Chapter 12 of 18 · 3905 words · ~20 min read

Part 12

Jetzt kam Eduard, das kleine Brüderlein, von der Mama ausgesandt. »Ihr sollet jetzt auch zum Nachtessen kommen,« berichtete er. »Man ißt heute bald, weil du morgen früh aufstehen mußt, Rudolf, wann es noch Nacht ist.« Das war auch wieder etwas Neues! Zunachtessen, wann noch ganz heller Tag ist! Um sechs Uhr, statt um sieben!

»Mama, ich täte lieber gar nicht ins Bett gehen,« meinte Rudolf zwar. »Bis ich mich ganz richte, ist die Nacht bald herum. Man könnte sonst am Ende verschlafen.«

Aber davon wollte die Mama nichts wissen. »Mein Bub schläft jetzt gleich ein und schläft die ganze Nacht,« sagte sie. »Und am Morgen weckt ihn der Papa und fertig ist man schnell.« Dabei blieb's. Und Rudolf lag auch wirklich bald in tiefem, gesundem Schlaf.

* * * * *

Es war fast noch ganz dunkel, als am andern Morgen der Vater seinen Sohn auf das Wägelein hob, das die Reisenden nach der Station führen sollte.

Am Himmel stand noch die blasse Mondsichel und es wehte ein kühler Wind. Und in Rudolf stieg ein wonnevolles Gruseln auf; was konnte man alles erleben an diesem Tag!

»Behüt euch Gott miteinander,« rief die Mama nochmals zum Fenster hinaus. »Und kommet mir gesund wieder!«

Dann zog des Lindenwirts »Bläß«, der vor das Wägelein gespannt war, an, und fort ging's in die weite Welt.

So lang der Weg durch den Wald ging, immer zwischen hohen Tannen bergab, war er dem Rudolf nicht so besonders interessant; diese Gegend kannte er wohl. Und der Papa mußte unzählige Fragen beantworten über alles, was wahrscheinlich geschehen werde und was nicht. Aber als man ins Tal kam, wo nun die Sonne hell und freundlich schien, an einer Sägmühle vorbei mit hohen Bretterstößen davor und einem rauschenden Bächlein, das die Säge trieb, als der Weg durch einen kleinen Luftkurort führte, mit zierlichen Villen und lustwandelnden Menschen, da verstummten für einmal alle Fragen. Rudolf hatte nur immer nach rechts und links zu sehen, um alles im Vorüberfahren zu erfassen. Und da tauchte auch schon das rote Stationsgebäude auf und im Sonnenschein glänzten die Schienen und durch die frische Morgenluft drang ein langer Pfiff der Lokomotive.

Das war nun erst der richtige Hochgenuß, im Eisenbahnwagen zu sitzen und durchs Land zu sausen.

»Papa, die Bäume fahren auch mit, sieh nur und das Bahnwärterhäuschen,« rief Rudolf zuerst und mußte sich nun erst belehren lassen, daß nur er sich fortbewege und alles andere, was er sehe, stillstehe. Es gab jetzt immerfort viel Wichtiges zu sehen. Zuerst noch hohe Berge voll dunkler Tannen und verstreute Häuser mit tief heruntergehenden Schindeldächern, dann kamen breite Kornfelder und grüne Wiesen, Wäldchen von Obstbäumen und dann brauste der Zug über eine breite eiserne Brücke, unter der rauschend der Neckar floß. Rudolf kam keinen Augenblick vom Fenster weg. Es war alles so interessant, die vielen Dörfer und kleinen Städte, an denen man vorbeisauste, ohne anzuhalten, die farbenreichen Gärtchen der Bahnwärterhäuschen, die Neckarfähre, die einen Wagen samt den Pferden übersetzte. Es regte sich dann auch der Hunger, und die Vorräte, die Rudolf in der grünen Botanisierbüchse trug, mußten hervorgeholt werden. »O Papa, was würde der Wagnerhansjörg sagen und der Philipp, wenn sie das alles sehen könnten! Die wissen gewiß gar nicht, daß es so viel Sach gibt.« Dazu mußte Rudolf tief aufseufzen. Er konnte es doch nicht gut erwarten, bis er wieder nach Hause kam und allen Menschen erzählen konnte, wie es aussehe »auf der Welt draußen«.

