Part 17
Die Amtseinnahmen des Henkers waren nicht immer glänzend. Zwar flossen ihm neben den Einnahmen aus seinem blutigen Beruf auch sonst noch manche Sporteln zu, die ihm für allerlei unsaubere Arbeit zustanden, wie Reinigen der Gruben bei den Herren Ratsleuten, Abholen und Vernichten der Kadaver gefallener Tiere; aber es wäre doch in manchem Jahre Schmalhans Küchenmeister bei ihm gewesen, wenn sich ihm nicht noch andere einträgliche Einnahmequellen erschlossen hätten. Er war bekannt als Besitzer mancher dunklen Wissenschaft, geheime Tränke zu brauen, krankes Vieh zu besprechen, Liebe zu sichern und zu stören zwischen jungen Pärchen. Das alles fiel in den Bereich seiner Kunst. An manchem dunklen Abend pochte es an das Tor des Gehöfts, und ein zitternd Jüngferlein oder ein beherzterer Bursche holte sich Rat bei Meister Voß.
Als bestellter Henker hatte er auch dem Peinlichen Gericht seine Dienste zur Verfügung zu stellen. Und mancher, dem seine Rute den Rücken gestrichen oder dem er das Schandmal aufgebrannt hatte, sandte ihm im stillen und aus der Ferne seine Segenswünsche zu. Jetzt stand wieder einmal eine große Sache an, bei der es etwas zu verdienen gab. Daß es sich dabei um die Tochter eines Vornehmen handelte, erhöhte noch den Reiz der Arbeit.
Das Peinliche Gericht tagte in der Stadtfronei, die zur Zeit unter der Sankt-Ulrichs-Kapelle in der Kaiserpfalz untergebracht war. Dort hingen an den Wänden all die Geräte, mit denen man schweigsame Leute zum Reden brachte. Und dort bereitete jetzt auch Meister Voß und seine Leute alles vor, um die Angeklagten gehörig behandeln zu können. Es waren eingezogen außer Venne die alte Katharina und die Gittermannsche. Die beiden letzteren traf der Vorwurf des Zauberns und der Beihilfe zu diesem Verbrechen. Venne Richerdes hatte sich außerdem wegen Hochverrats und Mordes, begangen an ehrsamen Bürgern, zu verantworten, wie auch dafür, daß sie mit Hermann Raßler, der Stadt abgeschworenem Feinde, gemeine Sache gemacht habe.
Noch war der Henker mit seinen Knechten allein in dem düsteren Raume. Die Folterkammer entbehrte nicht des frommen Apparates, um auch keines der Mittel unversucht zu lassen, die auf das schon über die Maßen erregte Gemüt des peinlich zu Befragenden von Wirkung sein konnte. Der Freitag, der Sterbetag des Heilandes, galt den Inquisitoren als furchtbarster Erntetag. So wählte man ihn auch in Goslar. Das Gemach war schwarz ausgeschlagen; ein riesengroßes Kruzifix an der Wand trug nicht minder zur Erhöhung der düsteren Stimmung bei.
Meister Voß war ein frommer Mann, so ungereimt das auch manchem vorkommen mag. Er hatte das Geschäft vom Vater überkommen, wie dieser vom Großvater. Morgens sprach man in seinem Hause den Frühsegen, und der Abend fand nicht sein Ende, ohne daß dem lieben Gott gedankt wurde für das Gute, das er den Tag über beschert hatte, und war auch etwas Ungemach dazwischen gewesen. Daß dem Herrn der Heerscharen seine kleinen außerberuflichen Nebenbeschäftigungen vielleicht nicht ganz genehm sein möchten, kam ihm in seiner christlichen Einfalt nicht in den Sinn.
