Chapter 8 of 18 · 3972 words · ~20 min read

Part 8

Da konnte sie denn nicht auch noch eine aufheiternde Gefährtin sein. Den Dienstboten bescherte sie die für sie bestimmten Geschenke ohne rechte Festfeier im Saal; dann sah sie ab und zu in das Zimmer hinein, wo der kranke Erich lag, zog sich aber jedesmal wieder rasch zurück, denn da besorgte für jetzt noch Minna das Nötige. Morgen mußte eine Pflegerin her, das hatte sich Fräulein Weiß schon ausgedacht.

Alfred und Ella standen ein wenig verdrossen vor ihren prächtigen Sachen und hatten auch nicht recht Lust, all die Süßigkeiten zu versuchen, die in silbernen Körbchen auf dem Tisch standen. Sie hatten beide Heimweh, ohne daß sie es recht wußten.

Da wurde auf dem Vorplatz eine freundliche Stimme hörbar. »Wo habt ihr denn das arme Büblein?« fragte Tante Luise, die vom Nachbarhaus herübergekommen war, als sie durch eins der Dienstmädchen von Erichs Krankheit gehört hatte. Tante Luise war von früher her gut bekannt mit Fräulein Weiß. Nun wollte sie ihr ein wenig beistehen in dieser Sorgenzeit.

Ella öffnete neugierig die Türe und sah etwas erstaunt auf das fremde Fräulein. Aber Tante Luise war nicht so verlegen, wie ihre kleinen Neffen und Nichten den reichen Kindern gegenüber waren. Sie sah sogleich, um wieviel reicher und glücklicher die Kinder des kleinen Häuschens drüben waren, als die Kinder des reichen Hauses, die heute am Heiligabend allein und freudlos unter dem funkelnden Kronleuchter standen trotz der schönen Geschenke. Und in Tante Luisens Herzen wallte ein großes Mitleid auf.

»Darf ich zuerst ein bißchen zu euch hereinkommen?« sagte sie freundlich und trat in den Saal. »Habt ihr die Christbaumlichter schon wieder ausgelöscht?« fragte sie erstaunt. »Ach nein, was seh' ich, die haben ja noch gar nicht gebrannt!« fuhr sie lebhaft fort. »Das müssen wir noch nachholen. Ich glaub's wohl, daß niemand dazu Zeit hatte, und auch keine Lust. Aber so traurig wollen wir doch nicht sein am Heiligabend. Christtag ist's doch, wenn auch der arme Erich krank ist. Der liebe Gott macht ihn hoffentlich bald wieder gesund. Ich will ihn helfen pflegen. Und jetzt singen wir zuerst ein Weihnachtslied, das könnt ihr doch?« Während sie das sagte, hatte Tante Luise schon angefangen, an dem hohen Baum die Lichter anzustecken. Nun brannten sie hell und licht, wie das ja alle Christbaumlichter tun, und Tante Luise sah sich fragend um: »Wollt ihr nicht auch den Diener heraufrufen und den Kutscher und vielleicht die Köchin? Die würden gewiß auch gern mitsingen.« »O ja, das würden wir gern,« sagte hier auf einmal Franz, der Diener, der sich gerade am Ofen zu schaffen gemacht hatte. Und er ging schnell, die anderen zu holen. Das war jetzt doch auch noch ein fröhlicher Kreis, der sich um das Klavier sammelte, und es klang feierlich in die Nacht hinaus: »Halleluja, denn uns ist heut ein göttlich Kind geboren.« Fräulein Weiß hatte sich auch eingefunden. Und wenn sie auch einen Augenblick dachte, daß das eigentlich ihre Sache gewesen wäre, so fühlte sie sich doch ein wenig erleichtert. Alfred und Ella wußten nicht recht, wie ihnen geschah. Zuerst hatten sie gedacht, Tante Luise sehe etwas einfach aus, lange nicht so elegant wie Fräulein Weiß oder gar die Mama. Aber es tat ihnen doch wohl, daß sie so frisch und lebendig da hereinkam und für eine richtige Christfeier sorgte, so, als ob sie schon lange im Hause sei. Jetzt kamen ihnen auch die Gaben der Eltern wieder begehrenswert vor, da Tante Luise sie so aufrichtig bewunderte. Zwar wunderte es Ella ein wenig, daß diese so viel Aufhebens von einem goldgerahmten Bildchen, Maria mit dem Jesuskind auf dem Schoß darstellend, machte. Der Anzug war doch gewiß viel kostbarer. Aber das schien Tante Luise gar nicht zu bedenken. »Das Bildchen hängen wir nachher über deinem Bett auf, Ella,« sagte sie. »Dann kannst du dich immer daran freuen. Und auf einmal ist dann die Zeit da, wo deine Mutter wiederkommt, und dann kannst du es gerade so machen wie das Jesuskindlein auf dem Bilde. Wenn du auch ein bißchen groß bist für ein Schoßkindchen,« fügte sie lächelnd hinzu.

