Part 1
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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
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Venne Richerdes
Roman aus der Geschichte Goslars
von
Hermann Kassebaum
[Illustration]
Berlin 1925 Verlag von Martin Warneck
Alle Rechte vorbehalten
+Copyright 1925 by Martin Warneck, Berlin+
Herrosé & Ziemsen GmbH., Wittenberg (Bez. Halle).
Meiner lieben Heimatstadt Goslar
Erstes Buch
Die welschen Studenten nannten die beiden blonden Jünglinge insgemein ›+li gemini+‹, die Zwillinge. Halb war es Spott, halb Neid, der aus diesem Beinamen erklang. Besser noch trafen es die Bologneser Schönen, die den dritten, den braunlockigen Gottfried Kristaller, aus dem Bistum Straßburg gebürtig, in ihren Scherz mit einschlossen und die drei die ›Unzertrennlichen‹, ›+li inseparabili+‹, tauften. Hinter dem vorgehaltenen Fächer, hinter dem wohlverwahrten Fenster klang es immer wieder: ›+Li inseparabili+‹, wenn die drei Deutschen auftauchten oder vorübergingen.
Seit geraumer Zeit schon weilten sie auf Bolognas Hoher Schule, um dem Studium der Rechte obzuliegen, das hier nach wie vor seine vornehmste Pflegestätte hatte. Der Älteste von ihnen, Johannes Hardt, war der Semester vier hier, sein Vetter Heinrich Achtermann, gleich ihm in der alten Kaiserstadt Goslar am Fuße des Harzes daheim, kam vor mehr als Jahresfrist über die Alpen gezogen, und der dritte, Gottfried Kristaller, hielt die Mitte zwischen ihnen, was die Zeit des Studiums an der welschen Universität betraf.
Jetzt waren sie alle drei bereit, Bologna zu verlassen. Johannes hatte sein Ziel erreicht, denn er war unlängst zum Doktor der Rechte promoviert worden. Heinrich wollte mit ihm ziehen, weil es so geplant war und weil ihm der Zweck seines Aufenthaltes im Auslande erreicht zu sein schien, nämlich sich in der Welt umzusehen und sich dabei ein wenn auch bescheidenes Maß von juristischen Kenntnissen anzueignen, das ihm für die Ratsherrnstelle in Goslar, die ihm nach Geburt und Herkommen sicher war, nicht schaden würde und ihm auch für seine demnächstige Beschäftigung in dem umfangreichen Handelsgeschäfte seines Vaters, des Rats- und Kaufherrn Heinrich Achtermann, nur förderlich sein konnte. Und Gottfried endlich schied, weil er es ohne die Gesellen in Bologna fürder nicht glaubte aushalten zu können.
Die Abreise war beschlossen, der Tag dazu festgesetzt, der die Unzertrennlichen scheiden würde. Die beiden Goslarer wollten den kürzesten Weg in die Heimat einschlagen, den über den Brenner, während Gottfried Kristaller die Reise über Mailand und den Gotthardt wählte, um so gleichfalls möglichst schnell nach Straßburg zu gelangen.
Das bessere Teil fiel dabei Heinrich und Johannes zu, denn ihnen erblühte mit dem in Aussicht genommenen Wege das Glück, in anmutiger Gesellschaft bis in die Heimat zusammenreisen zu können. Es waren die Damen von Walldorf, des Feldobristen von Walldorf zu Braunschweig Ehegemahl und seine liebreizende und lebensfrische Tochter Richenza.
Man lernte die Damen in dem gastlichen Hause des Professors von Wendelin kennen, der am +Collegium germanicum+ der welschen Universität die Rechte lehrte. Bologna genoß, wie schon angedeutet, dermalen noch den Ruf, die berühmteste Rechtsschule der Welt in seinen Mauern zu beherbergen, und die meisten Nationen, so auch das Deutsche Reich, unterhielten dort Akademien, die der Universität angeschlossen waren.
Professor Hieronymus von Wendelin weilte seit fast 30 Jahren als berühmter Lehrer in Bologna, und zu seinen Füßen hatte Johannes seit mehr als zwei Jahren gesessen.
