Part 18
Während in Goslar Venne Richerdes der Prozeß gemacht wurde, lag ihr Bewunderer und Helfer todwund in Rohde, wohin er gebracht war, sobald sein Zustand das zuließ. Lange hielt ihn das Fieber im Bann, und es schien, als ob der willensstarke Mann seinen Meister gefunden habe. Immer wieder gellte der Name »Venne« durch seine Fieberträume, und oft fuhr er auf mit dem Rufe: »Laßt mich zu ihr, ich habe ihr Hilfe versprochen, ich darf nicht wortbrüchig an ihr werden.« Aber dann sank er wimmernd zusammen.
Von den Vorgängen in Goslar wurde er dauernd unterrichtet durch seine Spione. Er hörte von dem Fortgang des Prozesses und erfuhr, daß Venne zum Tode verurteilt sei. Da gab es für ihn kein Besinnen mehr. Ein Befehl rief alle seine Männer zusammen. Es galt einen Überfall auf Goslar, der in allen Einzelheiten sorgsam durchdacht war. Während ein Teil einen Angriff von der Westseite her unternehmen sollte, der die Aufmerksamkeit der Goslarer fesselte, würden die anderen von Südosten her, von wo man am wenigsten Feindseligkeiten erwartete, in die Stadt einzudringen suchen. Hermann Raßler war noch immer nicht wiederhergestellt, aber es galt ihm als selbstverständlich, daß er bei diesem Zuge, der ihm die Erfüllung seines höchsten Sehnens bringen sollte, zugegen sein mußte.
Der Tag der Hinrichtung Vennes stand fest und damit auch die Stunde, die zur Befreiung zu führen bestimmt war. Am Abend vorher näherten sich die Mannen Raßlers der Stadt. Jedes Geräusch wurde vermieden, die Landwehr an Stellen überschritten, die abseits der Wege lagen. Mitgeführte Leitern wurden an die Mauer gelegt; die Ersten gelangten über sie hinweg und überwältigten die Wache im Torturm. Dann brach der Haufe in die Stadt ein.
Schon war durch den Lärm, der sich bei der Erzwingung des Eingangs nicht vermeiden ließ, dieser und jener Bürgersmann geweckt. Verschlafen rieb er sich die Augen, dann aber besann er sich auf seine Pflicht, die ihn zu jeder Stunde zum Schutze der Stadt aufrufen konnte. Inzwischen drang der Haufe der Bewaffneten bis zum Marktplatz vor, wo im Rathaus Venne befreit werden sollte. Die Türen wurden mit Gewalt erbrochen, mit fliegender Eile stürmte Raßler zu dem Verlies, in dem er die Geliebte wußte.
»Venne, die Befreiung ist nahe! Venne!« rief er noch einmal, -- niemand antwortete. Eine Fackel tauchte auf, sie wurde dem Träger entrissen, und Raßler leuchtete in den Raum: leer! -- -- Er wußte nicht, daß man vor wenigen Stunden die Gefangene in die Stadtfronei gebracht hatte, um sie bei der Hinrichtung nicht weit führen zu müssen. »Vergebens, verloren!« stöhnte er. Tränen der Wut traten ihm ins Auge, und dann brüllte er auf wie ein Tier, dem man seine Beute entrissen hat.
»Venne, Venne!« schrie er einmal über das andere. Aber schon drängten die Genossen zum Rückzug. In der Stadt heulte die Sturmglocke, die Bürger sammelten sich in Haufen und drangen gegen das Rathaus vor. »Feind in der Stadt! Raßler ist da!« schrie und brüllte es durcheinander. Der Wilde stürzte sich auf sie: »Wo habt Ihr Venne Richerdes? Gebt sie heraus!« tobte er. Aber sie höhnten ihn in ihrer Übermacht. »Seht da, der Räuberhauptmann will sich sein Liebchen holen, um mit ihm auf dem Blocksberge Hochzeit zu halten. Auf ihn, der uns so sehr geschädigt hat, greift ihn, den Lump!«
»Auf sie!« brüllte auch Hermann Raßler mit blutunterlaufenen Augen. Wuchtig sausten seine Hiebe auf die Angreifer herab, und mehr als einer wälzte sich in seinem Blut. Aber immer größer wurde die Zahl der Verteidiger, und Schritt um Schritt wichen die Raßlerschen zurück. Dem Führer lag nichts an seinem Leben, immer und immer wieder stürmte er vor. Zuletzt rissen ihn die eigenen Leute zurück und führten den Widerstrebenden davon, während andere den Rückzug deckten. Das Schicksal Vennes war besiegelt.
