Part 10
Dann zog er wieder weiter. Er hatte jetzt einen schmalen Fußweg gefunden, der richtig ziemlich steil in die Höhe ging. »Auf der langweiligen Straße hätte ich noch lang weiterlaufen können,« sagte sich Heini. Er war ganz froh, daß es wenigstens jetzt in die Höhe ging. »Ein bißchen weit ist's doch,« gab er jetzt zu. »Hätte mich Tante Julie mit den andern Buben gelassen, so müßte ich jetzt nicht allein auf diesen Neuenfels!« Merkwürdig, nächstens mußte die Tante noch schuldig sein, daß der Heini davonlief! Der Fußweg machte wieder allerlei Windungen; manchmal war er fast ganz überhangen von Brombeergesträuch und endlich hörte er ganz auf. Da stand nun der Heini mitten im Wald und nichts rührte sich weit und breit um ihn her. Doch, oben über den Tannen flogen ein paar Raben und krächzten laut. Und er wußte nicht weiter. Den Neuenfels sah man ja schon lange nicht mehr, und Heini hatte nur immer gehofft, der Wald werde sich jetzt dann auf einmal lichten und dann werde er gerade an der Ruine herauskommen. Jetzt getraute er sich gar nicht mehr vorwärts. Es war überall hoher, dichter Tannenwald. Und durch die hohen Stämme drang das Sonnenlicht in einzelnen Strahlen. Da fiel dem Heini ein, daß es wohl schon jetzt Frühstückszeit sei, und daß die Tante ihn nun suchen würde. Und Fräulein Jettchen und Luischen und Lina würden ebenfalls nach ihm suchen und ihn überall rufen: »Heini, Büblein, so komm doch, komm!«
Und er stand im Wald und hatte sich verirrt! Das hatte er, es war so! Was hatte Fräulein Jettchen gestern gesagt?
O, es fiel dem Heini wieder alles ein, sie hatte es so feierlich gesagt wie ein Herr Pfarrer. Er hatte es nicht ausstehen können, aber es war doch wahr. Und jetzt hatte er sich richtig verirrt und mußte noch froh sein, wenn er sich schnell wieder auf dem gleichen Weg heimfand. Den andern Buben wollte es der Heini lieber gar nicht sagen, daß er den Weg nicht gefunden habe. Und die Tante würde ja wohl zanken! Oder am Ende machte sie auch so ein betrübtes Gesicht, wie die Mama zu Hause allemal tat, wenn der Heini eigensinnig und trotzig war. »Da möcht' ich dann schon noch lieber gezankt werden,« dachte der kleine Ausreißer.
»Vielleicht, wenn ich ganz schnell auf dem gleichen Weg zurücklaufe, immerfort, ohne Aufhören, dann komme ich doch noch bald genug. Und dann kann Tante Julie nichts sagen, nein, dann kann sie nicht! Denn dann bin ich gar nicht auf dem Neuenfels gewesen, nur im Wald!« Unter solchen Gedanken war der Heini umgekehrt, hatte auch endlich die ebene Straße wieder erreicht und rannte darauf fort, so müde er auch war. »Lieber Gott, laß mich auch noch bald genug heimkommen,« betete er drunter hinein. Aber dann kam man an so sonderbaren Felsstücken vorbei und an einer kleinen Schutzhütte, die der Heini noch nie gesehen hatte, und auf einmal merkte er, daß er wieder die falsche Richtung eingeschlagen hatte. Und da war es ganz zu Ende mit allem kecken Mut und allem Trotz des kleinen Buben. Er setzte sich ganz hilflos auf einen Rain und fing an zu weinen.
