Part 16
Venne erfuhr gar nicht, wie inzwischen ihr Beauftragter sein Amt ausführe. Sie saß im stillen Rohde und ließ die Einsamkeit und Ruhe auf sich wirken. Am Tage beschäftigte sie sich auch gern mit den Kindern des Bauern, die, nachdem sie die erste Scheu überwunden hatten, mit stürmischer Zärtlichkeit an ihr hingen. Das Kleinste saß auf ihrem Schoß und hielt die Ärmchen um sie geschlungen, als einmal Raßler dazukam. Überrascht blickte er auf die liebliche Gruppe, dann aber quoll es heiß in ihm auf: Das war das Bild, das ihm vorschwebte für die Zukunft. Wenn er diese Frau gewönne, wäre alles ausgetilgt, was ihm an Häßlichem und Niedrigem im Leben widerfuhr. Dieser Traum war auch der Anlaß gewesen, weshalb er den Herzog bat, ihn zum ehrlichen Kriegsmann zu machen. Alles Edle in ihm drängte zum Licht. Er wollte heraus aus dem Schmutz, in dem er bis an die Knie gewatet hatte, seitdem man ihn wegen der Jugendstreiche aus der Gesellschaft ausgeschlossen.
»Venne, werde die Meine«, das war sein Sehnen. Aber er zwang das Wort nieder, das sich ihm auf die Lippen drängte. Er wollte das Mädchen nicht beunruhigen, das sich vertrauensvoll in seinen Schutz begeben hatte. Erst für sie kämpfen, ihr Recht verschaffen, dann würde er vor sie hintreten und sie um sein Urteil bitten, das ihn zum glücklichsten Menschen machen oder der Verzweiflung für immer in die Arme treiben mußte. Das alte Leben würde er nicht wieder aufnehmen, eine Kugel im ehrlichen Kampfe sollte auch ihm dann die Erlösung bringen.
Vier Wochen schon weilte Venne in dem stillen Rohde. Kein Lärm störte die Einsamkeit. Für die Sicherheit sorgten Posten, die in unauffälliger Weise den Ort bewachten. Nichts gemahnte sie daran, daß sie im Kampf lag mit ihrer Heimatstadt. Raßler kam, so oft er konnte. Auf ihre Frage, wie es in Goslar stehe, antwortete er nur immer kurz.
»Es steht gut. Alles andere mag Euch nicht bekümmern. Ist es an der Zeit, so sollt Ihr schon hören, was vor sich geht. Jetzt denkt nur daran, Euch zu pflegen. Ihr seht mir immer noch etwas mitgenommen aus.«
Venne blickte ihn sinnend an: »Was seid Ihr nur für ein Mensch, daß Ihr Euch für mich aufopfert. Und Euch sagt man so viel Schlechtes nach! Könnte ich Euch doch meinen Dank abstatten. Aber ich werde immer in Eurer Schuld bleiben.«
»Vielleicht mache ich einmal meine Forderung geltend. Hoffentlich schreckt Ihr dann nicht vor der Größe derselben zurück!« antwortete er. Dabei sah er ihr mit einem innigen Blick ins Auge. Venne errötete, sagte aber nichts.
In Goslar war derweilen ihr Name und der Raßlers auf aller Lippen. Fast keine Woche verging, in der man nicht über irgendeinen Schaden zu klagen hatte. Da war ein Warenzug trotz reisiger Bedeckung überfallen und weggenommen worden, dort ein Teil der Herde weggetrieben. Klagen und Jammern, wohin man hörte; es wagte sich fast niemand mehr aus der Stadt heraus. Johannes Hardt und sein Weib waren tief bekümmert über die Vorgänge, denn Venne versperrte sich damit den Weg der Rückkehr für alle Zeit. Und es erschütterte sie, daß jene sich in die Hand des Räubers gegeben und so viel Unheil über ihre Vaterstadt gebracht hatte und noch anrichtete.
»Das hätte sie nie und nimmer tun dürfen,« sagte Johannes. »Lieber Unrecht leiden, denn Unrecht tun. Sie kann sich jetzt nicht mehr beklagen, daß man ihr übel mitgespielt habe. Was sie der Stadt angetan hat, wiegt den Schaden hundertfältig auf, den sie erlitt. Sie soll sich nur hüten, sich noch einmal in die Hände des Rates zu geben; ihr kann niemand mehr helfen.«
Auch Gisela war tieftraurig, daß die Freundin diesen Weg gegangen. Und auch ihre selbstlose Liebe fand kaum noch eine Entschuldigung für Venne.
