Chapter 11 of 18 · 3932 words · ~20 min read

Part 11

Katharina mußte die Art der Krankheit genau beschreiben, doch erklärte jene, es sei äußerst wichtig, daß sie die Kranke selbst sehe und spreche. Da wurde die treue Alte vor dem eigenen Mut bange, denn sie handelte ja ohne Ermächtigung ihrer Frauen. Doch die Liebe zu diesen und der brennende Wunsch, der Kranken Heilung zu verschaffen, überwog zuletzt die Bedenken. Was sie aber selbst noch an Mißtrauen gegen die geheimnisvolle Frau hegte, verscheuchte sie durch die drohenden Worte: »Das sage ich Euch, Gittermannsche, tut Ihr meiner Frau ein Leid an, so habt Ihr es mit mir zu tun, und mit mir ist nicht zu spaßen.«

Jene antwortete nur mit einem überlegenen Lächeln, als ob ihre Kunst für sie außer Zweifel stehe.

Venne schalt die alte Magd tüchtig, als sie von dem Besuche hörte, und die Kranke weigerte sich, mit der Frau in Berührung gebracht zu werden, die doch eine Hexe sei. Aber das Leiden wurde schlimmer, und Katharina kam hartnäckig immer wieder auf die Sache zurück. Schließlich gaben die beiden nach, und man einigte sich, daß zunächst Venne mit der Getreuen -- im Dunkel des Abends natürlich -- die Gittermannsche aufsuchen solle.

Die alte Vettel war von einer überraschenden Liebenswürdigkeit, denn ihr lag viel daran, in dem angesehenen Hause Zutritt zu erhalten. Auf Venne wirkte indes gerade diese Art widerlich und abstoßend, aber sie bezwang ihren Abscheu, um der Mutter zu helfen. Mit großer Zungenfertigkeit pries die Gittermannsche ihre Kunst und zählte tausend Mittel und Sprüche auf, die unfehlbar, schnell oder langsam helfen müßten.

Venne wirbelte der Kopf von all dem Gehörten, aber sie gewann doch die Hoffnung, daß das Weib vielleicht die Heilung in der Hand habe. Es wurde also verabredet, daß sie auf besondere Botschaft hin kommen solle. Nun galt es noch, der Mutter endgültige Zustimmung zu erlangen. Der Vater wurde nicht ins Vertrauen gezogen; man hoffte es so einrichten zu können, daß er nichts von dem Besuche erfuhr. Später, wenn, wie Venne hoffte, eine Besserung eingetreten war, sollte auch er davon hören.

Als die Gittermannsche an dem verabredeten Abend vorkam, hätte Venne ihre Zusage am liebsten zurückgenommen, denn sie sah hier in der sauberen Wohnung fast noch unheimlicher und schmutziger aus als in ihrer Behausung. Die Mutter tat ihr doppelt leid, die sich von diesem Geschöpf behorchen und befühlen lassen mußte. Aber die ließ alles so teilnahmslos über sich ergehen, daß sie die Einzelheiten gar nicht wahrzunehmen schien.

Als die Megäre mit der Untersuchung fertig war, sann sie nach, wobei sie den schmutzigbraunen Finger an die Nase legte. Venne sah ihr angstvoll zu, als ob ihr eigenes Leben von dem Ausspruch abhänge. Dann kramte jene ihre Weisheit aus.

»Der Fall liegt schwer; doch ich hoffe, das Übel mit der Wurzel zu fassen. Habt Ihr, Frau, etwa böse Neider oder eine Feindin, die Euch das Übel angetan hat? Denn ohne Zweifel seid Ihr versehen worden.«

Frau Richerdes antwortete, sie sei sich nicht bewußt, sich jemandes Feindschaft zugezogen zu haben, auch wisse sie keinen Menschen, dem sie so Böses zutrauen könnte. Da legte sich aber Katharina ins Wort. »Ihr vergaßet das Zigeunermensch, das wir damals fortjagten, weil die Frau, als sie, Euch wahrzusagen, sich in die Stube gedrängt hatte, es verstand, sich ein seidenes Tuch anzueignen, das in ihrer Nähe lag. Ihr waret gutmütig genug, sie straflos laufen zu lassen. Aber ich erinnere mich noch genau des bösen Blickes, den sie auf Euch warf, und geheime Worte murmelte sie auch im Weggehen.«

