Chapter 10 of 18 · 3957 words · ~20 min read

Part 10

Aus der kleinen Siedlung, die der Herzog Bruno zur Zeit der Karolinger gegründet haben sollte, war ein mächtiges und volkreiches Menschenzentrum geworden. Die große Heerstraße, die nördlich des Harzes und hart am Südrande der menschenleeren, unwirtlichen Lüneburger Heide das Deutsche Reich von Westen nach Osten durchzog, wie die Wege nordwärts zu den Handelsplätzen der Nord- und Ostsee schrieben ihr die Rolle vor, die sie zu spielen berufen war. Der Anschluß an die Hansa, deren Quartierstadt im niedersächsischen Kreise sie bald wurde, hob ihr Ansehen und ihre Schönheit.

Mit Goslar, zu dem es viele Handelsbeziehungen unterhielt, verbanden es freundnachbarliche Bande, die um so enger wurden, je mehr der Ärger des Herzogs auf sie selbst und sein Neid auf die reiche Stadt am Harz, ihr Bergwerk und ihre Forsten offenbar wurde und gleiche Gefahr für beide kündete.

Der Reichtum seiner Bürger war fast sprichwörtlich geworden, und sie steuerten davon gern und willig nach den Schatzungen ihres Rates, um die Selbständigkeit der Stadt zu sichern. Wohl ausgestattete Arsenale, eine stattliche Zahl von Söldnern unter kriegserprobten Offizieren, denen im Falle der Not die wehrhafte Bürgerschaft sich noch zugesellte, hatte sie befähigt, den Herzögen auch im offenen Felde mehr als einmal standzuhalten.

Groß war die Zahl seiner Einwohner, zu groß fast für die Enge der Mauern und die Erwerbsmöglichkeit. Daher zogen viele seiner Söhne hinaus in die Fremde, um als tapfere Landsknechte Beute und Reichtümer zu erwerben. Ganze Fähnlein marschierten aus den Toren, unter heimischen Hauptleuten. Viele gingen in den Wirren und Kämpfen auf den Kriegsschauplätzen in aller Herren Länder zugrunde. Manche kehrten zurück nach einem Leben der Wanderung und Mühsal, um in der Heimat, fern dem Kampfeslärm, ihre Wunden zu heilen und der Ruhe zu pflegen; wenige nur unter ihnen sahen ihre Träume erfüllt.

Von den Offizieren stieg mancher zu hohem Ansehen. Der Name ›Braunschweigischer Hauptmann‹ hatte draußen einen guten Klang. Mehr als einer von ihnen führte ein Regiment oder war gar zum General aufgerückt. Verschlang sie nicht der Krieg, so kehrten sie wohl zuletzt auch in die Heimatstadt zurück, um in behaglicher Ruhe von erkämpften Siegen und gewonnenem Ruhm zu träumen. Zu ihnen gehörte auch der Obrist von Walldorf, dessen Damen in Bologna den neugebackenen Doktor juris Johannes Hardt von dem Hause Wendelin Abschied nehmen sahen.

Die Walldorfs wohnten in einem behaglichen Patrizierhause an der Echternstraße. Die Wallfahrt nach Rom hatte gute Dienste getan, und Glück und Zufriedenheit herrschten in dem gastlichen Hause. Johannes hatte einmal bei ihnen vorgesprochen. Er war schon seit Jahresfrist in den Dienst seiner Stadt getreten, und der Rat schickte ihn, in Erinnerung seiner bewiesenen Zuverlässigkeit, mit einem wichtigen Schreiben an die Braunschweiger dorthin.

Wenn Johannes gehofft hatte, bei dieser Gelegenheit etwas von Gisela zu hören, so sah er sich in dieser Erwartung getäuscht, denn es war noch kein Lebenszeichen von den Wendelins über die Alpen gekommen, seit die Damen zurückkehrten.