Ella schüttelte leise den Kopf. Das war doch wieder ein bißchen anders bei ihnen. Was wohl Mama gesagt hätte, wenn sie begehrt hätte, auf ihren Schoß zu sitzen? Aber das wußte ja Tante Luise nicht so genau. Sie kannte wohl nur das trauliche Familienleben in dem kleinen Häuschen drüben, wo die Mutter immer für alle zu haben war und sonst gar keine Pflichten hatte, als nur für ihre Lieben zu sorgen.

Alfred hatte den Gesang mit seiner Violine begleitet. Jetzt sagte er: »Wenn Sie mich begleiten würden, würde ich gern noch ein Weihnachtslied spielen. Ich kann schon manches.«

Es war ihm kaum schon einmal so erfreulich gewesen wie heute, daß er ein wenig Musik machen konnte. Denn in Gesellschaft durfte er ja noch nicht spielen, dazu hatte er noch nicht genug gelernt. Und im Lernzimmer oben waren nur die Geschwister und etwa Fräulein Weiß, und keins von ihnen hatte eine rechte Freude an seinem Spiel. Heute aber, wo er etwas zur Erhöhung der Festfreude beitragen konnte, machte ihn das stolz und glücklich. »So,« sagte Tante Luise, als der letzte Ton des Liedes »Stille Nacht, heilige Nacht« verklungen war, »nun will ich zu Erich gehen. Ich denke, ich bleibe die Nacht bei ihm. Seine Bescherung können wir erst später halten. Das könnt ihr beiden nun euch recht hübsch ausdenken.«

Das war nun alles völlig neu, sowohl für die Kinder als für Fräulein Weiß. Denn es war keines von ihnen daran gewöhnt, so einfach fröhlich zu sein, so ohne besondere Veranstaltungen sich zu freuen und festlich zu fühlen. Und auch das nicht, was Tante Luise zuletzt noch gesagt hatte, nämlich sich darauf zu besinnen, womit man einander erfreuen könne. Aber es war ihnen allen angenehm und wohltuend gewesen, so zu sein wie heute abend. Fräulein Weiß gab Ella sogar einen Kuß, als diese warm zugedeckt im Bett lag, und sagte zu ihr: »Was meinst du, wenn wir morgen nachmittag den großen Kochherd herunterholten und einmal tüchtig kochten?« Und Ella wollte gern und besann sich noch im Einschlafen auf das Fest.

Alfred hatte ein wunderliches Gefühl, als er allein in der Eltern Schlafzimmer trat, das er während Erichs Krankheit benützen sollte. Er war sich gar nicht mehr recht als Kind vorgekommen in letzter Zeit. Er wurde im Haus schon so viel als junger Herr behandelt, und alles, was kindlich war, hatte ihm langweilig geschienen. Aber er wußte nichts Rechtes, was ihn denn dafür hätte erfreuen können. Erich, ja der hatte Gefallen an Knabenspielen und allerlei lustigem Zeitvertreib, sei's auch nur mit dem Kutscher oder sogar mit Ella, dem empfindlichen Mädchen. Das kam Alfred immer ein wenig verächtlich vor. Und doch fiel es ihm noch hie und da ein, wie er einmal bei Hartmanns durch die zurückgeschobene Gardine gesehen hatte, wie die ganze Familie, sein Bruder Erich mitten darunter, sich um den Tisch geschart und das »Fuchs- und Hühnerspiel« um Nüsse eifrig betrieben hatte. Und wie ihn damals auch nach so etwas verlangt hatte, wenn er's auch nicht gestand. Als Erich damals nach Hause kam, hatte er ihn verhöhnt: »Willst du nicht lieber ganz da hinüberziehen, wenn dir das vornehm genug ist? Nüsse könntest du auch daheim haben und dann gleich mehr.«

