Part 6
Es war am Nachmittag des andern Tages. Vronik saß in der Küche und hatte eine riesige Schüssel voll Kartoffeln vor sich, die sie schälen sollte. Die Obermagd hatte schon zweimal den Kopf durchs Fenster hereingestreckt und nachgesehen, ob die Arbeit noch nicht fertig sei. Denn sie hatte auch noch Wünsche, und dann hatte die Ahne heraussagen lassen, es sei die höchste Zeit, daß ihr die Vronik ein Weilchen die Kinder abnehme. Vronik mußte sich tüchtig rühren, um fertig zu werden. Aber es war heute ganz gut für sie. Denn das Heimweh regte sich immer stärker in dem Kinde. Der Konrad war fort und der Herr Doktor mit. Und niemand hatte nach Vronik gefragt. Wie gern wäre sie nur geschwind nach dem weißen Häuschen gelaufen, nur um zu sehen, daß es noch dastehe und alles noch gut kommen könne. Aber das war ihr streng untersagt worden. Darum war es ganz gut, daß Vronik so viel zu tun hatte, daß nur immer eine Arbeit nach der andern abgetan werden mußte und gar keine Zeit zu müßigen Gedanken blieb.
Jetzt waren die Kartoffeln fertig, und Vronik kehrte die Schalen zusammen, um sie den Schweinen zu bringen, da hörte sie plötzlich eine wohlbekannte Stimme. »Ich möchte mit der Bäuerin selbst reden,« sagte Frau Behrens, denn sie war es, die im Hof draußen sprach zu der Magd, die da hantierte. Vronik stand wie angewurzelt. Sie wäre am liebsten in den Hof geeilt, denn sie fühlte wohl, daß Frau Behrens ihretwegen kam. Aber man hatte noch nicht nach ihr gefragt, und hier im Hause war sich Vronik in einemfort bewußt, daß sie nicht zur Familie gehöre. Da wagte sie sich nicht so hervor. So blieb sie denn am gleichen Fleck stehen, bis die Fremde in der Wohnstube verschwunden war und die Obermagd hereinrief: »Was ist denn eigentlich mit dir? Ich glaube, du schläfst am hellen Tag und mit offenen Augen wie die Hasen.«
Da raffte Vronik ihre Arbeit zusammen und ging in den Stall und von da in den Keller und auf den Heuboden, wo man sie hinschickte. Aber ihr Herz klopfte stark, und ihre Gedanken waren immer in der großen Wohnstube. Was würde man über sie beschließen? Wann würde man sie hineinrufen? Sonst konnte sie nichts mehr denken. Da rief die Stimme der Ahne von der Haustüre her über den Hof hin: »Wo steckt nur auch das Mädchen? Vronik, geh einmal her, man muß etwas mit dir reden.«
Vronik konnte kaum antworten, so stark klopfte ihr Herz. Aber dann kam sie doch mit eiligen Schritten heran und folgte der Ahne in die Wohnstube. Die Bäuerin saß mit Frau Behrens auf dem lederbezogenen Sofa und sah die Vronik nicht eben sehr freundlich an. »Ich meine dann nicht, daß du es schlecht gehabt hast bei uns,« sagte sie zu ihr. »Gekocht wird genug alle Tage, und niemand mißt den Leuten das Brot vor. Und ich denke, so als Gottswillenkind hättest du es schlechter antreffen können als bei uns.« -- »Das glaube ich gern,« fiel Frau Behrens rasch ein. »Aber Sie brauchen die Veronika ja nicht, das sagen Sie selbst. Und mir könnte das Kind ein Trost und eine Freude sein. Veronika, komm einmal her zu mir,« fuhr sie, zu Vronik gewendet, fort. »Siehst du, ich könnte dich notwendig brauchen und mein armes Kind auch. Und wenn dir's recht ist, dann kannst du bei mir daheim sein.« Vroniks Augen glänzten. Ihr kam es nicht so wunderbar vor, wie der Bäuerin und der Ahne, daß der liebe Gott es der einsamen, traurigen Frau ins Herz gegeben hatte, sich das Waisenkind ins Haus zu holen. Sie legte vertrauensvoll ihr braunes Händchen in die zarte, weiße Hand der Frau Behrens.
