Chapter 7 of 18 · 3997 words · ~20 min read

Part 7

»Nichts für ungut«, erwiderte Achtermann, ungerührt durch die Heftigkeit seines Gegenübers. »Ich sehe gern klare Verhältnisse vor mir.« Dann lenkte er, sich zum Aufbruch anschickend, mit einer teilnehmenden Frage nach dem Befinden der kranken Hausfrau auf ein anderes Gebiet über.

»Ich hörte kürzlich in Braunschweig von einem neuen Mittel, das bei Leiden der Art Wunder wirken soll. Ich habe es im Augenblick vergessen, will mich aber, kann ich Euch damit einen Gefallen erweisen, gern danach umtun. Im übrigen halte ich mich Eurer armen Frau Eheliebsten bestens empfohlen, bitte, ihr auch von meiner Frau die besten Grüße mit dem aufrichtigen Wunsch baldiger Genesung ausrichten zu wollen. Sie hofft, bei guter Gelegenheit nächstens sich selbst nach ihr umsehen zu können. Und nun,« damit schied der Einflußreiche und versetzte ihm einen leichten Schlag auf die Schulter, »alter Murrkopf, einen schönen Gruß auch dem Töchterlein!« Lächelnd schied er, und lächelnd gab ihm Richerdes das Geleite. Dann kehrte er in die Stube zurück.

Die Worte Heinrich Achtermanns gingen ihm durch den Kopf, und die Sorge wurde damit nicht geringer. Wenn die Befürchtungen des Ratsherren eintrafen, stand es allerdings schlecht mit ihm und den Seinen, und er selbst war dann, wenn kein Bettler, doch ein armer Mann, dessen Tochter zu freien, mancher sich scheuen würde. Was Achtermann von den Beziehungen zwischen den Kindern sagte, war ihm neu. Er beschloß, mit der treuen Lebensgefährtin auch dieses zu besprechen. Sie, die ihm so manches Mal schon guten Rat gewußt hatte, würde gewiß auch dieses Mal das Rechte treffen. Das Glück ihrer Venne stand beiden am höchsten, und diesem Glück sollte auch sein Eigensinn und sein Widerwillen gegen Karsten Balder nicht entgegenstehen; das nahm er sich vor.

Der Tribut des Alters an die Zeit ist Verblassen und Verblühen, ist Schwinden von Schönheit und Kraft. Was im Werden und Vergehen des Menschen gilt, hat auch im Leben der Städte nur allzuoft eine traurige Bestätigung gefunden. Von der Herrlichkeit einer alten großen Zeit zeugen heute nur noch kärgliche Reste, hier und da ein brüchiger Turm oder die ins Leere starrenden Zinken einer Turmruine, ein Stückchen Stadtmauer, eine hochragende Kirche, welche die Armseligkeit der sie umlagernden Häuserzeilen nur um so greller hervortreten läßt. Das ist das Schicksal so mancher Stadt geworden, die einst wohlgegürtet hinter Wall und Mauer ihre Rechte verteidigte und mit Herzögen und Königen auf der Stufe des Gleichberechtigten verhandelte. Das schien auch Goslars Los zu sein. Von der Höhe seiner mittelalterlichen Macht war es durch schlimme Kriegsläufe und, damit zusammenhängend, durch das Versiegen seiner Geldquellen, des Bergwerkes und der endlosen Forsten, Stufe um Stufe herabgeglitten. Was um die Wende des neunzehnten Jahrhunderts übrigblieb, wies alle Anzeichen eines schnellen unaufhaltsamen Verfalles auf. Die Zahl der Einwohner war erschreckend gesunken, in den weiten Mauern wohnte ein armseliges, müdes Geschlecht, das in seinem Elend mit dem Erbe einer großen Vergangenheit nichts Besseres anzufangen wußte, als daß es sich aus dem alten Gewande neue Stücke schnitt, um seine Blöße zu verbergen. Es ist die böse Zeit, wo die Brüderkirche niedergelegt, wo der ehrwürdige Dom auf Abbruch verkauft wurde. Die Domkapelle, die allein von dem alten Münster noch Zeugnis ablegt, läßt uns ahnen, was in jenen Jahren unwiederbringlich verlorenging. Gar manches Kapitäl oder Gesims, an verlorener Stelle in eine Gartenmauer eingefügt oder einem Speicher als Eintrittsschwelle dienend, erinnert an diese schlimme Zeit, wo das sterbende Goslar sich seines Schmuckes zu entkleiden begann, um als Bettler ins Grab zu steigen.

