Part 16
Die Alten mußten ein wenig lachen bei dem Vorschlag, die Frau aber zupfte ihren Ehegatten verstohlen am Ärmel: »Mein', was das für ein gescheiter Kerl ist und so weichherzig. Ich hätte so meine Gedanken; den hast du nicht umsonst heut nacht finden müssen. Das Weib muß sich plagen und schinden, die wäre am Ende froh, wenn wir für den Buben sorgten. Jockele, willst du nicht bei uns bleiben und unser Büble sein, da hättest du's gut und dürftest mit den Gäulen fahren und kriegtest zu essen, was du magst?« Sie zog bei diesen Worten den Kleinen näher an sich und sah ihn erwartungsvoll an. Auch der Sonnenwirt machte ein gespanntes Gesicht und stellte sich vor die beiden hin. Jockele war gleich fertig mit seinem Entschluß. »Ja, das will ich ganz gern,« sagte er bereitwillig, »so komm, so wollen wir gleich fortfahren und die Mutter holen. Kann sie dann auch immer mit den Gäulen fahren und alles so gut haben?« So war's nicht gemeint gewesen, die Alten hatten nur das Büblein gewollt, die Mutter aber nicht; sie sahen sich ein wenig verblüfft an, der Jockele fuhr aber fort: »und dann macht sie auch gleich, daß deine Hände und Füße nicht mehr so arg weh tun müssen und -- sie kann dann auch deine Stube ein wenig sauber machen, die Mutter macht immer alles ganz sauber.« »Der weiß, wie eine Sache sein muß,« sagte beifällig der Sonnenwirt, »der hat nicht umsonst so helle Augen im Kopf!« Es war wahr, es sah nicht am schönsten aus in der Schlafstube; seit die Frau immer von Gicht geplagt war und selber nichts tun konnte, ging es mit der Haushaltung ein wenig zurück. Die Mägde hatten mit dem Feld und dem Vieh und der Wirtschaft zu tun, es war da auch nicht, wie es sein sollte. Da hätten ein paar junge Hände und Füße und ein guter Wille vieles zu bessern und zu helfen gefunden. Die Gedanken gingen in aller Eile durch die Köpfe der beiden Gatten, sie wußten aber nicht recht, was sie dazu sagen sollten, so schwiegen sie wieder still.
Das war nicht nach Jockeles Geschmack, der immer auf alle seine Fragen von der Mutter Antwort bekam. Er sprang eifrig aus dem Bett, fing an, sich anzuziehen und ermahnte den Sonnenwirt noch einmal: »So komm doch und mach' dich auch fertig, ich muß jetzt gleich zur Mutter, sie hat sonst Angst, wenn ich so lang nicht heimkomme.« Jetzt fing der Mann endlich an zu reden, er hatte einen großen Anlauf dazu nehmen müssen: »Weißt, Büblein,« sagte er, »deine Mutter will gar nicht zu uns, zu so alten Leuten, die will lieber immer in die Stadt gehen und nähen, du könntest ganz gut allein bei uns bleiben, dann wäre ich dein Großvater und das deine Großmutter. Paß auf, wieviel Schönes du da findest, ich kaufe dir eine Trommel und eine Peitsche und was du sonst noch willst.« »Nein, nein, das will meine Mutter gar nicht, sie will nur bei mir bleiben,« sagte Jockele entrüstet. »Und ich habe auch selber einen Großvater und eine Großmutter, ich muß alle Abend beten: Und mach' auch, lieber Gott, daß meine Großeltern nicht mehr bös sind auf die Mutter und mich.« »So, so, das betest du? Ja warum sind denn die Großeltern bös auf euch?« fragte die Frau, es war ein eigentümlicher Ausdruck in ihr Gesicht gekommen, man wußte nicht, ob sie lachen oder weinen wollte. »Weil sie so reich sind und so viel Geld haben, und meine Mutter hat keins und ich auch nicht, deswegen wollen sie uns gar nicht sehen. Aber der liebe Gott kann schon noch machen, daß sie uns noch lieb haben, hat die Mutter gesagt. Und ich muß sie auch lieb haben, denn sie sind so arm, weil sie keinen Menschen mehr haben, der ihnen gehört,« berichtete Jockele ernsthaft. Der Sonnenwirtin waren Tränen in die Augen getreten, und ihr Gatte ging mit starken Schritten auf und ab und räusperte sich stark.