»Manche verlaufen sich auch so weit, daß man sie gar nimmer finden kann,« hatte Fräulein Jettchen gesagt. »Und dann möchten sie gerne zufrieden und dankbar auf der Weide sein, wenn sie nur könnten.« Und dann hatte sie auch noch gesagt: »Du bist auch jetzt schon ein bißchen verirrt, Büblein. Denn du bist unzufrieden und trutzig und siehst nicht recht, wie gut du es hast.«
Als das dem Heini alles nacheinander einfiel, weinte er immer noch stärker. Jetzt war es so, jetzt konnte man ihn vielleicht gar nicht mehr finden! Und die Tante mußte nach Hause schreiben: »Der Heini ist im Wald verloren gegangen. Er war unfolgsam.« Und dann würde die Mutter immer zu den Kleinen sagen: »Machet es nur niemals wie der Heini!«
Und dann fiel ihm auch noch ein, wie gut und lieb die Tante immer gegen ihn gewesen war. Ja, gestern abend noch, beim Gutenachtsagen, da hatte sie zu ihm gesagt: Du wirst schon noch sehen, was wir noch Schönes zusammen erleben. Er hatte sich aber gegen die Wand gekehrt und nur ganz schnell sein Vaterunser hergesagt. Und dann war er trutzig eingeschlafen. Ja, das Vaterunser! Das hatte der Heini natürlich heute morgen auch vergessen! Wenn man etwas vorhat, das nicht recht ist, denkt man nicht an den lieben Gott. Und der liebe Gott will auch nicht hören, daß man sagt: Dein Wille geschehe, wenn man jetzt gerade so ernstlich denkt: Ich will aber tun, was ich will!
Heini war gar nicht recht so keck, jetzt noch das Vaterunser zu beten. Und doch wollte er so gern, daß der liebe Gott ihm wieder helfe, und er wollte auch ganz gewiß nicht mehr unzufrieden sein und trotzig und unfolgsam. Da fiel ihm ein Verslein ein, er sagte es laut mit gefalteten Händen unter sein Schluchzen hinein:
»Alle Schritt und alle Tritt Geh du, lieber Heiland, mit! Gehe mit mir ein und aus, Führe du mich selbst nach Haus!«
Und dann fügte er noch hinzu: »Und mach auch, daß die Tante keine so arge Angst hat und daß sie mir's gewiß glaubt, daß ich jetzt brav sein will.«
Als der Heini so gebetet hatte, war er schon ein wenig getroster geworden. Das Verslein hatte er immer als kleines Büblein gebetet. Seit er in der Schule das Vaterunser gelernt hatte, überließ er das »Kleinkinderverslein«, wie er sagte, den Kleinen. Er durfte nun immer am Morgen und Abend das Vaterunser laut beten. Nur dachte er oft gar nicht an seinen schönen Inhalt. Die Gedanken flogen oft schon voraus auf den Spielplatz oder zu einem Geschichtenbuch. So kam es, daß der Heini im Vaterunser gar nicht so recht daheim war. Aber solang er mit der Mutter »alle Schritt und alle Tritt« gebetet hatte, da hatte diese ihm jedesmal dann nachher einen Kuß gegeben und gesagt: »So wird dir dann auch nichts geschehen! Und jetzt geh und sei vergnügt und brav!« Und der Heini setzte in Gedanken nun auch hinzu: So wird mir dann auch nichts geschehen! Es war ihm jetzt viel leichter als vorher, es kam ihm gar nicht mehr vor, als ob er den Heimweg nicht finden könnte. Er hatte ja auch schon den Rückweg von seinem bösen Eigensinn gefunden, da konnte es ihm freilich wohler sein als zuvor.
Als er sich gerade daran machen wollte, auf dem seitherigen Weg zurückzugehen, und immer noch ein wenig vor sich hinschluchzte, da hörte er hinter sich ein lautes: »Hüoh!« Ein schwerer Wagen rumpelte daher und der Fuhrmann im langen blauen Leinenkittel ging daneben her und rauchte seine kurze Pfeife dazu. Heini atmete tief auf. Jetzt war doch ein Mensch da, mit dem man sprechen konnte! Bescheidentlich ging er auf den Bauern zu: »Möchten Sie mir vielleicht sagen, wo der Weg nach Badenweiler geht? Ich -- ich habe auf den Neuenfels gewollt und jetzt --« Heini konnte seine Tränen nicht mehr hinunterschlucken, sie stürzten jetzt wieder ganz unaufhaltsam hervor.
