Chapter 9 of 18 · 3960 words · ~20 min read

Part 9

Nur das geringere Volk, das nicht so empfindlich gegen die Unbilden der Witterung war, ließ sich sein Recht nicht nehmen. An der Spitze gingen die jungen Bergleute. Mit Zithern, Geigen und anderen Instrumenten zogen sie musizierend durch die Stadt, aber gar oft setzte einer der Musikanten aus, um die klamm gewordenen Hände zu wärmen. Auch die Lieder klangen dünn durch die harte Winterluft. Natürlich fehlte das alte Spottlied nicht, das auf die von Kaiser Karl +IV.+ vollzogene Verpfändung Goslars an Graf Günther von Schwarzburg Bezug hatte:

»Kaiser Karolus hochgeboren, Der Goslar hät vom Rike einst verloren, Der Rammelsbereg hät einen silbernen Fot, Darummen tragen wir einen frischen Moht. Mit düssen hübschen Jünferlein Maken wir von Tannen ein Krenzelein Wents thaun andern Jahre, Sau tanzen wir mit twei Paare. Wie wilt woll darup denken, Wie wilt öhn dat wieder schenken.«

Da die Töchter und Söhne der vornehmen Bürger sich vom ›Langen Tanz‹ dieses Mal fernhielten, konnte auch der Streitfall zwischen Venne Richerdes und Heinrich Achtermann nicht entschieden werden; aber man hoffte, das Versäumte zum Maienfest nachzuholen.

* * * * *

Auch die Ostgänger aus Flandern waren dieses Mal durch den langen Winter in Goslar festgehalten worden, sobald jedoch der erste Lenzeshauch Wege und Stege von der winterlichen Sperre befreite, zogen sie davon. Während aber in der Ebene schon die Boten des Frühlings Einzug gehalten hatten, zeigten die Berge im Hintergrunde noch Reste des winterlichen Schmuckes. Der Tann ragte düster starr gen Himmel, der Frühlingswind wehte ungehemmt durch das kahle Geäst der Eichen im Gosetal.

Doch mählich regte sich's auch hier im Harzwalde. Überall rieselten die Bächlein des Schmelzwassers geschäftig zu Tal. Wo die Sonne lockte, wagte wohl ein Hälmlein sein duftiges Grün zu zeigen, hob ein Buschwindröschen das zierliche Glöckchen, um es zum Frühlingsgeläut zu stimmen. Die Meise hüpfte geschäftig durch das Gezweige des einsamen Tanns. Das Eichkätzchen verließ sein Winterquartier, fand, daß es recht mager geworden sei durch das lange Fasten. Es rasselte muckernd vom Stamm herab, um zu sehen, ob nicht ein Tannenzapfen übriggeblieben, um den nagenden Hunger zu stillen. Und wieder über ein kleines, da steckten die Tannen und Fichten grüne Spitzen auf und rote Kerzen zu Tausenden: Nun war der Lenz auch hier zur Macht und Herrschaft gekommen.

Maiengrün, Maienduft, welch unnennbarer Zauber umschließt das Wort. In den Tälern zu Rudeln vereint, im düsteren Tannenforst einzeln sich zum Lichte durchbrechend, grüßen die Birken von den Hängen mit ihrem ersten duftenden, hellgrünen Laub. Lenzesboten, sie sind's auch heute noch im winterharten Harz. Erst wenn die grünen Buschen und Bäume die Straßen und Häuser schmückten, ist dem Harzer das Bewußtsein ins Herz gepflanzt, daß der Frühling wirklich eingezogen ist.

In Goslar schickte man sich an, das Fest der Maienkönigin zu begehen. Draußen vor dem Tore, aber im Schutze der Landwehr, erhoben sich lustige Zelte, mit Maien geschmückt und mit Teppichen behängt; von ihrer Spitze flatterten lustig die schwarzgelben Wimpel.

Am Nachmittage zog die Jugend aus, die Mägdelein im duftigen Sommergewande. Die Jünglinge in prächtigen, enganliegenden Seidenwams, das Federbarett kühnlich auf dem Haupte, boten zwar der strahlenden Sonne ein willkommenes Objekt, aber kühn und zuversichtlich schritten sie an der Seite ihrer Dame einher. Lustig ließen die Stadtmusikanten ihre Weisen erklingen. Auf dem Plan vor dem Rufzentore sollte sich's entscheiden, wem heuer die Krone der Anmut und Schönheit zuerkannt werden würde.

