Part 5
In Goslar pflegten die Fremden bei ihren Geschäftsfreunden abzusteigen, während die Knechte und Handlungsgehilfen in den Herbergen Unterkunft fanden. Manche engen Beziehungen waren so entstanden zwischen Goslarer Familien und Häusern in Brabant oder Nordfrankreich. Fäden liefen hin und her, die nicht leicht zerrissen. Der bedächtige Kaufmann vertraute seine Sachen nicht gern fremden Händen an, und erst wenn das Alter zu sehr drückte oder der Sohn und Nachfolger Gewähr bot, daß die Geschäfte mit gleicher Gewissenhaftigkeit erledigt werden würden, trat der Alte zurück und überließ der jungen Kraft die Beschwerden der Reise. So kam es, daß Heinrich und Johannes Hardt auch Bekannte unter ihnen antrafen. Da war der weißhaarige Herr Jan Uytersprot aus Brügge, der beim Nachbar Borchardt abzusteigen pflegte und sich so gern mit den Kindern beschäftigte. Noch heute rechnete es ihm Heinrich hoch an, daß er sein Versprechen, ihm einen richtigen Bogen mit Köcher aus Brabant mitzubringen, getreulich gehalten hatte. Und Herr Gérard Dietvorst aus Dinant und Felix Vandepere aus Löwen und noch andere, sie alle tauchten vor ihm mit bekannten Gesichtern auf. Er selbst mußte sich freilich ihnen erst wieder in Erinnerung bringen, denn seit der Kindheit war manches Jahr dahingerauscht, und den aufwachsenden und in die Fremde ziehenden Jüngling hatten sie aus dem Gesicht verloren. Von seinem Auftrage war natürlich nicht die Rede, und ihre Geschäfte nahmen sie mehr in Anspruch als der Gedanke, wie die jungen Goslarer hier in ihren Zug kamen.
In Soest fand Heinrich Achtermann Gelegenheit, die Grüße des Vaters im Hause Ernestis zu bestellen und sich zu überzeugen, welches geschäftige Leben in der alten Hansestadt pulsierte. Ernestis Wohnwesen stellte mit seinen Höfen, Speichern und Stallungen eine Handelsburg für sich dar. Der Mann mußte ein ganz Großer unter seinen Berufsgenossen sein!
An der Weser gab es unerwünschten Aufenthalt, denn die Brücke bei Höxter war wieder einmal abgetragen oder davongeschwemmt. Argwöhnisch schielte man sich von beiden Ufern an: hier die kurmainzischen Mönche von Corvey mit den erzbischöflichen Knechten in der Stadt, drüben die Mannen des braunschweigischen Vogts. Also galt es, noch einmal auf der Fähre den Fluß zu überqueren.
In Köln hatte sich dem Zuge auch ein Händler Hans Römer aus Helmstedt angeschlossen, der die günstige Gelegenheit zur Heimreise benutzen wollte. Seine Gewandtheit und seine Kenntnis des Flämischen wie des Französischen machte ihn zu einem willkommenen Begleiter für diesen und jenen der Kaufleute, denen das Deutsch etwas polterig vom Munde floß. Dabei war er am Rhein mit Land und Leuten ebenso vertraut wie in Westfalen, und seine Beweglichkeit half manchen Zusammenstoß mit den Landesbewohnern wie mit Behörden vermeiden. An Heinrich und Johannes schien er einen besonderen Gefallen gefunden zu haben. Wo es nur anging, hielt er sich in ihrer Nähe auf und verstand es auch meistens, in derselben Herberge mit unterzuschlüpfen. Johannes vergalt diese Freundlichkeit nicht mit gleichem Entgegenkommen. Es lag etwas im Wesen des Mannes, was ihn abstieß; war es der unsichere Blick der ewig auf der Wanderung befindlichen Augen oder die aufdringliche Zutraulichkeit; er wußte es selbst nicht. Heinrich war weniger mißtrauisch. Seine Vertrauensseligkeit hatte bisher noch keinen groben Stoß im Leben erlitten. Einmal wurde allerdings auch sein Argwohn rege, als er den Helmstedter im Morgengrauen, da alles noch schlief, bei seinen Habseligkeiten fand. Römer war um eine Ausrede nicht verlegen, als Heinrich ihn fragte, was er an seinen Sachen zu tun habe. Es lag natürlich ein Versehen vor, das sich aus dem unsicheren Licht erklärte, und tatsächlich befand sich das Bündel des Mannes dicht dabei, so daß ein Irrtum möglich war.