»Dacht' ich mir's doch,« sagte die Gittermannsche. »Die Zigeunerinnen verstehen sich besonders auf die Kunst des bösen Blickes, und einen Zauberspruch wird sie Euch auch noch auf den Hals geschickt haben, ohne daß Ihr es merktet. Da werden wir es gleich mit kräftigen Mitteln versuchen müssen, um der Sache Herr zu werden. Und es soll mit dem Teufel zugehen, wenn es uns nicht gelingt.«

Bei dem Worte ›Teufel‹ fuhren die Frauen zusammen, und die ängstliche Katharina erklärte energisch: »Wir sind gute Christen und wollen mit dem Gottseibeiuns nichts zu tun haben.«

»Ach, geht mir mit Euren Einwänden,« entgegnete die Gittermannsche. »Meint Ihr, ~ich~ habe mit dem Teufel zu tun oder will Euch ihm verschreiben? Aber was von ihm kommt, muß zu ihm zurück. Das werdet Ihr doch auch wohl gelten lassen, oder wollt Ihr's für Euch behalten? Ich werde Euch eine Brühe kochen, mit der Ihr Eure Schwelle besprengt. Daneben reibt Ihr der Kranken die Herzgrube mit der Salbe, die Ihr gleichfalls bekommen sollt. Die Salbe ist wunderlich zusammengesetzt, und ihr Geheimnis behalte ich für mich. Die Brühe aber mögt Ihr selbst kochen; also wisset, wie man's macht.

Kauft in Gottes Namen eine Muskatnuß, ohne um den Preis zu feilschen, schneidet sie durch und zerstoßt sie mit Buchenasche, die im Sommer gewonnen ist. Kocht das Ganze in einem Eimer fließenden Wassers und gießet es an einem Donnerstag in Gottes Namen auf Eure Schwelle, indem Ihr also sprecht:

›Dat et nu vorgae unde dem duvel nicht bestae. Im Namen des vaders unde des sones unde des hilghen gheistes.‹ Handelt genau nach meiner Vorschrift und wartet die Wirkung ab.«

Eine Belohnung wollte die Gittermannsche nicht nehmen, nein, es war ihr nur um die christliche Barmherzigkeit zu tun, und sie freue sich, einer so ansehnlichen Frau zu helfen. Katharina aber sorgte dafür, daß ihre Schürze in der Küche mit allen möglichen nützlichen und schönen Sachen gefüllt wurde.

So gewann die Gittermannsche Zutritt und Einfluß im Hause Richerdes. Hätte die gute Katharina geahnt, welchem Unheil sie damit die Tür öffnete, sie hätte jene nicht gerufen, selbst nicht um den Preis der Wiederherstellung ihrer Frau.

Auf dem Vater Vennes lasteten noch mehr Sorgen als die Krankheit der Frau. Was er damals dem Ratsherrn Achtermann zugesagt hatte, war in Verhandlungen mit dem Rate der Stadt herangereift. Richerdes wollte sein Grubenrecht um zweitausend Mark lötigen Silbers abtreten. Es handelte sich noch darum, die genaue Abgrenzung seiner Gerechtsame im Berge markscheiderisch festzulegen. Solange ging der Betrieb auf seine Kosten weiter.

Er konnte sich nicht verhehlen, daß der Ertrag immer geringer und zweifelhafter wurde, und es fiel ihm schwerer und schwerer, die Löhne und Gelder für Grubenholz aufzubringen. Der Silvane Bandelow, der ihm so viel von Freundschaft und nachbarlicher Gesinnung vorgeredet hatte, drohte mit der Einstellung der Holzlieferungen. Die Verhandlungen mit dem Rat kamen ihm dabei als Ausrede sehr gelegen. »Er habe ja abgeredet, zu verkaufen; ja, wenn Richerdes das Werk weiterbehalten wolle, aber so ...« Es mußte also Geld beschafft werden. Die Bekannten zeigten sich nicht geneigt, zu helfen; auch Achtermann gab unter allerhand Ausreden nichts her. Da blieb kein anderer Weg offen, als sich an die gewerbsmäßigen Herleiher zu wenden, wenn es auch vielleicht unchristliche Zinsen kostete.

