Part 4
Das Geschrei verstummte, denn das Kindsmägdlein hatte den Schreier herausgenommen und auf den Schoß gesetzt. Nun fing es an zu singen. Es war ein dünnes Stimmlein, aber es klang doch lieblich. Die Frau horchte mit gespannten Zügen. Sie hatte geräuschlos weggehen wollen, aber nun vergaß sie das ganz.
»Der Pilger aus der Ferne zieht seiner Heimat zu, Dort leuchten seine Sterne, dort sucht er seine Ruh.«
So fing das Lied an. Es war kein Kinderlied. Die traurige Frau hatte noch nie solch ernsthafte Töne von einem Kinde gehört. Sie mußte ein wenig durch das Gebüsch blicken. Da saß die kleine Sängerin auf dem weichen Moos am Boden, die Kinder horchten aufmerksam. Es war ein zartes, schmächtiges Ding von etwa acht Jahren, hatte bloße Füße und ein mageres, bräunliches Gesichtchen, in das aber während des Singens ein ganz fröhlicher Ausdruck kam. Nur einen kurzen Augenblick atmete das Kind auf, dann sang es weiter:
»Sein Sehnen geht hinüber, sein Liebstes liegt im Grab, Die Blumen wachsen drüber, die Blumen fallen ab.
Die Ströme ziehn hinunter ins wogenreiche Meer, Die Welle geht drin unter, man sieht sie nimmermehr.«
Der bleichen Frau liefen die Tränen über die Wangen. Sie hatte schon lange nicht mehr geweint, nun kam es ihr vor, als ob sie nie mehr aufhören könne. Aber die Sängerin hörte erschrocken auf, als sie neben sich leise schluchzen hörte. Sie sah erst jetzt die Fremde und wollte schnell weitergehen, denn es war ihr unheimlich, daß die Frau so stark weinte.
Da sagte diese: »Singe nur weiter, liebes Kind. Du tust mir wohl und nicht weh damit. Ich habe das Lied schon lang, lang gekannt.«
Das Mädchen sah die Frau aufmerksam an, so, als ob sie ihr bekannt vorkäme. Die beiden Pfleglinge waren vor lauter Staunen mäuschenstill. Und die Sängerin sagte: »Die andern Verse kann der Konrad besser als ich. Den hat sie die Mutter noch gelehrt. Und du siehst --« da hörte sie auf einmal auf zu sprechen und wurde dunkelrot. Sie hatte sagen wollen: »Und du siehst fast gar auch so aus, wie die Mutter.« Aber es war ihr dann unschicklich vorgekommen, das zu der fremden Frau zu sagen.
Diese wußte gar nicht, wie es ihr heute ging. Sie hatte seit dem Tod ihrer Kinder gar keine Kinder mehr sehen können. Ja, sie war so weit von daheim weggezogen, nur um allen Bekannten aus dem Weg zu gehen, die noch fröhlich mit den Ihrigen leben konnten. Aber das ernsthafte Gesichtchen des kleinen Kindsmägdleins und sein ungewöhnliches Lied, das zog sie beides mächtig an. Ursula hätte sich gewiß entsetzt, wenn sie gesehen hätte, wie ihre Herrin dem kleinen Mädchen neben sich auf dem Baumstumpf Platz machte und sagte: »Was hast du sagen wollen? Sag's nur kecklich. Komm, setze dich ein wenig daher zu mir und sag mir, wer der Konrad ist und wie du heißt.«
»Mein Bruder ist's,« sagte das Kind und sah dabei der fremden Frau unerschrocken ins Gesicht. Hersetzen wollte es sich nicht. »Ich heiße Veronika. Man sagt mir aber nur Vronik.«
»So, und warum betrachtest du mich so aufmerksam?« fragte die Frau weiter. Das konnte nun Vronik nicht wohl sagen. Denn im Dorf hatte sie schon öfters sagen hören, die Frau im weißen Häuschen sei »nicht ganz bei Trost«. Das hatte sie nie ganz verstanden. Als die Mutter noch lebte, hatte sie hie und da gesagt: »Das ist mir ein Trost; daß ich weiß, der liebe Gott sorgt für euch, wenn ich von euch fort muß. Und das soll auch immer euer Trost sein. Er verläßt euch nicht.« Sonst hatte Vronik noch nie etwas von Trost gehört. Und als sie nun die Fremde so traurig sah, dachte sie, am Ende habe diese richtig vergessen, was einem ein Trost sein könne. Und doch glich sie der Mutter, denn sie war auch bleich und zart wie diese und trug auch ein schwarzes Kleid. Nur hatte Vroniks Mutter freundliche, friedliche Züge gehabt und einen ganz andern Ausdruck darin, als die fremde Frau.
