Chapter 11 of 18 · 3984 words · ~20 min read

Part 11

Agnes war in großem Jammer. Die Freundinnen waren nach Hause gegangen und hatten dort erzählt, daß »Mimi Schieber« gestorben sei, und daß man sie morgen im Hof begraben wolle. Und das Begräbnis war auch noch ein wichtiges Ereignis, auf das es sehr viel vorzubereiten gab. Aber dann war alles aus und Agnes saß schon eine ganze Weile still auf ihrem Schemelchen bei der Großmutter und seufzte zuweilen tief auf. Das ging der Großmutter zu Herzen. Sie hatte schon versucht, das Kind auf ihre liebreiche Art zu trösten; es wollte aber nicht recht gelingen. Jetzt fiel ihr ein guter Gedanke ein. »So, nun mußt du nicht immer an das tote Kätzlein denken,« sagte sie freundlich, aber entschieden. »Es gibt sonst noch genug zu schaffen auf der Welt, als nur die Mimi zu besorgen.« »Ich will keine neue Mimi,« sagte Agnes kläglich. »Des Wolfen Katze hat schon wieder Junge, ich könnte alle haben, aber ich will keins davon. Sonst werden sie auch groß und stehlen auch Vögel und werden auch erschossen!«

»Das meine ich auch gar nicht,« sagte die Großmutter und mußte ein wenig lachen. »Ich weiß etwas ganz anderes. Denk einmal, die Leute im Hinterhaus haben ein kleines Kindchen! Ein ganz kleines, in einem Tragkissen und mit winzigen Fäustchen und blauen Äuglein.« »Das man herumtragen muß und ihm die Milch geben und so?« Agnes sah ganz begierig auf.

»Ja,« bestätigte die Großmutter, »aber die Leute können gar nicht vergnügt sein darüber. Die Frau ist so krank, daß man noch gar nicht weiß, ob sie nur wieder gesund wird, und niemand ist da, der das Kindlein ein wenig wiegt, wenn es schreit, und ihm die Milch gibt, wenn es Hunger hat, und der ein wenig auf das größere Büblein achtgibt.« »Warum haben sie keine Magd?« wollte Agnes wissen. Sie fing schon an, über den Fall nachzudenken.

»Ja, siehst du, das ist gerade das Traurige,« sagte die Großmutter. »Die Leute haben kein Geld dazu. Der Mann kann selber nur ganz wenig verdienen, und jetzt muß man noch Arznei holen und den Herrn Doktor zahlen und die Milch für das kleine Kindlein.«

»So will ich das Kindlein zu uns herüberholen,« schlug Agnes vor. »Ich möchte schon lang gern ein Schwesterlein, ein ganz kleines, das noch nicht laufen kann und noch gar nichts als lachen und schreien.«

»Das geht nicht nur so, wie du meinst,« sagte die Großmutter. »Glaubst du, die Leute geben ihr liebes Kindlein her das ihnen der liebe Gott erst geschenkt hat? Und glaubst du, deine Mutter wolle noch so ein winziges Schwesterlein besorgen? Sie weiß selber kaum, wo anfangen mit euch allen! Nein, nein, so macht man das nicht! Aber siehst du, ich gehe nachher ein wenig hinüber, und da könntest du mich begleiten. Und ich will dir dann zeigen, wie du ein wenig helfen kannst, das Kleine zu versorgen und das größere Büblein zu hüten und noch allerlei!«

Agnes war sehr einverstanden. Sie zog die Großmutter noch am Kleid voran, als diese unterwegs ein wenig mit dem Vater sprach, der eben zur Haustüre hereinkam, so wichtig war es ihr, schnell ins Hinterhaus und zu dem kleinen Kindlein zu kommen.

Da war nun freilich für die Großmutter vieles zu tun. Der Mann war heute nicht in die Fabrik gegangen, weil er die Frau zu pflegen hatte. Er stand aber eben am Ofen, der mächtig rauchte, und hielt ein Pfännchen in der Hand, aus dem ein ganz angebrannter Geruch kam. »Gottlob!« sagte er, als er die Großmutter sah, »ich habe meiner Frau die Suppe aufwärmen wollen, die noch von gestern Abend da ist. Aber es hat sich alles am Pfännchen angehängt. So kann man die Suppe nicht mehr essen und ich weiß nicht, was ich anfangen soll.«

Er sah ganz sorgenvoll und bekümmert aus, Agnes mußte ihn mit rechtem Mitleid betrachten.

