Part 2
Von all diesem sprach Johannes heute zu Gisela, und aus seinen Worten erklang eine aufrichtige, ehrliche Dankbarkeit, daß es ihr warm ums Herz wurde bei so viel Anerkennung ihres geliebten Vaters. Und dann kam Johannes auf sie selbst zu sprechen und ihre Freundschaft, und er gab ihr seinen heißen Dank zu erkennen, daß sie ihn dieser Freundschaft gewürdigt habe. Einem Impulse folgend, ergriff er ihre Hände und sprach, während er sich zu ihr neigte: »Habt Dank für alles, was Ihr mir erwiesen. Ich weiß nicht, wie ich die Trennung von Euch und Euren lieben Eltern werde ertragen können. In meinem Herzen bleibt Ihr für immer. Bewahrt auch mir ein freundliches Gedenken.«
Gisela war unter den Worten ihres Begleiters errötet und erblaßt. Sie vermochte kein Wort zu sagen, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Da kam ihrer Verwirrung Gottfried zu Hilfe, der sich gerade näherte. Sie suchte sich zu fassen und zwang sich sogar ein Lächeln ab, als jener eine launige Bemerkung fallen ließ. Dann schickte man sich zur Rückkehr an.
* * * * *
Dies war nun der letzte Abend, den die jungen Deutschen in Bologna verlebten. Er beschloß die schönen Tage, welche dem Abschiede vorhergingen, und fand sie, wie begreiflich, im Hause der Wendelins.
Alle bemühten sich, den Scheidenden die Stunden so angenehm wie möglich zu machen. Aber sie konnten es doch nicht verhindern, daß ein Hauch leiser Wehmut über dem kleinen Kreise lag, je weiter die Stunden vorrückten. Besonders Gisela zerdrückte mehr als einmal eine stille Träne, wenn sie sich unbeobachtet glaubte. Dann glitt wohl ein schneller, heimlicher Blick nach dem Platze, wo Johannes neben der Mutter saß: Ach, er wußte ja nicht, wie ihm ihr junges Herz entgegenschlug und wie schwer sie an dem Gedanken trug, ihn morgen vielleicht für immer zu verlieren.
Die Mutter ahnte nicht, welche Verwirrung der junge Deutsche im Herzen ihres Töchterchens angerichtet hatte. Sie unterhielt sich mit ihm über die ferne Heimat ihres Gatten und sah sie durch den Mund des Freundes neu, in begeisterter Schilderung vor sich erstehen. Aber immer mehr senkten sich, von den Augenblicken angeregter Rede abgesehen, die Schatten wehmutsvoller Trauer herab. Noch einmal suchte die fröhliche Richenza die Stimmung zu retten mit einem Appell an die Jugend, wobei sie ihre Freundin Gisela besonders ins Auge faßte.
»Euch ist wohl heute nachmittag der letzte Trost auf dem Reno davongeschwommen, als wir an seinen Ufern uns ergingen. Laßt Euch nicht an Seelenstärke von einem schwachen Mädchen, wie ich es bin, übertreffen. Droht uns doch, meinem lieben Mütterlein, wie mir, in gleicher Weise die Stunde des Abschieds von diesem gastlichsten aller Häuser im Lande Italia. Ich aber habe mein Herz gewappnet gegen alle Trübsal und helfe mir über die Wehmut des Augenblicks mit einem herzhaften ›Auf Wiedersehen‹ hinweg.«
»Mach' es wie ich,« wandte sie sich nunmehr direkt an ihre Base, die liebliche Gisela, deren Gesicht sich bei den Worten der Freundin noch mehr mit Trauer überschattet hatte, »verhärte dein Herzlein, daß die Herren nicht meinen, sie hätten uns bezwungen.«
Doch damit beschwor sie das Unheil erst recht herauf. Hatte sich Gisela bis jetzt noch tapfer gehalten, so rannen ihr nunmehr die Tränen unaufhörlich über die Wangen, und sie stürzte fluchtartig aus dem Zimmer, um ihr Herzeleid den übrigen zu verbergen. Bestürzt sahen diese ihr nach. Wohl hatten die Eltern bemerkt, daß eine Freundschaft zwischen ihrem Töchterlein und dem jungen Deutschen sich entwickelte; aber der unbefangene, fast kameradschaftliche Ton, in dem sie sich äußerte, ließ sie nicht ahnen, daß die Herzensruhe ihres Lieblings ernstlich gestört wurde. Nun schien dies dennoch der Fall.
