Chapter 3 of 18 · 3958 words · ~20 min read

Part 3

Auch die menschlichen Siedlungen blieben immer mehr zurück und verschwanden von der Wegseite. Hatten bis dahin die Augen an den auf jähem Felsen wie ein Adlerhorst gebauten Schlössern und Burgen und den einsamen Kirchlein, die in gleich trutziger Lage von dem frommen Sinn des Erbauers zeugten, sich geweidet, so wurde nunmehr der Weg nur noch von kahlen Felsen begleitet, die in grausigem Absturz das enge Tal zu begraben drohten. Hier und da gab ein schmales Seitental den Einblick in eine gleich furchtbare Einsamkeit frei. Nur einmal noch traf das Auge der Reisenden auf menschliche Wesen, unweit Airolo, wo das wilde Val Tremola, das ›Tal des Zitterns‹, den Weg freigibt zum Aufstieg auf den St. Gotthardt. Es war ein Bild, das Johannes lange nicht vergessen konnte: Unter dem lärmenden Zuruf der welschen Treiber kletterten die Saumrosse das Tal empor. Da hockten am Wegesrande einige zerlumpte Gestalten, unter ihnen ein Mädchen von madonnenhafter Schönheit. Die Gesichter mehrerer von ihnen waren mit Lappen maskenartig verhüllt, nur die schwarzen Augen funkelten durch Löcher, welche in jene Lappen geschnitten waren. Von dem Rauschen des Gebirgsflusses halbverschlungen klang ihr klägliches »+prego, prego+« Johannes entgegen, der ein wenig der Karawane vorausritt. Doch schon eilten die welschen Treiber mit drohend geschwungenen Knütteln herbei und verscheuchten die Ärmsten in das nahe Seitental, aus dem sie gekommen sind und in dem sie, fernab von allen anderen menschlichen Wesen, sich vor ihren Mitmenschen bergen und einsam dem Tode entgegensiechen mochten. Ehe Johannes dazu gekommen war, ihnen eine Gabe zuzuwerfen, waren sie schon ein Ende zur Seite gewichen. »+Leprosi, Leprosi+«, heulten die Treiber noch immer, als ob es gälte, wilde Bestien zu verscheuchen. Die Aussätzigen hasteten weiter; aber Johannes fing noch einen Blick des schönen Mädchens auf, so voller Schmerz und Verzweiflung, daß er den Gedanken an das erschütternde Bild den ganzen Tag nicht los wurde. Er sah an ihrer Stelle Gisela, verlassen, verfolgt, dem Elend preisgegeben, und tiefstes Mitleid durchschnitt ihm das Herz.

Über die Paßhöhe, das Urserntal hinab auf der Nordseite, wo die junge Reuß ihre Kinderstube hat und längs des Saumpfades gischtet und tobt, und dann stetig ihr folgend, stieg man hinab bis dahin, wo in der Talsohle das flammende Rot der Edelkastanien das große Sterben in der Natur ankündete. Über den Vierwaldstätter See brachte sie eine der großen, sturm- und wettererprobten Nauen gen Luzern, und weiter ging die Fahrt bis an den grünen Rhein, den man bei der alten Handelsstadt Basel zuerst zu Gesicht bekam, aber nicht überschritt; denn die Fahrt ging ins Elsaß hinein, geradewegs auf das alte Straßburg zu.

Gottfried Kristaller hatte recht prophezeit, als er in Bologna verhieß, Freund Heinrich werde über den schönen Augen der Straßburgerinnen den alten Schmerz vergessen. Im lustigen Geplauder mit Gottfrieds Schwester und ihren Freundinnen schwand der letzte Unmut aus seinem Herzen. Der neue Tag fand ihn schon völlig eingebürgert in der neuen Umgebung, und als man am Morgen des dritten Tages von dannen zog, war der Abschied so warm und lebhaft, als ob eine alte Freundschaft ihre erste Trennung erfahre. Johannes hielt die Hand Gottfrieds lange in der seinen. Er war kein Mann überschwenglicher Gefühlsäußerungen, aber wer seine Freundschaft erworben hatte, der konnte für immer auf ihn zählen, und Gottfried war ihm ein Freund geworden in Bologna trotz aller äußeren und inneren Verschiedenheiten.

