Chapter 9 of 18 · 3899 words · ~19 min read

Part 9

Gretel kam sich wie ein Mütterlein vor. »Bleibt einmal ruhig sitzen,« sagte sie. »Lotte hat eine gute Salbe, und ich will dir den Finger verbinden. Dann hole ich einen ganzen Pack farbige Flecke, und wir machen miteinander ein Kleid für meine Ida.« Letzteres war eine alte Puppe, die auch in der Schublade des Gartentisches lag und allerdings ein neues Kleid nötig hatte.

Sofie kam sich vor wie im Traum. Sie ging noch nicht in die Schule, und es war jeden Tag ihre Pflicht, das Brüderlein zu hüten, und gezankt wurde sie auch jeden Tag. Die Mutter nähte Handschuhe für eine Fabrik, und der Vater war auch in einer Fabrik, und eigentlich sollten die Kinder nur zum Essen und Schlafen heimkommen. Da saßen sie denn meistens miteinander auf einer Hausstaffel und sahen zu, was sich auf der Straße ereignete, und das war nicht gerade viel. Und jetzt saßen sie in dem Gärtchen, das ihnen wunderschön vorkam, und das Mädchen in dem schönen blauen Kleid spielte mit ihnen, und man wußte gar nicht, was nun alles noch kommen würde.

Für einmal begann nun ein fröhliches Spiel der drei miteinander. Fritzchens trübseliges Gesicht leuchtete hell auf, als ihm Gretel einen hohen Turm bauen half, den er dann mit glatten Kieselsteinen wieder einstürzen durfte. Und Sofie drückte die Puppe Ida so zärtlich an sich, daß Gretel großmütig sagte: »Du kannst sie behalten, ich habe noch viele.« Das neue Kleid war etwas mangelhaft geraten, man mußte es hinten künstlich zusammenbinden, daß es hielt, aber dem armen Kinde dünkte es ein Prachtstück zu sein. »Ja ganz behalten und mit heimnehmen?« fragte Sofie zaghaft. »Ja, freilich.« Gretel mußte ein wenig lachen. »Und heute Nachmittag kommet ihr wieder und alle Tage, so lang ich Vakanz habe.«

Da ertönte im Haus die Essensglocke, Gretel mußte hinein, und aus dem hochgelegenen Fenster des trübseligen Hauses, in dem die Kinder wohnten, rief eine Männerstimme: »Wo steckt ihr nur auch? Flugs zum Essen!«

Man konnte es kaum glauben, daß der Vormittag schon vergangen sei, der so trüb und langweilig begonnen hatte. Die armen Kinder waren noch nicht leicht so vergnügt ihre Treppen hinaufgestolpert wie heute, und sie hatten immer noch etwas zu erzählen und dann noch etwas, als sie dann mit Vater und Mutter am Tisch saßen. Die Mutter hatte das kleinste Brüderlein aus dem Wagen genommen. Sie sah auch ein wenig aufgeheitert aus, denn sie hatte heute vormittag so ungestört arbeiten können, wie schon lang nicht mehr. Der Kleine hatte geschlafen, und die beiden größeren Kinder hatten sich auch nicht blicken lassen. Und daß diese jetzt so vergnügt heimkamen, freute die Mutter auch. Sie wollte ja nicht böse sein und hatte ihre Kinder auch lieb, aber sie mußte helfen, Geld zu verdienen, da wußte sie oft nicht recht, wo anfangen, und schob dann die Kinder aus dem Weg, wo sie nur konnte.

