Chapter 14 of 18 · 3922 words · ~20 min read

Part 14

So ganz behaglich war's ihr diesmal nicht in der fröhlichen Gesellschaft. Erstens hatte sie einen ganz heißen Kopf und erregte Sinne von dem hastigen Lesen, dann waren auch noch die Schulaufgaben sämtlich unerledigt und dann, sie hatte gar nicht gemerkt, daß Mama das am Ofen sitzende Hänschen mit beschmutztem Kleidchen und schwarzen Händchen weggenommen und stillschweigend gereinigt hatte. Sie hatte es erst nachträglich durch Max erfahren, natürlich nicht ohne brüderliche Seitenhiebe. Aber es war doch nicht ganz angenehm. Wenn Mama nicht schalt, war sie traurig, und merkwürdig, das war noch viel unbehaglicher, obgleich sich Else nicht gern schelten ließ.

In der Gesellschaft war viel die Rede von einem großen Zirkus, der für einige Zeit in der Stadt war. Else wußte auch davon, der Vater hatte so halb und halb versprochen, einmal mit seinen drei größeren Kindern und der Mutter hinzugehen, und sie freute sich längst darauf. Sie nahm sich auch vor, gleich heute noch beim Abendessen den Vater darum zu bestürmen, es war ein großartiges, anziehendes Programm, das mußte man gesehen haben.

Ganz hingenommen von diesen Gedanken kam sie nach Hause.

Die Brüder hatten Sonntagskleider an, blätterten in merkwürdiger Eintracht in dem großen zoologischen Atlas des Vaters und machten dazu eifrige Bemerkungen. Else wunderte sich darüber, bekam aber sogleich die Mahnung: »Leise, Hänschen ist krank, Mama sitzt bei ihm am Bettchen.«

»Du kannst dein Sonntagskleid anbehalten, Else,« empfing die Mutter das Töchterlein, »Papa will mit euch dreien und seinem Freund, der auch ein Töchterlein mit hierher gebracht hat, in den Zirkus gehen.«

»Deine Aufgaben sind ja doch wohl fertig? Eigentlich sollte ich dir heute das Vergnügen nicht gestatten, denn du versäumst jetzt gerade so oft deine kleinen Pflichten, aber ich hoffe, du merkst dir's endlich -- ich kann ja leider auch nicht mitgehen. Hänschen ist nicht wohl, ich weiß nicht, was mit dem Kind ist, es muß etwas Unpassendes gegessen haben.« Else wurde es heiß und kalt! Erstens keine Möglichkeit, mit in den Zirkus zu gehen, denn die Aufgaben standen noch riesengroß da zur Erledigung. Und der Vater, wie würde der unzufrieden sein! Und die Brüder würden spotten! Und auf morgen früh verschieben ging nicht, das gestatteten die Eltern nie.

Und zudem! Was hatte Hänschen wohl geschluckt? Else erinnerte sich jetzt deutlich, daß sie während des Lesens immer ein Gefühl gehabt habe, als stecke der kleine Bursche etwas ins Mäulchen, das nicht hineingehöre, es hatte so geknirscht! Ja richtig, das Salz! Else stürzte fort, die Mutter kam ihr erstaunt nach. Da kniete sie am Boden und brachte die Reste des Häufchens zum Vorschein, den weitaus größten Teil hatte der Kleine geschluckt.

Erstaunt und betrübt hörte die Mutter den Bericht mit an, den Else gab. Es war eine Kette von kleinen Versäumnissen. Else hatte alles tun wollen, was sie sollte, »im Augenblick,« nur nicht im zunächstliegenden, und so war es dann gar nicht geschehen.

Das war ein gestörter Abend. Der Vater ging mit den Brüdern allein, er hatte nur gesagt: »Hoffentlich muß der arme kleine Kerl nicht zu sehr den Leichtsinn seiner Schwester büßen,« nichts davon, daß es ihm leid sei, Else nicht mitnehmen zu können.

