Chapter 3 of 18 · 3961 words · ~20 min read

Part 3

Jaköble rieb sich verwundert die Augen. »Wo ist der Handwerksbursch?« fragte er. »Es ist weit und breit kein Handwerksbursche,« beruhigte ihn der Andresvetter und fühlte dem Buben an den Kopf, ob er Hitze habe. »Ich bin nicht krank,« sagte der Jaköble, »und ich habe nur so laut geschrien, weil der Handwerksbursche gesagt hat, ich könne nicht ›Ja‹ sagen und er sei selber der Jaköble.«

Und nun mußte der Andresvetter den ganzen Traum hören, denn der Jaköble war in seinem Weidenbaum eingeschlafen gewesen und hatte das alles geträumt.

»Aber du kannst froh sein, Büblein,« sagte der Vetter. »Du kannst Gott Lob und Dank sagen! Siehst du, gerade so hätt's kommen können, wenn es so fortgegangen wäre wie in der letzten Zeit! Gerade so, und dann wärst du dein Leben lang unglücklich! Aber gelt, jetzt merkst du dir's, jetzt kommt's anders?« Der Jaköble nickte mit dem Kopf, aber dann fiel ihm ein, daß er ja jetzt »Ja« sagen könne und er sagte noch hintennach laut und deutlich »Ja«. »So komm, so wollen wir ins Haus gehen,« sagte der Vetter. »Das Mittagessen ist lang vorbei, man hat dich nirgends gefunden.« »Ist der Vater in die Stadt mit der Liese?« fragte Jaköble. Es fiel ihm doch ein wenig schwer. »Nein, sie sind nicht gefahren,« sagte der Andresvetter. »Die Liese hat nicht ohne dich wollen, sie hat so lang gebettelt, bis der Vater versprochen hat, wenn es dir nachher noch leid sei, dann dürfest du es immer noch sagen und dann fahre man morgen.« »Ist das wahr?« Der Jaköble machte nun auch einen Luftsprung, denn es wurde ihm so leicht, wie schon lange nicht. Er ließ die Hand des Andresvetters los und lief voran ins Haus. Dort traf er den Vater unter der Stubentür. Der sah ihn ernsthaft an, aber der Jaköble ließ ihm gar keine Zeit, etwas zu sagen, er rief gleich laut und fröhlich: »Ja, ja,« denn sonst fiel ihm nicht gleich etwas ein. Aber der Vater verstand ihn gut und sein vergnügtes Gesicht sagte auch noch einiges. So gingen sie miteinander zur Mutter. Die fütterte eben den kleinen Ludwig und rief erfreut: »Da kommt er ja! Wo bist du denn gesteckt, Jaköble, du dummes Büblein?« »Er will jetzt brav sein und vergnügt,« sagte der Vater, »gelt, das willst du?« Und Jaköble sagte »Ja«, denn es kam ihm immer wieder in den Sinn, daß der Handwerksbursche gesagt hatte, er könne nicht »Ja« sagen. Er spürte aber gut, daß es nicht an dem einzigen Wörtlein liege, sondern daß er nicht mehr so trotzig und mürrisch und undankbar sein dürfe. Und das sagte ihm auch die Mutter am Abend, als er in seinem Bettchen lag.

So wohl war es dem Jaköble schon lang nicht mehr gewesen, alle waren so lieb und gut gegen ihn, auch die Liese; warum hatte er nur gemeint, es könne ihn niemand leiden? »Das hat der Eigensinn gemacht,« sagte der Andresvetter, als ihn der Jaköble am andern Tag darum fragte. »Und jetzt will ich dir einmal das Verslein sagen, das ich schon lang wollte, ich meine, du könntest es jetzt gut lernen.« Und Jaköble sagte dem Andresvetter Wort für Wort nach:

»Jesu, nimm den Eigensinn Meines bösen Herzens hin, Denn ich selbst besieg' ihn nicht, Hilf du selber, wo's gebricht!