»Ja, das will ich gern,« sagte sie. »Die Mutter hat's schon gewußt, daß es dann noch einmal gut kommt.«
Frau Behrens hatte das nicht immer gewußt, das wissen wir schon. Aber das tut nichts. Der liebe Gott weiß es ja besser als wir alle, wie er uns helfen kann. Er hatte jetzt in ihr verzagtes Herz hinein eine neue Zuversicht gegeben, jetzt konnte es immer noch besser kommen.
* * * * *
Es war ein halbes Jahr später. Seit Vronik an der Hand ihrer neuen Beschützerin aus dem Pfleghof nach dem Waldhäuschen gezogen war, hatte der Schnee Wald und Flur bedeckt, hatte den Pfad nach dem Dorfe und den grünen Waldweg fast ungangbar gemacht und die kleine Familie dort draußen ganz nah um den warmen Ofen versammelt. Es waren aber keine sehnsüchtigen, traurigen Gesichter mehr, die da unter dem schönen Bild des guten Hirten beisammen waren. Frau Behrens hatte es noch nie bereut, daß sie das Gottswillenkind in ihr Haus geholt hatte. Wenn die Hängelampe brannte und die lebensgroßen Bilder von Hellmuth und Irma fast noch lebendiger als am Tage von der Wand heruntersahen, so starrte die Mutter jetzt nicht mehr unbeweglich vor sich hin, dazu hatte sie gar keine Zeit mehr. Sie mußte die kleine Gertrud pflegen und versorgen, denn das tat sie jetzt immer selbst. Und Gertrud hatte noch allerlei Neues dazu gelernt, seit sie an jenem Morgen bei Vroniks Gesang gelächelt hatte. Sie konnte das Köpfchen ein wenig heben, konnte einen Ton hervorbringen, der wie »Mama« klang, und konnte mit den Händchen an einer Troddel spielen, die von der Decke herabhing. Die Mutter und Vronik fanden immer wieder etwas Neues zu bewundern, und Ursula teilte den Jubel getreulich. Ja, und Vronik! Es tat einem wohl, sie nur anzusehen, so wohl war es ihr in der neuen Heimat.
Das Singen hatte sie nicht verlernt, denn das übte sie täglich, und es kam ihr jetzt recht von innen heraus, so fröhlich konnte sie sein. Und noch viel anderes lernte sie dazu, denn die Mutter wollte ihr eine rechte Mutter sein, und sie wollte eine geschickte, fleißige Tochter heranziehen. Sie hatte es immer besser verstanden, was es heißt, wenn man ein Kind um Gottswillen aufnimmt, und sie wurde immer fröhlicher und dankbarer dabei.
Die Dorfleute konnten jetzt nicht mehr sagen, daß die fremde Frau nicht »bei Trost« sei, denn Frau Behrens konnte jetzt sogar noch andere Menschen trösten, die betrübt und in Not waren. Es war schon manches Arme hungrig in das weiße Häuschen gegangen und war satt und froh wieder herausgekommen.
