Part 15
Der Großvater machte wieder eine Pause. Dann sagte er: »Und dann habe ich sie nicht mehr gesehen. Als ich nach Hause kam, schlugen mir die Zähne zusammen vor Frost und mein Kopf glühte. ›Ich sag's ja, der Bub ist krank und das rechtschaffen,‹ rief die Kätter, als sie mich sah. Dann wurde ich zu Bett geschafft und der Leonhard nach dem Doktor geschickt. ›Wo ist Angelika?‹ fragte die Mutter, und wie im Traum sagte ich: ›Sie kommt dann gleich nach!‹ Als ich wieder erwachte, saß die Mutter an meinem Bett und hatte ein schwarzes Kleid an. Sie küßte mich viele Male und rief den Vater herbei und der schloß mich auch in die Arme. ›Wo ist Angelika?‹ begehrte ich dann zu wissen und wunderte mich, daß sich die Mutter abwandte und der Vater so ernst sagte: ›Du kannst sie jetzt nicht sehen!‹ Aber dann schloß ich wieder die Augen. Ich war noch so müde, denn ich war am Scharlachfieber lange krank gewesen, ohne etwas von mir zu wissen.«
»Aber wo war denn die Angelika,« rief die Enkelin in großer Erregung. »Ist sie damals nicht heimgekommen?«
»Doch,« sagte der Großvater. »Sie kam, als es dunkel war, in des Doktors Wagen nach Hause. Das weiß ich, die Mutter hat mir's später erzählt. Sie hatte lange die flammenden Wölkchen angesehen und es war ein immer größeres Verlangen in ihr aufgestiegen, sie in der Nähe zu betrachten, da, wo sie die Erde berührten. Es könnte ja am Ende doch sein, daß die Engelein da herausschauen, dachte sie. So fing sie an, zu laufen. Über die Brachfelder hin, dem Wald zu, über dem der Himmel in flammender Röte stand. Nur zog sich der Weg so sehr in die Länge und Angelika wurde immer müder. Es fing auch an, dunkel zu werden und nun schwand eines der prächtigen Wölkchen nach dem andern. Da blieb das Kind auf dem Felde stehen und schaute sehnsüchtig nach der verschwindenden Pracht. So fand es der Doktor, der, zu mir gerufen, vorbeifuhr und dem die kleine Gestalt bekannt vorkam. »Ich bringe noch einen Patienten mit,« sagte er, als ihn der Vater an der Haustüre empfing. Das ›Engele‹ war blaß und müde und hustete stark. Am Abend kam ein heftiges Fieber und am Osterfest haben die Engelein unser ›Engele‹ in den Himmel getragen. ›Du darfst nicht böse sein, Mutter, ich wollte nur geschwind die Engelein sehen,‹ sagte Angelika einmal in ihrer Krankheit. ›Ich möchte sie so gern sehen.‹ ›Sie kommen zu dir, liebes Kind, du brauchst sie nicht zu suchen,‹ antwortete die Mutter. Da glänzten die großen blauen Augen noch einmal wie früher. Und dann schlossen sie sich, um sich im Himmel wieder aufzutun. Als ich wieder hinaus durfte in den Sonnenschein, führte mich die Mutter an der Hand. Es war schon acht Wochen her, seit unser ›Engele‹ davongeflogen war. Wir gingen durch das dunkle Gitter in den sonnigen Friedhof und setzten uns auf ein Mäuerchen, dem kleinen Grab gegenüber. Es hatte heute ein weißes Marmorkreuz bekommen mit goldenen Buchstaben.
›Angelika‹
las ich.
›Heimgetragen in des Hirten Arm und Schoß.‹
Und wir weinten zusammen.«
Es war fast dunkel geworden in der Laube, als der Großvater seine Erzählung beendigt hatte. Angelika schmiegte sich an ihn und er hatte seine Hand an ihren Kopf gelegt.
