Chapter 15 of 18 · 3879 words · ~19 min read

Part 15

Sie berührte kein Essen, immer tiefer fraß sie sich in ihre verbissene Wut. Von aller Welt kam sie sich verlassen vor, verhöhnt, gehetzt; es war die richtige Stimmung, um den Menschen zu verzweifelten Schritten zu verleiten.

In dieser Stimmung besann sie sich der Worte jenes Fremden, der Hermann Raßler sein sollte. Er haßte gleich ihr den Rat von Goslar. Bei ihm würde sie Verständnis für ihre Lage finden. So machte sie sich auf den Weg zu dem in Waldeseinsamkeit gelegenen Kloster der Grauen Brüder, dem heutigen Grauhof.

Man war dort über ihren Prozeß unterrichtet, und es schien, als ob auch der Fremde schon von ihrer Lage gehört hatte, denn er hatte genaue Anweisung für den Fall gegeben, daß Venne Richerdes nach ihm frage.

»Ihr trefft, den Ihr sucht, in Wolfenbüttel in der Herberge zum ›Anker‹. Fragt dort nach Herrn Starke, so wird Euch weitere Auskunft werden.«

So trat Venne die Reise nach der herzoglichen Residenz an. Daheim und den Freunden gegenüber verschwieg sie alles, was sie vorhatte.

Im Schlosse zu Wolfenbüttel residierte Herzog Heinrich der Jüngere, wenn er nicht mit seinen Reisigen im Felde lag gegen den Hildesheimer Bischof, gegen die Vettern seines eigenen Stammes im Kalenbergschen, im Göttinger Lande oder wo immer Bellona einen Vorteil verhieß und die Austragung alter Gegensätze erlaubte. Die Mauern und Wälle der guten Stadt Wolfenbüttel dünkten ihm und seinen Vorfahren noch nicht Schutzes genug gegen Gelüste, sich an seiner fürstlichen Person zu vergreifen.

Dem Rat von Braunschweig, wie jedem einzelnen Braunschweiger, traute er ohne weiteres die Frechheit zu, daß sie, wenn sie es vermöchten, ohne ehrerbietigen Gruß bei ihm eindringen und ihn als gute Prise mit sich schleppen würden. So war das Schloß, das sich als ein gewaltiges Gebäudegeviert um einen kleinen Binnenhof lagerte, noch wieder eine Festung für sich, umspült von dem breiten Graben eines Okerarmes und in sich geschützt durch mächtige Mauern und starke Türme, an denen sich diejenigen, die dennoch die Stadt bezwungen hätten, erst noch ihre Dickköpfe einrennen mochten, ehe sie vor ihm selbst mit ihren unhöflichen Forderungen auftreten konnten.

Im Schlosse selbst lag eine starke Guardia, eine Leibwache, einquartiert, unter dem Befehl eines Hauptmanns. An den zwei Toren, die den Einlaß zum Hofe und zum inneren Schlosse freigaben, standen Wachen, die jeden Ein- und Ausgehenden auf seine Zuverlässigkeit hin musterten. Ohne genügenden Ausweis gelangte kein Fremder durch das Tor.

Der Ankömmling, der in diesem Augenblick die Wache unangehalten passierte, mußte also allen wohlbekannt sein, denn weder machte er Anstalt zu einer Legitimation, noch wagte einer der Wachleute ihn zu befragen. Auf dem Kopfe trug er eine dunkle Lederkappe, die mit einem Reiherstoß geschmückt war. An der Seite hing ihm in goldverziertem Gehänge der Degen.

Die Wachen sahen ihm mit schlecht verhehltem Neide und Unwillen nach. »Das spreizt sich, als ob er des Herzogs leibhaftiger Vetter wäre«, murrte der Korporal Schünemann, der Wachthabende, zu dem Doppelsöldner Karsten Süßkind. »Unsereiner ist Luft für den Herrn, als ob man nicht mit Ehren seine Kampagnen hinter sich hätte.«

»Er ist ja auch mehr als Ihr und ich, Korporal«, höhnte Süßkind. »Wir beide haben es noch nicht zum Hauptmann gebracht. Möchte freilich nicht mit ihm tauschen, denn zum Räuberhauptmann ist sich meiner Mutter Sohn doch zu schade.«