Lag ein besonderes Werk vor, so folgte dem Morgengebet noch ein zweites, in dem er den Herrn um eine sichere Hand anflehte und den Himmel bat, ihm die Tat nicht vorzubehalten, die er im Namen eines wohlweisen Rates zu tun berufen war. So geschah es auch heute, obschon es nur galt, die peinliche Frage zu tun, wenn die Angeklagten nicht jetzt vor dem Gericht geständig waren. Er nahm die Kappe ab, die Knechte taten ein gleiches, der eine ein wenig langsam und grinsend. Da unterbrach Meister Voß für einen Augenblick die schon begonnene Andacht, und seine Faust saß dem Säumigen im Nacken. »Willst Du Hund unserem Herrgott nicht den nötigen Respekt erweisen?« Der Gemaßregelte ließ sich willig belehren, und das Gebet verlief nach dem Fürspruch des Meisters.
Während dieser Zeit tagte über ihnen noch in einem Gemach das Gericht. Hinter einem schwarzbehangenen Tische, auf dem ein großer Kruzifixus zwischen zwei Kerzen stand, saßen schweigsamen und düsteren Antlitzes der Inquisitor und die Schöffen. An der Seite wartete der Aktuarius mit sorgsam zugeschnittenem Federkiel darauf, die Angaben niederzuschreiben. Es läutete dem Herkommen gemäß gerade die Angelusglocke, als die Beschuldigten von dem Büttel hereingeführt wurden. Das Malefizverfahren schrieb vor, daß die Tortur, die sich etwa anschließen konnte, die Übeltäter mit nüchternem Magen antreffe. So war es auch hier.
Als erste kam die Gittermannsche. Das häßliche Weib überfiel den Gerichtshof sogleich mit einem Schwall von Beteuerungen ihrer Unschuld. Die Magd habe ihr überhaupt nicht gesagt, daß der Trank für einen Menschen sei; er gelte einem Hunde, so sei ihr gesagt worden. Der Richter unterbrach sie strenge und ermahnte sie, zu schweigen und nur auf die Fragen zu antworten. Da sie bei ihrer Behauptung blieb, brach man das Verhör ab.
Katharina gestand unumwunden, daß sie zur Gittermannschen gegangen sei, um sich einen Liebestrank für Heinrich Achtermann zu holen. Die Gittermannsche, welche ihr empfohlen sei, habe durchaus gewußt, wem es gelte. Sofort fiel diese mit einem Schwall von greulichen Flüchen und Verwünschungen über sie her, so daß das Gericht ihr schon jetzt mit Auspeitschen drohen mußte, wenn sie das Verhör noch weiter störe. Da begnügte sie sich, den beiden anderen Frauen giftige Blicke zuzusenden. Die alte Magd beteuerte bei allen Heiligen, daß ihre Herrin nichts von der ganzen Sache gewußt habe.
Auch Venne erzählte den Vorgang so. Der Richter schüttelte den Kopf. »Und Ihr behauptet allen Ernstes und mit Vorbedacht, daß Ihr von dem ganzen bösen Handel nichts wußtet?«
Venne antwortete kurz und bestimmt: »Nein.«
»Bedenkt, es steht ein gewichtiger Zeuge gegen Euch, der Ratsherr Achtermann. Er behauptet das gerade Gegenteil.«
»So spricht er die Unwahrheit«, beharrte Venne trotzig.
»Ich warne Euch«, drängte der Vorsitzende. »Euch kann allein ein offenes Geständnis vor der peinlichen Frage bewahren.«
»Soll ich etwas gestehen, was ich nicht tat«, entgegnete sie mit Tränen.