»Und heut nachmittag dürfen wir wieder kommen und alle Tage,« schloß Sofie ihren Bericht, und Fritz fügte hinzu: »Ja und ein Gesälzbrot kriegen wir; die Gretel hat's gesagt.«

Daheim hatte man sich nicht wenig gewundert, als Gretel so vergnügt zum Essen kam. Sie hatte den ganzen langen Vormittag niemand belästigt und keinerlei Unfug angestiftet, und nun erklärte sie, daß sie auch am Nachmittag so viel zu tun habe, daß sie kaum wisse, wo beginnen. Die Mutter sah erfreut auf ihr Töchterlein. Sie war selbst so viel in Anspruch genommen, und es bedrückte sie oft, daß sie sich nicht mehr um Gretel annehmen konnte, und über diese Vakanzzeit hatte sie sich schon viele Gedanken gemacht. Jetzt sagte sie liebreich: »Das ist recht, Gretel, daß du so ein nettes Amt gefunden hast. Ich komme dann einmal zu euch hinaus und sehe nach, was das für Kinder sind und was ihr treibet. Und an einem Vesperbrot soll's auch nicht fehlen.« Das war der erste schöne Tag, und ihm folgten noch viele. Gretel hat niemand mehr langweilig und verdrießlich gesehen. Denn früh am Morgen mußten die Aufgaben gemacht werden, darauf hielt die Mutter streng. Und dann ließ sich Gretel mit großer Bereitwilligkeit zum Bäcker und Metzger schicken, denn es lag ihr daran, die mächtige Christine gut zu stimmen; es gab so oft etwas Gutes, das sie gern ihren Schützlingen bringen wollte.

Diese standen, wenn Gretel hinunterkam, allemal schon wartend am Gitterpförtchen, jetzt immer mit glänzend sauberen Gesichtern und reinen Schürzen, und dann ging das Freudenleben immer wieder von neuem an. Das einjährige Brüderlein war jetzt auch oft dabei. Sofie hatte es eines Tages auf dem Arm gehabt und zaghaft gefragt: »Dürfen wir mit dem Kleinen auch noch herein? Ich muß ihn jetzt auch hüten!« Sie hatte nicht begreifen können, daß Gretel in hellen Jubel ausgebrochen war. Ihr kam es nie so besonders nett vor, den schweren Paul zu schleppen, und sonst wußte sie nichts mit ihm anzufangen. Gretel hatte sich aber schon lang ein kleines Brüderlein gewünscht, und nun trug sie in lauter Freude den kleinen Buben ins Gärtchen, spielte mit ihm am Sandhaufen, ließ sich die Haare von ihm zausen und erfand immer wieder neue Belustigungen. Sofie hatte nur zu staunen. So unterhaltend war ihr das Brüderlein noch nie vorgekommen. »Mutter,« sagte sie eines Tages beim Heimkommen, »die Gretel sagt, Paul sei das nettste Kindlein, das es geben könne, sie möchte es nur ganz behalten.« »Das glaube ich,« sagte die Mutter, »daß sie das möchte.« Sie nahm den Kleinen auf den Schoß und zog eins seiner blonden Löckchen über den Finger: »Aber wir geben's nicht her, gelt?«

Die Mutter war überhaupt viel vergnügter seit einiger Zeit. Sofie fürchtete sich gar nicht mehr vor dem Heimkommen. Sie wußte nicht, daß die Mutter oft dachte, wenn andere Leute so eine Freude an ihren Kindern haben, so könne sie es wohl auch, denn ihr gehören sie ja doch zuerst. Und der Vater sah auch heiterer aus, wenn er heimkam, und jedes etwas Vergnügliches zu erzählen wußte, und die Kinder so sauber aussahen, und die Stube aufgeräumt war. --

Es war an einem der letzten Ferientage, da kam Sofie eines Nachmittags allein an. »Wir können heut nicht kommen,« sagte sie. »Der Vater hat im Geschäft frei und jetzt machen wir einen Spaziergang alle miteinander. Man nimmt den Kinderwagen mit, und dann kommen wir vielleicht bis in den Wald.« Sofie sah stolz und glücklich aus und sprang lustig davon. Merkwürdig, Gretel war gar nicht betrübt, daß heute ihre kleine Gesellschaft nicht kam. Sie hatte heute morgen eine ihrer Schulfreundinnen entdeckt, die von der Reise zurück war, und es gelüstete sie nun stark, einmal wieder mit Mädchen ihres Alters zu spielen und zu plaudern. Sie war doch auch schon zehn Jahre alt, und den armen Kindern gegenüber war sie immer so eine Art von Mütterlein gewesen. So sah sie ganz vergnügt zu, wie die Familie drüben miteinander auszog, und als bald nachher die Freundin kam, meinte sie, noch nie so vergnügt gespielt zu haben, wie heute. Aber als Klara, so hieß die Freundin, von den Freuden ihrer Reise erzählte und ein wenig mitleidig sagte: »Dir wird's auch oft langweilig gewesen sein!« da schüttelte Gretel den Kopf. »Behüte,« sagte sie, »ich habe so viel Nettes erlebt, man kann es gar nicht aufzählen. Aber auf die Schule freue ich mich doch auch wieder.«