Das war dieser noch das härteste. Sie saß im einsamen Wohnzimmer und schrieb und rechnete, aber dazwischen tropften schwere Tränen auf die Hefte. Da trat die Mutter ein. »Hänschen schläft jetzt,« sagte sie, »ich hoffe, es schadet ihm weiter nichts; nun ich wußte, womit er sich den Magen verdorben, konnte ich dagegen wirken.«

Dann gegenseitige Stille. Else kämpfte mit sich. Eigentlich hatte sie doch nichts verbrochen, es war nur ungeschickt gegangen! Nein, doch, sie wußte es ja besser, gewiß, es sollte anders werden.

»Mama,« Else hob das verweinte Gesicht. »Ja? Was ist's?« fragte die Mutter ein wenig müde, sie hatte heute schon so viel Aufregung gehabt. »Ich möchte, -- ich will gewiß, -- ach, Mama, kannst du mich denn noch lieb haben?«

Jetzt war Else ein ganzes Kind, reuig, trost- und liebebedürftig; sie hatte den Kopf in der Mutter Schoß gelegt und schluchzte sich alles vom Herzen herunter, was Drückendes, Unartiges, Störendes drin war. Und die Mutter tröstete jetzt das große Kind, wie vorher das kleine, und half ihm mit mütterlichen Worten ins rechte Geleise. Denn es ist bei der Mutter gleich, ob sich die Kleinen oder die Großen verirren, die Hauptsache ist, daß das Kind den Heimweg sucht und dazu nach der Hand der Mutter greift.

Und als Else hernach beschwichtigt und erleichtert in ihrem Bett lag, gab ihr die Mutter noch als Schutz- und Trutzmittel für den neuen Weg, den sie wandern wollte, ein Verslein mit, »das bete jeden Tag von Herzen, so wird dir's der liebe Gott gelingen lassen:

Gib, daß ich tu' mit Fleiß, Was mir zu tun gebühret, Wozu mich dein Befehl in meinem Stande führet, Gib, daß ich's tue bald, zu der Zeit, da ich soll, Und dann gerate mir's durch deinen Segen wohl.«

14. Angelika.

»Aufgepaßt!«

Christian, der stämmige Stallknecht, rief aus den dichten Zweigen des großen Apfelbaums, der so voll hing mit reifen Äpfeln, daß er im Sonnenschein aussah wie ein rotes Dach. Dann rüttelte und schüttelte er so nachdrücklich an den Ästen, daß es anfing zu prasseln und in kurzer Zeit der Boden ringsumher ganz bedeckt war mit den schönen Früchten.

»Au, au, hör auf! Hör einmal auf, Christian! Die Äpfel zerfallen aufeinander, so viele liegen schon da! Man muß zuerst diese auflesen!«

So tönte es nun durcheinander, denn es war eine große Gesellschaft in dem Obstgarten versammelt. Da waren zuerst die sechs Kinder des Herrn Amtmanns, dem der Garten gehörte, von Wilhelm, dem großen Lateinschüler an, bis herab zu dem jüngsten, zweijährigen Schwesterlein. Dann waren noch die Buben aus dem Pfarrhaus da und die Kinder des Herrn Schultheißen. Es war ein lustiges, lebhaftes Häuflein, das da durcheinander purzelte, krabbelte, lachte und sich neben der fleißigen Arbeit her die Äpfel schmecken ließ.

Das Oberkommando führte Heinerike, die alte Magd des Amtshauses. Sie verstand das Regieren aus dem Fundament, und wenn ihr auch selber das Bücken ein wenig sauer geschah, so konnte sie die Kinder um so besser dazu anleiten. So wurde in hellem Vergnügen ein Sack nach dem andern gefüllt. Angelika, das siebenjährige Töchterlein des Hauses, hatte schon seit einer Weile angefangen, die allergrößten Äpfel auf ein besonderes Häufchen zu legen. Jetzt schienen es genug zu sein, denn sie packte alle zusammen in ihre weite Ärmelschürze und steuerte, so schnell es mit der gewaltigen Last ging, auf das Lattentürchen zu, das aus dem Obstgarten nach dem Blumengärtlein hinführte. Dort stand eine dichtbewachsene Laube und in diese trat Angelika ein.