»Das ist Eure Sache«, antwortete der Richter geschäftsmäßig kühl. Da drängte sich die alte Katharina vor. »Aber ich schwöre Euch, sie ist unschuldig. Wie könnt Ihr glauben, daß Venne Richerdes dazu jemals ihre Zustimmung gegeben haben würde!«
»Führt sie hinaus«, befahl der Unerbittliche streng. »Sie mag reden, wenn sie wieder befragt wird. Und die andere, die Anstifterin, nehmt auch mit.«
»Also, Ihr wollt nicht gestehen?« wandte er sich wieder an Venne. »Gut, so brechen wir damit ab.«
»Man redet Euch auch nach, daß Ihr gegen den wahren Glauben unserer Kirche gesprochen, Euch auch zu dem Apostaten, dem sündigen Mönch Luther, bekannt habet. Wie steht es damit?«
»Das ist der schuftige Schreiber des Bischofs, der uns belauschte und Halbgehörtes entstellte.«
»Ich nehme es für eine Absage,« entgegnete der Richter mit einem stummen Lächeln. »Doch darüber wird Euch etwa noch ein anderer vernehmen. Aber nun erklärt Euch zu Hermann Raßler«, fuhr er dann mit erhobener Stimme fort. »Leugnet Ihr auch hier die Gemeinschaft?«
»Ich leugne nicht, was ich getan habe«, antwortete Venne ruhig. »Ich nahm ihn mir zum Helfer, um mir mein Recht zu verschaffen, das der Rat mir vorenthielt. Daß er Goslar und seinen Bürgern so zugesetzt, wußte ich nicht, und es tut mir leid. Hätte ich es gewußt, ich würde meine Zustimmung nimmer gegeben haben.«
»Und die Beleidigung des Rates und Bürgermeisters Karsten Balder vor des Kaisers Majestät? Wie steht es damit? Leugnet Ihr oder gesteht Ihr?«
»Ich leugne nicht, daß ich sie in Worms vor Kaiser und Reichstag der Beugung des Rechts geziehen habe gegen mich und meinen Vater. Ist das eine Sünde, so muß ich sie tragen. Aber sagt selbst, konnte ich anders, da man mir hier in Goslar die Türen verschloß?«
»Auf meine Ansicht dabei kommt es nicht an«, wehrte der Inquisitor kühl ab. »Also Ihr gesteht. Bleibt noch eins, nicht minder sündhaft. Man sagt Euch nach, daß Ihr den Schädling Hermann Raßler durch listige Überredung gewonnen, auch Euch ihm hingegeben und buhlerisch mit ihm gehauset habt. Stimmt das?«
Flammende Röte schoß Venne ins Gesicht. »Das ist gemein, das ist so niederträchtig, daß ich darauf nichts entgegnen will«, schloß sie mit Zusammenraffen des letzten Stolzes, obschon alles in ihr zitterte.
»Also schreibt, Aktuarius«, fuhr der Grausame ungerührt und kalt fort. »Die Angeklagte Gittermann gesteht ein, den Zaubertrunk bereitet, leugnet aber, ihn für Menschen bestimmt zu haben. Die Angeklagte Katharina, Magd der Venne Richerdes, hat den Trunk geholt, leugnet aber, ihrer Herrin davon Kenntnis gegeben zu haben. Und Venne Richerdes endlich will von dieser Angelegenheit nichts wissen, leugnet auch die Buhlschaft mit Hermann Raßler, wie die beleidigenden Äußerungen vor des Kaisers Majestät. Sie gesteht indes zu, mit selbigem Hermann Raßler der Stadt Goslar aufgesagt und derselben fleißig Schaden zugefügt zu haben.«
Venne wurde abgeführt; darauf beriet das Gericht, wie weiter zu verfahren sei. Man kam sehr bald zu dem einstimmigen Urteil, daß die drei über die bestrittenen Punkte peinlich zu befragen seien. Es wurde die Reihenfolge festgesetzt, beginnend mit den leichteren Graden.