* * * * *
Ein strahlend schöner Herbsttag brach nach der unheimlichen Nacht über die alte Reichsstadt herein. Leise, ganz leise kündigte sich das Sterben in der Natur an. Hier ein rotes Blättchen, das vom wilden Wein der Laube langsam zur Erde sich senkte, dort ein roter Schein über einen alten Ahorn oder eine Linde gehaucht, dazwischen dunkles Gold und lichtes Gelb, all die wunderbaren Farbentöne, mit denen der Meister der Schöpfung sein Werk noch einmal verklärt, ehe er ihm den Schmuck des Lenzes und Sommers nimmt und sie mit dem starren Gewande des Winters umkleidet. In den Büschen und Bäumen noch das lustige Gezwitscher der kleinen Sänger, die sich um das Morgen nicht kümmern, bis die Stimme in ihnen mahnt, daß es an der Zeit sei, sich zur Wanderung anzuschicken.
Auf den Straßen jubelten die Kinder bei ihren Spielen, unbekümmert um das Unheimliche, das geschehen war, und das Gräßliche, das bevorstand. Sie hatten von den Erwachsenen einen Vers übernommen, den sie zu ihren Ringelreihen lustig zwitscherten:
»Venne Richerdes und Raßler der Böse, Von beiden der Himmel uns balde erlöse!«
Vor der Pfalz, die von ihrer einsamen Höhe auf das Häusergewirr herabblickte, erhob sich das Schafott, auf dem Venne Richerdes büßen sollte. Eine ungeheure Volksmenge umlagerte den Platz. Selbst die Firste der näher liegenden Häuser waren mit Neugierigen bekränzt, die sich keine Einzelheit des schrecklichen Schauspiels entgehen lassen wollten.
Es ist der Ämter edelstes und opferwilligstes, das der Diener Gottes, dem Menschen in seiner letzten Not zur Seite zu stehen, wenn alle ihn verlassen müssen in seiner Qual. Bis dahin hielt ihn die Sorge um die Erhaltung des irdischen Lebens gefangen, jetzt lastet die furchtbare Seelennot auf ihm: Was wird aus mir im Jenseits?
Venne Richerdes stand außerhalb dieser Fürsorge, denn von der alten Gemeinschaft hatte sie sich losgesagt; die neue aber, die lutherische Familie, war, in Goslar zum wenigsten, noch ohne Heimat. Ihre Kinder und Jünger lebten der Obrigkeit zum Ärgernis und wurden von ihr nicht geduldet. So hätte sie allein den dunklen Weg gehen müssen. Aber der gute, alte Pater Franziskaner brachte es nicht über das Herz, sein Beichtkind ohne Tröstung den letzten Gang antreten zu lassen. Vor seinen Oberen beschönigte er sein Vorhaben mit dem Hinweise, daß Venne doch zuletzt noch widerrufen möchte, und auch im innersten Winkel seines Herzens lebte diese Hoffnung.
Als die Stunde gekommen war, trat er bei ihr ein.
»Ich bin gekommen, mit Dir zu beten«, sprach er mit ernster, milder Stimme. »Bist Du bußfertig, bereust Du Deine Sünden?«
»Ich bereue alles, was ich gesündigt, und bitte Gott, er wolle es mir nicht ansehen um Jesu Christi willen«, antwortete sie leise.
»Willst Du nicht zu uns zurückkehren?«
»Ich bitte Euch, ehrwürdiger Vater, laßt mich, wo ich bin. Ich habe den Grund gefunden, auf den ich baue, Jesum Christum. In ihm will ich sterben!«
»So möge Gott Dir gnaden!« murmelte der Mönch betrübt.
Das Armsünderglöcklein setzte ein mit seinem wimmernden Stimmchen. Aus der Fronei trat die todblasse Venne Richerdes, ihr zur Seite der Pater. Er murmelte die Sterbegebete; Vennes Lippen bewegten sich, ohne Worte formen zu können. Mit wankenden Schritten näherte sie sich der Richtstätte. Der Prokurator verlas das Urteil und brach den Stab über die Verurteilte, Venne Richerdes gehörte dem Henker.
Noch eine letzte, leise Bitte wagte der Mönch: »Widerrufe!«
Statt der Antwort nahm ihm Venne das Kruzifix aus der Hand. Ihr Auge suchte das Antlitz des Gekreuzigten. »Jesus Christus, mein Erlöser!« Ihre Lippen hauchten einen Kuß auf das Kreuz, dann ließ sie es in die Hände des Paters zurückgleiten.