Die Mutter wie Richenza eilten der Entflohenen nach. Der Vater blieb allein zurück mit den jungen Freunden.
Auch die Männer blickten betroffen drein. Der Vater erkannte, daß sich eben vor seinen Augen der Anfang eines Dramas abzuspielen begann, dessen Ausgang im dunkeln lag. Aber bei der Gefühlstiefe, die er an seinem Töchterchen als ein Erbteil seiner selbst zu jeder Zeit bezeugt gesehen hatte, mußte er besorgen, daß ihr schwere Stunden bevorstanden.
Heinrich Achtermann und Gottfried Kristaller waren am meisten überrascht. Daß die Tränen nicht ihnen galten, wußten sie genau. Ihre eigenen Angelegenheiten hatten sie immer so sehr in Anspruch genommen, daß sie auf Johannes und Gisela nicht sonderlich achtgaben. Nun zeigte es sich, daß die arme Gisela, die ihnen um ihrer anspruchslosen Hilfsbereitschaft und Uneigennützigkeit willen ans Herz gewachsen war, ein Kummer bedrückte, der sie nach ihrer Eigenart besonders schwer treffen mußte. Sie schieden beide nur mit leichter Bürde auf dem Herzen, wenn auch Heinrich im Augenblick meinte, ohne Richenza nicht leben zu können. Doch ihm stand ja die Aussicht offen, sie in Deutschland wiederzusehen, während für Gisela und Johannes morgen der Abschied für immer bevorstand. Das tat ihm von Herzen leid.
Johannes durchzuckte ein Gefühl, halb des Schreckens, halb der Freude, als Gisela davoneilte. Hatte er bisher eine Art schwesterlichen Empfindens für sich bei ihr vorausgesetzt, so war er zuerst hieran irre geworden, als sie vor einigen Tagen am Reno ihre Gedanken über seine bevorstehende Abreise austauschten. Er sah ihre seltsame Erregung und Verwirrung und war geneigt, sie als eine Äußerung nicht nur rein freundschaftlicher Zuneigung zu deuten. Worüber er sich selbst nie zuvor klar geworden, was er für sich nie zu erhoffen gewagt hätte, das schien in ihrem Herzen Wurzel geschlagen zu haben. Damals schon durchzuckte ihn der Gedanke, sie könne ihn lieben, sie wolle ihm angehören, mit einem heißen Glücksgefühl. Jetzt fand er bestätigt, was er nicht auszudenken gewagt hatte.
Dieses junge Menschenkind, über das eine gütige Fee alle Holdseligkeit der Jugend ausgebreitet zu haben schien und das in seiner Brust gleicherweise die edelsten Gefühle echter Weiblichkeit barg, war ihm mehr als die Genossin frohseliger Jugendstunden, sie brachte ihm das Geschenk einer ersten, keuschen, zarten Liebe dar. Aber zugleich bestürmte ihn auch der Schmerz, daß er morgen schon verlieren sollte, was er eben erst gewonnen hatte. Die Trauer griff ihm ans Herz, denn er mußte sich bezwingen, um ihren Frieden nicht noch mehr zu stören, wie er sich Zwang angetan hatte, seit er selbst erkannte, daß die Liebe zu dem holdseligen Geschöpf seine Brust durchzittere.
Inzwischen waren die Mutter und Richenza um Gisela bemüht. Da sie argwöhnte, daß der junge Deutsche ihre Tochter durch seine Schuld um ihre Herzensruhe gebracht habe, wallte zuerst der Unmut gegen jenen in ihr auf. Aber beim ersten Wort, welches sie in dieser Hinsicht fallen ließ, warf sich Gisela sofort zum Verteidiger des heimlich Geliebten auf.