Der Zuzug der Juden nach Goslar wurde von dem Rat immer von Fall zu Fall und mit zweckdienlicher Zurückhaltung geregelt. Er hatte sich dabei bislang immer durchaus als ein guter Geschäftsmann gezeigt, der eine Leistung nicht tut ohne Gegenleistung. Das bedeutet für die vielgejagten und verfolgten Kinder Israels nichts anderes, als daß sie zahlen und nochmals zahlen mußten, um die Erlaubnis zur Ansiedlung zu erlangen. Und da der Kaiser auch für seinen Schutz noch eine besondere Steuer ihnen auferlegte, so ergab sich für diese Schutzjuden des Rates und des Kaisers die Pflicht, zu zahlen und zu zahlen, um nur ein Obdach zu haben. Was Wunder also, daß sie daraus für sich die Erlaubnis ableiteten, zu nehmen, wo sich's ihnen bot, das heißt, ihren christlichen Mitmenschen ihre Hilfe in Form von Darlehen um Zinsen zu gewähren, bei denen jenen leicht der Atem ausgehen konnte.

Das Ghetto der goslarschen Juden war die Hokenstraße. Dort hausten sie zusammen, so viele oder so wenige ihrer in der großen Reichsstadt wohnten, gemieden von den Einwohnern, nur sich selbst lebend und ihren Geschäften. Verirrte sich ein Christ in diese enge, dunkle Straße, so geschah es sicher nur, um die Hilfe der Hebräer in Geldsachen in Anspruch zu nehmen.

Es war dem ehrenfesten, angesehenen Bürger und Bergherrn Richerdes ein hartes Angehen, den Weg zu dem Juden Asser anzutreten. Dieser wohnte mit seinem Weibe Lusse in einem dunklen Hause nach dem Fleischscharren zu.

Er trat dem ernsten Mann, der da in der Dämmerung ins Haus trat, mit all der unterwürfigen Geschmeidigkeit entgegen, die den Leuten seines Stammes eignet im Verkehr mit anderen, vor deren Stellung und Person sie sich noch eine Förderung oder Schädigung ihrer Interessen versehen.

Auf dem Untergrunde seiner lebhaften, dunklen Augen glomm ein Schimmer wilder Freude, daß wieder einer der Andersgläubigen den Weg zu ihm, dem Verachteten, Geschmähten, fand in seiner Not und daß er auch in dessen Schicksal werde eingreifen können, um, wenn die Stunde gekommen war, den Anteil seiner Rache an dem verfluchten Christenvolk zu üben, zu der die ein Leben lang getragene Schmach und der durch Jahrhunderte vererbte Wunsch, den unauslöschlichen Haß zu löschen, trieben. Über die mißliche Lage seines Gegenübers, den er mit vollendeter Höflichkeit auf den Ehrenplatz nötigte, war er längst unterrichtet.

Asser -- die Juden hatten zu jener Zeit noch nicht das Recht, sich andere Namen zuzulegen -- hörte den Bergherrn ruhig an. Nur das nicht bezwungene Spiel seiner Augen verriet, daß er bei der Sache war. Richerdes schloß fast barsch: »Also, Jude, willst Du mir Geld leihen oder nicht? -- Daß es Dein Schade nicht sein wird, weißt Du selbst am besten.«

Auf einmal war Asser ganz zurückhaltender, kühler Geschäftsmann, wenn er auch in seinen Worten der geschmeidige, unterwürfige Jude blieb.

»Herr, es ist mir eine große Ehre, die Ihr mir Unwürdigem wollt antun; aber ich fürchte, ich werde Euch müssen enttäuschen. Jahve hat meiner Hände Arbeit gesegnet, das ist wahr. Aber was Euch erzählt haben andere Menschen von meinem Reichtum, ist Fabel. Gott der Gerechte soll mich strafen an meinem Samen, wenn ich habe in Besitz, was Ihr begehrt. Ihr wißt, daß der Hohe Rat, daß der Herr Kaiser in Wien haben auferlegt den armen Juden, große, schwere Lasten zu tragen, als wie will heißen, daß wir müssen zahlen große Summen, nur daß wir dürfen wohnen an solchem Ort wie Goslar. Wie soll ich da kommen zu Geld, um es zu geben Ew. Edelgeboren!