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Jetzt schmolz der Schnee, und der Frühling kam wieder. An den Rainen guckte überall das grüne Gras heraus, und an sonnigen Stellen blühten schon Gänseblümchen und sogar Veilchen. Die Vogesen hatten zwar noch weiße Schneekappen auf den hohen Gipfeln, aber sonst schimmerte die schöne Rheinebene schon in frischem Grün. Es konnte einem recht wohl zumute werden, wenn man in das schöne Land hinaussah. Auf dem Bänkchen vor dem Hause saß Vronik oder vielmehr Veronika, wie sie jetzt hieß, denn die Mutter sprach den schönen Namen gern ganz aus. Sie hatte ein Strickzeug in den Händen, und während die Nadeln eifrig klapperten, sang sie ein fröhliches Liedchen dazu. Und danebenher konnte Veronika noch ganz gut den Weg zum Dorfe übersehen, dort schien sie nach jemand auszuschauen. Der ließ denn auch nicht lang auf sich warten. Es war der Briefbote, der immer um diese Zeit mit den Zeitungen ankam und der ein ganz guter Freund von Veronika war. Denn oft brachte er auch Briefe mit in seiner ledernen Tasche, und es war schon hie und da vorgekommen, daß einer an das kleine Mädchen dabei gewesen war. Der kam allemal vom Konrad, und es war darum kein Wunder, daß Veronika so oft den Weg hinuntersah, wenn es Zeit für den Briefboten war. Denn die Kinder hielten auch jetzt noch getreulich zusammen, obgleich sie einander fern waren. Heute streckte der Briefbote schon von weitem einen Brief in die Höhe, als er Veronika auf dem Bänkchen erblickte. Er hatte selbst auch Kinder, und es freute ihn immer, wenn er sah, wie fröhlich das arme Gottswillenkind aufblühte in seiner neuen Heimat. Veronika ließ das Strickzeug fallen, daß der Garnknäuel über den Boden hinrollte, und rannte mit großen Sprüngen dem Boten entgegen. »O vom Konrad!« rief sie schon von weitem. »Gib ihn her, er ist an mich.« Die Mutter stand lächelnd am Fenster und nickte dem Boten freundlich zu. Sie trug jetzt eine weiße Schürze auf dem schwarzen Kleide und eine kleine weiße Krause am Hals. Kein Mensch hätte mehr die traurige Frau vom vorigen Jahr erkannt. »O Mutter,« rief Veronika während des Lesens, »es kommt so viel Schönes, man kann gar nicht alles aufzählen.« Und sie schwang den Brief hoch in der Luft.
»Liebe Vronik!« schrieb Konrad.
»Diesmal mußt Du staunen, das weiß ich sicher. Denn ich muß Dir sehr viel sagen. Wenn ich noch acht Tage damit gewartet hätte, so hätte ich Dir alles selbst erzählen können. Und das wollte der Herr Doktor eigentlich auch gern haben, denn er freute sich darauf, daß er dann Dein vergnügtes Gesicht sehen könnte. Aber ich kann nicht mehr warten. Und wenn wir kommen, gibt es auch noch genug zu freuen, das habe ich dem Herrn Doktor gesagt. Also das weißt Du, daß mein Fuß wieder ganz gut ist. Es hat lang gedauert. Aber es war mir eigentlich ganz recht, denn ich glaubte immer im stillen, wann ich dann gesund sei, so müsse ich wieder zu dem Lammwirt oder sonst so. Ich mochte es zu keinem Menschen sagen, nicht zu Schwester Lore und nicht zu dem Herrn Doktor. Aber als sich beide so freuten, daß die Wunde endlich heile, da konnte ich gar nicht mehr vergnügt sein. Ich mochte kein Buch mehr ansehen und nicht essen und nicht spielen. Denn ich dachte immer: ›Jetzt ist ja doch alles aus.‹ Da kam einmal der Herr Doktor, ließ mich im Saal auf und ab marschieren und sagte dann: ›Ja, da ist nun nichts mehr zu tun für den Doktor, der Bub ist gesund. Das kann einen freuen.‹ Ich habe vielleicht kein sehr erfreutes Gesicht gemacht, Vronik, denn ich hätte nächstens angefangen zu weinen, weil ich glaubte, jetzt schicke mich der Herr Doktor wieder zurück. Da sagte er aber: ›Und da habe ich denn gedacht, wenn du doch wieder so gut gehen kannst, so könntest du mir deine Füße ein wenig leihen, denn die meinigen wollen nicht mehr so recht fort.‹ Und dann sagte er mir, daß er mich mit sich in sein schönes Haus nehmen und in die Schule schicken wolle. Und in den Freistunden solle ich dann im Garten helfen, denn der Herr Doktor ist ein ganz besonders geschickter Gärtner. Du hast oft gesagt, Vronik, ich soll's nicht immer wieder vergessen, daß der liebe Gott alles machen kann, und daß er an uns denkt. Und die Mutter hat's auch immer gesagt. Und ich hab's doch vergessen und war so betrübt in der Zeit. Vielleicht kann ich's jetzt gut behalten. Denn das hat doch sicher der liebe Gott gemacht, daß ich's jetzt so gut habe und so viel lernen kann. Mein Herr Doktor hat in seinem Schlafzimmer einen Spruch hängen, der heißt: ›Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.‹ Jetzt schäme ich mich gar nicht mehr wie früher, daß ich ein Gottswillenkind bin. Solch einen großen Brief habe ich noch nie geschrieben. Aber ich mußte es Dir alles sagen. Und am nächsten Sonntag kommen wir beide, mein Herr Doktor und ich, auf Besuch zu euch. Ich will sehen, ob Du auch sagst, daß ich so stark gewachsen sei. Man wird es schon erleben können, bis ich dann groß bin.