»Ich möchte nur immerfort Eisenbahn fahren und sonst nichts, Papa.« »Ich werde vielleicht dann, wenn ich groß bin, Kondukteur.« Der Papa mußte ein wenig lachen, denn er wußte schon, daß diese Berufswahl heut am Tag wohl noch ein paarmal würde umgestoßen werden; es stand ja noch viel Neues bevor.

Jetzt holte der Sohn seinen blauen Glasscherben heraus. Man fuhr gerade an schönen hellgrünen Weinbergen vorbei und darüber hingen am Himmel lichte weiße Wolken. Die mußten sich schön machen in der blauen Beleuchtung.

»O, o sieh nur wie schön! Alles ist blau, Papa, alles,« rief er entzückt. Aber in lauter Hast, dem Papa diesen merkwürdigen Genuß auch zu verschaffen, machte Rudolf eine ungeschickte Bewegung und draußen lag der wertvolle Scherben und kollerte über den Bahndamm hinunter.

»Schadet nichts, mein Sohn,« tröstete der Papa. »Siehst du, deswegen hat der liebe Gott die Weinberge grün gemacht und die Sonne golden und die Wolken weiß, daß wir uns an den schönen Farben erfreuen sollen. Es wäre ja sehr langweilig, wenn alles ganz gleich aussähe, das mußt du dir nicht wünschen.« Rudolf hatte sich auch gleich wieder beruhigt, denn nun hielt der Zug in einem großen Bahnhof und so viele Leute wimmelten da umher, wie er noch gar nie auf einem Fleck beisammen gesehen hatte. »Ist das jetzt Stuttgart, Papa? Müssen wir jetzt aussteigen?« fragte er dringlich. Er hatte das schon fast an jeder Station gefragt. »Nein,« sagte der Papa, »aber wenn's wieder hält, dann. Mach dich nur bereit.«

Rudolf setzte seinen Strohhut auf und faßte die Botanisierbüchse mit beiden Händen, damit sie ihm nicht etwa abhanden komme. Sonst war nichts zu rüsten, denn Gepäckstücke waren für den einen Tag nicht mitgenommen worden. Jetzt tat die Lokomotive einen langen Pfiff, Rudolf meinte, sie habe »Juhuu« gerufen und er hätte es ihr gern nachgetan. Denn nun tauchten so endlos viele Häuser auf, der Zug fuhr langsamer, jetzt in eine hohe, glasbedeckte Halle ein, dann hielt er. Man war in Stuttgart.

Ein wenig betäubt und verwirrt war das Schwarzwaldbüblein doch, als es an des Vaters Hand durch das Gewühl der aussteigenden. und abholenden Menschen schritt. Es mochte jetzt nicht rechts und nicht links sehen, es konnte nur sein kleines Händchen ganz fest in die beschützende Hand des Vaters stecken. So hohe Häuser, eins am andern! Und immer kamen noch neue! Und dazwischen auf den Straßen, wo kamen nur all die vielen Leute her? Sie sahen alle aus, als ob sie in den Sonntagskleidern wären! Und die Menge Kutschen und Wagen! Es war wirklich kein Wunder, daß Rudolf sich in eine ganz neue Welt versetzt glaubte, in der er noch gar nicht zu Hause war.

Es war Zeit zur Sprechstunde, so suchten die beiden zuerst den Arzt auf, der in einer freundlichen, etwas stilleren Straße wohnte. »Tut er mir nichts, Papa? Bleibst du dabei, daß er mir nichts tun kann?« fragte Rudolf ein wenig ängstlich, als er im Wartezimmer saß, das durch dunkelgrüne Vorhänge und grün bezogene Möbel einen etwas feierlichen Anstrich bekam. Der Vater versicherte alles Gute und die Angst verging auch von selbst, als der Herr Doktor dem Büblein freundlich die Hand gab. Er sah ganz und gar nicht aus, als ob etwas von ihm zu befürchten sei, und Rudolf war bald wieder so zutraulich und fröhlich, wie sonst.