»Er ist gewiß ganz unschuldig an der Sache, die Schuld habe ich dummes Mädchen allein. Weshalb wußte ich meine Gefühle nicht besser zu verbergen. Nun habe ich zu dem Schmerz auch noch den Spott, denn die Freunde werden sich gewiß über mich einfältiges Ding lustig machen.«
»Das werden sie nicht tun,« fiel ihr Richenza ins Wort, »dazu sind sie viel zu ehrlich und anständig. Und Dein Johannes im besonderen, so darf ich ihn hier doch wohl nennen, denkt zuletzt daran; denn ich müßte eine schlechte Beobachterin sein, wenn nicht auch ihm der Abschied von Dir recht naheginge.«
Gisela wehrte unter Tränen lächelnd ab, doch die Freundin ließ sich nicht beirren. »Ich weiß, was ich weiß. Übrigens kann ich ihn ja erforschen, wenn Du es wünschest.« Erschrocken wehrte Gisela ab, während tiefe Röte ihr Gesicht überflutete.
»Daß Du Dich nicht unterstehst! Ich müßte mich ja zu Tode schämen; denn gewiß würde er glauben, Du handeltest in meinem Auftrage, um ihn auszuforschen.«
Richenza versprach zu schweigen. »Nun aber auch wieder ein fröhliches Gesicht aufgesteckt, daß die Herren sich nicht einbilden, Du habest um sie Dein Tränenkrüglein gefüllt. Ich weiß zudem noch einen Trost für Dein Leid. Es muß ja morgen nicht für immer geschieden sein. Wenn die Eltern es erlauben, besuchst Du uns daheim in Braunschweig. Der Weg zu uns ist nicht weiter als von uns zu Euch, und Du siehst, ich bin heil hier angelangt und hoffe, auch unversehrt wieder im alten Braunschweig einzutreffen. Von da nach Goslar ist's ein Katzensprung. Wollt Ihr also, so gibt es im nächsten Jahr ein frohes Wiedersehn bei uns daheim.«
Gisela lächelte schwermütig zu den Zukunftsplänen der Base. »Du glaubst ja selbst nicht, daß der Plan gelingen wird.«
»Das tue ich allerdings; es hängt nur von Dir und Deinen Eltern ab, ob und wann er in Erfüllung gehen soll. Ihr seht doch an mir und der lieben Mutter, daß auch ein Frauenzimmer den Weg über die Alpen wagen kann. Außerdem wirst Du immer reiche Gesellschaft finden, denn die Straße über den Brenner ist so begangen, daß jede Gefahr ausgeschlossen ist. Wenn Dich also nicht jedes Murmeltierchen schreckt, das ein Steinchen zum Herabrollen bringt, so mach' Dich getrost auf die Reise. An Kurzweil wird's Dir bei uns nicht fehlen. Nun aber laßt uns wieder zu den Herren hineingehen, daß sie nicht auf falsche Gedanken geraten.«
Auch die Mutter trieb dazu. Ihr Herz war von mehr Sorge erfüllt, als sie zu erkennen gab; denn sie kannte ihr Kind zu genau, um nicht zu wissen, daß die Wunde zu tief ging, um ohne ernsten Schaden geheilt werden zu können.
Im Zimmer ergriff Richenza sogleich wieder das Wort und suchte die Situation zu klären.