Auch die Freunde verdankten, was sie an geistiger Nahrung dort genossen, in vornehmster Weise Wendelin. Viel war das freilich bei Gottfried Kristaller nicht, und noch weniger hatte sich Heinrich Achtermann mit der trockenen Rechtswissenschaft den Magen verdorben. Er war Studierens halber in Italien, in Bologna seinetwegen, aber das Studium beschränkte sich nach seiner Ansicht nicht darauf, den spröden Stoff des römischen und kirchlichen Rechts zu zergliedern, wie es Wendelin und andere gelehrte Herren versuchten, sondern für ihn schloß es auch das Studieren von Land und Leuten in sich, und unter diesen wieder nahmen die Frauen sein Hauptaugenmerk in Anspruch, die ~schönen~, wie sich versteht. Und so beharrlich schaute er den liebreizenden Bologneserinnen in die glänzenden Augen, bis die Besitzerinnen, was freilich nicht oft geschah, verwirrt die dunklen Wimpern über die leuchtenden Sterne herabsenkten oder er erforscht zu haben glaubte, was auf ihrem tiefsten Grunde an Geheimnissen und Seelenregungen geschrieben stand.
Gottfried Kristaller, der leichtlebige, bewegliche Alemanne, suchte es ihm darin gleichzutun. Was er an Wissen mit sich nahm, drückte ihn gewiß nicht nieder; aber er hoffte, die Lücken in seinen Kenntnissen daheim, in der gleichförmigen Ruhe des Vaterhauses bald ausfüllen zu können. So ergab es sich, daß er und Heinrich Achtermann in Wahrheit die Unzertrennlichen waren. Gemeinsam durchtollten sie die Nächte, gemeinsam verübten sie ihre losen Streiche, von denen dieser oder jener sie in nicht unbedenkliche Händel zu verwickeln drohte. Aber ihr unverwüstlicher Frohsinn half ihnen über alle Schwierigkeiten hinweg, und vor dem Freimut, mit dem sie ihre Sünden bekannten, glättete sich auch die düsterste Stirn.
Nur selten eilten Heinrichs Gedanken in die ferne Heimat. Und was vor ihm alsdann auftauchte an altmodischer Tracht und Sitte im Vaterhause, vermochte ihn nicht lange zu fesseln. Er kehrte immer wieder schnell in die Wirklichkeit zurück, die ihn lachend und schmeichelnd umgab. Daheim lebte ihm der würdige Vater, immer und allerorts bestrebt, seiner Stellung als Ratsherr und Patrizier nichts zu vergeben, ihn, den Sohn und Erben, schon jetzt immer ermahnend, auf seinen künftigen Rang Rücksicht zu nehmen. Dort waltete die Mutter, die in ähnlicher Fürsorge an ihm arbeitete. Dort war alles auf die Form, auf den Anstand zugeschnitten, hier aber umgab ihn das lachende, sorglose Leben der Italiener, die in heiterer Ungebundenheit jeder Regung des Herzens unverhüllt und ungeschmält Ausdruck verleihen durften. Wäre es nach ihm allein gegangen, er hätte das sonnige Land noch länger zu seiner Heimat erwählt.
Auch eine Schwester war ihm beschieden, nur wenig jünger als er und im Wesen ihm nicht unähnlich. Aber die beiderseitige Lebhaftigkeit trug nur dazu bei, daß sie sich nach Geschwisterart ständig in den Haaren lagen, ohne daß eigentlich ernstliche Zerwürfnisse zwischen ihnen vorkamen. Doch Heinrichs Bedürfnis, zu necken und zu hänseln, erregte immer wieder den hellen Zorn des Schwesterleins, namentlich, wenn er es sich einfallen ließ, in ihr Zimmer zu kommen, während Freundinnen zu Besuch da waren. Drang er alsdann unbefugterweise ein, so konnte man darauf wetten, daß sein Abzug zuletzt ein unfreiwilliger war, der unter Schelten der Mädchen vor sich ging. Ihn aber focht das nicht weiter an, und noch heute gedachte er mit Schmunzeln der mancherlei Szenen, die es dabei gegeben hatte. Am lebhaftesten stand ihm die letzte vor Augen, die sich kurz vor seiner Abreise abspielte. Und auch die Gestalt der Freundin, um die es sich dabei handelte, war ihm in aller Lebendigkeit gewärtig.
