Chapter 17 of 18 · 3972 words · ~20 min read

Part 17

Dem Geißlipp war zumute, als ob es sich auf einmal wieder verlohne, zu leben. Er kam in den Garten herein und half den Korb tragen, und als er die vielen Brennesseln hinten an der Mauer sah, sagte er: »Die Geißen fressen's erst noch gern und« -- er wurde rot. Er hatte noch sagen wollen: »Ich will sie alle herausreißen, daß da der Platz sauber wird.« Aber es fiel ihm ein wenig schwer, so viel zu sagen. Fräulein Margret hatte aber eine merkwürdige Gabe, auch das nicht Ausgesprochene zu verstehen. Sie sagte freundlich: »Ja, so komm dann morgen nachmittag. Da hast du frei. Es ist uns beiden geholfen, wenn du die Nesseln holst.«

Jetzt mußte sie ins Haus, denn da erschien eine Bäuerin unter der Tür. Diese trug eine Schüssel mit Mehl und hatte Eier in der Schürze und ein Anliegen wegen ihrer drei Buben auf dem Herzen. Sie warf einen erstaunten Blick auf den Geißlipp, der da im Garten stand und sagte zu Fräulein Margret: »Das ist ein Heimtückischer, vor dem muß man sich in acht nehmen. Das ganze Dorf kann davon sagen.« Fräulein Margret sah gar nicht so aus, als ob sie sich nun auch vor dem Heimtücker in acht nehmen wolle. Sie hatte ganz andere Gedanken. Aber sie sagte nur ruhig: »So viel ich weiß, hat der Bub keine Mutter. Da wird ein Kind leicht anders, als man es gern hätte. Man kann Gott danken, wenn man es in seiner Kindheit besser gehabt hat.« »Ist auch wahr,« gab das Weib zu, »wiewohl, bei dem Geißlipp liegt's im Blut, der Vater ist ein ganz Schlimmer.«

* * * * *

[Illustration]

Der Geißlipp lag lang ausgestreckt an einem grasigen Rain. Das Grastuch mit dem Geißenfutter, das er jetzt gerade gesammelt hatte, lag daneben und die Sichel steckte im Boden. Es war ein schöner, sonniger Abend. In der blauen Luft flogen die Schwalben und haschten sich Mücklein und im Gras zirpten die Grillen, und der Geißlipp sah den weißen, ziehenden Wolken nach. Vom Spielplatz her tönten laute, lustige Stimmen bis hier heraus. Die Dorfkinder belustigten sich da, die großen und die kleinen, es war ein fröhliches Durcheinander von Tönen. Der Geißlipp hatte auch schon probiert, mitanzukommen, aber das Vergnügen war meist kurz gewesen. Denn wenn ihn die andern Buben zu stark geneckt hatten, so hatte er sie dann geschlagen oder mit Steinen geworfen und dann waren alle auf ihn eingedrungen. Sie hielten eben zusammen gegen ihn. Jetzt war er schon lange nicht mehr hingegangen. Es war auch so eine Art von Vergnügen, hier außen zu liegen und sich auszudenken, was für seltsame Gebilde die Wolken gaben. Da war eine große Anzahl kleiner Lämmerwölkchen, hinter denen eine einzige, große Wolke herkam. Nun stieß sie daran und nun überzog sie die kleinen. »Das könnten die Buben sein,« dachte der Geißlipp beifällig, »und das große der Lehrer mit dem Stock. Oder ein Bär, wenn's das gäbe bei uns. Ich möchte dann schon, daß sie einmal alle« -- Der Geißlipp konnte seine schlimmen Gedanken nicht mehr ganz ausdenken, denn es wurden auf einmal Stimmen laut und als er aufsah, standen der Lehrer und Fräulein Margret vor ihm. Aufspringen und davonlaufen, das wäre sonst das erste gewesen bei dem Geißlipp. Heute machte er keinen Versuch dazu. Er erhob sich langsam und zupfte sich ein wenig am Haar. Das mußte als Gruß gelten, weil er keine Kappe auf hatte. Und über sein Gesicht kam ein Freudenschein, der rührte von Fräulein Margret her. Denn diese konnte gar nicht glauben, daß der Geißlipp ein so ganz verdorbener Bube sein sollte, und so oft sie ihn sah, sagte sie freundlich: »Grüß Gott, Philipp« und wußte ihn nach allem Möglichen zu fragen, was sonst niemand von ihm wissen wollte.