»Auf den Neuenfels? Du meine Güte, Büblein! Der liegt ja ganz da drüben!« Der Fuhrmann beschrieb einen großen Bogen mit seinem Peitschenstiel. »Und ganz allein bist du? Und kommst von Badenweiler? Am Ende durchgegangen, was?«
Heini konnte nur immer nicken, es drückte ihn doch noch sehr, daß er so weit weg war von daheim. Der Fuhrmann nahm den Heini aber jetzt ganz väterlich bei der Hand. Er hatte selber einen kleinen Buben daheim und Heini sah so zerknirscht aus, daß er ihm keine Strafrede halten konnte. »Da sitz auf, Kleiner,« sagte er. »Du wirst wohl müde sein. In fünf Minuten ist auf dieser Seite der Wald aus und dann sieht man Badenweiler liegen. Nur kommst du jetzt gerade von der andern Seite hinein, als du herausgegangen bist. Wenn du schnell gehst, langt's noch zum Mittagessen.«
Heini hätte lachen und weinen mögen auf einmal. Lachen, weil er richtig nach kurzer Frist die bekannte Schloßruine und alle die bekannten Häuser vor sich liegen sah und er gar kein großes Stück mehr zu gehen hatte, um heimzukommen. Und weinen, weil es schon nächstens Mittagszeit war und die Tante gewiß schon nach allen Richtungen hin nach ihm geschickt hatte und nun in großen Ängsten war.
* * * * *
Es war aber anders gegangen daheim, als der Heini befürchtete. Tante Julie hatte eine schlechte Nacht gehabt und war erst am frühen Morgen eingeschlafen. Als sie erwachte, war schon ein gutes Stück vom Vormittag vorbei. »Der Heini ist so still heute,« hatte sie zu Anna, dem Stubenmädchen, gesagt, das ihr den Kaffee brachte. »Ist er denn schon fort? Das ist mir ganz merkwürdig!«
Anna war ein wenig verlegen. Es war ihr streng anbefohlen, nichts von dem Fehlen des Buben zu sagen; Fräulein Jettchen hatte schon da und dorthin geschickt, wo man ihn vermutete, und wartete nun erst auf die Boten. So sagte Anna nur: »Ich denke, er wird auf dem Spielplatz sein,« und die Tante nickte müde. Eigentlich war sie froh, daß der kleine Plagegeist gerade heute so ruhig war. Sie hatte immer noch Kopfweh und konnte notwendig etwas Ruhe brauchen. »Es tut mir leid, aber es kann nichts aus der Blauenfahrt werden für heute,« dachte sie noch. »Ich bin doch froh, daß ich's ihm noch nicht gesagt habe.« Dann schloß sie die Augen wieder und ließ die Zeit ganz still an sich vorbeigehen. Auf einmal fuhr sie erschreckt auf.