Ein eigenartiges Mädchen, diese Venne Richerdes, wie sie ihm in der Erinnerung vorschwebte, lang aufgeschossen und noch ohne jede Rundung in den Formen. Weshalb gerade diese ihm besonders vor Augen stand, hätte er selbst nicht zu sagen vermocht. Vielleicht entwickelte sich das junge Ding noch einmal zu einer annehmbaren Mädchengestalt. Vorab aber fiel sie nur auf durch ihr sprödes, zurückhaltendes Wesen, das nicht selten sich in schroffen Meinungsäußerungen gefiel, besonders wenn sie mit seinesgleichen zusammengeriet.
Doch, eins hob sie aus dem Rahmen der übrigen hervor, das war die unnachahmliche Haltung des Kopfes mit dem wundervollen Rund der Zöpfe, die sich wie eine Krone um das Haupt legten, und dann das Spiel der Augen. Diese Augen, in deren unergründlicher Tiefe jetzt verhaltene Wehmut schlummerte, jetzt schalkhafte Teufelchen ihr Wesen zu treiben schienen und die in Augenblicken der Erregung flimmernde Blitze zu sprühen begannen. Ihm selbst war aus ihnen auch oft der Zornteufel entgegengefahren, wenn er sich nach seiner Art mit irgendeiner ihrer kleinen Eigenheiten beschäftigte. Selbst der Abschied von ihr verlief als ein solches Gewitter. Ja, zum Abschiednehmen kam es eigentlich gar nicht; denn als er sie am Tage vor seiner Abreise zufällig bei der Schwester traf, trat die zornige Spannung in ihrem Gesicht von Minute zu Minute deutlicher hervor. Die Schwester suchte ihn, wie so oft schon, auf schickliche Weise, hinauszubugsieren; aber in seiner behaglichen Dickfelligkeit pflanzte er sich nun erst recht breit in einen Sessel. Als das Gespräch zwischen den beiden Mädchen einen Augenblick stockte, suchte er es durch eine seiner gewöhnlichen Neckereien wieder in Fluß zu bringen. Noch schwieg die kampfbereite Venne, doch in ihren Augen wetterleuchtete es unheilverkündend, wie er mit innerer Freude feststellte. Nun bedurfte es nur noch geringer Mühe: hierhin einen kleinen Stich und dort einen Hieb, da war die Entladung da. Noch ein Wort, und Venne sprang auf und eilte zur Tür, ohne ihn eines Wortes zu würdigen; nur ein funkelnder Blick traf ihn dort noch, vor dem er sich, wäre er weniger dickfellig gewesen, hätte verkriechen sollen.
Der Erfolg verblüffte selbst ihn: Teufel auch, war das eine hitzige Kröte! Und nun setzte noch das Schmälen und Schelten der Schwester ein, daß er alle ihre Freundinnen weggraule. Es endigte zuletzt damit, daß sie ihn wutentbrannt aus dem Zimmer jagte. Er ging in dem nicht sehr behaglichen Gefühl, daß er vielleicht doch etwas zu weit gegangen sei, und es tat ihm halbwegs leid, daß sein Abschied von diesem Mädchen, das ihn durch ihre Eigenart immer wieder anzog, sich in so unfreundlicher Weise vollzogen hatte und daß sie seiner vielleicht mit Groll gedenke; denn Heinrich Achtermann war ein durchaus gutmütiger Gesell, dem es nicht entfernt beikam, einem Menschen absichtlich Unrecht zuzufügen.
Heute freilich lächelte er in der Erinnerung an jene dramatische Szene: Wetter noch einmal, hatte das Ding Temperament! -- Wie mochte sie sich übrigens wohl inzwischen entwickelt haben? Ob sie seiner noch immer in unauslöschlichem Groll gedachte! -- Da kehrten seine Gedanken in die Umwelt zurück und fanden sogleich das Ziel seiner Sehnsucht und Wünsche von heute, Richenza von Walldorf.
Ja, die wenigen Wochen ihres Aufenthaltes im Hause der Wendelins und der rege Verkehr mit den Damen hatte genügt, um sein Herz lichterloh für die schöne Tochter des Obristen brennen zu lassen. Vergessen waren die liebreizenden Bologneserinnen, verdrängt von der lebensfrischen, sprudelnden Nichte des Professors.