Ach, vergrab ihn in ein Grab, Daß ich Ruhe vor ihm hab', Daß er nimmer aufersteh', Sondern ewig untergeh'!«

Das hat dem Jaköble noch besser geholfen, als der Traum von dem Handwerksburschen. Denn den Eigensinn muß man gründlich vertreiben, sonst kann man nicht fröhlich sein.

Das ist die Geschichte vom Jaköble, der nicht »Ja« sagen konnte. Jetzt kann er's.

5. Kätterles Christbaum.

Mitten in der großen Stadt in einer engen Straße stand ein hohes, hohes Haus mit vielen Fenstern und grünen Läden. Es wohnten viele Leute darin, so viele, daß nicht alle einander kannten. Unten im Haus war ein Laden und das Glöckchen an der Ladentür bimmelte den ganzen Tag. Denn die Tür ging immer auf -- zu, auf -- zu, und jedesmal kamen Leute herein und kauften ein. Zucker und Kaffee konnte man haben, und Reis und Gerste. Aber auch Mandeln und Rosinen und Schokolade. Am Schaufenster stand ein großer, kohlschwarzer Neger, kein lebendiger, er war aus Pappdeckel und angemalt, der trug einen Korb vor sich her mit Orangen und Datteln, und um den Hals hatte er eine Kette von Feigen. Und alle kleinen Buben und Mädchen, die da vorbei mußten, standen einen Augenblick still und sahen sich den Neger an, und ich weiß einen, der sagte dann jedesmal: »O, wenn ich doch auch eine Halskette von Feigen hätte, ich wüßte, was ich damit täte!«

Aber von dem allem hörte und sah das kleine Kätterle nichts, obgleich es auch in demselben Haus mit dem großen Neger wohnte. Und das war kein Wunder, denn um in ihre Stube zu kommen, mußte man vier Treppen hoch steigen und dann durch einen dunklen Gang gehen, bis man dann vielleicht mit dem Kopf an die Türe stieß. Das taten fast alle Leute, die zu Kätterles Großmutter kamen, weil es so finster war. Innen war's freilich nicht finster, da waren zwei helle Fenster. An dem einen saß die Großmutter und nähte, denn sie war eine Flicknähterin, und die Leute brachten ihr ganze Körbe voll zerrissener Sachen. Und an dem andern Fenster stand gewöhnlich das Kätterle und sah in den Hof hinunter. Denn sonst gab es da nichts zu sehen. Das Haus gegenüber hatte die Fenster nach der andern Seite und hier heraus gingen nur die Küchenfenster, die meist noch mit Vorhängchen verhüllt waren. Aber in dem Hof geschah manches, was Kätterle gern sehen wollte. Kisten wurden abgeladen und ausgepackt, und der große Hofhund Zamba trieb sich dazwischen herum und bellte laut und lustig. Am lustigsten, wenn die Kinder aus den unteren Stockwerken im Hof spielten, denn mit denen war er gut Freund und sie fürchteten sich kein bißchen vor ihm. Kätterle hielt fast den Atem an, wenn einer der größeren Buben das mächtige Tier an sich heraufspringen ließ und ihm einen Knochen dreimal wegnahm und es dreimal darnach springen ließ, ehe es ihn abnagen durfte. So von weitem zuzusehen war aber ganz vergnüglich, besonders wenn man sonst keinerlei Vergnügungen hatte. Geschwister und Kameraden hatte das Kätterle noch nie gehabt, es wohnte da oben, seit es sich denken konnte, und war fast immer so am Fenster gestanden, und jetzt war es fünf Jahre alt.

[Illustration]

Die Großmutter ging oft den ganzen Tag aus. Sie nähte dann in den Häusern, und dann war das Kätterle ganz allein. Wenn sie zu Hause war, sprach sie auch nicht viel, denn sie hörte nur ganz wenig und war auch nicht aufgelegt zum Sprechen. Nur manchmal sah sie das Kätterle an, schüttelte den Kopf und sagte: »Armes Kind!« Die Kleine wußte nicht, warum die Großmutter so sagte, sie besann sich auch nicht darüber. Vielleicht meinte die Großmutter, deswegen, weil das Kätterle seine Eltern nie gekannt habe und weil es sonst niemand habe auf der ganzen Welt als sie, sei es ein armes Kind. Und das war auch so, denn die Großmutter war schon sehr alt und oft recht schwach, und man konnte gar nicht wissen, wie lang sie noch so für die Leute nähen konnte. Und wer sollte dann Geld verdienen für alle beide?