»Großvater, ist das wahr,« fragte das Kind nach einer Weile, »ist das wahr, daß die Engel zu den rosa Wölkchen heraussehen? Ich werde nicht müde, ich könnte gut so weit laufen, ich möchte sie auch so gern sehen.«
Der Großvater schüttelte den Kopf. »Die Engel kann man nicht sehen, solang man auf der Welt ist. Es ist auch nicht nötig. Wenn es der liebe Gott wollte, so würde er sie uns schon zeigen. Sie sind aber doch da. Bitte nur den lieben Gott, daß er dir ein frommes und gehorsames, liebevolles Herz schenkt, so sind auch die Engelein um dich her. Und nun wollen wir miteinander hineingehen.«
* * * * *
»Das Kind wird mir doch nicht krank werden,« sagte Heinerike kopfschüttelnd, als Angelika am Abend so gar fügsam und willig war beim Zubettegehen. Sie war sonst ein wenig heftig und eigenwillig und Heinerike hatte viel zu brutteln über das Mädchen. Die Mutter hörte es und sagte ruhig: »Nein, es wird nicht krank. Es hat nur etwas gelernt heute!«
* * * * *
Angelika ist schon lang kein kleines Mädchen mehr. Sie ist eine fleißige, große Tochter.
Neulich kam ich zu einer alten Frau, der sie einen großen Strauß Frühlingsblumen gebracht hatte und eine Schüssel Suppe dazu.
»Es ist mir alleweil, als ob ein guter Engel komme, so oft das Fräulein kommt,« sagte die Alte.
So haben scheint's die Engelein den Weg zu Angelika gefunden.
15. In die Sonne.
Der Tag fing erst an zu grauen. Der Mond stand noch blaß und übernächtig am Himmel und in den Bäumen rauschte der Morgenwind. Aber in dem niederen Häuslein der Frau Judith, das ganz allein draußen im Felde stand, brannte schon ein lustiges Feuer auf dem Herd und das Lämpchen warf seinen Lichtschein durch die Fensterscheiben. Frau Judith kochte die Morgensuppe für sich und ihr Büblein und daneben noch einen Brei, der zum Mittagessen für den Jockele bestimmt war. Denn sie mußte heut ihr Büblein den ganzen Tag allein lassen und da sorgte sie denn, derweil es noch schlief, daß ihm nichts Nötiges fehle. Judith war eine geschickte Näherin und verdiente das Brot für sich und das Kind mit ihrer Hände Arbeit. Manchmal nähte sie in den Bauernhäusern der Nachbardörfer, und das war ihr am liebsten, obgleich es weniger eintrug, denn da konnte sie den Jockele mitnehmen und auf ihn acht haben. Aber sehr oft führte sie ihr Tagewerk auch in die Stadt und da durfte sie ihr Büblein nicht mitbringen und es war ihr nicht zu verdenken, daß sie heute morgen ein wenig seufzte, wenn sie daran denken mußte, daß das Kind nun wieder den ganzen Tag ohne Schutz und Aufsicht ganz allein in dem Häuschen sei. Sie reinigte nun noch die Stube mit dem Besen und brachte alles in gehörige Ordnung, dann setzte sie sich an den Tisch und fing an, ein Paar zerrissene Höschen zu flicken, die auch dem Jockele gehörten. Und dabei seufzte sie so tief und schwer, daß es der Jockele in der Kammer hörte und schnell aus seinem Bettchen stieg, um zu sehen, was etwa der Mutter zugestoßen sein könnte. Da saß sie am Tisch und hatte den Kopf in die eine Hand gestützt und schaute so kummervoll vor sich hin, wie es der Jockele noch gar nie gesehen hatte. »Mutter, was hast du denn?« sagte er verwundert, »tust du vielleicht so wegen den Hosen? Sicher, ich habe sie nicht zerreißen wollen, sie sind von selber so aufgeplatzt.« Und dabei drängte er sich ganz nah an die Mutter her und streckte sich an ihr in die Höhe, um ihr Gesicht zu streicheln.