Sie war zur Zeit unbeschränkte Alleinherrscherin in seinem Herzen. Auch die Freunde merkten seinen Gemütszustand und ließen es an harmlosen Neckereien nicht fehlen. Daß die kluge Richenza allein die Verheerung nicht erkannt hätte, die sie angerichtet, war kaum zu glauben. Sie ließ sich die Huldigungen des stattlichen Jünglings gern gefallen. Freilich besorgte sie nicht, daß er dauernd seinen Seelenfrieden an sie verlieren werde; denn die gelegentlichen Äußerungen der Freunde verrieten ihr, daß sie nicht die erste Rose sei, die er zu pflücken begehre. Über ihre eigenen Gefühle war sie sich nicht ganz im klaren, aber sie traute sich die Zurückhaltung zu, die gegebenenfalls, auch während der engeren Berührung, wie sie die gemeinsame Heimreise notwendig bringen mußte, eine Schranke festhalten würde, um ein allzu ungestümes Werben zu verhindern. Jetzt sahen sie sich täglich, ja die letzten Tage, seit die Studenten ihrer Verpflichtungen gegen die Universität überhoben waren, mehrmals am Tage, nachmittags bei gemeinsamen Spaziergängen, abends im Hause der Wendelins.
Ein besonderer Anlaß hatte die Walldorfschen Damen nach Italien geführt. Daheim lag das Brüderlein an langem Siechtum darnieder. Keine ärztliche Kunst konnte ihm Heilung bringen. Da riet der ihnen befreundete Prior eines Klosters der frommen Mutter, sie solle eine Wallfahrt nach Rom unternehmen, um den Segen des Papstes und die mächtige Fürbitte der Heiligen zu gewinnen. Der Vater, der rauhe Kriegsmann, murrte und sprach von pfäffischem Firlefanz, aber die Mutter ließ sich nicht beirren und brach mit der Tochter auf.
Rom lag hinter ihnen, und ihre Herzen waren voll froher Hoffnung; denn nicht nur hatten sie sich die Fürsprache im Himmel gesichert, sondern sie brachten auch die Vorschriften eines berühmten Arztes mit, von dessen Heilkunst sie in Rom erfuhren. Nach genauer Erkundigung über die Art des Leidens gab er ihnen seinen ärztlichen Rat mit auf den Weg.
Angesichts der Beschwerden der Reise war es für die Damen eine große Erleichterung, daß sie in den Wendelins Verwandte fanden, die ihnen auf der Hin-, wie auf der Rückreise gern Gastfreundschaft erwiesen. Dieser Aufenthalt bei dem berühmten Rechtsgelehrten, den sie, besonders Richenza, bisher kaum mehr als dem Namen nach gekannt hatten, bot ihnen nicht nur willkommene Rast, sondern zwischen der Tochter des Hauses, der lieblichen Gisela, und Richenza war eine aufrichtige Freundschaft und eine fast schwesterliche Liebe aufgeblüht.
Lag, als sie nach Rom wollten, noch die Sorge um den Sohn und Bruder wie ein Druck auf ihnen, so gab sich Richenza jetzt mit der ungebundenen Fröhlichkeit, die ein Grundzug ihres Wesens war. In den jungen Deutschen, die im Hause Wendelin ein und aus gingen, fand sie das willkommene Gegenstück zu ihrem eigenen Frohsinn, und Heinrich Achtermann wie Gottfried Kristaller waren immer bereit, auf ihre tausend Neckereien und Scherze einzugehen, während Johannes mehr zu der stilleren Gisela stand.
Die Aussicht, mit den beiden Goslarern die Heimreise antreten zu können, erfüllte Richenza mit heller Freude; denn auf die Dauer war von der frommen Mutter und dem bewährten Diener, den sie mitgebracht hatten, nicht allzuviel Kurzweil zu erwarten. Man beredete alle Einzelheiten der Fahrt, und der Tag der Abreise stand fest, da wurden ihre Pläne noch im letzten Augenblick über den Haufen geworfen.
Heinrich und Johannes wohnten in einem Hause der Karmelitergasse. Die Verbindung mit der Heimat war während ihres Aufenthaltes in der Fremde nicht allzu eng gewesen, ein Schreiben hin und her im Jahre oder deren zwei, das erschien beiden Teilen ausreichend, um sich von dem gegenseitigen Wohlergehen unterrichtet zu halten. Um so größer daher das Staunen, als Heinrich Achtermann kurz vor der Abreise noch einen Brief des Vaters ausgehändigt erhielt, der den letzten Teil seines Weges, von Trient ab, sogar mit besonderem Boten befördert worden war, da der Wagenzug der Kaufleute, die bis dahin den freundwilligen Beförderer abgegeben hatten, linksab, ins Val Sugano, einbog, um nach Venedig zu gelangen. Heinrich erbrach das Siegel voller Erregung, denn er ahnte, daß in dem Briefe Ungewöhnliches stehen werde. Kaum hatte er ihn durchflogen, da eilte er auch schon zu Johannes und pochte ungestüm an das noch verschlossene Zimmer.