»Das sind die dummen Schwächen, unter denen wir Frauenzimmer leiden. Kaum freut man sich einmal wirklich, ist auch gleich so eine Migräne da, die uns bis zu Tränen niederzwingt. Aber, Herr Oheim, wir haben indes schon ein Plänchen ausgeheckt, das unsere Gisela heilen wird. Sie muß einmal heraus aus eurer Tropenluft hierzulande. Erlaubt, daß sie uns besuche daheim im lieben Braunschweig, wo ja auch Eure Wiege stand. Dann mögen Euch ihre roten Wänglein bei der Rückkehr verraten, daß wir gute Pflege gegeben haben; und was dabei noch für Euch, Herr Oheim, abfällt an lebendigen Erinnerungen an Eure liebe Heimatstadt, das nehmt als gern gegebene Draufgabe. Also entscheidet Euch kurzerhand und gebt die Erlaubnis. Ist's nicht für sogleich, so schenkt uns die Gisela für das kommende Jahr. Und wenn es die Herren Studiosi und Doctores gelüstet, uns zu besuchen, so wissen die Herren, daß es von Goslar nur ein Ritt von wenigen Stunden ist. Herr Kristaller muß sich allerdings schon von seinem fernen Straßburg herbemühen, will er, daß der lustige Kreis von Bologna in Braunschweig aufs neue erstehen soll.«
Der Vater war überrascht und suchte nach Einwendungen. Aber da er die leuchtenden Augen seines Lieblings während der Worte Richenzas sah, hielt er mit lauten Bedenken zurück und hoffte, daß die Zeit ihn der Notwendigkeit überheben werde, die endgültige Zustimmung zu erteilen. Doch nun legte sich auch Johannes für den Plan ins Zeug. Das war ja die Erfüllung einer Hoffnung, die er selbst gar nicht zu hegen gewagt hätte. Und den vereinten Anstrengungen gelang es, die endgültige Zusage zu erhalten. Er ahnte nicht, daß die Ausführung unter viel trüberen Umständen wirklich erfolgen sollte.
Die Stunde des Abschieds war gekommen. Als Johannes sich über die Hand Giselas neigte, flüsterte er ihr zu: »Ich weiß, daß wir uns wiedersehen; das macht mir den Abschied leichter. Bewahrt mir bis dahin ein Plätzchen in Eurem Herzen.«
Ein lichtes Rot der Freude überflog das Gesichtchen Giselas, und eine reizende Verwirrung ließ sie noch lieblicher erscheinen. Aufs neue füllten Tränen ihre Augen, aber es waren Tränen seligen Glücks. Dann schloß sich hinter den Freunden das Tor des alten Palazzo Faba, in dem der Professor wohnte.
Als am andern Morgen die Glocken von San Giacomo Maggiore die Frühmette einläuteten, traten Johannes und Heinrich, wie auch Gottfried, aus ihrer Wohnung und bestiegen die schon bereitgehaltenen Pferde, denen ihre Felleisen, das einzige Reisegepäck, welches sie persönlich mit sich führten, sorgsam aufgeschnallt waren.
Das Tor wurde gerade von dem halbverschlafenen Wächter geöffnet, als sie die Stadt auf dem Wege verließen, der als die uralte Via Aemilia vor dem Apennin entlang führt und nur jeweils in den Städten, die sie durchkreuzt, sich eine Abweichung von der schnurgeraden Richtung gefallen lassen muß, in der sie als ein endloses, weißes Band sich dahinzieht. Mit ihnen ging noch ein Mönchlein aus der Stadt, das dort wohl übernachtet hatte und nun in sein Kloster zurückkehren wollte. Es hielt indes nur kurze Zeit Schritt mit den rüstig ausgreifenden Rossen, und sie waren allein. Noch lag der Schatten des frühen Morgens mit seiner Kühle auf der Straße, und ein Frösteln überflog ihre Glieder. Aber munter ging es weiter.
»Du sinnst wohl noch über den Abschied von der lieblichen Gisela nach?« unterbrach Gottfried das Schweigen. Doch Johannes verspürte keine Neigung auf den scherzhaften Ton einzugehen. »Laß die Geschichte; Du tust mir weh mit dieser Art davon zu sprechen.« Da brach Gottfried das Gespräch ab, und sie ritten schweigend fürbaß. Auch Heinrich Achtermann zog wider seine sonstige Gewohnheit mürrisch und wortkarg dahin.