»Ach du arm's Büblein,« sagte die Mutter und fuhr dem Jockele durch sein dichtes, blondes Lockenhaar, »die Höschen, die kann ich wieder flicken, da wollte ich nicht seufzen; wenn ich nur alles, was auseinander ist, so zusammennähen könnte!« »Was ist denn sonst noch auseinander?« wollte der Jockele wissen, »und warum sagst du immer ›arm's Büblein‹ zu mir?« »Weil du noch so klein bist und hast schon deinen Vater verloren, und er ist erst nicht beim lieben Gott, sondern in der weiten Welt -- und ich kann auch nicht bei dir bleiben, weil ich Geld verdienen muß zu Brot und Kleidern und kann dich nicht beschützen und zum Guten erziehen -- und es könnte dir etwas passieren, so lang ich fort bin.« Judith sah so niedergeschlagen und unglücklich aus, daß das Büblein gewaltsam nach einem Trostgrund suchte. »Mutter,« sagte es nach einer Weile, »sei du nur wieder ganz fröhlich, ich will fortgehen und den Vater suchen und dann sage ich ihm, daß er wieder zu uns kommen muß, und dann kannst du wieder bei mir bleiben, alle Tage, und alles wird wieder, wie es vorher war.« Der Jockele war noch klein, erst fünf Jahr alt, aber er war ein sinniges, nachdenkliches Kind und er mochte am liebsten bei der Mutter sitzen und sich mit ihr unterhalten. Da hatte er dann, solang der Vater da war, es schön gehabt. Da hatte die Mutter immer Zeit für ihn gehabt, er war ihr, wenn sie im Hause herumhantierte, den ganzen Tag nachgelaufen, aus der Küche in die Stube und aus der Stube ins Gärtchen und umgekehrt. Und wenn die Hausarbeit getan war und die Mutter setzte sich nieder mit einer Näharbeit, dann zog der Jockele sein Bänkchen herbei und die Mutter mußte Geschichten erzählen, alte und neue, davon hatte er nie genug bekommen. Vom Vater hatte er wenig gewußt, er schlief immer schon, wenn dieser abends von der Arbeit nach Hause kam. Das schwebte ihm noch dunkel vor, daß er manchmal nachts an einem lauten Gepolter und Geschrei erwacht war und des Vaters Stimme war ihm dann unheimlich und furchterregend gewesen. Aber weil das schon lange her war, und weil, seit der Vater eines Tages nicht nach Hause gekommen und dann ganz ausgeblieben war, die Mutter fast gar keine Zeit mehr für den Jockele hatte, sondern nur immer Geld verdienen mußte, so wob sich in seinem Kopf die Zeit, da er noch einen Vater hatte, zu einem Bild voll Behagen zusammen und es kam ihm ganz ausführbar vor, daß er den Vater wieder holen und damit die alten Zustände wieder einsetzen könne. -- Die Mutter schüttelte den Kopf und zog den Jockele an sich. »Ach damit ist's nichts, Kind,« sagte sie. »Wir wissen ja gar nicht, wo wir den Vater suchen müßten, die Welt ist groß und weit und kein Mensch weiß, wo er hingewandert ist. Und er will ja gar nicht mehr heim zu uns; das ist ja grad' das Elend, daß er nur für sich allein leben will und hätte doch daheim ein Häuslein und ein Weib und so ein herziges Büblein. Nein, nein, holen kannst du den Vater nicht, auch wenn du größer wärest und könntest so in die weite Welt gehen. Bleib' du nur bei mir und sei mein Trost und meine Freude und werde recht brav und fromm, dann können wir zusammen auch wieder fröhlich werden.« Jetzt waren unterdessen die Löcher gestopft und der Jockele konnte mit den Höslein bekleidet werden. Sonst brauchte er nichts anzuziehen, als ein leichtes Kittelchen, denn es war trotz des Herbstes noch warmes, sonniges Wetter und er lief leichter davon mit seinen nackten Füßchen, als wenn er Schuhe und Strümpfe angehabt hätte. Dann wurde noch die Morgensuppe miteinander gegessen und zum Schluß betete die Mutter noch einen andächtigen Morgensegen mit dem Kinde und befahl es in die Hut des Vaters im Himmel, daß der ihm seine Engelein zu Wächtern bestelle, und darüber wurde es ihr selbst auch leichter ums Herz.