Trauer bemächtigte sich seiner, wenn er sah, wie die Erfüllung seiner Hoffnungen in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt blieb, während alle diejenigen daheim, denen er nahestand, dem Ziele ihrer Wünsche nahegekommen oder es erreicht hatten. Venne Richerdes war dem Heinrich Achtermann verlobt, und es schien nur noch eine Frage von kurzer Zeit, daß die Hand des Priesters sie zusammengab. Erdwin Scheffer hatte seine Monika heimgeführt und war wohlbestellter Weibel des Rates. Wenn die Zeit es erlaubte und die Gäste im ›Goldenen Adler‹ sie nicht zu sehr in Anspruch nahmen, schlüpfte Immecke Rosenhagen in die Wohnung des jungen Paares, um sich des Glücks ihrer Kinder zu freuen und das kleine Großtöchterchen auf ihren Armen zu wiegen, das das leibhafte Ebenbild ihrer Monika zu werden versprach. Allen hatte das Glück seine Tore geöffnet, nur ihm blieben sie verschlossen. Traurig und niedergeschlagen kehrte Johannes nach Goslar zurück.

Wenige Wochen darauf traf in Braunschweig der Brief Giselas mit der erschütternden Kunde des Todes ihrer Eltern ein. Die Antwort, daß sie bei den Walldorfs herzlich willkommen sei, ging sogleich nach Bologna ab, aber es verlief doch der Winter, ehe sie selbst ankam.

Richenza hielt es für selbstverständlich, an Johannes Hardt sogleich Nachricht von der bevorstehenden Ankunft der Geliebten gelangen zu lassen. Aber hieß es für ihn sich in Geduld fassen, bis der hoffentlich nicht ferne Tag gekommen, wo er sie selbst von Angesicht zu Angesicht schauen würde. Als dann der Ruf der Freundin kam, fand er ihn voller Ungeduld. Dieses Mal wartete er keinen besonderen Auftrag des Hochmögenden Rates ab, sondern er brach nach Braunschweig auf, sobald es sich einrichten ließ. Bevor er abreiste, sprach er mit den Eltern über seine Pläne und Wünsche.

Des Vaters Absichten gingen andere Wege. Er hätte es lieber gesehen, daß der Sohn eine Einheimische freite, aus alter Familie, deren Einfluß und Ansehen dem Sohn gewiß auch für seine weitere Laufbahn förderlich gewesen wäre. Aber sein Zureden scheiterte an der Entschlossenheit des Sohnes, der erklärte, daß er Gisela zum Weibe wolle oder gar keine. Mit einem Seufzer gab jener zuletzt nach. Ob er einen besonderen Wunsch dabei zu Grabe trug, blieb Johannes verborgen.

Noch war er freilich auch der Zusage Giselas selbst nicht sicher. Wenn er aber des Abschieds in Bologna gedachte, schwanden alle Zweifel. Zu offen hatte ihr Herz ihm damals entgegengeschlagen, und er durfte hoffen, daß kein anderer inzwischen von ihm Besitz ergriffen hatte, sonst hätte sie wohl kaum den Weg nach dem fernen Deutschland eingeschlagen.

Die Brust geschwellt von seliger Erwartung und im Herzen tiefes Mitleid mit der vom Schicksal so Schwergeprüften, brach er nach der alten Stadt an der Oker auf.

Johannes war erschüttert, als er der Geliebten zuerst entgegentrat: Was hatte die Zeit aus dem lebensfrohen, lieblichen Geschöpf gemacht, das er vor einigen Jahren in Bologna verließ? Ein blasses Gesichtchen, aus dem die dunkeln Augen von tiefen Schatten umlagert, Mitleid heischend und hilfesuchend ihn anblickten, tauchte vor ihm auf. Als sie den Langersehnten, immer Geliebten vor sich sah, den Zeugen ihrer glücklichen Jugend im trauten Familienkreise, kamen ihr die Tränen aufs neue. Ein stilles Schluchzen erschütterte ihren zarten Körper. Johannes trat zu ihr und ergriff stumm ihre Hände. Aber als sie allein waren, da fanden sie Worte. Vor ihm entrollte sich das furchtbare Bild der Seuche in Bologna, und er vernahm aus ihrem Munde, wie grausig das Ende ihrer Eltern gewesen war. Da hielt er nicht länger an sich. Sanft zog er sie an sein Herz und träufelte ihr süßen Trost in die schmerzerfüllte Brust.