Die Alten, die Väter namentlich, zogen sich auf dem Festplatze alsogleich in die Zelte zurück, in das eigene, das des Nachbarn oder in die, welche zur öffentlichen Bewirtung der Gäste harrten. Die Jugend aber bewies, nach Geschlechtern getrennt und im bunten Durcheinander der Jünglinge und Mägdelein, daß der lange Winter die Geschmeidigkeit der Glieder und die Anmut der Bewegung nicht hatte ertöten können.

Die Reigen lösten einander ab, und auch der neue französische Tanz wurde von einem kleinen auserlesenen Kreise vorgeführt. Ein durchreisender Tanzmeister aus Paris war in Goslar angehalten worden und hatte sein Bestes getan, um die Pariser Grazie auch im rauhen Deutschland nicht ins Gegenteil verkehren zu lassen. Durfte man seinem Urteil glauben, so tanzte die Goslarer Jugend dieses zierliche Menuett, das, aus dem schönen Poitou stammend, in Paris eine veredelte Gestalt erhalten hatte, trotz einem Pariser und einer Pariserin.

Heinrich Achtermann war der Partner Vennes. Voller Entzücken hingen seine Augen an ihr, die die verkörperte Lieblichkeit und Grazie schien. Bei den Reprisen fand sich auch wohl Gelegenheit, ihr ein Wort zuzuflüstern. Noch hielt sie ihn in Schranken mit einem unmerklichen, aber unwilligen Schütteln des Kopfes oder leicht gerunzelter Stirn; aber je höher die Wogen der Freude und Lust gingen, desto wärmer wurde auch ihr ums Herz, und ein schneller, froher Blick streifte ihrerseits den Gesellen.

Als der Tanz zu Ende war, brach lauter Jubel los, und die umstehenden Bürger beteiligten sich ebenfalls wacker an dem Beifall.

»Ein hübsches Paar, unsere Kinder,« flüsterte der Ratsherr Achtermann dem Bergherrn Richerdes zu. »Wie geschaffen füreinander. Und zum Sichfinden scheint es bei den beiden auch nicht mehr weit zu sein. Sollen wir abwiegeln oder helfen, Nachbar?«

»Es schlüge den Tatsachen ins Gesicht, wollte ich Euch widersprechen, Ratsherr, und dazu bin ich als Vater nicht bescheiden genug. Gewiß, ein stattliches Paar, und was das andere anbetrifft, so wird unsere Zustimmung den beiden sicher nicht ungelegen kommen. Aber da ist noch manches zu reden.«

»Gewiß,« fiel ihm Achtermann in die Rede, »doch ich hoffe, daß sich's ausgleichen läßt.«

»Nachbar,« sagte darauf Richerdes nicht ohne Ernst, »die Aufnahme meiner Tochter in Eurem Hause ehrt mich. Aber auf eins laßt mich mit allem Nachdruck hinweisen. Ihr seid reich, ich demgegenüber kaum wohlhabend. Ich will nicht, daß meiner einzigen Tochter später aus diesem Mißverhältnis Ärger erwächst. Könnt Ihr mir das versprechen, so mag die Sache ihren Lauf haben.«

»Ihr sprecht wie ein Mann, Richerdes, das ehrt Euch. Aber Ihr schickt Eure Tochter ja nicht mit leeren Händen. Wäre Venne arm, so würde ich aus demselben Grunde der Heirat widerraten; denn ist es schon bedenklich, wenn ein reiches Mädchen einen armen Schlucker freit, so taugt es niemalen und nimmer, wenn die Braut als Jungfer Habenichts einem reichen Mann die Hand reicht. Darüber seid also beruhigt. Könntet Ihr mich nur auch in diesem Augenblick befriedigen betreffs Eurer Gruben.«

»Ich habe mir auch die Sache inzwischen durch den Kopf gehen lassen«, sagte Richerdes, »und finde, daß Ihr vielleicht nicht unrecht habt. Doch da ist noch manches Beding zu erfüllen.«

»Das ist vortrefflich, Nachbar, das freut mich,« antwortete Achtermann, »das Weitere überlaßt nur mir. Sind wir über die Hauptsache im reinen, werden wir über Kleinigkeiten nicht stolpern. Nun aber kommt, hier ist unsere Arbeit getan. Wir wollen dem einen wie dem anderen einen edlen Trunk weihen. Seid mein Gast, Schwäher.«

Sie traten in das Zelt Achtermanns ein, und bald saßen sie hinter dem Becher mit funkelndem Wein und pflegten freundschaftliche Zwiesprache.