»Der Herr Herzog nimmt aber keinen Anstoß daran,« mischte sich ein dritter ein, »ebensowenig wie der Herr Kriegsrat Tewes, der ja oft mit ihm konferiert.«

»Herzog Heinrich wird schon seine Gründe haben, weshalb er den Raßler so oft bei sich sieht,« verteidigte der Korporal seinen Herrn, »und er wird mit dem Manne sich nicht weiter einlassen, als sein Interesse es fordert.«

Der, von dem die Rede war, bog indes rechts ab in das Schloß und stieg die Treppe hinauf. Er mußte genau Bescheid wissen, denn er fand sein Ziel, ohne jemand zu fragen. An dem Zimmer, in welchem der Geheime Kriegsrat Tewes über Akten und Plänen saß, klopfte er kurz an und trat auf das »Herein« sofort mit energischem Schritt ein. Tewes blickte auf. Er ging dem Ankömmling sogleich entgegen. »Sieh da, Herr Raßler,« sagte er höflich, »das trifft sich gut. Wir hatten Sehnsucht nach Euch«, setzte er scherzend hinzu.

Der Herr Kriegsrat galt als hochmütig, und es sprach für die Wertschätzung, welche Herr Raßler in dem Schlosse genoß, wenn er ihm das Prädikat »Herr« zuerkannte.

»Da treffen sich die Wünsche gegenseitig,« entgegnete Raßler, »denn auch mich trieb es hierher.«

»Famos, famos,« hüstelte das vertrocknete Männchen, »da können wir gleich ›in medias res‹, wie der Lateiner sagt, gehen.«

»Nicht doch, Herr Tewes,« unterbrach ihn Raßler kurz. »Dieses Mal will ich zuvor mit dem Herzog sprechen. Nachher stehe ich Euch zur Verfügung.«

Es gab dem Höfling einen Stich durch das Herz, daß der Unverschämte den ihm gebührenden Titel einfach unterschlug; aber er wußte, was der Mann beim Herzog galt, der ein für allemal angeordnet hatte, ihn recht glimpflich zu behandeln. So zwang er seinen Unwillen nieder und sagte höflich: »Der Herr Herzog sind im Augenblick sehr beschäftigt und würden eine Störung unliebsam empfinden. Vielleicht kommt Ihr zu gelegener Stunde morgen wieder.«

»Ich denke, Ihr habt Euch nach mir gesehnt, Herr Rat,« fragte Raßler spöttisch, »da darf doch keine Minute verloren werden; und denkt Euch, was ich auf dem Herzen habe, erlaubt auch keinen Aufschub.«

»So will ich versuchen, den Herrn zu melden«, fuhr Tewes gekränkt fort.

»Tut das, Herr Tewes, aber nehmt es nicht übel, wenn ich alsdann allein mit dem Herzog zu sprechen wünsche.«

Raßler fand den Herzog mit einem Apparat beschäftigt, der sein ganzes Interesse in Anspruch nahm.

»Sieh da, der Raßler«, sagte er mit kurzem Aufblicken. »Wartet ein Weilchen; ich bin dabei, diese wunderbare Einrichtung zu studieren. Wißt Ihr, was es darstellt« fragte er dann, während seine Hände noch immer an Schrauben und Rädchen drehten und stellten.

»Es muß wohl mit den Sternen zu tun haben, wie ich sehe. Wohl eines der neumodischen Dinger, von denen man jetzt so viel reden hört«, antwortete Raßler.

»Ganz recht,« fiel ihm Heinrich ins Wort, »es ist ein Astrolabium, mit dem man sich und anderen das Horoskop stellt, um das eigene oder fremde Schicksal zu erkunden. Wäre es Abend, so könnte ich Euch ansagen, was Eurer harrt.«

»Ich danke, Ew. Gnaden«, antwortete Raßler. »Gebt Euch die Mühe nicht. Mich verlangt es nicht, im voraus zu wissen, was aus mir wird. Das nimmt nur die Sicherheit und trübt den Blick.«

»Wie Ihr wollt, wie Ihr wollt«, sagte der Herzog etwas gekränkt, daß der Besuch so wenig Gewicht auf seine Neuerwerbung legte. »Mir ist es jedenfalls von hohem Wert, daß ich im voraus weiß, woran ich bin. Ich finde mich leidlich mit dem Apparat zurecht. Lieber freilich wäre es mir, ich hätte einen tüchtigen Astrologen, der würde mir alles noch zuverlässiger deuten können.«

»Vielleicht bleibt mir einmal ein solches Menschenkind im Netz, dann bringe ich ihn spornstreichs hierher.«

»Sehr gut,« erwiderte Heinrich, »und Ihr könnt unseres Dankes sicher sein. Übrigens«, fuhr er fort, »kommt Ihr wie gerufen, wir hatten uns schon nach Euch erkundigt, haben eilige Arbeit für Euch.