»Auf, Langschläfer, mach' auf!« Und als der drinnen etwas von »Ruhestörer« murrte, rief er noch dringlicher: »Eile Dich, wichtige Nachricht von daheim!«
Da öffnete Johannes, der erst notdürftig bekleidet war, die Tür, und schon sprudelte ihm Heinrich die Neuigkeit entgegen.
»So lies doch, Mensch, lies doch«, drängte er, fuchtelte dabei aber mit dem Schreiben umher. Ruhig nahm es ihm Johannes aus der Hand und schickte sich an zu lesen, doch schon unterbrach ihn der Freund wieder: »Denk' doch, unser ganzer Reiseplan ist über den Haufen geworfen; nach Mailand sollen wir, über den Gotthardt, mit dem Ernesti ziehen!«
Etwas unwillig wehrte ihn Johannes ab: »Soll ich nun lesen, oder willst Du erzählen?«
Da ließ jener von ihm ab, konnte sich aber nicht enthalten, über dem Lesen immer wieder einen kleinen Fluch oder ein erregtes »Was sagst Du dazu?« einzuschalten. Johannes ließ sich indes nicht beirren, sondern las den Brief mit aller Gründlichkeit, und als er am Ende war, begann er noch einmal. Aber wiederum vermochte er nichts anderes herauszudeuten, als was er schon zum ersten Male gelesen.
Also schrieb aber der Vater und Ratsherr Heinrich Achtermann zu Goslar an seinen Sohn Heinrich:
»... demnach wir darauff gefaßt seyn undt erwarten, daß Deine Rückkehr, viellieber Sohn, sich noch umb mehreres verzögern werde, wasmaßen wir wünschen müssen, daß Du, ohngeachtet der größeren Strapazen undt Fatiguen, von Bologna den Weg uber Mediolanum, welches man jetzo heyßet Maylant, undt weyter uber den Sankt Gotthardtsperg wählen mögest, weyl Du in obgemeldeter Statt zum Anfang octobris den wohledlen undt wohlachtbaren Herrn Henricus Ernesti würst treffen, als welcher, nähmlich Herr Henricus Ernesti, dem hohen Rahte der Statt Goslar günstige Bottschaft von der römischen Curia, auch des Papstes Heyligkeyt zu erlangen beauftraget undt gewillt ist.
Obzwar nun vorbemeldeter Herr Henricus Ernesti unß solche Bottschaft +in persona+ zu uberbringen bereyt, auch gehalten ist, er unß aber bittet, ihn vors erste davon zu befreyen, sintemalen er noch in denen hollandtschen Stätten zu weylen obligieret sey, haben wir unß dahin resolvieret, daß Du, viellieber Sohn, die obgemeldete Bottschaft uns, +sigillo+ wohl verwahret, unversehret uberbringen mögest, undt seyn wir gewärtig, daß Du Dich der hohen Ehre, so Dir damit widerfähret, würst wohl gewachsen zeygen. Tun Dir auch zu wissen, daß es des Herrn Doctor Rudolpfus Hardt, als des Vaters Deynes Freundes undt Gesellen Johannes Hardt, Wille undt Befehl ist, selbiger möge Dir das Geleyt geben auf der Reyse gen Maylant zum Herrn Henricus Ernesti. Auch verhoffen wir, daß Ihr alle Fährlichkeyten der Fahrt möget wohl bestehen undt bey unß in Gesundtheyt werdet eyntreffen ...« Also schrieb der Ratsherr Achtermann an seinen Sohn Heinrich unter dem 25. Juni des Jahres 1515.
Johannes rieb sich die Stirn: Das warf ihre Reisepläne allerdings gründlich über den Haufen! Ihm selbst machte es ja schließlich nicht viel aus, ob er einige Monate früher oder später in Goslar eintraf, und da ihm Gelegenheit geboten wurde, das mächtige Handelszentrum Mailand zu sehen, wie die Schweiz und den Rhein, so sagte ihm die Änderung von Minute zu Minute mehr zu. Aber er verstand den Groll Heinrichs ebensosehr, kam dieser doch um die Möglichkeit, mit seiner neuen Herzenskönigin, der schönen Richenza, noch länger zusammenzusein.