»Für heute habe ich nun schon eine Suppe besorgt, die für alle reicht,« sagte die Großmutter freundlich. »Und für morgen und die ganze nächste Zeit muß eben Rat geschafft werden. Jetzt wollen wir zuerst das Kleine besorgen, das wird nicht umsonst so schreien.«

Damit nahm sie auch schon das großgeblumte Tragkissen mit dem laut schreienden Kindlein aus der Wiege, packte dieses in saubere, trockene Windeln, wärmte ihm die Milch und zeigte dann Agnes, wie sie dem Kleinen das Fläschchen hinhalten solle. Diese war auch bald mit rechtem Eifer bei der Sache und vergaß für jetzt ganz den Kummer um die tote Mimi.

Das kleine dreijährige Büblein, das bisher trübselig in einer Ecke gesessen hatte, wackelte jetzt auch herbei und sah dem merkwürdigen Vergnügen zu.

»Gibst du mir dein Schwesterlein?« fragte Agnes, als das Kleine seine Milch getrunken hatte und sofort wieder die Augen schloß.

[Illustration]

»Nein,« sagte Ernstchen entschieden und schüttelte den Kopf.

»Ich möcht's aber gern,« sagte Agnes, »ich gebe dir, was du willst, dafür.« Statt aller Antwort fing Ernstchen an, ganz jämmerlich zu weinen, daß die Großmutter nur schnell kommen und trösten mußte.

»Gehet ein bißchen miteinander hinaus, ihr zwei,« sagte die Großmutter dann. »Spiele du ein wenig mit dem Büblein, Agnes, man muß jetzt hier ein wenig Ruhe haben.«

Das war nur gar nicht nach Agnes' Geschmack. Sie hätte viel lieber das kleine Kindlein gewiegt oder gar ein wenig herumgetragen, und jetzt fiel ihr plötzlich Mimi wieder ein. Sie setzte sich auf die Treppe und seufzte.

»Jetzt spiel mit mir!« begehrte Ernstchen.

»Ich mag nicht spielen, meine Mimi ist gestorben,« sagte Agnes und seufzte wieder.

»Wer ist das, deine Mimi?« fragte der Kleine.

»Das ist so ein nettes Kätzlein, wie du noch gar keins gesehen hast,« fing Agnes an, und ehe sie sich's versah, war sie mitten drin, dem mäuschenstill aufhorchenden Ernstchen alles zu erzählen, was man nur von der Mimi sagen konnte, und auch ihr trauriges Ende. Die Großmutter fand die beiden einträchtig auf der Treppe sitzend und sagte wohlgefällig: »So ist's recht, so gefällt mir's, Agnes, das kannst du noch öfter tun.«

Dann gingen die beiden wieder zusammen ins Vorderhaus.

* * * * *

»Großmutter, das möchte ich lieber nicht noch öfter tun,« fing Agnes an, als sie am nächsten Morgen ihren Besuch bei der Großmutter abstattete.

Diese wußte zwar nicht gleich, um was es sich handelte, aber sie wußte schon, daß es noch kommen werde, und so strickte sie ruhig weiter. »Großmutter,« sagte Agnes ein wenig dringlicher, »ich möchte viel lieber das ganz kleine Kindlein herumtragen und ihm seine Milch geben und zusehen, wenn man es badet, als mit dem Ernstchen spielen. Das ist ein bißchen langweilig!«

»So?« Die Großmutter sah das Kind freundlich an, dann sagte sie: »Wenn aber das ganz Kleine schlafen soll und die kranke Frau auch und der Ernstchen ist unruhig und stört sie alle beide? Gelt, dann willst du gern ganz vernünftig und lieb sein und aufpassen, daß der kleine Bub' ruhig ist, und ein wenig mit ihm spielen?«