Noch war nichts Lebendes auf der Straße zu sehen. Doch jetzt blitzte es im Morgennebel vor ihnen, und trapp, trapp, trapp kam es zu ihnen heran. Es waren Speerreiter des Podesta von Bologna, die ein paar armselige Lumpen mit sich führten. Auf einer nächtlichen Streife im Banngebiet der Stadt auf frischer Tat ertappt, trabten sie jetzt trübselig hinter den Pferden drein, an deren Schweif sie kurzerhand gebunden waren. Auch andere Frühaufsteher tauchten bald auf der Straße auf, Landleute, die ihr Geschäft in die Stadt führte, Bauern mit Ochsenkarren, welche Getreide und sonstige Früchte den Kaufleuten in Bologna bringen wollten, junge, rüstige Dirnen und alte Weiber, die Melonen und andere Früchte heimischen Fleißes am selben Ziel in Geld umzusetzen hofften.
Inzwischen war die Sonne hervorgebrochen und übergoß Land und Straße mit ihren wärmenden Strahlen.
Langes Schweigen war wider die Natur des lebhaften Gottfried.
»Wißt ihr übrigens, daß wir in unserm Stumpfsinn auf geschichtsschwangerem Boden dahinreiten? Hier erklang schon vor anderthalbtausend Jahren der eherne Tritt römischer Legionen, die auf Eroberung auszogen, und wieder um ein beträchtliches später zogen in umgekehrter Richtung die Gewappneten der deutschen Kaiser sie entlang, um in das Land Italia einzudringen?«
Die lachende Septembersonne verscheuchte auch die Grübeleien, in die Johannes versunken war, und die jugendliche Hoffnungsfreudigkeit siegte über die Zweifel, die sich ihm aufgedrängt hatten: Es würde doch alles gut werden, wie er es selbst gestern Gisela gesagt hatte. Und er konnte auf den fröhlichen Ton des Freundes eingehen.
»Da kennst Du unsern guten Magister Sutor schlecht -- den schlichten ›Schuster‹ vertrug seine Gelehrsamkeit schlecht, und wenn er uns einmal aus Unachtsamkeit oder Bosheit über die Lippen glitt, saß uns der Bakel schon auf dem Buckel. -- Er hat uns haarklein den Weg gezeigt, den der große Cäsar mit seinen Heeren nahm, und die Tuben der Legionen des Varus hörten wir schon erklingen, wenn sie noch diesseits der Alpen, meinetwegen auf der alten Via Aemilia, ertönten, auf der wir jetzt selbst dahintraben. Ich wollte nur, ich hätte gleich ihnen erst die Alpen überschritten und zöge dem alten Goslar zu.«
Unterdes war die Sonne höher und höher gestiegen und sandte ihre Strahlen mit einer Glut auf die Reisenden herab, daß ihr Gespräch wieder versiegte. Auf den Feldern arbeiteten Bauern mit ihrem Ochsengespann, vor ihnen lag das weiße, schattenlose Band der Straße, auf der sich kaum ein Lebewesen zeigte, denn alles floh vor der sengenden Hitze.
Die Freunde hatten sich als Ziel des Tages Parma gesetzt; aber als sie Modena, etwa halbwegs zwischen Bologna und Parma, gegen Mittag erreichten, fühlten sie doch, daß sie gut täten, den Pferden, wie sich selbst nicht noch eine gleich große Wegstrecke zuzumuten, und sie blieben dort bis zum nächsten Morgen. Nach zwei weiteren, gleich ermüdenden Tagereisen trafen sie in Piacenza, der alten Brückenstadt am Po, ein, wo ihre letzte Raststätte vor Mailand sein sollte.
In Piacenza erfuhren sie in der Herberge von deutschen Landsleuten, die von Genua angekommen waren, daß der Kaufherr Ernesti tags zuvor hier eingetroffen, aber schon nach Mailand vorausgeeilt sei, weil er dort noch Geschäfte zu erledigen habe.