Da ist die Hildesheimer Sache. Die will nicht recht vom Fleck. Ihr wißt ja, wir haben die Reichsacht auszuführen gegen den störrischen Bischof. Sehr ehrenvoll, uns den Auftrag zu geben, aber die Mittel zu finden, überließ man großmütig uns. So sitzt der Herr mit seinem Krummstab ruhig in Hildesheim und lacht uns aus. Der vertrackte Rat von Goslar leistet nur widerwillige und mangelhafte Hilfe. Werden uns der Herren Pfeffersäcke wieder einmal etwas annehmen müssen, um sie kirre zu machen. Inzwischen sollt Ihr uns helfen, sollt dem Bischof mit Euren Leuten eine Laus in den Pelz setzen, daß er sich vor Jucken nicht zu helfen weiß.«

»Ich stehe Euch zu Diensten, Herr Herzog«, antwortete Raßler. »Ich habe gerade einen tüchtigen Wurf entschlossener Männer zur Hand, mag sich wohl rund auf ein Fähnlein belaufen. Doch ich habe dieses Mal auch einen besonderen Wunsch an Eure Gnaden.«

Der Herzog, der fürchten mochte, daß er besonders zahlen solle, wehrte ab.

»Ihr wißt, Raßler, daß bei dem Handel für uns nichts weiter als die Ehre abfällt. Eure Leute mögen sich am Beutemachen schadlos halten.«

Aber Raßler entgegnete: »Ihr irrt, Herr Herzog. Mir selbst ist es zeitlebens wenig um Schätze zu tun gewesen. Wo ich zuschlug, hatte es andere Gründe. Doch ich bin es müde, wie ein Wegelagerer durch das Land zu fahren. Ich habe mich immer als ein ehrlicher Kriegsmann gefühlt und als solcher gehandelt. An meinen Händen klebt kein Blut, das nicht in ehrlichem Kampfe Mann gegen Mann verspritzt wäre, und auch meine Leute hielt ich an, so zu verfahren. Taten sie es nicht immer, so ist es mir leid, und wo ich es erfuhr, bin ich übel dreingefahren, das dürft Ihr mir glauben. Nun aber bin ich der Sache überdrüssig. Und ich will fürderhin auch äußerlich sein, was ich innerlich immer gewesen bin. Kurz, ich bitte Euch, Herr Herzog, leiht mir Euren Beistand dazu und macht mich zu Eurem Hauptmann.«

Der Herzog war überrascht. Das zu hören, hatte er nicht erwartet. Aber die Sache kam ihm sehr ungelegen. »Das wird doch seine Schwierigkeiten haben. Seht, Raßler, wir haben doch Rücksichten zu nehmen. Ihr wißt doch ...«

»Ich weiß, Herr Herzog.« fiel ihm jener ins Wort, »daß ich als Räuberhauptmann gelte. Doch Ihr habt nie Bedenken gehabt, mit diesem zu verhandeln, und ließet Euch seine Dienste gern gefallen. Kommt es zuletzt auf den Namen an und erscheint Euch der Name ›Raßler‹ zu abgenutzt, nun, Ihr habt Vollmacht und Namen genug, um einen solchen auszuwählen, mit dem sich Euer neuer Hauptmann sehen lassen kann.«

»Aber das ist ja Unsinn, den Namen ändern, Hauptmann werden«, zürnte der Herzog. »Plagt Euch denn der Ehrgeiz auf einmal, daß Ihr etwas Besonderes prästieren wollet, oder hat es sonst einen Grund?«

»Einen Grund hat es schon,« antwortete der Gefragte, »aber Ehrgeiz ist es nicht oder doch nur zu einem Teil.«

»Nun so wird er auch wieder vergehen«, meinte Heinrich. »Über ein kurzes werdet Ihr selbst über Euren Unsinn lachen.«

»Seid überzeugt, Herr Herzog, daß ich das nicht tun werde. Und nun Eure Antwort.«

»Und wenn ich ›Nein‹ sage?« forschte Heinrich.

