Chapter 12 of 18 · 3997 words · ~20 min read

Part 12

Das Leben des Bergherrn Richerdes war seit dem Hinscheiden seiner Frau nur noch ein langsames Sich-zu-Tode-Quälen. Der schon in gesunden Tagen hagere, große Mann war abgemagert zum Skelett. In gelblichen Falten lagerte die Haut auf dem Gesicht, aus dem die spitze Nase drohend hervorragte. Neuerdings litt er an Verfolgungsideen, in denen der Jude Asser, Achtermann und Karsten Balder die Schreckgestalten waren. Er weigerte sich, Nahrung zu nehmen, weil er seine Schulden nicht vermehren wolle; dann wieder hielt ihn der Argwohn davon ab, seine Feinde könnten Gift hineingetan haben. Die arme, tapfere Venne durchlebte eine Zeit schlimmsten Martyriums. Endlich, ein halbes Jahr fast nach dem Heimgange der Frau, glitt auch ihm der Pilgerstab aus den müden Händen. In seinen letzten, lichten Augenblicken mahnte er noch Venne, sie solle sein Recht dem Rat gegenüber nie vergessen. »Bedenke, mein Kind, daß Du es meinem Andenken schuldig bist, dieses Recht zu verfechten. Versprich es mir in die Hand, es nie aufzugeben, damit ich ruhig sterben kann.«

Nun war Venne ganz allein in ihrer Trostlosigkeit und dem Bewußtsein, daß sie aus dem Kreise aller derer ausscheide, bei denen sie bis zu dem Unglück ihres Vaters ein gern gesehener und umworbener Gast gewesen.

Das alles hätte sie noch ertragen, wäre nicht die Angst und die quälende, beschämende Sorge gewesen, daß auch Heinrich, der Verlobte, ihr entgleite. Noch halten ihn seine Schwüre, noch kommt er, sie zu sehen, noch ist er voller Liebe und Mitleid. Sie trinkt seine Küsse wie eine Verdürstende, wenn er sie umschließt, und hängt an seinem Munde, um von ihm immer wieder zu hören, daß er sie noch liebe. Begütigend, tröstend, voll zarter Teilnahme streicht er über ihr Haar und versichert sie seiner Treue. Und immer wieder drängt es sich aus ihrem Munde: »Verlaß mich nicht, bleibe mir treu!«

Und er schwört ihr mit neuem, heiligem Schwur, daß nichts sie trennen soll, nicht der Vater, nicht die hämische, neidige Welt. Dann seufzt sie glücklich, wie aus tiefster Seele befreit, auf, und sie schwört ihm und sich selbst zu, Vertrauen zu haben. Aber kamen dann die dunklen Stunden der Nacht, lag sie schlaflos auf ihrem Lager, dann stürzten sich die Zweifel wie gierige Wölfe auf sie und zermarterten ihr armes Herz.

Seit dem Tode des Vaters hauste sie allein mit Katharina in dem großen, leeren Hause. Die Mägde waren entlassen, die Knechte gegangen. Sie fürchtete sich und hatte die alte Magd gebeten, bei ihr zu schlafen. Katharina hörte, wie die von ihr über alles geliebte Herrin sich ruhelos auf ihrem Lager wälzte, sie vernahm ihre Seufzer und ihr stilles Schluchzen. Sie wäre für Venne in den Tod gegangen, hätte sie ihr damit das Glück erkaufen können. Verzweifelt drängte sie in Venne, ihr zu sagen, was sie bedrücke, Venne schwieg.

»Ist Heinrich Achtermann auch von Dir abgefallen?« fragte sie mit verbissenem Grimm.

»Nein, nein, er ist mir treu und wird mich nicht verlassen, wenn man ihn nicht dazu zwingt.«

»Wie soll man ihn zwingen, wenn er selbst nicht will? Oder meinst Du, man könne ihm im geheimen Zwang antun?«

Venne antwortete nicht darauf, aber Katharina schloß daraus, daß diese Befürchtung zutreffe.