Unterwegs schon hatte Gottfried nach diesem Ernesti gefragt, aber Heinrich wie Johannes vermochten ihm keinen Aufschluß über den seltsamen Mann zu geben, der als einfacher Kaufmann mit den Mächtigsten der Erde verhandelte, wie es sonst nur die Aufgabe kaiserlicher Ambassaden war. Wohl hatten sie in Goslar den Namen des Mannes aussprechen hören, doch nach Art der Jugend kümmerten sie sich wenig um Dinge, die sie und ihre Jahre nicht berührten. Beide, besonders Heinrich, fesselten viel mehr, da sie noch in der Münsterschule zu Goslar saßen und unter dem Joch des gestrengen Magisters Sutor seufzten, die Spiele mit den Altersgenossen und die Reigen mit den hübschen Goslarer Bürgermädchen, besonders der Lange Tanz, ein Reigen aus alter Zeit, welcher der Sage nach die immerwährenden Kämpfe zwischen den einheimischen Sachsen und den zugewanderten fränkischen Bergleuten beendet hatte. Alljährlich zur Fastnachtszeit fand er statt, und selbst ein hochweiser und gestrenger Rat sah dem lustigen Treiben wohlgefällig zu, das sich vor seinen Augen abspielte in dem anmutigen Schreiten und Sichneigen und Hüpfen lieblicher Jungfräulein und kühnstolzer Jünglinge, die jene geleiteten.
Man konnte also die Wißbegier des Freundes hinsichtlich Ernestis nicht befriedigen. Auch das, was die mitreisenden Kaufleute nächsten Tages auf der Reise von Piacenza nach Mailand über ihn zu sagen wußten, ließ noch vieles an diesem Manne im dunklen. Daß er ein seltsamer Mensch sei, erhellte zur Genüge aus ihren Worten, aber auch, daß er weltbefahren und über das gewöhnliche Maß hinaus angesehen und mächtig sein müsse, blieb demnach nicht zweifelhaft. Seine Beziehungen reichten von Italien bis Frankreich, und er war in den Handelsplätzen der Niederlande gleich bekannt wie in der berühmten Stadt Nowgorod am Ilmensee im fernen Reiche der reußischen Zaren.
Daß Ernesti in besonders wichtiger Mission vom Rate der Stadt Goslar zur Päpstlichen Kurie in Rom entsandt worden war, wußten sie aus dem Briefe von daheim. Heinrich ließ darüber den Kaufleuten gegenüber nichts verlauten, da er nicht wußte, ob das der Sache dienlich war, und Johannes schwieg ebenso selbstverständlich. Die Kaufherren erzählten, daß Ernesti als Heimweg von Rom nicht den Weg über die Abruzzen gewählt habe, wiewohl dieser der kürzere war, sondern in einem kleinen Küstenklipper nach Genua gefahren sei, um dort im Dogenpalast noch etwas zu erledigen. -- Fürwahr, ein seltsamer, geheimnisvoller Mann, dieser Ernesti, dachte auch Johannes, dessen Gedanken sich allmählich mehr und mehr mit ihm beschäftigten, dem die Sache seiner Vaterstadt anvertraut war und mit dem ihn das Leben wahrscheinlich auch künftig noch mehr als einmal zusammenbringen würde, wenn er erst, wozu seine Studien den Weg bereitet hatten und was sein Vater sehnlich wünschte, im Rate der Stadt Goslar Sitz und Stimme hätte.
Der Wagenzug war durch ein Hindernis ins Stocken geraten. Während die Knechte unter der Aufsicht der Kaufherren noch mit der Beseitigung des Hindernisses beschäftigt waren, ritt Johannes mit den Freunden langsam voraus. Noch klangen in seinen Ohren die Worte der Mitreisenden über Ernesti wieder, aber seine Gedanken blieben an der alten, wehrhaften Stadt am Harz haften, die jenen gesandt hatte und durch ihn selbst von dem Ausfalle des Auftrages Kunde erhalten würde. Wie mochte es dort aussehen, was die Freunde und Gespielinnen treiben, von denen er nun schon manches Jahr fern weilte; denn auch vor den Jahren, die er in Bologna verlebte, sah ihn die Heimat nur selten, wenn er in den Ferien von der Universität Wittenberg zu Besuch kam. Die seltenen Briefe der Eltern gaben nur unvollkommen Auskunft über das, was gerade ihn interessierte.