In dieser Zeit des Verfalles, und noch später, ist vieles dem Unverstande wie der Not zum Opfer gefallen, auch von den ehemals geschlossenen Festungsanlagen; aber vieles blieb doch auch erhalten und legt noch heute Zeugnis ab von dem wehrhaften Sinn der Altvordern, so die gewaltigen Tortürme, deren am Breiten Tore, die Stirn dem Braunschweiger zugewandt, gleich ein ganzes Rudel auftritt. Sie ragen noch heute ebenso trutzig wie zur Zeit ihrer Errichtung in die Lüfte.

Die stattlichsten unter ihnen, der große Turm am Breiten Tor, der Dicke Zwinger in der Nähe der Kaiserpfalz, dessen 24 Fuß starke Mauern noch heute das Staunen der Besucher erregen, der Papenzwinger, sie verdanken ihren Ursprung der Zeit, da unsere Geschichte spielt. Die Goslarer wollten ihre Stadt zu einer uneinnehmbaren Festung ausbauen. Sie hatten Anlaß dazu; denn die Zahl ihrer Feinde und Neider wurde größer in dem Maße, wie der Wohlstand und die Macht der Stadt wuchs. Ernesti hatte Johannes Hardt die Lage richtig geschildert, aber auch der Rat war sich der Gefahr wohl bewußt und suchte ihr durch geeignete Maßnahmen zu begegnen.

Schon im Anfang des neuen Jahrhunderts war der Grundstein gelegt zu einem weiteren, mächtigen Bollwerk. Um die Herstellung der Anlagen, besonders der Zwinger, hatten sich jeweils einige Bürger verdient gemacht; so war der Papenzwinger der Aufsicht des Worthalters der Gemeinen, wie die Versammlung der Vertreter der Bürgerschaft hieß, Kips anvertraut gewesen. Das neue Bauwerk, das am neuerbauten Rufzen- oder Rosentor sich zu dessen Verstärkung erheben sollte, unterstand dem Schutze des Ratsherrn Achtermann. Er war nicht nur um die Weiterführung besorgt, sondern steuerte auch zu den Kosten einen erheblichen Teil bei. Es entsprach daher nur einem Akt der Dankbarkeit, wenn man das gewaltige Bauwerk ihm zu Ehren als ›Achtermann‹-Zwinger benannte. Es ist der dicke, ungefüge Geselle, der dem Rosentor vorgelagert ist und heute noch die Besucher Goslars beim Eintritt in die Stadt als erster Zeuge seiner ehemaligen Wehrhaftigkeit begrüßt.

Mehrere Jahre hatte der Bau gedauert, einige Male mußte er unterbrochen werden. Jetzt stand er da, riesig und gewaltig, und das Ereignis der Beendigung sollte durch ein Fest besonders gefeiert werden. Die untere Halle, ein gewaltiger Rundraum, war mit Tannengrün festlich geschmückt. Kerzenglanz erhellte den düsteren Raum und ließ einen Abglanz auf den freudig erregten Gesichtern der Festteilnehmer.

Ein üppiges Festmahl, ohne das in jener genußfreudigen Zeit ein Fest schwer denkbar war, leitete die Feier ein. Der Wein floß in Strömen, und die fremden Gäste, die flandrischen Kaufleute, die vertreten waren, konnten sich von der Freigebigkeit ihrer Wirte überzeugen. Auch das Volk draußen, welches den Turm umlagerte, erhielt seinen Anteil, und nach der Stärke des Jubels und freudigen Lärms zu urteilen, mußte es gleichfalls befriedigt sein. Der Rat saß zu oberst an besonderer Tafel. Die Reden, welche gewechselt wurden, galten der Wichtigkeit des neuen Bauwerks und dem Mann, dessen Tatkraft es in erster Linie zu verdanken war.