»So wird man unsererseits darauf sehen müssen, daß er nicht von Dir lassen kann«, murmelte sie für sich. Und es ward ihr zur fixen Idee, daß sie alles daransetzen müßte, um Heinrich bei ihrer Venne zu halten. Dieser durfte sie von ihren Plänen nichts sagen, Venne würde es ihr verbieten; aber sie wußte, was sie zu tun hatte. Klang ihr nicht ein Wort der Gittermannschen in den Ohren: »Ich habe auch Mittel anderer Art zu Gebote; gilt es zum Beispiel den ungetreuen Liebsten zurückzubringen oder einen, den man begehrt, an sich zu fesseln, so ist die Gittermannsche da mit ihrem Spruche.«

Damals belächelte Katharina diese Anpreisung ihrer Kunst, sie, wie Venne: Wie sollte sich für diese je die Notwendigkeit bieten, von der Gittermannschen dunkler Kunst Gebrauch zu machen, da doch Venne auf dem Gipfel der Glückseligkeit zu stehen und ein Sturz von dieser Höhe unmöglich schien.

Jetzt aber war es so weit, und sie suchte die verrufene Alte aufs neue auf. Zunächst sperrte sie sich und redete von Undank und Gefahr, in die man sie bringe, denn die alte Katharina hatte ihr, als ihre Mittel sich bei Frau Richerdes doch nicht bewährten, mit drastischen Worten ihre Meinung gesagt. Als sie indes vor den Augen der habgierigen Hexe ein Stück Geld glänzen ließ, änderte sich Wort und Miene der Gekränkten. Man verabredete die Einzelheiten.

Natürlich müsse sie den Namen desjenigen wissen, dem das Mittel gelte. Ungern nannte Katharina den Namen Heinrich Achtermanns, aber die Gittermannsche bestand darauf.

»Dachte ich's mir doch«, höhnte die Alte. »Solange das Täubchen im Glück saß und sein Gefieder goldig schimmerte, war das Herrlein begeistert; nun, da der Glanz erblichen ist, tritt er den Rückzug an.«

»Ihr tut ihm vielleicht unrecht«, warf Katharina ein. »Nach dem, was meine Venne meint, ist es vielmehr der Vater, der sie trennen will.«

»Natürlich, der dickgeschwollene Protz fürchtet, daß sein Geldsack eine Falte bekommt, wenn er dem armen Mädchen beisteht. Doch zum Glück sind wir noch da, wir, die Gittermannsche, und wir wollen es ihm schon zeigen. Also, die Sache ist so: was ich Euch geben werde, muß Eure Venne dem Liebsten heimlich beibringen.«

»O nein, o nein,« wehrte Katharina ab, »das ist schon gefehlt. Die Venne bringe ich nie dazu, daß sie Heinrich Achtermann etwas eingibt, um ihn zu fesseln. Das verbietet ihr der Stolz und auch ihr Trotz.«

»Ei, ist die Schöne noch so wenig kirre?« höhnte das Weib. »Ja, da wird wenig zu machen sein, wie ich's im Augenblick übersehe. Ich kenne es bis jetzt nicht anders, als daß das Liebchen sich selbst der Sache annimmt. Und ich begegnete auch bisher nie einem Widerstreben. Im Gegenteil, keine hätte einem anderen anvertraut, was ihr selbst dienen sollte.«

»Sie ist auch nicht ›keine andere‹, sondern meine stolze Venne,« entgegnete Katharina, »und was auf andere zutrifft, paßt auf sie noch lange nicht. Also besinnt Euch, ob es nicht einen anderen Weg gibt, sonst muß ich auf Euren Dienst verzichten.« Damit ließ sie das Geld in ihrer Tasche verschwinden.

Habgierig folgten die Augen der unholden Frau ihrer Bewegung. »Nun, vielleicht geht's doch, laßt mir nur einen Augenblick Zeit zum Nachdenken. -- Doch, so wird es sich machen lassen. Venne ist, so sagt Ihr, dem Verlobten in heißer Liebe zugetan; ihre Gedanken bewegen sich um ihn. Da kommt es darauf an, daß sie zu der Stunde, wo dem Bräutigam mein Trank gegeben wird, all ihr Sinnen auf ihn richtet. Vermögt Ihr das, indem Ihr selbst das Gespräch auf Heinrich Achtermann bringt, so ist uns geholfen. Und dann bedarf es natürlich noch, was die Hauptsache ist, einer zuverlässigen dritten Person, die jenem den Trank verabreicht. Habt Ihr oder kennt Ihr jemand im Hause Achtermann, dem wir das anvertrauen können?«

»Daran habe ich schon gedacht, als ich zu Euch kam. Eine alte Bekannte von mir lebt als Magd im Hause der Achtermanns. Wie ich die kenne, so hat sie den Heinrich großgewartet. Ihr darf ich mich anvertrauen, und sie wird sich bereit finden, ihm den Trank zu reichen, vorausgesetzt, daß er nichts die Gesundheit Schädigendes enthält. Dann würde übrigens auch ich dazu die Hand nicht bieten«, antwortete Katharina.