Aber daran dachte das Kind nicht. Eines Tages, als es an sein Guckfenster kam, waren die Dächer und Fenstersimsen voll Schnee, der in der Nacht gefallen war. Und es wirbelten immer noch weiße Flocken in der Luft umher und setzten sich dann ganz sachte nieder, immer ein Flöckchen aufs andere. Aus dem Hof schallten lustige Stimmen herauf. Die Buben schleppten ganze Traglasten Schnee zusammen, und an der Mauer erhob sich nach und nach, immer deutlicher erkennbar, ein Schneemann. Kätterle mochte kein Auge abwenden. Jetzt setzten die Kinder dem Schneemann gar noch einen hohen schwarzen Hut auf und gaben ihm einen Stock in den Arm, und dann jubelten sie laut hinaus vor Vergnügen. Vor lauter Lust am Zusehen hatte das Kätterle ganz überhört, daß die Großmutter schon dreimal gerufen hatte, und das war doch etwas Seltenes und geschah nicht oft. »Kind, so hör doch,« sagte die Großmutter nun, so laut sie konnte, so daß sich die Kleine wirklich umkehrte und erstaunt aufhorchte. »Da nimm einmal mein warmes Tuch und binde es ganz um dich herum,« fuhr die Großmutter fort. »Und dann geh hinunter in den Laden, ganz unten im Haus und hol mir Kaffee für das eingewickelte Geld. Ich kann nicht selber, meine Füße zittern so und es ist mir ganz elend!« Das war nun etwas völlig Neues für Kätterle. Die Großmutter brachte sonst immer alles, was sie brauchte, selbst mit und die Kleine war fast noch nie drunten gewesen, allein noch gar nie. »Aber wenn Zamba kommt?« fragte sie ein wenig zaghaft. »Kommt nicht,« beschwichtigte die Großmutter, und Kätterle machte sich auf die Reise. Wie weit es da hinunter ging! Immer noch eine Treppe und dann mußte man schließlich zur Haustür hinaus und vornen zur Ladentür hinein. Ganz verwundert blieb Kätterle stehen, als sie die nach der Straße zu führende Türe geöffnet hatte. Was konnte nur sein, daß alle Leute so schnell gingen? Und fast alle trugen Pakete unter dem Arm und einige sogar Tannenbäume. Und im Schaufenster stand heute anstatt des Negers ein schön aufgeputzter Christbaum mit Zuckerfiguren und roten Äpfelein, und Kätterle konnte sich fast nicht von dem Anblick trennen. Als sie in den Laden trat, fragte die Frau: »Gehörst du nicht unserer alten Flickkatharine droben?« Das Kind nickte, denn es hatte die Großmutter schon manchmal so nennen hören. »Warum kommt sie denn nicht selber heute?« wollte die Frau wissen. »Ihre Füße zittern so und es ist ihr so elend,« berichtete Kätterle, denn das war alles, was es wußte. »Armes Kind,« sagte die Frau und wandte sich an ihren Mann: »Man muß dem alten Weib ein wenig aufhelfen mit einem Wein oder so! Sie treibt's so wie so nimmer lang!«

Dann gab sie dem Kind die Düte und noch eine Feige in die Hand und sagte noch: »Einen Christbaum habt ihr doch auch noch nicht? Ja, dazu langt's freilich nicht bei so armen Leuten!« Das Kätterle war schon wieder hinausgeschlüpft und besann sich nun unterwegs, während es in seine Feige biß, über alles Neue, was es gesehen und gehört hatte. Der Christbaum! War der schön! Kätterle mußte tief aufatmen! Die Großmutter hatte ihm auch einmal einen geputzt, mit etlichen Lichtchen und Bretzeln dran, ein kleines Bäumlein, aber es war doch eine Freude und Herrlichkeit gewesen. Und jetzt kam scheint's der Christtag wieder. Kätterle nahm sich vor, das der Großmutter sogleich beim Hinaufkommen auseinanderzusetzen, wahrscheinlich hatte sie es nur vergessen.