Nun ging die Fahrt zu Schiff den Rhein hinab im breiten Graben der Oberrheinischen Tiefebene mit seiner melancholischen Weite. Sie bot wenig Kurzweil; denn die Reihen der Kaufleute war in Luzern wie in Basel und Straßburg bedenklich gelichtet worden, und die übriggebliebenen, die vom Niederrhein und aus Westfalen, hatten mit ihren eigenen Angelegenheiten so viel zu tun, daß sie sich um die beiden Goslarer wenig kümmerten. Um so mehr war es anzuerkennen, daß Herr Ernesti sich ihnen mehr zuwandte als bisher. Er hatte die drei Gesellen auf der Reise von Mailand her im Auge behalten und sie nach ihrer Eigenart zu bewerten Gelegenheit gehabt. So war es ihm nicht zweifelhaft, daß der Stetigere, Zuverlässigere Johannes Hardt sei. An ihn waren daher auch im Anfang zumeist seine Worte gerichtet. Heinrich Achtermann war darob nicht böse; denn der Gesprächsstoff nahm ihn, der gewohnt war, in seiner Umwelt zu leben, nicht immer gefangen. So kam es, daß sich zwischen dem berühmten Kaufherrn und Agenten und Johannes ein Verhältnis anbahnte, das mit jedem Tage freundschaftlicher wurde. Diesem gegenüber ließ Ernesti seine sonstige Zurückhaltung fallen und sprach mit ihm über seine Reisen und Erfahrungen.

Auch den Mitreisenden fiel der enge Verkehr zwischen den beiden auf, und sie gaben wohl gelegentlich ihrer Verwunderung Ausdruck. »Euer Freund muß es ja dem Ernesti angetan haben, daß er so gegen seine Gewohnheit redselig wird. Was besprechen denn die beiden nur immer?« Heinrich bemerkte wohl, daß unbefriedigte Neugier aus ihren Worten klang, und er gab nur eine allgemeine Antwort: »Das weiß ich ebensowenig wie Ihr, denn Ihr seht ja, daß ich mich wenig daran beteilige. Der Stoff ist mir zu langweilig.«

Aber das änderte sich doch, als sich das Gespräch mehr und mehr Goslar zuwandte. Ernesti selbst regte diesen Gegenstand immer wieder an, und so konnte sich Heinrich nicht enthalten, etwas neugierig und ungeschickt zu fragen:

»Weshalb verfiel der Rat von Goslar gerade auf Euch mit der wichtigen Sendung nach Rom? Ich sollte meinen, es hätte sich doch auch unter den Bürgern der Stadt jemand finden lassen, der sich der Aufgabe unterzogen hätte?«

»Daß er jemand gefunden hätte, bezweifle ich nicht«, erwiderte Ernesti mit einem leichten Lächeln. »Ob er aber auch Erfolg gehabt hätte, ist eine andere Sache. Euer Rat wird sicher gewußt haben, weshalb er mich wählte und nicht einen anderen. In Rom ist es mit dem Reden nicht allein getan. Man muß zugleich alle Sinne angespannt halten, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Das unscheinbarste Wort will auf seinen besonderen Wert hin gedeutet, die harmloseste Miene auf ihre versteckte Bedeutung hin geprüft und beobachtet sein. Ich bin im Verkehr mit den Großen der Erde, wie Euch die Schwätzer und Neider unter meinen Gefährten gewiß schon zugeraunt haben, nicht gerade unbeholfen; aber über jeden kleinsten Erfolg, den ich im Lateran davontrage, bin ich doppelt froh, und erkenne ich nachher, daß er nicht zu teuer erkauft, um ein Mehrfaches. Bei dem Auftrage, den ich für Goslar auszurichten hatte, will mir das scheinen, und ich gestehe Euch, daß mich das besonders freut.«

»So gestattet auch mir eine Frage, Herr Ernesti«, fügte Johannes hinzu. »Weshalb nehmt Ihr an Goslar dieses besondere Interesse? Soviel ich weiß, verbinden Euch doch nicht besondere Bande mit meiner Heimatstadt!«