Achtermann, der im Mittelpunkte der Feier stand, ließ die vielen Lobeserhebungen mit einem gewissen freudigen Gleichmut über sich ergehen; er wußte, was er geschaffen und weshalb er es geschaffen. Das neue Bollwerk bildete einen Markstein in der Befestigungskunst seiner Stadt, der Stadt, die er liebte, weil sie seine Heimat war und ihn zu Ehren und Ansehen gebracht hatte. Mit ihrer Wehrhaftigkeit, des war er sich in all dem Trubel sehr wohl bewußt, erhöhte er aber nicht nur ihre Sicherheit, sondern auch den Schutz des eigenen Besitzes, des Erbes der Väter, das er gut verwaltet und vermehrt hatte, so daß er es seinerzeit mit Stolz den Kindern überlassen konnte.

Je länger die Feier dauerte, desto größer wurde die Ungeduld der Jugend, die den langatmigen und gewichtigen Reden der Alten nur wenig Geschmack abzugewinnen wußte. Hier und da hatten sie sich zu Gruppen zusammengefunden, liebreizende, weißgekleidete Jungfrauen und hübsche Jünglinge, denen das grüne oder schwarze Samtjäckchen mit den Längspuffen und den lang herabwallenden Ärmelschlitzen trefflich zu Gesicht stand, wie der Degen, auf dessen goldenen Knauf sie die Linke stützten. Alte Bekannte hatten sich gefunden, Johannes Hardt, der mit der Tochter des Bürgermeisters lebhaft plauderte und von Heinrichs Schwester Maria geneckt wurde, Venne Richerdes, die wie eine Lichtgestalt aus dem Schatten der Seitenwand mit Heinrich Achtermann heraustrat, gleichfalls in ein angelegentliches Gespräch versunken. Langsam schreitend kamen sie durch die Halle auf die anderen zu. In Marias Augen blitzte es schalkhaft auf, während die Tochter Karsten Balders verstimmt zur Seite blickte. Ihr Herz schlug dem schlanken Jünglinge entgegen, der an Vennes Seite in anmutiger, jugendlicher Kraft daherschritt. Bitter stieg es in ihr auf, als sie die beredten Blicke sah, mit denen Heinrich Achtermann auf die blühende Gestalt an seiner Seite blickte: Warum blieb ihr versagt, was jener mühelos, wie es schien, zufiel? -- Oder spielte sie nur die Spröde, um ihn um so sicherer an sich zu ketten?

»Nun, Ihr Unzertrennlichen,« redete Maria sie mit liebenswürdigem Spott an, »wollt Ihr uns auch einmal die Ehre schenken?«

Auf Vennes Stirn zeigte sich eine Falte des Unmutes. »Maria«, sagte sie nur vorwurfsvoll.

»Nun ja, nur nicht gleich so empfindlich, Närrin«, fiel Maria ein. »Ist's denn eine Beleidigung von mir oder eine Sünde von Euch, wenn ich Euch nachsage, daß Ihr die letzten Male, da wir uns trafen, oft zusammenhocktet?«

»Von mir ging das ›Zusammenhocken‹ sicher nicht aus«, erwiderte Venne empfindlich.

»Die Jungfer Venne hat recht«, mischte sich da Heinrich Achtermann ein. »Ihr kann niemand nachsagen, daß sie sich aufdrängt. Ich will also reumütig alle Schuld auf mich nehmen; auch für heut bekenne ich mich schuldig. Übrigens ist es kein Geheimnis, was wir verhandelten. Ich möchte sogar Eure Hilfe in Anspruch nehmen, um ein unparteiliches Urteil herbeizuführen.«

»Wir geloben feierlich, unbestechlich zu sein, selbst wenn es auf unsere, der Frauen, Kosten geht«, erklärte Maria übermütig, ehe noch die anderen ein Wort sagen konnten.