Der Sonnenwirt blieb vor dem Jockele stehen, strich ihm mit der Hand über das Lockenhaar und sagte: »Geh du jetzt nur einmal hinaus und sag der Küchenmagd, daß sie dir ein großes Butterbrot und eine Schüssel Milch geben soll. Und dann gehst du zu dem Johann in den Stall und siehst, ob die Gäule schon gefressen haben. Ich rufe dir dann, wann ich fertig bin.« Das war eine neue Aussicht! Jockele ging eifrig auf den Vorschlag ein, und nun waren die Alten allein. »Was sagst du jetzt dazu, Mann? so red' doch auch ein Wort,« fing endlich die Frau an, als der Sonnenwirt immer am Fenster stand und so angelegentlich hinaussah, als ob da draußen etwas ganz Neues, Interessantes zu sehen wäre. Der Angeredete drehte sich um: »Das sag' ich dazu, daß wir alle beide uns selber den größten Schaden täten, wenn wir das Büblein nicht zu uns nähmen. Ist's doch unser leibhaftiges Enkelein, und ich meine, wir haben nicht viel übriges an eigenen Leuten. Der Bub hat mir ganz wohl gemacht, so etwas haben wir schon lang nicht mehr um uns gehabt.« »Aber die Mutter, die Judith?« warf die Frau zweifelnd ein; »du siehst's ja, der Bub will nicht bei uns sein ohne sie und sie selber -- ich sag' dir, die gibt das Kind nicht her und wenn man ihr die Stube mit Talern pflastern wollte.«
»Ja, siehst du,« der Sonnenwirt stockte ein wenig, es fiel ihm gerade nicht leicht, das zu sagen, was er jetzt wollte -- »siehst du, mit der Judith -- ich hab' schon oft gedacht, ob wir nicht doch einen Fehler gemacht haben mit ihr. Sie soll so brav sein und fleißig, hab' ich schon oft sagen hören, und wenn ich sehe, wie sie den Buben aufzieht und lehrt ihn gegen uns auch gar keinen Groll und Zorn hegen, es ist ein Prachtskerl! Und dann hab' ich gedacht, sie hat junge Füße und Hände und könnte bei uns nach dem Rechten sehen, wenn du doch nicht fort kannst!« Die Sonnenwirtin ließ den Mann nicht ausreden. »Komm her zu mir, Alter,« sagte sie, »und gib mir eine Hand! Wenn die Judith will -- und wegen dem Kind wird sie wohl wollen, so soll sie uns Gottwillkommen sein im Haus. Und jetzt spanne nur gleich ein, ich denke nicht, es könnte uns gereuen, aber denk, in was für einer Angst das Weib sein muß um den kleinen Buben. Das muß ihr ja fast das Herz abdrücken!«
Es dauerte kaum fünf Minuten, so standen die stattlichen Braunen im Geschirr vor dem Bernerwägele, und Jockele saß stolz auf dem Kutscherbock und hatte die Zügel in den Händen. »Da sieh, was das für einen Fuhrwerker gibt,« sagte der Sonnenwirt wohlgefällig zu seiner Frau, die sich nicht satt sehen konnte an dem Buben. »Bring ihn auch gewiß wieder mit, komm mir nicht heim ohne ihn,« sagte sie immer wieder, sie wäre am liebsten selbst mitgefahren. »Ich sag's ihm erst unterwegs, daß wir die Großeltern sind, ich muß ihn vorher noch zutraulicher machen,« sagte der Sonnenwirt beim Abschied. Er nahm sich vor, beim Krämer des großen Marktfleckens, durch den sie zu fahren hatten, allerlei einzukaufen, was ein Kinderherz erfreuen konnte. Der alte Mann hatte plötzlich in seinem Herzen einen ganzen Schatz von Liebe für den helläugigen Burschen entdeckt, es war ihm ganz warm geworden davon. Jockele sah aber nicht aus, als ob er zutraulich gemacht werden müßte. Er lachte mit dem ganzen Gesicht, als die Braunen anzogen! »Adieu, wir kommen ganz bald wieder und bringen die Mutter mit,« rief er der nachschauenden Sonnenwirtin fröhlich zu bei der Abfahrt. Dann entschwand das Fuhrwerk ihren Blicken.