Jetzt grüßt Dich Dein treuer Bruder Konrad.«
* * * * *
Das war alles schon vor zehn Jahren. Seither hat sich äußerlich nichts an dem weißen Häuschen verändert, wenn man nicht die vielen blühenden Pflanzen, die vor allen Fenstern stehen, für eine Veränderung gelten lassen will. Hinter dem Hause, ja, da ist das dichte Gestrüpp ausgerottet und ein freundliches Gärtlein ist erstanden mit einer Laube und blumigen Rabatten und mit sauberen Gemüsebeeten. An einem hellen, sonnigen Sommermorgen hantiert ein blühendes, junges Mädchen fleißig darin. Sie hat dicke, braune Zöpfe, die ihr den Rücken hinabhängen und singt leise ein Liedchen vor sich hin zu ihrer Arbeit. Wär's nicht an dem, so könnte man die magere, bleiche Vronik von einst nicht mehr erkennen, so groß und stattlich ist sie geworden und so rund und rot sind ihre Wangen. Vom Bücken sind sie jetzt fast so rot wie die Monatrettiche, die sie aus der Erde zieht und triumphierend in die Höhe hält. Unter der Türe steht eine Frau mit freundlichem, liebreichem Gesicht, die bewundernd die Hände zusammenschlägt ob den wohlgeratenen Früchten des Gartens. »Wenn du jetzt kommen könntest, Veronika,« ruft sie dann. »Es ist warm genug für Gertrud, um in der Sonne zu sitzen. Und du kannst sie leichter heben als ich, das weißt du.« »Will's meinen, Mütterlein,« erwidert Veronika fröhlich. »Das soll mir niemand abnehmen.« Und sie läuft eilig dem Hause zu.
Gertrud ist nicht mehr das elende Kindlein, das wir vor zehn Jahren im Wagen liegen sahen und dessen größtes Kunststück es war, mit den Händchen zu spielen.
Es ist ein feines, bleiches Gesichtchen immer noch, das von den Kissen des bequemen Lehnstuhls aufsieht, als Veronika eintritt. Aber es strahlt ihr zu, wie einst bei dem ersten Gesang des Gottswillenkindes. Das Lächeln hat Gertrud nicht mehr verlernt, ja, man kann manchmal ein leises, fröhliches Lachen von ihr hören. Jetzt ist Gertrud dreizehn Jahre alt. Ihre Glieder sind immer noch schwach, sie kann nicht allein gehen und stehen. Aber es fällt der Mutter nicht mehr ein, zu sagen, das Kind sei sich selbst und ihr zum Jammer auf der Welt. Nein, das blasse, zarte Mägdlein ist so recht der Mittelpunkt des ganzen Hauses geworden. Wenn sie so still und geduldig daliegt in den Zeiten, wo sie Schmerzen am Rücken und in den Gliedern hat, und wenn sie an leichten, guten Tagen sich an jedem Blümlein freut und an jedem Sonnenstrahl, dann streicht die Mutter oft sachte mit der Hand über das blonde Haar und sagt: »Mein Trostkind.« Denn dann fällt es ihr wieder ein, wie an jenem Sonntagabend der alte Herr Doktor gesagt hatte: »Das Kind kann ihnen noch ein rechter Trost werden.« Und das ist nun auch wahr geworden. Sie wollen alle beide gern und fröhlich ihre Last tragen, die Mutter und das Kind, sie haben ja doch einander, und »der liebe Gott wird wissen, warum er mich so sein läßt und nicht anders,« sagt Gertrud zuversichtlich, wann es der Mutter doch einmal schwer fallen will, daß ihr Töchterlein nicht fröhlich herumspielen, nicht stark und groß werden soll, wie Veronika und all die andern Kinder des Dorfes.