»Meint Ihr, ich wolle mich selbst um den Hals bringen? Vielleicht setzt es ein wenig Bauchgrimmen; aber auch das ist bei dem kräftigen Mann nicht zu befürchten. Übrigens sollt Ihr, damit Ihr wißt, daß nichts Giftiges hineinkommt, das Rezept erfahren, und Ihr mögt, wenn Ihr wollt, den Trank selbst brauen. Also hört nun.«

»Nicht doch,« rief Katharina erschrocken, »des vermäße ich mich nicht. Meine alten Augen möchten mich trügen oder die Hände zittern bei dem Zumessen der Sachen. Macht ihn nur fertig, ich will das Weitere schon besorgen.«

»Ach,« sagte die Gittermannsche, »stellt Euch nicht zimperlich an. Wollt Ihr es nicht, so tue ich es. Sorgt dann aber, daß er auch von dem Rechten genossen wird. Immerhin mögt Ihr wissen, was darinnen sein wird.

Ihr holt in der ersten Nacht des abnehmenden Mondes einen Eimer fließenden Wassers, das über Steine floß, und kocht es über drei Steinen, aus demselben fließenden Wasser genommen. Von dem kochenden Wasser mischt Ihr, wenn es wieder kalt geworden ist, in etwas Bier, tut dazu einiges von der Blume Fatur, nehmt auch neun Fliegen, Erde von dem Kirchhofe und ein Stückchen von der Haut einer Natter, -- ich kann sie Euch verschaffen. Diesen Trank laßt Ihr dem Bräutigam reichen.

Da Eure Venne nicht selbst handelnd auftreten soll, so will ich den Spruch so wählen, daß alles ohne ihr Zutun sich abspielen kann. In der Nacht darauf, nachdem der Trank gekocht ist, soll ihn Heinrich Achtermann vorgesetzt bekommen. Ihr aber geht in derselben Stunde unter einen Ahornbaum und sprecht zugleich, während Ihr in einem von Euch dort angemachten Feuer stochert, wobei Ihr an Heinrich Achtermann denkt:

›Ahorn du blôte, ik bidde dik dorch dine sote, Dat ik moge affbreken unde heime dragen Sin barnede leve in Vennes Schragen.‹«

Mit einem leisen Grauen hörte Katharina der Frau zu, die mit dumpfer Stimme den Spruch hersagte. »Ist es auch wirklich nichts Böses, was ich da tun soll? Und schadet es den beiden nicht?« fragte sie ängstlich.

Da fuhr sie jene zornig an: »Nun hört aber endlich auf mit Eurem Gefasel von ›Schaden tun‹. Ich werde Euch den Trank geben, ob Ihr ihn dann ausschüttet oder weitergebt, soll mir gleich sein, wenn ich nur mein Geld bekomme.«

Venne Richerdes wußte nichts von dem, was die gute Katharina ersonnen, um Heinrich Achtermann unauflöslich an sie zu ketten. Sie saß in ihren Gram versenkt in dem düsteren Hause und nahm keinen Anteil an dem Leben außerhalb desselben. Vom Vater hatte sie den verderblichen Hang geerbt, im Unglück sich in sich zurückzuziehen, sich mit einer Regung wollüstiger Gier in die Rolle des Märtyrers zu versenken, ohne ihn wirklich spielen zu wollen. Sie vergaß, daß sie selbst es war, die eine Mauer um sich aufbaute durch ihr herbes Sichabschließen gegen die Nächsten.

Die Mitmenschen, die gutherzigen, sind wohl geneigt, uns mit ihrem Trost beizustehen. Nur wenige von ihnen aber geben sich die Mühe, hinter dem Wall verbitterten Stolzes das wunde Herz aufzusuchen, es in die Hand zu nehmen und ihm in gütiger Geduld Heilung zu bringen. Sie urteilen nach dem Schein: Sie will nichts von uns wissen, also mag sie für sich bleiben!