»Großvater,« rief sie schon von weitem, »sieh nur, Großvater, so große prachtvolle Äpfel gibt's heute! Ich habe dir die allerschönsten herausgelesen, du mußt sie behalten!«

Der Großvater stellte lächelnd seine lange Pfeife neben sich an die Wand und strich leise mit der Hand über die frischen runden Backen des kleinen Mädchens.

»So, und die schönsten bringst du mir? Das ist brav,« lobte er dann. »Aber was soll denn der Großvater damit anfangen? Er kann die Äpfel ja nicht mehr beißen!«

Daran hatte Angelika freilich nicht gedacht. Sie sah bedauernd in ihr Schürzchen und sagte dann: »Dann mußt du sie wenigstens ansehen, Großvater! Sie sind ganz furchtbar groß, du siehst sie schon!« Und sie hielt dem Großvater einen der schönsten ganz dicht vor die Augen.

Der Großvater griff mit der Hand nach dem Apfel. »Daß er groß ist, das fühle ich schon,« sagte er. »Aber sehen kann ich ihn doch nicht. Du mußt aber deswegen nicht traurig sein. Ich habe in meinem Leben schon so viele schöne Äpfel gesehen, da kann ich mir nun ganz gut denken, wie dieser aussieht.«

Der Großvater war nämlich schwer krank gewesen und als es ihm sonst wieder besser ging, da waren seine Augen ganz allmählich immer schwächer geworden. Jetzt hatte er noch einen Schein in dem einen Auge, so daß er unterscheiden konnte, ob es hell oder dunkel um ihn her sei.

Weil er aber schon die ganze Zeit seines Lebens in diesem Haus und Garten gewohnt hatte, so konnte er, ohne daß man ihn führte, umhergehen und seine Lieblingsplätzchen aufsuchen. Am liebsten saß er in der Laube, und die Kinder waren dann oft bei ihm, besonders Angelika.

Den Großvater hatte seine Blindheit nicht unglücklich oder auch verdrießlich und mürrisch gemacht. Er dachte, der liebe Gott werde schon wissen, wozu er ihm das geschickt habe, und so wolle er dann damit zufrieden und geduldig sein. Und dann fiel dem Großvater, wenn er so still für sich dasaß, so vieles aus seinem vergangenen Leben ein, er dachte an alle seine Lieben, die niemand auf der Welt mehr sehen konnte, weil sie schon lang vom lieben Gott heimgeholt worden waren. Und alles wurde ihm so lebendig, daß er es wirklich zu sehen meinte; da vergaß er dann manchmal ganz, daß er blind war.

Für Angelika war es herrlich, daß der Großvater so viel Zeit hatte. Es ereignete sich immer so viel, was notwendig mit jemand besprochen werden mußte; das konnte man alles sehr gut beim Großvater anbringen. Und es war schöner als alle Geschichten, die es gab, wenn der Großvater anfing, aus seiner Kindheit zu erzählen. Aus dem Hungerjahr, wo die Leute Klee- und Baumrinde unter das Brotmehl mischten, und aus Kriegszeiten und dann auch noch viel Erfreuliches.

Heute hatte das Kind etwas Besonderes auf dem Herzen. Es legte die Äpfel alle auf den Tisch, zog sich dann ein Schemelchen heran und sagte: »Großvater, warum heiße ich Angelika? Niemand heißt so, als nur ich! Des Schultheißen Christoph hat gesagt, vielleicht habe einmal, wie ich noch klein gewesen sei, jemand so geheißen und dann habe man mich deshalb so getauft.«

»Da hat der Christoph nicht so unrecht,« sagte der Großvater. »Es hat einmal jemand so geheißen wie du, aber das ist schon so lange her, so lang, daß außer mir niemand mehr lebt, der sie gekannt hat.«

[Illustration]

Es war so ein merkwürdiger Ausdruck in des Großvaters Gesicht gekommen, wie ihn Angelika noch nie gesehen hatte. Fast wie wenn er weinen wollte. Das durfte nicht sein! »Großvater, sei nur zufrieden, es macht nichts. Ich will dann gern so heißen. Die Mutter hat auch gesagt, es sei gar nicht ungeschickt, man wisse gleich, wen man meine, wenn sonst niemand da sei, der Angelika heiße.«

Aber der Großvater war noch nicht gleich wieder wie sonst. Er fühlte den dicken braunen Zopf an, der bei Angelika hinten gerade hinausstand und die kurzen, krausen Härchen, die sich überall herausdrängten, und schüttelte immer den Kopf dazu. »Sie sah ganz anders aus,« sagte er leise vor sich hin, »ganz anders.«

Das alles erweckte Angelikas Interesse. »Wer, Großvater?« fragte sie fast ein wenig schüchtern.