Jetzt hat die Schule schon lang wieder angefangen, und wer weiß, ob Gretel nicht die nächste Ferienzeit irgendwo auf dem Lande verlebt. Denn eine liebe Tante hat sie schon lang eingeladen. Aber so oder so, vor Langeweile braucht sie sich nie mehr zu fürchten. Es gibt überall große oder kleine Leute, denen man eine Freude machen kann, es müssen nicht gerade ein paar arme »Gäßleskinder« sein. Und wer andern Freude macht, wird selber auch vergnügt, das weiß man schon lang, und Gretel weiß es auch.

9. Wie Heini den Rückweg fand.

Der Heini stand ganz oben auf der Bühne, sah zu einem kleinen Guckfenster hinaus und seufzte. Man hätte sich ein wenig wundern können, daß er seufzte, denn er sah gar nicht aus, als ob ihm etwas fehle. Er hatte dicke rote Backen und war stark und gesund. Und dazu steckte er in einem nagelneuen, blau und weiß gestreiften Anzug und neben ihm auf einer Kiste lag ein mächtig großes Butterbrot. Der kleine Eseltreiber, der unten am Haus vorbeizog, wäre glücklich gewesen, wenn er es gehabt hätte. Aber der Heini war noch eher geneigt, den Eseltreiber zu beneiden, als daß er sich selbst beneidenswert vorgekommen wäre. Denn der Hansjörg konnte doch mit seinem Esel nach Herzenslust die schönen Wälder durchstreifen und kam auf all die hohen Berge, die der Heini nur von unten ansehen durfte, und keine ängstliche Tante rief den ganzen Tag hinter ihm drein: »Heini, geh mir ja nicht zu weit! Heini, iß nur ja keine Beeren im Wald! Falle mir nur ja nicht an der Ruine hinunter!«

So arg, wie sich das der Heini nun ausdachte, war es in Wirklichkeit auch nicht. Er steigerte sich nur jetzt unmutig in den Gedanken hinein, daß er zu bedauern sei, und wenn man das tut, so vergißt man dann ganz, wie viel Gutes und Schönes man hat.

Heini war seit vierzehn Tagen hier in einem wunderschön gelegenen Luftkurort im Schwarzwald. Seine Tante hatte ihn mitgenommen und er sollte die ganze lange Sommervakanz hier zubringen dürfen. Sein Name stand gedruckt in der Fremdenliste: Heinrich Speidel aus Stuttgart. Und Heini hatte die Liste mit Stolz an seinen besten Kameraden nach Hause geschickt und fühlte sich sehr als Badegast. Dazu bewohnte er ein kleines Stübchen ganz allein und konnte darin treiben, was er nur wollte. Zu Hause teilte er das Zimmer mit den beiden jüngeren Brüdern, und ein eigenes Kämmerchen war schon lang seine Sehnsucht. Daheim hatte man vom Fenster aus nur den Metzgerladen gegenüber gesehen, hier brauchte Heini nur im Bett die Augen zu öffnen, um dann schon die prächtigen, bewaldeten Vorberge des Blauen zu sehen, auf denen zum Teil noch Ruinen alter Ritterburgen waren. Diese Aussicht war wirklich etwas sehr Erfreuliches; wäre sie nur nicht gar so verlockend gewesen! Den Heini trieb Tag und Nacht das Verlangen, einmal selbst auf diesen Gipfeln zu sein, in dem alten Gemäuer umherzustreichen und dann vielleicht wunderbare Entdeckungen zu machen. Aber die Tante hatte ihn bis jetzt immer auf später vertröstet. Sie war ein wenig leidend und sollte in den ersten Wochen ihres Aufenthalts nicht so große Wege machen. Und sie wollte den achtjährigen Buben durchaus nicht, wie er sich so stürmisch wünschte, allein oder auch nur mit ein paar Kameraden ausziehen lassen, die nicht viel älter waren als er selbst.