Zum Glück für Venne Richerdes lebten ihr aber wahre Freunde in der Stadt, die sich durch ihre Herbheit nicht abschrecken ließen, sondern zu ihr durchdrangen und sie, je nach ihrer Gemütsart, durch ruhigen, sanften Zuspruch oder durch herzhaftes Zugreifen aus ihrem Trübsinn herauszureißen versuchten. Da war zum Beispiel die gute Immecke Rosenhagen. Wem die einmal ihr Herz geöffnet hatte, der behielt seinen Platz darinnen, und die Scheelsucht und Schmähsucht der Welt steigerte höchstens noch ihre Zuneigung zu dem Mädchen, das es ihr mit seiner Schönheit, vor allem aber mit seinem freimütigen, gar nicht stolzen Wesen ihr gegenüber angetan hatte. Jetzt mußte sie ihre Zeit teilen zwischen dem ›Goldenen Adler‹, wie den unbändigen Enkelkindern und der einsamen Frau in der Bergstraße.

Ihr gutes Herz erkannte Venne den Löwenanteil zu. Jeden Tag hockte sie in dem Hause, das jetzt so still dalag, und suchte Venne aufzuheitern mit drastischem Zuspruch und weichem, lindem Trost. Merkwürdig, selbst ihre barschen Worte, wenn sie einmal ungeduldig mahnte, jene solle nun endlich das Kopfhängen lassen, erreichten mehr als vielleicht die mitleidig klingende Äußerung eines anderen, der aber nach Vennes Argwohn die innere Wahrheit fehlte.

Bei der alten Dienerin erkundigte sie sich nach vielen Einzelheiten, um den Schlüssel zu der abgrundtiefen Verzweiflung zu finden, in die Venne versunken war. Katharina verhehlte ihr nicht, daß ihr Verhältnis zu dem Verlobten wohl der Hauptanlaß sei, und es entschlüpfte ihr auch wider Willen eine Andeutung über ihr Vorhaben, zu dem die Gittermannsche die Hand bot. Immecke war erschrocken und riet dringend ab: »Von der Frau kommt nichts Gutes. Und was sie Euch vorredet von ihrer schwarzen Kunst, ist eitel Geschwätz. Ihr nützt nichts, richtet aber vielleicht großes Unheil an.«

Da wurde Katharina wieder schwankend, denn sie hielt von dem Urteil der weitgereisten und weltklugen Immecke Rosenhagen viel. Als dann indes die unheimliche Frau mit ihrem Trank kam, ließ sie sich doch überreden, ihn ihrer guten Freundin im Hause Achtermann zu geben.

Aber Immecke war nicht die einzige, die sich der armen Venne annahm. Auch das Haus Hardt bewies ihr in diesen Tagen, wessen wahre Freundschaft fähig ist.

Seit Jahresfrist weilte auch Gisela von Wendelin in der Stadt am Harz. Sie hatte liebevollste Aufnahme gefunden im Schoße der Familie Hardt. Auch der Vater, der Arzt, erschloß ihr bald sein ganzes Herz, nachdem er kurze Zeit die Fremde, die aus weiter Ferne her, gegen das Herkommen, Einlaß in die goslarsche Gemeinschaft heischte, etwas zurückhaltend beobachtet hatte. ›Heischte‹ hieß ihr übrigens unrecht tun; denn sie kam, obwohl die Liebe ihres Johannes sie umhegte, wie ein schüchternes, verscheuchtes Vöglein, das sein Nest verloren hat. Gerade diese hilflose Schüchternheit, die sich der Anmut nicht bewußt war, in die sie gekleidet, gewann ihr die Herzen im Fluge.

Als Gisela in Goslar eintraf, war im Hause Richerdes noch das Glück zu Gaste. Zwar siechte die Mutter, aber selbst ihr Leiden wurde verklärt durch die frohe Erwartung, die sich auf dem Antlitz Vennes widerspiegelte. Auch der Vater war trotz manchen täglichen Ungemachs gehobener Stimmung, bestand doch die Aussicht, daß mit dem Verkauf an die Stadt die Quelle aller Widerwärtigkeiten gänzlich verstopft werden würde. Dann brach das Unglück über sie herein. Die Bekannten zogen sich zurück. Freunde, auf die man gerechnet hatte, erwiesen sich als treulos. Da enthüllte sich die Lauterkeit Giselas am reinsten und schönsten. War sie schon vorher mit Venne befreundet, so wurde sie ihr jetzt eine starke Stütze. Sie kannte selbst die Schule des Leides; sie hatte es an sich selbst erlebt, was es heißt, in der bittersten Not einsam und verlassen zu sein. Unendliches Mitleid mit der Mitschwester erfüllte ihr Herz und ließ sie alles versuchen, jene aufzurichten.