Frau Judith war in großem Jammer gewesen, als sie bei ihrer Heimkunft das Häuschen leer fand und auch ihr Büblein nicht an seinem gewohnten Spielplatz am Bächlein entdecken konnte. Sie hatte überall gesucht, wo sie nur denken konnte, daß er möglicherweise zu finden sein könnte. Bis in die tiefe Nacht hinein war sie gelaufen und gelaufen, an den Erdbeerplatz im Wald, wo sie mit Jockele einmal gewesen war, ins nächste Dorf, wo er schon mit ihr in einige Kundenhäuser gegangen war -- umsonst. Niemand hatte den Kleinen gesehen, keine Spur fand sich von ihm. Sie kehrte immer wieder ins Häuschen zurück, jedes Winkelchen aussuchend, wohl hundertmal seinen Namen rufend. Dann machte sie der Jammer ganz starr. Auf dem Bänklein vor dem Haus saß sie vollends die ganze Nacht, zusammenfahrend, so oft ein Vögelein schlaftrunken in seinem Nest zwitscherte oder ein fernes Wagengerassel sich hören ließ. »Das ist eine Strafe von Gott, der dir jetzt auch noch dein einziges Kind wegnimmt, wie du den Eltern deines Mannes das einzige Kind genommen hast,« kam es über sie und wieder ging sie ruhelos auf und ab und rief lauthin durch die Nacht: »Jockele, mein Büble, wo bist du?« -- bis sie, übermüdet, auf dem Bänklein einschlief, noch im Halbschlaf betend, als säße sie am Bettchen ihres Kindes: »Breit aus die Flügel beide, o Jesu meine Freude, und nimm dein Küchlein ein. Will es der Feind verschlingen, so laß die Englein singen: Dies Kind soll unverletzet sein!«
Die Sonne stand hoch am Himmel. Frau Judith hatte sich eben zum Fortgehen gerüstet. Sie wollte in alle Nachbardörfer gehen und Anzeige machen; spurlos konnte ja doch so ein Kind nicht verschwinden. Da fuhr mit lautem Peitschenknall ein Wagen vor dem Häuschen vor und -- Frau Judith mußte sich am Tisch halten, so zitterte ihr das Herz vor Freude -- schon von weitem hallte laut die fröhliche Stimme ihres Bübleins: »Mutterle, Mutterle! da bin ich und das ist der Großvater und bös ist er gar nicht mehr!« Das war ein fröhliches Wiedersehen! Frau Judith verstand's zwar nicht gleich, was es heißen sollte, als Jockele anfing zu erzählen: »Weißt, Mutterle, zuerst habe ich wollen in den Mond hineinsteigen und den Vater suchen, aber ich habe dann doch nicht können -- und dann ist der Großvater gekommen, aber ich habe nicht gewußt, daß er's ist, und dann habe ich in der Sonne geschlafen, die gehört dem Großvater. Und du mußt jetzt gleich mitkommen und machen, daß der Großmutter ihre Hände und Füße nicht mehr so wehe tun« -- aber der Großvater wird's ihr ja wohl erklärt haben. Wenigstens fuhren auf dem Bernerwägelein drei fröhliche Menschen der Sonne zu und haben nachher einander die Heimat darinnen lieb und wert gemacht.