»Habe Vertrauen zu mir, Geliebte. Unter meinem Schutz wirst Du vergessen lernen, und die Vergangenheit liegt bald wie ein böser Traum hinter Dir. Mein Mütterchen wird Dich an ihr Herz schließen als zweite Tochter, und in der Schwester gebe ich Dir eine Freundin, die mir beistehen wird, den letzten Gram in Deiner Brust zu tilgen.« Da lächelte sie ihn unter Tränen an. Doppelt liebreizend war sie in ihrer rührenden Hilflosigkeit. Aber eine leise Röte der Zuversicht und Freude stieg in die blassen Wangen.

»Oh, wie danke ich dem Himmel, daß er Dich mir schenkte. Ich weiß nicht, wie ich die furchtbare Bürde allein weiter hätte tragen sollen. Habe Dank mein einzig Geliebter, habe Dank!«

Innig drückte sie sich an ihn, und Johannes besiegelte seine Schwüre mit einem heißen Kuß.

Diesmal war der Abschied für ihn nicht so schwer. Er ließ die Geliebte in treuer Hut zurück. Es galt nur noch, das Nest zu bereiten für ihr Glück. Bald, so hoffte er und vertraute sie, hatte auch für sie die Zeit der Trennung ein Ende für immer.

Neben den Beziehungen freundschaftlicher und politischer Art, die zwischen den Städten Braunschweig und Goslar bestanden, liefen Fäden hin und her vom Schlosse des Welfenherzogs zu Wolfenbüttel nach der alten Reichsstadt am Fuße des Rammelsberges, von denen der Rat nichts wußte oder die doch so geheim gesponnen wurden, daß er sie nicht zerschneiden konnte. Nach Wolfenbüttel und noch nach einer anderen Stätte hin reichten sie, die wiederum nur dem Herzog und seinem Vertrauten und einigen wenigen bekannt waren. Die aber hüteten sich weislich, mit ihrer Kenntnis hervorzutreten; denn es wäre ihnen nicht nur eine angenehm fließende Geldquelle dadurch verschüttet worden, sondern sie hätten sich auch der Gefahr ausgesetzt, daß sich Meister Rotmantel ihrer annahm, der in jener Zeit, wie seine Berufsgenossen andernorts, in Goslar sein gutgehendes Geschäft ausübte, darin bestehend, daß er die Neugier eines wohlweisen Rates über ihre Tätigkeit in Gegenwart von den Bevollmächtigten des Rats zu befriedigen suchte, wobei er nur durch freundliches, aber dringendes Zureden zur Antwort mahnte.

Es gab da allerhand Mittel und Mittelchen, um auch die Schweigsamsten zum Reden zu bringen, von den Daumenschrauben bis zum Strecken des Körpers, wobei die Glieder allerdings aus ihren Gelenken gerissen wurden. Und half das noch nichts, so griff man noch zu gröberen Mitteln, die wir auszuführen Bedenken tragen, um nicht die nächtlichen Träume leicht erregbarer Leserinnen mit allerhand fragwürdigen Gestalten zu erfüllen.

Im übrigen ging alles nach einer peinlich festgesetzten Ordnung, auch das Bezahlen. Der Henker wußte genau, was er nach getaner Arbeit vom Säckelmeister eines Hochmögendes Rates zu erwarten hatte oder was er, nachdem das Erforderliche der Frau Eheliebsten abgeliefert war, in der Herberge oder im Ratskeller aus dem angeketteten Becher sich zugute tun durfte.