»Gewiß,« entgegnete Ernesti, »ich verstehe Eure Verwunderung. Vielleicht raunte man Euch auch zu, ich täte es um des blanken Goldes willen.« Johannes wehrte ab, doch jener fuhr unbeirrt fort: »Ihr braucht weder Euch noch jene zu verteidigen; denn natürlich erhalte ich von Eurem Rat eine angemessene Entschädigung, wenn auch in anderer Art, als Euch vorschwebt. Derartige kostspielige und nicht ungefährliche Aufträge übernimmt ein guter Kaufmann und Familienvater nicht um bloßen Gotteslohn. Aber ich würde mich doch bedacht haben, nach Rom zu reisen, wenn ich nicht für Goslar ein absonderliches Interesse hegte. Ihr seid schon zu lange von Goslar fort und seitdem nicht oft wieder dort gewesen, um über meine Beziehungen zu Goslar unterrichtet zu sein. Ich bin in der Tat nicht selten dagewesen, auch als Ihr selbst noch dort weiltet; aber die Größe der Stadt -- Ihr werdet Euch inzwischen ja selbst überzeugt haben, daß Goslar zu den ganz großen gehört -- und Eure jugendliche Unbefangenheit hat mich Euch wohl verborgen gehalten.

Ich komme gern nach Goslar und bedauere, daß es mir nicht vergönnt ist, die römische Botschaft persönlich zu überbringen; es wäre mir eine besondere Freude gewesen. Weshalb ich gern bei Euch weilte und weile? -- Nun, einmal sind es verwandtschaftliche Beziehungen, die mich mit Goslar verbinden. Meine Vorfahren lebten bis auf den Großvater in Eurer Stadt. Das Geschlecht der von Ildehusen, das in der Geschichte Goslars nicht unrühmlich bekannt ist, gab uns den Ursprung, und wir haben mehr als einen Bürgermeister und Ratsmann gestellt, die am Aufbau Eurer mächtigen Vaterstadt mithalfen. Den Großvater verschlug das Schicksal nach der Stadt Soest am alten Hellweg. Übrigens haben wir noch heute nicht alle Beziehungen zu Goslar verloren. Mir lebt dort ein Vetter Richerdes, bei dem ich, weile ich im Harz, gern absteige.«

»Ist das etwa der ehemalige Ratsherr oder Sechsmanne Richerdes von der Gundemannstraße?« fragte Heinrich lebhaft. »Ganz recht«, lautete die Antwort. »Ei, so kennt Ihr ja auch die Venne Richerdes, meines Schwesterleins liebste Gespielin.« -- »Und vielleicht auch Euch selbst nicht zuwider«, fiel ihm Ernesti lächelnd ins Wort. »Freilich kenne ich sie, ist's doch mein liebes Niftel, das ich selbst aus der Taufe gehoben habe, und über dessen prächtiges Gedeihen ich mich freue, wann immer ich sie sehe.«

»Da wundere ich mich nur um so mehr, daß ich Euch nie sah; freilich Euer Name fiel wohl auch aus dem Munde der Venne, aber ich gab des nicht acht.«

»Also liegt die Schuld immer wieder bei Euch; denn ich pflege nicht den Unsichtbaren zu spielen, wenn ich in Goslar bin. Doch Ihr hattet wohl Wichtigeres zu tun, als Euch um den fremden Mann zu kümmern. Und -- Ihr seid mir noch die Antwort schuldig -- was haltet Ihr selbst von der Venne?«

»Als ich Goslar verließ, verhieß sie, mit der Zeit vielleicht ein schönes Mädchen zu werden. Ich habe sie oft bei uns gesehen, und als Kinder haben wir auch bei ihnen, besonders in ihrem schönen Wallgarten, unsere Spiele getrieben. Ich fürchte nur, daß ich bei ihr nicht in dem Rufe unbedingter Ritterlichkeit stehe; denn wir Knaben waren arge Rangen, und die Mädchen, auch Venne, haben unser Ungestüm oft zu büßen gehabt. Von dem Abschied vollends wage ich gar nicht zu sprechen. Soll also Eure Frage ergründen, ob ich bei ihr in besonderer Gunst stehe, so kann ich das nur mit allem Vorbehalt zusagen.«

»Gut reserviert«, lobt der andere. »Ich sehe, Ihr habt Eure Studien nicht umsonst erledigt und werdet dermaleinst es verstehen, knifflige Fallen zu meiden. Auf jeden Fall darf ich Euch aber, da Ihr Goslar eher erreichen werdet als ich, bitten, den Richerdes meine Grüße auszurichten. Vielleicht nimmt Euch dann mein Niftel ob dieses Liebesdienstes wieder ganz zu Gnaden an.«