Bei dieser selbst regte sich langsam die Sehnsucht nach der Heimat.
»Oh, könnte ich nur einmal noch die Türme meiner Heimat sehen; einmal nur noch die trauten Räume des Vaterhauses betreten!« seufzte sie in stillen Stunden. Noch zwang sie das Heimweh nieder, aber es pochte immer gebieterischer an ihr Herz.
Als sie Raßler eine Andeutung machte, wehrte er erschrocken ab: »Ihr ahnt nicht, welche Stimmung in Goslar gegen uns herrscht. Man würde Euch steinigen, bekäme man Euch zu Gesichte.«
Da schwieg sie betrübt, doch die Sehnsucht war nicht verflogen.
Wieder verstrichen die Wochen, und immer tiefer wurden die Seufzer und immer größer der Schmerz um die verlorene Heimat. Da sagte sie eines Tages entschlossen zu Raßler: »Ich halte es nicht länger aus. Schafft, daß ich nur einmal, und sei es nur auf eine Stunde, nach Goslar komme und die alte Katharina sehe und spreche, dann will ich gern wieder still sein.«
Raßler wehrte mit aller Entschiedenheit ab. »Um Gottes willen, Venne, steht ab von Eurem Vorhaben. Es ist Euer Verderben. Die Goslarer sind mehr denn je auf der Hut und werden Euch erkennen. Ich kann Euch nicht Euren Feinden ausliefern, denn Euer Tod wäre auch der meinige.« Verzweiflung klang aus seinem Wort, und die treueste Hingebung war auf dem Grunde seiner Augen zu lesen.
»Und dennoch bitte ich Euch, laßt mich hin. Ich verspreche Euch, alles zu tun, wie Ihr es für gut befindet, und mich der größten Vorsicht zu befleißigen. Nur laßt mich hinein nach Goslar!«
»Hinein kommt Ihr schon, Venne Richerdes,« sprach er erschüttert, »aber heraus findet Ihr nicht. Man wird Euch greifen, Euch töten, und das, Venne, überlebe ich nicht. Venne, tut es mir zuliebe. Ihr ahnt nicht, was ich in Euch verliere!« In wilder Angst fast wurden die Worte ausgestoßen. Venne traten die Tränen in die Augen: »Hermann Raßler, es schmerzt mich, daß ich Euch Kummer mache. Ihr habt es wahrlich nicht um mich verdient, Ihr, der Ihr mir der treueste, uneigennützigste Freund waret in dieser Zeit. Glaubt nicht, daß ich Euch das je vergesse. Noch sind die Wunden frisch, die man mir geschlagen, aber es kommt wohl einmal die Zeit, wo sie verharscht sind. Dann will ich auch Euch Antwort geben auf Eure stumme Frage.«
»Venne«, jubelte er, doch dann bezwang er sich. »Ihr habt recht, noch ist es nicht Zeit, Wünsche zu äußern. Aber laßt mir die Hoffnung, dann will ich mich gern gedulden.