Zu solchen Personen, welche ihre Tätigkeit vor der Neugier des Rates ängstlich verbargen, gehörte zum Beispiel die Gittermannsche aus der Dröwekenstraße, wie ihr Vetter, der Schäfer Hennecke Rennenstich, der »Up den Ymminghove« Wohnung und Beschäftigung fand.

* * * * *

Von dem Nordabhang des Lindthalskopfes, der seine steile Stirnseite dem tiefen Graben des Innerstetales zukehrt, hüpft eilenden Laufes der Steimkerbach herab. Die Sonne bekommt dieser muntere Geselle erst zu sehen, wenn er den Gebirgswald verläßt; denn bis dahin überschatten ernste Tannen und laubdunkle Buchen und Eschen sein schmales Bett. Verträumt blinzelt er auf und eilt dann, im vollen Lichte des Tagesgestirns und doch ungesehen, unter Lattich und hängenden Weidenbüschen durch die Wiesen dahin, bis unfern des Dorfes Lutter am Barenberge er sich der Neile vermählt.

Frei geboren und frei geblieben bis zu der Stelle, wo er seinen Lauf beendet, darf das Wässerchen von sich rühmen; denn des Menschen Hand hat ihm kein Joch auferlegt. Dasselbe gilt auch von dem Dolgerbach, der in kurzem Lauf mit dem Kiefbach zusammen den Steimkerbach aufsucht. Aber der Dolgerbach war nicht immer frei. Vor Jahrhunderten, als noch das Dorf Dolgen stand, mußte er eine Mühle treiben, die unweit des Dorfes gelegen war.

Damals war das Tal des Steimkerbaches noch düsterer und finsterer als heute. Urwaldartig deckte der Wald die Hänge und die Talsohle, und den Eingang am Waldessaum versperrte dichtes Gestrüpp. Nur der Hirsch, der zur Tränke zog, und der Eber, der in seinem Sumpf suhlte, störten die Stille, welche das Tal füllte. Menschen verirrten sich nicht dorthin, und selbst der herzogliche Jäger, der im Dorf Dolgen hauste, mied die Stätte, denn es war dort nach seinen eigenen Wahrnehmungen nicht geheuer. Wer Mut besaß, die Geister zu bestehen, die dort ihren Spuk treiben sollten, der fand an diesem Tal eine Stätte, in die ihm keines Fremden Neugier folgte. Und es gab solche Männer, die einen Unterschlupf fanden, wenn ihnen der Boden draußen in der Ebene zu heiß wurde, wilde Gestalten, denen das Wasser ein Feind und der Bartscherer eine unbekannte Größe waren.

* * * * *

Man mußte wohl eine Stunde weit das Tal hinaufdringen und durfte ein zerschundenes Gesicht nicht scheuen, wollte man an das seltsame Heim dieser Menschen gelangen. Aber dann war man auch überrascht über das, was die Wildnis bot. Unter einem überhängenden Felsen, etwas abgekehrt vom Bache, erhob sich eine feste Hütte, aus Stämmen roh aufgeführt, die Fugen mit Moos verstopft.

Kleine Öffnungen, die verschlossen werden konnten, ließen etwas Helligkeit in das Innere, aber man war unabhängig davon: Fackeln und Kerzen ersetzten das Tageslicht, und wenn man nicht allzu große Ansprüche stellte, konnte man es sogar wohnlich drinnen finden. Die Wände waren mit Teppichen verhängt; mit Teppichen verschloß man auch die Fensteröffnungen im Winter, noch hinter den vorgelegten Läden, um die kalte Luft abzuwehren. An den Seiten liefen Bänke entlang, vor denen festgefügte Tische standen. Ebenso rohgezimmerte Holzschemel vervollständigten die Inneneinrichtung, abgesehen von einem offenen Herde, in dessen Nähe eisernes Kochgeschirr, Bratpfannen und irdene Näpfe verrieten, daß man ihn zu benutzen verstehe.