16. Aus dürrem Erdreich.
Die Schulkinder von Rötenberg hatten heute einen wichtigen Tag. Zuerst war am Morgen keine Schule gewesen, weil der alte Herr Schullehrer schon gestern abgereist war, um seine neue Stelle an der Stadtschule anzutreten. Und nun, am Nachmittag, gab es ungeheuer viel zu sehen, da konnte man das Schulhaus keinen Augenblick aus den Augen lassen.
Denn da sollte der neue Lehrer einziehen, der nun jede Minute ankommen konnte, und damit hing vielerlei Merkwürdiges zusammen. Vor einer Stunde war der hochbepackte Frachtwagen angekommen und mit ihm, vorn auf dem Kutschbock beim Fuhrmann sitzend, ein junges Mädchen, das flink abgestiegen war und nun schon tüchtig unter den Möbeln und Betten hantierte. Der Fuhrmann half beim Abladen und der Kirchendiener mit seinem Weib war gleichfalls zur Hilfe angestellt und die Schuljugend hatte es wichtig mit dem Zusehen. Das junge Mädchen war die Schwester des neuen Lehrers und sie wollte bei ihm bleiben und ihm den Haushalt führen, denn er hatte keine Frau. Da mußte man sie schon aufmerksam betrachten. Sie trug ein einfaches blaues Kleid und hatte einen dicken braunen Zopf hinten aufgesteckt und ihr Gesicht sah ernsthaft, aber gar nicht unfreundlich aus. Zur Arbeit hatte sie eine große gestreifte Schürze angezogen und jetzt wendete sie sich an die müßigen Buben und Mädchen: »Höret, wenn ihr so gut Zeit habet, so könnet ihr mir ein bißchen helfen. Da, die vielen Blumentöpfe stellt man hinten in den Garten, alle auf das niedrige Mäuerchen. Und die Besen und Kochtöpfe könnet ihr in die Küche tragen, ihr habt junge Füße. Halt, nicht alle auf einmal. Zwei Buben und zwei Mädchen, das ist genug. Wer will?«
[Illustration]
Es gab eine Verlegenheitspause. Die Mädchen zupften an ihren Schürzen und kicherten und die Buben stießen und pufften einander, aber helfen wollten sie doch gern, sie mochten es nur nicht sagen. Fräulein Margret kannte das aber schon. Sie suchte sich ein paar feste Buben aus und unter den Mädchen zwei, die schon ein wenig verständig und besonnen aussahen; die andern tröstete sie: »An euch kommt's schon auch noch. Wenn es dann Holz zu tragen gibt, dann kann man viele Helfer brauchen.«
Die Auserwählten gingen mit Eifer ans Werk und die Arbeit schritt rüstig voran.
Das Schulhaus war groß, aber alt und ein wenig verwahrlost. Es sah nicht besonders freundlich aus mit seinen trüben Fenstern und dem wackeligen Lattenzaun am Vorgärtchen. Jetzt war noch Frühjahr, und der Garten, der dieses Jahr noch gar nicht angepflanzt war, machte auch einen unordentlichen Eindruck. Wer wollte, konnte hier viel zu tun finden. Fräulein Margret sah sich um und machte nicht gerade ein erfreutes Gesicht. Es werde schon eine Weile dauern, bis man sich hier heimisch fühlen könne, dachte sie. Da sah sie, ein wenig entfernt von den andern Kindern stehend, einen barfüßigen Buben, der am Zaun lehnte. Er stand ganz allein und sein Gesicht sah mindestens so aus, als ob er sich nicht heimisch fühlen könne. Als das junge Mädchen sich die Hilfstruppen ausgewählt hatte, war er ein bißchen näher hergekommen. Er hätte sich auch gern anstellen lassen. Aber man hatte ihn nicht bemerkt und so war er wieder an den Zaun zurückgekehrt. Fräulein Margret mußte noch ein paarmal zu ihm hinübersehen. Er hatte rotes Haar und ein sommersprossiges Gesicht und mit den Zähnen biß er fest auf die Unterlippe. »Wer ist der Bub? Warum steht er ganz allein und abseits von den andern?« fragte Fräulein Margret einmal das Mädchen, das ihr einen Korb tragen half. Das Mädchen machte ein geringschätziges Gesicht. »O, das ist der Geißlipp,« sagte sie. »Der weiß, warum er so allein ist. Es will keiner etwas von ihm wissen, er ist unartig für zwei und faul für drei. So hat immer der Herr Lehrer gesagt.« Fräulein Margret sagte nichts auf den Bericht. Es gab jetzt gerade so viel zu tun und dann mißfiel ihr auch das Urteil.