»Das ist gut,« entgegnete Heinrich Achtermann, »denn um sie handelte es sich tatsächlich. Wir waren nämlich dabei, die hochwichtige Frage zu lösen, ob wohl die hiesigen Jungfrauen den neuen französischen Reigen, von dem Herr Dehard so begeistert sprach, nicht ebenso zierlich aufführen möchten wie die Pariserinnen. Jungfer Venne bestreitet es; ich plädiere dafür, daß sie es können.«

»Natürlich können wir es«, rief Maria und andere junge Mädchen, die noch zu dem Kreise getreten waren. »Gebt uns nur einen richtigen Tanzmeister, dann werden wir es jenen schon gleichtun. Von Venne aber ist's eine Ketzerei, uns so herabzusetzen.«

»Ich bekenne mich schuldig,« rief sie lachend, »aber ich dachte dabei nur an meine Ungeschicklichkeit.«

»Ungeschicklichkeit, hört ihr's?« drohte Maria mit verstelltem Zorn, »ungeschickt sie, die uns immer voranschreitet im Reigen. Aber sie bekennet sich schuldig, und auf Schuld gehört Sühne. Wer nennt die Buße?«

»Einen Kuß«, rief der Chor. »Wem?« fragte eine andere. »Uns allen«, hieß es von anderer Seite. »Nein, mir«, begehrte Achtermann kühn. »Also ihm,« entschied Maria, »denn er hat die Beleidigung gehört.«

»Laß die Scherze«, sagte Venne unmutig. Aber Maria, welche die beiden zusammenbringen wollte, bestand darauf, auch daß die Buße heute abend noch gezahlt werden müsse. Da legte sich Heinrich selbst ins Mittel. »Ich schlage vor, daß wir den Ausgang abwarten. Zum Langen Tanz wird es sich zeigen können. Dann aber bestehe ich auf meinen Schein.«

»Ich für meinen Teil erlasse Euch die Strafe schon jetzt«, entgegnete Venne spöttisch.

Die Tafel war aufgehoben; die Jugend forderte nun ihr Recht. Die Paare traten zum Reigen an. Zunächst erschienen auch die Alten mit auf dem Plan. Wie die Ehre des Abends es gebot, führte den Reigen der regierende Bürgermeister, Karsten Balder. Ihm zur Seite schritt, der Auszeichnung sich wohl bewußt, die Frau des besonders zu Ehrenden, des Ratsherrn Achtermann.

Das stattliche Paar fesselte nach Gestalt wie Gewandung die Aufmerksamkeit aller. Der strengen Kleiderordnung entsprechend, deren Übertretung durch eine Puffe oder eine Verbrämung man streng ahndete, durften nur diese vornehmsten der Frauen an sich zeigen, was die Kleiderkünstler an Glanz und Pracht für die Umrahmung weiblicher Schönheit oder Schwäche ersonnen. Gar stolz schritt die Patrizierin einher, zierlich geführt von dem hochmögenden Partner. Die Linke hielt den Überwurf, der auf der Unterseite blau abgefüttert war, zugleich mit dem gleichfarbigen bauschigen Kleide gerafft empor, um ein Schreiten zu gestatten. Goldene Sterne über das Ganze gesät, hoben sich leuchtend von dem Untergrunde ab.

Die Büste war durch ein goldenes Band wirkungsvoll abgegrenzt. Um den weit ausladenden Halsausschnitt legte sich edles Geschmeide. Gleich kostbare Ketten hingen von der weißen, mit Goldstreifen verzierten Kappe herab, auf der ein goldener Bausch den stimmungsvollen Abschluß bildete.