Agnes zögerte ein wenig. »Ja, schon,« sagte sie, »aber das Kleine ist viel netter!«

»Jetzt muß ich dir etwas sagen« -- die Großmutter legte ihr Strickzeug einen Augenblick in den Schoß und hob das Gesichtchen, das im Augenblick ein wenig finster aussah, in die Höhe. »Weißt, liebes Kind, das müssen schon kleine Leute lernen, daß man nicht nur immer so tun kann, wie man möchte. Und das mußt du auch! Ich möchte gern, daß du mir ein bißchen hilfst, den armen Leuten da drüben zu helfen. Und ich will dir auch sagen wie?«

Agnes sah erwartungsvoll aus. Sie mochte immer sehr gern neue Pläne machen.

»Die kranke Frau hatte nichts Ordentliches zu essen,« fuhr die Großmutter fort, »und der Mann und Ernstchen auch nicht.«

»So will ich gleich zur Mutter sagen, daß sie hinüberschickt,« sagte Agnes schnell. Der Gedanke war ihr sofort gekommen, denn es durfte doch nicht sein, daß jemand nichts zu essen hatte.

»Nein, nein,« beschwichtigte die Großmutter. »So alle Tage kann die Mutter doch nicht für die ganze Familie kochen! Denk' einmal, wie große Schüsseln voll ihr selber brauchet! Da müßte man reicher sein, als wir sind, um noch eine Familie versorgen zu können, aber --«

»Ich weiß was,« fiel das Kind wieder eifrig ein, »das Dorle soll wieder seine Kätzlein ins Wasser werfen und alle Milch und alles Brot dafür hergeben!«

»Jetzt mußt du mich einmal sagen lassen, was ich für einen Plan habe, und mich nicht immer unterbrechen,« sagte die Großmutter. »Sieh, weil es soviel arme Leute gibt, denen man helfen möchte, haben sich wohlhabende Frauen zusammengetan, die wechseln dann miteinander ab im Kochen. So kann man dann am Montag bei der einen das Essen holen, am Dienstag bei der andern und so fort bis zum Sonntag. Und am Montag fängt man wieder vornen an.«

Das konnte Agnes sehr gut verstehen und es gefiel ihr auch wohl. Aber es kam noch etwas nach.

»So habe ich denn unsere armen Leute auch dazu angemeldet,« fuhr die Großmutter fort. »Die Mutter macht den Anfang und dann habe ich noch sechs andere Frauen aufgeschrieben. Es ist aber niemand, der das Essen holen könnte, denn der Mann muß in die Fabrik und das Ernstchen ist noch zu klein.«

Agnes merkte allmählich, was kommen sollte, und rückte unruhig auf ihrem niedrigen Stühlchen hin und her.

»Und da möchte ich nun, daß mein großes Mädele den armen Leuten ein wenig helfen soll. Was meinst du, wenn du alle Tage um zwölf Uhr den netten emaillierten Einsatz nähmest und das Essen holtest? Und dann würde der kranken Frau das gute Essen so schmecken, daß sie vielleicht bald wieder aufstehen könnte. Und der Mann könnte sich freuen, wenn er heimkäme und wüßte, daß etwas da ist für seinen großen Hunger. Was meinst du?«

»O Großmutterle, das kann ich doch nicht! Das kann ich gewiß nicht!« Agnes war ganz erregt aufgestanden und sah sehr kläglich aus. »Ich geniere mich so und vielleicht verschütte ich fast alles, weil du immer sagst, daß ich so schnell laufe. Und ich muß auch den Tisch decken!«

»Dann kann eben die arme Frau ihr Essen nicht haben, und die guten Frauen kochen alles umsonst,« sagte die Großmutter ruhig. »Du mußt aber nicht, wenn du nicht kannst, ich habe nur geglaubt, du wollest mir helfen.«

Agnes zupfte unruhig an den Fransen der Tischdecke. »Ich muß jetzt schnell auf die Gasse, die Mutter hat's gesagt. Ich soll nur vorher ›Guten Morgen‹ sagen,« brachte sie dann heraus.