Und Erich hatte nur erwidert: »Du weißt etwas Rechtes vom Vergnügtsein! Da sei nur ganz still davon.«

Das kam dem Alfred heute abend wieder in den Sinn. Es war wahr, er wußte etwas Rechtes vom Vergnügtsein! Und es stieg eine Sehnsucht in ihm auf, nach was, das wußte er selbst noch nicht so recht. Es ist nur gut, daß der liebe Gott besser weiß als die Menschenkinder, was ihnen fehlt. Er hatte jetzt auch Tante Luise herübergeschickt, damit man in dem reichen Hause erfahre, daß man ohne rechte Liebe und ohne die Zufriedenheit, die tief im Herzen wohnen muß, arm ist bei aller Pracht und Herrlichkeit.

* * * * *

Es war an einem stillen, dämmerigen Nachmittag. Draußen wirbelte der Schnee in der Luft umher und legte sich dann leise und sachte auf die Erde, wo schon eine dicke, weiche Decke davon lag. Drinnen im Krankenzimmer saß Tante Luise an Erichs Bett, hatte den Arm um den kleinen Buben geschlungen und plauderte mit ihm von allerlei, was ihm schon lang am Herzen lag. So schön hätte sich Erich das Kranksein gewiß nicht träumen lassen. Die schlimmsten Fiebertage waren glücklich überstanden, davon wußte er nicht mehr viel, wußte kaum noch, daß ein paar Nächte lang eine Diakonissin an seinem Bett gewaltet und ihn gepflegt hatte. Das konnte er sich eher noch denken, daß am Tag Fräulein Weiß und Tante Luise miteinander abgewechselt hatten, und daß letztere ihn allemal wieder wie ein kleines Kind in den Schlaf gesungen hatte. Aber jetzt, jetzt konnte es der Erich gar nicht schöner begehren, als er's schon hatte. Denn er mußte zwar noch ganz ruhig im Bett liegen, aber das wollte er ja gern tun, wenn er dazu die allerbeste, liebste Gesellschaft hatte, die man sich denken konnte. Denn Tante Luise hatte wirklich ihre schönen Vakanztage dazu hergegeben, den kleinen Burschen zu verpflegen, der sie doch eigentlich gar nichts anging, nur weil er sonst nicht viel Liebe um sich her hatte.

[Illustration]

Jetzt saß sie an seinem Bett, und Erich hielt ihre Hand fest, so, als wäre sie im Begriff, ihm gleich wieder zu entschlüpfen, und er müßte es mit seiner schwachen Kraft verhindern. Tante Luise dachte aber nicht ans Entschlüpfen. Sie hatte frische, rote Backen, denn sie war eben erst von einem Ausgang heimgekommen. Da sie der Ansteckung wegen nicht mehr zu ihren Angehörigen in das kleine Häuschen hinüber durfte, so hatten sie alle zusammen sich im Freien getroffen, am Saum eines kleinen Wäldchens in der Nähe der Stadt, wo die Kinder sich mit Schneeballwerfen belustigten und die die Großen in einer Schutzhütte miteinander plaudern konnten. »Und denk einmal, was wir für ein Genesungsfest ausgemacht haben!« erzählte Tante Luise, nachdem sie das alles berichtet hatte. »Weißt du, Alfred ist mein ganz guter Freund geworden und mit Ella ist das auch auf dem besten Wege. Da haben wir nun ein Fest geplant, zu dem wir alle Hartmannschen Kinder laden wollen. Das halten wir im Saal. Alfred will seine Laterna magica vorführen, so etwas haben die kleinen Buben noch nie gesehen. Und dann singe ich den Struwelpeter und Alfred geigt dazu. Natürlich gibt es dann auch etwas Gutes zu schnabulieren, und wir machen zusammen die hübschesten Spiele, die uns nur einfallen. Und zum Schluß zünden wir den Christbaum an. Denn das Christkind kommt dann erst noch zu dir. Es hat ja nicht herein dürfen,« setzte sie lachend hinzu.