Der Rauch suchte sich einen Ausweg nach oben, wo und wie es ihm gefiel. Freiheit zu tun und zu lassen, was dem einzelnen beliebte, war überhaupt oberster Grundsatz in dieser Behausung. Wer schlafen wollte, erhob sich vom Tisch und suchte sein Lager auf Heu und Decken, wo es ihm gefiel und wo ein Platz sich bot. Nur ein kleiner Verschlag blieb davon ausgenommen, wo die Hausfrau ihr Lager aufschlug. Diesen Raum wagte ohne besondere Erlaubnis keiner der Gesellen zu betreten, denn die Eigentümerin war eine Respektsperson, selbst für diese wilden Männer.

Ein seltsames Frauenzimmer, das mit ihnen hier in der Wildnis wirtschaftete. Mit Schönheit war die Frau nicht überladen. Aus verrunzeltem Gesicht blickten schwarze, scharfspähende Augen den Besucher an. Die beiden gelben langen Eckzähne, die ihr von dem einstmaligen Reichtum geblieben, trugen auch nicht gerade zur Erhöhung ihrer äußeren Reize bei.

Hätte sie unter Menschen gelebt in einer Stadt, so wäre sie durch den Leumund der lieben Nächsten gewiß schon der Hexerei geziehen und dem hochnotpeinlichen Gericht wie dem Henker vorgeführt worden. Danach trug sie aber kein Verlangen, denn sie war Meister Rotmantel schon einmal überantwortet gewesen. Damals hatte man ihr allerlei Untugenden vorgehalten, wie zum Exempel, daß sie es mit der Ehrbarkeit nicht allzu genau nehme; sie war gestäupt und gebrannt worden, und man entließ sie mit der ernstlichen Vermahnung, immer eine gewisse Entfernung zwischen sich und der Stadt zu beobachten.

Diesen Rat befolgte Luke Meyse ehrlich, denn ihr lag wenig daran, sich bei Meister Rotmantel und seinen Knechten noch einmal in Behandlung zu geben.

Luke Meyse war wirklich einmal schön gewesen, sehr schön sogar, aber die Schönheit wurde ihr zum Verderben. Sie stieg ihr so sehr zu Kopfe, daß sie, ehrlicher, einfacher Leute Kind, meinte, sie sei zu etwas Höherem geboren, als des Nachbars Sohn Tyle zu freien. Es kam auch ein Höherer und nahm sich ihrer Schönheit an, ein richtiger Edelmann. Aber als er sie genossen hatte, warf er sie beiseite. Nun war sie auch Tyle nicht mehr schön genug, und sie ging mit ihrer Schande auf und davon. Es fanden sich auch nachher noch Männer, denen die Reste ihrer Schönheit zusagten, doch sie sank dabei immer mehr, bis der Henker ihr das Mal aufbrannte.

Nun lebte sie schon seit vielen Jahren in dieser Wildnis, und ihre Gesellschaft waren Gesellen, die vor einer Berührung mit den Behörden oder mit Meister Rotmantel nicht minder bescheiden zurückwichen. Ihre Zahl schwankte je nach der Jahreszeit und ihren »Geschäften«. Nur selten erlitt sie auch eine plötzliche Einbuße, weil einem ihrer Genossen bei seinen »Geschäften« ein Stück Blei zwischen die Rippen gefahren war oder er seine Widerstandsfähigkeit gegen einen Hieb mit Schwert oder Hellebarde überschätzt hatte. Dann blieb sein Platz unbesetzt, oder ein anderer rückte an seine Stelle. Lange Gedächtnisreden wurden nicht gehalten. Ein Fluch über das Mißgeschick, und die Sache war abgetan. Kehrte einer oder der andere mit einer Wunde zurück oder litt er sonst an einer Gebreste, so brachte ihn Luke wieder zuwege.