Noch einmal umfaßte ihr Blick die Heimat mit den Türmen und Giebeln und den ragenden Bergen. Dann kniete sie nieder und empfing den tödlichen Streich.
* * * * *
Venne Richerdes hatte geendet, nicht erloschen war das Rachegefühl in der Brust Hermann Raßlers. Als die Nacht hereingebrochen, näherten sich wieder Gestalten der Stadt und gewannen heimlich Einlaß. Der Wächter rief die Mitternachtsstunde, da flammte es an allen Enden Goslars zugleich blutigrot auf. Der rote Hahn spreizte seine feurigen Flügel. Die Bürger schreckten aus dem Schlafe auf durch das gefürchtete »Feuerjo! Feuerjo!« Prasselnd stiegen die Flammen in den dunklen Himmel, die Nachbarschaft weithin mit grellem Schein übergießend; dahinter gähnte die Nacht nur um so schwärzer und unheimlicher. Hermann Raßler brachte Venne Richerdes sein Totenopfer!
Er selbst, der Wilde, Rachedürstende, war daran nicht beteiligt, er hatte ein anderes, letztes Werk in Goslar zu vollbringen: noch lebte der, von dem all das Unheil ausging, das über die unglückliche Venne hereingebrochen war, der Ratsherr Heinrich Achtermann.
Der Rächer nahm niemand mit auf seinem Wege. Was er vorhatte, war sein eigenstes Werk, kein Unberufener sollte ihn dabei stören, was er mit seinem Todfeinde zu erledigen hatte.
Das Haustor war bald geöffnet, er drang zu dem Zimmer vor, in dem der Gehaßte weilte. Eine Magd, die ihm mit einer Kerze entgegentrat, verscheuchte er mit barschem Befehl. Da trat ihm der Gesuchte entgegen, notdürftig gekleidet. Entsetzen ergriff ihn, als er den Gefürchteten vor sich auftauchen sah. Das Licht zitterte in seiner Hand.
»Zurück in Euer Zimmer!« herrschte Raßler. Mechanisch wich Achtermann zurück. Jener folgte ihm auf dem Fuße.
Achtermann wußte, daß sein letztes Stündlein geschlagen habe. Hilfesuchend glitt sein Blick zum Fenster. Raßler sprach düster: »Gebt Euch keiner Hoffnung hin, für Euch gibt es keine Rettung! Bereitet Euch zum Sterben vor. Aber zuvor noch eine Frage: Was tat Euch Venne Richerdes, diese Edle, Reine? Habt Ihr auch nur einen einzigen triftigen Grund, so mögt Ihr Euer elendes Leben weiterschleppen. Euch bleiben noch genug der Gewissensbisse, daß Ihr darunter zusammenbrechen müßt.«
Der Ratsherr brachte nur lallende Laute hervor. »Sprecht!« heischte der Unerbittliche, aber kein Wort entrang sich den blassen Lippen. Stieren Auges blickte er auf den Peiniger.
»Willst Du nicht, so fahre ohne Bekenntnis zur Hölle!« schrie er. »Doch daß ~ich~ es an christlicher Gesinnung selbst Dir gegenüber nicht fehlen lasse, so sei Dir noch ein letztes Gebet gegönnt. Nieder auf die Erde!« brüllte er, als Achtermann noch immer schwieg, und damit riß er ihn auf den Boden. Da entrang sich den Lippen seines Opfers ein furchtbarer, wilder Schrei. Mit eiserner Faust hielt Raßler ihn nieder, während die Rechte den Dolch zum Stoß bereithielt. Wimmernd, mit verglasten Augen lallte der Alte einige Worte. Es wurde laut im Hause. Durch das Geschrei der Magd und den Angstruf des Ratsherrn waren Nachbarn aufmerksam gemacht worden und drangen ins Haus.
»Stirb, Du Hund«, zischte Raßler und hob die Rechte zum Stoß. Da flog die Tür auf, und die Helfer drangen ein. Ehe noch der Dolch sein Ziel erreicht hatte, sank Hermann Raßler unter dem Streiche eines Bürgers. Seinem Leben ward ein Ende gesetzt an dem Tage, da Venne, die er zu gewinnen hoffte, unter des Henkers Schwert starb.
Heinrich Achtermann hatte das Bewußtsein verloren; als er wieder zur Besinnung gebracht war, schlug ein blöder Greis die Augen auf. Die schreckliche Stunde hatte ihm die Sinne verwirrt.
