Part 2
Da sagte die Mutter: »Für heute seid ihr nun alle zusammen ganz still und schlafet flugs ein! Morgen am Tag will ich's dann sehen, wer mich am liebsten hat!« Und sie küßte ein jedes Kind und ging hinaus. Gustav mußte leise vor sich hinlachen. »Das wird sich freilich zeigen morgen!« dachte er. Aber die andern besannen sich auch, jedes für sich, wie sie es anstellen könnten, daß die Mutter es merke, und darüber schliefen sie ein. Nur Gretchen, das siebenjährige Schwesterlein, konnte noch nicht gleich einschlafen. Es war heut am Tage unartig gewesen, hatte den kleinen Hans geschlagen und trotzig mit dem Fuß gestampft, weil es nicht mit Kathrine zum Kaufmann gehen durfte. Das fiel ihm jetzt ein und es dachte: »Da glaubt's dann die Mutter freilich nicht, daß ich sie am liebsten habe! Und ich habe sie doch so lieb, daß ich's gar nicht sagen kann, wie. Aber morgen will ich gewiß sehr lieb und folgsam sein!« Und Gretchen drehte sich auch gegen die Wand und schlief ein. Weil die Mutter aber gesagt hatte, daß man ganz zuletzt vor dem Einschlafen noch beten sollte, so legte es noch die Händlein zusammen und fing an: »Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich -- --.« Da schlief sie schon.
Am andern Tag war ein Sonntag. Da mußte man nicht in die Schule und der Vater nicht aufs Kontor, und Vater und Mutter gehörten, wenn sie von der Kirche kamen, den ganzen Tag ihren Kindern. Am Sonntag war es doch am allerschönsten! Die Mutter brachte schon früh die Sonntagskleider an die Bettchen und dann wollte jedes Kind zuerst fertig sein, und das summte und wimmelte durcheinander, wie bei den Bienen und den Ameisen. Heute war Moritz zuallererst fertig. Er hatte das Amt, die Milchbrote beim Bäcker zu holen, und Sonntags gab es da allemal eine Brezel für ihn als Dreingabe. Mit dieser hatte er heute etwas Besonderes vor. Ganz verstohlen legte er die glänzend-braune, schön gezuckerte Brezel auf die Tasse der Mutter. Da würde sie dann schon merken, daß er sie am liebsten habe. Inzwischen hatte Gustav schon den bunten Lampenschirm, mit einer Winterlandschaft darauf und verschneiten Häuschen und einer Kirche, über die Hängelampe gestülpt; er konnte kaum erwarten, bis ihn die Mutter entdecken würde. Gretchen hatte nichts zu verschenken. Sie merkte auch gar nicht, daß die Brüder etwas hatten. Sie hatte sich leise und schnell angezogen und kein einziges Mal »au« geschrieen, als ihr die Mutter die Haare kämmte. Das tat sie sonst sehr oft. Und dann machte sie sich daran, Hänschen anzuziehen, der erst fünf Jahre alt war und noch nicht allein fertig wurde. Die Mutter sah es wohl, aber sie sagte nichts darüber. Sie sah auch, daß Hänschen sehr mutwillig war und das Schwesterlein an den Haaren zog und in die Arme kniff, und daß Gretchen nur ganz verständig sagte: »Du mußt auch lieb sein, Hänschen; weißt du, nachher läßt Vater dich auf der Achsel reiten!«
Beim Frühstück entdeckte die Mutter die Geschenke und freute sich sehr darüber, und als Hänschen das sah, schleppte er sein großes Bilderbuch und seinen Frachtwagen herbei: »Da, Mutter, das schenke ich dir! Nimm's nur, das Christkindlein bringt mir dann schon wieder einen neuen!« Er wollte von allen am meisten geliebt sein und streckte sein rotes Mäulchen zum Kusse her, noch ehe er sein Geschenk losgelassen hatte. Gretchen war ein wenig still, weil ihr im Augenblick nichts zu verschenken einfiel; denn so groß war sie schon, daß sie wußte, die Mutter könne nichts mit Puppen und Bilderbüchern anfangen.