Sie mußte sich jetzt auf den Weg machen, denn sie hatte fast eine Stunde zu gehen und es war inzwischen heller, sonniger Morgen geworden. So befahl sie dem Jockele noch einmal an, sich ja nicht zu verlaufen und auf alles gut acht zu geben, und trat dann ihre Wanderung an. Sie hatte gar vieles zu bedenken bei sich selbst, wie sie da so ganz allein auf der Landstraße dahinschritt. Das Gespräch mit dem Kinde hatte wieder alle vergangenen Zeiten in ihr wachgerufen. Wie sie einst als junges, fröhliches Mädchen im Dienst in der Stadt ihren Daniel kennen gelernt und sich gegen den Willen seiner Eltern, die dem einzigen Sohn eine reiche Partie gewünscht hatten, mit ihm verheiratet hatte; wie sie dann zuerst in allem Glück mit ihm in dem kleinen Häuschen gewohnt und sich nicht viel darum gekümmert hatte, daß die Eltern ihres Mannes jeden Verkehr mit ihnen abgebrochen hatten. Dann kamen trübe Bilder vor ihre Augen, Zeiten, in denen der Daniel, der sonst ein fleißiger, geschickter Zimmerarbeiter war, sich, von bösen Kameraden verführt, ans Wirtshausleben gewöhnt und ihr und dem kleinen Büblein, das inzwischen geboren war, das Leben gar sehr verbittert hatte. Es war noch viel schlimmer gekommen; Daniel, bei der fetten Küche und dem stets offenen Keller eines Wirtshauses aufgewachsen, bereute jetzt nachträglich, daß er ein armes Mädchen geheiratet und sich damit ein einfaches Los bereitet hatte; die Eltern hatten ihn verstoßen, das Weib daheim bat und weinte, die Kameraden hetzten --, da faßte er eines Tages den Entschluß, allem Elend zu entlaufen und sich in der Neuen Welt ein neues Leben voll Freiheit und Genuß zu verschaffen. --
Seither lebte Frau Judith mit ihrem Büblein allein in dem Häuschen, mühte sich redlich, das tägliche Brot für sich und das Kind zu erwerben und den Zins für das Häuschen aufzubringen -- es war ein arbeitsvolles Leben, und ihre einzige Freude und ihr Trost war der fröhlich gedeihende Bub' mit den lachenden blauen Augen und dem blonden Krauskopf. Frau Judiths Augen wurden feucht, wenn sie an ihr Büblein dachte, und sie faltete fast unbewußt die Hände; sie wollte so gern etwas Rechtes, Tüchtiges aus ihm machen und ihn fromm und gottesfürchtig heranziehen, daß er ihr nicht auch einmal Kummer und Herzweh machte, wie der Daniel seinen Eltern. Denn das hatte sie in all' der Trübsal längst eingesehen, daß der Elternsegen ihrem Haus gefehlt hatte, und es zog sie mächtig, mit den alten Eltern ihres Daniel ins Einvernehmen zu kommen, aber deren Haus war ja für sie verschlossen. --
Inzwischen hatte der Jockele zu Haus genußreiche Stunden verlebt. Allein gewesen war er schon oft, es war ihm gar nicht bänglich. Zuerst fütterte er die drei Hühner, das einzige lebende Besitztum des Hauses, dann lief er hinunter an den Bach und warf Kiesel in das klare Wasser, vergnüglich die Ringe und Blasen betrachtend, die sich darin bildeten. Das nahm ihn solang in Anspruch, bis er Hunger verspürte. Dann ging er ins Häuschen zurück und aß seinen Brei, unbekümmert, ob es schon Mittag war oder nicht. Er hatte keine andere Uhr als seinen Magen, wenn der sich bemerkbar machte, dann aß er. Nach der Mahlzeit grub er in seinem kleinen Gärtchen und setzte abgebrochene Blumen hinein, dann fiel ihm wieder das Gespräch mit der Mutter und ihr