Langeweile litt Luke Meyse nicht; denn einer oder der andere der Gesellschaft war immer anwesend, mindestens der einarmige Brand Cramer, dem sie bei einem Zusammentreffen mit Bauern dieses wertvolle Körperglied zerschmettert hatten. Er war Schaffner des Hauses und Stallmeister in einer Person. Denn auch Pferde fanden in einem an den Felsen gelehnten Schuppen Unterkunft.

Und dann gab es da noch ein junges Ding, Ylsebe genannt. Wie sie sonst noch hieß, wußte niemand. Man hatte sie an der Straße aufgelesen, wo sie neben der erschlagenen Mutter jämmerlich schrie. Sie war der Liebling Luke Meyses und der Verzug der ganzen Bande. Wild und lustig, mit krausem Haar und schwarzfunkelnden Augen, bildete sie das belebende Element der Hütte. Übergriffe gegen sie wußte Luke kurz und bündig abzuweisen. Wurde es Ylsebe zu langweilig im Steimkerbachtale, dann eilte sie wohl auf einen Sprung und einige Stunden nach der Dolgermühle zu ihrer Freundin, der roten Aleke Swarte, des Müllers Tochter, die ihr an Wesen gleichkam.

In der Dolgermühle traf sie sicher auch noch andere lustige Gesellschaft, denn dort fand sich auch gemeinlich allerlei Volk zusammen, ähnlich dem im Tale des Steimkerbaches. Die Mühle war verwahrlost, die Bauern gingen mit ihrem Korn lieber zur entfernten Pöbbeckenmühle, wo sie schneller und redlicher bedient wurden. Der Müller zürnte ihnen deshalb nicht allzu sehr, denn an der Ausübung seines Handwerks lag ihm wenig: Wozu sollte er die Mahlgänge bedienen, nachts den Schlaf versäumen, wenn er auf andere Weise bequemer und lustiger zu Gelde kam? Denn lustig ging es her bei ihm bei Essen und Zechen und Würfeln. Die Besucher ließen sich nicht lumpen für die schönen Sachen, die ihnen des Müllers Weib briet oder der Müller selbst aus dem versteckten Keller hinter der Scheune vorsetzte. Aber das waren nur die Nebeneinnahmen.

Den Hauptteil warfen die »Geschäfte« ab, die mit den Besuchern von ihm als vollgültigem Partner abgeschlossen wurden. Bei ihm wurde nämlich alles geplant, was heranreifte oder was sich zufällig bot. Wenn irgendwo in der Umgebung ein Überfall vor sich ging, ein Haus in Flammen aufloderte, ein reicher Bauer in seinem Bett erschlagen aufgefunden wurde, wenn die Städter mit ihren Herden in Seesen und Goslar geschatzt, ihre Wagenzüge angehalten und überfallen wurden, so war der Plan dazu sicher in der Dolgermühle ausgeheckt worden.

Hin und wieder tauchte ein Mann auf, der ein besonderes Ansehen besaß. Daß er unter den Gesellen eine bevorrechtete Stellung einnahm, ging schon aus der Anrede hervor. Er wurde als »Herr Hermann«, auch »Herr Raßler« angesprochen. Raßler war ein Mann von gedrungener Gestalt, dem die wilde Entschlossenheit aus den Augen leuchtete. Das gebräunte Gesicht wäre hübsch zu nennen gewesen ohne eine tiefe Narbe, welche die Stirn fast wagerecht durchzog. Er besaß alle Eigenschaften eines Führers: scharfes Urteil, schnelle Beobachtungsgabe und einen großen Mut.