Eifrig stieg das Kind die Treppen empor. Da, es hatte schon drei erstiegen, ging eine Glastür auf und eine alte Dame, die ganz in einem bunten Schlafrock steckte, kam heraus. Sie sah etwas sonderbar aus, denn am Kopf hatte sie lauter weiße Papierchen und darüber waren die Haare gewickelt.

Kätterle mußte genau hinsehen, denn so etwas hatte sie noch nie erblickt. Aber Fräulein Glöckler, so hieß die alte Dame, war sehr in Aufregung. »Sag einmal, Kind,« fing sie sogleich an, »gehörst du der alten Frau, die ganz oben wohnt? Gehen eure Fenster auf den Hof? Und habt ihr ein Schnittlauchkistchen vor dem einen Fenster?« Kätterle konnte nur immerfort nicken, denn es stimmte alles, und die Fragen kamen so schnell aufeinander, daß man sonst gar nichts sagen konnte.

»Dann muß ich mit dir hinaufgehen! Denn dann kann man das Kätzchen von eurem Fenster aus holen! Es hat sich verstiegen, das arme Tierchen, und sitzt nun ganz oben am Dach und schreit so kläglich. Komm mit, komm schnell mit, Kind, und zeig mir den Weg.«

Kätterle ging bereitwillig voran und die Dame keuchte hintendrein, aber in dem langen Gang mußte sie Kätterles Hand erfassen, sonst hätte sie sich bei jedem Schritt gefürchtet.

Jetzt machte das Kind die Tür auf und Fräulein Glöckler eilte noch vor ihm in die Stube, denn sie hatte es sehr eilig, zu dem Kätzchen zu kommen. Aber auf einmal blieb sie stehen. »Was ist das?« rief sie erschrocken und eilte auf die Großmutter zu. Die saß noch an ihrem gleichen Fensterplätzchen, aber sie sah aus, als ob sie fest schlafe, denn der Kopf hing ihr ganz tief über die Brust herunter. Fräulein Glöckler schüttelte sie und rief laut: »So wachen Sie doch auf, Frau! Was ist denn nur?« »Sie hört nichts,« berichtete das Kind, »man muß ganz laut und oft rufen!« Aber das lebhafte Fräulein war auf einmal ganz still geworden.

»Das nützt nichts, laut zu rufen,« sagte sie nur zu Kätterle, »die Großmutter wacht nicht mehr auf.« Das wunderte das Kätterle sehr, denn es konnte nicht verstehen, was damit gemeint sei. Daß nämlich die Großmutter jetzt gerade, so lang es drunten war, gestorben sei und nie, gar nie mehr aufwachen würde. Dann fuhr das Fräulein fort: »Wen hast du sonst noch? Hast du einen Vater oder einen Onkel? Oder wen muß man rufen, daß er das Nötige besorgt?«

»Man muß niemand rufen, als nur der Großmutter und sonst ist auch gar niemand,« sagte das Kätterle. Das Fräulein sah wohl, daß das Kind nicht wußte, wie es dran war. So holte sie sich jetzt ihr Kätzchen, das man wirklich vom Fenster aus gut erreichen konnte, und nahm es auf den Arm. Zu Kätterle sagte sie: »Setz dich nur einstweilen still hin, ich schicke dir jemand.« Dann ging sie, um der Kaufmannsfrau unten alles mitzuteilen. Das Kätterle saß auch wirklich still. Es hatte so viel erlebt und mußte sich jetzt über alles besinnen. Es kam ihm so merkwürdig vor, daß die Großmutter noch immer ganz gleich dasaß und sich nicht rührte. Und dann das Fräulein mit dem sonderbaren Kopfschmuck! Und dieses wollte wieder jemand schicken! Und über all den vielen Gedanken schlief das Kind auf seinem Tritt am Fenster sitzend ein und träumte etwas ganz Wunderschönes. Denn der Christbaum vom Laden unten stand auf seinem Tisch und alle Lichtchen brannten und der Baum gehörte ihm, dem Kätterle. Und dann war auch das Fräulein Glöckler da, aber mit einem netten Spitzenhäubchen auf, und sprach ganz freundlich mit Kätterle, und das schwarz- und weißgefleckte Kätzchen schnurrte dazu.

