich vorgenommen hatte, nun nicht mehr an einem fort zu klagen und traurig zu sein, sondern den Trost hereinzulassen, der in ihr Herz hinein wollte. Ursula half dem Kind ein wenig beim Haarmachen, obgleich Vronik das sonst immer selbst tun mußte. Dann nahm sie es mit in das Zimmer, wo die kleine Gertrud lag. »Da sieh,« sagte Ursula, »du hast's noch lang gut gegen dem armen Tröpflein, das nur immer so daliegen muß.«
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Vroniks weiches Herzlein war gleich ganz voll Teilnahme. »O, kann es nichts tun, gar nichts?« sagte sie. »Kann man nicht mit ihm spielen und lachen und ihm etwas vorsingen, daß es auch eine Freude hat?« Ursula sah verwundert in das lebhafte Gesichtchen. Zum Spielen und Lachen und Singen war man in dem weißen Häuschen schon lang nicht mehr aufgelegt gewesen. Es war alles so geräuschlos als möglich zugegangen. »Ich muß nun das Wohnzimmer schön machen,« sagte sie. »Du kannst so lang hier bleiben. Frau Behrens hat gesagt, daß ich dich nicht gehen lassen soll, ehe sie mit dir gesprochen hat. Angst brauchst du nicht zu haben. Es geschieht dir nichts im Pfleghof. Ich habe gesagt, daß du nicht so früh kommst.«
Damit ging sie hinaus und Vronik blieb allein mit dem kranken Kinde. Es kam ihr alles ganz wunderbar vor, was mit ihr geschah. Am wunderbarsten aber erschien ihr dieses stille Gesichtchen, das nur so aufmerksame Augen hatte. Sie hätte so gern einen Versuch gemacht, mit Gertrud zu sprechen. Aber sie scheute sich davor, es zu probieren. So verfiel sie auf ihr altes Mittel, mit dem sie immer die Kinder im Pfleghof zu unterhalten wußte. Sie setzte sich auf das niedrige Stühlchen, das neben dem Wagen stand, und fing leise an zu singen. Vronik hatte ein liebliches Stimmchen und sie konnte viele schöne Lieder von der Mutter her. Jetzt sang sie:
»Breit aus die Flügel beide, O Jesu, meine Freude, Und nimm dein Küchlein ein! Will mich der Feind verschlingen, So laß die Engel singen: ›Dies Kind soll unverletzet sein!‹«
Vronik war gewöhnt zu singen, deshalb kam es ihr ganz natürlich vor, daß sie es tat. Aber den anderen Hausbewohnern waren das ganz neue Töne. Der Herr Doktor kam gerade von oben herunter und blieb auf seinem Gang nach dem Wohnzimmer horchend stehen, Frau Behrens trat auf die Schwelle des Zimmers und lauschte leise, und Ursula hörte auf abzustäuben.
Aber plötzlich hörte der Gesang auf, Vronik stieß einen fröhlichen Ruf aus. »Es lacht,« rief sie. »Es will noch mehr hören.« Man kann es kaum sagen, wie schnell die drei Leute von allen Seiten an das Wägelchen herankamen, um das Wunderbare zu sehen. Ja, es war so. Das bleiche Köpfchen hatte sich langsam nach der Seite gewendet, wo Vronik saß, und das Gesichtchen war zu einem Lächeln verzogen. Es war ganz deutlich. »Sing noch etwas, Kind, hör noch nicht auf,« sagte der Herr Doktor zu Vronik. Denn er wollte gern recht deutlich sehen, was das für eine Wirkung habe. Und aufs neue sahen alle drei Großen aufmerksam zu, wie Gertruds Augen so strahlend an Vronik hingen, als diese sang. Vronik hatte das kleine Händchen gefaßt und da geschah das weitere Wunder, daß sich die mageren Fingerlein um das braune Händchen des Bauernkindes schlossen.
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»Jetzt erleben wir noch viel Schönes,« sagte der Doktor vergnügt. »Das wird man schon sehen.« Frau Behrens nahm Vronik an der Hand. »Dich müssen wir bei uns haben so viel wir nur können,« sagte sie liebreich. »Dich hat mir der liebe Gott zum Trost geschickt.« Vronik schüttelte leise den Kopf. »Ich habe keine Zeit zum Heraufkommen,« sagte sie. »Und jetzt muß ich schnell heimgehen, sonst zankt die Bäuerin.«
Der Konrad fiel ihr ein, wie er so traurig in seiner Küche gesessen hatte, und es fiel ihr schwer aufs Herz, daß sie ihm noch keinen Bescheid gebracht hatte. Die Leute hier hatten einander, aber der Konrad hatte nur seine Vronik, sonst niemand. Und Frau Behrens schien ihn ganz vergessen zu haben.