»Aber ~du~, Tante Luise, gelt?« sagte Erich vergnügt. Es war jetzt alles und jedes ein Fest, und er wunderte sich kaum noch, daß Alfred es nicht zu langweilig und zu gewöhnlich fand, den kleinen Buben vom Nachbarhaus seine Herrlichkeiten vorzuführen.

Alfred hatte es ja nur nicht gewußt, wie man recht vergnügt sein könne. Und Erich war froh, daß nun jemand da war, um es ihm zu zeigen.

Er hatte aber noch viel auf dem Herzen, was heute besprochen werden mußte. So fing er sogleich wieder an:

»Wenn du nur immer dabliebest. Wenn du nur gar nie mehr in deine Schule müßtest. Du glaubst nicht, wie es bei uns ist. Dann sitzt Alfred mit seinem Buch am Tisch, und Ella gähnt hinter der Hand, weil sie Französisch lernen soll, und ich soll immer still sein und manierlich. Und Fräulein Weiß sagt dann jedesmal, wenn wir mit den Aufgaben fertig sind: ›So verdrießliche Kinder sind mir noch nie vorgekommen, wie ihr seid.‹« Tante Luise dachte einen Augenblick an die fröhliche Tafelrunde bei ihren Verwandten. Sie wußte wohl, wo es fehlte, daß es in dem reichen Hause niemals heiter zuging wie dort. Und sie konnte es nicht gut ertragen, wenn Kinder nicht so vergnügt waren, wie sie eigentlich sein konnten.

»Ja, da möchte ich freilich manchmal dabei sein,« sagte sie liebevoll. »Da möchte ich schon hie und da nachsehen, wo das fehlt. Aber weißt du, ich kann dir doch ein Mittelchen sagen, daß es nicht so unlustig bleibt bei euch, wie seither. Fang du selbst einmal an, dir immer etwas Schönes auszudenken, das nun anzufangen ist. Zum Beispiel, bis die Eltern heimkommen; da kann man sich schon wieder besinnen, womit man sie erfreuen will, daß sie merken, ihr habt an sie gedacht, solang sie so herumreisen mußten mitten im Winter.«

Erich horchte auf. Denn der Gedanke war ihm neu, daß es die Eltern am Ende freuen könne, wenn sie sähen, daß man an sie gedacht habe. Sie kamen ihm beide gar nicht recht eigen vor, so wie den Hartmannskindern Vater und Mutter. Und es dünkte ihn plötzlich ein Reichtum zu sein, daß er das auch habe.

»Und,« fuhr Tante Luise fort, »Fräulein Weiß kann man auch zeigen, daß es denn schon noch verdrießlichere Kinder gibt, als ihr seid. Übernächste Woche ist ihr Geburtstag. Da soll ihr Alfred ein hübsches Gedicht machen, und du kannst ihr ein auswendiggelerntes hersagen, und ein bekränzter Kuchen müßte mir her an deiner Stelle und allerlei kleine Geschenke. Das kann man alles so vergnüglich gestalten, daß immer wieder ein Fest kommt, ehe man sich's versieht. Merk dir's nur, man muß nur alle Leute lieb haben, die um einen herum sind, dann kann es gar nie langweilig sein, weil einem dann immer etwas einfällt, das man ihnen zu Gefallen tun kann.«

* * * * *

Es ist merkwürdig, aber es ist wahr: Ein liebevolles und fröhliches Gemüt ist wie ein Zauberstäbchen. Wen man damit berührt, der wird angesteckt. Und da Tante Luise allen Hausgenossen mit ihrem heiteren Wesen nahegekommen war, so fingen auch alle an, ihr ein wenig nachzustreben. Fräulein Weiß dachte immer: »Wenn ich auch so wäre, so wären gewiß alle vergnügter und ich mit.« Und sie bat den lieben Gott, sie auch so frisch und liebevoll zu machen. Und solche Bitten erhört er gern.