Veronika hat es nie anders gewußt, als daß man dem lieben Gott ganz fröhlich vertrauen könne, und so hat sie es ganz einfach und natürlich auch dem Schwesterlein Gertrud wieder gesagt, als es nach und nach heranwuchs und doch zart blieb. Und Gertrud, die nie schwere Schulaufgaben lernen konnte, hat doch ihre eigene Lebensaufgabe gut begriffen, die manchen als das Allerschwerste erscheint, was man lernen kann, nämlich ohne Fragen und Zagen dem lieben Gott zu vertrauen, auch wenn er es anders macht, als wir gern möchten. Aber heute ist Sonnenschein auf der Welt draußen, und Gertrud soll hinaus und freut sich schon darauf. Sie läßt sich so gern anscheinen und ganz durchwärmen und sieht so gern den Schwalben nach, die oben an der Dachrinne nisten, wenn sie hinausfliegen in die schöne Welt und sich hoch, hoch im Blau verlieren.
Veronika hat heute nicht zum erstenmal das Amt, Gertrud hinauszubetten, das kann man wohl sehen. So leicht und sachte stützt und hebt sie das schwache Kind, so bequem legt sie es in den Stuhl, der schon eine ganze Weile im Sonnenschein steht -- kein Mensch könnte sorglicher und geschickter damit umgehen. Die Mutter weiß es wohl. Sie hat schon oft im stillen dem lieben Gott gedankt, daß er ihr das verlassene Kind zugeführt hat, das ihr nun zur Hilfe und Freude herangewachsen ist. Ursula ist schon seit Jahren nicht mehr in dem weißen Häuschen. Ihre alten Eltern riefen sie nach Hause. »Ich ginge ja nicht, ich verließe meine Gertrud nicht,« sagte sie beim Abschied unter Schluchzen, »aber Veronika kann sie besser versorgen als ich, das muß man ihr lassen.« Jetzt hantiert ein junges Mägdlein aus dem Dorfe im Haus und in der Küche. Und Veronika geht es immer noch manchmal, wie einst im Pfleghof, daß sie mehr Arme und Füße brauchen könnte, um alles auszuführen, was getan sein sollte. Denn die Mutter ist oft recht schonungsbedürftig. Die schweren Zeiten sind doch nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Aber es ist ein fröhliches Schaffen für Veronika, und das haben wir schon gehört, sie singt immer noch zu ihrer Arbeit.