»Ja, dann mußt du freilich gehen,« gab die Großmutter in unveränderter Freundlichkeit zu. »Sei nur recht vergnügt und lieb und erzähle mir nachher auch etwas Nettes.«

Agnes ging. Sie war aber nicht so lustig wie sonst. Zuerst besuchte sie Mimis Grab. Die hineingesteckten Blumen hingen welk die Köpfe, und das schöngeschriebene Kärtchen mit der Aufschrift: »Hier ruht Mimi,« war vom Regen, der in der Nacht gefallen war, durchweicht.

Es waren schon allerlei vergnügte Kinder auf dem großen Spielplatz in der Nähe des Hauses, wohin sich Agnes nun begab. Ein paar kleine Mädchen kamen ihr sogleich entgegen. »Komm, wir wollen Seil springen; wenn du willst, darfst du anfangen.« »Es ist mir gleich,« sagte Agnes in so freudlosem Ton, daß man gut merkte, daß sie etwas drücke.

»Ist's wegen deiner Mimi?« fragte ihre allerbeste Freundin Lydia teilnehmend. »Nein,« sagte Agnes, »wegen gar nichts.«

Sie konnte nicht gut sagen, was ihr fehlte. Jetzt fing eine Glocke an zu läuten. »Ist das zwölf Uhr?« fragte Agnes erschrocken. »Behüte, erst elf Uhr,« sagte Lydia, »und überhaupt, dir ruft man ja immer, wenn du kommen sollst.«

»Elf Uhr,« dachte Agnes. »Da kann ich mich schon noch ein Weilchen besinnen. Und das Essenholen ist das Allerärgste, was es gibt, ich möchte lieber weiß nicht was tun!«

Es gibt viele Leute, auch manchmal große, die lieber -- weiß nicht was -- täten, als was sie jetzt gerade tun sollen. Das ging Agnes nicht allein so.

Und sie konnte auch keinen Augenblick mehr so recht vergnügt spielen. Sie mußte immer den leeren Tisch vor sich sehen, den der Mann beim Heimkommen finden würde, und dann dachte sie an das gute Essen, das nun umsonst auf dem Herd stand und das der kranken Frau nichts helfen konnte.

Und plötzlich konnte sie es nicht mehr aushalten. Mit einem großen Satz sprang sie aus dem Seil, in dem noch mehr Mädchen im Takte hüpften, und lief schnell davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

»Wohin? Warum gehst du?« rief es ihr von allen Seiten nach, aber Agnes hörte schon nicht mehr viel. Sie wollte sich jetzt nicht über die Sache besinnen.

»Großmutter,« rief sie schon auf der Treppe, »wo ist der Einsatz? Es ist gewiß gleich zwölf Uhr, ich muß schnell gehen.«

Die Großmutter sah das Kind mit strahlendem Gesicht an; sie hatte schon gewußt, daß es noch so weit kommen werde.

»Ja, so geh,« sagte sie nur. »Heute ist die Frau Rektor Pfaff dran, die kennst du gut! Sag ihr einen recht schönen Gruß, und komm, du kannst ihr auch ein paar Äpfel mitnehmen. Das sei ein Muster von den diesjährigen Fleinern.«

Agnes zog ab. Zu Frau Rektor Pfaff wollte sie gern gehen, das war eine ganz gute Freundin der Großmutter und ebenso liebreich und freundlich wie diese.

Sie kam strahlend zurück. »Gut ist's gegangen,« sagte sie schon unten zur Mutter und dann oben noch einmal zur Großmutter. »Das sei aber recht, daß ich selber komme, hat die Frau Rektor gesagt. Und ob ich schon in die große Schule gehe, hat sie gefragt. Vielleicht hat sie gedacht, daß ich gut hinein könnte, wenn ich schon den großen Einsatz tragen kann.«

Noch viel größer war der Jubel, als Agnes aus dem Hinterhaus wiederkam, wo der reichliche Inhalt der Schüsseln so dankbar aufgenommen worden war, daß es ihr nun erst recht leicht wurde. Es war zwar immer noch ein wenig schmerzlich, daß keine Veranlassung mehr vorlag, das Rosenschüsselchen mit Suppe zu füllen, aber Agnes hatte nun wieder so viel anderes zu denken, daß die Trauer um Mimi doch ziemlich in den Hintergrund trat.