Ich werde Euch selbst nach Goslar begleiten und in die Stadt bringen. Mir sind die Wege bekannt, wie man ungesehen hineingelangt.«
* * * * *
Das Käuzchen schrie in der sternlosen Septembernacht vor dem Thomaswall am Dicken Zwinger. Einmal, zweimal, zehnmal wiederholte es seinen klagenden Ruf, daß die guten Bürger hinter der Stadtmauer sich gruselnd die Decken über die Ohren zogen, denn den Todesvogel hört niemand gern. Aber bald öffnete sich leise und geräuschlos ein Mauerpförtchen, und ein verschlafener Kopf lugte heraus. »Wer ist's, der Einlaß begehrt?« war die leise Frage. »Gut Freund«, hieß es ebenso leise. Zwei Gestalten schlüpften durch die Lücke und folgten dem Öffnenden in die warme Stube. Dort traf das Licht der trübe brennenden Kerze die Gäste. Erschrocken fuhr der Wärter zusammen. »Um Gott, Herr Raßler, Ihr hier? Wißt Ihr nicht, was man Euch zugedacht hat? Und Eure Begleiterin?« Damit leuchtete er der zweiten Gestalt unter die Kapuze. »Alle Teufel, Ihr seid ein nettes Paar. Euch, Venne Richerdes, gilt es fast noch mehr als diesem da. Macht nur eilends, daß Ihr wieder aus dem Loche kommt, das ich Euch öffnete, sonst ist's um Euch geschehen.«
Raßler ließ sich ganz behaglich in dem gichtbrüchigen Sessel nieder. »Vorerst denken wir nicht daran, die gute Stadt Goslar zu verlassen. Wir fühlen uns bei Dir sicher wie in Abrahams Schoß.«
»Aber um Gottes willen, wenn man Euch bei mir findet,« wimmerte er ängstlich, »dann geht es auch mir an den Kragen.«
»So sorge dafür, daß wir nicht gefunden werden, dann kannst Du Dein edles Haupt weiter durch die Straßen von Goslar tragen«, fuhr Raßler gemütlich fort. »Jetzt aber wollen wir ruhen, denn unsere Besorgungen können wir doch erst morgen verrichten.« Der Wächter sah schon, hier war nichts mehr zu ändern, daher bereitete er oben im Turm schnell ein Lager.
Am nächsten Tage wurde er mit geheimer Botschaft zu Katharina geschickt. Eilfertig und zitternd kam das alte Weiblein angetrippelt. Der Bote hatte ihr wohl schon gesagt, wen sie treffen werde, denn mit allen Zeichen der Aufregung und Angst trat sie in das Zimmer. »Venne, meine Venne,« schluchzte sie, »wie konntest Du mir das antun!«
»Still,« herrschte Raßler, »wollt Ihr zum Verräter werden?« Da bezwang sie ihre Erregung, aber noch lange zitterte ihr gebrechlicher Körper unter verhaltenem Schluchzen. Dann begann das Fragen hin und her. Venne wollte wissen, wie es Hardts gehe, wie der guten Immecke Rosenhagen und ihren Kindern, und Katharina wieder forschte, wie und wo ihr Herzblatt lebe. Darüber war die Zeit verflossen, und es schlug die Stunde des Abschieds. Wieder konnte die gute Alte sich nicht fassen, bis Raßler nachdrücklich zum Aufbruch mahnte. Noch eine letzte Umarmung, dann schritt die Alte davon, gebeugt von ihrem Gram und das Weinen mühsam bekämpfend.
War die Einladung Katharinas auch mit aller Vorsicht erfolgt, es konnte doch nicht unbemerkt bleiben, daß die Magd der Richerdes in der stillen Gasse auftauchte. Neugierige Blicke folgten ihr, als sie in das Haus des Wächters hastete, und neugierige Augen geleiteten sie, als sie wieder fortging. Was hatte die hier zu tun, und was verursachte ihre Tränen? Hatte sie Nachricht von ihrer Herrin, der verruchten Venne, bekommen? Die Zungen ruhten nicht. Wußte der eine, daß sie die Nachricht vom Tode der Richerdes erhalten habe, so fügte der zweite und dritte schon hinzu, daß sie jene selbst gesprochen, und sie wußten doch nicht, wie nahe sie der Wahrheit kamen!
Es dauerte nicht lange, und die Menschen versammelten sich vor dem Hause, Stadtsoldaten marschierten auf, das Gebäude war von den freien Seiten umzingelt.
Die beiden beabsichtigten, mit dem Anbruch der Dunkelheit wieder zu verschwinden. Sie unterhielten sich noch mit dem Mann, der sie eingelassen hatte, da traf Stimmgewirr ihr Ohr. Raßler warf einen Blick durch das kleine Fensterchen und fuhr erschreckt zurück. »Wir sind verraten«, flüsterte er. Venne erblaßte. An sich dachte sie zuletzt. »Oh, nun habe ich Euch auf dem Gewissen«, klagte sie.