Der Argwohn erhielt aber neue Nahrung durch eine Mitteilung Erdwin Scheffers, dem es Monika Rosenhagen sagte. Sie hatte Römer mehrere Male im geheimen Gespräch mit einigen Landsknechten gesehen und dabei auch den Namen »Achtermann« deutlich vernommen. Da jener Wüstemann dabei gewesen war, dem die Mutter eine unreine Hand nachsagte, so nahmen sie an, daß irgendein Schelmenstück geplant werde. Man konnte aber zunächst nichts weiter tun, als die Augen offen halten. Und das taten Monika mit ihrer Mutter wie Erdwin Scheffer und Johannes Hardt seitdem noch mehr als Heinrich selbst.
Die Zahl der Landsknechte verringerte sich inzwischen mählich, aber stetig in dem Maße, wie die Heimat des einzelnen näher kam. Als man sich dem Harz zuwandte, waren es nur noch ihrer dreißig. Man mußte der wilden Schar nachrühmen, daß sie ihre Aufgabe auf der langen Reise redlich erfüllt hatte. Freilich hatten die Kaufleute tüchtig in den Beutel greifen müssen, aber die Vorsicht lohnte sich doch, und man konnte hoffen, die Mehrkosten wiedereinzubringen, sei es durch vorteilhafte Einkäufe in Goslar oder durch Aufschlag auf die Waren daheim. Ein Jauchzen rang sich von den Lippen Heinrichs, als die Berge des Harzes jenseits Gandersheim in der Ferne aufblauten.
»Die Heimat, Kinder, die Heimat winkt uns«, rief er den Gesellen zu, die in seiner Nähe gingen.
»Für Dich ja, aber für mich?« erwiderte Erdwin traurig. »Auch für Dich, guter Erdwin«, redete Johannes ihm tröstend zu. »Auch für Dich wird sich noch alles zum besten wenden. Jetzt freue dich mit uns, daß wir dem alten, lieben Goslar näher kommen.«
Man kam durch Ildehausen, wo ehedem Ernestis Ahnen hausten. Vor ihnen erhoben sich die Berge in immer machtvollerer Fülle, und dann zogen sie in das kleine Städtchen Seesen ein, das die letzte Raststätte vor Goslar sein sollte.
In Seesen verließen noch einige Landsknechte die Gesellschaft. Da man aber dem Ziel nahe war und die unsicheren Gebiete hinter sich wußte, glaubte man das Endstück der Reise unter dem Schutze der eigenen Bewaffneten und des Restes der Soldaten wohl zurücklegen zu können.
In diesem Städtchen verschwand auch Römer, und man trauerte dem unleidlichen Gesellen nicht nach. Erdwin Scheffer war noch immer nicht ganz beruhigt. »Ich kann mir nicht denken, daß der Kerl irgendeinen Plan hegte und nun ohne weiteres auf die Ausführung verzichtet, ohne den ernstlichen Versuch zu seiner Ausführung unternommen zu haben.« Aber Heinrich, wie jetzt auch Johannes, waren guten Mutes, und man verließ anderen Morgens die kleine Stadt. Sie hofften, schon in den frühen Stunden des Nachmittags in Goslar einzutreffen; doch ein Radbruch beim Neuen Kruge gab unliebsamen Aufenthalt, und es sanken schon die frühen Schatten des Novembertages herab, als man sich den Goslarer Bergen näherte.
Der Vogt des festen Hauses in Langelsheim, das den Braunschweigern gehörte, gab mürrischen Dank auf den Gruß, den man ihm bot.
»Wie seine Herren«, sagte Heinrich lachend, dessen frohe Ungeduld mit jedem Schritt wuchs. Vor ihnen verließen ein paar Bewaffnete den Ort, wahrscheinlich Knechte des Herzogs, die mit Botschaft nach Langelsheim gekommen waren oder solche mit sich nahmen. Sie ritten, daß die Funken stoben. »Die haben es eilig, daß sie unsere Gesellschaft meiden«, rief Erdwin hinter ihnen her.