Der Bürgermeister war angetan mit einem schweren, dunkelverbrämten Samtmantel, mit breitem, umgelegtem Kragen seltensten Pelzwerkes. Die Linke hielt den weiten Mantel über der Brust verschränkt, indes die Rechte, auf deren Zeigefinger ein gewaltiger Siegelring im Flimmer der Kerze strahlte, die Dame zierlich geleitete.

Langsam und stattlich bewegten sie sich dahin im Reigen. In bedächtigen Intervallen lud die Musik zum Schreiten, Sichneigen und Sichwenden, langsam, viel zu langsam für die Ungeduld der Jugend, die in verbotenem Übermut wohl das Kichern sich verbiß und sich heimlich stieß, in abfälliger Kritik über dieses oder jenes Paar der Würdigen, deren schlecht getragene Majestät der Bewegung ihre Lachlust reizte. Dann war dem Brauch Genüge geschehen, und das Alter wie die Würde zogen sich zurück zu der ihm besser anstehenden Art des Zuschauens. Die Herren verschwanden auch wohl in einer Ecke, einen ungestörten Trunk zu tun und in ernstem oder eifrigem Disput zu bereden, was ihnen am Herzen lag; wieder andere hockten an herbeigeholten Tischen, auf denen das Schachzabel aufgestellt wurde.

Die Reigen, welche die Jugend aufführte, waren die alten, schönen Tänze unserer Altvordern, die der Persönlichkeit freien Spielraum ließen, sich im Rhythmus auszugeben. Ein Sichneigen, Sichheben und Drehen mit der Anmut und Geschmeidigkeit der Jugend, ein Sichfinden und Sichmeiden, das die Gefühle der jungen Herzen in liebreizendster Weise verkörperte. Die Stadtzinkenisten bliesen, die Geigen seufzten und jubilierten in einem Atem, die Flöten tirilierten, als wollten sie zerspringen vor Lust über so viel Jugend und Anmut, die sich zu ihren Füßen im Saal im Rhythmus durcheinanderwand.

Immer höher stieg die Lust, immer kühner wurden die Blicke der Jünglinge, hingebender die Bewegungen der Jungfräulein; Terpsichore sank die Leier aus der Hand, Bacchus drohte die Herrschaft zu gewinnen, da gab Karsten Balder das Zeichen zum Schluß des Festes. Ungestüm bat und drängte die Jugend, man möge noch ein kleines verweilen; das eigene Töchterchen Karsten Balders wurde zum Ansturm auf das väterliche Herz vorgeschickt, aber der Angriff scheiterte an seinem Willen. Sein unbeugsames »Nein« verhinderte, daß das schöne Fest wie so viele seinesgleichen in jener Zeit wilden Genußlebens in eine Bacchanalie ausartete.

Sittsam brach man auf; die kalte Nachtluft verscheuchte die losen Geister, die im Saale die Vernunft zu unterjochen drohten. Die Jungherren geleiteten ihre Damen, die unter züchtig gesenktem Blick das Verlangen verbargen, das eben noch in ihnen aufgewallt war. Ehrbar klangen die Worte, die Ohren der begleitenden Eltern von der Wohlanständigkeit des Begleiters überzeugend. Ein geflüstertes Wörtchen, ein leise gehauchter und verstohlen gewährter Wunsch entging trotzdem ihrer Aufmerksamkeit.

Heinrich Achtermann schritt an der Seite Vennes. Der Vater war auf eigenen Wunsch daheim geblieben bei der kranken Mutter, trotz des Widerspruches Vennes. Sie sollte nicht um die Freuden der Jugend betrogen werden, da sie schon mehr als ihre Freundinnen Entsagung üben mußte durch die Pflege der geliebten Mutter.

An dem stillen Abend, den der Mann am Lager der Kranken verbrachte, kam manches zur Sprache. Auch der Besuch des Ratsherrn Achtermann wurde erörtert und sein Hinweis auf ein enges Band zwischen den beiden Familien.