Heute waren drei der hier gewonnenen Freunde zusammen nach dem Neuenfels gewandert, einer bewaldeten Bergkuppe, auf der sich eine besonders weitläufige, guterhaltene Ruine befand. Und sie waren für den ganzen Tag ausgezogen, mit kaltem Mittagessen in den Tornistern! Heini hatte flehentlich gebeten, mitzudürfen, umsonst. »Die hiesige Ruine ist noch viel schöner,« hatte die Tante gesagt. »Und du hast dir noch nicht die Hälfte von all den wunderschönen Wegen, Sitz- und Spielplätzen angesehen, die es rings um den Ort her gibt!« Dabei war sie geblieben, trotz allen Aufwands an Bitten und Tränen und zornigem Fußstampfen, den der Heini veranstaltet hatte.

Das war der Schmerz, der den Heini so tief aufseufzen ließ an seinem Guckloch auf der Bühne. Er hatte, soweit man von hier aus konnte, den Weg seiner Freunde mit den Augen verfolgt und dabei düstere Gedanken ausgebrütet. Er wollte doch noch auf den Neuenfels kommen! Auch ohne die Tante! Er war kein solches Wickelkindchen mehr, das man immer an der Hand führen mußte!

Dabei war er gerade, als Fräulein Jettchen auf die Bühne kam, eine der drei alten Schwestern, denen die Fremdenpension gehörte. Fräulein Jettchen war sonst eine sehr gute Freundin von Heini. Sie besorgte die Küche und es verging nicht leicht ein Tag, wo sie das Büblein nicht heranrief: »Komm, komm, Kleiner, da hast du ein warmes Flädchen! Guck einmal, Heini, da habe ich nun gerade noch so ein kleines Lebküchlein gefunden, das mußt du haben!« Sie hatte eine humoristische Art und alle drei Schwestern hatten die Kinder lieb und der Heini konnte es bei ihnen so gut haben, wie er sich nur denken konnte.

Jetzt war Fräulein Jettchen hoch erstaunt, den Wildfang Heini einsam da oben zu finden. Er war sonst fast nur bei den Mahlzeiten im Hause und hatte so viele Kameraden, daß er sie kaum aufzählen konnte.

»Ja, was in aller Welt hat denn das Büblein da oben zu schaffen? Und gar kein vergnügtes Gesicht? Und das Vesperbrot noch unberührt?« Fräulein Jettchen setzte ihren Korb mit Dörrbohnen ab und trat zu Heini heran. Der biß sich fest auf die Unterlippe und sah angelegentlich vor sich hin. Er konnte nicht gut sagen, was er soeben gedacht hatte.

»Unzufrieden? Ei, ei, ei!« Nun mußte das alte Fräulein sehr bedenklich den Kopf schütteln.

»Wenn man's so gut hat, wie du! So eine schöne Vakanzzeit und eine so liebe Tante, die einem so viel Freude macht!«

»Ja, aber auf den Neuenfels hat sie mich nicht mitgelassen,« murrte Heini, »die andern Buben lachen mich aus! Ich hätte gut so weit laufen können! Und ich gehe doch auch noch hin, ich bin auch nicht mehr so klein!«

Fräulein Jettchen hatte sich auf einen Koffer gesetzt und sah sehr feierlich aus. Manche Leute sagten, sie habe manchmal eine Stimme wie ein Pfarrer, und das hatte sie jetzt auch, als sie warnend den Finger aufhob und sagte:

»Kind, Kind, paß wohl auf, daß du dich nicht verläufst! Wenn die Schäflein gar nicht mehr wissen, wie gut sie es auf der Weide haben und wollen's immer ~noch~ besser finden, dann verirren sie sich und der Schäfer muß den Hund hinter ihnen drein jagen. Und manchmal sind sie dann so weit von der Herde weg, daß man sie gar nimmer findet, und dann möchten sie wohl wieder gehorsam und zufrieden auf der Weide sein, wenn sie nur wieder könnten.«

»Ich bin kein Schaf,« sagte Heini trutzig, »und verirren tue ich mich auch nicht, ich finde den Weg schon!«

»Du hast dich schon ein bißchen verirrt, Büblein,« sagte Fräulein Jettchen liebreich, »du bist trutzig und eigensinnig und weißt schon gar nicht mehr recht, wie gut du es hast. Komm jetzt mit mir, Heini, komm! Wir wollen es der Tante gar nicht sagen, daß du unartig gewesen bist, es würde sie betrüben, sie ist schon ~so~ gar nicht wohl! Wer weiß, wenn du jetzt fröhlich und dankbar bist, dann freut sie sich so, daß sie ganz bald mit dir auf die hohen Berge kann, und dann kannst du dich ganz anders freuen!«

Damit faßte das alte Fräulein den Trotzkopf Heini bei der Hand und stieg mit ihm die Treppe hinunter.

* * * * *

»Was denken Sie, Herr Doktor, könnte ich nicht morgen eine Fahrt nach dem Blauen machen? Es ist mir nicht um mich, ich könnte schon noch warten mit solchen Ausflügen. Aber mein kleiner Neffe brennt so sehr darauf, ein bißchen in die Umgegend zu kommen! Es ist noch ein kleiner Kerl, aber ein fester, stämmiger Bursch, und ich möchte gern, daß er mit recht viel Freude an diese Zeit hier zurückdenkt!«

Tante Julie saß in einem Korbstuhl an der sonnigsten Stelle des Gartens und sah erwartungsvoll den alten Doktor an, der im Vorübergehen ein kleines Gespräch mit ihr angefangen hatte. Doktor Stieler schüttelte ein klein wenig den Kopf. »Es wäre mir lieber gewesen, wenn Sie noch eine Woche gewartet hätten,« sagte er dann. »Die Ruhe scheint Ihnen so gut zu bekommen.«

»Meines Bruders Geburtstag ist morgen,« fuhr die Tante fort, »der wird zu Hause auch festlich begangen. Aber freilich, wir wollen ja nicht unvernünftig sein!« -- Der Doktor sah zuerst prüfend den Himmel und dann seine Patientin an. »Wenn sehr schönes Wetter ist und Sie eine gute Nacht haben, so will ich denn auf morgen nichts dagegen einwenden,« war seine Antwort. Und freundlich grüßend schritt der Doktor weiter.

Tante Julie saß noch ein Weilchen ruhig in dem warmen Sonnenschein und überlegte sich ihren Plan auf morgen.

Sie wollte noch eine Bekannte zu der Fahrt einladen, die mit ihrem eigenen kleinen Jungen, einem schmächtigen, zarten Kind in Heinis Alter, ebenfalls zur Kur hier war. Und dann wollte sie einen Esel dazu bestellen, den Liebling aller jugendlichen Gäste, »Lips«, samt seinem sonnverbrannten Führer, Hansjörg. Da konnten dann die kleinen Buben abwechselnd daneben herreiten, und Tante Julie lächelte vergnügt vor sich hin, wenn sie sich Heinis Jubel vorstellte. Eselreiten! das war auch einer der sehnsüchtig erstrebten Genüsse!