Wenn all der Scharfsinn, den man im dunklen Mittelalter darauf verwendet hat, Werkzeuge zu ersinnen, welche die eigenen armen Mitmenschen bewegen sollten, Schandtaten zu gestehen, die sie doch niemals begangen haben konnten, wenn diese Tüfteleien darauf eingestellt worden wären, der Menschheit nützliche Dinge zu ersinnen, manche der Erfindungen, deren unsere aufgeklärte Zeit sich rühmt, wären uns von jenen schon vorweggenommen. Die ›Daumenschrauben‹, der ›Spanische Stiefel‹, die ›Pommersche Mütze‹, der ›Halskragen‹, der ›Leibgürtel‹, ein mit Eisenstacheln besetztes Korsett, in welches die Büste der Angeklagten hineingepreßt wurde, der ›Bock‹, ein in scharfer Schneide auslaufender Holzbock, auf welchen die ›Hexe‹ rittlings gesetzt wurde, stellen nur eine kleine Auslese der Marterinstrumente dar, mit deren Anwendung man die Armen zum Geständnis zu bringen suchte.
Man begann bei den Angeklagten mit dem Auspeitschen. Gräßlich hallte das Geschrei der Gittermannschen durch den Raum. Unbeweglich sahen der Richter und die Schöffen zu. Das Weib wand sich unter den unbarmherzigen Streichen, die ihren Rücken zerfetzten. Sie schrie, sie wolle gestehen, sie widerrief, und wieder sausten die Streiche herab. Da brach ihr Widerstand endlich.
Venne kämpfte mit einer Ohnmacht während des gräßlichen Schauspiels, und doch galt es bisher nur einer Fremden, einem widerwärtigen alten Weibe, dem mit dieser grausamen Behandlung vielleicht eine gerechte Buße auferlegt wurde für viele heimliche Sünden.
Als aber ihre alte Katharina, ihre treue Pflegerin und Behüterin seit den Tagen der sonnigen Kindheit, an den Pfahl gebunden und ihr Rücken sich unter den Streichen des Henkers blutig rötete, da war sie zu Ende mit ihrem Widerstand.
»Haltet ein, haltet ein, sie ist unschuldig, ich will gestehen!«
Katharina hatte bis dahin alles ertragen, nur ein Ächzen rang sich über die welken Lippen; jetzt aber, da die Herrin sich für sie opfern wollte, schrie sie dazwischen: »Glaubt ihr nicht, sie sagt die Unwahrheit; ich war's allein.«
Der Richter kehrte sich nicht an ihr Geschrei. Ihm lag vielmehr an dem Geständnis der einen, der Hauptperson, die als ein ruchloses Scheusal dem Volke vorgeführt werden mußte, sollte die Strafe allen als gerecht erscheinen.
Ihre Freunde waren bei dem Prozeß zu der Rolle der ohnmächtigen Zuschauer verurteilt. Immecke Rosenhagen saß voller Ingrimm im ›Goldenen Adler‹. Die Gäste litten unter ihrer Laune. In ihrer alten Entschlossenheit suchte sie den Bürgermeister auf und bedeutete ihm, er könne doch unmöglich an das hirnverbrannte Zeug glauben; sie wies darauf hin, daß es nicht guttue, ein Mitglied einer alten Patrizierfamilie in dieser Weise bloßzustellen, denn die gemeine Masse ziehe daraus leicht ihre Schlüsse auf die Qualität der Vornehmen überhaupt. -- Es war vergebens. Noch höher stieg ihr Groll, wenn sie darauf kam, daß der Ratsherr Achtermann, der am meisten Schuldige, triumphiere.
Erdwin Scheffer, der Stadtweibel, fraß seinen Grimm in sich hinein, wenigstens draußen. Zu Hause mußten die Kinder seine Laune büßen, wenn sie sich irgendwie laut machten.
Johannes Hardt war in seiner Rolle als Verteidiger sehr beschränkt. Bei der vorgefaßten Meinung der Richter verhallten seine eindringlichen Worte. Man wollte ein Opfer, und Venne sollte es sein!