Als man in den hohlen Fahrweg einbog, der das letzte Stück des Weges vor Goslar bildete und etwas westwärts vom Kloster Riechenberg begann, war die Dunkelheit völlig hereingebrochen. Der Weg führte in der tiefen Rinne dahin, die vom Wasser in der Hauptsache gegraben war und ihm auch weiter als Abflußrinne diente. Die Wagenknechte suchten fluchend die Laternen hervor und hieben auf die müden Gäule ein. Da durchschnitt plötzlich ein schriller Pfiff die Luft. An der Spitze des Zuges krachten Schüsse, und alles geriet ins Stocken. Von der Höhe sprangen Bewaffnete herab und schleuderten Feuerbrände in den Wirrwarr auf der Talsohle. Die Pferde scheuten und suchten durchzubrechen. Überall Kampfeslärm und Waffengeklirr. Man dachte zunächst nichts anderes, als daß man zuletzt doch noch das Opfer eines Überfalls von Strauchdieben geworden sei.
Heinrich ritt mit Johannes ziemlich an der Spitze des Zuges; denn die Ungeduld trieb sie voran. In ihrer Nähe war auch Erdwin Scheffer mit noch anderen Knechten. Sie wollten umkehren, um die Wagen zu schützen; aber da traten ihnen mehrere Bewaffnete entgegen. »Der da ist es«, rief einer der Fremden mit einer Stimme, die Heinrich bekannt vorkam. Sie warfen sich auf ihn und suchten ihn zu überwältigen. Heinrich wehrte sich kräftig, doch die Überzahl war zu groß. Ihm schwanden die Sinne, er merkte nur noch, daß ihm die Brusttasche entrissen wurde. Da kam Hilfe von Erdwin und Johannes, die sich bis jetzt selbst ihrer Gegner zu erwehren gehabt hatten. »Dachte ich's doch, daß der Schuft seine Hand im Spiele habe.« Damit warf er sich auf die Angreifer und drang bis zu Heinrich vor; denn er sah, daß der, den er meinte, es war der Helmstedter, mit seiner Beute davonwollte. Da holte diesen ein Schlag mit der Hellebarde herab. Mit gespaltenem Schädel sank er zu Boden.
Mit dem Falle des Anstifters schwand auch die Angriffslust der übrigen. Sie suchten nur noch ihren Rückzug zu decken und klommen kämpfend den steilen Hang hinan. Erdwin, in dem die alte Kampfeslust erwachte, drängte hitzig nach. Hier und da krachte noch ein Schuß, zersplitterte noch ein Lanzenschaft. Noch ein Feuerstrahl zuckte aus einer Hakenbüchse auf, er galt und traf Erdwin Scheffer. Als letzter im Kampfe sank er dahin. »Die Tasche!« flüsterte er noch dem Nächsten zu, dann brach er zusammen. Man hörte den Galopp von fortjagenden Reitern, dann blieb die Nacht allein mit den Überfallenen zurück. Man suchte zu ordnen, so gut das bei dem Wirrwarr und der Dunkelheit ging. Johannes war um Heinrich Achtermann bemüht, den er für schwerverletzt hielt; Erdwin Scheffer blieb zunächst sich selbst überlassen.
Der nächtliche Kampf hatte leider nicht nur blutige Köpfe gekostet, einige Knechte waren tot. Verwundete ächzten und riefen um Hilfe. Herabgezerrte Warenballen sperrten den Weg. Angstvoll suchte Monika im Hohlwege vorzudringen. Ihnen war nichts geschehen, der Angriff hatte sich von vornherein auf die Stelle gerichtet, wo man Heinrich Achtermann vermutete. Ihre Sorge galt Erdwin Scheffer, dem fröhlichen Gesellen mancher kurzweiligen Stunde im Tumult des Krieges, dem Geliebten ihres Herzens, wie sie in der Stunde der Gefahr mit blendender Klarheit erkannte. Ihr Fuß strauchelte über Wurzeln, sie versank in Rinnsale des Weges, aber sie ruhte nicht, bis sie ihn gefunden hatte. Und als sie ihn vor sich liegen sah, mit wunder Brust, aus dem der warme Strahl hervorsickerte, da sank sie mit einem Aufschrei über ihn hin.