Als die Untersuchung des kranken Ohres vorbei war, wollte der Vater noch ein wenig allein mit dem Herrn Doktor reden. Das Sprechzimmer hatte eine Türe, die in den Garten führte. »Komm, Kleiner, du kannst so lang da hinaus,« sagte der Herr Doktor freundlich, denn er hatte schon gemerkt, daß Rudolf ein großes Verlangen hatte, so viel als möglich von all dem Neuen zu sehen, das auf der Straße vor sich ging. »Du kannst durch das Gitter auf die Straße sehen! Paß auf, was da alles zu sehen ist!«

Rudolf wollte das gern und die Herren unterredeten sich eine Zeitlang miteinander, denn der Vater hatte auch sonst noch allerlei Anliegen und der Herr Doktor war ein alter Freund von ihm. Rudolf hatte sich gehorsam an das Eisengitter gestellt und drückte nun seinen Kopf fest an die Stäbe, um ja nichts zu versäumen, das etwa draußen vor sich gehen konnte. Da kam etwas die Straße entlang gesaust, das ihn in höchstes Erstaunen versetzte. Es war ein Wagen mit einer langen Fensterreihe, fast wie ein Postwagen anzusehen, nur größer. Und es waren keine Pferde dran! Er lief auf Schienen, es konnte am Ende auch ein Eisenbahnwagen sein, aber dann fehlte die Lokomotive! Das versetzte Rudolf in einige Aufregung. »O, ein Wagen ohne Pferd und alles und kann selber laufen,« rief er unwillkürlich laut aus und dann fiel es ihm erst ein, daß ihn der Vater jetzt nicht hören konnte. Der Wagen hielt an der nächsten Ecke. Es stiegen Leute aus und andere ein und Rudolf ergriff ein mächtiges Verlangen, das Wunderbare nur auch einen Augenblick in der Nähe zu sehen.

Den Garten zu verlassen, war ihm nicht verboten worden, es hatte keiner der beiden Herren an diese Möglichkeit gedacht.

»Nur ganz geschwind dorthin laufen und den Wagen ansehen,« dachte Rudolf und klinkte das Türchen auf. Aber als er an die Ecke kam, fuhr der Wagen ab und ein anderer, der auch dagestanden war, schlug die entgegengesetzte Richtung ein. Das war so schade und Rudolf machte ein ganz enttäuschtes Gesicht. »Hast du etwa mitfahren wollen?« fragte ein etwas größerer Knabe, der mit dem Schulranzen auf dem Rücken des Wegs daher kam, den Kleinen. Denn es kam ihm so vor, weil er so einen betrübten Blick hinter dem Wagen hersandte. Rudolf schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er, »ich habe ihn nur ansehen wollen, weil er selber laufen kann ohne Pferde.« »Das ist ja ein elektrischer Wagen,« belehrte der Stuttgarter das Landkind. »Das weiß mein kleiner Bruder schon, der ist erst drei!« Rudolf wußte gar nicht, was ein elektrischer Wagen sei, aber er mochte nicht mehr fragen, weil es der dreijährige Bruder schon wußte. So wollte er denn wieder umkehren, denn der Papa konnte nun am Ende beim Herrn Doktor fertig sein. Er sah sich prüfend um, hier mündeten so viele Straßen, welche war nun die richtige?

»Wo mußt du denn hin?« fragte der neue Kamerad. »Wieder zum Herrn Doktor, mein Papa ist dort,« sagte Rudolf und sah sich immer ängstlicher um. »O das weiß ich gut, der wohnt ganz gerade aus,« sagte der Stuttgarter zuversichtlich. »Es ist ein Haus in einem Garten, gelt?« Rudolf nickte. »Ja und eine goldene Kugel zum Herausziehen an der Haustüre.« »Das ist die Glocke, du weißt auch noch nicht viel,« lachte der Schüler. »Jetzt geh nur ganz geradeaus, siehst du, das ist das Haus, das ein wenig vorsteht. Den Garten sieht man erst von der andern Seite, nicht von hier aus.« Es kam Rudolf nicht ganz so vor, aber der große Junge mußte es ja wissen, so ging er denn auf das bezeichnete Haus los.