Auf einmal machte das Kind verwundert die Augen auf, es hatte fremde Stimmen gehört und jetzt waren zwei Männer da und noch die Kaufmannsfrau von unten. »Tot ist sie, darüber ist kein Zweifel,« sagte der eine Mann. Und der andere fügte hinzu: »Da könnte man dann sogleich alles besorgen, daß die Sache erledigt ist.« Die Frau strich dem Kind über das Haar und sagte: »Jetzt bist du erst ganz verlassen, armes Ding! Bleib nur einstweilen ganz ruhig an deinem Fenster, ich schicke dir eine Suppe herauf. Und was dann aus dir wird, das weiß freilich der liebe Gott! Ich muß jetzt schnell wieder in meinen Laden hinunter, und drunten kann ich dich nicht brauchen, verstehst du?«

Ach nein, das Kätterle verstand nichts von allem, gar nichts! Am allerwenigsten das, warum die fremden Leute jetzt die Großmutter in einen dunkeln Kasten legten und forttrugen. Jetzt erst fing es an, bitterlich zu weinen, denn es kam sich nun wirklich einsam und verlassen vor, ganz anders als sonst, wenn die Großmutter ganze Tage lang fortgewesen war.

Aber die Kaufmannsfrau hatte gesagt: »Was dann aus dir wird, weiß nur der liebe Gott.« Und das war auch wahr, und es war ganz genug, daß er es wußte.

Das Fräulein Glöckler unten hatte sich einstweilen ihre Haare abgewickelt, es hatte schöne Locken gegeben, und dann hatte sie ein hübsches Kleid angezogen und ein kleines Spitzenhäubchen aufgesetzt. Denn sie wollte gern festlich aussehen, weil heute der heilige Abend war. Auf dem Tisch stand ein kleines Tannenbäumchen, das war mit Lichtchen und Zuckersachen und vielen kleinen Würstchen behängt, und das sollte für ihr Kätzchen sein. Denn das Fräulein hatte niemand auf der ganzen Welt und liebte nur ihr Kätzchen, das Mimi hieß und in einem gepolsterten Körbchen schlief. Aber auf einmal hörte das Fräulein ein leises Weinen; das kam von oben her, wo das verlassene Kind so bitterlich schluchzte, daß man's durch die Decke hörte. Fräulein Glöckler ging ins andere Zimmer; sie wollte nicht gern das Weinen hören. Aber da hörte sie es auch und sie ging unruhig hin und her und nahm immer wieder einen Augenblick das Kätzchen auf den Arm und setzte es dann wieder hin. Denn sie mußte immer wieder daran denken, daß das Kind gesagt hatte: »Man kann niemand rufen als nur der Großmutter und sonst ist niemand da.«

[Illustration]

Es wurde schon dunkel, da nahm Fräulein Glöckler das Christbäumchen und löste alle Würstchen aus den Zweigen und dafür holte sie aus einer Schublade Glaskugeln und einen kleinen Wachsengel und zwei Silbersterne. Das alles hängte sie an das Bäumchen und zündete die Lichtchen an. Dann stieg sie die Treppe hinauf, tastete sich durch den dunklen Gang und fand auch richtig die Tür. Da saß das Kätterle und hatte sich in den Schlaf geweint. Und es schlief so fest, daß es gar nicht merkte, wie es von dem alten Fräulein auf den Arm genommen und hinuntergetragen wurde. Es machte erst die Augen auf, als es in der Sofaecke saß und der Glanz der brennenden Lichtlein auf sein Gesicht fiel.