»Kannst du mir's nicht sagen?« ermunterte diese jetzt das Kind. »Du mußt dich nicht fürchten, du kannst es ruhig aussprechen.«
»Weißt du etwa nicht mehr recht, was ein Trost ist?« fragte Vronik statt der Antwort. Denn sie konnte nichts anderes sagen, als das, was sie gerade dachte.
Die Frau sah erstaunt auf. »Ach nein, das weiß ich nicht,« sagte sie. »Aber wie kommst du darauf? Weißt du es vielleicht?«
»Ja,« sagte das Kind ganz bestimmt. »Daß der liebe Gott bei einem bleibt und einen nicht verläßt, wenn man auch ganz allein ist, das ist einer. Die Mutter hat's gesagt.«
Die Frau hatte schon wieder Tränen in den Augen, aber sie kämpfte sie nieder, um das Kind nicht zu erschrecken. Denn sie wollte noch mehr hören. Es hatten schon viele Leute versucht, sie zu trösten. Aber denen hatte sie immer gesagt: »Ihr könnt gut reden. Ihr seid froh und glücklich und versteht nicht, wie es mir sein muß.« Das war bei dem Kind anders. Denn das hatte es nicht leicht auf der Welt, so viel konnte man wohl sehen. So sagte die Frau jetzt zu ihm: »Da hat dir die Mutter etwas Gutes gesagt, daran denke nur immer. Wo ist sie denn? Ich möchte sie wohl einmal sehen.«
Das Kind machte die Augen weit auf. Die fremde Frau wußte scheint's nicht, daß es ein Gottswillenkind sei, das heißt, eines, das gar niemand eigenes mehr auf der Welt habe, der für es sorgen könnte und das man darum »um Gotteswillen« umsonst aufgenommen habe. Es war der Vronik etwas ganz Neues, daß das jemand nicht wußte. Im Dorfe wurde sie oft genug daran gemahnt.
»Die Mutter ist zum lieben Gott gegangen,« sagte sie nach einer kleinen Weile. »Ganz bald nachher, als wir von der Schweiz kamen. Da hat sie immer gehustet. Und dann hat sie's oft gesagt, daß sie fortgehe. Jetzt ist der Konrad beim Lammwirt und ich bin beim Pfleghofbauern um der Gottswillen.«
Vronik mußte tief aufatmen, denn es war lange her, daß jemand so viel von ihr hatte wissen wollen. Aber die Frau sah so teilnehmend aus, es wurde dem Kinde ganz warm ums Herz.
»Aber die Mutter hat auch noch gesagt: wir werden schon wieder zusammenkommen, der Konrad und ich. Weil wir doch sonst gar niemand haben als nur einander. Wann der Konrad groß ist, dann verdient er Geld und dann müssen wir beieinander wohnen,« berichtete Vronik weiter. Sie hätte jetzt alles sagen können. Aber ihre Pfleglinge wurden ganz unruhig und ließen sich nicht mehr beschwichtigen, und vom Dorfe her hallten laute Klänge durch die klare Herbstluft. Das war die Abendglocke, und die Kinder mußten nach Hause.