Natürlich mußte auch Gottfried Kristaller sogleich von der veränderten Lage unterrichtet werden! Sie fanden ihn beim Frühstück. Er gewann der Sache sofort die beste Seite ab. »Aber das ist ja herrlich, prächtig, ihr Leute«, rief er begeistert. »Da reisen wir ja zusammen, und ich kann Euch unser altes, liebes Straßburg zeigen.«
»Du hast gut reden«, murrte Heinrich. »Dir mag es gelegen kommen, aber mir verdirbt es die ganze Rechnung.«
»Ach ja, ich verstehe,« schaltete Gottfried gutmütig lachend ein, »Du meinst, nun geht Dir das trauliche Zusammensein mit Richenza Walldorf verloren. Herzliches Beileid! Aber ich schaffe Dir Ersatz in unsern schönen Straßburgerinnen.«
»Geh mir mit Deinen Dummheiten. Was gehen mich Deine Straßburger Gänschen an!« grollte er. »Oho,« zürnte da Gottfried, dem der Schelm im Nacken saß, »das laß nur mein Schwesterlein hören! Gerade ihr wollte ich Dich präsentieren, von den noch schöneren Bäschen und Freundinnen ganz zu schweigen. Doch wenn Du nicht willst, so habe ich noch ein anderes Lockmittel: Unsern Wein wirst Du nicht verschmähen, und der wird Deine Lebensgeister schon wieder heben. Erst wird gehörig Rast im alten Straßburg gehalten, und dann mögt Ihr zu Euren Hyperboräern heimziehen. Mich friert jetzt schon, denke ich nur an Eure Eiswüsten da oben im Norden!«
Da mischte sich Johannes ins Wort. »Nun gebt einmal Ruhe, Ihr Streithähne, und laßt uns überlegen, was zunächst zu tun ist. Ich meine, vor allem müssen wir die Walldorfschen Damen von der Neuigkeit unterrichten.« Und das geschah denn auch.
Man war natürlich im Hause Wendelin nicht weniger überrascht, und besonders Richenza tat unzufrieden, daß die schönen Pläne ins Wasser fielen. Aber es zeigte sich doch, daß die Wunde, die ihrem Herzen geschlagen war, nicht allzu tief ging. Während die Mutter noch klagte, daß sie nun der angenehmen Begleitung und des Schutzes verlustig gingen, fand Richenza schon wieder ein munteres Wort. »Ei, so müssen wir uns also des Wiedersehens daheim getrösten, in Goslar oder in Braunschweig. Und nun wollen wir nicht länger Kopfhänger sein«, schloß sie herzhaft. »Die Tage schwinden schnell dahin, die uns noch bleiben. ›+Carpe diem+‹, heißt's nicht so, Ihr gelehrten Herren? Ich hörte es immer vom Oheim in Braunschweig, wenn ihm die Schaffnerin noch heimlich eine Flasche des guten Weines holen mußte, ohne daß es die Gattin sah. Also ans Werk, das heißt: Was wollen wir heute noch unternehmen?«
Die Auswahl war nicht groß in Bologna. Die dumpfen, glutheißen Straßen der Stadt boten kaum des Abends Erholung, und die Elemente, welche sie alsdann belebten, waren, wie andererorts, kein Anreiz für Damen. Es blieben nur die Uferwaldungen am nahen Reno übrig, dessen schattige Gänge man also am Spätnachmittage aufsuchen wollte. Der Fluß selbst war, wie die meisten Wasserläufe, die der Apennin speist, jetzt zu einem dünnen Rinnsal zusammengeschrumpft.
Der Schicklichkeit halber begleitete Donna Wendelin, die Mutter Giselas, die Ausflügler, obwohl diese lieber unter sich gewesen wären. Dem guten Gottfried fiel die Ehre zu, die Dame zu führen. Er machte zuerst ein etwas sauersüßes Gesicht, doch er fand sich bald mit Anstand in seine Würde, zumal er wußte, daß er den Freunden, mindestens Heinrich Achtermann, einen Gefallen erwies. Auch war Frau von Wendelin noch eine sehr hübsche Frau zu nennen, der man die erwachsene Tochter nicht ansah. Gottfried spielte seine Rolle als galanter Ritter so anmutig und war so unerschöpflich in seinen drolligen Einfällen, daß Frau von Wendelin aus dem Lachen nicht herauskam.