Als Sohn eines Arztes in Hildesheim hatte er das juristische Studium ausüben sollen, wurde aber durch viele böse Streiche anfangs schon aus dieser Bahn herausgeschleudert und relegiert; doch er war kein Verbrecher von gewöhnlichem Schlag wie seine Leute. Er sah in sich ein Rachewerkzeug gegen die menschliche, verderbte Ordnung. Auf den Erwerb von Beute und Reichtum legte er nur insoweit Wert, als sie ihn befähigten, seinen Weg zu gehen.

Deshalb, weil er nie einen besonderen Anteil beanspruchte und seine Hilfsbereitschaft jederzeit sich äußerte, erkannten sie in ihm die Führernatur, die ihnen Gewähr bot, daß die ausgeheckten Pläne meistens ohne große Opfer durchgeführt werden konnten.

Hermann Raßler war kein Wegelagerer gewöhnlichen Schlages. Das erwies sich aus der Kühnheit seiner Pläne, wie der Art ihrer Durchführung. Er selbst trat nur bei den großen und wichtigen Sachen in Tätigkeit, die Kleinigkeiten überließ er seinen zahlreichen Helfershelfern. Wo sein eigentlicher Wohnsitz war, wußten nur wenige Vertraute. Er kam und verschwand, und niemand fragte, wo er bleibe. Daß er zur rechten Stunde zur Stelle sein werde, war ihnen Gewähr genug.

Die kleinen Untaten fielen nicht eigentlich auf sein Konto; er duldete sie, weil er seine Leute bei Laune halten mußte. Meistens richteten sie sich gegen Menschen, die sich durch Habsucht oder eine ähnliche Untugend verhaßt gemacht hatten. Sie bedauerte er nicht; denn er gefiel sich je länger desto mehr in der Rolle des Schicksalswalters, der berufen war, über die Ungerechtigkeit der Welt zu Gericht zu sitzen.

Raßler war ein weithin gefürchteter Bandenführer, und der Ruf seiner kühnen Streiche veranlaßte mehr als einen der Großen, sich seiner Dienste zu bedienen, um einem Gegner im geheimen Abbruch zu tun an seinem Eigentum. Kleine Städte und reiche Dörfer sollten ihm, so hieß es, um sich seiner Huld zu versichern, Tribut zahlen.

Zu seinen »Kunden« zählte auch der Herzog von Braunschweig. Er bediente sich seiner gegen die Stadt Braunschweig, namentlich aber gegen das reiche Goslar, um die Bürger mürbe zu machen zur Annahme seines fürstlichen Schutzes. Raßler übernahm diese Aufgabe besonders gern und willig, denn mit dem Rate in Goslar hatte er ein Hühnchen zu rupfen. Die Goslarer hatten ihm nicht nur, wie bei dem Treffen im Hohlwege bei Riechenberg, wertvolle Leute erschlagen oder aufgeknüpft, sondern er war ihnen besonders deshalb gram, weil bei einer dieser Gelegenheiten auch sein einziger, wirklicher Freund, der gleich ihm aus der Bahn geriet, in ihre Hände fiel und schimpflich gerichtet wurde.

Im Schlosse zu Wolfenbüttel war Raßler keine unbekannte Persönlichkeit, wenn er dort auch unter anderem Namen aus- und einging. Durch des Herzogs Spione in Goslar, die zum Teil recht angesehene Bürger waren, wie auch aus eigenen Quellen wurde Raßler über die Vorgänge in der Stadt immer im voraus gut unterrichtet. In seiner Kühnheit hatte er sich auch mehrmals selbst in die Höhle des Löwen gewagt, um an Ort und Stelle Erkundigungen einzuziehen. Allerlei geschickte Verkleidungen ermöglichten es ihm, ungefährdet und unerkannt in die Stadt zu gelangen und aus ihr wieder zu entweichen. Verrat von der Seite seiner Spießgesellen in Goslar brauchte er nicht zu fürchten, denn im Falle der Entdeckung war ihr eigener Kopf auch verwirkt.