Die fremde Frau erhob sich. Zum erstenmal hatte wieder ein anderer Gedanke als der an ihr Unglück in ihr Raum gefunden. Jetzt sagte sie: »Kommst du morgen wieder hierher, Vronik? Du mußt mir dann noch mehr sagen.«
Vronik schüttelte leise den Kopf. »Nein, das darf ich nur am Sonntag,« sagte sie. »Am Werktag hütet die Ahne die Kinder. Da muß ich auf dem Feld helfen und im Stall und in der Küche und überall.«
Der fröhliche Ausdruck war wieder ganz aus dem mageren Gesichtchen geschwunden, Vronik sah jetzt so ernsthaft aus, als ob sie schon schwere Sorgen habe. »So komm gewiß am Sonntag wieder,« sagte die Frau. »Vielleicht weißt du mir dann auch so einen guten Trost.« Dann schieden die beiden, und das Wägelein holperte jetzt schnell den Weg hinab, denn es hatte beinahe ausgeläutet.
* * * * *
Es war schon spät am Abend. In dem Heimwesen des Pfleghofbauern war schon alles zur Ruhe gegangen. Nur Vronik war noch einmal zur Hintertür hinausgeschlüpft. Das tat sie immer, ehe sie sich niederlegte. Denn da kam oft der Konrad noch ein Weilchen in den Hof. Und das war die einzige Zeit, wo die verlassenen Kinder einander sehen und sprechen konnten. Es war nicht nur, weil die Mutter so oft gesagt hatte: »Haltet zusammen, Kinder, wenn ich nicht mehr da bin,« daß die beiden so aneinander hingen. Sie hatten alle beide Heimweh nach den alten, schönen Tagen, wo sie mit den Eltern fröhlich zusammen gelebt hatten in der eigenen Heimat. Die Zeit lag freilich jetzt weit dahinten. Aber nach des Vaters Tod war doch noch eine Zeit gekommen, wo die Mutter für ihre Kinder sorgte. Sie war mit ihnen in ihre alte Jugendheimat zurückgekehrt. Aber es lebte niemand mehr von den alten Freunden. Und als der liebe Gott die Mutter zu sich holte, da wußte sie ihren Kindern keinen andern Trost zu hinterlassen als den, den die Vronik so treulich bewahrt hatte, nämlich, daß der liebe Gott für sie sorgen und sie nicht verlassen werde.
Vronik hatte ein fröhliches Herzlein. Und das war viel wert für das einsame Kind. Auf dem großen Hof waren so viele Knechte und Mägde, und sie waren nicht eben böse gegen das Gottswillenkind. Aber sie dachten, es müsse froh sein, wenn es überhaupt einen Unterschlupf habe, und es solle sich nur beizeiten daran gewöhnen, sich in anderer Leute Willen zu schicken. So übten sie es denn alle miteinander darin, daß es sich schicken lerne. »Vronik, treib die Hühner zusammen,« »Vronik, du kannst mir meine Stiefel schmieren,« »wo ist die Vronik? sie soll Kartoffeln waschen,« so hieß es den ganzen Tag. Und Vronik ließ sich das nicht zu sehr anfechten; sie war immer bei der Hand und wenn sie nicht zu müde war, sang sie noch zu ihrer Arbeit irgend eines der schönen Lieder, die sie die Mutter noch gelehrt hatte. Die schönste Zeit für sie war, wenn sie am Sonntag nachmittag mit den Kindern hinausziehen durfte an ein schönes Plätzchen. Da gab sie den Kleinen Blumen und Steinchen zum Spielen und dann konnte sie sich hinsetzen und viel Schönes ausdenken. Wie es früher gewesen war, und wie es später werden würde, wenn der Konrad groß war und Geld verdiente. Ja, daß der Konrad nicht in den Wald konnte, das war freilich betrübt. Der mußte am Sonntag fast noch fleißiger sein als am Werktag; denn da mußte er den Bauernburschen die Kegel aufsetzen und noch vieles andere tun. Und dann kam er immer am späten Abend so verzagt heran, und Vroniks Trost wollte gar nicht bei ihm verfangen. Auch heute nicht. Er machte ein düsteres Gesicht und sagte: »Wenn wir nur fort könnten, Vronik. Wenn wir nur wieder in die Schweiz könnten oder irgendwohin, wo es anders ist. Der Lammwirt hat mich heute so oft am Ohr gerissen und dann noch gesagt: ›Du bist ein Nichtsnutz und dein Essen verdienst du nicht einmal.