So ging sie nach dem Frühstück mit Hänschen in den Garten, zog sich und ihm große Schutzschürzen an und fing an, mit ihm ein Gärtchen aus Sand und Steinen und mit Gänseblümchen anzulegen. Das mußte man sie sonst sehr oft heißen, weil sie viel lieber mit andern Kindern spielte, als mit dem kleinen Bruder. Aber sie wollte ja nicht mehr unfolgsam sein, der Mutter zulieb. Sie wurden beide ganz vergnügt und merkten kaum, daß schon die Kirche aus war und die Mutter hinter ihnen stand und ihnen zusah.
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Die großen Brüder aber hatten die freie Zeit dazu benützt, Seifenblasen zu machen, und sich sehr mit Kathrine herumgestritten, die das nicht in ihrer schön gefegten Küche gestatten wollte. Und zum Schluß hatten sie gar noch miteinander Streit bekommen und die schöne, große Porzellan-Waschschüssel zerbrochen, in der sie ihren Seifenschaum angerührt hatten, obgleich das verboten war. Sie hätten ein irdenes Schüsselchen nehmen sollen. Die Mutter hörte den Lärm und das Klirren im Garten und kam herein. Da hatten sich die beiden gerade an den Haaren und jeder rief: »Du bist schuld, ich nicht!« Und als die Mutter den Streit schlichten wollte, blieb jeder dabei: »Er hat die Schüssel umgestoßen, ich nicht!«
Es war kein schöner Sonntag, denn die zwei Brüder machten gegenseitig Trotzköpfe aneinander hin, und es dauerte lang, bis sie wieder einig waren. Gretchen mußte den kleinen Hans allein unterhalten, die Großen saßen jeder für sich in einer Ecke und lasen. Und die Eltern konnten gerade heute nicht mit den Kindern spielen, denn es kam Besuch zu Vater und Mutter.
Aber als am Abend die Kinder in ihren Bettchen lagen und die Mutter zu ihnen kam, fragte sie: »Wer hat denn nun die Mutter am liebsten?« Und nur der kleine Hans rief laut und fröhlich: »Ich!« Denn Gretchen wollte nichts sagen; es dachte, die Mutter sollte es selber spüren, daß es ihm ernst sei. Und das tat sie auch. Die Brüder waren ganz still, denn es fiel ihnen auf einmal ein, daß man den ganzen Tag über nicht viel von ihrer Liebe gespürt hatte, und sie hatten doch beide am deutlichsten zeigen wollen, jeder für sich, daß er die Mutter am liebsten habe. Und sie merkten es der Mutter gut an, daß sie nicht mit ihnen zufrieden sei, trotz des Lampenschirms und der Brezel.
Aber sie horchten hoch auf, als die Mutter das Gretchen küßte und sagte: »Du hast mir heut' Freude gemacht, so ist's recht!« »Mich auch Freude gemacht,« rief Hänschen. Er wollte immer von allem seinen Anteil haben. Und den bekam er auch. Gustav und Moritz aber zogen ein jeder die Mutter zu sich herab und flüsterten: »Sicher, ich will auch nicht mehr streiten, ich will auch morgen den ganzen Tag brav sein, nicht nur morgens!« »Das ist recht,« sagte die Mutter, »denn wenn die Mutter keine Freude an euch haben kann, kann's der liebe Gott auch nicht!« Das Gretchen war schon fröhlich eingeschlafen, da sagte Gustav leise zu Moritz: »Du, hör', ich habe die Schüssel doch umgestoßen!« »Ich auch,« sagte Moritz. Dann schliefen sie auch ein, sie wollten ja morgen früh gleich damit anfangen, auch auf Gretchens Weise die Mutter lieb zu haben.
Und morgen am Tag wollen wir sehen, ob sie Wort halten!