»Wir sollten dem Glück unserer Venne kein Hindernis in den Weg legen«, meinte die Gattin. »Im Schoße des angesehenen Achtermanns ist sie nach irdischer Voraussicht wohl aufgehoben, und wir können, wenn wir abberufen werden, beruhigt die Augen schließen.«

Richerdes sah das wohl ein; auch gegen die Person des Bewerbers ließ sich nichts Ernstliches einwenden, wäre nur nicht die Bedingung des Ratsherrn gewesen. Auch hier riet die Frau zur Nachgiebigkeit. »Du hast doch selbst in letzter Zeit nicht selten über die zunehmende Unergiebigkeit der Grube geklagt. Wie nun, wenn zuletzt doch Achtermann recht behielte mit einem gänzlichen Zusammenbruch unserer Erwerbsquelle?«

»Aber Karsten Balder«, warf Richerdes ein.

»Ja, Karsten Balder ist der störende Flecken in dem Bilde«, gab sie zu. »Aber sein Triumph, wenn er's so auffaßt, sollte uns doch nicht blind machen gegen den eigenen Vorteil. Und wer weiß, ob wir ihm nicht doch zuletzt unrecht tun. Ich habe in stillen Nächten wohl darüber nachgesonnen. Wir können ihm keinen greifbaren Beweis seines Übelwollens nachweisen, und der Argwohn ist zuletzt ein schlechter Berater. Soll ich ehrlich sein, so weiß ich mich aus der früheren Zeit keines Zuges zu entsinnen, der auf Arglist oder Hinterhältigkeit hindeutet.«

»Daß er mich gern gemocht hat,« fügte sie mit einem errötenden Lächeln hinzu, das ihr Gesicht seltsam verschönte, »ist doch keine Todsünde, die ihm für immer vorbehalten bleiben müßte. Und über die Enttäuschung wird ihm gewiß seine Stellung wie das Glück in der Familie hinweggeholfen haben.«

»Nun gehst Du auch mit fliegender Fahne in des Feindes Lager über«, klagte Richerdes mit einer scherzhaften Resignation. »Da werde ich mich wohl auf eine ehrenvolle Kapitulation einrichten müssen. Nun wollen wir aber das schwerwiegende Gespräch abbrechen, das dich gewiß erregt. Ich will's beschlafen, Mathilde. Zuvor aber gib mir noch ein Weilchen Urlaub für den Schreibtisch. Die stille Stunde gibt mir erwünschte Muße, über Geschäftliches nachzusinnen. Bis dahin kehrt wohl auch Venne zurück.«

Venne war in der Begleitung einer befreundeten Familie zu dem Fest gegangen. Als man sich von ihr verabschiedet hatte, ging sie mit Heinrich Achtermann allein auf der nachtstillen Straße dahin.

»Könnt Ihr mir nicht sagen, Jungfer Venne, was Ihr gegen mich habt?« unterbrach Heinrich das anfängliche Schweigen. Dieses Mal war die Frage in einem Tone gestellt, dem alle leichte Neckerei fernlag.

Venne hatte den ganzen Abend über auch unter den Wogen immer höher gehender, jugendlicher Lust und Freude ihre herbe Sprödigkeit bewahrt, trotz allen heißen Werbens von seiten Heinrich Achtermanns. Es war ihre Natur, die Gefühle des Herzens in sich zu verschließen. Nur ein flüchtiges Lächeln bei den Scherzen aus seinem oder fremdem Munde huschte auch über ihre Züge. Hätte sie gewußt, wie entzückend dieses Lächeln gerade ihr zu Gesicht stand und wäre sie eitel gewesen wie manche ihrer Gefährtinnen, so hätte sie diesen freundlichen Schimmer sich dauernd zu eigen gemacht.