Auf der Straße wurden allerlei Stimmen laut, die tiefe, starke von Fräulein Jettchen und dann die hohe von Fräulein Lina und noch die liebevolle von Fräulein Luischen. »Ach Gott, das Büblein? Aber Heini, was ist das mit dir? Halb tot ist man vor lauter Angst um dich!« So tönte es durcheinander. Den Heini hörte man gar nicht gleich. Endlich vernahm die Tante seine Stimme, aber sie tat so leise, man verstand kein Wort oben. Was konnte nur mit dem Jungen sein? Ehe sich die Tante aber recht besinnen konnte, flog die Tür auf und der Heini herein. »Ach Tantele, sei doch nur wieder gut, ich will ganz gewiß nicht mehr fortlaufen! Und auch nicht mehr so sein, so, du weißt schon wie! Und schreib's auch nicht heim, gelt?« Die Tante wußte sich fast nicht zu retten vor den stürmischen Umarmungen des stämmigen Heini. »So sag mir nur zuerst, was du hast und wo du gewesen bist?« sagte sie. Und der Heini mußte nun seine ganze Geschichte von Anfang an erzählen. Er stockte manchmal ein wenig, denn er mußte sich doch noch schämen, daß er so böse Gedanken gehabt und sie dann auch ausgeführt hatte. Die Tante half ihm aber ganz liebreich wieder zurecht. »So wirst du's ja jetzt selber wissen, was ich dir heute noch sagen wollte,« sagte sie. »Du hast jetzt selber gesehen, wie's einem geht, wenn man im Trotz erzwingen will, was man nicht soll. Dann läuft man sich ab und wird müde und macht einen weiten Umweg und kommt erst nicht dahin, wo man gerne hinwollte. Am Ende muß man dann noch recht froh sein, wenn man den Heimweg wieder findet.« Der Heini verstand das jetzt sehr gut. Er wollte sich die Lehre auch sein Leben lang merken.
* * * * *
Es kam dann später noch einmal ein wunderschöner Tag, an dem die Blauenfahrt richtig zur Ausführung kam.
Heini ritt stramm neben dem Wagen her auf seinem Esel, denn der kleine Kamerad, der miteingeladen war, saß lieber auf den weichen Polstern und begehrte nicht zu reiten.
Den Heini dünkte aber Reiten und durch die Wälder streifen das Allerschönste, und weil er es heute mit gutem Gewissen konnte, so war er auch so fröhlich, daß er laut hinausjodeln mußte. Und das Echo gab jeden Ton getreulich wieder.
Heini hätte fast wieder angefangen, den Hansjörg zu beneiden, der barfuß neben ihm herschritt. Der mußte ja nicht wieder nach Hause, in die Stadt und in die Schule, sondern konnte immer hier bleiben und alle Tage in den Wäldern umherschweifen.
Das sagte er auch zu ihm. Aber der Hansjörg schüttelte den Kopf. »Und ich gäbe gleich den Lips her und noch mein Schnitzmesser dazu, wenn ich's hätte wie du,« sagte er. »Immer genug zu essen und lernen dürfen, soviel man will, und deine Tante ist immer brav und schlägt dich nie!« »Nein,« gab Heini zu, »das tut sie nie, und meine Mama schlägt mich auch nie und der Papa nur selten, wenn es sein muß. Es muß aber natürlich fast nie sein. Ich bin ja nicht mehr so klein.«
»Du hast's lang gut,« seufzte der Hansjörg. »Ich habe niemand als nur die Base und den Vetter. Ich kriege oft Schläge und -- --«
In diesem Augenblick machte Lips einen gewaltigen Satz und das Gespräch wurde abgebrochen.
Dem Heini ging es aber noch lang durch den Kopf. Als er am Abend seine Freundin, Fräulein Jettchen, in der Küche besuchte, um ihr von dem schönen Tag zu berichten, konnte er fast kein Ende finden. »Es war einfach alles schön,« sagte Heini, »nicht einmal der Hansjörg möchte ich mehr sein, und keiner von den andern Buben, ich möchte am liebsten ich selbst sein, denn ich hab's doch am allerbesten!«
Fräulein Jettchen warf gerade Küchlein in heißes Schmalz und ließ sie goldbraun backen. So konnte sie jetzt nicht viel sagen. Sie nickte nur ganz zustimmend: »Das ist auch wahr.« Und es war auch so, denn der Heini hatte jetzt ein zufriedenes und dankbares Herz. Und besser als ein zufriedener und dankbarer Mensch kann's überhaupt niemand haben, er sei groß oder klein.