4. Vom Jaköble, der nicht »Ja« sagen konnte.
Der Jaköble hätte eins von den vergnügtesten Kindern im ganzen Dorf sein können, wenn er gewollt hätte.
Seinem Vater gehörte das große Bauernhaus am Weidenbach, den man so nannte, weil er hüben und drüben von Weidenbüschen eingefaßt war. An das Haus war eine große Scheuer angebaut und auf der andern Seite ein Stall, der enthielt so viel Schönes, daß man sich wirklich daran freuen konnte. Erstens zwei feste, starke Mohrenschimmel, dann fünf Kühe und etliche Kälbchen, und außerdem noch in besonderen Verschlägen allerlei, was dem Jaköble und seinen Geschwistern zu eigen gehörte. Einen kohlschwarzen Geißbock, Namens Hannes, und ein weißes, wolliges Schäflein mit einem Glöckchen am Hals, und dann noch viele, viele graue und braune und weiße Stallhasen.
Es war auch sonst noch viel Erfreuliches um das Haus herum zu finden. Da war der Garten vornen am Haus mit dem großen Nußbaum und der Stachelbeerhecke und den Blumenrabatten voll Pfingstnelken und Levkoyen oder Gelbveigelein, je nach der Jahreszeit. Und ging man hinten zur Haustüre hinaus, so befand man sich schon auf der großen Wiese, durch die der Bach floß und auf der nicht nur Schlüsselblumen wuchsen und Vergißmeinnicht, sondern auch Äpfel und Birnen, Kirschen und Zwetschgen. Wie gesagt, der Jaköble hätte gewiß vergnügt sein können. Wenn man so eine schöne, behagliche Heimat hat und dazu liebe Eltern und fröhliche Geschwister und einen alten Vetter Andres, der einen auf dem Schimmel reiten läßt, so oft man ihn bittet, und der Geschichten weiß, -- mehr als der Pelzmärtel Nüsse in seinem Sack hat. Und das sind nicht wenig, hat der Andres selber gesagt.
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Aber der Jaköble war doch nicht vergnügt, wenigstens nicht oft. Wenn die Liese, seine Schwester, den ganzen Tag lachte und sang, einerlei, ob sie Strümpfe flickte oder ihr Schäfchen auf die Weide führte oder der Mutter im Haus half, so stand er da, steckte die Hände in die Hosentaschen und sah so nachdenklich aus, als ob er sich über ungeheuer schwierige Dinge zu besinnen habe. Und wenn der dicke Ludwig, sein Brüderlein, herangewackelt kam und sagte: »Komm, Jaköble, mach' mir eine Peitsch' aus dem Stecken und der Schnur da, so tun wir dann Gäules,« so schüttelte der Jaköble nur den Kopf und sagte nichts als: »Hm -- m;« das sollte heißen: »Nein, das tu' ich nicht,« aber es war leichter zu sagen, man mußte da den Mund nicht so weit aufmachen. Fuhr der Knecht mit den Schimmeln auf die Au, um Heu zu holen, und sagte: »Geh her, Jaköble, sitz auf, mein', das ist lustig!« so brummte der nur: »Es holpert so,« und blieb am gleichen Fleck stehen. Manchmal reute es ihn gleich nachher und er hätte gern noch »Ja« gesagt, aber das brachte er dann nicht heraus, durchaus nicht.
Der Vater und die Mutter hatten es schon auf alle Weise probiert, den mockigen Buben ein wenig zu ändern. Denn so konnte man keine rechte Freude an ihm haben. Aber es half bis jetzt alles nichts. Sagte die Mutter: »Jaköble, trag mir auch einen Arm voll Holz in die Küche,« so sagte er zuerst trutzig: »Nein;« und wenn er es auch nach einer Weile doch noch tat, so wies es die Mutter doch lieber die Luise an, die kein so finsteres Gesicht dazu machte.