Sie war auch schuld, daß der Geißlipp schon seit ein paar Wochen keinen Tag mehr die Schule versäumt hatte. Denn sie hatte ihn einmal zu sich in die Laube genommen und gesagt: »So, nun merk wohl auf. Kein Mensch muß faul und ungehorsam sein, wenn er nicht will. Du auch nicht. Du mußt nicht meinen, weil du schon lang so seiest, müssest du nun immer so sein. Und fürchten mußt du dich auch nicht und vor niemand. Siehst du, etwas steckt in dir, etwas Gutes, ich kann's schon deutlich merken. Jetzt gehst du immer in die Schule und tust nur ganz ruhig, wie du sollst und denkst nicht immer daran, wo etwa Streit anzufangen wäre. Paß auf, dann wird's nach und nach besser. Und auf einmal merken es die andern auch, daß das nicht mehr der alte Philipp ist, sondern ein anderer.«

Der Geißlipp hatte der Unterweisung aufmerksam zugehört und obgleich er noch lang nicht glauben konnte, daß das so gut kommen werde, wie seine Beschützerin sagte, so wollte er es doch probieren. Sie hatte ja gesagt: »Ich kann es jetzt schon merken,« da war es vielleicht doch wahr. Und wenn der Geißlipp am Garten vorbeiging, so nickte ihm Fräulein Margret jedesmal so aufmunternd zu, daß es ihn den ganzen Tag freute. Der Lehrer wußte bis jetzt noch nichts von seiner heimlichen Helferin, aber so ganz schlimm kam ihm der Bube auch nicht mehr vor. Nur waren es so viele Kinder, daß er bis jetzt unmöglich die einzelnen so genau hatte kennen lernen können. Aber er hatte ein freundliches und mildes Wesen und brauchte den Stock nur, wenn er mußte. Der Geißlipp fürchtete ihn nicht, wenigstens lange nicht so sehr wie die Leute im Dorf und vor allem die Buben, und das Leben kam ihm jetzt schöner vor als früher.

»So, das ist ganz geschickt, daß wir dich gerade da treffen,« fing Fräulein Margret sogleich an, als sich der Geißlipp aus dem Gras erhob. »Siehst du, wir haben so große Sträuße im Wald geholt und nun möchten wir noch einen Besuch machen und können sie da natürlich nicht brauchen. Du könntest sie uns vielleicht heimtragen.« Der Geißlipp sah etwas besorgt auf sein Grasbündel und die Sichel. Er wußte sich nicht recht zu helfen damit. »Wenn du das Futter zuerst heimtragen mußt,« sagte der Lehrer, »das schadet nichts. Bis an dein Haus haben wir doch den gleichen Weg, dann gehen wir so weit mit dir.«

Der Geißlipp hätte nur gewünscht, daß die Dorfbuben zusehen könnten, wie er so dahinschritt, das Grasbündel auf dem Kopf und die Sichel in der Hand, zwischen dem Lehrer und dem Fräulein. Er, der allezeit verachtete und ausgestoßene Geißlipp, zu dem nur allein Fräulein Margret immer seinen ganzen Taufnamen sagte. Der Vater sagte meistens nur »Bub«, aber er sagte überhaupt nicht viel.

Er schien eben vom Taglohn heimgekommen zu sein, denn die Haustür stand offen und ein qualmender Rauch kam da heraus.

Als er Schritte hörte, streckte er den Kopf einen Augenblick zu dem kleinen Schiebfensterchen neben der Haustüre heraus, zog ihn aber schnell wieder zurück.