Ihr gegenüber sprach Venne auch von Heinrich Achtermann und ihren Sorgen. Gisela hatte nur Worte zuversichtlicher Hoffnung. »Wenn er Dich lieb hat, wie Du es sagst, und wenn er so ist, wie Du ihn schilderst, verstehe ich Deine Bedenken nicht. Er wird Festigkeit genug in sich fühlen, um auch den Widerstand des Vaters zu besiegen. Nimm aber auch Du ihm nicht die Hoffnung, daß Du selbst nicht in dem Kampfe unterliegen wirst. Mir will es scheinen, als ob Deine Zurückhaltung ihn kränken, in ihm die Meinung hervorrufen muß, daß Deine eigene Liebe zu erkalten drohe. Wecke diese Stimmung nicht in ihm, es könnte zuletzt der Trotz in ihm erwachen und dem Vater ein wertvoller Bundesgenosse werden.«

Venne versprach, ihrem Rate zu folgen, und als Heinrich wieder bei ihr anklopfte, gab sie sich unter dem Eindruck der Zuversicht, welche Gisela in ihr geweckt hatte. Heinrich, der unter dem Widerstand des Vaters und der herben Zurückhaltung der Geliebten in einen Widerspruch der Gefühle gekommen war, der ihn aufs tiefste bedrückte, atmete auf. Sie verlebten eine Stunde ungetrübten, reinen Glücks. Und Heinrich schied von ihr mit dem zuversichtlichen: »Du sollst sehen, meine einzige Venne, auch uns lacht wieder die Sonne.« Da verdarb die gute Katharina vollends, was sie ehrlich bemüht war, gutzumachen.

Zu Worms, wo Siegfried um die Burgundentochter gedient und gefreit, wo Kriemhilde dem meuchlings Erschlagenen dreizehn Jahre nachgetrauert hatte, ehe sie in ihrem brennenden Schmerze, zur Sättigung ihrer Rache, sich dem Hunnen Etzel vermählte, zu Worms, der großen Kaiser- und Reichsstadt, war alles Leben und Bewegung. Wie so oft seit den Tagen, in denen sich die Rüstungen der reisigen Burgunder in den Fluten des Rheins spiegelten, war die Stadt ein gewaltiges Heerlager. Aus allen Gauen des gewaltigen Reiches kamen die Ritter und Herren, die Grafen und Fürsten, die Äbte, Bischöfe und Erzbischöfe mit ihrem Gefolge, ihren Gewappneten und dem Troß ihrer Knechte. In der volkreichen Stadt fanden längst nicht alle Unterkunft. Man schlug außerhalb ihrer Mauern Zelte auf, um die Gäste unterzubringen. In den Herbergen und Gasthöfen herrschte ein Leben, wie es selbst Worms kaum gesehen.

Reichstag! -- Reichstage waren in Worms keine Seltenheit seit Jahrhunderten. Aber noch nie hatte einer die Welt derart in Spannung gehalten wie der des Jahres 1521. Eine neue Welt stieg empor. Die alte stand bereit, ihre Nebenbuhlerin zu bekämpfen und, war es möglich, zu zertrümmern. Und die Machtmittel der alten waren trotz Verfalls noch so gewaltig, schrecklich, daß Menschenmut und Menschenkraft nicht auszureichen schienen, sie zu bezwingen. Woher nun nahm der unscheinbare Dominikanermönch zu Wittenberg, von dessen Dasein vor wenig Jahren noch weder Kaiser noch Päpste eine Ahnung gehabt hatten, den abenteuerlichen Mut, gegen die größten Gewalten der Welt, seitdem die Menschen sich Fürsten gesetzt und der Autorität einen Thron errichtet hatten, anzugehen?

Luther betrat eine Bahn, die nur für ihn selbst neu war. Er wurde in sie hineingestoßen nach schweren, inneren Kämpfen. Nicht Effekthascherei, nicht die Sucht nach einem deklamatorischen Theatererfolge führten ihn nach Worms, sondern die kindliche Gewißheit, sich mit seinem Gott eins zu fühlen, von seinem Geist und Willen Zeugnis ablegen zu müssen für das lautere Gotteswort, ließ ihn mit schier fröhlicher Zuversicht den Weg in die Höhle des Löwen antreten.