Die beiden anderen Paare gingen bald langsamer, bald schneller und beredeten, was ihnen am Herzen lag. Heinrichs Ungestüm drängte immer wieder zu einem entscheidenden Wort, aber Richenza hielt ihn mit ebensoviel Anmut wie Geschicklichkeit in Schranken. Als er dann doch von seiner Liebe zu reden begann, unterbrach sie ihn schelmisch lächelnd, wie wohl auch ihr bei seinen Worten ums Herz war.
»Ich bitte Euch, sprecht nicht weiter. Wir wollen den Tag nicht durch so ernste Dinge belasten. Ihr seid mir gut, das will ich glauben, wenngleich ...« -- Heinrich wollte beteuern, da fuhr sie heiter fort: »Um Gottes willen, nur nicht auch noch einen schweren Eid bei dieser schrecklichen Hitze; ich will's Euch glauben, auch unbeschworen. Doch im Ernst, wir wollen jetzt vernünftig sein. Laßt erst einmal die Reise zwischen unserer jungen Freundschaft liegen, dann mag's sich erweisen. Übrigens wird auch mein Herr Vater noch ein Wort mitreden wollen, ein gar gestrenger Herr!« -- Die Schelmin wußte, daß sie den Vater bisher immer noch dahin brachte, wohin sie ihn haben wollte, und sie verschwieg auch, daß just in diesem Augenblick das hübsche Gesicht eines Vetters von daheim vor ihr auftauchte, der ihr seine Neigung mit noch heißeren Worten kundgetan hatte, ohne daß sie auch darüber gerade ungehalten gewesen wäre.
Seufzend ergab sich Heinrich in sein Schicksal und machte ein so betrübtes Gesicht, daß die muntere Richenza hellauf lachte. »Um Gott, nicht diese Leichenbittermiene. Ich verschwöre es ja nicht, Euch später anzuhören, nur Geduld sollt Ihr haben. Vielleicht sehen wir uns demnächst in Braunschweig wieder, und vielleicht müßt ihr mich dort im edlen Wettbewerb mit andern zu erringen suchen, die auch mich garstige Person ins Auge gefaßt haben. Ich freue mich schon jetzt auf die Rolle der minniglichen Richterin über euch.« Das war wieder ganz der Schelm Richenza, und nun fand sich auch Heinrich wieder.
Währenddessen gingen Gisela und Johannes miteinander. Ihr Gespräch floß nicht so leicht dahin wie das der Übrigen. Namentlich Gisela wollte bisweilen, wie es schien, das Wort versagen.
Sie waren in der langen Zeit, seit Johannes in Bologna weilte, in ein fast kameradschaftliches Verhältnis zueinander gekommen. Als der junge Student vor nunmehr mehr als zwei Jahren ankam, brachte er die Grüße und Empfehlungen seines Vaters mit, der, jetzt ein gesuchter Arzt in Goslar, einst mit dem Professor von Wendelin in Leipzig zusammen studiert und Freundschaft gehalten hatte. Diese alte Bekanntschaft öffnete Johannes sogleich das Haus der Wendelins, und er ging dort bald wie ein Sohn ein und aus.
Die Studenten des +Collegium germanicum+ hielten gleich denen der andern Nationen eng zusammen, und die Professoren, zumeist Deutsche, wie Herr von Wendelin, stützten diesen Zusammenschluß dadurch, daß sie die jungen Leute an sich zogen, blieb ihnen doch selbst die Verbindung mit der alten Heimat erhalten.
Nicht alle die wilden Gesellen jener Zeit der Scholaren und Vaganten vermochten sich im Zaum zu halten. Aber die Gutgearteten unter ihnen und die aus gesitteten Familien waren doch froh, daß sich ihnen hier im fernen Welschland ein Haus auftat, in dem deutsche Laute erklangen und deutsche Art gepflegt wurde. Auch die rohen Elemente vergaßen selten eine Wohltat, die ihnen von den Professoren erwiesen wurde. Und Herr von Wendelin hatte sich in dieser Hinsicht in mehr als einem Herzen ein Denkmal der Dankbarkeit gesetzt.