»So,« sagte Fräulein Margret unbefangen, als sie an dem Häuschen waren, »jetzt kannst du geschwind dein Futter hineintragen und so lang setzen wir uns auf das Bänklein, denn wir haben einen weiten Weg gemacht. Das darf man doch?«

Der Geißlipp sah so maßlos verwundert aus, daß die beiden lachen mußten. Das sah man deutlich, daß er nicht gewohnt war, Gäste zu haben. »Es raucht so,« brachte er nur heraus. »Schadet nichts,« sagte Fräulein Margret gleichmütig, »das Holz wird naß sein. Kocht dein Vater?«

Der Geißlipp nickte nur und dann verschwand er im Stall.

Unterdessen war der Vater in keiner kleinen Aufregung in seiner halbdunkeln Küche. Er hatte seit Jahren niemand mehr in seinem Haus gesehen und hatte sich allmählich daran gewöhnt, am Tag allein bei seiner Arbeit an der Landstraße oder im Gemeindewald oder auf seinem Äckerlein zu sein und abends allein mit dem Buben in seinem Häuschen. »Ich will von niemand etwas und die Leut sollen mich in Ruh lassen,« war so seine Rede. Und doch sehnte er sich so manchmal heimlich, auch wie ein anderer Mensch unter Menschen zu leben. Die neuen Lehrersleute hatten ihn auf der Straße schon ein paarmal freundlich gegrüßt und jetzt besann er sich, ob er herauskommen solle und sie auch grüßen oder nicht. Aber Fräulein Margret besann sich gewöhnlich nicht lang, bis sie mit jemand ein Gespräch anfing. Ihr Bruder mußte sich immer ein wenig über seine junge Schwester wundern, denn ihm fiel das nicht so leicht. »Ach, mir kommt ein guter Gedanke,« rief sie lebhaft. »Da sind wir nun ganz geschickt hergekommen. Das Annele muß Geißmilch trinken, wenn es hierher kommt. Natürlich, das ist höchst nötig.«

Das Annele war ein schwächliches Stadtkind, das einer Schwester gehörte und das sich Fräulein Margret kommen lassen wollte, um es herauszupflegen.

»Darf ich ein wenig hereinkommen?« rief sie zur Tür hinein. Es drang ein Brummen heraus, das man so oder so verstehen konnte, aber weil Fräulein Margret gern wollte, so drang sie ganz kecklich ein und grüßte den Vater Geißlipp freundlich. »Ich habe einen großen Wunsch,« sagte sie sogleich nach der Begrüßung. »Und niemand im ganzen Dorf kann mir den erfüllen als Sie.« Und dann setzte sie dem finster aussehenden Manne die Angelegenheit mit dem Milchtrinken auseinander.

»Die Geißen geben nicht viel Milch,« sagte der Mann, als er sich eine Weile besonnen hatte. »Es ist keine rechte Pfleg für sie da. Ich hab schon lang eine verkaufen wollen und am Viehmarkt tu ich's auch und das ist bald jetzt. Aber für das Kind reicht's doch noch.« Fräulein Margret schien gar nicht zu merken, daß es den Vater Geißlipp eine große Anstrengung kostete, so viel zu reden. Er machte sich drunterhinein am Herd zu schaffen und zog die Stirn noch mehr zusammen als sonst. Manche Leute hätten vielleicht gedacht, der Mann sehe zum Fürchten aus, wie er so dastand mit seinem wilden, schwarzen Bart und Haar und den sehnigen, braunen Armen, an denen er die Hemdärmel hinaufgeschlagen hatte. Aber Fräulein Margret fühlte nur ein großes Mitleid in sich und obgleich sie nicht viel sagte, drückte sie doch dem einsamen Mann beim Abschied so kräftig die Hand und sah ihn so warm und freundlich an, daß er noch lange daran denken mußte.