trauriges Gesicht ein, und er mußte stark nachdenken, wie es wäre, wenn's anders wäre. Das wollte dem Jockele nicht recht einleuchten, daß es gar nicht möglich sein sollte, den Vater wieder zu holen. Man mußte nur suchen, bis man ihn fand, und ihm dann sagen, daß die Mutter seinetwegen so seufze, dann würde er schon mitkommen. Wenn er nur gewußt hätte, wo hinaus man gehen müßte! Rechts ging der Weg in die Stadt, dort war er nicht, denn die Mutter ging ja so oft dorthin und hatte ihn noch nie gesehen, links kam man in einen großen Wald und vor ihm und hinter ihm dehnte sich weithin das Ackerland aus. Jockele nahm sich vor, alle Leute, die des Wegs daher kämen, zu fragen, vielleicht hatte doch einer den Vater gesehen. Es kam aber lang niemand. Erst gegen Abend kam die Kräuterliese mit einem Korb voll Hagebutten aus dem Wald. Die lachte nur auf Jockeles Frage: »O Kind,« sagte sie, »das weiß nur der liebe Herrgott, wo dein Vater hin ist! Guck, dahinten am Wald kommt gerade der Mond herauf, wenn man da hinaufsteigen und heruntersehen könnte, da könnte man ihn vielleicht finden. Sei du nur froh, Büblein, daß du allein mit deiner Mutter bist, so ein Gutedel, wie dein Vater war!« Damit trottete sie weiter. Jockele wußte nicht, was ein Gutedel sei, es war ihm auch eins, er hatte nur verstanden, daß man vom Mond aus vielleicht sehen könnte, wo der Vater sei, und da gerade jetzt die leuchtende Kugel ganz hinten am Berg heraufkam, so dachte er, wenn man nur schnell auf den Berg liefe, so könnte man ganz leicht hineinsteigen. Das war ja nicht sehr weit, bis die Mutter heimkäme, konnte man wieder zurück sein.
Jockele besann sich nicht lang, er lief nur noch schnell ins Haus und holte sich seine Kappe, dann zog er aus, gerade auf den Mond zu, in den dichten Wald hinein. Er war schon ein gutes Stück fortmarschiert, der Weg ging längst zwischen hohen Tannen dahin, nun machte er eine scharfe Biegung; von dort aus kam man nicht zum Mond, merkte Jockele, so verließ er die Straße und schlüpfte zwischen den Bäumen durch, immer das silberne Licht im Auge, das da durchschimmerte. Es stieg höher und höher, nun schwebte die silberne Kugel hoch über den Tannen, sonst war es ganz dunkel geworden. Das erschreckte den Jockele, so hoch hinauf konnte er nicht klettern, das sah er wohl und er mußte nun wohl wieder umkehren. Aber woher war er denn gekommen und wo war denn die Straße geblieben? Jockele fing an zu laufen, immer -- immerfort, nur wußte er nicht, daß es gerade die verkehrte Richtung war, die er eingeschlagen hatte. Der Wald wollte gar kein Ende nehmen, die Füße taten ihm weh und er hatte auch Hunger. Da lichtete sich plötzlich das Dickicht, er stand an einem Kreuzweg, den er noch nie gesehen hatte und daran war ein Wegzeiger mit einem Ruhebänklein drunter. Es war auch ganz hell, denn der Mond stand jetzt ganz hoch am Himmel und lachte dem Jockele freundlich zu. Das tröstete das verlassene Büblein wieder ein wenig; nun wollte er immer auf dem Weg fortlaufen, bis der Wald ein Ende hatte, und am Ende des Waldes sah man ja schon das Häuslein, wo die Mutter war. Nur vorher ein wenig ausruhen mußte der Jockele, er war sehr müde geworden; so setzte er sich auf das Bänkchen, lehnte den Lockenkopf an den Wegzeiger -- und schlief ein, süß und fest.