Auch ist mir bekannt, wie ich habe gehört, daß Eure Sach' nicht stehet zum besten, daß Euer Bergwerk nicht mehr lohnt die Kosten. Wie heißt da Geschäft, wenn nichts ist da, als womit man kann sich assekurieren gegen Verlust?«

Richerdes schwoll die Ader über dieses Wort, die seine Zahlungsfähigkeit in Frage stellte.

»Glaubst Du, verfluchter Jude, ich wäre zu Dir gekommen, um Dich zu betrügen?«

»Gott soll mich bewahren, daß ich sollte haben solch schwarzen Gedanken,« antwortete der andere geschmeidig, »aber man wird doch dürfen sprechen vom Für und Wider, wenn es sich handelt um ein Geschäft. So muß handeln ein ehrlicher Jud, der ich bin gewesen all mein Leben lang, und so wird sprechen jeder Kaufmann, der etwas versteht vom Geschäft. Mag sein, daß man mir hat geschildert viel zu schwarz Eure Lage, aber ich muß rechnen, was spricht dafür und was spricht dagegen.

Doch ich will Euch helfen, beim Gotte Abrahams, was steht in meinen Kräften. Wieviel wollt Ihr haben? Vielleicht, daß ich bringe zusammen das Geld von Freunden unter unseren Leuten. Doch müßt Ihr Euch begnügen mit weniger. Was wünschtet Ihr doch zu haben, günstiger Herr, daß ich's noch mal höre?«

»Hundert Mark Silber«, entgegnete Richerdes kurz, doch etwas besänftigt.

»Hundert Mark«, klagte der Jude. »Wo sollte ich hernehmen hundert Mark! Sagen wir fünfzig, fünfzig Mark. Das ist eine ansehnliche, glatte Summe, mit der Ihr werdet wirtschaften, bis daß es Euch geht besser oder Ihr habt Euer Geld vom Hochweisen Rat.«

»Was weißt Du, Jude, von meinen Verhandlungen mit dem Rat?« fragte der Bergherr unangenehm überrascht. »Nun nichts für ungut, Ew. Gnaden«, wandte Asser demütig ein. »Aber man hört ja dies und jenes; es braucht ja nicht immer zu sein wahr, aber man weiß doch gern, was geht vor sich.«

»Also, dann her mit dem Geld«, begehrte Richerdes barsch.

»Gott der Gerechte,« jammerte da der Jude, »wie soll ich kommen zu so grausam viel Geld, und wenn ich wollte kehren um mein Haus vom Dach bis zum Keller. Ich muß es mühselig mir selbst borgen zusammen. Kommt also morgen oder übermorgen, es abzuholen. Und, daß es nicht werde vergessen, der Ordnung halber, bringt auch gleich mit das Geschriebene, daß ich mag ruhig schlafen.«

»Es ist gut, Asser, ich werde morgen hier sein. Halte das Geld bereit, der Pfandschein soll Dir nicht fehlen.«

* * * * *

Auch das Geld des Schutzjuden Asser vermochte den Lauf der Dinge nicht aufzuhalten. Das Erzlager in der Richerdesschen Grube lief immer spitzer zu, und es war der Tag abzusehen, wo sie gänzlich zum Erliegen kommen würde.

Mit dem geliehenen Gelde konnte der Bergherr noch einige verzweifelte Versuche machen, durch Seitenschläge eine andere Erzader zu erschließen; doch auch diese Anstrengungen verliefen erfolglos. Nun drängte Richerdes selbst darauf, daß der Rat den Ankauf vollziehe, aber die Ratsherren waren auch über die Sachlage unterrichtet und trugen Bedenken, ein so unvorteilhaftes Geschäft für die Stadt abzuschließen. Vergeblich wies Richerdes darauf hin, daß der Verkauf ohne Vorbehalt hätte abgeschlossen werden sollen; vergebens auch bemühte er sich, darzutun, daß in vielen anderen Fällen schon neben einem sich totlaufenden Lager eine neue Ader gefunden sei, daß mindestens Aussicht bestehe, auf einer tieferen Sohle zu finden, was auf der jetzigen abgebaut sei; die Herren blieben bei ihrer Ansicht bestehen, daß der Vertrag noch nicht abgeschlossen sei und also die daraus für Richerdes erwachsenden Vorteile nicht gewährt zu werden brauchten.