Schon als die Folter bestimmt wurde für den Fall, daß sie nicht gestehe, erwies sich die Voreingenommenheit. Nach der bestehenden Gerichtsordnung konnten graduierte Personen, wie Doktoren, Lizentiaten, Professoren, Advokaten, und Leute von Stand, wie aus vornehmen Bürgergeschlechtern, die denen des Adels gleichzusetzen seien, von der Folter befreit werden; man ließ die Vergünstigung für Venne nicht zu. Als das Urteil gefällt war, das für die Gittermannsche auf den Feuertod, für Katharina auf erneutes Auspeitschen und Verweisung aus der Stadt und für Venne Richerdes endlich auf den Tod durch das Schwert lautete, versuchte Johannes Hardt noch einmal, sie zu retten. In einer Eingabe an den Rat wies er darauf hin, daß ein Appell an den Kaiser Begnadigung erwirken könne. Man verweigerte es. Die Stadt habe das Recht über Leben und Tod, also lasse sie sich von niemand dreinreden. Mutlos kehrte Johannes zu den Seinen zurück. Unaufhörlich flossen die Tränen Giselas; das harte Los Vennes konnte sie nicht ändern. Es wurde von dem Rate als eine besondere Vergünstigung hingestellt, daß man sie nicht wie eine gemeine Hexe verbrennen lasse, sondern sie durch das Schwert aburteilen wolle.
* * * * *
Venne Richerdes saß in strenger Haft. Man suchte einen abermaligen Befreiungsversuch durch geeignete Maßnahmen unmöglich zu machen. Sie war jetzt in Wahrheit von aller Welt abgeschlossen und bekam Menschen nur bei gelegentlichen Verhören noch zu sehen, die aber immer von kurzer Dauer waren, da ihr Geständnis vor dem Inquisitor als ausreichend angesehen wurde. Auch wollte man keinerlei Gelegenheit zu einem Widerruf bieten.
Venne dachte allerdings gar nicht an einen solchen, denn er würde das gräßliche Schauspiel erneuern, das ihr fast die Besinnung nahm. Lieber wollte sie aber den Tod selbst erleiden, ehe sie ihre alte, gute Katharina noch einmal den Henkersknechten auslieferte! Der Tod aber war ihr gewiß, so viel wußte auch sie von der grausamen Rechtspflege ihrer Zeit. Keine Rettung, nachdem Raßlers Versuch gescheitert war.
Der Keller des Goslarer Rathauses, der heute noch in seiner Urform zu sehen ist, ist vor anderen Anlagen gleicher Art ausgezeichnet durch seine ungewöhnlichen Höhenausmaße. Wie gewaltige Höhlen erstrecken sich die Gewölbe unter dem alten Gebäude dahin. Das Auge sieht die Wölbungen in unerreichbarer Höhe über sich, das Tageslicht dringt durch schmale, fast ebenso hoch liegende Schlitze in geiziger Sparsamkeit hinein und läßt das Dunkel des Raumes nur noch um so gespenstiger und grauenhafter erscheinen.
In einem dieser schauerlichen Verließe saß Venne Richerdes und wartete auf ihren Spruch. Kein Mensch nahte ihr als der Kerkermeister, der ihr die Speisen brachte und grußlos und schweigsam kam und ging. Kein Laut der Außenwelt drang zu ihr, sie war schon jetzt für ihre Mitmenschen tot.
Auch Johannes Hardt erhielt nicht länger Zutritt zu ihr, aber einer vergaß sie nicht, die Kirche. Sie, die sich von ihr als Abtrünnige gekränkt glauben konnte, wollte doch versuchen, die irrende Seele zu retten. So schickte sie ihren Boten, und bei der Auswahl erwies sich's, daß sie die Seelenkunde als vornehmste Waffe gegen den Unglauben zu verwenden verstand. Es kam nicht ein Eiferer, nicht ein ungestümer Hitzkopf, der mit dem Donner seines Wortes die Arme zu gewinnen suchte, sondern ein alter, würdiger Pater, ein Franziskaner, bei dem sie, wie die Mutter, bisweilen gebeichtet hatte. Aus seinem Wesen sprachen Güte und Nachsicht.