»Erdwin, mein Erdwin, bleibe bei mir, verlaß mich nicht, Einziger Du!« Irre, hilfesuchend blickten ihre Augen umher im Dunkel der Nacht. War denn niemand da, der helfen konnte? Da kam die Mutter heran, die Vielerfahrene. »Laß ihn mir, Monika. Wenn ihm zu helfen ist, bringe ich ihm Rettung.«
Die steile Höhe des Erzweges hinauf, der vom Granetal über das Joch zwischen Hessenkopf und Thomas-Martinsberg ins Tal der Gose führt, erklangen die Glöckchen der Grautiere, die ihrer Last ledig waren, welche sie auf dem geduldigen Rücken von den Gruben des Rammelsberges zu den Erzrösten im Granetal geschleppt hatten. Rüstiger schritten sie aus, als die Höhe erreicht war. Auf dem Rückwege drückte nur leichte Bürde ihren Rücken: Kupferbarren, Bleibrote, der Gewinn aus der umständlichen und unvollständigen Art der Verhüttung, waren ihnen anvertraut. Vergnüglich klang das »I--ah« des Leitesels in die kühle Novemberluft, als wolle er seiner Freude Ausdruck geben über den warmen Stall und die gutgefüllte Krippe, die seiner harrten.
Unten im Granetal verhallten die letzten Axtschläge der Holzfäller an den Berghängen, die in den Waldungen der Silvanen, der Waldherren, das Holz fällten, welches zum Rösten und Sintern des Erzes nötig war. Vom Glockenbrunnen her, der das klare Wasser des Glockenberges dem Tage wiedergibt, lagerten sich die dicken Schwaden schwefligen Rauches über der Talsohle, wo die Rosthaufen des Erzes unter der Hut rußiger Wächter schwelten.
Zwei Männer verließen die Stätte und wandten sich ebenfalls dem Erzwege zu. Mager und langstelzig der eine, kurz und rundbäuchig der andere.
»Gemach, gemach, Nachbar Richerdes«, mahnte der kleine Dicke. »Wir wollen kein Wettrennen veranstalten. Ihr kommt noch rechtzeitig in der Bergstraße an, um Euch von der Eheliebsten den Abendtrunk kredenzen zu lassen.«
Der Lange verhielt etwas im Schritt, bis der Begleiter ihn wieder eingeholt hatte. »Wollte hoffen, es wäre so«, sprach der Hagere grämlich. »Aber Ihr wißt doch, daß die Frau seit Monaten siecht. Zu Hause sehe ich schon lange kein fröhliches Gesicht mehr.«
»Entschuldigt, Nachbar, es war nicht böse gemeint«, begütigte der Waldherr Ludecke Bandelow. »Ihr habt aber doch wenigstens die Venne; die muß Euch doch ein wahrer Augentrost sein in diesem Ungemach, Euch und Eurer Frau.«
»Ich will es nicht leugnen und danke Gott, daß er sie uns schenkte für diese Zeit der Trübsal, doch lange wird ihr jugendlicher Frohsinn auch nicht mehr vorhalten, fürchte ich. Die Mutter aufheitern und den grämlichen Vater beruhigen, das ist nicht Jugendarbeit auf die Dauer. Ihr seht, ich male mich selbst nicht schöner, als ich bin. Aber der Henker soll auch die gute Laune behalten bei all dem Ärger mit dem Berge und dem Rat.«
»Wie steht Ihr denn jetzt mit ihm?« forschte Bandelow.