»Sorgt Euch nicht um mich,« wehrte er ab, »Euch gilt es zu retten, denn ich fürchte, Ihr seid ihnen im Augenblick wichtiger als ich.«
Verzweifelt spähte er umher: Gab es denn gar keinen Ausweg aus der Falle? Es war ausgeschlossen, denn auf der Rückseite, nach dem Walle zu, lehnte sich das Häuschen an die Stadtmauer. Verflucht, so war man den Pfeffersäcken ins Garn gegangen, ohne daß sie es ausgespannt hatten! -- Fieberhaft arbeitete sein Gehirn: Sollte er versuchen, durchzubrechen? Er allein würde sich nicht besonnen haben. Aber Venne. Kein Ausweg, keine Rettung! Wieder irrte sein Blick über den Platz, wieder überlegte er, doch es ging nicht, er mußte Venne für den Augenblick aufgeben, nicht um sie den Goslarern zu überlassen, sondern um sie bald, morgen, in wenigen Tagen zu befreien. Er teilte ihr seinen Entschluß mit.
»Verzagt nicht. Solange noch ein Atemzug in mir ist, wartet Euer die Rettung.« Dann traf er die Anstalten zum Durchbruch.
Absichtlich zeigte er sich an einer Giebelöffnung, als ob er von dort aus entkommen könne. Sofort erhoben sich die Stimmen: »Da ist er, dort will er entfliehen!« In wenigen Sätzen stand er an der Tür, riß sie auf und warf sich auf die überraschten Nächststehenden. Es war ihm ein leichtes, sie zu überrennen. Ehe noch die Menge wußte, was geschehen, rannte er davon und verschwand. Venne aber wurde ergriffen und im Triumph in festes Gewahrsam geführt.
Luthers kräftige Stimme wider den Ablaßmißbrauch, die zuerst im Jahre 1517 ertönte, fand in Goslar vielstimmigen Widerhall. Denn auch hier hatte man Tetzel reichlich gespendet, und ein in der St.-Jakobi-Kirche stehender Armenkasten führte noch lange den Namen ›Tetzelkasten‹. Aber noch bekannte man sich nicht offen zu der neuen Lehre. Der Rat im besonderen hielt noch einmütig am alten Glauben fest. Als jedoch im Sommer 1521 die heldenmütige Standhaftigkeit Luthers zu Worms vor Kaiser und Reichstag bekannt wurde, da war auch in Goslar die Bewegung nicht mehr einzudämmen. Es fanden die ersten Predigten in lutherischem Geiste statt, und der Vikar Johann Klepp lieh ihm von der Kanzel der St.-Jakobi-Kirche das Wort. Der Oheim Hardts, der Pleban an dieser Kirche, setzte beim Rate durch, daß jenem das Predigen in dieser Kirche verboten wurde. Da zog Klepp in die Kirche zum Heiligen Grabe, und seine Anhänger mehrten sich von Tag zu Tag.
Zuletzt wurde ihm das Reden in allen Kirchen verboten, doch der Stein, der ins Rollen gekommen war, konnte nicht mehr aufgehalten werden. An Klepps Stelle traten andere, und was man in den Gotteshäusern nicht mehr verkünden durfte, fand auf den öffentlichen Plätzen das Ohr einer noch größeren Zuhörerschaft. Magister Schmiedecke predigte auf dem Lindenplan, und seine Anhänger, ›die Lindenbrüder‹, gewannen ihm neue Gefolgsleute. So groß war der Zulauf, daß die Kirchen und Kapellen bald leer standen.
Die Stadt war voll innerer Unruhe; die Masse des niederen Volkes stand gegen die Besitzenden, besonders den Rat, in ablehnender Kampfstimmung. Der Funken glühte; wer ihn zu entfachen vermochte, konnte große Verwirrung über die Stadt bringen.
Hermann Raßler war über diese Zustände wohlunterrichtet, und er baute darauf seine Befreiungspläne. Seit einigen Tagen lebte er wieder unerkannt in den Mauern der Stadt, und seine Agenten bearbeiteten das Volk, um es für seine Ziele einzuspannen. In geschickter Weise wurde die Stimmung aufgepeitscht durch die Verquickung der religiösen Spannung mit dem wirtschaftlichen Elend. Raßlers Plan ging dahin, einen Auflauf des Volkes zu verursachen und während dieser Zeit die Gefangene zu befreien. Die Zusammenrottung fand planmäßig statt. Große Mengen schreienden und brüllenden Volkes drängten sich auf dem Marktplatz zusammen. »Fort mit den Pfaffen! Heraus mit dem Rat! Brot! Brot! Der Bürgermeister soll kommen!« so tobte und schrie es durcheinander. Nur Achtermann verlor die Ruhe nicht. »Laßt die Kartaunen abbrennen, schickt ihnen Vollkugeln auf den Wanst, daß sie satt werden«, riet er höhnisch.