Der Briefbote, der ist in all den Jahren ihr immer besserer Freund geworden. Denn er trägt ja immer noch in seiner Tasche die Nachrichten von dem fernen Bruder zu ihr. Konrad ist kräftig herangewachsen in der guten heimatlichen Luft, die ihn bei seinem Herrn Doktor umgab. Er hat auch fleißig gelernt und gute Zeugnisse mitgebracht. Aber als es dann Zeit war, an einen Beruf zu denken, da stellte es sich doch heraus, daß er sein Latein am liebsten dazu verwenden wollte, seine lieben Blumen und seltenen Pflanzen mit gelehrten Namen zu nennen. Er wollte ein Gärtner werden. »Aber einer aus dem Fundament.« sagte der Herr Doktor. Und das erste Fundament, die Liebe zu den Pflanzen und das Verständnis für ihr Wachsen und Gedeihen, das hatte der Herr Doktor selbst in den Konrad gelegt. Die beiden waren hie und da miteinander in den Schwarzwald gereist und hatten in dem weißen Häuschen fröhliche Feiertage erlebt. Jetzt ist Konrad in der Fremde, um da und dort noch Neues zu seinem schönen Handwerk hinzuzulernen. Und seine Briefe sind immer die Freude der Schwester und ihr Glück. Sie pflegt inzwischen die Blumen in den Töpfen am Fenster, sein Vermächtnis. Denn es ist ihr Stolz, sie recht üppig und gedeihlich zu erhalten, bis Konrad dann wieder einmal kommt. Wenn die Zeit kommt, daß die Geschwister einmal ganz zusammenleben, das kann noch niemand sagen. Aber das tut nichts. Sie wissen beide, daß es kommt, wie es gut ist. Und sie wollen gern ihr Lebenlang »Gottswillenkinder« bleiben, nämlich solche, die fröhlich in der guten Zuversicht leben: »Sein Will', der ist der beste.«
7. Zweierlei Reichtum.
Der Bandweber Hartmann wohnte in einem niedrigen Häuschen, das zwischen zwei hohen Gebäuden so eingeklemmt stand, als ob es jetzt gleich erdrückt werden sollte. Gerade gegenüber stand ebenfalls ein hohes Haus, das mit seinen hellen blanken Fenstern, an denen luftige Vorhänge befestigt waren, vornehm auf das kleine Häuschen heruntersah. Zwar blanke Fenster hatte das auch, nur waren sie niedrig, wie alles an dem Häuschen, und statt der eleganten Vorhänge waren nur ganz kleine, kurze Vorhängchen dran, solche, die man Neidhämmel heißt. Sie waren nur zum Schutz da, daß nicht alle Leute, die vorbeigingen, durch die Fenster in die Stube sehen konnten.
Es war Abend und die Familie saß um den Tisch, auf dem schon das dampfende Essen stand. Die Mutter hatte den kleinsten Buben auf dem Schoß und hatte nur immerfort den Breilöffel aus dem Teller ins Mäulchen des Kleinen und von da wieder in den Teller zu führen, so hungrig war der Dicke. Die größeren Kinder warteten noch, denn die Mahlzeit sollte, erst beginnen, wann der Vater kam. Man hörte immer noch den Webstuhl rasseln, an dem er arbeitete, und die Mutter schüttelte ein wenig den Kopf: »Er macht heute wieder lang keinen Feierabend.« Dann sagte sie zu Mariele, dem größten Töchterlein: »Geh einmal hinein und frag den Vater, ob er noch nicht komme!« »Ja und ich sag auch, daß man gebrannte Suppe hat und Kartoffeln und Butter,« sagte Mariele noch im Hineingehen, »das ist sein Leibessen!«
Es war eine ziemlich lebhafte Unterhaltung am Tisch. Paul, der neunjährige Schüler, hatte ein glänzendes Zwanzigpfennigstück in der Hand und beriet schon seit einer halben Stunde mit dem jüngeren Eugen, was man damit anfangen könne. Es war ein ziemlich schwieriger Fall, denn es kam fast nie vor, daß eins der Kinder Geld in der Hand hatte zur freien Verfügung. Heute aber war Pauls Patin dagewesen und hatte ihm das Geldstück ausdrücklich mit dem Bemerken gegeben: »Du mußt dir etwas dafür kaufen, was dir Freude macht.«
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Eugen hatte vorgeschlagen, sieben Laugenbretzeln dafür zu kaufen oder dann eine große Wurst. Denn das dünkte ihm die beste Verwendung für das Geld zu sein. »Aber wenn man's gegessen hat, ist's vorbei,« sagte Paul verständig, und das mußte auch zugegeben werden. »Einen Gummiball möchte ich auch schon lang und ein rotes Federnbüchschen. Oder einen Bleistift zum Einschieben mit einem Radiergummi dran. Oder eine Farbenschachtel, aber zu dem langt das Geld nicht.« Paul mußte tief aufseufzen. Denn man konnte das Geld nur einmal ausgeben, und solang man es in der Hand hatte, war noch die Wahl zwischen all den begehrten Dingen offen. »O wenn ich nur eine große Kiste voll Zwanzigpfennigstücke hätte,« brach er auf einmal los. »Dann könnte ich alles kaufen, was ich möchte, und noch vieles andere. Auch für dich, Mutter, und für den Vater und die Kleinen.«
Die kleinen Geschwister horchten mit glänzenden Augen. Es war sehr genußreich, sich auszudenken, was man alles um eine Kiste voll Zwanziger kaufen könnte.