»Mönchlein, Mönchlein, Du gehst einen schweren Gang!« -- Jeder, der die Unbekümmertheit kannte, mit der die Gewalthaber der römischen Kirche über Bedenken irdischer Art sich wegzusetzen gewohnt waren, wenn es galt, das Erbe Petri zu schützen; wie vor ihrem Willen auch ein kaiserliches Wort sich bog und gebrochen wurde, mochte die Worte des wackeren Frundsberg verstehen, als er den armseligen Mönch in den Kreis seiner Feinde treten sah.

Hätte er freilich die Millionen zu seinem Schutze um sich gehabt, denen seine Lehre aus dem Herzen gesprochen war, ihm hätte trotz des Machtaufgebots, das ihn in Worms waffenstarrend erwartete, nicht bange zu sein brauchen. Nicht nur der gewaltige Kreis der Jünger, bei denen sein Wort in wenigen Jahren wie eine Fackel gezündet, standen bereit, sondern die Millionen in allen Ländern des Abendlandes, die unter dem unerträglichen Joch ihrer Zeit seufzten. Es hatte sich bei dem armen Bürgersmann wie bei dem Bauern seit Jahrhunderten ein Haß aufgespeichert, gegen den selbst die sozialen Gegensätze unserer Tage wie ein Kinderspiel anmuten mögen. Es war der Haß des städtischen wie des ländlichen Proletariats gegen die Besitzenden, Bevorrechteten, die Reichen in jeder Gestalt, vornehmlich aber die Geistlichen. Das ›Pfaffenstürmen‹ fand schon lange vor Luther hier und da begeisterte Anhänger. Schaurig hallten die Verse der Bauern wider, welche durch die Aufruhrpredigt des ›Pfeiffers von Niklashausen‹ in Bewegung gesetzt waren:

»Wir wollen Gott im Himmel klagen, Kyrie eleison, Daß wir die Pfaffen nit sollen zu Tode schlagen, Kyrie eleison.«

Die Kirche wankte indes darum noch nicht in ihren Grundfesten, es waren Vorgänge von lokaler Bedeutung. Wehe aber, wenn sich der Mann fand, der alle diese Kräfte auf ein Ziel hin in Bewegung zu setzen verstand! Und wehe ihr, wenn er zu diesem Haufen verzweifelnder Existenzen auch noch das Heer derer gesellte, die nicht um irdischer Vorteile willen, sondern, um ihr Herz von dem inneren Widerstreit der Gefühle zu befreien, auf den Rufer harrten, der sie anführe zum Kampf gegen die verrottete Kirche.

Die Schäden hatte auch Ernesti, der kluge und weitgereiste Kaufmann, erkannt und zugestanden; um den endgültigen Sieg der Kirche war ihm nicht bange. Und doch erwies sich sein Urteil als kurzsichtig. Das Klagelied von der Pfaffen Übermut und Üppigkeit, von ihrer Unbildung und Verrohung, von der Priester wie der Mönche und Nonnen Unflätigkeiten, dieses Lied, das auch die Päpste zu nennen sich nicht scheute, erklang allüberall und wurde gern gehört und mitgesungen.

Vielleicht hatten den armen Bergmannssohn zu Eisleben diese Töne schon umklungen, und sie waren in ihm nachgehallt, als er in brünstigem Gebet sich in seiner Zelle zu Erfurt wand und um Erleuchtung flehte. Die Erkenntnis von der Verderbtheit der Diener der Kirche kam ihm, als er in Rom den Sündenpfuhl sah, in dem jene sich wälzten, und die Erleuchtung über das, was seine Aufgabe sei, in Wittenberg angesichts des schamlosen Treibens jenes Ablaßkrämers von Papstes Auftrag, und durch sein ehrliches, frommes Streben, die Wahrheit zu ergründen. Er fand sie in seinem Verkehr mit Gott und in dem Worte Gottes, wie es von den Vätern aufgezeichnet stand. Und im schlichten Vertrauen auf die Güte seiner Sache folgte er der kaiserlichen Ladung.

Im Januar schon war der Reichstag einberufen, im Frühjahr brach Luther gen Worms auf. Überall unterwegs fand er die Spuren der Tätigkeit gegen sich, die der Kaiser eigenhändig gegen ihn gezeigt hatte.