‹ Und ich habe immer Schlaf und immer Hunger. Ans Lernen komme ich auch nicht. Wenn ich dann im Winter wieder in die Schule muß, so setzt mich der Lehrer zu den Nichtskönnern. Und ich möchte doch so gern lernen.«
Vronik wußte auch nicht gleich zu raten. Sie hätte ja gern Konrads Hand genommen und wäre mit ihm ins Land hinausgewandert. Die Sternlein schienen so hell und freundlich am Himmel und in den Bäumen rauschte der Nachtwind ganz weich und lieblich. Sie hätte sich nicht gefürchtet. Aber wohin? Und dann fiel ihr auch ein, daß die Mutter oft gesagt hatte: »Man muß mit dem zufrieden sein, was einem der liebe Gott gibt. Wenn man immer etwas anderes will, so kann er einem dann nicht mehr helfen.«
So sagte Vronik nach einem Weilchen: »Nein, Konrad, fortgehen, das dürfen wir nicht. Und wir wissen auch nicht, wohin? Es dauert sicher nicht mehr so lang, bis du dann groß bist und Geld verdienen kannst. Und dann ziehen wir zusammen.«
Dem Konrad schien das Leben immer wieder erträglich zu sein, wenn er bei Vronik war; denn sie fand an allem eine gute Seite heraus, wenn sie auch noch klein war und jünger als er. Und sie wußte immer etwas zu erzählen, was sie erlebt hatte, so daß der Konrad oft nur zu staunen hatte.
Heute wurde natürlich das Erlebnis im Walde ausführlich berichtet. In Vroniks Herzlein war ein großes Mitleid für die arme Frau aufgewacht, die nicht einmal mehr wußte, was ein Trost ist.
»Wenn ich nur etwas wüßte, daß sie wieder ein bißchen froh wird,« sagte Vronik, als sie ihren Bericht vollendet hatte. »Und du auch, Konrad. Wenn ich vergnügt sein will, dann fällt mir immer der Lammwirt ein, wie er dich am Ohr reißt und daß du dann so ein trutziges Gesicht machst. Und jetzt auch noch die Frau da droben. Ich möchte nur allen helfen können.«
»Der liebe Gott kann allen helfen,« hatte die Mutter oft gesagt.
Und oft hilft er einem traurigen Menschenkind durch das andere, daß dann beide wieder fröhlich sein können. Man muß nur warten können, er macht es schon noch gut. --
Als die beiden Waisenkinder sich in dieser Nacht trennten, waren sie beide fröhlicher als vorher; denn es war ihnen wieder in den Sinn gekommen, daß schon alles noch gut werde. Und als sie dann in ihrem Kämmerlein lagen und ihr Nachtgebet sprachen, da winkten die Sternlein tröstlich zu ihnen herein und die Gottswillenkinder schliefen so sanft, wie nur irgend wohlbehütete Kinder unter den Augen ihrer Eltern schlafen können.
* * * * *
Ursula hantierte am frühen Morgen geräuschlos in dem weißen Häuschen herum. Sie fegte und stäubte ab und manchmal warf sie einen wohlgefälligen Blick auf die schöne Gegend, die sich an dem strahlenden Herbstmorgen so lieblich vor den Augen ausbreitete, wenn man nur zum Fenster hinaussah. Drinnen im Schlafzimmer rührte sich noch nichts und Ursula war das gewöhnt; denn seit nicht mehr die fröhlichen Kinderstimmen in aller Frühe wach wurden und das Haus lebendig machten, wollte Frau Behrens den Morgen nicht mehr ansehen.