»Es gibt noch gute Leut' auf der Welt, Bub,« sagte der Vater, als er nachher mit Philipp bei dem einfachen Nachtmahl, Geißmilch und Kartoffeln saß. »Aber rar sind sie.« Der Philipp nickte einverstanden. Es kam ihm allmählich auch so vor.

Solang Fräulein Margret mit dem Vater in der Küche verhandelt hatte, war der Lehrer um das Häuschen herumgegangen. Dieses stieß hinten ein Stück weit an eine alte Mauer an, die mit allerlei Schutt und Geröll bedeckt war. Oben auf der Mauer blühten rote und weiße Taubnesseln und da und dort ein Stechapfel und unter allerlei Gras und Unkraut auch hie und da ein Ringelblümchen. Und über den Rand herunter hingen die rosafarbigen Blüten des Mauerpfeffers, die man zu Lande Sonnenblitze nennt. Der Lehrer betrachtete das Ganze aufmerksam und machte sich so seine Gedanken darüber. Er dachte, daß dieser Garten auf der Mauer vielleicht ganz passend für den Vater und Sohn sei, denen er gehöre. Und daß der liebe Gott manchmal da, wo man es gar nicht suche, unter Schutt und Unkraut und aus dürrem Erdreich ein freundliches Blümlein wachsen lasse, an dem man sich erfreuen könne. Der Lehrer nahm sich vor, sich so gut als möglich des scheuen und störrischen Buben anzunehmen. »Vielleicht kommt doch etwas Gutes dabei heraus,« dachte er und wußte nicht, daß in des Geißlipps verschlossenem Gemüt schon allerlei trieb und keimte, von dem er nichts wußte.

* * * * *

Das Annele war angekommen. Es war »ein kleines, bleiches Dinglein«, so sagten die Leute im Dorf von ihm. Kurz vorher hatte es das Scharlachfieber überstanden und davon war es noch etwas zart und blaß. Aber es machte sich nichts daraus. Am Morgen nach seiner Ankunft lief es schon so lustig, als wäre es von jeher in Rötenberg daheim gewesen, vors Haus hinaus und von da in den Garten, machte einen Besuch bei den Himbeeren und Stachelbeeren und setzte sich dann still auf das niedrige Mäuerchen im Garten, um dem Gesang der Schulkinder zuzuhören.

Das Annele war auch ein Schulkind. Es ging schon seit einem Jahr in der Stadt in die Schule und jetzt war keine Ferienzeit. Dieser Landaufenthalt war nur vom Doktor vorgeschrieben, Annele ließ ihn sich aber gern gefallen. Es war so schön hier, wie sonst nirgends. In der Stadt konnte man nur auf der Straße spielen, wo immer Wagen fuhren und viele Leute gingen, und die Mutter erlaubte das nur selten. Hier aber kam immer wieder ein Garten und eine Wiese und den Wald sah man vom Fenster aus und im Schulhausgarten selbst konnte man sich so ungestörte Spielplätze einrichten. Annele hätte überall zugleich sein mögen. Ab und zu erschien auch die Tante am Fenster und rief dem Nichtchen etwas zu. Und in den Bäumen sangen die Vögel. Es war wunderschön.

Jetzt ging die Schultür auf und alle Buben und Mädchen kamen heraus. Die Türe war nicht gerade eng und doch kam es Annele vor, als ob sie noch einmal so weit sein müßte. Denn alle Kinder strebten ins Freie nach dem langen Stillsitzen und so drängten sie sich auf einen dichten Knäuel zusammen, bis der Lehrer rief: »Halt, so macht man's nicht. Jetzt sollen zuerst alle Kleinen hinausgehen und nicht mehr als zwei auf einmal, dann kommen die Großen.«