Mit einem freundlichen, milden Wort begrüßte er sie, als er ihr die Hand reichte. Nichts von Vorwurf, nichts von Geringschätzung.
»Auf Dir lastet ein schweres Geschick, meine Tochter. Wie findest Du Dich damit ab?« begann er teilnehmend.
»Wie man etwas Unverdientes hinnimmt, ehrwürdiger Vater. Man grollt dagegen und kann es doch nicht ändern. Man möchte die ganze Welt verderben und weiß doch, daß sie darob nur hohnlacht«, murrte sie düster. Seine Hand glitt tröstend über ihr Haar. »Wer kennt Gottes Wege, und wer weiß, wohin das zielt, was er uns schickt? -- Wir meinen vor anderen zum Leiden ausersehen zu sein, wähnen uns zu Besonderem bestimmt, ungerecht aus der Bahn gerissen, und sind doch nur Staubkörnlein auf seinem Wege. Und eins, mein Kind, vergessen wir gar zu gern ob der Klagen: die Selbstanklage.
Ich bin nicht gekommen, Dich anzuklagen, ich will Dich aufzurichten suchen. Aber so Du auch gegen die anderen haderst, wie mir scheint, prüfe auch, ob Du vor Dir selbst gerechtfertigt dastehst. Ich bin ein alter Mann, der manches von der Welt gesehen hat. Vielerorts habe ich die Ungerechtigkeit triumphieren sehen, ohne dagegen einschreiten zu können. Auch in Deinem Falle liegt es, wie mir scheint, ähnlich. Deine Widersacher haben sich gegen Dich verschworen. Was Du dabei zur Gegenwehr gegen Deine Heimatstadt unternahmest, ist ebenso verwerflich, aber es mag mit Deiner Verlassenheit und Hilflosigkeit zum Teil erklärt und entschuldigt werden. Doch was Dir als schwere Schuld anzurechnen bleibt, ist Deine Einstellung zu den Schwarmgeistern, als deren schlimmster und ruchlosester jener wortbrüchige Mönch anzusehen ist, den Du in Worms zu Deinem Verderben hörtest.«
»Ihr habt es von dem schuftigen Schreiber des Bischofs«, warf Venne mit zuckenden Lippen, verächtlich lächelnd, ein. »Gegen solche Zeugen mag ich mich nicht verteidigen.«
»So sagt, daß er lügt,« fiel ihr der Mönch ins Wort, »und auch ich will ihn für einen Schuft erklären und aller Welt Eure Reinheit verkündigen.«
»Das vermag ich nicht zu sagen«, bekannte sie freimütig. »Zwar hat er nur halb aufgefangene Worte hämisch und tückisch weitergetragen, aber in der Sache hat er nicht unrecht. Ich will bekennen, daß der Wittenberger einen gewaltigen Eindruck auf mich machte. Und was Ihr ihm nachsagt von Ruchlosigkeit und Schlimmerem, vermag ich nicht zu glauben. Wenn Ihr den Mann gesehen hättet mit seiner lodernden Begeisterung, seinen überzeugenden Worten, denen die Wahrheit auf der Stirn geschrieben stand ...«
-- »Höre auf,« rief der Pater, »ich sehe, Du bist schon völlig in die Netze dieses Apostaten verstrickt. Kehre um, solange es noch Zeit ist. Ich beschwöre Dich bei Deiner Seligkeit. Oder ist es dazu schon zu spät, hast Du Dich ihm mit Leib und Seele verschrieben?«
»Eure Sorge ist verfrüht«, entgegnete Venne. »Und«, fuhr sie bitter fort, »hättet Ihr vor meiner Fahrt nach Worms nur einen Bruchteil Eures Eifers um mich aufgebracht, so fändet Ihr mich wohl gar nicht in dieser Stimmung und auch nicht in dieser Lage. Noch ist nicht geschehen, was Ihr befürchtet; aber ich bin auf dem Wege zu ihm, dem Wahrheitskündiger und Seelenarzt. Das sollt Ihr wissen.«
Der Mönch lenkte ein: »Du machst die Kirche und uns, ihre Diener, zu Unrecht für das verantwortlich, für die Unbill, die Dir widerfuhr. Wir mischen uns nicht in weltliche Händel, wie Du weißt.«
»Nun, so laßt mich diese weltlichen Händel auch austragen mit all dem, was sie im Gefolge haben«, schloß sie bitter.