»Das könnt Ihr Euch leicht vorstellen, solange Karsten Balder regierender Bürgermeister ist. Ihr wißt ja, wie er es, offen und versteckt, gegen mich hat, er wie seine Freunde. Sein Gelüste kenne ich, ihm steht der Sinn nach meiner Gerechtsamen; die Ursachen liegen tiefer: mich trifft er, aber eine andere will er treffen.«
»Ich weiß, ich weiß, es gilt Eurer ...«
»Wozu die Namen?« unterbrach ihn Richerdes, »das ändert nichts an der bestehenden Gegnerschaft. Die Hauptsache ist, daß man den Gegner als solchen kennt.«
»Ja, das ist das schlimme, daß es möglich ist, ehrsamen und pflichttreuen Bürgern das Leben schwer zu machen unter der Flagge der Fürsorge für die Stadt. Eine nette Fürsorge das, die darauf hinausläuft, einem das bißchen Eigentum zu nehmen. Das scheint ja freilich im Zuge der Zeit zu liegen; denn wie man bestrebt ist, Euch die Berg- und Grubengerechtsame abzujagen, so will man uns unsere wohlerworbenen Anrechte auf die Forst abnehmen. Aber gebt nicht nach, keinen Zoll breit. Mit uns hat es der wohlweise Rat ja ähnlich vor; solange ich jedoch da bin, erhält er nichts.«
»Nun, ›abjagen‹ ist vielleicht nicht das richtige Wort,« fiel Richerdes ein, »Ihr wißt ja, daß er mich und andere auskaufen will. Daß der Preis nicht zu hoch gehalten ist, dafür sorgt aber schon der Regierende. Es sei im Interesse der Stadt, der Allgemeinheit, so bemänteln sie es gar schön. Aber ich kann und will das nicht einsehen. Weshalb soll denn jetzt auf einmal verkehrt sein, was man vor nicht gar zu langer Zeit selbst betrieb. Damals, als es hieß, Geld zu finden, Gewerke zusammenzubringen, war mein Vater gut genug zur Hergabe des Geldes. Ich weiß von ihm selbst, wie er sich gesperrt und gesträubt hat, ehe er den Beutel zog. Damals drängte und mahnte der Rat, es sei eine Tat für das Gemeinwohl; jeder Bürger, der es könne, müsse einspringen. Jetzt wollen sie es nicht recht haben, jetzt, wo die Sache nach den vielen Scherereien und Opfern sich als ergiebig zeigt.«
»Das ist's, damit habt Ihr ins Schwarze getroffen: sie gönnen Euch den Gewinn nicht, und da muß das Gemeinwohl herhalten. Bleibt nur fest wie ich. Meinen Anteil an der Forst bekommen sie nicht, und wenn sie noch so viel darum tun. Recht muß Recht bleiben.«
So tauschten die beiden wackeren Bürger ihre Meinungen aus über den habgierigen Rat, wie sie sein Vorgehen deuteten, und stiegen von der Höhe herab, vorbei an der Ratsschiefergrube, die schon von den Werkleuten verlassen wurde; denn die Schatten des Abends sanken immer mehr herab. An der Gose entlang klapperten der Wassermühlen unermüdliche Räder.
An dem Stadtgraben trennten sie sich mit einem Handschlag, denn Bandelow hoffte noch durch das Mauerpförtchen an der Frankenberger Kirche Einlaß zu gewinnen, die ragend und dräuend von der Höhe durch das Grau des Abends herabdämmerte. Richerdes aber folgte der Fahrstraße zum Klaustor, die seiner Wohnung in der Bergstraße näher lag.
Das Haus in der unteren Bergstraße war schon versperrt. In der Dunkelheit des Abends konnte man von ihm nicht mehr erkennen als die gewaltigen Umrisse, die in der engen Straße doppelt stark wirkten. Ein großer Torweg zu oberst war schon verschlossen, wie Richerdes feststellte; also mußte er den Klopfer des Haustores in Bewegung setzen, daß ihm Einlaß wurde. Die Hausglocke schnepperte noch eine Weile in immer mehr verklingenden Tönen nach, als er über den mit Steinplatten abgedeckten Hausflur schritt, um noch einen Blick auf den Hof und in die Stallungen zu werfen.
»Ist Besonderes vorgekommen?« fragte er eine Magd, die ihm begegnete. »Nein, nur die Frau hat des öfteren nach Euch gefragt.« Da gab er sein Vorhaben auf und wandte sich sogleich der Wohnung zu, die um wenige Stufen höher, zur Seite des Flures lag. In dem großen Wohnzimmer sandten die Kerzen eines mehrarmigen Leuchters ihre Strahlen umher. Sie scheiterten indes bei dem Versuch, bis in die dunkeln Ecken des Gemaches zu dringen. So dunkel war es nach der Rückwand zu, daß man kaum die Tür bemerkte, welche dort in die Schlafkammer führte. Sie öffnete sich in diesem Augenblick, und Venne, die Tochter, trat heraus, um den Vater zu begrüßen, da sie die Hausglocke gehört hatte.
»Wie geht es der Mutter?« war die erste Frage.