Wenn aber alle zusammenhelfen, so muß man sich nur wundern, wie schnell es anders wird im Haus.

Das Genesungsfest war gekommen. Die Frau Hofrat hatte gern erlaubt, daß die Kinder des Nachbarhauses eingeladen wurden. Denn sie war sehr froh, daß sie hörte, Erich habe die Krankheit so gut überstanden und Tante Luise habe ihn so gut gepflegt. Sie hatte nun allmählich auch Heimweh nach ihren Kindern. Fräulein Weiß hatte den sehr liebevollen Brief vorgelesen und gesagt: »So, nun können wir uns jeden Tag freuen, bis die Eltern kommen. Ich habe schon einen schönen Plan zum Empfang.« Denn Fräulein Weiß wollte jetzt nicht mehr warten, ob sich die Kinder von selbst freuten, sondern sie wollte ihnen den Weg dazu zeigen.

Nun war die Familie Hartmann da. Erich hatte schon lang mit verlangendem Blick nach der Tür gesehen. Nicht nur wegen seines Freundes Paul. Der hatte ihn schon einmal besucht und Alfred hatte nachher gesagt: »Der Hartmann ist erst noch ganz nett. Man kann schon etwas mit ihm anfangen.« Das war ein großes Zugeständnis. Aber heute wartete Erich noch auf jemand anderes, der erst ganz zuletzt kam. Das war die Mutter, die den Kleinen trug. Sie kam auch sogleich zu dem bleichen Erich her und sagte liebreich: »Gottlob, daß du wieder so weit bist. Und jetzt wollen wir uns recht freuen.« Auf diesen Augenblick hatte Erich gewartet, denn er trug den Brief von seiner Mutter in der Tasche und nun zeigte er ihn mit großem Stolz. Er hatte das Gefühl, als ob ihn diese glücklichen Leute ein wenig bemitleideten. Und das war ja nun nicht nötig, wenn doch seine Mutter auch Heimweh nach ihm hatte!

Jetzt war er erst recht imstand, das fröhliche Fest mitzugenießen. Vergnügtere Menschen hatte der elegante Saal wohl noch nie gesehen, soviele Gesellschaften schon darin gewesen waren. Heute kam die Fröhlichkeit recht von Herzen. Ella schloß große Freundschaft mit Mariele und sagte nur dazwischenhinein immer wieder: »O wenn ich nur auch so ein herziges Brüderlein hätte, wie dein Fritz ist. Das wäre mir dann schon noch lieber, als alle Puppen.« Und Mariele sagte ganz verständig darauf: »Ja, alles kann man auch nicht haben, sagte meine Mutter immer. Sonst fällt einem immer noch etwas ein und dann noch etwas. Und dann ist man erst nicht zufrieden.« Die Mutter mußte vor sich hin lachen, als sie dieses Zwiegespräch mit anhörte. Denn sie wußte gut, daß ihr Töchterlein manchmal gern getauscht hätte. Und sie wußte auch, daß alle großen und kleinen Leute von ihrem Vater im Himmel das bekommen, was gut für sie ist, und daß alle erst nach und nach lernen müssen, das allerbeste davon herauszufinden. Nämlich das, daß sie ganz getrost und zufrieden sein können, weil er für sie sorgt und sie lieb hat. Und die Leute, die das wissen, sind dann am reichsten von allen.

* * * * *

Nun möchte man gern noch erzählen, daß Mariele von nun an ganz zufrieden und fröhlich gewesen sei, trotz ihrer einfachen Kleider und trotz den engen niedrigen Stuben und den vielen kleinen Geschwistern.

Und daß die reichen Kinder von jetzt an ihre rechte Freude und Zufriedenheit darin gesucht hätten, einander Liebes und Gutes zu erweisen. Daß das Familienleben des großen Hauses nun so warm und innig geworden sei, wie das des kleinen.

Aber das geht nicht nur so.