Um Magda Richerdes, die Ehefrau des Bergherren, stand es nicht gut. Auf eine geringfügige Besserung, kurz nach Vennes Verlobung, folgte bald eine Verschlimmerung ihres Zustandes. Der Arzt war ratlos, die Familie nicht weniger. Venne ging mit verweintem Gesicht einher; auch der Zuspruch ihres Verlobten vermochte sie nicht über die Angst und Sorge um das Leben der Mutter wegzubringen.

Die Kunst der Ärzte jener Zeit stand nicht hoch. Soweit sie sich über den Rahmen bloßer Scharlatanerie erhob, reichte sie doch nicht im geringsten aus, um durch eine von Sachkenntnis getragene Diagnose und die danach anzusetzenden Mittel eine Krankheit zu bekämpfen, deren Wesen nicht durch äußere Merkmale sich von selbst verriet.

Die Reinigung des Blutes durch Purganzen aller Art galt als Mittel zur Verhütung von Krankheiten, wie zur Erhaltung der Gesundheit. Schlimm wurde es erst, wenn der Aberglaube im Verein mit der Dummheit auf der Seite der Kranken diese einem der dunklen Kurpfuscher in die Hände gab, die mit albernen Beschwörungsformeln und Mitteln aus pflanzlichen und anderen Stoffen heilen wollten, deren Wirkung auf den Körper des Menschen durchaus nicht feststand.

Überall im Lande saßen die Männer und Frauen, die auf die Unerfahrenheit und die Angst um die Erhaltung des Lebens ihrer Nächsten spekulierten und ein Wissen ärztlicher Art vortäuschten, das günstigstenfalls nichts nützte, oft aber die vielleicht noch heilbare Krankheit in lebenslängliches Siechtum verwandelte oder gar den Tod herbeiführte. Der Scharfrichter, die Schäfer, alte Weiber üblen Rufes, denen man Umgang mit dem Bösen, auch übernatürliches Wissen nachsagte, das waren die am meisten begehrten Berater der Kranken jener Zeit.

Auch in Goslar gab es solche »Wissende«, und zu ihnen zählte die Gittermannsche in der Fröweckenstraße, wie auch der Schäfer Hennecke Rennenstich auf dem Ymminghove. Ihre Kunst und ihr Wissen gründeten sich auf überkommene Sprüche und Tränke aller Art, zu denen sie die Kräuter selbst suchten oder sich zu verschaffen wußten. Ihre Hauptberaterin und Lieferantin war Luke Meyse vom Steimkerbach, die einstmals von Goslar einen wenig befriedigenden Abschied nehmen mußte.

Die Zeit hatte die Beziehungen zwischen ihr und der Gittermannschen nie ganz zerstört, und die geheimen Boten, welche Goslar von Zeit zu Zeit im Auftrage Hermann Raßlers aufsuchten, sorgten dafür, daß die Fäden zwischen diesen beiden würdigen Frauenzimmern und Freundinnen nicht zerrissen. Sie überbrachten auch jeweils Mittel, die von der Gittermannschen bei ihren Gewaltkuren benutzt wurden.

Venne wie den Vater bedrückte es über die Maßen, daß der Mutter nicht geholfen werden konnte, und als der Arzt seine Ohnmacht erklärte, waren sie bereit, wenigstens Venne, auch andere Mittel zu nehmen, wenn es hülfe. Zunächst wurde Immecke Rosenhagen zu Rate gezogen, von deren heilkundiger Hand sie von den Hardts gehört hatten. Immecke kam, besah sich die Kranke, gab auch einige schmerzlindernde Mittel an, gestand aber im übrigen, daß sie des Leidens nicht Herr werden könne. Da verfiel die alte Katharina, die nächst Venne ihrer Herrin über alles zugetan war, auf den Plan, die Gittermannsche zu befragen, die ihr von guten Bekannten empfohlen wurde.