Das Annele wurde ein wenig rot, als es so von allen Seiten angesehen wurde, als wäre etwas besonders Merkwürdiges an ihm. Es hatte sich nämlich an dem Schuleingang aufgestellt, um sogleich zu dem Onkel gelangen zu können. Und es war nun froh und erleichtert, als dieser herankam und seine Hand faßte. So konnte man sich wohl ein bißchen anstaunen lassen. Eben kam auch die Tante die Treppe herunter. »Philipp Berner,« rief sie, »halt ein wenig. Ich muß noch etwas mit dir sprechen,« Der Geißlipp blieb stehen und die Buben machten große Augen, daß man mit ~dem~ etwas sprechen wollte. Es war so wie so seit einiger Zeit anders geworden. Man konnte nicht mehr so bequem wie früher alle dummen und unartigen Streiche auf ihn schieben, der Lehrer duldete keinen Sündenbock. Und einmal war es dem Andres übel bekommen, als er das große Lineal des Lehrers bei einer Prügelei zerbrochen hatte und dann gesagt: »Der Geißlipp hat's getan.« Merkwürdig, der neue Lehrer sah gar nicht furchtbar aus, im Gegenteil, und doch konnte man sich fürchten, wenn er einen so ernst und fest ansah.

»Es ist wegen der Milch für das Annele,« sagte die Tante jetzt. »Am Morgen und am Abend soll es trinken, ganz frischgemolken. Morgens bringst du sie vor der Schule herauf, denn da darf das Annele noch nicht heraus. Abends kann es dann bei schönem Wetter zu euch hinauskommen.« Der Philipp nickte zu allem. Das kam ihm Antwort genug vor, denn er war immer noch gar kein Redner. Dem Annele schien es aber etwas zu wenig zu sein. Es hatte aufmerksam zugehört und sagte nun: »Warum sagst du gar nichts? Man muß doch auch ja sagen, wenn man so tun will.«

Die Tante mußte im stillen ein wenig lachen. Das sah sie schon, bei dem Annele konnte der Geißlipp nicht so stumm bleiben, das würde ihn schon gesprächig machen.

* * * * *

Jetzt war es nicht mehr leer und öd in den großen Zimmern oben im Schulhaus. Je kräftiger und gesünder das Nichtchen wurde, desto vergnügter sang und sprang es umher und ganz still war es eigentlich nur, wenn es in seinem Bett lag und schlief. Der Onkel dachte schon daran, das Annele nun mit in die Schule hinunterzunehmen, damit es nicht ganz aus der Übung komme, aber jetzt hatte es noch Ferien.

Die Tage waren herrlich ausgefüllt. Ganz früh am Morgen, wenn das Stadtkind kaum aufgestanden war, kam der Geißlipp (das Annele sagte aber immer wie die Tante Philipp zu ihm) und brachte die frische Milch. Das war immer ein Hauptvergnügen. Die Tante hatte jetzt schon Recht behalten. Es war ein ganz anderer Bub als vor einem halben Jahr, wenn man es auch noch lange nicht überall merkte. Bei den Dorfleuten stand das Urteil über den Geißlipp viel zu fest, als daß man darauf geachtet hätte, ob er sich nach und nach ein wenig bessere. Aber im Schulhaus war das anders. Annele hatte noch nie gehört, daß der Philipp anders sei als andere Buben.

[Illustration]

»Laß sie nur,« hatte Fräulein Margret zu dem Lehrer gesagt. »Sie lernt nichts Böses von ihm, darauf will ich schon achten. Und man weiß nicht, was es für den Buben wert ist, wenn er auch einmal harmlos mit einem andern Kinde verkehren kann.« So konnten die beiden ungestört Bekanntschaft schließen.

Annele hatte zwar bald Freundinnen gefunden, Schultheißens Sophie und des Krämers Karoline, die alles mitspielten, was sie angab, und die sie gern ein wenig hin und her kommandierte. Aber es war noch viel genußreicher, am Morgen an das hintere Gartentürchen hinunterzuhuschen und dort auf den Philipp zu warten, bis er in schnellem Schritt, daß ja die Milch noch warm sei, um die Ecke kam. Sie brachte dann schon ihren Becher mit und trank im Garten, und dann hatte sie dem Philipp hundert Dinge zu zeigen und noch viel mehr zu fragen. -- Warum die Kirschen zuerst grün sind und dann rot werden? Warum die kleinen Entchen gleich von selber ins Wasser gehen? Ob die kleinen Vögelein in dem Nestchen hinten in der Haselnußhecke jetzt bald fliegen können?