Dann kehrte man wieder zu ernsteren Dingen zurück. »Ihr fragtet mich nach dem Inhalt des Schreibens der römischen Kurie an den Rat zu Goslar. Glaubt mir, Ihr jungen Freunde, es ist nicht Geheimniskrämerei, die mir den Mund verschließt. Aber ich habe den Auftrag, Euch die Botschaft verschlossen zu übergeben, und ich weiß, daß es zu Eurem Besten ist, wenn Ihr ohne Kenntnis von dem Inhalte seid. Es sind überall Späher, auch um uns herum, und ein unvorsichtiges Wort könnte den ganzen Erfolg meiner Reise in Frage stellen; denn an der Auswirkung ist nicht Goslar allein interessiert.

Ihr seid stolz auf die machtvolle Stellung eurer Stadt, mit Recht. Doch so viel werdet Ihr trotz Eurer Jugend auch schon gehört und gesehen haben, daß Goslars Glanz und Vormachtstellung mit dem Silber und Kupfer des Rammelsberges steht und fällt und daß als zweite unerläßliche Vorbedingung für ein weiteres Blühen Eures Gemeinwesens der ungestörte Besitz und die Nutzung der gewaltigen Forsten, welche Goslar umgeben, ist. Von dem ersteren, der Bedeutung des Bergwerks werdet Ihr in Köln aufs neue einen Beweis erhalten, wenn Ihr mit den flandrischen Kaufleuten zusammentrefft. Sie sind auf dem Wege zu Euch, um das ›+keuvre de Gosselaire+‹, das goslarsche Kupfer, zu holen, um es in den Kupferschlägereien zu Dinant und in den anderen Städten Flanderns und der Niederlande zu verwenden. Und kämet Ihr nach London oder gen Nowgorod im Reußenlande, so würdet Ihr dort den Namen ›Goslar‹ und ›goslarsches Silber oder Kupfer‹ mit derselben Geläufigkeit und Häufigkeit nennen hören. Euer Reichtum und Eure Macht sind aller Welt bekannt, es kennen ihn aber auch Eure Feinde und Neider, die Ihr zum Teil nicht weit zu suchen habt.

Es muß Eurem Rat nachgerühmt werden, daß er schon frühzeitig die Lage erkannt und danach zu handeln bestrebt gewesen ist. Schon unter König Wenzel, vor mehr als hundert Jahren, verstand es Goslar, sich eine Reihe von Gnadenbriefen zu verschaffen, welche der Stadt den Genuß ihrer Rechte auf Berg und Forst sicherten. Indes, wie Ihr wissen werdet, haben auch die Braunschweiger Herzöge verbriefte Rechte und Privilegien auf Berghoheit und den Zehnten. Zur Zeit sind diese Rechte nach dem Rate von Goslar verpfändet, und die ewige Geldnot der Herzöge hinderte sie bis jetzt, den Pfandschilling zu erstatten, aber laßt sie nur zu Atem kommen und den Appetit sich regen, dann wird sich's bald ändern. Ich fürchte, ich fürchte, die Anzeichen dazu sind schon wahrzunehmen.

Damals, als die Braunschweiger das Geld nahmen, wäre es ein leichtes gewesen, ihnen ihre Rechte um ein billiges abzukaufen, statt sie in Pfand zu nehmen; denn damals stand es schlecht um den Bergbau: Wassereinbrüche, deren man nicht Herr werden konnte, leere Erzgänge ließen das Ganze als wertlos erscheinen in den Augen Uneingeweihter. Damals war es Zeit zum Zugriff, damals mußte Goslar das Ganze an sich bringen, statt Pfandschillinge zu nehmen und eine Gewerkschaft zu gründen mit Bürgern und fremden Herren. Nun rächt sich die Versäumnis nach jeder Richtung hin.

Ihr habt einmal einen großen Mann gehabt, der die Aufgabe Eurer Stadt richtig erkannte. Hermann Werenberg hieß er und war Stadtkanzler; Ihr werdet seinen Namen gehört haben. Glaubt mir, er war einer der ganz Großen in der Geschichte Eurer Stadt. Was Goslar heute ist, verdankt es in erster Linie diesem Manne. Er bewies eine Staatskunst, die ihn auch befähigt hätte, ein größeres Staatswesen, als es Eure kleine Stadtrepublik ist, auf die Höhe irdischer Macht zu bringen und dort zu erhalten. Daß er dabei, wieder nach Art der wirklich Großen, alle Mittel nutzte, um die Gerechtsame auf Berg und Forst in den Besitz der Stadt zu bringen, wird ihm nur der kleine Geist als Schuld anrechnen.