Durch die hochgehenden Wogen der Nordsee pflügte sich eine hansische Kogge mühsam ihren Weg. Oft war sie verschwunden zwischen den grünen Wellenbergen, dann schwebte sie auf der Höhe des nächsten Wasserschwalles. Der weiße Gischt flutete über das niedrige Verdeck, alles mit seiner salzigen Flut übergießend. Aufmerksam standen Kapitän und Steuermann auf ihrem Posten; keinen Blick verloren sie von dem Wege, den der Kompaß vorschrieb.
Das Schiff hatte eine schwere Fahrt hinter sich, seitdem es von der Mole in London losmachte. Wild jagte der Novembersturm hinter ihm drein und heulte brüllend durch die gerefften Segel und Stengen. Aber wacker stampfte es dahin, unentwegt dem fernen Ziele zu. Die Kogge war in Hamburg beheimatet, und dorthin ging ihre Reise.
Ungeduldig blickte einer der Schiffsgäste auf Schiff und See, deren Wogen, wie es schien, unter dem Fahrzeug eilig davonglitten dem Ziel zu, das sie selbst erstrebten. Ja, er war voller Ungeduld, Heinrich Achtermann, der mit der guten hansischen Kogge die Heimfahrt von London antrat, nachdem dort die geschäftlichen Angelegenheiten zu seiner und, wie er hoffen durfte, auch zu seines Vaters Zufriedenheit geregelt waren. Aus der Heimat hatte ihn in dem knappen Jahre, das er von Goslar fern weilte, Nachricht nicht erreicht außer einem Schreiben des Vaters, das geschäftlichen Inhaltes war und die Dinge, die ihn interessierten, nicht berührte. Venne selbst wußte er in Worms; wie lange ihr Aufenthalt dort dauern würde, war ihm unbekannt. Zwischen ihm und ihr war also in dieser Zeit der Faden gänzlich abgerissen.
Er freute sich von Herzen auf das Wiedersehen, denn die Aufregung der letzten Tage in Goslar mit dem unleidlichen Zwischenfall hatte sich gewiß gelegt, und er durfte hoffen, daß auch bei dem Vater eine mildere Stimmung eingezogen sei. Seine Gefühle für die Geliebte waren durch die lange Trennung geklärt, sie hatten an Innigkeit nicht verloren, sondern waren gefestigt worden durch die Vergleiche, die er zwischen fremden Frauen und der keuschen, züchtigen Geliebten ziehen konnte. Er war entschlossen, sein Glück festzuhalten und sich durch nichts darum betrügen zu lassen.
Viel zu langsam für seine Ungeduld setzte das Schiff seine Fahrt durch die schwere See fort. Heinrichs Gedanken eilten ihm voraus und übersprangen den Weg von Hamburg nach Goslar. Er sah sich zur Bergstraße eilen und die Geliebte an sein Herz sinken. Das Gefühl des großen Glückes, das seiner wartete, drohte ihm die Brust zu zersprengen. Endlich lief die Kogge in die Elbe ein und legte im Hafen von Hamburg an. Es hielt ihn dort keinen Tag länger, unverweilt brach er nach Goslar auf. Noch hieß es sich Tage gedulden, aber süßer Lohn winkte ihm daheim und brachte ihm Entschädigung für die lange Zeit der Sehnsucht!
Armer Heinrich, Du ahnst das Schreckliche nicht, das Deiner wartet!
Von Braunschweig ab fand er Gesellschaft in einem Reisegenossen, einem Kaufmann, der in Goslar Station machen und dann weiter nach Halberstadt wollte. Von dem Gespräch über die Zeitläufte kam man auch auf die Geschehnisse in der Heimat. Da der Reisende hörte, daß Heinrich lange abwesend gewesen sei, berichtete er über vieles, das ihm in den Sinn kam.
»Dann wißt Ihr wohl auch nichts von dem großen Hexenprozeß, der vor wenigen Monden alle Gemüter in Eurer Heimat in Spannung hielt?« Heinrich verneinte.
»Nun, da werdet Ihr staunen. Es war nämlich keine gewöhnliche Hexe, sondern ein vornehmes Fräulein.«
Heinrich schnürte ein unerklärliches Angstgefühl die Kehle zu. »Wie hieß die Frau?« fragte er mit halberstickter Stimme.