Wo der Junge nur steckte? Er hatte sich seit dem abgeschlagenen »Sturm auf den Neuenfels« nicht mehr sehen lassen! Es tat der Tante aber keinen Augenblick leid, daß sie nicht nachgegeben hatte. Im Gegenteil! Heute wollte sie den Heini ganz ruhig seinem Trotzkopf überlassen und dann morgen, ehe sie ihm die große Freude verkündete, ein paar ernsthafte Worte mit ihm reden. Tante Julie verstand sehr gut mit Kindern umzugehen und Heinis Neigung zum Eigensinn war ihr gar nichts Neues. »Es wird schon noch eine Weile dauern, bis er einsieht, daß man nicht mit dem Kopf durch die Wand kann,« dachte sie. Dann stand sie auf und ging ins Haus.

* * * * *

Inzwischen hatte sich der Heini langweilig vor dem Haus umhergetrieben. Er hätte Erlaubnis gehabt, auf den Spielplatz im Kurpark zu gehen, wo es immer viele Unterhaltung gab. Oder er hätte die Tante gut um Erlaubnis fragen können, ob er mit dem Kutscher Ernst ins Heu fahren dürfe. Das hätte sie gern gestattet. Aber es gefiel ihm besser, sich auszudenken, wie hart die Tante sei und wie schlecht er es habe. Und dann dachte er sich noch etwas anderes aus. Der Hansjörg war dem Heini einmal vor kurzem begegnet, als er gleich nach dem Frühstück mit der Tante in den Wald ging. »Woher kommst du schon so bald?« hatte damals die Tante gefragt, die mit allen Leuten gern ein freundliches Wort sprach. Der Hansjörg hatte staubige Füße gehabt und gesagt: »Vom Neuenfels.« »Ist's möglich?« hatte sich Tante Julie gewundert, »da mußt du ja vor Tag aufgestanden sein?« »Vor Tag nicht. Um drei Uhr ist's schon fast hell und ich bin erst um vier Uhr fortgegangen,« sagte der Hansjörg. »Es ist ein Fräulein auf dem Esel hinaufgeritten, das will nachher zu Fuß heimgehen. Und ich muß jetzt gleich mit dem ›Lips‹ auf den ›alten Mann‹!« Damit war der Eseltreiber wichtig weitergeschritten, denn das Geschäft blühte jetzt.

Daran dachte der Heini, als er sich jetzt so allein herumtrieb. Er konnte so gut wie der Eseltreiber, der noch den störrigen »Lips« zu besorgen hatte, in aller Morgenfrühe die Wanderung unternehmen und wieder da sein, ehe man ihn vermißte. Die Tante stand manchmal sehr spät auf, und das tat sie vielleicht morgen auch. Die Richtung, die man einzuschlagen hatte, kannte der Heini gut, und dann sah man ja auch die Ruine immer vor Augen und konnte sich gewiß nicht verirren. Er kam immer mehr in seinen Plan hinein und saß, gegen seine Gewohnheit, eine ganze Weile still auf der Hausstaffel, um sich alles genau auszudenken.

Zwar dem Vater hatte er versprochen, der Tante in allen Stücken zu gehorchen. »Aber ich glaube sicher, der Vater hätte mich mitgelassen,« beschwichtigte der Heini sein mahnendes Gewissen; »und dann, ich bin ja schon wieder da, wenn die Tante aufwacht! Warum ist sie auch so ängstlich und erlaubt einem gar nichts!« Und Heini beschloß, nicht mehr auf die unangenehmen Stimmen zu hören und sich »wie andere Buben auch« auf die Wanderung zu freuen. »Und der Papa kann's erst noch leiden, wenn man kein so Hasenfuß ist! Und ich will auch keiner sein!« -- Damit schloß der Heini seine Selbstbetrachtung. Fräulein Jettchen rief eben zum Abendessen.

* * * * *

Es war ein strahlend sonniger Morgen. Heini glaubte, als er erwachte, noch ganz unerhört früh daran zu sein und staunte höchlich, daß andere Leute auch schon wach waren. Auf der Wiese, die sich hinter dem Haus hinaufzog, saß der Taglöhner Friedrich und dengelte seine Sense; er hatte schon ein großes Stück gemäht. Und im Hof hörte der Heini das Küchenmädchen am Pumpbrunnen. Leise, um die Tante nicht zu wecken, schlüpfte Heini in seine Kleider und schlich sich zur Tür hinaus, die er nur anlehnte. Tante Julie schlief nämlich im Zimmer daneben und sagte oft, daß sie einen sehr leichten Schlaf habe und gut höre, was um sie her vorgehe.