Die Bahn war frei, aber Werenbergs Leben ward ein Ziel gesetzt, ehe der Erfolg im ganzen Umfange gesichert war. Er starb, und seine Nachfolger verstanden nicht, das Erworbene festzuhalten und auszubauen. Sie hätten die geldhungrigen Herzöge von Braunschweig abfinden, die Gewerken, unter denen das Kloster Walkenried und das reiche Domstift Simon und Juda in Goslar selbst zu nennen sind, aufkaufen sollen, ehe das Bergwerk wieder das wurde, was es war und jetzt ist: eine ungeheure Goldgrube für den, der es besitzt. Jetzt ist's zu spät, will mir scheinen. Niemand wird noch seine Rechte an die Schatzkammer aufgeben wollen, zu der er einen Schlüssel in der Hand hat, weder Kloster, noch Fürst, noch Bürger; denn auch diese sitzen unter den Gewerken noch heute. Es mag von geringem Sinn für das Wohl des Ganzen zeugen, daß sie sich sperren, ihre Rechte in die Hand des Rates zu geben, aber es ist so. Mein eigener Vetter, der Sechsmanne Richerdes, zählt ja auch zu ihnen.

Es ist zu spät, sage ich; denn wenn schon die eigenen Bürger nicht von Euch veranlaßt werden können, ihren Eigennutz hinter das gemeine Wohl zu stellen, so habt Ihr von den Fürsten erst recht nichts Gutes zu erwarten. Wenn mich die Anzeichen nicht trügen, rüstet man im Schlosse zu Wolfenbüttel bereits zu entscheidenden Schritten. Den Pfandschilling aufzubringen, wird ihnen nicht schwer fallen, denn es sitzen der Geldgeber genug in deutschen Landen, die auf ein so gutes Unterpfand hin gern helfen werden. Dann hat Goslars Schicksalsstunde geschlagen.«

Die Gesichter der Zuhörer verdüsterten sich unter den Worten Ernestis sorgenvoll. So hatten sie allerdings das Geschick der Heimat nicht gewertet, und so schien es auch niemand daheim einzuschätzen, alles war auf Freude und Stolz an der Blüte eingestellt.

»Ich sehe,« fuhr der andere fort, »daß Ihr bekümmert seid; aber es tut nicht gut, mit verbundenen Augen in das Leben einzutreten. Doch ich will Euch auch nicht ohne Trost lassen. Wie sehr und weshalb ich an Goslar hänge, ist Euch bekannt, und was ich tun kann, um das Unheil abzuwenden, wird geschehen. Mein Einfluß reicht weit, wie Ihr selbst schon gemerkt habt. Holte ich Hilfe aus Rom für Euch, so werde ich auch in der Nähe nützen können. Der Himmel hat dafür gesorgt, daß auch der Stolz der Herzöge nicht zu sehr ins Kraut schießt. Ihre liebe Stadt Braunschweig macht ihnen viel zu schaffen und wird, faßt man es richtig an, Euch von größtem Nutzen sein. Aber in einem könnt Ihr, das sage ich noch einmal, Euch nur allein helfen, das sind die Zustände in Goslar selbst.

Will man sich des Besitzes einer Sache ungestört erfreuen, so darf sie nicht der Gegenstand des Neides anderer sein, wie ich Euch schon sagte. Man muß sie im Urteil der Neidlustigen als minder begehrenswert hinzustellen verstehen oder die Zeitläufte benutzen, um die Aufmerksamkeit von ihr abzulenken. Beides haben die Goslarer vormals nicht versäumt. Als die große Bewegung der Kreuzzüge die Massen durchzitterte und aller Augen nach dem Morgenlande gerichtet waren, hat Goslar seine Position Schritt um Schritt verstärkt. Als dann die öffentliche Meinung vom Bergwerke als einer verlorenen Sache sprach, brachten sie die Gerechtsame des Berges an sich. Sehr schön, aber die Nachfahren haben nicht zu nutzen verstanden, was die Väter schufen. Jetzt ist's umgekehrt wie ehedem: Der Nachbar sieht dem Nächsten auf den Bissen, die Großen beneiden die Größten, und der Kleinen Begehr steht nach dem, worauf die Großen überlaut und unvorsichtig als ihr Eigen pochen.