Was der Ratsherr Heinrich Achtermann ihm früher als drohendes Gespenst vorgehalten hatte, um ihn zu einem Verkauf gefügig zu machen, das trat jetzt trotz seiner Nachgiebigkeit ein: Richerdes, der angesehene Bürger und Montane, war ruiniert, zahlungsunfähig.

Das lauteste Geschrei erhob der Schutzjude Asser, der sich um sein Geld sorgte. Jetzt, wo er glaubte, keine Rücksicht mehr nehmen zu müssen auf den einst angesehenen Bürger und Christen, zeigte sich der ganze aufgespeicherte Haß seines Volkes. Er raufte sich das Haar, nannte sich den unglücklichsten aller Söhne Abrahams und schimpfte seinen Schuldner einen abgefeimten Spitzbuben und Betrüger. Diese Tonart wurde ihm allerdings bald verleidet durch eine Buße von mehreren Mark Silber, die der Rat über ihn verhängte wegen Kränkung eines Christen und bis dahin unbescholtenen Bürgers.

Er erhielt auch sein Geld, und zwar zahlte ihn der Ratsherr Heinrich Achtermann aus. Das geschah allerdings nicht aus christlicher Barmherzigkeit; er tat es auch nicht der nahen verwandtschaftlichen Beziehungen wegen, die durch das Verlöbnis nach der Anschauung jener Zeit als damit bestehend angesehen wurden. Er zahlte, weil er nicht wollte, daß der Vater der mit seinem Sohne verlobten Tochter in den Schuldturm wandere. Über die weitere Entwicklung der Dinge war er sich für seine Person völlig im klaren. Im übrigen sicherte er sich gegen Verlust durch ein Pfand auf das Anwesen des Bergherren.

Richerdes war durch das Unglück völlig niedergebrochen. In diesen Tagen, da das Unheil wie eine schwere Wolke über dem Hause in der Bergstraße lastete, zeigte sich Venne als eine wahre Heldin. Sie suchte den Vater aufzurichten, und sie pflegte die Mutter, deren Zustand sich infolge der Aufregungen immer mehr verschlimmerte.

Venne hatte niemand, um ihm ihr übervolles Herz auszuschütten, als die alte Vertraute ihrer Kindheit, die brave Katharina. Noch einmal wurde die Gittermannsche zu Rate gezogen, noch einmal versuchte es diese mit einer neuen Salbe, einem neuen kräftigen Spruch; aber das Ende war nicht aufzuhalten. Als die Blätter im lustigen Todestanze zur Erde wirbelten, schloß auch diese müde Erdenpilgerin die Augen für immer. Und es war zu erkennen, daß der Vater, an dem die Schmach der unschuldig erlittenen Verarmung und Erniedrigung zehrten, sie nicht lange überleben würde.

Auch die tapfere Venne drohte dem ungleichen Kampfe mit dem widrigen Schicksal, in dem sie allein auf dem Plan stand, zu unterliegen. Die einzige Wohltat, die ihr in dieser Zeit widerfuhr, war die treue Freundschaft, welche ihr von den Hardts entgegengebracht wurde.

Auch Immecke Rosenhagen bewies in diesen Tagen der Not, daß sie zur Stelle sei, wenn man sie brauchen konnte. Sie hatte längst erkannt, daß der Mutter nicht zu helfen war. Sie half mit einem stärkenden Trank, mit einer schmerzstillenden Salbe. Was die Gittermannsche anpries, war in ihren Augen und nach ihren Worten Schwindel. Sie redete den Frauen auch ab, sich mit der Person einzulassen, da man daraus Unannehmlichkeiten haben könne. Wenn Venne gegen ihren Rat handelte, so geschah es aus dem heißen Wunsche heraus, das teure, schwindende Leben so lange festzuhalten, wie sie konnte.

Und wo blieb Heinrich Achtermann, der Verlobte Vennes?

Seine Liebe war nicht geschwunden. Der Schmerz, der über dem süßen Antlitz Vennes lagerte, je trostloser der Zustand der Mutter wurde, machte sie ihm noch begehrenswerter. Doch die Pflege der Mutter nahm sie so in Anspruch, daß sie nur selten Gelegenheit fand, ihn zu sprechen. In heißem Mitleid schloß er sie dann in die Arme.