Das Gesicht Karsten Balders war in ernste Falten gelegt. Er übersah das Unwetter, das heraufzog, in seiner ganzen Schwere. Es handelte sich nicht nur darum, die Ruhestörer vom Marktplatz zu verscheuchen, einigen Dutzend Schreiern den Mund zu stopfen, sondern eine Bewegung zu bekämpfen, die das gesamte Volk bis in seine Tiefen hinein erregte und die, wenn sie Wurzel faßte, die Stadt in ausgesprochenen Gegensatz zu Kaiser und Papst bringen und damit den katholischen Herzögen den Weg frei machen mußte, um ihr Mütchen an ihr zu kühlen. Er entschloß sich, auf den Altan zu treten und beruhigend zu der Menge zu reden.
Als er erschien, schrien einige: »Still, der Bürgermeister will zu uns reden. Ruhe für Karsten Balder!«
»Soll das Maul halten!« brüllten andere. Es drohte zu einem Handgemenge zwischen den beiden Parteien zu kommen.
Die Leute Raßlers, geschickt auf den Platz verteilt, hetzten die einen gegen die anderen, und der Tumult schien sich in sich selbst verzehren zu wollen. Der Bürgermeister, der ein paarmal vergeblich versuchte, sich Gehör zu verschaffen, wollte wieder wegtreten.
Während des Lärmens und Tobens hatte Raßler selbst sich mit einigen handfesten Leuten Eintritt von der Seite der Marktkirche ins Rathaus verschafft, in dessen Keller Venne Richerdes schmachtete. Da er durch seine Späher auch über die Örtlichkeit genau unterrichtet war und alles vorgesehen hatte, um bis zu ihr vorzudringen, stand er bald in ihrem Kerker. Sie war schon oft zum Verhör vorgeführt worden und glaubte, man wolle sie wieder vernehmen. Da erklang es hastig: »Kommt, die Befreiung naht.«
Venne erkannte Raßler und warf sich ihm aufschreiend in die Arme. »Gott sei Dank, daß Ihr kommt. Ich glaubte schon, ich sei von allen verlassen.«
Einen Augenblick ruhte sie an seinem Herzen, und seine Arme umschlossen die geliebte Gestalt; dann aber ermannte er sich. »Fort, keinen Augenblick verlieren!«
Durch Gänge und Türen stolperte sie an seiner Hand bis auf den Hof hinauf. Das Licht der Sonne, das sie seit Wochen nicht geschaut hatte, blendete so, daß sie die Augen mit der Hand schützen mußte.
Noch hatte niemand die Flucht bemerkt, denn aller Aufmerksamkeit war den Vorgängen auf dem Markt zugewandt, und sie wäre auch wohl weiter zunächst unbeachtet geblieben, wenn nicht zufällig ein Ratsherr aus der rückwärts mit Fenstern versehenen Stube gesehen hätte, wie das Paar eilig aus dem Hofe hastete. Er schlug sofort Lärm, und der Ruf: »Venne Richerdes ist entflohen!« ertönte weithin. Dieser Ruf, ins Volk geworfen, bewirkte, was weder der Bürgermeister noch andere erreichen konnten: Der ganze Haufe setzte sich nach dem Hohen Wege in Bewegung, wohin das Paar gelaufen war.
Die beiden hatten einen ziemlichen Vorsprung, und es wäre Raßler bei seiner Kenntnis aller Winkel und Ecken wohl gelungen, sie in dem Gewirr der Gassen am Liebfrauenberge in Sicherheit zu bringen, wenn nicht Venne von der langen Haft geschwächt gewesen und ihre Kleider ihr beim Laufen hinderlich gewesen wären. Einige leichtfüßige Burschen hefteten sich an ihre Fersen. Um sie abzuwehren, mußte Raßler sich wiederholt umkehren. So verlor er kostbare Minuten. Der Haufe kam immer näher, die Wut funkelte aus aller Augen, dumpfe Schreie tönten an ihr Ohr.