Noch dicht vor Worms warnte ihn sein Freund und Landesvater, der Kurfürst, er solle umkehren, das Schicksal Hus' würde auch das seinige sein. Aber: »Ich will hinein, und wenn so viel Teufel auf mich zielten, als Ziegel auf den Dächern sind.«

Einer der größten Tage der Geschichte brach mit dem 18. April des Jahres 1521 an, als Luther gegen Abend zum anderen Male, nachdem er schon tags vorher vor die Reichsversammlung geführt war, in den bischöflichen Palast geleitet wurde. Im Saale brannten die Fackeln, als er hineintrat. Vor ihm saß die ganze Herrlichkeit des Reiches und der Kirche. Der Kaiser mit seinem Bruder Ferdinand, sechs von den sieben Kurfürsten, achtundzwanzig Herzöge, dreißig Prälaten, viele Fürsten, Grafen und städtische Abgeordnete.

Am Tage vorher hatte sich an dem Mönche eine gewisse Befangenheit und Unsicherheit kundgetan; heute, so glaubte man, werde er widerrufen.

Die Spannung war ungeheuer bei allen. Mochte auch der junge Kaiser verächtlich zum Bruder sagen: »Der soll mich nicht zum Ketzer machen«, er konnte sich, je länger Luther sprach, dem Eindruck nicht entziehen, daß ein außergewöhnlicher Mensch da vor ihm stehe, ein Mensch jedenfalls, der irdische Furcht nicht kannte.

»Der Mönch redet unerschrocken und kühn«, entschlüpfte es ihm während der Verhandlung wider Willen.

Ja, wahrlich, der Mann hatte nicht Menschenfurcht in sich. Der Offizial des Erzbischofs von Trier, Johannes Eck, benahm sich durchaus gemessen und vornehm, als er Luther die formulierte Frage vorlegte. Man hoffte, wenigstens einen teilweisen Widerruf zu erreichen. Aber der Mönch dachte nicht an Widerruf. Mehr und mehr gewann seine Stimme an Zuversicht, je länger der Disput dauerte. Man sah, hier half kein Disputieren mehr, kein Zureden noch Freihalten eines Rückzugweges für den Ketzer, hier mußte die Entscheidung klipp und klar gefordert und gegeben werden. Und so verlangte denn Eck eine bestimmte, deutliche Antwort. Und Luther gab sie: »Weil denn Ew. Kaiserliche Majestät und Ew. Gnaden eine schlichte Antwort verlangen, so will ich eine Antwort ohne Hörner und Zähne geben ...«

Atemlose Spannung lag auf den Zügen der Versammlung, die meisten standen, um sich kein Wort, keine Miene des Mannes da vor ihnen entgehen zu lassen. Verklärte Freude die einen, verbissene Wut die Gegner auf dem Gesicht, so lauschten sie, bis das Schlußwort kam, jenes gewaltige, das sich wie ein brünstiges Gebet und Bekenntnis von seinen Lippen rang: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen!«

Totenbleich war das Antlitz des kühnen Streiters, als er sich vor der Versammlung verneigte und den Saal verließ, aber es war nicht die Blässe der Furcht. Überirdisch leuchtete sein Auge: So blickte nur einer drein, der nicht Menschenfurcht in seinem Herzen trägt, sondern der weiß, daß Gott in ihm und um ihn ist.

Gewaltig war der Eindruck seiner Worte auf die Hörer. In vieler Augen glühte die Begeisterung über den unerschrockenen Gotteskämpfer. In der äußersten Ecke, wo die Vertreter der Stadt und einige andere Zuschauer standen, lief ein gedämpftes Flüstern durch die Reihen. »Unglaublich, dieser Mut«, »herrlich, herrlich«, so klang es aus ihrem Munde.

Unter den Zuschauern stand auch ein gedrungener Mann, an den sich eine Frau lehnte, von deren Gesicht man wenig sehen konnte. Der Gestalt nach war es ein junges Mädchen, das sich wohl auf den Vater stützte. Unentwegt hatte der Mann dem Mönch ins Auge geblickt, solange er redete; aufmerksam lauschte die Frau. Die Erregung teilte sich auch ihnen mehr und mehr mit. Bei den letzten Worten durchlief ein Schauer die Gestalt der Frau. Besorgt legte der Begleiter ihren Arm in den seinigen. »Laß uns gehen,« schlug er vor, da schon ein Teil der Zuschauer sich still entfernte, »es greift Dich an, wie ich sehe.«