Der Vater wußte auch von der Unternehmung mit dem Einsatz und sagte zufrieden: »Man kann dich scheint's doch schon zu etwas brauchen, das ist recht.« Ein väterliches Lob war selten, das tat Agnes in allen Tiefen wohl.

Die erste Woche war glücklich vorbei. Es war je länger, je besser gegangen. »Es war nur, bis ich mich nicht mehr geniert habe,« gab Agnes selber zu. Im Hinterhaus waltete jetzt einige Stunden am Tage eine freundliche Diakonissin, Schwester Margarete. »Ich könnte ja gar nicht fertig werden ohne mein kleines Mägdelein,« sagte diese oft. Damit meinte sie Agnes, die es schon lang nicht mehr langweilig fand, mit Ernstchen zu spielen. »Er ist so drollig, du glaubst nicht, wie,« versicherte sie der Großmutter eines Tages.

»So, aber das freut mich,« sagte die Großmutter, »so war es zuerst nicht, gelt?«

»Nein,« sagte Agnes nachdenklich, »gar nicht. Am Anfang hat er mich gar nicht gern gehabt und jetzt läßt er mich fast nicht mehr von sich weg.« Die Großmutter konnte sich wohl denken, wodurch sich der kleine Bube so verändert habe. Sie sagte aber nichts, denn Agnes dachte gar nicht daran, daß sie selber jetzt so nett und heiter mit Ernstchen verkehrte, wie sie vorher nie getan hatte.

Das gute Essen und die sorgfältige Pflege hatten bei der kranken Frau sehr gut angeschlagen. Sie konnte wieder aufstehen und als Agnes eines Morgens hinüberkam, saß sie unter der Haustüre im warmen Herbstsonnenschein und hatte das kleine Kindlein auf dem Schoß.

»O, darf es jetzt spazieren getragen werden?« rief Agnes fröhlich. »Darf es auf die Gasse, daß es alle anderen Kinder auch sehen?« Sie bewunderte das kleine Kindlein immer noch so sehr wie im Anfang oder noch mehr, und sie hätte den Anblick auch andern gegönnt.

Die Frau lächelte vergnügt und sagte: »Komm, setz dich ein bißchen her zu mir, Kind, ich muß dir etwas sagen!«

Agnes wollte aber nicht sitzen, sie stellte sich erwartungsvoll vor der Frau auf und diese begann: »Es ist jetzt schon vier Wochen alt, das Kleine. Und es gedeiht, siehst du, wie dick und rund seine Bäckchen sind? Aber es ist ja noch nicht getauft. Das muß jetzt sein, man hat's nur immer hinausgeschoben, weil ich so krank war. Und jetzt soll am Sonntag die Taufe sein, das habe ich dir sagen wollen.« Agnes nahm diese Nachricht sehr wichtig auf, aber die Frau fuhr noch fort:

»Ich habe gedacht, du könntest, wenn du gerne wolltest, das Kindlein in die Kirche tragen. Schwester Margarete geht dann mit dir und nimmt es gleich, wenn dir's zu schwer wird.«

»O, das wird mir nicht zu schwer,« rief Agnes in lautem Jubel. »So ein kleines Dinglein ist nicht schwer. Der Einsatz ist auch nicht so leicht,« setzte sie mit bescheidenem Stolz hinzu.

»Ja, ich weiß,« sagte die Frau. »Den brauchst du jetzt aber auch nur noch diese Woche zu holen. Dann kann ich wieder selber kochen. Gott Lob und Dank für alles! Und dir danke ich auch für alles!«

Agnes wurde rot; es brachte sie in Verlegenheit, daß die Frau so sagte, so kürzte sie das Gespräch ab und hüpfte weiter. Die Freundinnen mußten es ja auch gleich wissen, daß sie das Kindlein tragen dürfe. Und dann war es noch der Mutter zu erzählen und der Großmutter und dann noch den Geschwistern und Mina, der Magd, und Gottlieb, dem Knecht. Dem Vater konnte man es erst am Mittagessen sagen, er war nicht früher zu Hause.