Venne war nicht kühl im Inneren, wie man ihr nachsagte und Heinrich Achtermann es den ganzen Abend empfunden hatte; sie verbarg nur unter dem Mantel jungfräulicher, spröder Ablehnung das warme Gefühl, um es vor fremden Blicken nicht zu entweihen. Auch in ihr pulste das Blut der Jugend, und sie hätte kein Weib sein müssen, wenn ihr nicht die offen zur Schau gestellte Huldigung des stattlichen, schönen Ratsherrensohnes geschmeichelt hätte. Und noch mehr regte sich in ihrem Herzen für den hübschen Gesellen, als sie sich jetzt noch selbst in ihrem Herzen zugestehen mochte. Sie standen vor ihrer Haustür. Die Frage Heinrichs zwang zu einer Antwort, und so wappnete sie sich mit doppelt kühler Zurückhaltung gegen eine unvorsichtige Äußerung.

»Ihr fragt kühn und begehrt viel zu wissen, Junker Achtermann«, suchte sie ihn zurückzuweisen. »Ließ ich mir irgendeine Unhöflichkeit zuschulden kommen, so wäre mir's leid.«

»Nein, daß muß Euch der Neid lassen, Jungfer Venne, darin laßt Ihr es nicht an Euch fehlen. Aber mir wäre es lieber, Ihr vergäßet Euch ein wenig und legtet einmal für einen Augenblick diese stolze Höflichkeit ab, wenigstens mir gegenüber.«

»Und weshalb soll ich gerade Euch gegenüber mich bezwingen und von meiner Art lassen?« -- Kaum war die Frage dem Munde entflohen, als sie ihre Worte auch gern zurückgenommen hätte, denn sie mußten den Gefragten dazu bringen, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

»Weshalb fragt Ihr? Weil Ihr in meinem Herzen wohnt als die Göttin, der ich diene, die ich anbete. Ahnt Ihr nicht, wie es in mir aussieht, wie mein erster und mein letzter Gedanke Euch gilt?«

Venne unterbrach ihn. Um nicht schwach zu werden, nahm sie zum Spott ihre Zuflucht: »Die wievielte bin ich, der Ihr Eure Neigung gesteht?«

»Venne,« erwiderte er mit nachdrücklichem Ernst, den die Leidenschaft durchzitterte, »höhnt mich nicht noch, wollt Ihr mich nicht zur Verzweiflung treiben. Wahr ist es, ich tändelte hier und da und tauschte zärtliche Worte ohne tieferes Gefühl. Ihr seht, ich mache mich nicht besser, als ich bin. Aber laßt mir auch Gerechtigkeit widerfahren; ich bin zuletzt nicht schlechter als meine Freunde und Altersgenossen. Was ich bisher trieb, war jugendlicher Gefühlsüberschwang, leichte Tändelei. Bei Euch aber ist es anderes. Glaubt es mir, glaube mir, Venne Richerdes, Du hast es in der Hand, mich selig zu machen für immer oder mich zu verderben. Trage die Verantwortung dafür, wenn Du kannst, stelle mich auf die Probe, prüfe, aber weise mich nicht für immer zurück.«

In Venne quoll es heiß empor unter der Glut seiner Worte; ein Gefühl von Glückseligkeit durchschauerte sie. Es zog sie zu ihm. War das die große, große Liebe, von der die Dichter sangen? Weich wurde ihr Blick und senkte sich in seine Augen. Heinrich hatte ihre beiden Hände ergriffen. Leidenschaftlich erregt beugte er sich vor. Venne schloß die Augen, wie ein seliger Schwindel überflog es sie. Da ließ sich ein Geräusch im Hause hören. Sie entzog ihm ihre Hände und bat ihn: »Geht, daß man uns nicht sieht.«

Leise öffnete sie die Tür, mit einem traurigen Blick wandte sich Heinrich Achtermann ab. Da traf ein Flüsterton sein Ohr: »Geht, ich warte, daß Ihr die Probe besteht!« und mit einem leisen Kichern huschte sie ins Haus.

Heinrich Achtermann zog beglückt von dannen. Um die Probe war ihm nicht bang. Übers Jahr, so hoffte er, war Venne sein geliebtes Weib.