Der Wegweiser hatte es aber nicht recht gewußt. Er hatte nicht daran gedacht, daß es viele Doktoren gibt in der großen Stadt, und der Arzt, der hier wohnte, war ein anderer als der, bei dem Rudolf vorher gewesen war. Ratlos sah sich das Büblein um, denn es wußte nun gar nicht mehr, wo es hergekommen war. So viele fremde Leute gingen vorüber, keiner achtete darauf, daß der kleine Fremdling angefangen hatte. bitterlich zu weinen.

Plötzlich kam ein Soldat auf Rudolf zu. Er hatte einen Helm auf und glänzende Knöpfe an seinem Rock und sein Gesicht glänzte auch, aber vor Freude. »Grüß Gott, Rudölfle,« sagte er, »ja wie kommst denn du daher? Und weinst so?« Es war Stiftungspflegers Gottlieb von Teufenrot, ein ganz guter Freund der Pfarrerskinder, der hier beim Regiment stand.

Rudolf lachte durch seine Tränen hindurch. Denn der Gottlieb kam ihm vor wie ein Engel, er faßte seine Hand ganz fest. »Ich bin mit dem Papa gekommen, er ist noch im Zimmer beim Herrn Doktor und ich habe den Wagen sehen wollen, der von selber laufen kann. Und jetzt weiß ich nicht mehr, wo er wohnt, zeig mir's jetzt!«

Das war nun nicht ganz so leicht für den Gottlieb, und wenn nicht der Herr Pfarrer soeben eilig und atemlos an der Straßenkreuzung erschienen wäre, um nach allen Seiten hin zu spähen, so wäre es mit dem Wiedersehen am Ende nicht so schnell gegangen.

Der Vater konnte nicht viel sagen, als: »Gott Lob und Dank!«

Denn er konnte den Rudolf im Augenblick nicht zanken, daß er aus dem Garten gegangen war. Landkinder wissen nicht so recht, wie leicht man in einer großen Stadt weit, weit auseinander kommen kann, und diese Belehrung bekam Rudolf erst, als er mit dem Papa und Gottlieb zusammen beim Mittagessen saß. Daß der Junge einmal fürs erste nicht mehr von ihm weichen würde, konnte der Herr Pfarrer deutlich merken, denn Rudolf hielt mit der einen Hand den Löffel und mit der andern den Ärmel des väterlichen Rocks gefaßt und verwandte keinen Blick von dem Vater.

Jetzt kam mit Trommeln und Trompeten die Wachtparade gezogen. Rudolf war längst wieder soweit getröstet, daß er sich für so etwas Herrliches begeistern konnte. Im Nu war er mit dem Vater auf der Straße und marschierte, immer die beschützende Hand festhaltend, »in gleichem Schritt und Tritt,« so gut es die kleinen Füße erlaubten, mit die Königstraße hinunter bis zum Schloßplatz. Da sprangen die Wasser der Springbrunnen hoch in die Höhe, und die kunstreichen Beete leuchteten in allen Farben, und im Trompeterhäuschen schmetterte die Musik, und dem Büblein zersprengte es fast das Herz vor Hochgefühl. »O, wenn nur die Mama da wäre und das Mariele und die Babett,« brachte er endlich heraus. »Und dann noch der Philipp und der Hansjörg!«

Denn der Rudolf sah wohl ein, daß er es dann doch nicht ganz so sagen könne, wenn er nach Hause komme. Ganz so schön, wie es in Wirklichkeit war! Ein kleiner Trost war noch, daß der Vater eine Schokoladetafel kaufte für das Mariele, mit einem schönen, bunten Bild des Schloßplatzes darauf.