»Die, nach der man dich geheißen hat,« sagte der Großvater. »Sie war mein Schwesterlein, ich habe nie mehr so etwas Liebliches gesehen.«

»O, erzähl' mir von ihr? War sie so groß wie ich? O, erzähl' mir alles, was du weißt von ihr!« Angelika kam ganz in Eifer, denn nun auf einmal von jemand zu hören, der so hieß wie sie, und der keine alte Frau war, sondern ein kleines Mädchen, das war ein wichtiges Ereignis.

»Sie war so groß wie du, als sie zu den Engelein ging,« sagte der Großvater. »Hast du schon deine Aufgaben gelernt? Ja? Dann kannst du dableiben und ich will dir von ihr erzählen.«

»Ich war,« fing der Großvater an, »vier Jahre alt, so alt wie Martin jetzt ist, aber größer und fester als er. Geschwister hatte ich noch nicht und ich dachte auch nicht daran, daß mir das fehle. An einem Sonntagmorgen aber kam der Vater an mein Bettchen und hielt ein großes, weißes Bündel im Arm. Das war ein Tragkissen, und darin lag ein ganz kleines, zartes Menschenkindlein, das guckte mit großen blauen Augen hell um sich. ›Freu dich, Hermann,‹ sagte der Vater, ›Du hast ein Schwesterlein bekommen. Gib ihm einen Kuß aufs Bäckchen, aber sachte, sachte, daß es nicht schreit.‹

»War das ein Jubel! Es gab so viel Neues, Ungewohntes jetzt, das Schwesterlein war so interessant! Wenn es gebadet wurde und dann wohlig plätscherte und strampelte, oder wenn es seine Milch trank und nachher anfing zu ›krägeln‹, du weißt ja, wie das ist.« »Ja, ja, man meint, es wolle anfangen zu sprechen und kann doch noch nicht,« sagte Angelika eifrig. Sie war ganz bei der Sache.

»Einmal fragte ich die Mutter: ›Sag, heißt es nur Schwesterlein und sonst nichts?‹ Da lachte sie und sagte: ›Am Sonntag soll es getauft werden! Paß nur gut auf, wie der Herr Pfarrer dann sagt, so heißt es dann immer.‹ Von da an war ich sehr begierig auf den Sonntag. In der Nacht hörte ich aber ein Gespräch der Eltern mit an.

»›Nein, nicht nach mir,‹ sagte die Mutter. ›Siehst du, es ist so zart und lieblich und fein, es sieht aus wie die Engelein, und da möchte ich so gern, daß es auch der Engelein Namen trage. Wir wollen es Angelika heißen.‹

»›Ich habe nichts dagegen,‹ sagte der Vater. ›Und Gott behüte unser Kindlein, daß die Engelein allezeit bei ihm bleiben.‹

»Da wußte ich, wie der Herr Pfarrer das Schwesterlein heißen werde. Das wuchs fröhlich heran. Ich sei, sagte die Mutter, ein rechter kleiner Schreihals gewesen, da kam es ihr fast wunderbar vor, wie sanft und still das Schwesterlein war. Es konnte stundenlang in seinem Wägelchen liegen und mit den Händchen spielen, und wenn man dann herkam, lachte es einen an. Ich war ganz glücklich, als es mich zum erstenmal am Haar zupfte und meine Finger mit seinen Händchen umschloß. ›Gelt, es ist nur ~mein~ Schwesterlein und sonst gar niemands?‹ fragte ich die Mutter immer wieder und dann war ich froh und stolz, wenn sie es bejahte.