Im Schefferschen Hause am St.-Ägidien-Platz herrschte weiter drückende Sorge über dem kleinen Kreise, denn noch vermochte auch der Arzt nicht zu sagen, wie die schwere Verwundung Erdwins verlaufen würde. Die Lunge war durch den Schuß gestreift, und die dicke Winterluft bereitete dem schwer Atmenden große Pein. Langsam nur gewann er unter der liebevollen Pflege von Mutter und Schwester die verlorenen Kräfte wieder. Tiefe Blässe lag auf dem eingefallenen, einst so blühenden Gesicht.

Der alte Arzt war mit dem Erfolge seiner Kur nicht zufrieden und behauptete, es müsse noch etwas anderes, Seelisches sein, das die Heilung verzögere. Aber er erhielt auf seine Andeutung keine Antwort, denn den alten, ehrenfesten Handwerker mutete es, mochte er auch auf die Erfüllung seines Lieblingsplanes betreffs der Heirat mit der Nachbarstochter verzichten, wie ein ihm persönlich angetaner Schimpf an, daß im Herzen seines Sohnes ein hergelaufenes Mädchen, die Tochter einer fahrenden Frau, sich eingenistet habe.

Die Mutter wurde unter einem inneren Zwiespalt hin und her gezerrt. Im Herzen stand sie auf der Seite ihres Mannes; auch sie konnte sich von dem übererbten Vorurteil nicht frei machen, obwohl Monikas bescheidenes Wesen und der Liebreiz ihrer Erscheinung ihren Eindruck auf sie nicht verfehlten. Auf der anderen Seite jammerte sie der Zustand des Sohnes, der sich in Sehnsucht nach Monika verzehrte. Lange verbiß er den Schmerz, aber zuletzt brach er sich doch in herben Worten Bahn.

Von der Schwester hatte er vernommen, daß die Geliebte schon am ersten Tage dagewesen sei. Was die Schwester ihm nicht sagte, die Abweisung durch die Eltern, verriet ihm die Verlegenheit der Mutter, so oft er das Gespräch auf sie brachte, sowie des Vaters verschlossenes Gesicht. Wo Monika mit der Mutter Immecke lebte und wie sie hausten, konnte ihm wieder die Schwester berichten, die sie ohne Vorwissen der Eltern in der Badeleber Straße besucht hatte. Sie brachte die Grüße der Frauen mit und ihre herzlichen Wünsche, aber sie konnte den Anblick der Geliebten nicht ersetzen. Immer tiefer fraß sich die Sehnsucht in sein Herz, und größer wurde der Groll gegen die, welche ihm sein Glück vorenthielten. Zuletzt brach's sich über die Lippen Bahn der Mutter gegenüber.

»Eure Pflege ist zu nichts nutze. Laßt mich lieber schnell sterben, als daß ich mich langsam zu Tode quäle. Ich liebe Monika und lasse nicht von ihr. Glaubt doch nicht, daß Ihr mit Eurem Pfahlbürgerstolz trennen könntet, was in jahrelanger, ehrlicher Freundschaft und Liebe zusammengewachsen ist. Wollt Ihr sie weiter von mir getrennt halten, so laßt mich lieber aus dem Hause schaffen zu mitleidigen Menschen, auch auf die Gefahr hin, daß ich dabei mir den Tod hole. So ertrage ich's nimmer lange.«

Da griff der Mutter die Angst ans Herz, und sie versprach, mit dem Vater zu reden.

Der brave Meister Scheffer war höchst ungehalten über die Zumutung seiner Lebensgefährtin, er solle die hergelaufene Dirne in seinem Hause aufnehmen. Immer wieder wies er darauf hin, daß es Landstreichervolk sei, dem sie die Tür öffnen wolle. Aber sie blieb fest, aus Angst um das Leben des Sohnes, und sie erreichte endlich, daß er, wenn auch ingrimmig und grollend, seine Zustimmung gab. »Aber mich laßt aus dem Spiele«, entschied er unerbittlich. »Ich will mit der Narretei nichts zu tun haben und gehe aus dem Hause, wenn das Mädchen kommt.«