Es kam immer noch schöner. Rudolfs Patin sollte besucht werden, und da diese weit weg, fast am Ende der Stadt wohnte, da, wo diese sich am Hasenberg hinaufzieht, so stieg der Vater mit ihm in einen der interessanten Wagen. Das war fast noch schöner als Eisenbahnfahren. So durch die ganze Stadt zu sausen durch schöne Straßen mit hohen Häusern und prachtvollen Läden! Der Wagenführer, ja der kam Rudolf nun wieder beneidenswert vor! Den ganzen Tag nichts zu tun, als auf dem luftigen Vorplatz stehen und mit der Glocke bimmeln, daß alle Leute schnell ausweichen, und dazu hin und her sausen, schnell wie der Wind! Wenn sich Rudolf nicht erst vor einer Weile entschlossen gehabt hätte, Trommler oder Trompeter bei den Soldaten zu werden, so hätte er jetzt gewiß gleich mit dem Papa ausgemacht, daß er Wagenführer werden wolle.

Jetzt war man bei der Patin angelangt. Sie wohnte in einem hohen, stattlichen Hause. »Gelt, Papa, das ist noch viel höher als des Königs Schloß?« meinte der Sohn, und das mußte der Vater auch zugeben. Des Königs Schloß hatte aber jedenfalls den Vorzug, daß es da nicht so viele Treppen zu ersteigen gab, wie bei der Patin. Denn diese wohnte im vierten Stock.

»Warum wohnt sie ganz oben auf der Bühne?« wollte Rudolf wissen und erstaunte sehr, daß es da oben gar nicht aussah wie auf der Bühne, sondern recht zierlich und hell und freundlich. Die Patin war schon einmal in Teufenrot gewesen, Rudolf kannte sie wohl. »Aber da war ich noch ein bißchen klein,« sagte er nur. »Ja,« sagte die Patin und mußte ein wenig lachen, »jetzt bist du freilich schon recht groß, du kannst schon auf den Tisch heraufsehen!«

Es waren auch Kinder da, ein Töchterlein Adele, das einen langen Hängezopf hatte und französisch lernte, drei Buben von sieben, acht und neun Jahren und dann noch ein fünfjähriges Schwesterlein. Rudolf war bald daheim unter der lustigen Schar, besah sich mit ihr vom Balkon aus die Stadt, die dem Landkind fast unendlich vorkam und staunte nur, daß das kleine Annchen schon so sicher alle Kirchtürme und Aussichtspunkte zeigen konnte.

Überhaupt kam es ihm immer begehrenswerter vor, in der Stadt zu leben! Die Buben erzählten vom Tiergarten, den Affen, Eisbären und Löwen, die es da gibt. »Wir können hinein, so oft wir wollen, wir sind abonniert,« sagte Richard, der älteste der Brüder.

Und Hans setzte hinzu: »Ja und der Elefant kennt uns schon!« Das dünkte den Rudolf ein unerreichbares Glück! Was waren dagegen die Eichhörnchen im Teufenroter Wald? Und die Hasen und Rehe, die man hie und da durchs Gebüsch huschen sah?

Rudolf wußte nicht, daß die Erwachsenen einstweilen im Zimmer wirklich Pläne schmiedeten, die ihn betrafen und die davon handelten, ihn aus dem Stillleben der Heimat in die Stadt zu versetzen. Er sollte ja jetzt ein Schüler werden und die Eltern hatten beschlossen, ihn das erste Jahr in Teufenrot in die Schule zu schicken, dann wollte ihn die Patin aufnehmen und das Patchen sollte ein fleißiger Stuttgarter Schüler werden.

Aber davon wußte, wie gesagt, Rudolf nichts. Heute hätte ihn der Plan vielleicht gefreut, weil er sich schwer von den neuentdeckten Herrlichkeiten trennte. Wir wollen aber einmal in zwei Jahren wieder anfragen, ob da nicht manchmal ein kleiner Junge mit dem Ranzen auf dem Rücken daherkommt und unterwegs noch einmal seine Aufgabe wiederholt und nebenher ein wenig seufzt: »O wenn ich nur wieder daheim wäre und könnte ganz tief in den Wald hineinlaufen und Heidelbeeren schmausen, frisch vom Stock!« Denn es ist nicht allemal schön und herrlich, wenn unsere Wünsche in Erfüllung gehen, das müssen auch schon kleine Leute erfahren.