Wenn ein Samenkörnlein anfängt zu treiben, so kommt zuerst ein zartes, hellgrünes Keimlein aus dem Boden. Und wer Augen dafür hat, der kann sich wohl daran freuen. Aber bis dann ein Halm hervorwächst und eine Ähre treibt, und die Ähre reif wird, das dauert noch lange.

Und bei den Menschenkindern muß man auch warten, bis die Samenkörnlein aufgehen und Liebe und Freude daraus hervorwachsen. Wer weiß, was aus Erichs Krankheitszeit für fröhliche Saat aufwächst in den jungen und alten Herzen? Das muß man jetzt erst abwarten.

Und wer weiß, was aus den schönen Liedern der Mutter und dem liebevollen Wesen der beiden Eltern und dem fröhlichen Gesicht der Tante Luise für ein Blumengärtlein treibt in dem kleinen Hause? Vielleicht erfahren wir's noch.

Und einstweilen wollen wir unser eigenes Gärtlein pflegen. Denn wir sind alle reicher, als wir wissen.

8. Gretels Ferientage.

Gretel stand im Hof hinter dem Haus, sah durch das Eisengitter in das trübe Gäßchen, das da vorbeiführte, und war beschäftigt, ihr rotes Zopfband immer wieder um den Finger und wieder herunterzuwickeln. Das war keine besonders vergnügliche Beschäftigung, es konnte einen nicht wundern, daß Gretel gar kein sehr heiteres Gesicht dazu machte. Sie hätte gern etwas anderes getan, wenn sie etwas gewußt hätte. Aber das war gerade das Traurige, daß ihr kein Mensch sagen konnte, was sie mit ihrem Vormittag beginnen sollte. Gretel hatte Schulferien, heute war der zweite Tag davon, und vier Wochen lang sollten sie dauern. Sie hatte sich schon lange auf diese Zeit gefreut und immer ausgerechnet, wie lang es noch sei, bis sie komme, und nun fing sie gar nicht schön an. Alle Leute im Haus hatten ihre Beschäftigung. Der Vater ging gleich nach dem Frühstück ins Kontor, Bruder Ernst gleichfalls; die Mutter war fast den ganzen Tag im Laden, bediente die Kunden und regierte die Ladenfräulein. Da hätte sich Gretel auch sehr gern aufgehalten, aber das war ihr verboten. Es war so nett, zuzuhören, was die Leute sagten, und zuzusehen, wie sie sich Stoffe vorlegen ließen, wie sie wählten und kauften. »Aber das ist kein Aufenthalt für Kinder,« sagten die Eltern, und dabei blieb es. In der Küche regierte die Christine. Es war alles hell und glänzend sauber darin, nur schade, daß Christine so bärbeißig war und für Gretels Wunsch, ihr manchmal ein bißchen Gesellschaft zu leisten, immer die gleiche Rede hatte: »Kann keine Kinder unter den Füßen herum haben, bin froh, wenn ich fertig werde.«

Dann war noch Lotte da, das Zimmermädchen. Die konnte ja nichts dagegen haben, wenn Gretel im Zimmer war. Aber heute war sie böse. Gretel hatte beim Aufräumen helfen wollen und dabei ein Glas vom Waschtisch zerbrochen und Wasser auf den frisch gewichsten Boden verschüttet. Und Lotte hatte gesagt: »Es gibt gewiß kein so unmüßiges, langweiliges Kind mehr, wie du eins bist. Wenn man so viel schöne Bücher hat und Spielsachen und so eine nette Häkelarbeit und es ist einem doch noch langweilig!«

Nun stand Gretel da und seufzte. Sie hatte ein gutes Vesperbrot neben sich liegen und ein neues Kleid an und ihre Backen waren rot und rund. Und doch kam sie sich ein wenig beklagenswert vor. Sie hatte wohl auch Freundinnen, aber die waren zum Teil verreist und zum Teil wohnten sie in einem ganz andern Stadtteil; zum Spielen zusammen kommen konnte man da nicht. Der Hausknecht ging vorbei, er hieß Frieder und war sonst ein ganz guter Freund von Gretel. Heute brummte er: »Du hast gewiß die große Papierschere verschleppt, Gretel. Man kann sie nirgends finden, und nun soll ich sie verräumt haben.« Gretel hatte die Schere nicht gehabt, und daß Frieder nun auch noch unfreundlich gegen sie war, machte sie nicht vergnügter. Und sie dachte im stillen, es sei noch lang nicht das Ärgste, in der dumpfen Schulstube zu sitzen. Dort wußte man wenigstens den ganzen Tag, was anfangen.