»Mein armes Herz, was kann ich nur tun, um Dir die Last tragen zu helfen, die Dich erdrücken muß? Laß mir doch den mir gebührenden Anteil an Deinem Leid. Du weißt, geteilter Schmerz ist halber Schmerz.«

Venne lächelte ihm dankbar unter Tränen zu. »Du kannst mir nicht helfen, jetzt noch nicht. Wer weiß, ob es nicht noch schlimmer kommt. Versprich mir nur das eine, daß Du mich nie verlassen wirst.«

»Deine Worte verdienen eigentlich Strafe,« zürnte Heinrich. »Hältst Du mich für einen solchen Schurken, daß ich Dich im Unglück aufgeben könnte?«

Beseligt nickte Venne ihm zu: Nein, sie war beruhigt, Heinrich Achtermann war einer solchen Sünde wider göttliches und menschliches Recht nicht fähig!

Der junge Achtermann, dem die Ratsherrnwürde in der Reichsstadt Goslar so sicher zufallen mußte wie das Erbe seines Vaters, war von der Aufrichtigkeit seiner Worte selbst völlig durchdrungen. Er liebte Venne mit all der Innigkeit und Glut, mit der er zuerst die Holde an sein Herz gezogen hatte. Wer ihm gesagt hätte, er werde die Braut verlassen, den würde er als persönlichen Feind behandelt haben. Aber er konnte nicht hindern, daß der Vermögensverfall des Vaters seiner Venne auch ihn in seine Kreise zog. Es fanden sich gute Freunde, die ihm unter dem Mantel teilnehmender Worte das Gift ihres Hohnes einträufelten. Manche vermeintliche oder wirkliche Kränkung, die ihnen von Venne in der harmlosen Sieghaftigkeit ihrer jugendlichen Anmut unbewußt zugefügt war, manche Zurücksetzung, die ihretwegen neidische Freundinnen erfahren hatten, fanden jetzt Gelegenheit zu unschöner Vergeltung.

Heinrich Achtermann widerstand tapfer; er wies alle Andeutungen, daß er Venne aufgeben müsse, entrüstet zurück. Aber der Stachel blieb doch sitzen, und die Überlegung in den stillen Stunden der Nacht konnte jenen nicht unbedingt unrecht geben: Hatten sie nicht recht, war es nicht eine sehr zweifelhafte Sache, die Tochter eines verarmten Mannes zu freien, welcher der schimpflichen Schuldhaft nur durch die Hilfe des Vaters entgangen war? Und würde es je gelingen, die Lästermäuler zum Schweigen zu bringen? -- alles Gedanken, deren Gewicht er nicht verkannte. Ein gewichtiger Helfer aber erwuchs denen, die aus Bosheit oder Rachsucht das Band zwischen ihm und Venne Richerdes zu zerreißen suchten, im Vater.

Der Ratsherr Heinrich Achtermann hatte selbst den Freiwerber für seinen Sohn gemacht, so hätte ihm Richerdes entgegenhalten können. Er zeigte sich der Vereinigung geneigt, denn die hübsche Venne tat es auch ihm mit ihrem Liebreiz an. Zwar war der Bergherr kein reicher Mann, aber das brauchte bei der eigenen Vermögenslage kein Hindernis zu sein. An Ansehen standen ihm die Richerdes nicht nach; auch ihre Familie hatte der Stadt mehr als einen Ratsherrn und Bürgermeister gegeben.

Das alles änderte sich indes, als der angehende Schwäher ein armer Mann wurde mit all den unglückseligen Begleitumständen, die wir kennen. Wandte er auch mit eigenem Gelde das Schlimmste von jenem ab, so kam der Montane als Verwandter für ihn nicht mehr in Betracht. Sein Patrizierstolz hätte es nie verwunden, daß man hinter der Schwiegertochter, wenn auch im geheimen, herzischelte als der Tochter eines fallit gewordenen Bürgers.

Achtermann hoffte, daß der Sohn selbst so viel Einsicht haben werde, das Band zu lösen; er, der Vater, wäre dann wohl auch noch zu besonderen Opfern bereit gewesen, um die Angelegenheit möglichst geräuschlos zu regeln. Als er aber zum ersten Male mit Heinrich darüber sprach, brauste dieser auf und erklärte, er werde nun und nimmer die Braut im Stich lassen. Der Vater ließ ihn ruhig reden, in der Überzeugung, daß der Überschwang seiner Gefühle sich unter dem Einfluß der Zeit schon ausgleichen werde.