10. Ein Ersatz.
»Großmutterle, denk dir nur, das Dorle kommt in die Hölle! Weißt du, das Dorle, das immer bei Wolfs im Stall ist und die Milch ausmißt!«
Agnes stellte ihren vollen Milchtopf sehr energisch auf den Tisch und atmete tief auf. Es war keine Kleinigkeit gewesen, diese wichtige Mitteilung bis ins Haus und noch zwei Treppen hoch zu tragen und dabei noch aufzupassen, daß man nichts verschüttete. Jetzt pflanzte sie sich mit blitzenden Augen vor der Großmutter auf.
»So, so,« sagte diese, »das ist aber sehr betrübt! Woher weiß man's denn so genau?«
»Wilhelm Schluchter hat's gesagt! Der geht schon in die große Schule. Sechs Junge hat Wolfs Katze gehabt, o so nette Tierlein, graue und schwarze und ein gelbes und dann noch ein schwarz und weißes. Das Dorle hat ihr aber alle genommen bis auf eines und hat sie in einen Sack mit Steinen getan und in den Neckar geworfen! Wilhelm Schluchter hat gesagt, es sei eine Sünde und eine Schande. Wenn man so etwas tut, kommt man in die Hölle, hat er gesagt. Und das geschieht ihr auch recht!«
Agnes hatte das alles hervorgesprudelt, ohne abzusetzen, denn die Sache lag ihr sehr am Herzen.
»Da bin ich nun gar nicht mit dem Wilhelm einig,« sagte die Großmutter bedächtig und strich dem aufgeregten Kind über das kurzgeschnittene braune Haar, das sich förmlich in die Höhe gestellt hatte vor Eifer.
»Siehst du, wenn nun diese Kätzlein alle am Leben geblieben wären und wären alle groß geworden, so hätte sie dann das Dorle auch alle füttern müssen. Denk einmal, wieviel Milch man da an jedem Tag gebraucht hätte und wieviel Brot!«
»Und es gibt so viel arme Kinder, die froh sind, wenn sie sich satt essen können. Da gibt dann das Dorle lieber den Kindern der armen Meierin eine Milch oder ein Brot und da tut sie ganz recht daran. Kätzlein gibt es auch so noch genug auf der Welt!«
Agnes hatte dieser Erklärung aufmerksam gelauscht und auch ein paarmal einverstanden genickt.
»So will ich das dem Schluchter sagen,« schlug sie vor. »Er wird's nicht so recht gewußt haben. Er hat keine Großmutter, nur seine Mutter und die ist fast gar nie daheim.« Aber dann stieg noch ein neuer Gedanke in Agnes auf, den der letzte Satz der Großmutter erweckt hatte: »Es gibt noch Kätzlein genug auf der Welt.«
»Großmutter,« fing sie wieder an, »wir haben aber keins. Das schwarz und weiße lebt noch. Es ist das nettste von allen, es hat so ein herziges rotes Zünglein. O wenn ich das nur hätte! Großmutter, glaubst du, daß die Mutter erlaubt, daß ich mir das Kätzlein holen darf? Das Dorle gibt mir's sicher! Es hat gesagt, an der alten Katze sei es ganz genug im Haus.«
Die Großmutter zweifelte nicht, daß die Mutter die Aufnahme des Kätzleins gestatten werde, und sprach das auch aus. In diesem Augenblick rief die Mutter auch schon nach der kleinen Tochter, und diese folgte dem Ruf diesmal sehr schnell und sehr willig, denn sie wollte gerne auch gleich ihre Bitte vortragen. Man hörte schon auf der Treppe ihre erregte Stimme: »O Mutter, das muß ich dir ganz zuerst sagen -- -- --«
Die Großmutter blieb allein zurück. Sie strickte an einem braunen Kinderstrumpf. Wer sie oft gesehen hätte, der hätte am Ende denken können, sie brauche sehr lang, bis dieser Strumpf fertig sei. Es war aber allemal wieder ein neuer, denn es waren so viele Füße zu bedenken, daß die Großmutter niemals mit Stricken fertig werden konnte. Da waren schon große Enkelsöhne, die nur in den Ferien nach Hause kamen, dann trippelte es im Hause selbst den ganzen Tag von Buben und Mädchen. Sie gingen zum Teil schon in die Schule, zum Teil waren sie noch klein und mußten gehütet werden. Aber alle wußten gut den Weg zur Großmutter, die im zweiten Stock wohnte und die immer für die Großen und für die Kleinen zu sprechen war.