* * * * *
Sollte Heinrich die Wahrheit sagen, so war er von Ernesti enttäuscht, als er ihn zum ersten Male im »Leuen« zu Mailand sah, und Johannes schien dieselben Empfindungen zu haben. Der Fremde entsprach in seinem Äußern durchaus nicht der Gestalt, die der junge Goslarer sich von ihm gebildet hatte. Ein Mann von der Bedeutung Ernestis müsse, so glaubte jener, neben der ragenden, gebietenden Größe, dem kühnen, entschlossenen Gesicht, auch in Wort und Ton die Macht zum Ausdruck bringen, die ihm eigne. Und nun trat ihm ein Mensch entgegen, der von alledem wenig oder gar nichts an sich trug. Schon am Abend der Ankunft in Mailand bekamen sie ihn zu Gesicht. Ein etwas mürrischer, wie es schien, sehr verschlossener Mann kam herein. Von Gestalt war er nicht mehr als mittelgroß; in dem fast alltäglichen Gesichte verriet nur das Spiel der beweglichen, ein wenig stechenden Augen den Reichtum der Gedanken, die sich hinter der hohen, kahlen Stirn bergen und kreuzen mochten.
Ernesti wandte sich alsbald mit einigen freundlichen, gleichgültigen Worten an die jungen Leute. Auf den Hauptzweck ihres Zusammentreffens hier ging er nur mit einer kurzen Bemerkung ein.
»Es tut mir leid, daß ihr die Beschwerden der Reise in höherem Maße auf euch nehmen müßt, als ohne den euch gewordenen Auftrag nötig wäre. Aber ich selbst kann die Botschaft an den Rat eurer Vaterstadt nicht persönlich überbringen, und sie verlangt eine zuverlässige Hand. Ich bin überzeugt, daß er keine besseren Boten hätte finden können, und ihr werdet euch des Vertrauens würdig erzeigen, das der Hochmögende Rat euch bei eurer Jugend bezeugt. In Köln werde ich euch das Schriftstück aushändigen. Ich hoffe, daß man in Goslar mit dem Inhalte wohl zufrieden sein wird. Von Köln ab habt ihr Gelegenheit, mit einem Zuge flandrischer Kaufleute, die nach Goslar wollen, um euer berühmtes Kupfer zu holen, die Weiterreise fortzusetzen.«
Das hieß mit anderen Worten, sie, Heinrich und Johannes, durften das wichtige Schriftstück unter den Augen und dem Schutz anderer tragen, von dem Inhalte erfuhren sie nichts. Einen Augenblick wollte etwas wie Unmut in Heinrich aufsteigen, aber schnell überwand er die Anwandlung, zumal in diesem Augenblick sein Freund Gottfried die Runde an seinem Tische mit einem Scherze zu lustigem Gelächter verleitete.
Am frühen Morgen des nächsten Tages ging die Reise nordwärts bis an das Südufer des Langen Sees, den man in einem der plumpen Schiffe hinauffuhr. Hier trat den Reisenden zuerst wieder die Majestät der Alpen vor Augen, namentlich im nördlichen Teil des Sees, wo die Felsenberge in jähem Absturz den engen See fast erdrücken durch ihre Wucht. Aus der Ferne dräute in ernstem Weiß der schimmernde Monte Leone, der nach dieser Seite hin die Vorhut bildet der noch gewaltigeren Monte-Rosa-Gruppe und all der anderen Riesen der Walliser Berge. In Locarno herrschte noch die fast sommerliche Glut des italienischen Frühherbstes. An der Straße ungeschützt die Palmen. Aus den laubdunklen Weingehegen lockten die schwellenden Trauben: »Nimm mich, nimm mich!« Doch die Reisenden hatten nicht Zeit, die Herrlichkeiten zu genießen, die ihnen das lachende Seegestade darbot. Noch einmal wurden die Warenballen auf plumpe Karren geladen. Aber das immer enger werdende Tessintal, in welchem die Fahrzeuge dahinrumpelten, setzte dieser Art von Beförderung bald ein Ende. Bis Biasca mühten sich die Zugtiere noch ab, die Wagen auf der holperigen, oft von tiefen Schründen durchsetzten Straße, die doch keine solche war, dahinzuzerren. Dann mußte man endgültig zu den Saumtieren seine Zuflucht nehmen.