»Ich will die Bäuerin fragen, ob sie dich nicht manchmal kommen läßt,« sagte Frau Behrens jetzt. »Ich will selbst mit ihr reden.«
Da platzte Vronik heraus: »Dann rede noch lieber mit dem Lammwirt, daß der Konrad in die Schule darf und daß er ihn nicht so oft schlägt und« -- Vronik mußte gewaltig schlucken, sonst hätte sie hier vor den fremden Leuten angefangen zu weinen.
»Nur heraus mit allem,« ermunterte der Herr Doktor freundlich. Er war ein großer Kinderfreund und konnte keine traurigen Gesichter sehen, ohne daß er hätte versuchen müssen, sie fröhlich zu machen. Und in Vronik sah er überhaupt eine Bundesgenossin. So kam denn alles an den Tag, was Vroniks Herzlein bedrückte, alles. Frau Behrens hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu, und Ursula vergaß ganz, wieder hinauszugehen, und ballte zornig die Faust, als sie hörte, daß niemand den kranken Fuß des Konrad pflege.
»Da müssen wir abhelfen, soviel ist sicher,« sagte der Herr Doktor väterlich, als Vronik mit ihrem Bericht zu Ende war.
»Ich gehe mit dir ins Dorf und zu dem Lammwirt. Was meinst du, mir wird der Hund schon nichts tun? Und dann wollen wir weiter sehen.« Vronik nickte ganz einverstanden. Sie hatte ja schon lange gewußt, daß der liebe Gott alles machen könne, da verwunderte sie sich jetzt nicht so sehr, daß er es nun auch tat. Und sie dachte nur, daß jetzt alles gut komme, über das Wie machte sie sich keine Gedanken.
Das gab ein großes Staunen im Dorf, als Vronik an der Hand des fremden alten Herrn durch die Straße ging. Das kümmerte aber die beiden wenig. Denn sie hatten einander unterwegs so vieles mitzuteilen, daß sie gar keine Zeit hatten, nach den Leuten zu sehen. Hand in Hand schritten sie nach dem »goldenen Lamm«. Der Wirt stand unter der Tür. Er sah verwundert auf das Gottswillenkind, machte aber doch einen tiefen Bückling vor dem feingekleideten Herrn. »Sie haben einen Kranken im Haus, höre ich?« sagte der Herr Doktor sogleich. »Führen Sie mich zu ihm.« »Wenn der Herr den Buben meint, der ist im Keller und spült Flaschen,« antwortete der Wirt. »Krank ist er nicht, du meine Güte. Wegen so einem bißchen Geschwulst am Fuß macht man mit so einem Knirps nicht soviel Aufhebens.« »Ich bitte, daß Sie mir den Konrad in die Schenkstube bringen,« beharrte der Herr Doktor. »Was zu tun ist, wollen wir dann schon sehen; ich bin Arzt und gedenke schon zu sehen, was nötig ist.«
Der Wirt zog brummend ab, nicht ohne daß er vorher noch bemerkt hatte: »Wer den Doktor bestellt hat, weiß ich nicht. Es wird dann niemand verlangen, daß ich ihm noch den Weg bezahle für so einen Bettelbuben.«
Vronik nickte dem Konrad ermunternd zu, als er bald darauf hereinhinkte, bleich und ängstlich. Der Herr Doktor war aber keiner von denen, die nicht mit schüchternen Kindern fertig werden. Er streckte dem verlegenen Buben ganz freundlich die Hand hin. »So, das ist ja ganz geschickt, daß ich gerade hier bin,« sagte er fröhlich, dann untersuchte er den kranken Fuß, machte aber ein ernsthaftes Gesicht dazu und schüttelte den Kopf. »Ganz unverantwortlich vernachlässigt ist die Wunde,« sagte er vor sich hin. Dann nahm er den Lammwirt besonders in ein Nebenzimmer und sprach dort eine Weile sehr erregt mit ihm. Als er wieder herauskam, wandte er sich an die Kinder. »So, nun seid einmal recht vernünftig,« sagte er. »Den Konrad muß ich mit mir nehmen in meinem Wagen. Drunten in der großen Stadt, in der ich lebe, ist ein schönes helles Haus, in dem kranke Kinder gepflegt und versorgt werden, daß sie dann wieder gesund und fröhlich werden können. Da will ich den Konrad hinbringen. Er hat's auch sonst nötig, denn er ist viel zu bleich und mager für so einen Buben. Da komme ich dann täglich zu ihm und sehe nach dem Fuß. Und schöne Bücher gibt's da und Spiele.« Der Herr Doktor hielt es für nötig, alles so schön auszumalen. Denn er war gewöhnt, daß sich die Kinder davor fürchteten, ins Krankenhaus zu kommen. Aber der Konrad saß mit leuchtenden Augen da, und man konnte ihm wohl ansehen, daß er mit dem freundlichen Herrn hingegangen wäre, wo dieser ihn hingebracht hätte.