Agnes war nun nicht mehr so klein, daß man sie hüten mußte wie die beiden jüngsten Schwesterlein. Für die Schule war sie aber auch noch nicht groß genug, da sollte sie erst nächsten Frühling hinkommen. So konnte sie sehr oft die Treppe zur Großmutter hinaufsteigen, denn diese wußte fast immer etwas, mit dem sich das lebhafte Kind unterhalten konnte. Und der »Sturmwind«, wie Agnes von den Brüdern geheißen war, weil sie so schnell hin- und herfuhr, konnte hier oben wirklich manchmal eine ganze Weile stillsitzen und sich auf ruhige Art beschäftigen.
Jetzt nickte die Großmutter ganz befriedigt vor sich hin. »Das ist ganz gut für das Kind, wenn es das Kätzlein zu versorgen hat,« sagte sie zu sich selbst, »das gibt eine gute Übung.«
Daß es eine gute Übung gäbe, daran hatte nun Agnes allerdings nicht gedacht. Sir hatte ein Wohlgefallen an dem munteren, zierlichen Tierchen gefunden, und sie dachte sich nun, solang sie zum Bäcker und Kaufmann unterwegs war, mit großem Genuß aus, wie man mit dem Kätzlein spielen könne, es im Puppenwagen ausfahren, mit einem Halsbändchen schmücken und -- ja, wie konnte man es nur heißen? Das gab sehr vielen Stoff zum Nachdenken!
»Siehst du, Großmutter, da ist's! Ist es nicht herzig?« Agnes kam am andern Tag in aller Frühe mit strahlendem Gesicht an. Das Kätzchen, das sich noch ein wenig scheu und ängstlich zeigte, trug sie sachte im Schürzchen. »Man muß jetzt immer ›Mimi‹ zu ihm sagen, Großmutter. So heißt's jetzt, gelt, das ist ein schöner Name! Soll ich eine Taufe halten, was meinst du? Tätest du es bei dir in deinem Bett schlafen lassen, Großmutter, wenn du mich wärest?«
Die Großmutter hatte lächelnd all die vielen Fragen an sich vorbeischwirren lassen, jetzt sagte sie: »Das ist ein bißchen viel auf einmal gefragt, Kind! Eine Taufe hält man nicht bei Katzen. Ich habe einmal eine gehabt, die hieß Peter. Mimi ist aber auch schön. Ins Bett darfst du das Kätzlein aber nie nehmen, nicht einmal ins Schlafzimmer. Es könnte einmal dem Schwesterlein aufs Gesicht sitzen und es tot drücken. Aber ich weiß doch ein nettes Plätzchen. Sieh, da habe ich ein altes Körbchen, das darfst du halb mit Spreuer füllen auf der Bühne. Und dann legen wir noch ein kleines Deckchen aus der Puppenwiege hinein, das ist dann ein prächtiges Bett. Und dann stellen wir's in die Kammer, wo die Kleiderkästen stehen, da kann das Kätzlein --« »Großmutter, du mußt jetzt immer sagen: die Mimi«, fiel Agnes ein, -- »da kann die Mimi nichts verderben,« vollendete die Großmutter gelassen ihren Satz. »Und siehst du, jetzt muß ich dir gleich noch etwas sagen,« fuhr sie fort, »du hast jetzt die Mimi ganz allein zu versorgen. Das ist noch ganz anders, als wenn man Puppen hat, die nie Hunger bekommen. Katzen sind etwas lebendiges und müssen ihr Futter haben. Und an das mußt du immer denken. Sieh, da habe ich ein ganz nettes Schüsselchen. Es hat nur keine Handhabe mehr, aber es sind Rosen darauf gemalt. Das soll der Mimi ihr Trögchen sein, und eh' du dich ans Essen setzt, mußt du immer denken, daß dein Pflegling auch etwas braucht. Und immer das Bettchen und das Schüsselchen sauber halten und« -- »Ja, ja, das tu' ich ganz gewiß immer,« versicherte Agnes, »und ich tue sonst noch vieles mit der Mimi, ich hab' mir schon alles ausgedacht.«