»Hü, Schimmel, vorwärts,« schallte es durch den Wald, eine Peitsche knallte und ein schwerer Wagen knarrte auf der stillen Straße. Ein weißer Spitzerhund sprang bellend voran, plötzlich blieb er stehen, umschnüffelte das Ruhebänklein von allen Seiten und schlug ein solch lebhaftes Gekläff an, daß der Fuhrmann verwundert seine Pfeife aus dem Mund nahm: »Was hast du nur, Spitz?« fragte er, aber da sah er auch schon das schlafende Büblein, das sich durch keinen Lärm in seiner Ruhe hatte stören lassen. »Potz tausend,« sagte der Sonnenwirt von Kaltenbach, das war der Fuhrmann, und kratzte sich hinter den Ohren, »was macht man jetzt da? Ich schätz', das Büble kann man nicht so allein liegen lassen, es muß ja doch einem gehören!« Er war abgestiegen und zupfte den Jockele an seinem Lockenhaar. »Wem g'hörst, Kleiner?« »Meiner Mutter,« sagte der Kleine und blinzelte schlaftrunken in das Licht der Wagenlaterne, mit der ihn der Sonnenwirt beleuchtete. »Wie heißt denn?« ging das Examen weiter. »Jockele,« war die Antwort. »Wie weiter, du mußt doch auch sonst noch einen Namen haben? Ruhig, Spitz, kusch dich,« sagte der Sonnenwirt, als er sah, daß Jockele mit ängstlichen Augen auf den Hund sah. »Nein, sonst heiße ich nichts mehr,« sagte der Jockele nun bestimmt. Er war völlig wach geworden und sah groß um sich. »Ja, wo willst denn hin heut nacht noch und wo wohnst du?« Jetzt fiel dem Jockele wieder alles ein. »Drum hab' ich wollen geschwind in den Mond hineinsteigen, ob ich mein' Vater nicht sehe, aber er ist so hoch hinaufgestiegen, da hab' ich nimmer weiter können. Und jetzt muß ich ganz schnell heim zur Mutter, sie ist jetzt daheim. Zeig' mir den Weg, ich weiß ihn nimmer,« sagte er ganz unerschrocken. Der Sonnenwirt war ein bißchen ängstlich geworden, er betrachtete den Buben forschend, ob er im Fieber spreche oder am Ende einen »Mondstich« habe. Der stand aber schon auf den Füßen und faßte nach seiner Hand und sah so hell um sich, krank oder verwirrt war der nicht, das sah man wohl.
»Jetzt will ich dir etwas sagen, Büble,« sagte der Sonnenwirt nach kurzem Bedenken, »heim kannst du heut nacht nimmer, du weißt den Weg nicht und ich auch nicht und 's ist schon nach Mitternacht. Jetzt sitzst du da hinauf auf mein' Wagen und kommst mit mir heim in mein Haus, da kannst bei mir schlafen.« Der Kleine ließ sich willig in den Wagen heben, wo ihm der Sonnenwirt ein Lager von Säcken machte, und schlief bald wieder weiter, fest und tief. Er erwachte auch nicht, als ihn sein Beschützer aus dem Wagen nahm und ins Haus hineintrug, auch nicht, als er entkleidet und in das mächtig große Himmelbett gelegt wurde. Er schlief noch lang in den hellen Morgen hinein. Als er erwachte, saß in dem Großvaterstuhl an seinem Bett eine alte Frau, die hatte die Hände und Füße dick mit Tüchern umwickelt und betrachtete ihn aufmerksam. Der Sonnenwirt ging auch schon mit schwerem Tritt in der Stube auf und ab.