Merkwürdig, es zog den Heini jetzt am Morgen nicht mehr halb so sehr, wie am Tag zuvor, nach dem ersehnten Neuenfels. Und einen Augenblick besann er sich, ob er nicht lieber dableiben wolle. Es war doch auch sehr hübsch in der Nähe. Und das Frühstück im Garten und die Trompetermusik im Kurpark, das war doch auch beides ein Genuß! Aber dann regte sich der böse Trotz wieder. »Ich will aber,« sagte Heini halblaut und schlüpfte zu der angelehnten Haustüre hinaus.

Da lag die Straße vor ihm im hellen Morgensonnenschein. An allen Gräslein und Büschen und Bäumen hingen noch die schimmernden, glitzernden Tautropfen und an den Bergen wogten noch die Morgennebel hin und her, wie weiße Schleier. Und gerade vor dem Heini, hell beschienen, weiß glänzend, stand der Neuenfels, dessen Steinmassen und Mauerstücke aus dem grünen Wald förmlich herausleuchteten. Es sah aus, als ob er ganz nah da wäre. »O, ich kann noch zum Frühstück wieder da sein,« dachte Heini und fing an zu rennen. Er wollte sich die Sache absolut nicht gereuen lassen.

Die weiße, staubige Landstraße, mit frisch gemähten Wiesen zu beiden Seiten, lag hinter dem kleinen Wandersmann. Er trat jetzt in den dämmerigen, kühlen Wald ein, den er auf dieser Seite noch nie betreten hatte. »Fehlen kann man da nicht,« dachte Heini, »die Straße geht ja ganz gleich weiter und der nette kleine Fußweg läuft gerade daneben her, und der ist ganz weich und moosig.« Er schlug jetzt diesen ein, man konnte so schnell gehen auf dem weichen Teppich.

Es war ganz still im Wald, nur hie und da huschte ein Eichhörnchen an den hohen Stämmen hinauf. Deren gab es viele in der Gegend. Heini hätte schon so lange gern eins besessen. Eben jetzt kam ein ganz reizendes Tierchen mit langem buschigem Schwanz ganz nahe heran. Es machte einen possierlichen Satz um den andern, flüchtete sich dann wieder in die Höhe und schwang sich von einem Baum zum andern. Der Heini war ganz hingerissen. »O, o, wenn ich nur so ein Tierchen hätte,« sagte er laut. »O, wenn ich nur eins mit heimnehmen könnte!«

Man kam sehr schnell vorwärts auf diese Art. Nur hatte der Heini gar nicht bemerkt, daß der Fußweg schon lange von der weißen Straße abgebogen war. Er sah es erst, als das Eichhörnchen ganz in der hohen Krone einer riesigen Eiche verschwand. Zuerst erschrak er ein wenig, denn er hatte ja immer der Straße nach gehen wollen. Aber dann sah er wieder etwas Weißes durch die Stämme leuchten und ging gleich darauf zu. Es war auch eine Straße, aber es war nicht die richtige, das wußte aber der Heini nicht. Er ging nun lange auf dieser weiter und wunderte sich nur immer im stillen, daß es so lange eben fortging. Der Berg hätte seiner Meinung nach schon längst beginnen sollen.

[Illustration]

Heini fing auch schon an, etwas müde zu werden. »Ich könnte ein ganz klein wenig hinsitzen,« dachte er. »Nicht lange, sonst komme ich am Ende doch zu spät.«

Es gab schöne Brombeeren am Wege. Sie waren erst halbreif, aber dem Heini schmeckten sie doch. Es war sonderbar, er hatte Hunger, und es konnte doch noch lange nicht Frühstückszeit sein. »Das kommt vom Frühaufstehen,« dachte Heini. »Ich bin es nicht gewöhnt.«