»Gelt, Mutter, das wär' recht, wenn wir das hätten?« wandte sich nun Paul an die Mutter, die eben anfing, den Kleinen auszuziehen, der seine Äuglein kaum noch offen halten konnte. Die Mutter sah ein wenig müde aus. Sie hatte den ganzen Nachmittag gebügelt und dazwischen den kleinen Laden besorgt. Jetzt sagte sie nur: »Es gäbe noch vieles, was einem recht wäre, man kann aber auch so vergnügt und zufrieden sein!« Paul war nicht so ganz zufrieden mit der Antwort. Die Mutter sagte immer so etwas Ähnliches, wenn man sich manchmal gern gewünscht hätte, ein wenig reicher zu sein.
»Und wenn wir alles hätten, was wir jetzt gern möchten,« sagte sie oft, »dann fiele uns auf einmal noch etwas ein, was wir auch noch wollten und dann noch etwas und dann wären wir erst nicht glücklich, weil wir ja doch nicht alles haben können.«
»Aber Mutter,« hob Paul noch einmal an, »viel Geld haben ist auch schön. Die Hofrats drüben haben viel. Der Alfred hat zu seinem Geburtstag eine Uhr bekommen, die ganz richtig geht, und eine Kette dazu. Und einen Schlitten haben sie mit einer Eisbärendecke und mit silbernen Glöckchen.« »Ja,« fiel Eugen ein, »und heute hat der Konditor eine Schokoladentorte ins Haus hineingetragen. Der Erich ist unter der Haustüre gestanden und hat noch das Gesicht verzogen und gesagt: ›Das mag ich erst nicht besonders.‹«
Die Kleinen staunten. Denn das dünkte ihnen der Gipfel des Guthabens zu sein, wenn man nicht einmal mehr Schokoladentorte möge.
Die Mutter hatte nichts mehr erwidert, sie hatte genug mit dem Kleinen zu tun, und jetzt kam der Vater herein. Er sah fröhlich aus, denn er war froh, daß er sein Tagewerk vollendet hatte, und freute sich nun, die Kinder alle so gesund und rotbackig um den Tisch her sitzen zu sehen. »Jetzt soll mir's aber schmecken,« sagte er. Dann sprach er das Tischgebet und die Mahlzeit konnte beginnen.
Eine Weile hörte man nur die Löffel hin- und hergehen. Aber lang dauerte die Stille nie in dem lebhaften Kinderkreis. »Vater, morgen ist Examen in der Schule,« fing Mariele an, »die Eltern sollen auch kommen. Kommst du?«
»Das werde ich wohl lassen müssen,« sagte der Vater, »die Arbeit eilt gerade und dann, da sind andere Leute genug. Vornehmere und klügere, die würden schön aufsehen, wenn ich käme.« Mariele war ein fleißiges und begabtes Kind und die Eltern schickten sie in eine gute Schule, damit sie etwas Tüchtiges lernen solle. Sie kam auch gut voran, das Lernen machte ihr Freude, aber da gab es daneben noch etwas zu lernen, das manchmal sehr bitter war. Denn in der Schule waren so viele Kinder wohlhabender Eltern, die schönere Kleider und Bücher hatten und in schöneren Häusern wohnten. Und da kam sich das Mariele manchmal ein wenig beklagenswert vor, wenn es nicht auch Geburtstagsvisiten halten und hübsche Geschenke machen und von schönen Ausflügen erzählen konnte, wie die andern Mädchen.