Der Vater ging manchmal in die Stadt, weil er da zu tun hatte. Dann fragte er allemal vorher die Kinder: »Soll ich euch etwas mitbringen?« Und Ludwig und Luise riefen laut und lustig: »Ja, ja, etwas Gutes und Schönes,« und hatten allerlei Wünsche.
Der Jaköble hatte auch Wünsche, aber als er sie sagen wollte, fiel ihm auf einmal ein, daß er gestern vom Vater Schläge bekommen hatte, weil er nicht getan hatte, was er mußte. Und gleich biß er trotzig die Zähne zusammen und sagte nichts, denn er dachte: »Es ist mir dann auch gleich, wenn ich nichts bekomme.«
Es war ihm aber nicht gleich, sondern er konnte je länger, je weniger vergnügt sein. Er mußte ja sehen, wie lustig alles um ihn her war, die Geschwister und der kleine Stallbub und sogar die Gänse und Enten im Bach. Nur er hatte immer etwas, warum er nicht vergnügt sein konnte, und alle erzürnten ihn und taten, als ob er gar nicht dazu gehöre, und niemand mochte ihn leiden. So dachte der Jaköble, und das je länger, je mehr. Denn wenn man einmal anfängt, eigensinnige und trotzige Gedanken in seinem Herzen zu haben, und jagt sie nicht davon, so werden sie immer größer und machen einen immer unglücklicher. Der Vetter Andres hatte den Jaköble einmal ein Verslein lehren wollen und gesagt: »Paß auf, Jaköble, das ist etwas für dich, das mußt du lernen,« aber er hatte nur gesagt: »Ich muß jetzt in den Stall und den Hannes herauslassen,« und der Vetter Andres mußte sein Verslein auf spätere Zeiten aufheben.
So war der Jaköble sechs Jahre alt geworden. An seinem Geburtstag war ein schöner Schulranzen erschienen mit allem darin, was ein ABC-Schütze in der Schule braucht. Denn aufs Frühjahr sollte er in die Schule kommen, und die Eltern hofften, daß er da ein bißchen munterer und fügsamer und auch fröhlicher werden würde. »Da schleift einer den andern ab,« sagte der Vater. »Der eine hat da Ecken und der andere dort, und wenn sie sich aneinander reiben, so werden sie glatt wie zwei Mühlsteine.« Der Jaköble wollte aber nicht gern in die Schule, denn nun dachte er auf einmal, es sei viel schöner im Garten und auf dem Heuboden und im Stall, als in dem großen Schulhaus. Und darum hatte er auch keine rechte Freude an dem schönen Ranzen mit dem Fellüberzug und den goldenen Buchstaben drauf. Es war ihm ganz schwer ums Herz, und als der kleine Ludwig schmeichelnd sagte: »Laß mich ein bißle beißen von dei'm Herzlebkuchen,« stieß er ihn weg und sagte: »Wenn ich dumm wäre.« Er hatte nicht bös gegen das Brüderlein sein wollen, er war nur sonst schon widerwärtig aufgelegt.
Die Mutter sah es, aber sie sagte nichts, denn sie wollte heute nicht zanken. Sie gab nur dem Kleinen eine Birne in die Hand und sagte: »Komm, du darfst mir helfen Küchlein backen.«
Nachher erzählte sie es aber dem Vater, und beide Eltern beschlossen, daß der Jaköble nun einmal mit Güte oder Strenge anders werden müsse. So gehe das nicht fort.
Zuerst wollte es der Vater noch einmal mit einer rechten Freude probieren, die er dem Buben machen wollte. Er mußte am Nachmittag in die Stadt. Da dachte er, die Schimmel an das blaue Bernerwägelein zu spannen, und die beiden größeren Kinder, Liese und Jaköble, mitzunehmen. Das hätte nun den Jaköble freuen können, wie nicht leicht etwas. Denn so fröhlich und liebevoll, wie der Vater immer war, wenn er frei von Sorgen und Geschäften mit seinen Kindern zusammen sein konnte, so konnte man nicht leicht wieder einen finden.