Und dann mußte er helfen zählen, wieviel Tag- und Nachtblümlein über Nacht aufgegangen seien, und mit Annele das Wespennest in der Kirchhofsmauer besichtigen, natürlich nur aus sicherer Entfernung. So etwas konnte man mit den Freundinnen nicht besprechen. Sophie riß nur die Augen weit auf und Karoline sagte auf die schwierigen Fragen: »Ha, das ist von selber so. Komm, wir tun lieber Fangerles.« Und dem Stadtkind war doch alles neu und wichtig. Der Geißlipp aber konnte über vieles Bescheid geben. Er war so viel allein, da waren ihm schon allerlei Gedanken gekommen, die anderen Kindern nicht einfallen, und wenn er gewiß wußte, daß niemand sonst zuhörte, so konnte er dem Annele ganz verständigen Bescheid geben.

Schöner war's aber doch noch, am Abend mit der Tante an das kleine Häuschen des Geißlipp hinauszuwandern. Die Milch schmeckte so ganz frischgemolken auf dem Bänklein vor der Haustür am allerbesten. Annele fürchtete sich gar kein bißchen vor Philipps Vater.

»Du, der ist bös, er hat einmal etwas Arges getan,« hatte einmal eines der Mädchen zu Annele gesagt, als diese im höchsten Vergnügen erzählt hatte, wie nett es sei, wenn »der große Geißlipp' ihr die Milch in den Becher melke, und wenn er sie auf den Arm nehme, daß sie das Schwalbennest an der Dachrinne genau sehen könne. »Ist das wahr, Tante? Tut er einem nichts?« hatte Annele darauf ein wenig erschrocken gefragt. Und die Tante hatte das Kind zu sich herangezogen. »Siehst du, Annele,« hatte sie gesagt, »wenn du einmal ungehorsam und unartig gewesen bist und du willst dann wieder lieb sein, gelt, dann verzeiht dir's die Mutter? Und dann mußt du nur den lieben Gott bitten, dann verzeiht er's dir auch, und dann ist alles wieder gut und niemand darf mehr sagen, du seiest ein böses Kind.« Annele war sehr einverstanden. »Und so ist das auch bei dem armen Mann, den gar niemand lieb hat, weil er einmal bös gewesen ist. Er will jetzt wieder gut sein und vielleicht hat es ihm der liebe Gott schon lang verziehen, da dürfen wir nicht mehr sagen, er sei bös. Und fürchten müssen wir ihn auch nicht, gar nicht.«

Annele war mit dieser Erklärung sehr zufrieden und teilte sie auch den Kamerädinnen mit. Es war nur schade, daß diese sie nicht so recht verstanden. Aber die neue Freundschaft machte desto bessere Fortschritte, und Fräulein Margret ließ es sich gar nicht anfechten, daß sich die Leute im Dorf so sehr darüber verwunderten.

Wenn das Annele seine Milch hatte, so ging die Tante dann meistens ein Weilchen in die rauchige Küche. Denn wenn der Vater des Philipp auch immer noch ein wenig knurrig und brummig war, und auch nicht viel sagte, so tat es ihm doch wohl, daß ein Mensch nach ihm sah und mit ihm redete wie mit seinesgleichen. Und das, merkte die Tante wohl und machte sich nichts daraus, daß er nicht so besonders freundlich tat.