Vronik hatte zwar zu schlucken und zu drücken, daß keine Tränen heraufkommen konnten, denn sie wußte wohl, daß sie dann gar niemand mehr habe, wenn der Konrad fort sei. Aber als sie hörte, wie gut er es bekommen solle, da mußte sie sich so mitfreuen, daß sie fürs erste ihren eigenen Kummer ganz vergaß. Der Herr Doktor vergaß aber seine kleine Freundin nicht. Denn sie mußte ihm ja helfen, die traurige Frau in dem weißen Häuschen wieder fröhlich zu machen. Und er wußte schon lange, daß der liebe Gott dazu arme und reiche Leute untereinander auf der Welt sein läßt, daß sie Liebe aneinander üben sollen und alle reich und glücklich werden. So sagte der Doktor jetzt dem Konrad, daß er in einer Stunde mit dem Wagen kommen und ihn abholen wolle, und nahm dann Vronik bei der Hand. »Sag jetzt deinem Bruder Lebewohl,« sagte er freundlich. »Und laß dich's nicht zu sehr anfechten; ich will dann schon sorgen, daß du ihn bald wieder siehst. Was meinst du, wenn du inzwischen ein Kindsmädchen für unsere arme Gertrud würdest? Wenn du ihr noch öfters etwas singen würdest, daß sie doch auch eine Freude hat?«
Vronik wurde dunkelrot vor Freude. Sie war im Pfleghof nie am Ohr gerissen, nie gestoßen und geschlagen worden. Aber daheim sein war wieder ganz anders, ganz anders. Und in dem weißen Häuschen konnte man daheim sein, das hatte das Kind diesen Morgen beim Erwachen gefühlt.
Sie klammerte sich einen Augenblick fest an Konrad an und flüsterte ihm zu: »Jetzt kommt's. Alles kommt. Die Mutter hat's gut gewußt. Freu dich nur, Konrad, jetzt wird alles noch viel schöner, man weiß noch gar nicht, wie schön es wird.«
»So, und jetzt behüt dich Gott,« sagte der Herr Doktor liebreich zu Vronik. »Geh jetzt nur ganz fröhlich auf den Pfleghof. Da hast du ganz recht, es kommt alles, wie es gut ist, man muß nur ein wenig warten können. Du wirst dann schon hören, was weiter kommt.«
Und Vronik ging und besann sich wieder nicht lange, wie es weiter komme. Denn sie wußte ja schon, daß eins ums andere ganz von selber komme und sie gar nichts dazu zu tun brauche. Im Pfleghof schnatterten die Enten und die Gänse, als Vronik ankam. Der Daniel und das Regele spielten vor dem Haus und die Ahne saß bei ihnen und sagte: »Eine ordentliche Tracht Schläge hättest du schon verdient diesmal. Wenn man in der Nacht herumläuft und vor anderer Leute Haus schläft anstatt in seinem Bett.« Vronik machte sich nun schnell an ihre Arbeit und tat alles, was man ihr auftrug, so willig, daß der Bäuerin und den Mägden der Ärger bald wieder verging und sie zueinander sagten: »Für einmal hat sie genug am Fortlaufen, das sieht man deutlich. Man muß sie nur ein wenig drunten halten, daß sie daran denkt, daß man sie um Gottswillen im Haus hat. Dann kommen ihr keine hoffärtigen Gelüste mehr. So eins soll nur froh sein, wenn es überhaupt weiß, wo es hingehört.«