Es war dem Sohne, als ob die kühlen Worte des Vaters, der die Sache wie ein Geschäft behandelte, Venne selbst in ihrer Abwesenheit träfen, und er suchte noch am selben Abend Gelegenheit, die Geliebte seiner unwandelbaren Treue zu versichern. Er fand sie nicht, denn der Zustand des Vaters -- die Mutter hatte man wenige Wochen vorher zu Grabe getragen -- erschien ihr gerade an diesem Abend besonders besorgniserregend. Heinrich ging davon, etwas verstimmt, daß seine gute Absicht nicht zur Ausführung kam.

Auch Venne selbst war die Sorge gekommen, ob die Vereinigung mit dem Geliebten werde zustande kommen; denn auch ihr blieben natürlich die Demütigungen nicht erspart und versteckte Anspielungen, es sei ihre Pflicht, den Ratsherrnsohn freizugeben. Es tauchte ihr auch wohl selbst der Gedanke auf, das Opfer nicht anzunehmen, und herber Trotz gegen alle Welt, auch gegen den Geliebten, ließ sie mit dem Gedanken spielen, Verzicht zu leisten. Aber dann quoll die Angst um so heißer in ihr auf und die Sehnsucht nach dem Geliebten.

In diesem Widerspruch der Empfindungen traf sie eine Botschaft des alten Achtermann ins Herz, der ihr zuraunen ließ, sie möge den Sohn freigeben, er werde sich die Sorge um ihre Zukunft angelegen sein lassen. Das wirkte wie ein Schlag ins Gesicht auf die stolze Venne. In ungebändigtem Trotz ließ sie dem Ratsherrn sagen, sie werde sich dem Sohn nicht an den Hals werfen; das Anerbieten aber, für sie sorgen zu wollen, weise sie als eine besondere Kränkung zurück. Der Alte ließ sich dadurch nicht beirren, »Mädchenüberschwang«, dachte er. »Das wird sich schon zurechtgeben.«

Heinrich, der Sohn, wußte von dem Vorgehen des Vaters nichts. Er versuchte mehrmals die Geliebte zu sprechen, erfuhr aber durch Katharina jedesmal eine mehr oder weniger mürrische Abweisung. Da setzte er es einmal doch durch, daß er vorgelassen wurde. Venne empfing ihn mit verweinten Augen. Auf seine Frage, was ihr sei, hielt sie zunächst zurück. Doch dann durchbrach das aufgehäufte Weh und der Zorn über die Demütigung die Schranken, und sie klagte mit bitteren Worten den Vater an. Heinrich war erschrocken und empört, und er bat Venne, ihm zu vertrauen.

»Ich schwöre Dir bei allem, was mir heilig ist, daß ich von dieser Niedertracht nichts weiß und nichts ahnte. Glaube mir doch, Geliebte, ich stehe zu Dir, und wenn sich alles gegen Dich vereint.«

Mit heißen Küssen besiegelte er seine Schwüre, und in Venne stieg ein Gefühl des Glückes auf, blieb ihr doch wenigstens dies Allerschwerste erspart!

Zu Hause stellte Heinrich den Vater zur Rede. Der Ratsherr leugnete gar nicht, daß er wirklich die Botschaft geschickt habe.

»Wenn die Kinder die Vernunft verlieren, müssen die Eltern für sie denken und handeln.«

Heinrich begehrte auf und erklärte, daß er nie und nimmer von Venne lassen werde, der Vater blieb ganz kühl und ruhig.

»Vorläufig ist es bei uns noch Sitte und Gesetz, daß die Eltern bestimmen, was aus ihren Kindern werden soll, und ich lasse mir dieses Recht nicht schmälern.«

»Und doch wirst Du mich nicht zwingen. Zuletzt steht mir der Weg in die Welt offen, und ich werde mit Venne davongehen«, antwortete Heinrich um so erregter. Da lachte der Vater spöttisch auf: »Das gäbe eine nette Wandergesellschaft: Du ein Junker Habenichts und sie eine Jungfer Bettlerin. Da werdet Ihr Euch allabendlich Euer Nest am Straßenrain bereiten müssen. Aber wir wollen das Thema heute abbrechen, es führt im Augenblick doch zu nichts.« -- Er wußte, daß die Zeit für ihn arbeiten werde.