Erst waren es die Gilden. Nachdem sich Gevatter Schneider und Handschuhmacher durch das Aufblühen der Stadt den Beutel gefüllt hatten, kam ihnen auch der Machtkitzel, und sie wollten mitregieren, ob sie es auch nicht verstanden. Nun regieren sie mit, daß es Gott erbarme. Und schon regt sich's abermalen machtlüstern und beutegierig. Was dem Handwerker gelang, ließ auch die Masse des gemeinen Volkes nicht ruhen. Kommt sie zur Macht, dann gnade Gott Euch Goslarern, wie allen denen, wo die Plebs ihr Haupt siegreich erhebt. +Videant consules!+ -- der Rat mag sehen, daß er Herr der Lage bleibt. Reicht er der unvernünftigen Masse den kleinen Finger, so ist es um die ganze Hand geschehen. Mit dem Volke ist es wie mit den Kindern: Was das Kind hat, dünkt ihm nichts, sieht es in anderer Hand etwas, das es selbst nicht besitzt. Man gebe ihm, worauf es vernünftigerweise ein Recht hat, sonst ein hartes ›Nein‹. Euch fehlt ein Werenberg. Der würde wissen, was den Kindern, will heißen der Masse, frommt und was man ihnen geben darf, ohne daß sie sich den Magen überladen und das Gemeinwohl zu Schaden kommt.«

Das Schiff bog in den Rheingau ein. In der Ferne tauchten die Kuppeln und Türme des heiligen Mainz auf, übergossen von dem goldigen Glast der Abendsonne. Johannes stand an die Verschanzung gelehnt und nahm das glänzende Bild in sich auf, das mählich aus den Fluten des Rheins, wie es schien, aufstieg. Bald legte das Fahrzeug an, und das geschäftige Leben, das mit der Ankunft eines jeden Schiffes verbunden ist, riß die Reisenden auseinander.

Wieder hatte sich die Zahl der Kaufleute gelichtet. Dafür fand sich allerlei anderes Volk ein, Niedere wie Vornehme. Auch ein paar Domherren waren darunter, die nach Köln wollten. Ernesti stand im Gespräch mit ihnen.

»Ihr seht,« flüsterte einer der alten Bekannten Heinrich zu, »Euer Gönner hält es allerorten und immer mit dem Krummstab. Möchte wohl wissen, was er alles an geheimen Gängen hinter sich hat, die wenigen Stunden, die wir in Mainz waren und während wir uns einen ehrlichen Trunk gönnten.«

Eine Antwort wurde nicht erwartet, und Heinrich hätte sie auch nicht gefunden, denn ein abfälliges Wort über den Mann zu sagen, der ihnen so viel gegeben hatte, wäre ihm als schwarzer Undank vorgekommen. Übrigens kam Ernesti in gewisser Weise selbst darauf zurück; er hatte wohl gesehen, daß man über ihn sprach.

»Ich hatte mit der Erzbischöflichen Kurie zu tun, in nicht unwichtigen Fragen, wie Ihr Euch denken mögt. Mancher meint vielleicht, es sei mir bei den vielerlei politischen Dingen, die durch mich Erledigung oder Förderung finden, um das blanke Gold zu tun; ich lasse ihn reden, wie seine Mitschwätzer. Eins aber sei Euch beiden als Erinnerung an Mainz mit auf den Weg gegeben, und das sei die dritte und letzte der langatmigen Mahnungen, die ich Euch gab: Verderbt es in Goslar nicht ernstlich mit der Kirche.