»Als es ein Jahr alt war, trippelte mein Schwesterlein schon ganz flink auf seinen eigenen Füßchen daher. Ich brauchte ihm nur einen Finger zu geben, so durchwanderte es den ganzen Garten mit mir.

»Wir hatten damals einen alten Kutscher Namens Leonhard. Der blieb allemal stehen, wenn das Kleine aus dem Haus kam und kratzte sich hinter den Ohren. ›Wenn's nur nicht davonfliegt, das Engelein,‹ sagte er dann vor sich hin. ›Es tun ihm nur noch die Flügel fehlen.‹

»Ich lachte vergnügt darüber, denn das gefiel mir, daß der alte Brummbär das Schwesterlein mit einem Engelein verglich. Mit dem Davonfliegen, dachte ich, habe das keine Not.

»Ja, gelt, es hat ja keine Flügel gehabt,« bestätigte Angelika.

»Wenigstens damals noch nicht,« sagte der Großvater so vor sich hin. Dann fuhr er fort: »Ich kann dir das nicht mehr alles erzählen, obgleich ich's noch ganz genau weiß, wie es sprechen lernte und fast von selbst alle kleinen Liedchen der Mutter nachsingen konnte. Und wie es dann anfing, mit seinen Puppen gerade so zu hausen, wie es das bei den großen Leuten sah. Als ich sechs Jahre alt war, mußte ich zur Schule. Und es gab einen großen Jammer, als das Schwesterlein einsehen mußte, daß es da nicht mit konnte.

»Aber eines Tages ging die Türe auf, als wir tüchtig am Einmaleins waren und herein trippelte, gerade auf mich los, ›das Engele‹, wie es im Dorf allgemein hieß, mein kleines Schwesterlein mit seinen langen goldigen Locken. Es trug ein Stückchen Backwerk im Händchen. Das hatte es geschenkt bekommen und ich sollte, wie immer, die Hälfte abbeißen.

»Von da an neckten mich die Buben immer. Und ich dachte dann machmal, daß ich nun auch zu groß sei, um immer mit einem kleinen Mädchen zu spielen. Auf dem großen Spielplatz am Brunnen war es so lustig. Ich war der Anführer bei allen wilden Spielen, und Angelika konnte da nicht mittun. Sie blieb daheim bei der Mutter und unterhielt sich stundenlang allein im Garten. Wenn ich manchmal am Sonntag oder so mit ihr hinunterging, so war ich ganz verwundert, was sie mir alles zu erzählen wußte.

»Du bist ein Fabelhans, Engele,« sagte ich einmal, als sie mir ganz ernsthaft berichtete, was ihr die Vögelein, die ihr Nest in der Stachelbeerhecke bauten, erzählt hätten und daß das grüne Eidechschen, das zu unsern Füßen durchs Laub raschelte, eine Mama sei und kleine Kinder zu Haus habe.

»Angelika war vier Jahre alt, als des Bachbauern Liesle starb, ein kleines schwächliches Dinglein. ›Dem armen Tröpfle ist's wohlgegangen,‹ sagte Kätter unsere Magd, als sie von der Beerdigung heimkam.

»Angelika war mitgewesen. ›Warum ist's ihm wohlgegangen?‹ wollte sie wissen. ›Wenn man's doch in das tiefe Loch hinunter getan hat?‹ ›Ach du lieber Gott, paßt das Kind auf,‹ sagte die Kätter, und die Mutter erklärte: ›Der liebe Heiland läßt es nicht in dem Loch, er schickt seine Engelein, die tragen es in den Himmel.‹

»Am andern Tag begrub Angelika ihre liebste Puppe Toni im Garten unter einem Himbeerbusch. Dann saß sie lange mäuschenstill gegenüber. Und als ich sie holen wollte, legte sie ihr Fingerchen auf den Mund: ›Bscht! Sei leise! Ich muß warten, bis die Engelein kommen und die Toni in den Himmel tragen.‹ Damals war ich schon ein großer Schüler, der nächstens in die Stadtschule kommen sollte, so konnte ich mit großer Weisheit erklären: ›Dumms Dingle, Puppen kommen nicht in den Himmel.‹

»Ich nehme aber die Toni mit, wenn ich hineingehe, beharrte Angelika und dabei blieb sie, obgleich ich versicherte, wenn man einmal ganz alt sei und in den Himmel komme, brauche man keine Puppen mehr.