»Ja, wie war doch der Name? Laßt sehen. Venne, Venne Richard oder so ähnlich.«
»Venne, Venne? Doch nicht Richerdes?« fragte er heiser. »Doch, das ist der Name.« »Ihr lügt«, schrie der Gepeinigte, daß der Fremde erschrocken zusammenfuhr. »Ihr lügt«, wiederholte er noch einmal.
»Nun, ich kann mich ja irren, aber ich meine, so hätte der Name geklungen; doch nichts für ungut. Was erregt Euch denn so bei dem Namen?«
Was ihn erregte! Er hätte dem Mann ins Gesicht schreien können: »Meine Braut ist es!« aber er schwieg mit zusammengebissenen Zähnen. Nur kurze Zeit ritt er noch mit dem Weggenossen, dann entschuldigte er sich: »Nehmt es nicht übel, aber mich zwingt die Unruhe vorwärts.« Damit gab er seinem Pferde die Sporen.
In Goslar ritt er durch das Breite Tor ein. Qualvolle Ungewißheit erfüllte sein Herz. Es schien ihm, als blickten ihn alle Leute mit neugierigen, mitleidigen Augen an. Bekannte begegneten ihm nicht. Ehe er noch das väterliche Haus aufsuchte, ging er zur Bergstraße, um von der schrecklichen Pein erlöst zu werden. Das Haus der Richerdes war verschlossen, niemand rührte sich drinnen. Es öffnete sich ein Nachbarfenster: »Aber was wollt Ihr denn da? Wißt Ihr nicht, daß die Hexe ...?« Da jagte er davon wie von Furien gehetzt.
Im Vaterhause alles still. Die Magd blickte ihn an, als ob sie ein Gespenst sehe. »Herr Heinrich«, schrie sie dann laut auf. Auf den Ruf trat die Mutter aus dem Zimmer. Aber ... war denn das seine Mutter? Eine rüstige, stattliche Frau, so hatte sie ihm den Abschiedskuß auf die Stirn gedrückt, und jetzt eine gebeugte, zitternde Greisin?
»Mutter,« schrie er, »Mutter, ist es wahr, was man mir erzählt? Venne ...?«
Sie lehnte sich gegen den Türpfosten, als drohten ihr die Kräfte zu versagen. »Ja, mein Sohn, mein armer Junge, es ist wahr.«
Da schrie er auf wie ein zu Tode getroffenes Wild. »Venne!« und noch einmal »Venne!«
»Und wer hat sie mir geraubt« rief er heiser vor Wut. »Hat etwa der Vater daran Anteil?«
Die Mutter schwieg. Das Schweigen war ihm Antwort genug.
»So hat der Unhold in seiner Rachsucht alles zerstört, was mir teuer war. Alles, alles«, fuhr er mit versagender Stimme fort. »Aber wo ist er?« schrie er erneut auf. »Wo ist er, daß ich ihn zur Rechenschaft ziehe?«
Die Mutter schluchzte still vor sich hin. »Wo ist er?« fragte der Sohn wiederum drohend.
»Du wirst ihn nicht zur Rechenschaft ziehen, weil Du es nicht kannst, armer Junge«, sagte sie leise.
»Weshalb nicht? Ist er tot? Ist alles tot und verhext hier bei Euch?«
»Er ist nicht tot,« antwortete sie mit bitteren Tränen, »er ist schlimmer als tot, er ist wahnsinnig.«
»Ha, ha, ha«, lachte Heinrich in grellem Hohn. »So ist's recht, die Braut getötet, der Täter ein Narr!«
»Du sprichst vom Vater!« mahnte die Mutter verzweifelt.
»Ich fluche ihm,« schrie der Sohn, »ich fluche allen, die an der grausigen Tat mitschuldig. Ich erwürge sie alle«, schäumte er.
»Fasse Dich, mein Sohn,« mahnte sie, »lästere nicht wider Gottes Gebot, das Dich heißt, den Eltern Ehrfurcht zollen.«
Wieder lachte er schrill auf. »Ehrfurcht zollen diesem blöden Mordbuben! Nein, nein, ich ziehe ihn dennoch zur Rechenschaft; er soll mir büßen.« Er trat einen Schritt auf das Zimmer zu, in dem er den Vater mutmaßte. Da stellte sich ihm die schwergeprüfte Mutter entgegen. »Willst Du nicht Gottes Gebot achten gegen Deinen Vater, so achte mich oder schreite über mich weg, wenn Du es vermagst.«
Da brach der Zorn des Sohnes zusammen. Er sank auf einen Sitz und schluchzte in haltloser, wilder Verzweiflung. Leise legte sich die Hand der Mutter auf seinen Scheitel: »Gott hat Dir und mir die Prüfung geschickt, laß sie uns gemeinsam tragen, daß nicht der einzelne ihr erliegt.«
* * * * *
So nahm Heinrich Achtermann sein Joch auf sich. Oft meinte er, darunter zusammenzubrechen. Wenn er den Vater sah, quoll die wilde Verzweiflung aufs neue in ihm empor. Er ballte die Fäuste in der Tasche, um sich nicht an dem wehrlosen Narren zu vergreifen.