Für jetzt sah der Rudolf aber noch lauter Freude und Sonnenschein um sich her. Der Papa trat auch zu der jugendlichen Schar und fragte lächelnd: »Nun, Buben, wer von euch will denn nächsten Sommer in der langen Vakanz zu uns in den Schwarzwald kommen. Sagt's nur,« fuhr er ermunternd fort, als die Buben vor Freude dunkelrote Köpfe bekamen und sich doch nicht getrauten, hinauszujubeln, denn das konnte ja nicht im Ernst gemeint sein! Die ganze lange Vakanz durch aufs Land! Und in einem Pfarrhaus wohnen, das ganz in einem großen Garten steht! Und Schiffchen schwimmen lassen im Röhrenbrunnen! Und Eichhörnchen fangen im Wald!

Die Mutter nickte bestätigend, und daraufhin riefen alle drei mit solchem Jauchzen: »Ich, ich, ich!« daß der Herr Pfarrer befriedigt sagte: »Am guten Willen fehlt's da nicht, das sehe ich schon.« Und es wurde gleich beschlossen, daß im nächsten Sommer alle drei Brüder über die ganze Vakanzzeit nach Teufenrot kommen sollten, denn wenn der Herr Pfarrer aus guten Gründen darnach strebte, seinen Sohn in die Stadt zu bringen, so wollten die Eltern der Stadtkinder dagegen gern, daß diese eine Zeitlang aufs Land kommen sollten. Und dazu hatten sie auch gute Gründe; denn die Backen der drei Schüler waren etwas schmal und blaß und Rudolfs dagegen so frisch und rund, daß es einen wohl gelüsten konnte, auch solche zu bekommen!

»Aber jetzt wird Abschied genommen, es ist höchste Zeit,« mahnte der Papa und sah nach der Uhr. Und die Patin steckte dem Rudolf alles, was er von den guten Vesperbrocken nicht hatte aufessen können, in die Botanisierbüchse für unterwegs. »Und siehst du,« sagte sie noch, »da sind drei Orangen, eine für die Mama, eine für Mariele und eine für den Eduard. Die kannst du vielleicht in die Tasche stecken!« Das konnte Rudolf. Es war doch gut, daß er die Kürbiskerne nicht eingesteckt hatte, Mariele hatte doch recht gehabt!

Jetzt saßen die Reisenden wieder im Eisenbahnwagen. Rudolf war etwas müde, er warf kaum einen Blick zum Fenster hinaus. Immer näher kroch er an den Vater heran, jetzt lehnte er den Kopf an dessen Arm und dann schlief er ein, tief und fest.

An der Station stand das wohlbekannte Wägelein, als der Zug ankam. Der Mond stand hoch am Himmel und sah zu, wie ein schlafendes Büblein aus einem Wagen in den andern getragen wurde. Dann knallte die Peitsche und der »Bläß« schlug einen munteren Trab an, denn er wußte wohl, daß es dem Stall zuging und freute sich gerade so gut auf seine Streu und den Haber und das Heu in der Krippe, als ein müdes und hungriges Menschenkind auf sein Bett und auf ein warmes Abendessen. Nur daß das Menschenkind von einer lieben Mama in Empfang genommen und gepflegt, erquickt und sorglich zugedeckt wird.