»Und ich sage dir, das ist dem Daniel sein Bub' und kein anderer,« sagte die Sonnenwirtin, denn sie war es, die in dem Großvaterstuhl saß, »so sieh doch nur einmal die Augen an und das Kraushaar und das ganze Gesicht, der ausgeschnittene Daniel.« »Was weiß man denn, was man sich da bei der Nacht ins Haus führt,« sagte der Sonnenwirt mürrisch, »so ist's, wenn man so ein mitleidiges Herz hat! Und jetzt wie machen, daß man den kleinen Racker wieder los wird?« »Sag' jetzt einmal, Büble,« sagte die Sonnenwirtin, als sie sah, daß der Jockele erwacht war und mit großen Augen um sich sah, »sag' jetzt einmal, wie deine Mutter heißt und wer dein Vater ist und warum du ihn hast suchen wollen.« Sofort richtete sich der Jockele auf und berichtete haarklein das Gespräch mit der Mutter, und wie er am Abend ausgezogen sei, den Vater zu suchen, und verschwieg auch nicht, daß er eben gar keinen anderen Wunsch habe, als daß die Mutter wieder immer bei ihm sei.
Das Ehepaar sah einander an, da war ja gar kein Zweifel mehr, das war ihr Enkelein; ganz genau das verjüngte Abbild des Sohnes, der einst ihres Herzens Freude und nun der Kummer ihrer alten Tage war. »Warum hast du deine Händ' so eingewickelt und deine Füß?« unterbrach Jockele, der nicht lang still sein konnte, das verlegene Schweigen der beiden Alten. »Weil ich die Gicht drin habe und so arge Schmerzen,« seufzte die Sonnenwirtin. »Meine Mutter kann einem immer wieder wohl machen, wenn's einem weh tut,« sagte Jockele mitleidig, »ich will's ihr nur sagen, so kommt sie zu dir; soll sie?«
Die Alten sahen einander wieder an, es hatte jedes so seine Gedanken für sich und mochte doch nicht anfangen, sie auszusprechen. »Meine Mutter kann gut laufen, der tun die Füße nicht weh und die Hände auch nicht, sie kann den ganzen Tag schaffen; kannst du gar nicht?« Jockele wurde plötzlich von einem großen Mitleid erfaßt, daß die Sonnenwirtin nun so den ganzen Tag dasitzen müsse und sich nicht rühren könne, und er hätte ihr am liebsten sogleich die Mutter hergebracht, die nach seiner Meinung für alle Schäden Rat und Hilfe wußte. »Nein, du gut's Büblein, ich kann nicht laufen und nicht schaffen, alles tut mir weh,« sagte die Sonnenwirtin; »aber da wollt' ich noch gar nicht klagen, das könnt' ich schon aushalten, aber der ärgste Schmerz, der sitzt mir da drinnen, da hab' ich einen Kummer, und da kann mir niemand helfen,« und dabei machte sie gerade so ein trostloses Gesicht, wie die Mutter gestern früh. »Ach laß doch, das versteht so ein Kleines nicht,« sagte der Mann ein bißchen brummig, aber Jockele wußte gut, wie es war, wenn man einen Kummer hatte, die Mutter hatte ja auch einen; so sagte er ganz verständnisvoll: »Die Mutter hat gesagt, ich soll nur brav sein und immer folgen, dann werde sie auch wieder fröhlich. Hast du kein Büble?« »Das ist ja gerad' mein Kummer, daß ich einmal eins gehabt habe und als es groß war, ist's von mir fortgegangen, weit, weit in die Welt hinaus, kein Mensch weiß, wohin.« »Der liebe Gott weiß es aber doch, die Mutter hat's gesagt, der wisse alles. Die Kräuterliese hat gesagt, man könne es auch sehen, wenn man in den Mond steigt und heruntersieht, aber ich komme nicht hinauf. Vielleicht könntest du mit einer Leiter hinauf,« wandte sich Jockele an den Sonnenwirt.