»Ich habe keinen Mut mehr zum Aufstehen,« klagte sie oft. »Es treibt mich ja nichts mehr heraus.«
Sie hätte wohl noch eine Pflicht gehabt, aber es war eine, die der armen Frau das Herz noch schwerer machte als es schon vorher war. In Ursulas Stübchen stand noch ein kleines Bett. Darin lag eine schmale, kleine Gestalt mit einem weißen, farblosen Gesichtchen, darin nichts lebendig schien, als ein Paar große, braune Augen. Sie lag Tag für Tag still und unbeweglich da, die kleine Gertrud, und man fürchtete, daß es auch niemals anders mit ihr werden würde. Das war das einzige Kind, das der armen Frau noch am Leben geblieben war. Es konnte nicht reden, sich nicht bewegen, lachte und weinte nicht. Frau Behrens konnte es nicht lieb haben. »Warum hat mir Gott die gesunden Kinder genommen und dieses gelassen, das nur zum Jammer auf der Welt ist, sich und mir zum Jammer?« So klagte sie oft, und Ursula hatte es längst aufgegeben, ihr zuzureden. Sie tat dem hilflosen Geschöpfchen alles, was sie konnte. Sie gab ihm die Nahrung, hielt es sauber und sorgte ihm für ein gutes Lager. »Wenn man nur wüßte, ob es einen versteht,« dachte sie oft, wenn die braunen Augen so ausdrucksvoll auf sie gerichtet waren.
Eben hatte Ursula ein paar wimmernde Töne vernommen. Diese waren immer das Zeichen, daß Gertrud erwacht war. Sie wollte eben hineingehen, da sah sie eine kleine Gestalt unter der Haustür. Ein mächtiger Strauß fiel auf die Steinstaffel und dann huschte die Gestalt wieder hinunter. »Halt einmal, was ist denn da los?« fragte Ursula erstaunt, und schon hatte sie Vronik, denn diese war es, am Röckchen erfaßt.
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Das Kind strebte weiter; es war dunkelrot im Gesicht. »Laß mich,« sagte es, »ich muß schnell heim, die Bäuerin zankt sonst. Es ist nichts Böses, ich hab nur der Frau einen Strauß gebracht, weil sie so arm ist.« »Was weißt du, ob Frau Behrens arm ist,« sagte Ursula ein wenig unfreundlich. Denn sie wußte nichts von der Begegnung im Walde und dachte, es könne ihrer Herrin vielleicht unangenehm sein, wenn sich jemand um sie bekümmere. »Wo ist sie?« fragte Vronik etwas erschrocken. »Sie kennt mich schon und sie hat gesagt« -- hier stockte sie. Denn Frau Behrens trat unter die Tür. Sie hatte das Kind gehört und winkte ihm freundlich zu. Ursula schüttelte erstaunt den Kopf. Hatte man so etwas je erlebt? Das barfüßige Mädchen kam strahlend auf die Dame zu und sagte fröhlich: »Ich habe dir den Strauß geholt. Ich habe den Knechten die Morgensuppe in die Au gebracht. Und es ist noch so lang bis an den Sonntag, drei Tage noch. Da hab' ich schnell das Heidekraut gepflückt. Und der Konrad hat gesagt, wenn man nicht mehr wisse, was ein Trost sei, so müsse man es dem lieben Gott sagen, der wisse es dann schon. Der Konrad hat es auch nicht mehr gewußt, den reißt der Lammwirt oft am Ohr, daß es weh tut.«
»So,« sagte Frau Behrens, »das ist freilich schlimm, wenn er das tut. Aber weiß denn der Konrad jetzt, was ihm gut tun kann?« »Ja, er weiß es schon,« sagte Vronik. »Er vergißt's nur allemal wieder, daß man alles dem lieben Gott sagen kann. Daß er machen soll, daß der Konrad lernen darf, weil er das so gern möchte. Und daß es nicht mehr lang dauert, bis er groß ist und Geld verdient.«
Ursula traute ihren Augen und Ohren nicht, als nun Frau Behrens dem Kinde warm die Hand gab und sagte: »Den Konrad muß ich auch sehen. Und am Sonntag kommst du in den Wald. Vielleicht können wir schon etwas ausfindig machen, daß dein Bruder mehr lernen darf, wenn er das so gern will.«