Der stolze Ratsherr Achtermann war zum Kinde geworden, zum blöden Kinde, das vor sich hinlallte und greinte und lachte, wie die Eindrücke von außen, der Hunger, die Kälte, Tag und Nacht ihn trafen. Geduldig pflegte die Mutter das große Kind. Mit einem Gefühl der Bewunderung blickte der Sohn auf diese Frau, die in stiller, selbstloser Liebe dem Gatten die Treue hielt, auch jetzt, wo er für die Welt zum gemiedenen, verachteten Geschöpf geworden war: Das war die Liebe, die echte, große Liebe, die, von Gott in der Menschen Herz gesenkt, nicht erlosch und sich am Erbarmen mit dem Geschlagenen stärkte und immer reiner und verklärter ihre Äußerung fand.
Mählich, ganz mählich zog auch Mitleid in sein Herz. Der Vater selbst hatte alles vergessen, was zwischen einst und dem schrecklichen Tage lag, da durch seine Schuld die edle Venne dahinsank.
In ihm lebte sie, so oft seine Gedanken sich zu ihr zurückfanden, als die schöne, liebliche und geliebte Schwieger. Er fragte nach ihr, er greinte, daß sie nicht komme, und dann führte ihn sein schwacher Geist wieder in das Kinderland zurück, das dem Greise noch einmal sich aufgetan hatte.
Heinrich gewann es allmählich über sich, den Mann zu ertragen, der ihm so Schweres zugefügt hatte; nur wenn der Schwachsinnige in seiner kindischen Sehnsucht ihren Namen nannte, wenn er sie als Tochter grüßte und rief, brannte das Weh in alter Schärfe.
Noch einmal wurde der Ratsherr Achtermann Herr seines Verstandes. Das war in der Stunde, da der Tod schon zu seinen Häupten stand. Da büßte er alles, was er gesündigt hatte. »Vergib mir, mein Sohn, was ich Dir tat. Vergib mir, Venne, geliebte Tochter, in Deiner lichten Höhe. Ich komme und will den Saum Deines Gewandes küssen. Herr, Herr, behalte mir die Sünde nicht vor.«
Erschüttert stand der Sohn daneben. Sein Groll schmolz dahin. Er legte die Hände des Sterbenden zusammen und betete mit ihm: »Herr, vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern.«
Es starb der Vater, es starb ihm die Mutter. Nun lebte er ganz allein. Es war ein stiller, einsamer Mann, der zu der Stelle an der Kirchhofsmauer wallfahrtete, wo sie Venne Richerdes gebettet hatten. Lieblicher als Menschenhand schmückte Mutter Natur die Ruhestätte, die von den Menschen gemieden wurde.
Man lockte ihn mit hübschen, schönen Jungfrauen, die bereit waren, an der Seite des Einsamen durch das Leben zu pilgern; er achtete ihrer nicht. Früh bleichte sein Haar. Man schalt ihn einen Menschenfeind und Sonderling; er hörte es nicht. Nur dem kleinen Kreise derer, die Venne Richerdes bis zum Tode die Treue gewahrt hatten, blieb er ein Freund. Im Hause der Hardts fand auch sein Mund wieder Worte. Man gedachte der ihm Entrissenen.
Mit wehmütiger Freude traf der Blick Heinrichs das junge, blühende Geschlecht, das dort in der Unschuld seiner Kindheit heranreifte. Seine Hand glitt wie segnend über den Scheitel des Töchterchens, das sich vertrauensvoll an ihn schmiegte. Seine Gedanken suchten das Dunkel zu durchdringen, das ihre Zukunft verhüllte: Was wird ihrer harren hier auf Erden?
Und er fand die Antwort, wie sie lauten mußte: Liebe und Kampf und Kampf und Liebe in der ewigen Wiederholung des Menschenschicksals!
Anmerkungen zur Transkription:
Die erste Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die Korrektur.
S. 132
Sie alle feierten Sie alle froren