Diese Mitteilung war am Mittwoch gemacht worden und Agnes konnte den Sonntag kaum erwarten.

An Mimi zu denken, war gar keine Zeit mehr. Sie konnte sogar ohne Schmerz die netten, übereinander purzelnden Kätzlein ansehen, die das Dorle noch immer am Leben ließ, vielleicht in der Hoffnung, daß jemand das eine oder das andere aufziehen wolle. Denn das Dorle war eine große Tierfreundin und Wilhelm Schluchter hatte ihr damals sehr Unrecht getan. Am Samstag traf Agnes diesen, der ein großer, kräftiger Bube war, im Stall, als sie die Milch holte.

Er hatte eben zwei Kätzlein auf dem Arm. »Wohin damit?« wollte Agnes wissen. »Das Dorle hat sie mir geschenkt,« sagte er.

»Ich verhandle sie in der Schule um Äpfel.« »Au, du drückst sie ja ganz zusammen,« rief Agnes. »Du plagst die Tierchen. Und in der Schule plagen sie die Buben gewiß auch.«

»Das geht dich nichts an,« sagte der große Bube. »Umbringen tue ich keins!« Damit rannte er davon. Agnes gelüstete es stark, die andern Kätzlein mit nach Hause zu nehmen, denn sie wollte gern ein jedes beschützen, daß es nicht in die Hände der Buben falle.

»Aber ich kann gewiß keins brauchen,« dachte sie und trat mit ihrem Milchtopf den Heimweg an. Sie hatte noch so viel zu tun, daß sie nicht wußte, wo anfangen, und die Mutter hatte schon oft gesagt, daß man nicht so vielerlei auf einmal beginnen solle.

Der Sonntag kam und auch die Zeit des Kirchgangs. Agnes schritt stolz und glücklich mit ihrer Last zur Kirche. Ein bißchen schwer wurde ihr das Kindlein doch nach und nach, aber sie hielt wacker aus. Erst in der Kirche nahm es Schwester Margarete auf den Arm. Sie war die Patin und das Kindlein bekam auch ihren Namen, und seine Mutter sagte: »Wenn es nur so geschickt und fromm und fröhlich wird wie seine Patin, dann kann man zufrieden sein!«

»O Großmutter,« sagte Agnes am Abend, als sie miteinander von dem Festkaffee, den die Großmutter gespendet hatte, nach Haus gingen, »o Großmutter, manchmal denke ich, daß es immer netter wird! Zuerst habe ich immer nur die Puppen gehabt, dann die Mimi, das war auch sehr nett! Und jetzt habe ich das kleine Margretle! Seine Mutter sagt, es gehöre mir auch mit! Und man kann noch gar nicht wissen, was dann noch kommt!«

»Das ist wahr,« sagte die Großmutter. »Es kommt gewiß noch viel Schönes.« Und Agnes legte sich glücklich und froh zur Ruhe und dachte noch im Einschlafen daran, daß gewiß noch viel Schönes komme. Und es kam auch eins nach dem andern. Man sah nicht immer gleich, daß es schön war, man mußte oft etwas hergeben, aber dann gab der liebe Gott etwas zum Ersatz dafür und das war allemal schöner als das vorige.

11. Eine Reise in die Welt.

Im Pfarrgarten zu Teufenrot wurde eine wichtige Beratung gehalten. Auf einem niedrigen Mäuerchen saß das Pfarriele und hatte einen Strickstrumpf in der Hand, ohne zu stricken.