Einige Leute Raßlers, die in Erkenntnis der Gefahr mit der Menge vorgestürzt waren, warfen sich ihr entgegen; auch Raßler selbst zog sein Schwert. Aber ihre Tapferkeit zerschellte an der Wucht der Masse. Ein klobiger Rademacher, der ein Stück Holz am Wege aufgegriffen hatte, schmetterte es auf Raßlers Kopf hernieder, daß er zu Boden sank. Alles war verloren; da wollten die Knechte wenigstens ihren Hauptmann retten. »Laßt das Weib, der Hauptmann ist uns mehr wert.«
Während die einen noch kämpften, schleppten die anderen den todwunden Mann davon. Venne blieb in den Händen ihrer Verfolger und wurde im Triumph zum Rathaus zurückgebracht. So endete der Befreiungsversuch, und der Rat trug fortan durch verdoppelte Wachsamkeit Sorge, daß man nicht ohne seinen Willen wieder zu ihr gelangen konnte.
* * * * *
Johannes Hardt bewahrte seine Treue gegen Venne auch jetzt noch, obwohl sie ihn durch ihre Verbindung mit Raßler schwer enttäuscht hatte. Er übernahm die Verteidigung der Angeschuldigten, und er unterließ nichts anzuführen, was zu ihrer Entlastung dienen konnte, verhehlte sich indes nicht, daß keine Aussicht bestand, sie zu retten. Gisela, die von tiefem Kummer über das Los der Freundin erfüllt war, beschwor ihn, nichts unversucht zu lassen. Sie erwog sogar den Plan, Venne heimlich freizulassen durch Bestechung der Wärter. Auch Immecke Rosenhagen und Erdwin Scheffer waren dafür gewonnen, aber Johannes erhob nachdrücklich Einspruch. Sein Pflichtgefühl litt es nicht, daß er, der im Solde der Stadt stand, etwas duldete oder sogar förderte, was ihn mit seinem geschworenen Eide in Konflikt brachte. Außerdem erkannte er, daß der Plan doch zum Scheitern verurteilt war. »Ich habe nur noch eine Hoffnung,« sagte er zu Gisela, »sie beruht auf Ernesti, an den ich schon vor langer Zeit eilige Botschaft schickte. Er ist mächtig und einflußreich; sein Wort gilt auch bei dem Rate viel. Gelingt es ihm nicht, Venne frei zu bekommen, so weiß ich keinen Rat mehr.« Seufzend ergab sich Gisela in das Unabänderliche.
Ernesti kam; Johannes besprach mit ihm alles, und auch jener erkannte den furchtbaren Ernst der Lage. Doch er wollte nichts unversucht lassen. Schon am nächsten Tage begab er sich auf das Rathaus und hatte mit Karsten Balder eine ernste Besprechung.
»Herr Karsten Balder,« sagte er, »ich verstehe Euren Zorn gegen mein Niftel; ich will auch zugestehen, daß sie sich schwer gegen die Stadt vergangen hat. Aber laßt ihr auch Gerechtigkeit widerfahren. Bedenkt, wie schwer sie gekränkt war, wie man sie und ihren Vater gehetzt hat, bis sie so weit kam. Ihre Begriffe von Recht und Unrecht mußten sich verwirren; die Hauptschuld trägt der Ratsherr Achtermann, wie Ihr nicht bestreiten werdet. Ich will von dem Geschwätz absehen, das er über sie ausstreute, sie sei eine Hexe. Ihr selbst als vernünftiger Mann werdet das nicht glauben, denn Heinrich Achtermann war ihr in treuer Liebe zugetan, und es steht fest, daß er bis zuletzt nie an ihr gezweifelt hat. Wie sollte also dieses reine, keusche Mädchen dazu kommen, sich solcher buhlerischen Mittel zu bedienen, um etwas zu gewinnen, was sie schon besaß? Ein anderes ist es um den Schaden, den sie oder Raßler, vielleicht ohne ihre Kenntnis und Einwilligung, Eurer Stadt zugefügt hat. Er mag groß sein, aber er ist zu ersetzen, und ich bin reich genug, um dafür einzustehen.«