Vronik eilte leichtfüßig davon. Denn es war jetzt keine Zeit zum Plaudern. Im Pfleghof war große Wäsche, und Vronik hätte sich verdreifachen können und doch kaum alle Befehle ausführen, die man ihr gab. Aber sie tat heute alles noch viel vergnügter als sonst. Sie mußte an einemfort vor sich hinsingen. Sogar die alte Obermagd, die sonst nicht viel sagte, fragte verwundert:
»Was freut jetzt auch das Mädchen so? Das hat doch einen Leichtsinn, man sollt's nicht glauben. Und hat's erst gar nicht nötig, das Leichtsinnigsein. Wenn man keinen Menschen hat und keinen Pfennig Geld.« Vronik brauchte aber gar kein Geld zum Vergnügtsein. Und daß eben erst, heute schon, ein Mensch freundlich und teilnehmend mit dem armen Gottswillenkind gesprochen hatte, das wußte die alte Obermagd nicht. Vronik hörte es immerfort noch in den Ohren tönen: »Wir können dann vielleicht schon noch etwas ausfindig machen, daß der Konrad mehr lernen kann, wenn er das so gern möchte.«
Das war ganz genug, um den ganzen Tag fröhlich zu sein, bis dann am Abend der Konrad kam und man es ihm mitteilen konnte. Vronik konnte sich nicht besinnen, was Frau Behrens wohl dazu tun könnte, daß der Konrad mehr lernen dürfe. Sie freute sich nur darüber und glaubte ganz sicher, daß es wahr werde. »Der liebe Gott kann alles machen,« hatte die Mutter oft gesagt, und Vronik zweifelte gar nicht, daß er das machen könne.
Aber am Abend kam der Konrad nicht in den Hof und auch nicht an den beiden folgenden. Vronik wartete lange auf ihn und wurde immer unruhiger. Ins Lamm gehen, das durfte sie nicht. Der Lammwirt hatte ihr einmal gesagt: »Das Zusammengeläufe verbitte ich mir, und dich will ich nicht in meinem Haus antreffen.« Und dazu hatte der große Metzgerhund Flox so grimmig geknurrt, als ob er hätte sagen wollen: »Und ich dich auch nicht oder es geht dir dann schlecht.« Seither fürchtete sich das Kind vor beiden, dem Mann und dem Hund. Aber am Sonntagmorgen hielt es Vronik nicht mehr aus. Sobald sie ein Weilchen abkommen konnte, ging sie doch hinunter auf den freien Platz, an dem das stattliche Wirtshaus stand, dessen goldenes Lamm in der Sonne glänzte. Sie wollte nur sehen, ob sie nicht an irgend einem Fenster den Konrad entdecken könne. Aber da kam gerade der gefürchtete Lammwirt in hohen, blankgewichsten Stiefeln zum Haus heraus. Er führte den Hund an der Leine, hatte einen festen Stock in der Hand und eine Schildkappe auf und ging mit großen Schritten die Straße hinunter. Vronik hatte sich zitternd an die Wand gedrückt, als sie die beiden sah, nun atmete sie leicht auf, denn nun war nichts zu befürchten. Sie huschte schnell ins Haus, sah sich im Flur und im Schenkraum um und fand endlich den Bruder in der Küche. Er saß auf einem Bänkchen und putzte Rüben. Sein Fuß lag auf einem Holzklotz und war dick mit Lappen umwickelt und sein Gesicht war noch blässer und finsterer als sonst. Vronik erschrak, als sie ihn so fand. »Was hast du, was ist, daß du nicht kommst?« sagte sie ängstlich. »Hat er dir etwas getan?« Konrad schüttelte den Kopf und sah sich zuerst nach allen Seiten um, ehe er antwortete. »Ich habe ein Glas zerbrochen, und bin noch in einen Scherben getreten,« sagte er. »Jetzt ist mein Fuß dick geschwollen. Und Schläge habe ich auch bekommen. O wenn ich nur gar nicht mehr am Leben wäre.« Und dabei rollten dem Konrad dicke Tränen über die bleichen Backen.