Aber der Pater wagte noch eine letzte Mahnung.
»Meine Tochter, vergiß, was man Dir zufügte, vergiß aber nicht, was Deiner im Jenseits wartet! Höllenqual und ewige Verdammnis, und vergiß nicht den Schmerz, den Du Deinen Eltern zufügst durch Deine Tat. Sie warten Deiner in ihren lichten Höhen. Willst Du Dich von ihnen scheiden?«
Sanft, mit zarter Güte war es gesprochen, und wie früher verfehlten diese Worte ihren Eindruck nicht. Venne begann bitterlich zu weinen.
»Das ist ja das qualvolle, daß ich nicht ein noch aus weiß in meiner Not. Wie oft habe ich schon daran gedacht, und doch zieht es mich immer wieder nach jener Seite, wo der Wittenberger steht!«
Der Besucher sah, daß er dem armen Mädchen jetzt nicht weiter zusetzen dürfe, deshalb schickte er sich zum Aufbruch an. »Du zweifelst noch, meine Tochter, da ist nicht alles verloren. Ich will jetzt gehen und Dich mit Gott und den Heiligen allein lassen. Mögen sie Dir das Herz erleuchten und Dir zurückhelfen auf den rechten Weg. Und vergiß nicht: Dem Reuigen behält die heilige Kirche seine Sünden nicht vor.«
Der Mönch ging. Venne war wieder allein in ihrer trostlosen Einsamkeit. Und dann sank der Abend herab, und die Nacht drohte, die grauenvolle Nacht ohne Schlaf. Venne sah es an dem Verblassen des Lichtstreifens, der in ihren Kerker fiel.
Verzweiflungsvoll irrte sie in dem engen Gefängnis hin und her. Sie wurde erneut ein Raub der widerstreitendsten Gefühle. Die Worte des Mönches hatten alles in ihr aufgewühlt, was sie zur Ruhe gekommen glaubte. Wie gierige Wölfe fielen die Gedanken sie an, ihre irdische Not, die Trennung von dem Geliebten, der ihr auf immer entrissen war, die ihr angetane Schmach; ihr ganzes verpfuschtes Dasein stieg vor ihr auf. Und dann die grausige Vorstellung, daß sie dem Henker verfallen sei. »Wehe, wehe, so jung und schon sterben müssen!« -- Und mit dem Tode war es noch nicht zu Ende, selbst in das Jenseits hinein belastete sie noch die Erdenschwere: »Was harrt Deiner dort?«
In namenlosem Jammer rang sie die Hände. »Herr mein Gott, erleuchte mich! Vater, Mutter, gebt mir einen Wink, wo der rechte Weg ist!«
Keine Antwort in der erdrückenden Stille, schwarze Nacht ringsum! -- Doch da schleicht sich ein Schimmer in ihr Gefängnis und trifft ihr ruhelos irrendes Auge. Ein Sternlein sendet sein bescheidenes Licht durch den Fensterschlitz. Aus erdenweiter Ferne gleitet sein milder Glanz herab in den Raum, wo irdische Unbill sie ummauert hält. Und ein zweites steht ihm getreulich zur Seite, und ein drittes. In sanfter Stetigkeit blicken die Augen des Himmels auf sie herab. Und Venne klimmt mit ihrem leidgeprüften Herzen zu den Seligen empor, die da oben in den himmlischen Sphären wandeln und leben. Vielleicht wohnt auf eben dem Sternlein das Mütterlein und der Vater, und sie sehen herab auf ihre Tochter, die in dieser furchtbaren Einsamkeit dem frühen, harten Tode entgegenlebt.