»Sie ist etwas unruhig, seit Ihr fort seid. Ich war froh, daß in Eurer Abwesenheit Schwester Jutta vom Kloster Mariengarten hier war. Ihr wißt ja, daß sie auf Mutter immer einen wohltätigen Einfluß ausübt. Auch heute legte sich unter ihrem gütigen Zuspruch die Gespanntheit der Nerven. 's ist eine gute Frau, diese Jutta; wir schulden ihr einen Gotteslohn. Ist es nicht gerade, als ob unter ihrer kühlen Hand und dem gütigen Trostwort alles Ungemach davonfliege?«
»Ja, wir haben allen Anlaß, ihr dankbar zu sein in dieser schweren Zeit«, antwortete der Vater. »Ich weiß nicht, wer durch diese treue Freundschaft mehr geehrt wird, die Mutter, der die fromme Frau auch unter dem Schleier noch die Zuneigung bewahrt, oder jene selbst, deren edle Eigenschaften durch diese Pflege alter Beziehungen in ein um so schöneres, helleres Licht gerückt werden. Aber jetzt geht es ihr doch besser, der Armen, Leidgeprüften?« fragte er besorgt.
»Sie schläft. Ich mußte sie über Euer langes Ausbleiben beruhigen, wolltet Ihr doch schon am Nachmittage zurück sein.«
»Wollte ich auch, und wäre ich auch, wenn ich nicht den Montanen, Herrn Bandelow, getroffen hätte, mit dem es ein langes und breites über Holzleistungen und -lieferungen zu besprechen gab, und auch sonst ist noch manches zwischen uns beredet worden.«
»Dachte ich's mir doch, daß Ihr einem Schwätzer wie dem in die Hände gefallen wäret. Laßt Euch mit dem nur nicht zu sehr ein; ich werde die Sorge nicht los, daß Euch und uns durch seine Einmischung zuletzt noch Übles widerfährt«, hielt Venne dem Vater entgegen.
In Richerdes' Augen war ein froher Glanz getreten, als er die Tochter bei ihrem Eintritt ins Zimmer mit dem Blick umfaßte. Der ganze Mann schien geändert, seitdem er das Zimmer betreten hatte; nichts mehr von der düsteren, grämlichen Stimmung, die ihn im Gespräche mit Bandelow beherrschte. Es war für ihn ein ungeschriebenes Gesetz, alles, was er an Verärgerung draußen erlebte, nicht über die Schwelle des Hauses dringen zu lassen. Nur über seine Gegensätze zu dem regierenden Bürgermeister war die Tochter durch die Mutter unterrichtet. Darauf bezogen sich auch wohl ihre besorgten Worte. So lautete auch die Erwiderung auf Vennes letzte Worte mehr zärtlich freundlich als abweisend:
»Du gibst es ja Deinem alten Vater tüchtig, kleiner Schulmeister; doch sei unbesorgt, was ich mit Bandelow besprochen habe, brauchte nicht das Licht zu scheuen. Daß er den Mund gern etwas voll nimmt, weiß ich besser als Du und richte mich von vornherein darnach. Aber das Geschäftliche muß schon mit ihm beredet werden; und Du weißt ja, daß er mein hauptsächlicher Holzlieferant ist. Die Verhältnisse im Berge liegen leider so, daß ich mehr auf ihn angewiesen bin, als mir lieb ist. Doch nun genug vom Geschäft und seinem Ärger.«
Venne strich ihm zärtlich über das Haar. Es war ein großes, schlankes Mädchen, das hier von dem gelben Lichte der Kerze übergossen wurde.
Wer die Venne Richerdes nach dem Bilde sich vorstellte, welches Heinrich Achtermann von ihr mit in die Fremde nahm, würde sie kaum wiedererkannt haben. Nur die stolze Haltung des Köpfchens und die seelenvollen Augen, über die im Augenblick noch ein Schatten der Trauer um die kranke Mutter gebreitet lag, erinnerte an die Venne von ehemals. Aus der unscheinbaren Puppe hatte sich ein glänzender Schmetterling entwickelt. Nichts mehr gemahnte bei Venne an das eckige, unbeholfene Ding, das vor Heinrich Achtermann davongelaufen war.
Das lang herabwallende, faltige Hausgewand, das sich lose um die königliche Gestalt schmiegte, ließ die edlen Formen des Körpers erraten. Mit lässiger Anmut bewegte sie sich um den Vater, während sie mit der klangvollen Stimme ihm Rede und Antwort stand auf seine Fragen.