»So müßt Ihr Euch zur Stunde einen anderen suchen, der Euch hilft. Ich rühre keine Hand mehr für Euch.«

»Teufel,« fluchte der Fürst, »das nenne ich dreist. Ich kann Euch zwingen und werde Euch zwingen, zu gehorchen.«

»Das glaubt Ihr selbst bei Hermann Raßler nicht, Herr Herzog«, fiel jener spöttisch ein. »Also noch einmal, Eure Antwort! Erfüllt meine Bitte, und Ihr sollt Eure Freude an mir haben. Der Herr Bischof soll fluchen lernen, als ob er nie das Vaterunser gebetet habe, und Eure Freunde in Goslar sollen sich ärgern, daß sie platzen. Mit ihnen habe ich zwischendurch sogar noch ein besonderes Stücklein zu erledigen. Aber erst Eure Antwort!«

»So schert Euch an die Arbeit. Ist sie getan, so werde ich Euren Wunsch erfüllen.«

»Euer Wort?« versicherte sich Raßler.

»Auf mein Fürstenwort«, antwortete Heinrich. Da ging Hermann Raßler vergnügt davon.

* * * * *

Im »Anker« erfuhr Raßler, daß ein Frauenzimmer nach ihm gefragt habe. Das Fräulein, oder was es sei, habe den Anstand und das Auftreten einer Dame. Er dachte sogleich an Venne, und sein Herz schlug freudig erregt, daß er sie wiedersehen und ihr vielleicht Hilfe bringen sollte. Bald darauf kehrte Venne zurück und wurde zu ihm gewiesen. Er begrüßte sie mit ehrerbietiger Freude.

»Das nenne ich eine frohe Überraschung, Jungfer Venne Richerdes«, sagte er mit glänzenden Augen.

»Ihr kennt meinen Namen?« fragte sie überrascht.

»Wie Ihr merkt«, antwortete er. »Seit ich Euch sah, bin ich nicht müßig gewesen, zu erkunden, wer die schöne Unbekannte sei, der ich unweit Seesen begegnete.«

»So wißt Ihr wohl auch schon, was mich zu Euch führt?« forschte sie weiter.

»Ich glaube es zu wissen«, erwiderte er ernst. »Und Ihr mögt glauben, daß ich Euch zur Verfügung stehe mit allem, was ich habe und kann.«

Dann erzählte Venne, wie übel man ihrem Vater und ihr mitgespielt habe. Raßler unterbrach sie nicht, aber die Ader schwoll auf seiner Stirn, und seine Fäuste ballten sich bei jeder Kränkung, die ihr widerfahren war.

»Das ist abscheulich, das ist gemein gehandelt,« rief er, als sie geendet, »und dieser Achtermann ist der größte Schuft, den ich je gesehen. Aber gnade Gott ihm, wenn er mir unter die Fäuste gerät. Euch wird Euer Recht werden, Jungfer Venne, glaubt es mir, und sollte ich es vom Himmel herabholen!«

Hermann Raßler war indes nicht der Mann langer Gefühlsergüsse, wenn es die Tat galt. Und so fand er sich von seinem Zornesausbruch sehr bald wieder zum praktischen Leben zurück.

»Was soll nun geschehn? Habt Ihr schon einen Plan gefaßt?« fragte er Venne.

»Nein,« antwortete sie bedrückt, »ich kam zu Euch, um mir Rat zu holen.«

»Den sollt Ihr haben, und zwar kurz und bündig. Er lautet: Sagt der verfluchten Stadt auf, werft ihr den Fehdehandschuh hin, und ich werde das Werkzeug sein, sie Eure Rache fühlen zu lassen.«

Venne erschrak vor dem Vorschlag: sie sollte ihre Heimatstadt mit Krieg und Kampf bedrohen? Der Gedanke kam ihr zu fürchterlich vor. Aber Raßler verstand es, ihre Bedenken zu zerstreuen. Wieder und wieder ließ er die Demütigung vor ihren Augen erstehen, deren Opfer sie unschuldigerweise geworden war. Und außerdem beschwichtigte er sie über das Blutvergießen, das bei dem Austrag der Fehde eintreten könnte.