Da hörte sie auf einmal ein lautes, klägliches Geschrei. Es kam aus dem Gäßchen, das Gretel kaum je betrat, und in dem lauter alte, ärmliche Häuser standen. Ein kleines Geschwisterpaar kam aus dem nächsten Haus heraus. Es war ein Bube und ein Mädchen, und alle beide waren etwas schmierig anzusehen. Das Mädchen konnte etwa sechs Jahre alt sein und zog aus Leibeskräften das dreijährige Brüderlein hinter sich her, das auf krummen Beinen mühsam daher wackelte. Oben herunter schallte aus einem geöffneten Fenster eine scheltende Stimme: »Daß ihr mir nicht mehr unter die Augen kommt, bis ich euch rufe! Es ist ein Elend mit euch unnützen Dingern.«

Und dann fingen alle beide Kinder wieder an zu weinen und aufs Geratewohl in das Gäßchen hineinzulaufen. Gretel mußte genau hinsehen. Sonst hatte sie sich nie um die Bewohner des Gäßchens bekümmert; vorne lag ihr Elternhaus an einem schönen, freien Platz, wo in gelben Sandwegen unter grünen Büschen gut gekleidete Kinder spielten, und wo hübsche Häuser standen, deren Bewohner ganz anders aussahen, als die »Gäßlesleut«. Aber heute war das anders. Gretel wußte ja auch nicht recht, wo sie hingehörte, da konnte sie mitfühlen. Sie drängte ihr Gesicht dicht an das Gitter und fragte das Mädchen: »Warum weinet ihr alle zwei?« Die Kinder blieben erstaunt stehen. Der Kleine rieb sich mit beiden Fäusten die Tränen im Gesicht herum, und das Mädchen sagte: »Weil wir immer auf d' Gaß sollen, und mein Fritzle hat so Hunger und ich einen bösen Finger.« Das war viel Jammer auf einmal. Gretel vergaß ganz, Mitleid mit sich zu haben. Sie streckte ihr Butterbrot durchs Gitter hinaus. »Da,« sagte sie, »ich kann mir wieder eins holen. Wenn ihr wollet, dann könnet ihr ein wenig in den Hof herein kommen. Der Tyras tut euch nichts.« Der Tyras war ein großer Hofhund, der in seiner Hütte an der Kette lag und verdächtig damit rasselte. Aber Gretel gab ihm nur im Vorbeigehen einen kleinen Schlag auf den zottigen Kopf. »Sei fein still,« sagte sie, »sonst haben die armen Kinder Angst.« Dann ging sie und öffnete das Türchen. Merkwürdig, auf einmal kam es ihr wieder in den Sinn, wie viel Gutes sie habe. Da war das kleine Gärtchen, das an den Hof anstieß. Es war nicht sehr sonnig, und viel Blumen gab es auch nicht darin. Aber es hatte eine Laube, und darin stand ein Tisch mit einer Schublade voll alten Spielzeugs, das längst unbeachtet dalag. Dorthin zog sie ihre Schützlinge. Fritz hatte längst seine Tränen getrocknet und sah mit großen Augen auf die neue Herrlichkeit. Gretel gab ihm einen Haufen farbiger Bauklötzchen und rückte ihm ein Kistchen vor die Bank hin. »Da, nun baust du einen Turm,« sagte sie. »Vorher kannst du noch das Butterbrot essen.« Das ließ sich der kleine Bursche nicht zweimal sagen. Das Mädchen hieß Sofie. Es sah fröhlich zu, wie der Kleine in sein Brot einbiß und wickelte daneben die Schürze um den entzündeten Finger.