* * * * *
Mimi hatte sich bald im Hause eingelebt und wuchs schnell heran. Bei Kätzlein dauert es nicht sehr lang, bis sie alles gelernt haben, was sie wissen müssen. Mimi konnte sehr hübsch mit einem Ball spielen und ihrem eigenen Schwanz nachjagen und wenn man sagte: Gib ein Pfötchen! so streckte sie ihr weiches Tätzchen aus und man konnte es dann in die Hand nehmen. Agnes war sehr beglückt von ihrem Pflegling und die Großmutter freute sich im stillen über das Kind, denn es vergaß nie, für Mimis Futter zu sorgen und hob auch sorgfältig übrige Fleisch- und Brotbröckchen dazu auf. Nur konnte sich Agnes oft recht schwer von dem interessanten Spiel mit dem Kätzchen trennen, wenn die Mutter rief oder die kleinen Schwestern gerne ein wenig unterhalten sein wollten.
Eines Morgens kam sie aber sehr erstaunt aus der Kammer, in der Mimis Bettchen stand: »Mimi ist nicht da und ihr Schüsselchen ist von gestern Abend her noch voll!« Und nun begann ein großes Suchen, Rufen und Locken durchs ganze Haus.
»Wenn du deine Katze suchst,« sagte Gottlieb, der Knecht, »die habe ich auf der Gartenmauer gesehen. Ich glaube, sie geht auf die Vögel, sie lauert, das sieht man ihr an!«
»O, o,« rief Agnes entrüstet, »meine Mimi braucht nicht auf Vögel zu lauern und das tut sie auch nicht! Ich habe ihr gestern Abend mein Wursträdchen gegeben und überhaupt, so ein liebes Kätzchen, wie sie ist! Es fällt ihr nicht ein, so etwas zu tun!« Es war aber doch so. Mimi ging auf die Jagd nach Vögeln, und alle Bitten ihrer kleinen Pflegerin konnten sie nicht davon abhalten. Wenn sie entwischen konnte, huschte sie auf die Mauer und horchte in den Nachbargarten hinüber, wo die Vögelein ganz fröhlich in den Zweigen sangen und an keine Gefahr dachten. Einmal hatte sie einen Blutfleck an dem schönen schwarz und weißen Pelz und der Vater sagte, als er zum Mittagessen kam: »Du mußt die Mimi gut hüten, Agnes. Der Nachbar hat gesagt, er wolle sie schon abhalten, seine Finken zu ermorden. Er wisse schon ein Mittel.«
Aber es half alles nichts. Eines Morgens saß Agnes im Gärtchen hinter dem Haus. Sie hatte zwei Freundinnen bei sich und einen großen Korb voll Feuerbohnen neben sich. Es war eine sehr nette Beschäftigung, die glänzenden, gesprenkelten Kerne, die die Mutter zu Samen fürs nächste Jahr aufheben wollte, aus den dürren Hülsen herauszuschälen und die Kinder waren ganz vergnügt dabei. Plötzlich knallte im Nachbargarten ein Schuß. Und als die kleinen Mädchen erschreckt aufsahen, konnten sie eben noch sehen, wie Mimi auf der Mauer einen hohen Sprung machte, und dann, sich überpurzelnd, herunterfiel, gerade in den Rosenbusch, der unter der Mauer stand. »Meine Mimi, mein Kätzlein!« schrie Agnes entsetzt und stürzte sich auf den Rosenbusch. Da war nun nichts mehr zu machen. Mimi hatte ihre Raublust mit dem Leben bezahlen müssen.