Liese hüpfte auch immerfort bald auf dem rechten, bald auf dem linken Fuß ums Haus herum, nur um ihrer Freude Luft zu machen, und dann rannte sie allemal wieder zu der Mutter in die Küche und fragte sie immer wieder etwas Neues. Denn sie wollte sich gern die zu erwartenden Freuden genau ausmalen.
Der Jaköble war gerade bei Hannes im Stall gewesen, als Liese herangehüpft kam und ihm die große Neuigkeit erzählte. Er wollte sich gerade anfangen zu freuen, da sagte Liese zum Unglück noch: »Gelt, mir geht's gut! Wie mein Geburtstag gewesen ist, habe ich mit dem Andresvetter zur Taufe nach Holzingen dürfen. Und heut' ist deiner, und da darf ich mit in die Stadt!«
Dann hüpfte sie weiter. Sie hatte den Jaköble gewiß nicht ärgern wollen, er ärgerte sich nur selbst darüber. »Dann kann der Vater auch meinetwegen allein mit der Liese fahren, wenn sie doch überall mit soll,« dachte er, und konnte sich kein bißchen freuen. Denn er mußte nun bei allem Schönen, was er sich vorstellen wollte, die Liese vor sich sehen, die sich so freute, als ob ~ihr~ Geburtstag sei. Und es war doch seiner!
Nach einer Weile kam der Vater, der sich vorgenommen hatte, den Jaköble recht liebreich anzufassen und ihm die große Freude recht anschaulich zu machen, und der dann auch noch gedacht hatte, er könne sein Büblein bei dieser Gelegenheit auch ein wenig ermahnen.
Aber der Jaköble drehte nur immerfort an dem Peitschenstiel, den er in der Hand hielt, so, als ob er eine bestimmte Zahl mal zu drehen hätte, und sah gar nicht in die Höhe. »Das weiß ich,« sagte er nur, »die Liese hat's gesagt.« »So, aber gelt, das wird schön?« sagte der Vater immer noch freundlich, obgleich es ihn verdroß, daß der Bub' gar nicht erfreut tat.
»Ich darf auch nicht mit, wenn der Liese ihr Geburtstag ist,« brachte der Jaköble endlich heraus. Das war nun dem Vater zu viel, daß der Jaköble selbst an dieser erfreulichen Gelegenheit nur etwas zum Brummen fand und nichts zum Freuen.
»Hör' einmal,« sagte er ein wenig streng, »ich muß dir jetzt etwas sagen. Ich habe noch nie ein Kind gekannt, das es so gut gehabt hätte wie du, und dabei so verdrießlich und undankbar gewesen wäre. Ich hätte als kleiner Bub' einen Luftsprung gemacht, wenn mich mein Vater extra zum Vergnügen an meinem Geburtstag spazieren geführt hätte. Und wenn ich so ein nettes, liebes Schwesterlein gehabt hätte wie du, so hätte ich dann so lang gebettelt, bis es der Vater auch mitgenommen hätte.«
»Die Liese bettelt auch nicht, daß ich mitdarf,« dachte Jaköble. Und das sah man ihm an, denn er sah nun noch ein wenig trotziger aus als vorher.
»So, nun merk auf,« sagte der Vater erzürnt, weil alles Zureden nichts half; »so, mit diesem Gesicht nehme ich dich nicht mit. Sie könnten sonst in der Stadt denken, man habe bei uns da draußen lauter solche Starrköpfe. Wenn du willst, daß etwas aus der Sache wird, so kannst du zu mir kommen und es sagen. Sonst fahre ich allein mit der Liese.«
Der Vater hielt ein wenig inne, denn er wollte sehen, was das, was er gesagt hatte, für einen Eindruck gemacht habe. Er sah es dem Jaköble wohl an, daß er sehr gern mitgefahren wäre. Und er wollte es ihm gern erleichtern.