»Nicht darauf kommt es an, daß Menschenleben verlorengehen, sondern daß den reichen Protzen der Geldsack geschmälert wird. Laßt mich nur machen. Wo ich sie fassen kann, sollen sie bluten. Ob es nun ihre Herden sind oder ihre Waren. Nichts, nichts soll sich jetzt noch ungestraft außerhalb ihrer Mauern sehen lassen. Und selbst in ihrem Neste will ich ihnen einheizen, daß ihnen der Atem ausgeht.«

»Aber dann bin ich ja für allezeit von meiner Heimat ausgeschlossen«, wandte Venne ein.

»Für längere Zeit ja, für immer aber braucht das nicht zu sein. Ihr wäret nicht die erste, die einem Orte aufsagt und später doch wieder in seinen Mauern wohnt. Doch ich sollte meinen, Euch wäre der Appetit auf Goslar vergangen. Auf jeden Fall sehe ich keinen anderen Weg, Euch zu Eurem Rechte zu verhelfen, als den der Gewalt.«

»Vergebt nur, Herr Raßler, wenn ich mich unvernünftig benehme, aber ich kann nicht so schnell von meinen Gefühlen loskommen. In Goslar ist alles, was sich für mich mit dem Begriff ›Leben‹ verbindet; dort sind die Gräber meiner Eltern, dort leben mir auch jetzt noch wahre, treue Freunde. Alles das soll ich aufgeben, um heimatlos in der Welt zu stehen? Nein, das kann ich nicht, kann ich wenigstens im Augenblick nicht. Ich muß, ehe das Schlimme vor sich geht, was Ihr vorschlagt, alles geordnet haben, will auch noch versuchen, ob ich nicht wenigstens eine Ehrenrettung des Vaters in irgendeiner Form erreichen kann. Schlägt auch das fehl, so bin ich zum Äußersten bereit.«

»Ich kann Euch nicht halten, aber ich will Euch nicht verschweigen,« entgegnete Raßler, »daß ich in Sorge um Euch bin, solange Ihr in Goslar weilt. Was Ihr mir von Achtermann erzähltet, läßt mich noch Schlimmeres befürchten, als es der Zwang ist, den sie Eurem Recht antaten. Auf jeden Fall bleibt nur so lange dort, als es unerläßlich nötig ist. Ich warte Eurer indessen. Und wenn Ihr die Stadt verlaßt, so begebt Euch zum Kloster Riechenberg. Dort werdet Ihr einigermaßen sicher sein. Dort findet Ihr auch mich selbst oder erfahrt den Ort, wo ich zu treffen bin. Es wird in der Nähe sein.«

* * * * *

Venne Richerdes kam nicht dazu, aufs neue Verhandlungen anzuknüpfen mit dem Rate oder der Stadt. Von Johannes Hardt erfuhr sie, daß inzwischen ein Schreiben des Geheimschreibers vom Bischof von Hildesheim, Woltwiesche, eingetroffen sei, in welchem er sie beschuldigte, den Rat von Goslar, insonderheit den Bürgermeister Karsten Balder, vor dem Kaiser in Worms gröblich verleumdet und beschuldigt zu haben.

»Der Schuft!« das war alles, was Venne zu dieser Niedertracht sagte. Aber Johannes war in großer Sorge um sie. »Ihr müßt die Stadt verlassen, denn ich fürchte, daß der Rat Euch verklagen und Euch den Prozeß machen wird. Und das geistliche Gericht wird Euch vollends seine Macht fühlen lassen!«

»Diese schlimmen Männer,« klagte Gisela, »wollen sie denn die arme Venne gar nimmer in Ruhe lassen? Können wir sie nicht bei uns verbergen?« meinte sie dann zu Johannes gewendet.