»Soll ich uns den Abendtisch decken lassen?« fragte sie weiter. In diesem Augenblick erklang durch die angezogene Tür des Schlafgemaches die Stimme der Kranken, die nach dem Vater fragte. Statt der Antwort trat dieser sogleich zu ihr herein. Behutsam beugte er sich zu ihr nieder, und alle Zartheit und Liebe, die er für diese Frau empfand, klang aus seiner Stimme. Sie mußte ehedem eine schöne Frau gewesen sein; jetzt lagen die Schatten der langen Krankheit auf ihrem blassen Gesicht. In Venne stand ihr verjüngtes Ebenbild vor ihr. Nur ein leichter, kritischer Zug um den Mund unterschied diese von der Mutter. An der Kranken war, von dem leidenden Zug abgesehen, der seine Runen in ihr Antlitz gegraben hatte, alles Weichheit, Hingabe, während Venne über eine nicht alltägliche Entschlossenheit gebot, die ihr, dem jungen Mädchen, den Gehorsam des Hauspersonals sicherte, vom letzten Eseltreiber bis zur alten Katharina in der Küche, ihrer Kindsmagd, mit der sonst niemand anzubinden wagte und von der selbst der gestrenge Hausherr ein Wort mehr annahm, als er sonst von irgend jemand gelten ließ.
»Wie geht es Dir, Liebste? Ich höre von Venne, daß Du wieder besonders mit Dir zu tun gehabt hast. Schwester Jutta hatte ja, wie so oft, ihr Bestes an Dir getan, aber soll ich nicht doch noch den Doktor Henning holen lassen?«
»Nein, nein, ich bitte Dich. Mir ist jetzt nach dem kurzen Schlaf sehr wohl. Es war auch weniger das Leiden, das mir zusetzte, als eine innere Unruhe, die wuchs, je länger Du ausbliebest. Es lag auf mir wie die Vorahnung von einem Unheil.«
»Nun bekomme ich von Dir auch noch eine Strafpredigt,« scherzte Richerdes gutlaunig. »Vorhin hat mich Venne schon ins Gebet genommen. Wenn ich nun Besserung gelobe für die Zukunft, willst Du dann auch mein braves Weib sein und Dich alsogleich völlig beruhigen?«
Ihm zärtlich von ihrer Lagerstätte zunickend, ließ sie den Blick an seiner hohen Gestalt emporgleiten. Ein leiser Seufzer entrang sich ihrer Brust. »Was hast Du noch?« fragte er aufs neue besorgt. »Nichts, es ist nur der Kummer, daß ich Euch das Leben mit meinem Siechtum belaste. Ihr könnt das gar nicht auf die Dauer ertragen.«
»Das ist mir das rechte Medikament«, rief der Gatte gutmütig polternd. »Jetzt habe ich meine ganze ungeschlachte Liebenswürdigkeit an diese eigensinnigste aller Frauen verschwendet, um nun zum Dank von ihr zu hören, daß sie uns lästig falle. Nun sprich Du ein Machtwort, Venne; vielleicht, daß Du Dir mehr Respekt verschaffst.«
Venne umschlang die geliebte Mutter zärtlich behutsam und barg ihr Gesicht an der Wange. »Ach, böses, liebes Mütterlein, der Vater hat nur zu recht. Wie sollten wir unsere Liebe zu Euch besser zum Ausdruck bringen, als daß wir Euch umhegen und umgeben mit unserer Pflege. Ihr sollt uns ja bald gesund sein und werdet uns gesunden; aber, daß ich's sage, Gott verzeihe mir die Sünde: ich wünschte nicht, daß Ihr krank gewesen wäret oder je wieder würdet; doch desungeachtet möchte ich, und der Vater gewiß mit mir, nicht diese Zeit missen, wo wir Euch Eure Liebe wenigstens zu einem kleinen Teile vergelten konnten. Nun fügt Euch nur noch eine kurze Zeit unserer strengen Vormundschaft, und dann wird eines Tages mein Mütterlein wieder rüstig und flink durchs Haus trippeln, und wir werden uns auf die Bärenhaut legen; gelt, Vater?«
Gerührt blickte die Kranke auf ihr Mägdelein, und eine Träne rann über die blasse Wange.
Ach, wenn es doch so käme, wie Venne es ihr prophezeite!