»Besinne dich ~jetzt~ gleich,« sagte er noch einmal. »Willst du mit? Du darfst nur ›Ja‹ sagen, wenn du willst, sonst nichts.«
Der Jaköble drückte und würgte, aber es kam kein »Ja« heraus. Er sah ganz deutlich die Herrlichkeiten der Stadt vor sich und den Weg durch die Kornfelder und am Bach hin und das Wirtshaus unterwegs, wo der Vater einzukehren pflegte.
Aber nachgeben? Freundlich sein und den Mund aufmachen und »Ja« sagen? Das dünkte dem Jaköble das allerschwerste zu sein, das wollte er lieber gar nicht probieren.
»Kannst du nicht ›Ja‹ sagen?« Eine solche Stimme, kam es dem Buben vor, habe der Vater noch gar nie gehabt. Halb zornig und halb traurig klang sie, und dann wandte er sich zum Gehen.
»Was wird der Bub' noch einmal durchzumachen haben,« sagte er vor sich hin. Dann sah er noch einmal herum.
»Denk daran, wenn du einmal groß bist und vielleicht in der Fremde, und hast niemand mehr, der es gut mit dir meint, denk dann daran, wie du dir selber deine schönste Zeit verdorben hast. Und deinen Eltern und Geschwistern auch die ihrige.«
Und dann ging der Vater langsam hinaus, denn er hoffte immer noch, daß sich der Jaköble noch besinne und »Ja« sage.
Aber das geschah nicht. Als er schon lang allein war, stand er immer noch auf demselben Fleck und starrte den Hannes an, und alle beiden machten Bocksköpfe aneinander hin. Der kleine Stallbub' kam gerade mit einem Korb voll Häckerling zur Türe herein. Er hatte alles mitangehört und sagte nun: »So dumm sein aber auch! Wenn man nur darf ›Ja‹ sagen und dann kann man die schönste Fahrt machen! Ich tät hunderttausendmal ja sagen, wenn ich dann so etwas dürfte!« Der hatte aber gut reden, dem bot es niemand an. Der hatte keine Eltern mehr und niemand auf der ganzen Welt. Der mußte sein Essen verdienen und seine Kleider und Schuhe.
»Dich geht es nichts an,« war die ganze Antwort des Jaköble. Dann nahm er die lange Weidenrute, die er gerade zur Hand hatte, und zog dem Hannes eins über den Rücken, daß der einen hohen Satz machte.
Als er allein war, schlich sich der Jaköble zum Stall hinaus und durch die große Wiese hinunter an den Bach. Es stand ein ganz alter Weidenbaum dort, der hatte einen stark ausgehöhlten Stamm, man konnte ganz und gar hineinschlüpfen. Das tat der Jaköble jetzt auch. Er kam sich so unglücklich vor und ganz verlassen, und darüber wollte er nun ungestört nachdenken. Er setzte sich auf den Boden und lehnte den Kopf an die Baumwand und seufzte. »Das soll dann ein Geburtstag sein! Zuerst bekommt man einen Ranzen und will doch nicht in die Schule. Dann ist die Mutter bös, weil ich dem Ludwig nicht gleich meinen Herzlebkuchen gebe; dann ärgert einen die Liese! Der ihr Geburtstag ist doch nicht, es ist doch meiner! Dann ist der Vater so -- so, ~auch~ bös ist er, ich weiß schon! Was hat er nur auch gemeint? Wann ich in der Fremde sei und habe gar niemand mehr, dann, was soll ich dann?«
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Der Jaköble hatte vor lauter Herzeleid und Nachdenken gar nicht bemerkt, daß ein Handwerksbursche zu ihm herangekommen war. Er sah etwas merkwürdig aus, seine Kleider waren ihm viel zu klein und eng und auf dem Rücken trug er einen Schulranzen statt des Felleisens, das sonst die Handwerksburschen haben. Der Handwerksbursche setzte sich gerade vor Jaköble ins Gras, denn er war sehr müde und sein Gesicht sah finster aus.