Kätterle rieb sich verwundert die Augen und das Fräulein lachte ganz vergnügt und das Kätzchen schnurrte dazu. Das hatte seine Würstchen auf einem Teller vor sich und war ganz zufrieden damit. Denn Katzen wissen nichts mit Christbäumen anzufangen, und der liebe Gott hatte gewollt, daß das Bäumchen für das Kind und nicht für das Kätzchen sein sollte.

Bald war das Kätterle so vergnügt, wie andere Kinder auch am heiligen Abend. Denn das Fräulein hatte ihm einen ganzen Teller voll guter Sachen geschenkt und dann so lieb und freundlich mit ihm gesprochen, wie sogar die Großmutter nie getan hatte.

Am andern Tag kam das Kätzchen heran, als Kätterle auf Fräulein Glöcklers Schoß saß und sich von ihr Bilder zeigen ließ. Es schnurrte, so laut es konnte, denn das war ihm noch nie begegnet, daß seine Herrin stundenlang gar nichts mit ihm gesprochen hatte. Aber diese merkte es gar nicht, so vergnügt war sie über ihr neues Pflegekind. Und das hatte der liebe Gott auch so gewollt, denn sie waren alle beide verlassen und einsam gewesen, und jetzt war beiden geholfen.

Ein paar Tage später kam die Kaufmannsfrau von unten und sagte: »Das war recht, daß Sie sich so um das Kleine angenommen haben. Es fällt Ihnen nun nicht mehr lang zur Last, es soll ins Waisenhaus kommen!« »Ei behüte,« sagte das Fräulein und nahm das Kind fest in den Arm. »Ich geb's nicht mehr her, gelt, Kätterle, wir bleiben beisammen?«

Und das Kind nickte mit strahlendem Gesicht.

»Das muß wahr sein,« sagte die Kaufmannsfrau, als sie wieder in ihren Laden ging, »es passieren doch merkwürdige Sachen! Das weiß der liebe Gott!«

6. Die Gottswillenkinder.

Da, wo sich im Badener Land der Schwarzwald gegen das Rheintal hin öffnet, liegt ein stattliches Dorf. Es schaut von einer Anhöhe herab und freundlich und heimelig ins Land hinein mit seinen sauberen, schindelgedeckten Häusern, die helle Fenster haben und blühende Blumengärtlein zu beiden Seiten der Haustür.

Gleich hinter dem Dorfe fängt der Wald an. Er steht wie eine schützende Mauer hinter den Häusern, während sich die fruchtbaren Felder talabwärts, in die Ebene hinein, erstrecken. Dort, ein wenig vom Ende des Dorfs entfernt, schon fast im Schatten des Waldes, steht ein kleines, weißes Haus mit grünen Läden und einer zierlichen Veranda. Die Tür ist von Efeu umrankt und das Häuschen sieht so fröhlich aus, als ob gar niemals etwas Düsteres darin Platz finden könnte. Ehe die Sonne untergeht, winkt sie allemal noch einen freundlichen Abschiedsgruß herüber und dann glänzen alle Fensterscheiben so golden, als wäre das Häuschen ganz mit Sonnenschein angefüllt.

Einst, vor Jahren schon, konnte man an solchen sonnigen Abenden eine dunkle Frauengestalt unter der Türe sitzen sehen. Sie sah ganz und gar nicht aus, als ob sie viel von Sonnenschein wisse. Denn ihr Gesicht hatte einen tieftraurigen Ausdruck und manchmal legte sie die Hand vor die Augen und stöhnte leise. Man konnte von ihrem Sitz aus so viel Schönes sehen, daß wohl mancher froh gewesen wäre, es sehen zu können. Da glitzerte ganz unten im Tal der Rheinstrom wie Silber und Gold, wenn die Sonne hineinschien, und dahinter waren wieder Berge, die Vogesen, die am Morgen weiße Nebelschleier trugen, und am Abend, wenn die Sonne unterging, rot und golden angemalt schienen. Aber die traurige Frau sah nichts von all der Pracht und Herrlichkeit. Wenn die Sonne hinunter war, stand sie auf und ging ein wenig am Waldrand entlang. Dann kehrte sie wieder in ihr Haus zurück.