Das Pfarriele schlief schon lang, als die Reisenden ankamen. Die Babett stand unter der Haustüre und leuchtete, und die Mama rief, wie beim Abschied, zum Fenster heraus: »Grüß Gott! Jetzt seid ihr doch wieder glücklich da! Gott Lob und Dank!« Rudolf ließ sich wie im Traum mit warmer Milch und Weißbrot füttern und ins Bett legen. Erst, als am andern Morgen der kleine Bruder hereinkam, weil er gar nicht mehr warten konnte und leise sagte: »Rudolf, du mußt nicht aufwachen, du mußt mir bloß geschwind geben, was du mir mitgebracht hast!« da fuhr er verwundert in die Höhe und sah, daß er wieder daheim war. Er hatte soeben geträumt, er stehe mit einer Trommel in der Hand auf einem Straßenbahnwagen und besinne sich, ob er lieber trommeln oder lieber mit der Glocke klingeln sollte. Denn beides war sehr verlockend.

Aber daheim zu sein, war auch schön! So schön, daß er's gar nicht mehr recht gewußt hatte, so lang er fort war.

Und Rudolf schlang beide Arme um die Mama, die eben zu ihm trat und sagte: »O Mama, es ist so schön gewesen, man kann es gar nicht recht sagen, wie schön! Und der Elefant kennt die Buben schon, den Richard und den Hans und den Julius. Und es gibt Postwägen mit einer Schelle dran, die selber laufen können und ich werde dann vielleicht ein Wagenführer. Du darfst dann immer umsonst fahren, Mama! Und du auch, Mariele!« Denn die Schwester war auch dazu gekommen und freute sich sehr über diese Aussicht.

Aber als die Mama sagte: »Ja, möchte denn mein Bub' immer in Stuttgart bleiben und lieber gar nicht mehr hier sein, und nicht mehr in den Wald können und in den Garten und zu den Spatzen auf den Kirchturm?« -- da kam das Heimatsgefühl wieder, das dem Rudolf schon vorhin beim Erwachen aufgestiegen war, und er sagte mit einem tiefen Atemzug: »Nein, nein, das möchte ich gar nicht! Ich möchte nur daheim sein und sonst nirgends auf der ganzen Welt!«

12. Die Botenflori.

Die Botenflori saß vor ihrem Häuslein auf einem dreibeinigen Stühlchen und ließ sich von der Sonne anscheinen. Sonst tat sie anscheinend nichts; die Hände hatte sie in den Schoß gelegt und den Kopf an die Wand des Häusleins gelehnt. Das war man sonst an der Flori nicht gewöhnt. Sie war ein altes Weiblein, und so lang sich die Leute im Dorf denken konnten, war sie jeden Tag mit ihrem Tragkorb auf dem Rücken in die Stadt gewandert und hatte dort alles eingekauft, was die Leute etwa brauchten, und außerdem noch die Postsachen mit heraufgebracht. Die Flori hieß eigentlich Floriane, man hatte ihren Namen nur so abgekürzt, weil das bequemer zu sagen war. Sie war in allen Häusern des Dorfes gut bekannt, und wer sie so mit ihrem schweren Korb daherkommen sah, sagte dann allemal freundlich zu ihr: »Ei, grüß Gott, Flori! So munter, wie Ihr, ist kein Junges! Und wenn Ihr einmal Feierabend macht, dann habt Ihr ihn auch verdient!«

Aber die Flori wollte noch keinen Feierabend machen. Sie wollte gern noch arbeiten und meinte, niemand könne so gut wie sie alles in den Läden besorgen und so gut die Postsachen austeilen. Und doch atmete sie so schwer, wenn es den Berg heraufging, und da und dort sagte eine Bäuerin: »Bei der Flori nimmt das Gedächtnis auch ab, das merkt man wohl! Sie hat mir heute schwarzes Garn gebracht anstatt braunem, und die Düte mit dem Griesmehl ist ihr unterwegs aufgegangen! Es tut's nicht mehr lang so!«

So hatten die Leute nichts dagegen, als in dem Frühjahr, von dem jetzt gesagt ist, die Nachricht vom Städtlein heraufkam, daß von jetzt an ein wohlbestellter Postbote jeden Tag heraufkommen solle, ein fester, starker Mann, der einen verschlossenen Karren mit sich zu führen hatte, in dem dann alles, was zu besorgen war, bequem Platz finden konnte.