Das Pfarriele hieß eigentlich Maria, aber da man im Haus Mariele zu ihm sagte, so hatten die Leute im Dorf auch angefangen so zu sagen und da es zu umständlich war, jedesmal »des Herrn Pfarrers Mariele« zu sagen, und man doch wissen mußte, von welchem Mariele man sprach, so hatte man alles in ein Wort zusammengezogen und Marie hieß im ganzen Dorf »Pfarriele.« Also das Pfarriele strickte nicht, sondern unterhielt sich sehr eifrig mit ihrem Bruder Rudolf, der den ganzen Inhalt seiner Taschen, Schnüre, Kürbiskerne, einen blauen Glasscherben und dergleichen wertvolle Dinge, auf dem Mäuerchen ausgebreitet hatte. »Ich brauche fast alles,« sagte Rudolf jetzt ernsthaft, »ich muß alles, bis auf die alten Brotrinden, in meine Sonntagshosen stecken. Man kann nie wissen, was man unterwegs braucht.« »Aber man kriegt vielleicht auch etwas geschenkt,« sagte Pfarriele. »Und dann hast du gar keinen Platz in den Taschen.« Das war nun auch wieder wahr und das Ende vom Lied war, daß Rudolf die Kürbiskerne in die Obhut seiner Schwester gab. »Den Scherben brauche ich aber nötig, ich will in der Eisenbahn immer durch das blaue Glas sehen, es ist so schön, wenn alles blau aussieht, die Bäume und die Häuser und alles,« meinte er und dawider konnte Pfarriele nichts sagen. Die Pfarrerskinder hatten, seit sie lebten, die Welt immer grün gesehen, das kam ihnen nun nicht mehr so besonders prächtig vor. Teufenrot liegt ganz tief im Schwarzwald versteckt. Gleich am Ende des Dorfes fängt der Wald an, hoher, dichter, prächtiger Tannenwald. Es ist nicht aufzuzählen, wieviel Schönes und Lustiges der Wald bot. Erdbeeren und Heidelbeeren konnte man in Menge finden und später auch Himbeeren und Brombeeren. Und Stechpalmenzweige mit roten Beeren daran konnte man ins Haus holen und im Winter alle Stuben damit schmücken, so daß es immer festlich aussah. Wie gesagt, man kann lang nicht alles aufzählen. Aber die Kinder waren doch mit ihren Gedanken viel in der Welt draußen und stellten sich das Land, das gleich hinter dem Schwarzwald anfange, ganz wunderschön vor.

[Illustration]

Daran war zum großen Teil die Babett schuldig, die einst zwanzig Jahre lang bei der Tante Oberkonsistorialrätin in Stuttgart gedient hatte. Jetzt war sie, seit Mariele auf der Welt war, im Pfarrhaus in Teufenrot und versorgte Küche und Garten und half der Frau Pfarrer bei den Kindern und im Haus, als ob sie ihr Leben lang Pfarrmagd gewesen wäre. Aber das hielt sie nicht ab, den aufhorchenden Kindern immer wieder aufs neue vorzuerzählen, wie so gar schön und prächtig es sei in Stuttgart. Vom Königsschloß und den Springbrunnen und Blumenbeeten auf dem Schloßplatz, von den Anlagen und dem Schwanenteich, vom Tiergarten ganz besonders, und dann noch von den Soldaten in blitzenden Uniformen und von der Musik der Wachtparade, von dem allem wußte die Babette immer wieder neues zu sagen. Da war es denn kein Wunder, daß Rudolf und Mariele kein höheres Verlangen mehr kannten, als einmal diese Herrlichkeit mit Augen zu sehen. Das sollte nun morgen dem Rudolf widerfahren. Mariele war älter, sie war schon sieben Jahre alt und Rudolf erst sechs, und es war der Schwester zuerst etwas bedenklich gewesen, daß sie nicht zuerst verreisen dürfe. Aber der Papa mußte mit Rudolf zum Arzt, denn dieser hatte ein schlimmes Ohr. »Ein Trommelfell hab ich drin,« hatte Rudolf den Bauernbuben erzählt, und diese hatten es zu Hause weitergesagt und im ganzen Dorf war großes Bedauern, daß das Pfarrersbüblein so etwas ungutes in sich drin habe. Denn sie verstanden die Sache nicht so recht. Da aber das Trommelfell nicht weh tat und sonst sehr viel Verlockendes mit der Reise zusammenhing, so konnte sich Rudolf ungestört auf dieselbe freuen. Und Mariele, das die Mutter ermahnte, es solle froh und dankbar sein, daß es ganz gesund sei, freute sich mit und hatte mit Rudolf eine ganze Menge zu bereden, lauter Dinge, die das große Ereignis betrafen.