Karsten Balder hatte ihn sprechen lassen; unbewegten Antlitzes hörte er ihm zu. Dann nahm er mit ernster Stimme das Wort: »Ihr wißt, Herr Ernesti, daß Venne Richerdes wie ihr Vater mir die Hauptschuld an dem beimessen, was sie an Ungemach betraf. Sie taten mir bitter unrecht damit, aber ich habe geschwiegen. Meine Hand ist rein von Schuld gegen sie. Mein Mund hat nichts geredet, das ich nicht verantworten könnte. Sie taten mir unrecht, aber es soll ihnen nicht vorbehalten bleiben. Doch anders ist es mit dem, was der Stadt widerfuhr. Für diese tat ich, was jene mir als persönlich gemeinte Kränkung auslegten; für diese muß ich geschehen lassen, was jetzt über die Tochter kommt. Sie tut mir leid, die Venne, ich will es Euch gestehen, und was der Achtermann ihr antut, mag kleinlich, verächtlich, verabscheuungswürdig sein. Aber es steht mir nicht zu, über ihn zu Gericht zu sitzen. Hätte sie sich früher an mich gewandt, so wäre vielleicht manches anders geworden; jetzt ist es zu spät.«
»Herr Bürgermeister,« entgegnete Ernesti, der noch nicht alle Hoffnung aufgeben wollte, »ich bin, wie Ihr wißt, ein Freund Eurer Stadt. Ihr selbst nanntet mich so. Ich habe -- wiederum gebrauche ich Eure Worte -- ihr Dienste geleistet, für die mir Dank zugesichert wurde. Wohlan, jetzt ist die Stunde der Vergeltung gekommen. Ich begehre nichts als die Befreiung Venne Richerdes'. Sie soll Euch Urfehde schwören; ich will sie mit mir nehmen, daß Ihr sie nie wieder zu Gesicht bekommt, aber laßt sie gehen.
Ich habe Euch geholfen, ich werde Euch helfen. Ich sorge, Ihr werdet diese Hilfe gut gebrauchen können. Gebt sie mir. Sie ist nur mein Niftel, aber Ihr seid selbst Vater, habt eine blühende Tochter. Sagt, wie täte es Euch, wenn man sie töten wollte. Würdet Ihr nicht Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um sie zu retten?«
»Wenn ich an Eurer Stelle wäre, Herr Ernesti, sicher. Wäre ich der Bürgermeister Karsten Balder, nein! Ich stehe hier für die Stadt, der ich geschworen habe. Ihr mahntet mich an die unruhige Zeit, in der wir leben; wie sollte ich es verantworten, gäbe ich die Schuldige frei, um vielleicht demnächst ein Dutzend armer Schelme dem Gericht zu überantworten. Solange ich über Recht und Gerechtigkeit in der Stadt Goslar zu wachen habe, wanke ich nicht. ›+Fiat justitia, pereat mundus+!‹ Die Gerechtigkeit soll ihren Lauf haben auch in diesem Falle.«
Bleich waren beide Männer, die sich jetzt gegenüberstanden.
»Ihr hattet meine Freundschaft, Karsten Balder,« sagte Ernesti mit düsterer Stimme, »so nehmt meine Feindschaft. Daß ich einen Fehdebrief schreibe, wollet nicht erwarten, aber die Absage sollt Ihr merken!«
»Ich muß es gelten lassen«, sagte Karsten Balder tiefernst; damit schieden die beiden Männer.
Den Hardts berichtete er von seinem Mißerfolge. Venne wollte er nicht mehr sehen. »Es geht über meine Kraft, vor sie zu treten«, sagte er, »mit dem Bewußtsein, daß der Tod hinter ihr steht, und ihr leere Trostworte zuzuraunen. Sagt ihr auch nicht, daß ich hier gewesen.«
Dann brach er auf. Von Goslar fuhr er geradeswegs nach Wolfenbüttel, um mit dem Herzog zu verhandeln; darauf kehrte er in seine Heimat zurück.
Auch Herzog Heinrich versuchte noch einmal, zugunsten Vennes zu vermitteln; es war vergebens. Mit fast ingrimmiger Festigkeit lehnte der Bürgermeister die Einmischung des Welfen ab. So nahm der Prozeß gegen Vene Richerdes seinen Lauf.
Auf dem Rosenberge, in einsamer Lage, wohnte der Henker der Stadt Goslar, Meister Henning Voß, mit Weib und Kind und mit seinen Knechten. In den Akten der Stadt führt er den harmlos klingenden Namen »Suspensor«. Für den armen Delinquenten, der ihm überantwortet wurde, war es indes gleich, ob der Rat Meister Henning seine sechzehn Groschen lötigen Silbers als »Henker« oder als »Suspensor« zahle.