* * * * *

Es war an einem schönen, klaren Abend. Die Tante war zum erstenmal von dem Mann in die Stube geführt worden. Er war nie recht so keck gewesen, es vorzuschlagen. Aber sie hatte ihn heute nach seinem Weib gefragt, und jetzt wollte er der Tante ihr Bild zeigen, das in der Stube hing. Sie saßen einander gegenüber am Tisch. Der Mann hatte den Kopf in die Hand gestützt und sah finster vor sich hin, und Fräulein Margret betrachtete ihn mitleidig. Sie hätte ihm so gern etwas Liebes gesagt und doch wollte ihr nichts Rechtes einfallen. Draußen hörte man die lustige Stimme des Annele und dazwischenhinein allemal wieder ein paar bedächtige Worte des Buben. Und von Zeit zu Zeit streckte Annele den Kopf durch die Fensteröffnung herein und wollte wissen, ob die Geißen gern Vergißmeinnicht fressen und ob die Schwalben die Mücklein lebendig verschlucken?

»So eines hätt ich jetzt auch,« fing der Mann auf einmal an und drückte gewaltsam die Fäuste an die Augen, daß da nichts heraustropfen konnte. »So groß wie das Annele wär mein Dorle auch, wenn es noch am Leben wär! Ist ihm aber gut gegangen, daß es bald gestorben ist. Dann kann man wenigstens nicht von klein auf prophezeien, daß nichts aus ihm werde, wie meinem Buben. Mein Weib ist ihm bald nachgegangen, es hat's auch nicht aushalten können.« Er wollte noch mehr sagen, er wollte noch sagen: »Ich halt's auch nicht mehr aus so, das Leben ist ein Elend, wenn man immerfort denken muß: Du bist an allem schuldig.« Aber er konnte nichts mehr herausbringen. Er legte den Kopf auf den Tisch und weinte wie ein Kind. Fräulein Margret ließ ihn eine ganze Weile in Ruhe, sie wußte, daß da manches heraus- und vom Herzen hinunterkomme, und das wollte sie nicht stören. Endlich aber sagte sie freundlich: »So jetzt wollen wir einmal nicht mehr immer an dem hängen bleiben, was vergangen ist. Und nicht nur denken, es müsse alles so bleiben, wie es jetzt ist. Was die Leute im Dorf sagen, darauf wollen wir einmal eine Weile gar nicht hören. Und daß etwas aus dem Philipp wird und das etwas Rechtes, dazu wollen wir zusammenhelfen. Dann kommt alles nach und nach besser.« Sie bot dem Taglöhner die Hand und sah ihn so aufmunternd und entschlossen an, daß es ihm selber auch ein wenig hoffnungsvoll ums Herz wurde.

Er strich sich mit der Hand über die Stirn, als ob er da etwas wegwischen wollte, und sagte: »Ihnen könnt man's fast gar glauben.« In diesem Augenblick ertönte ein lauter Jubelruf von Annele. Und gleich darauf kam das Kind ans Fenster, eifrig etwas in die Höhe streckend, das ihm Philipp entreißen wollte. Philipp hatte ein rotes Gesicht und war aufgeregter, als ihn Fräulein Margret je gesehen hatte. »Gib's her,« sagte er heftig. Aber Annele rief lustig: »Nein, nein, keine Rede, die Tante muß es auch sehen und vielleicht auch noch der Onkel.«

Die beiden großen Leute waren ans Fenster getreten. Der Vater erschrak, denn auf des Buben Gesicht malte sich deutlich ein großer Zorn, und den Ausdruck kannte er wohl und mußte ihn ja fürchten, weil der Zorn ihn selber auch so unglücklich gemacht hatte. Die Tante sah den Zorn auch. »Wenn das, was du in der Hand hast, dem Philipp gehört,« sagte sie ruhig zu Annele, »dann gib es ihm. Ich will es nur sehen, wenn er mir's selber zeigt.« Annele gehorchte nur ungern, aber es mußte wohl sein.

Es war das Stück von einer Schiefertafel, das der Geißlipp immer so sorgfältig verbarg. Annele hatte es entdeckt und jetzt sagte sie: »Ich sag aber doch, was drauf ist. So etwas Nettes, Tante, es ist nur dumm, daß er es nicht sehen läßt.«