»Was willst du auf meiner Wiese?« fragte Jaköble. Er konnte nicht leiden, daß sich so ein fremder Mensch da hersetze. Der Fremde fuhr erschreckt zusammen. »So sagen alle Leute,« sagte er. »Niemand kann mich leiden, niemand.« -- »So geht mir's auch,« sagte der Jaköble, da konnte er gut mitreden. Der Handwerksbursche lachte. »Das weiß ich,« sagte er; »gelt, du kannst auch nicht ›Ja‹ sagen? Ich auch nicht, ich hab's gleich gar nicht probiert, es ist zu schwer! Und in die Schule hätt' ich sollen, aber ich hab's nicht getan. Ich bin lieber fortgegangen, weit fort. Es findet mich kein Mensch mehr. Und meinen Herzlebkuchen ess' ich selber, siehst du, ich hab' ihn in der Tasche!« Dem Jaköble grauste vor dem Handwerksburschen. Er sah ihn scheu an; da sagte dieser: »Dir sag' ich's ganz allein; ich täte jetzt gern alles, was man wollte, alles! Aber es ist niemand mehr da, der es gut mit mir meint. Und wenn ich hundertmal sagen wollte: ›Ja, ja, ja, du kannst nur befehlen, Vater, ich tu's gern, siehst du, ich mache ein freundliches Gesicht dazu‹ -- so nützt das nichts. Denn der Vater ist tot und die Mutter auch. Und die Liese ist weit fort. Sie hat mich gern gehabt; alle haben mich gern gehabt, ich weiß wohl, aber das nützt nichts mehr, ich habe eben nicht ›Ja‹ sagen können. Und auf dem Hof ist der Ludwig. Der ist jetzt groß, er will aber nichts von mir. Ich gehe gar nicht hinein, er sagt sonst: ›Wenn ich dumm wäre, dann gäbe ich dir etwas.‹ So habe ich auch immer zu ihm gesagt, wie er noch ganz klein war.«
Der Jaköble zitterte vor Angst. Der Handwerksbursche hatte ja ~seinen~ Schulranzen auf, er war nur arg verdorben, und im Gesicht kam er ihm auch so bekannt vor. Er getraute sich kaum den Mund aufzumachen, aber endlich brachte er doch heraus: »Wer bist du denn?« »Das geht dich nichts an,« sagte der Handwerksbursche grob. Als er aber sah, wie sehr der Jaköble sich fürchtete, wurde er ein wenig milder und sagte: »Ich hab' einmal Jaköble geheißen, des reichen Weidenbauern Jaköble haben mich auch die Leute geheißen. Jetzt hab' ich keinen Namen mehr und keinen Vater und keine Heimat und nichts.«
Da tat der Jaköble einen lauten Schrei und rief: »Nein, ich bin der Jaköble selber, du bist er nicht.« Aber der Handwerksbursche sagte: »Nein, nein, ich bin's, ich weiß gewiß. Ich muß jetzt immer an meine schöne Zeit denken und wie ich die verdorben habe. Nur weil ich den Mund nicht aufmachen konnte und nicht ›Ja‹ sagen. Du kannst auch nicht, ich seh' dir's an!«
Aber der Jaköble war von dem allem so entsetzt, daß er sich gar nicht mehr besinnen konnte. Er rief nur laut hinaus:
»Doch, ich kann ›Ja‹ sagen! Alles kann ich sagen! Und ich bin der Jaköble, du bist er nicht!« Und dann fing er an, ganz laut Ja zu rufen, und immer noch lauter, damit er's ja nicht mehr verlerne.
Da sprang der Handwerksbursche auf vom Gras und Jaköble sah ihn auf einmal nicht mehr. Und statt seiner sah er den Andresvetter, der vor ihm stand und sagte: »Komm ins Haus, Büblein, komm! Du wirst mir nicht krank werden wollen, du schreist ja ganz laut im Schlaf! Wer setzt sich auch an den Bach zum Schlafen?«