Jetzt entstand eine Bewegung auf dem freien Platz vor dem Hause. Denn um die Ecke am Rathaus war eben ein offenes Fuhrwerk gefahren und darin saß der Herr Lehrer und noch der Schultheiß und der Stiftungspfleger, die ihn an der Bahn abgeholt hatten. Fräulein Margret winkte grüßend zum Fenster heraus und die Schuljugend ballte sich auf einen Knäuel zusammen, denn jetzt wollte keines gern ganz vornen stehen. Das war der ganze Empfang. Er war nicht besonders festlich, aber man war es eben in Rötenberg nicht anders gewöhnt. Der Herr Lehrer stieg aus, schüttelte den Männern noch die Hand und dann schritt er auf das Haus zu.
Zum Fürchten sah er nicht gerade aus. Er war ein bißchen klein und hatte ein freundliches, rundes Gesicht und blondes Haar. Der alte Lehrer hatte einen langen schwarzen Bart gehabt. Die kecksten Buben sagten schon untereinander: »Der tut einem nichts,« da wandte sich der Lehrer noch einmal um und sah sich sein Häuflein prüfend an. »Grüß Gott, ihr Kinder,« sagte er. »Morgen kommen wir dann schon zusammen, da wollen wir einander dann kennen lernen.« Ein paar von den Buben rissen jetzt noch die Kappen herunter und dann zerstreute sich die Schar nach und nach. Denn für heute gab es da nichts Besonderes mehr zu erfahren.
Es war am späten Abend dieses Tages. Vom Kirchturm her hallte die Betglocke. Da und dort trieb noch ein Knecht seine Kühe vom Brunnen in den Stall und knallte so ein wenig dazu mit der Peitsche. Die Hauptstraße herauf kam langsam der Botenfuhrmann mit seinem hochbepackten Wagen und den festen Gäulen davor gefahren und unter den Haustüren saßen die Leute und hatten Feierabend. Vor dem Schulhaus sah man nichts mehr, was an den Einzug hätte erinnern können. Die Schulkinder hatten ihre Hilfeleistung damit beschlossen, daß sie den Platz schön reingekehrt hatten. Und dann waren sie mit vergnügten Gesichtern abgezogen, denn sie hatten ja nicht umsonst geschafft. »Der Lehrer ist brav, da ist mir's nicht angst,« sagte des Polizeidieners Andres zu seinem Kameraden. »Aber seine Schwester ist eine Stolze,« meinte der, »ich bin schon froh, daß man nicht zu ihr in die Schule muß.« Das war auf dem Heimweg gewesen. Eben kamen sie an dem kleinen Häuschen vorbei, in dem der Geißlipp wohnte. Eigentlich hieß er Philipp Berner und sein Vater hieß auch so. Aber er hieß im ganzen Dorfe nur der Geißlipp, weil er hinten in dem Bretterverschlag am Häuschen zwei Geißen stehen hatte, die sein ganzer Reichtum waren. Der Vater arbeitete im Taglohn bei der Gemeinde und der Sohn versorgte neben der Schule her die zwei Geißen. Und beide waren sie nicht beliebt im Dorf. Der Geißlipp saß, als die Buben herankamen, auf dem Bänkchen an der niedrigen Haustür. Er hatte einen Tafelscherben auf den Knien und kritzelte darauf. Als er die Kameraden sah, fuhr er schnell mit der Hand darüber, denn sie sollten nicht sehen, was er tat. Die andern aber blieben nicht bei ihm stehen. »Du kannst dich dann in acht nehmen morgen,« rief des Bachbauern Jakob herüber. »Der Lehrer wird's bald wissen, was du für einer bist.« »Ja und an deinem Namen steht im Buch ein rotes Kreuz, der Büttel hat's gesagt, der hat's gesehen,« fügte Andreas hinzu. »Dich möcht' ich nicht sein.«