»Mutter, Mutter, erbarme Dich meiner. Gib mir ein Zeichen, daß Du mir nicht zürnst, daß ich nicht von Dir geschieden bleibe!« Und ihre Seele sucht in brünstigem Gebet die Ferne, Selige.
Da fließt es wie ein linder Trost ihr ins Herz. Das verklärte Antlitz der Mutter blickt auf sie hernieder, und sie spricht zu ihr: »Fürchte Dich nicht, meine Venne, ich bin bei Dir jetzt, und ich umschwebe Dich in Deiner letzten, großen Not. Du suchtest Gott, Du hast ihn gefunden; bleibe ihm treu, höre nicht auf Menschenwort. Und alles, was das Herz Dir bedrückt, das wirf auf ihn, den Eingeborenen, den er uns sandte, uns zu heilen und zu lösen. Jesus Christus, Dein Stab! An ihn halte Dich, mit ihm tritt die Wanderung an durch das dunkle Tal, das Dich zu mir, zu uns führt!«
»Jesus Christus, Dein Heil, Deine Zuversicht!« -- wie milder, heilsamer Balsam legte es sich auf ihre zweifeldurchwühlte Brust. »Jesus Christus, Dein Stecken und Dein Stab!« -- mit einem Seufzer unendlichen Glücksgefühls wandte sich ihr Blick von den schwindenden Sternen, die ihre Bahn durch die Ewigkeit fortsetzten.
»Jesus Christus!« -- Der Name schwebte noch auf ihren Lippen, als die Augen sich schlossen zum Schlummer auf hartem Lager.
Am nächsten Tage schon kehrte der Franziskaner wieder. Er fand Venne in gelassener Ruhe. Der Friede in ihrer Stimme, der ihm bei seinem Gruß entgegenklang, erfüllte ihn mit Unruhe und Sorge.
»Hast Du Dich zurückgefunden, meine Tochter?« fragte er mit milder Stimme.
»Wie Ihr es versteht,« entgegnete Venne, »zurückgefunden oder zurechtgefunden zu meinem Gott und Erlöser; von ihm soll mich nichts mehr scheiden.«
»Wie soll ich das verstehen?« forschte er. »Dachtest Du auch an das, was ich Dir von den Eltern und dem Jenseits sagte?«
»Seid gewiß,« erwiderte sie zuversichtlich, »ich fand sie und hörte ihren Rat, der aber weist mich zu Jesum. Ihm will ich folgen und nur ihm.«
»Und die Kirche und die lieben Heiligen, baust Du nicht auf ihre gnadenbringende Fürsprache?«
»Ich habe meinen Heiland, habe Jesum Christum, was brauche ich sie!«
»So bist Du verloren für die Zeit und Ewigkeit!« Grollend erklangen seine Worte.
»Zürnet nicht, ehrwürdiger Vater«, bat Venne mit sanfter Stimme. »Es schmerzt mich, daß ich Euch kränken muß, der mir nur Gutes erwies. Aber Gottes Gebot geht vor Menschenwunsch. Und Gott befiehlt mir durch mein Mütterlein: ›Bleibe getreu und halte Dich an Jesum Christum!‹«
Da schied der Mönch zum andern Male von ihr, und er ging mit wehem Herzen, daß er die verirrte Seele nicht zurückgewinnen solle. Traurig war sein Blick, und Trauer durchzitterte seine Stimme, als er murmelte:
»So leb' denn wohl für diese Zeit und für die Ewigkeit!«