Wir leben in einer unruhvollen Zeit: Kampfstimmung überall, wohin Ihr blickt, und nicht nur auf dem Gebiete weltlicher Machtkonflikte, auch die Kirche, die Religion ist davon betroffen, und es sind dunkle Kräfte am Werk, um ihre Grundpfeiler zu stürzen. Ich bin ein treuer Sohn der Kirche. Das hindert mich nicht, die ernsten Schäden zu erkennen, die ihr anhaften und wie böse Geschwüre an ihrer besten Kraft zehren. Das Schisma, die Spaltung in der Nachfolge Petri, hat den Boden bereitet, auf dem Blasphemie und Abtrünnigkeit ihre giftigen Blüten treiben können; die Völlerei und Zuchtlosigkeit in den Klöstern und unter dem Klerus haben gleicherweise dabei mitgeholfen. So finden die falschen Apostel gläubige Ohren, wo immer sie ihr Unkraut unter die Menge werfen. Auch in Niedersachsen blüht ihr Weizen, wie ich höre. Doch die Kirche ist zu fest gegründet, als daß sie nicht der Widerwärtigkeiten und Widerspenstigen Herr werden wird. Denn ihre Sache ist gut, und der Brunnen nur verunreinigt, der die ewigen Heilswahrheiten birgt. Aber nicht der Eifer des Zeloten und nicht der unreine Mund des Hetzers wird die Gesundung bringen, sondern die stetige, von echter Frömmigkeit und Liebe zur Mutter Kirche getragene Sorge, daß das Gefäß nicht zertrümmert werde, das so kostbaren Inhalt birgt. Die Kirche wird über alle Fährlichkeiten hinwegschreiten, weil sie siegen muß. Dann aber wehe denen, durch die Ärgernis gekommen ist; wehe auch den Städten, die als ungehorsame Töchter sich erwiesen, ihr Unglück ist besiegelt!

Auch bei Euch in Goslar werden die Schwarmgeister am Werke sein. Störet ihre Arbeit, wo und wie Ihr könnt; es ist zum Frommen der Stadt. Ihr habt der Feinde und Neider schon genug, ladet Euch nicht auch noch die Abgunst der Kirche auf; Ihr würdet sie nicht tragen können.«

»Ich fürchte, daß Ihr nur zu recht habt mit allem, was Ihr betreffs unserer Stadt sagtet«, antwortete Johannes dem Vielerfahrenen. »Sicher trefft Ihr ins Schwarze mit der Vermutung, daß Goslar selbst zuletzt den Schaden wird zu bezahlen haben. Die Klöster daheim, vornehmlich das reiche und mächtige Domstift, sind der Stadt schon sehr gram, weil der Rat manche ihrer Privilegien kürzte. Das Sankt-Jürgen-Kloster, wie die Chorherren des Petersstiftes liegen dem Bischof von Hildesheim seit langem in den Ohren ob angeblicher Mißachtung und Verletzung ihrer Rechte und respektwidriger Verunglimpfung durch die Bürger. Der Bischof selbst ist uns gram wegen unseres Verhaltens in der Stiftsfehde, die Euch bekannt sein wird. Fänden alle diese Mißgünstigen sich zusammen, diese offenen und geheimen Gegner, und einigten sie sich mit den Herzögen, die uns jetzt schon zwicken und zwacken, wo sie können, so wäre der Anfang vom Ende gekommen. Eure Mahnungen treffen also keine tauben Ohren. Auch der Vater sprach wohl schon mit mir über diese Dinge. Wir werden tun, was unsere Jugend zu leisten vermag, davon seid überzeugt, wie auch von der Aufrichtigkeit unseres Dankes für Euren freundlichen und weisen Rat.«

Kalte Oktoberstürme brausten das Tal des Rheins entlang und drängten die Wellen zuhauf, als wollten sie umkehren von dem Wege, den der ihnen innewohnende Drang nach dem Meere vorschrieb. Die Wälder an den Berghängen wurden des letzten Blättchens beraubt, das ihnen noch geblieben war von dem sommerlichen Festgewande; alles wies auf Tod und Sterben und Ruhe in der Natur. Langsam glitt das Schiff zu Tal. Man hoffte, vor Einbruch der Nacht noch in Köln zu sein; aber fast schien es, als solle man noch eine Nacht auf dem unwirtlichen Flusse verbringen. Da gab endlich eine letzte Biegung den Blick auf die alte Stadt mit ihren unzähligen Türmen und Zinnen frei. Sankt Severin, Sankt Georg, Sankt Maria im Kapitol, Sankt Gereon, so tauchten sie aus dem Grau des Abendhimmels auf, überragt von dem gewaltigen Bau des Doms, der mit den ungefügen Stümpfen seiner Türme wie ein gefesselter Riese die Hände gen Himmel hob.