Es war ein wenig schwer für Vronik, hier eine gute Seite an der Sache zu finden. Denn niemand pflegte den Konrad recht. Der Lammwirt hatte keine Frau. Vor seiner alten Mutter fürchteten sich die Kinder fast ebensosehr, wie vor dem Lammwirt selbst, denn sie hatte eine sehr unfreundliche Gemütsart. Und die Köchin dachte, der Fuß werde schon von selbst wieder gut werden. So war es kein Wunder, daß dem Konrad das Herz noch schwerer war, als sonst schon vorher. Denn er kam sich jetzt so verlassen und unglücklich vor, als ob es auch für ihn keinen Trost mehr gebe auf der ganzen Welt. Das konnte aber Vronik nicht ertragen.
»Ich habe dir zwei Birnen gebracht,« sagte sie. »Sie sind gut, ich hab sie vom Stallknecht, weil ich ihm die Stiefel gewaschen habe. Du mußt jetzt nicht weinen. Ich habe ein frisches Halstüchlein, das mache ich naß und binde es um den Fuß, das tut dir gut.«
Der Fuß war entzündet und tat weh. Und Konrads trauriges Herz konnte auch Vronik nicht so schnell hell und fröhlich machen. Aber es war doch gut, daß sie gekommen war. Denn jetzt setzte sie sich noch ein Weilchen zu dem Bruder auf das niedrige Bänklein. Und wenn er sagte: »Es hilft doch nichts, wenn man sich auch Mühe gibt, so viel man kann. Und es dauert so lang, bis man groß wird, daß man es fast nicht erleben kann,« so wußte sie doch immer wieder einen Trost. Und heute hatte sie ja noch einen besonderen. »Die Frau Behrens hat gesagt, sie wolle dann schon etwas ausfindig machen, daß du lernen dürfest,« erzählte sie. »Vielleicht will sie den Lammwirt fragen, ob er's nicht erlaube.« »Der erlaubt's nicht,« sagte Konrad mutlos. »Jetzt mußt du dich einmal gar nicht mehr besinnen, die Frau Behrens besinnt sich schon selber,« ermahnte Vronik. »Heute nachmittag seh' ich sie im Wald. Und dann komme ich bald wieder zu dir und sage dir alles.«
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Vronik mußte gehen. Denn sie hatte auf dem Hof noch viel zu tun. Und sie wollte auch lieber nicht abwarten, bis der Herr des Hauses mit dem Hund zurückkäme.
Konrad blieb in seiner trübseligen Küche allein. Aber er sah nicht mehr so finster aus als zuvor. Vronik hatte ihn ein wenig aufgeheitert mit ihrem Besuch und mit dem, was sie gesagt hatte. Und nun fingen die Glocken an zu läuten und auf dem Fenstersims zwitscherte lustig ein dicker Spatz, und ein heller Sonnenstrahl fiel auf den Steinboden der Küche und tanzte dort hin und her. Da kam es dem einsamen Buben wieder tröstlich in den Sinn, daß der liebe Gott sein Vater sein wolle und es schon noch gut mit ihm machen werde. Er wollte nur nicht immer vergessen, sich an ihn zu halten.
Die Köchin war auch in sonntäglicher Stimmung. Sie konnte zwar nicht in die Kirche gehen, aber sie kam doch mit einer frischen Schürze angetan aus ihrer Kammer herunter und summte ein schönes Lied vor sich hin, als sie am Herde hantierte. Und als sie Waffeln buk, geschah das Unerhörte, daß sie dem Konrad eine davon, die noch warm und goldbraun war, mit Zucker bestreute und gab. »Da, du armer Schlucker,« sagte, »daß du auch weißt, daß Sonntag ist.«