»Das würde ein schlechtes Versteck sein«, erwiderte ihr Gatte. »Bei uns sucht man sie zuerst, wenn sie auf der Bergstraße nicht zu finden ist. Ich fürchte, man wird sie noch anderer, schlimmerer Dinge bezichtigen. Man will Venne in Wolfenbüttel gesehen haben und vermutet, daß sie mit dem Herzog konspirierte. Auch murmelte Achtermann noch von besonderen Sachen, die er vorzubringen habe. Wir mögen uns vorstellen, was er meint. Und rücksichtslos und nachträglich, wie er ist, kann er allein aus der Zaubertrankgeschichte Venne ein schlimmes Gebräu zurichten. Ich rate also, Venne, verlaßt die Stadt, sobald Ihr könnt, am besten noch heute, ehe man nach Euch fragt.«

Venne war erblaßt, aber aus ihren Augen blitzte düstere Entschlossenheit. »Ich danke Euch, Johannes, und Dir, liebe Gisela, für alles, was Ihr für mich getan habt. Ihr habt recht, Johannes, mir bleibt nichts übrig, als zu fliehen. Was ich hier vernehme, erleichtert mir allerdings den Entschluß, den ich zu fassen habe. Ich breche alle Brücken hinter mir ab, und der Rat mag die Verantwortung für das tragen, was kommt.«

»Was hast Du vor?« fragte Gisela ängstlich, und Johannes warnte: »Venne, begeht keine Unbesonnenheit. Es handelt sich jetzt nur darum, Euch in Sicherheit zu bringen. Ich werde Eure Sache vertreten und hoffe, daß Ihr über ein kurzes wieder friedlich unter uns weilen könnt.«

Venne lächelte düster zu den Worten Johannes'. »Was ich plane, Gisela, muß ich für mich behalten. Ich fürchte, die Heimat verliere ich für immer mit dem Augenblick, wo ich jetzt Goslar verlasse. Aber einmal muß ich noch in die Bergstraße, um vom Vaterhause und der guten Katharina Abschied zu nehmen. Ich sah sie noch nicht, seit ich zurückkehrte, und sie soll wissen, daß ich hier war. Um sie tut es mir besonders leid. Wollt Ihr mir einen letzten Dienst erweisen, so nehmt Euch der treuen Seele an, wenn ich fort bin.«

Die gute Alte war außer sich, als sie hörte, Venne wolle von ihr fort. »Und ich bin allein schuld an dem ganzen Unheil«, klagte sie sich mit bitteren Tränen an.

»Meine gute Katharina,« beruhigte sie Venne, »Du bist nicht schuldig. Schuld trägt die Bosheit und Schlechtigkeit unserer Feinde und Widersacher. Soll ich mich denn wehrlos in deren Hände geben? Das kannst Du nicht wollen, also gib Dich zufrieden und mache mir den Abschied nicht zu schwer. Ich hoffe, daß wir uns bald wiedersehen. Inzwischen halte hier gut haus. Und was Du auch über mich hören wirst, Du weißt, Deine Venne tut nichts, was sie nicht glaubt vor ihrem Gewissen verantworten zu können.«

Sie nahm die arme Alte fest in die Arme und streichelte die haltlos Schluchzende. Dann verließ sie das Haus ihrer Väter. Um ganz sicherzugehen, wartete sie die Dämmerung ab und schlüpfte dann durch das Mauerpförtchen an der Frankenberger Kirche, wo sie die Frau des Wärters ohne Arg hinausließ.

Ein kurzer Weg führte sie über die Landwehr nach dem Kloster Riechenberg. Dort wartete ihrer beim Pförtner die Nachricht, daß Raßler im Kloster sei. Er wurde geholt. In seinen Augen glomm die Freude über ihre Ankunft.

»Ich hatte schon Sorge um Euch. Aber nun ist alles gut. Wir werden noch eine Strecke heute abend zurücklegen müssen, da Euch als Frau der Zutritt zum Kloster verwehrt ist. Im Amtshause zu Langelsheim, eine Wegstunde von hier, finden wir Unterschlupf für die Nacht, und morgen bringe ich Euch an einen Ort, wo wir in aller Sicherheit und Ruhe erwägen können, welche Schritte zu unternehmen sind.«

So geschah es. Der herzogliche Vogt in Langelsheim zeigte sich beflissen, alles nach den Wünschen Raßlers einzurichten. Man merkte, auch hier galt dessen Wille fast ebensoviel wie das Wort des Herzogs selbst.