Im Frühling war ein alter Herr ins Dorf gekommen und hatte das Häuschen, das gerade leer stand, gekauft. Dann hatte er Arbeiter geschickt, die alles freundlich und sauber herrichten mußten. Und bald darauf war die Frau eingezogen. Eine alte Magd kam mit ihr, die das Hauswesen besorgte und die Einkäufe im Dorfe machte.

Manche Leute behaupteten, daß »das weiße Häuschen«, wie es im Dorfe hieß, noch einen Bewohner habe. Sicher wußte es niemand, denn es kam kein Mensch zu der fremden Frau. Aber die Dorfbuben, die bei der Ankunft der Fremden zugesehen hatten, sagten, daß die Ursula, so hieß die Magd, eine kleine, verhüllte Gestalt aus dem Wagen und ins Haus getragen habe.

Von Ursula selbst erfuhr man nichts. Ihre Sprache klang ganz anders, als die der Leute in der Gegend. Und sie hielt sich nie lang auf, wenn sie ins Dorf kam. So machten sich die Leute selbst ihre Gedanken über die Bewohner des weißen Häuschens. Und alle waren darin einig, daß die Frau gemütskrank sein müsse. »Denn sonst wäre sie doch unter die Leute gekommen und täte nicht, als ob sie ganz allein auf der Welt wäre,« sagte eine Bäuerin zur andern. Jetzt ging es gegen den Herbst hin. Man sprach im Dorf schon nicht mehr so viel von den Fremden, und diese lebten still vor sich hin wie immer.

Es war ein so schöner, sonniger Abend wie man ihn sich nur denken konnte. Die ganze Rheinebene lag glänzend und klar ausgebreitet und die Vogesen hatten einen bläulichen Schimmer. Vom Dorfe her tönten die lauten, lustigen Stimmen der Kinder, die auf dem freien Platz vor der Kirche spielten. Im Gras zirpten die Grillen, und in der Luft summten zahllose Mücklein. Es sah aus, als ob alles, alles sich seines Lebens freue. Das war die Zeit, wo es die traurige Frau nicht auf ihrem Sitz vor dem Häuschen aushielt. Denn sie konnte keine fröhlichen Kinderstimmen mehr hören, seit man ihre eigenen Kinder, die blonde, sanfte Irma und den lustigen Krauskopf Hellmut, begraben hatte. Sie lagen weit, weit von hier in zwei kleinen Gräbern nebeneinander. Die traurige Frau hatte auch keinen Mann mehr; der war als Offizier im Krieg gefallen. Und sie dachte, daß es nun und für alle Zeit für sie mit aller Freude am Leben ganz vorbei sei.

Jetzt stand sie auf und schritt dem Walde zu, ihren täglichen Weg, einen schmalen, moosigen Pfad zwischen niedrigen Stechpalmen. Am Eingang des Hochwaldes war ein glatter Baumstumpf, da ließ sie sich nieder und sah wieder unbeweglich vor sich hin.

Plötzlich hörte sie Kinderstimmen. Ein kleiner Bube schrie kläglich in seinem Wägelchen, das sich, von einem Mädchen geschoben, knarrend den Berg herunterbewegte. Es saß noch ein dickes, rotbackiges Mägdlein in dem Wägelchen, das sah die Frau, als sie flüchtig aufsah. Dann bedeckte sie das Gesicht mit den Händen.

Die Kinder hatten die dunkle Gestalt noch nicht gesehen. Jetzt stand das Wägelchen still, ganz in der Nähe der Fremden, aber durch einen dichten Busch verdeckt. »Sei still, Daniel,« sagte die Mädchenstimme, »und du auch, Regele, ich sing euch eins. Heim dürfen wir noch nicht. 's ist ja Sonntag heut. Da will man daheim seine Ruh, hat die Bäuerin gesagt. Wann die Betglocke läutet, dann gehen wir heim.«

[Illustration]