Der Geißlipp fuhr mit der Hand in die Tasche und brachte einen Stein heraus. Das mußte aber den andern nichts Neues sein, denn sie merkten gleich, was er wollte, und verschwanden schnell hinter der Hecke. Da war der Geißlipp wieder allein. Er ließ den Stein fallen und biß die Zähne wieder übereinander. »Ich krieg euch doch noch,« murmelte er dann. »Ich finde dann schon noch etwas aus, daß ihr eine Weile genug habt.« Aus dem Häuschen rief eine tiefe Stimme: »Marsch herein jetzt ins Bett.« Das war der Vater, der sich schon zur Ruhe begeben hatte. Da verbarg der Bub seinen Tafelscherben in einem sicheren Versteck und ging ins Haus.
Die beiden sprachen nicht viel miteinander. Der Vater war ein finsterer, wortkarger Mann. Er war einmal, als sein Sohn noch ganz klein war, ein paar Jahre im Zuchthaus gewesen, weil er im Zorn einen verwundet hatte. In der Zeit war sein Weib gestorben und den Kleinen hob man so lang im Armenhaus auf. Seit der Vater wieder da war, lebten die zwei miteinander in dem Häuschen und waren fast mit niemand gut Freund. Der Sohn wußte es gar nicht anders, als daß er ein böser Bube sei, vor dem man sich in acht nehmen müsse. Das hatten die Leute schon zu ihm gesagt, seit er sich denken konnte. »Der wird gerade wie sein Vater,« sagten sie. Und Philipp gab sich gar keine Mühe, anders zu sein, als so, wie er war. Wenn ihn die andern Buben neckten und höhnten, so fuhr er unter sie mit geballten Fäusten oder warf mit Steinen und es gab fast keinen in der Schule, dem er nicht schon einen Schabernack angetan hatte. So kam es denn, daß auch der Lehrer kein Freund des Geißlipp gewesen war, und er zweifelte gar nicht, daß das mit dem neuen ebenso werden würde. Nämlich so, daß er fast jeden Tag irgend eine Strafe bekommen und im übrigen der schlechteste Schüler sein werde. Er ging jetzt drei Jahre in die Schule und seither war es immer so gewesen. Manchmal blieb er dann auch ein paar Tage ganz weg, bis der Vater dahinterkam und ihn hineintrieb.
Jetzt kroch der Sohn in sein Bett. Er hatte ein gutes, eigenes, denn es war das seiner Mutter. Aber es sagte ihm niemand freundlich und liebevoll gute Nacht und so war sein Gesicht auch im Schlaf noch finster.
* * * * *
Es war eine Woche später. Fräulein Margret hantierte emsig im Garten. Dort waren am Tag vorher die Beete umgegraben worden und nun mußte sie sich tüchtig umtun, daß da etwas hineinkomme. Sie sah überhaupt so viel Arbeit vor sich für die nächste Zeit, daß sie kaum wußte, wo anfangen. Aber es machte ihr Freude, so fleißig zu sein. Denn sie hatte seither fremden Leuten gedient und nun hatte sie ein eigenes Reich und konnte mit ihrem Bruder darin wohnen. Es wurde ihr immer heimlicher in dem alten Schulhaus. Sie war jetzt mit ihrem Samensäckchen ganz nahe an den Lattenzaun hergekommen, da sah sie zwischen den Stäben, fest an den Zaun gedrückt, den gleichen Bubenkopf in den Garten hereinstarren, der ihr beim Einzug schon aufgefallen war. »Faul für zwei und unartig für drei,« hatte das Mädchen damals gesagt. Das fiel dem Fräulein nun ein. Von der Schule her tönte Gesang, sie war noch lange nicht aus. Also hatte der Junge den Unterricht geschwänzt.