Am nächsten Morgen brachen sie zu Pferde auf. Venne achtete nicht darauf, daß einige Reiter nach ihnen ebenfalls aus dem Orte ritten. Es war die Nachhut, die Raßler sich folgen ließ, um gegen jede Überraschung gesichert zu sein. Bei dem Dorfe Dolgen verließen sie die Landstraße und bogen rechts ab, einem kleinen Weiler zu, der in Waldeinsamkeit träumte. Es war Rohde, eine Siedlung, die aus einigen Häusern bestand. Auf dem einzigen Hofe kehrten sie ein. Wieder zeigte sich die Fürsorge Raßlers, denn die Leute waren unterrichtet und hatten ein Zimmer hergerichtet, in dem trotz aller Einfachheit das Behagen wohnte.

Ermattet von dem Ritt in der Sonne, ließ sich Venne am Tische nieder. Raßler empfahl sich: »Ich lasse Euch allein, damit Ihr Euch ausruhen könnt. Wenn Ihr etwas nötig habt, ruft nur, die Wirtin wird Euch zur Verfügung stehen. Mich selbst könnt Ihr zu jeder Stunde erreichen. Beliebt es Euch, werde ich die Mahlzeit mit Euch einnehmen. Wollt Ihr allein speisen, so sagt es ruhig. Mir liegt daran, daß Ihr wieder ins Gleichgewicht kommt. Morgen sprechen wir über alles Weitere.«

Venne war ihm dankbar, daß er sie allein ließ. Müde streckte sie sich auf das bereitete Lager nieder. Wild stürmten die Gedanken auf sie ein, aber allmählich schlief sie infolge der Müdigkeit ein. Doch es war kein erquickender Schlummer. Wilde Träume durchjagten ihr Gehirn, und zuletzt wachte sie mit einem Schrei auf. Es hatte ihr geträumt, sie solle gefoltert werden. Achtermann war der Henker und näherte sich ihr mit glühender Zange, um sie zu brennen. Auf den Schrei trat die Wirtin herein und fragte, ob ihr etwas fehle. Venne schämte sich ihrer Schwäche und bat um das Abendbrot, da sich der Tag dem Ende neigte. Es war ihr noch ganz unheimlich zumute von dem bösen Traum, und die Einsamkeit und Stille lastete auf ihr wie ein Druck. Deshalb ließ sie Raßler ersuchen, er möge mit ihr zusammen essen.

Raßler bewies, daß er über durchaus gute Manieren verfügte. Er fiel weder durch eine ungeschickte Bewegung, noch durch ein Wort auf. Zwar konnte er es nicht hindern, daß sein Blick immer wieder mit Bewunderung auf ihr ruhte, aber diese Huldigung offenbarte sich so achtungsvoll, daß sie nichts Verletzendes für Venne enthielt. Es kam bei ihr noch das Gefühl des Dankes für den Mann hinzu, der sich ihrer in dieser Stunde der höchsten Not uneigennützig annahm.

Am nächsten Tage legte er ihr einen Absagebrief an Goslar in aller Form vor. Er lautete:

»So sagen wir Euch denn, Stadt und Rat von Goslar, auf; erklären auch, Euch fleißig heimsuchen zu wollen, wo immer wir können. Auch beauftragen wir mit der Ausübung unserer Absage den Herrn Hermann Raßler, als welcher von heute ab, als dem Tage nach St. Antonius, in meinem Dienste zu stehen sich erkläret.

Datum zu Rohde, am 10. Tage des Mondes Maji 1500 und im zwanzigsten und zweyten Jare,

Venne Richerdes.«

Dieser Fehdebrief haftete schon am nächsten Morgen am St.-Viti-Tore zu Goslar und rief in der Stadt ungeheure Aufregung hervor. Man wußte, wessen man sich von Raßler zu versehen hatte, und Fluchen und Klagen erscholl überall. Im Rate vernahm man die Absage mit Wut und Grimm, und Achtermann schwur, wenn man Venne Richerdes ergreife, sie dem Henker als gemeine Hexe übergeben zu wollen. Wie ernst es dieser aber, wie vor allem Raßler mit der Ausübung der Fehde war, zeigte sich schon am Abend, als vor dem Breiten Tore zwei Feldscheunen in Flammen aufgingen. Man schimpfte auf den Rat, man fluchte auf Venne Richerdes und Hermann Raßler, aber man hatte sie nicht, um Vergeltung zu üben.