»Als ich das erstemal nach halbjähriger Abwesenheit wieder nach Hause kam, war Angelika fünf Jahre alt. Ich war jetzt für die ganze Schulzeit bei dem Onkel in der Stadt einquartiert und kam nur in den Ferien heim. In der Stadt lebte ich mit so viel Buben zusammen und Mädchen sah ich nur von weitem. Da war ich's gar nicht mehr gewöhnt, mit Puppen und Kochgeschirren umzugehen, und sagte das auch dem Schwesterlein, als es mich feierlich zum Puppenvater ernannte.

»Das ›Engele‹ sah mich mit seinen großen blauen Augen nachdenklich an, dann sagte es: ›O das tut nichts; die Kinder setzen wir nur ins Rondell, sie sind sehr artig. Dann kann ich gut mit dir spazieren gehen, Hermännle. Es sind junge Geißlein bei der Webergret, die müssen wir ansehen.‹ Da wußte ich, daß Angelika ganz und gar Beschlag auf mich legen wollte, und es fiel mir ein, daß es nur ~mein~ Schwesterlein sei und sonst niemand's, und wir verbrachten unsere Zeit wieder zusammen, wie früher.

»Bei der Webergret war es nun allerdings genußreich. Die zwei kleinen Geißlein, die im Stall herumhüpften, waren so zierlich und possierlich, daß wir uns fast nicht trennen konnten. Angelika sprach mit ihnen wie mit Menschen. ›Komm, komm, du Kleines,‹ sagte sie und tätschelte das Weiße mit ihrem kleinen Händchen, ›du mußt das Schwarze auch zum Tröglein herlassen! Denk einmal, wie bös das ist, wenn man alles allein haben will!‹

»Die Webergret sah immerfort ganz entzückt mein Schwesterlein an. Das tat mir wohl, es war mir fast, als ob ich mit schuld sei, daß es so herzig war. Aber dann schüttelte das Weib ernsthaft den Kopf. ›Auch gar nichts hinwachsen tut an das Kindlein,‹ brummte es. ›So feine Gliedlein wie von Wachs, und so Augen, so Augen! Und hat doch eine Pfleg! ich weiß, eine Pfleg wie ein Prinzeßlein!‹ Es wurde mir ein wenig unheimlich, ich zog das Engele mit mir fort und erzählte daheim bei Tisch den Eltern, was die Webergret gesagt habe. Sie tauschten einen langen Blick und die Mutter drückte heftig das blonde Köpflein an sich. Ich verstand das damals nicht, es ist mir aber später noch oft eingefallen.«

Der Großvater schwieg eine Weile und nickte ein paarmal mit dem Kopf, so, als ob ihm immer wieder etwas einfalle, was zu der Geschichte gehöre. Das wilde kleine Mädchen, das sonst, wie jedes behauptete, gar nicht wußte, was still sein heißt, rührte sich nicht. Es hatte sich so in des Großvaters Erzählung hineingelebt, daß es nicht mehr daran dachte, daß man drüben im Garten Äpfel schüttle und daß es sich hatte ein ›Maugennest‹ anlegen wollen. »Weiter, o weiter, Großvater,« sagte Angelika endlich und tat einen tiefen Atemzug.

»Ja so, ja,« sagte der Großvater.

»Einmal kam ich auch in die Vakanz. Es war einige Tage vor Ostern. Ich war nicht recht wohl, hatte Kopfweh und war müde und der Vater sagte: ›Das ist wohl vom Wachsen und vom Lernen zusammen.‹ ›Wollen ihn schon herauspflegen,‹ sagte die Kätter, die gerade durchs Zimmer ging. Angelika war ein wenig blaß und war gewachsen, seit ich sie nicht gesehen hatte. ›Sie ist fast den ganzen Winter im Zimmer gewesen,‹ sagte die Mutter. ›Sie hatte soviel Husten. Aber jetzt, wo die Sonne so warm scheint, darf mein Vögelein wieder hinaus.‹ Da wurden die schmalen Bäckchen rot vor Freude. ›Hermännle,‹ sagte Angelika, ›am allerschönsten ist's draußen am Steinbühl. Dort gibt's jetzt Palmkätzchen und Schäfchen und Schlüsselblumen. Gelt, wir gehen gleich nach dem Essen hinaus? Es ist nicht so weit, das ist recht, weil du so müde bist. Und ich auch,‹ setzte sie hinzu.