Als er sah, daß Fräulein Margret den Kopf nach ihm hinwandte, drehte der Geißlipp sich langsam um und wollte davonschleichen.
Aber Fräulein Margret hatte nicht im Sinn, ihn nur so laufen zu lassen. »Halt einmal,« rief sie. »Warum läufst du mir davon? Ich tue dir ja sicher nichts.« Der Bube blieb stehen und sah sich zweifelnd um, was er nun tun solle. »Komm hierher,« fuhr Fräulein Margret fort, »hast du mir zusehen wollen? Oder hättest du gern etwas gehabt?« Der Geißlipp schüttelte nur stumm den Kopf und sah scheu auf. Merkwürdig, Fräulein Margret dachte nun gar nicht, daß das unartig von dem Buben sei, ihr keine Antwort zu geben; sie streckte die Hand durch den Lattenzaun und bot sie dem Geißlipp. »Du kannst durch das Türchen hereinkommen,« sagte sie. »Ich könnte gerade einen Helfer brauchen, der den Korb voll Steine und Unkraut mit mir wegträgt. Willst du?« Der Geißlipp drehte den Kopf nach der Richtung hin, aus der die Töne des Gesangs herkamen, und sah unsicher aus. Er wäre gern hereingekommen, aber er konnte ja nicht, er hätte vom Lehrer entdeckt werden können. »Jetzt will ich dir etwas sagen,« sagte Fräulein Margret. »Du hast die Schule geschwänzt, gelt? Und jetzt mußt du Angst haben, gesehen zu werden und Strafe zu bekommen. Ist's nicht so?« Der Bube nickte nur und hob schon den Fuß zum Davonlaufen, aber Fräulein Margret machte gar kein drohendes Gesicht. Und sie fuhr auch gleich fort: »Du mußt mir sagen warum du das tust. Denn es freut dich selber nicht, das sieht man deutlich an deinem Gesicht. Gelt, es wäre dir selber auch lieber, wenn du wie die andern ordentlich in der Schule sitzen würdest und man dann auch eine Freude an dir haben könnte?« Diesen letzteren Fall konnte sich nun der Geißlipp nicht recht vorstellen, es hatte noch nie jemand eine Freude an ihm gehabt. Er wollte aber nun doch Antwort geben und sagte: »Der Lehrer haut mich, wenn ich hineingehe. Der Schulzenfritz findet seine Kappe nimmer und sie sagen alle, ich habe sie genommen. Sie haben's schon dem Lehrer gesagt.«
»Und es ist nicht wahr?« fragte Fräulein Margret.
Der Geißlipp schüttelte den Kopf und biß sich auf die Unterlippe.
»Dann sag's doch dem Lehrer, daß es nicht wahr ist,« ermunterte sie. »Siehst du, ich glaub dir's, daß du die Kappe nicht hast, und er glaubt dir's auch, sicher.«
Der Geißlipp sah erstaunt auf. So etwas sagte sonst niemand zu ihm. Ganz einfach: »ich glaub dir's, daß du es nicht getan hast.« Er hätte es laut hinausschreien mögen. Aber es kam nicht heraus.
»Und jetzt kommst du da herein und hilfst mir den Korb tragen,« sagte Fräulein Margret. »Wenn dich der Lehrer sieht, sagen wir ihm, wie es ist. Und heute nachmittag gehst du in die Schule. Er glaubt dir, wenn du sagst, was wahr ist, ich verspreche dir's.«