»Es war ein wunderschöner Frühlingstag, der Gründonnerstag, an dem wir zwei Hand in Hand an den Steinbühl gingen. Leonhard stand unter der Stalltüre, als wir den Hof verließen. Er hatte inzwischen ganz weiße Haare bekommen und hatte sich angewöhnt, halblaut vor sich hin zu reden. Als er uns beide sah, fuhr er sich über die Augen und sagte: ›Ja, ja, werden's schon sehen! Hab's schon lang gesagt! Es fliegt schon noch davon! Werden's schon sehen!‹

»Da lachte das ›Engele‹ hell und lustig: ›Wer fliegt davon, Leonhard? Paß auch gut auf, wenn der Osterhase in den Garten läuft, daß du ihn nicht verscheuchst! Und sag: er soll mir ein Springseil legen und einen Bücherranzen, ich komme jetzt dann in die große Schule!‹ Aber der Alte brummelte weiter und wir zogen aus.

»›Weißt du, Hermännle,‹ plauderte Angelika, als wir auf der Lattenbank unter der Buche am Steinbühl saßen, ›weißt du, manches ist so sonderbar! Gestern hat die Kätter Zwiebel gesteckt und Gelbrüben gesät. Wie können denn da große Stöcke herauswachsen aus so kleinen Kernlein?‹ ›Das läßt eben der liebe Gott wachsen,‹ sagte ich ein wenig gedankenlos. Ich wollte gern von lustigeren Sachen schwatzen. Aber mein Schwesterlein war noch nicht fertig. ›Die Kätter sagt,‹ fuhr sie fort, ›die Engelein kommen in der Nacht und gießen mit silbernen Kannen Wasser auf die Beete. Ich möchte sie nur ein einziges Mal sehen und den lieben Gott!‹ ›Das kann man nicht,‹ belehrte ich. ›Das kann man erst im Himmel. Komm, wir nehmen junge Brennessel mit heim für die Hasen. Man kann sie mit dem Taschentuch abrupfen.‹

»Angelika legte gehorsam mit Hand an und pflückte dann noch ein Sträußchen für die Mutter. Auf einmal tat sie einen lauten Ausruf des Entzückens. ›O, o, sieh nur,‹ rief sie. ›Lauter weiße und rosa und goldene Wölkchen am Himmel. Da wo er aufhört, es ist gar nicht weit! O, wenn wir nur geschwind hinlaufen könnten! Die Kätter hat gesagt, wenn es so aussehe, dann sei das Himmelsfenster offen und die Engelein sehen heraus!‹

»›Die Kätter versteht etwas rechtes davon,‹ sagte ich etwas brummig. Es war mir gar nicht wohl und ich wollte viel lieber nach Haus, als den Engelein nachlaufen, die man ja doch nicht finden konnte. Als ich das sagte, sah mich Angelika so eigen an, daß ich beinahe nachgegeben hätte. Aber dann sagte sie: ›Weißt du was, Hermännle, dann geh du voraus heim. Ich ~muß~ nur noch ein ganz kleines Weilchen zusehen. Siehst du, man sieht die Sonne gut noch! Und die Mutter hat gesagt, ich dürfe draußen bleiben, so lang die Sonne scheint!‹

»Ich wollte nicht gern allein nach Hause, aber ich fühlte mich immer übler und Angelika konnte ja schon noch eine Weile die farbigen Wölkchen ansehen. So ging ich richtig voraus. Als ich mich noch einmal umsah, stand sie immer noch am gleichen Fleck und sah regungslos in den Himmel hinein.«