Auf dem Platze gingen die Reigen zu Ende. Noch war die Königin des Festes zu küren. Es gab kein langes Beraten unter den Richtern, wem sie den Preis zuerkennen sollten.

»Venne Richerdes ist die Schönste, Venne Richerdes soll Maienkönigin sein!«

Ein Jubel ohnegleichen erhob sich bei diesem Urteilsspruch. Freudig umdrängten sie die Freundinnen. Nur wenige standen mit einer Regung des Neides beiseite. Zu ihnen gehörte auch Alheid Karsten, die Tochter des Bürgermeisters. Nicht neidete sie Venne, daß sie die Schönste sein sollte; auch sie hätte ihr den Preis zuerkannt. Aber alles vereinte sich, um jene begehrenswert zu machen in den Augen der Männer, und dieses Lob heute trug noch mehr dazu bei, den von ihr heimlich Geliebten, Heinrich Achtermann, an sie zu ketten.

In lieblicher Verwirrung hielt Venne dem Ansturm der Jünglinge und Freundinnen stand. Heinrich Achtermann trat als letzter zu ihr heran.

»Nun, Königin, seid Ihr zufrieden? Die Herrscherin seid Ihr im Reiche der Schönheit, die Gebieterin im Bereiche der Grazie und Anmut. Nun werdet Ihr's glauben müssen, und nun begehre ich mein Recht.«

Venne tat überrascht. »Euer Recht? Wofür?«

»Muß ich Euch mahnen an den Abend im neuen Turm am Rosentore? Da wurde es abgemacht und von Euch zugestanden; würde das Menuett von Euch getanzt, gleich einer Pariserin, so sollte ich mir die Buße von Euren Lippen holen.«

»Aber ich bin der Ansicht, daß der Richter irrte und falsch urteilte«, widersprach sie errötend.

»Nicht auf Euch kommt es an, Venne, Euer Urteil ist befangen, Ihr seid Partei; ich halte mich an den öffentlichen Spruch und begehre mein Recht!« Er trat einen Schritt näher, als ob es ihm ankomme, schon jetzt sich die Buße einzulösen. Erschrocken wehrte Venne ab. »Aber Ihr wollt doch nicht hier vor allen Leuten ...«

»Nein, Venne, holde Venne«, flüsterte er ihr mit heißem Blick zu. »Wenn ich Deinen süßen Mund küsse, soll kein neidischer Lauscher zugegen sein. Heute aber, heute abend noch wird's geschehen!«

Erschauernd hörte Venne ihm zu. In seliger Ohnmacht ließ sie seine Worte über sich ergehen. Ja, sie wußte es, heute abend würde sie die Seine werden!

Immer höher gingen die Wogen der Freude. In den Zelten herrschte Bacchus unumschränkt; seine Jünger hatten ihm geopfert, daß die Köpfe zu zerspringen drohten. Auch die Jugend war in einen wilden Rausch des Weines und der Freude gesunken. Die Besonnenen mahnten zum Aufbruch, und als die Schatten des Abends herabsanken, zog der lange Zug in die Stadt zurück in toller, ungebändigter Lust.

Venne ging versonnen und schweigsam neben Heinrich, die Brust geschwellt von süßen Schauern. Es war schon dunkel, als die Trennung von Freund und Freundin auf dem Marktplatz vor sich ging. Nun schritten Venne und Heinrich still nebeneinander dahin. Kein Laut störte die laue, wunderbare Nacht. Als sie aber das Dunkel der Bulkengasse aufnahm, da riß Heinrich die Holde an sich und raubte ihr hundertfältig, was ihm doch nur einmal zustand. Selig seufzend ergab sich Venne dem Liebessturm.

»Venne, meine einzige Königin, meine holde geliebte Venne!«

Da durchbrach auch die Liebe bei ihr die lange gezogene und mühsam gehaltene Schranke.

»Geliebter, mich dürstet nach Deinen Küssen!«

In einem süßen Taumel vergingen die Minuten. Endlich löste sich Venne aus seinen Armen.

»Wir müssen scheiden«, flüsterte sie, aber Heinrich widersprach ungestüm. »Habe ich so lange gedarbt, um Dich nach einem Augenblick schon wieder zu verlieren!« Da warf sie sich ihm in die Arme: »Heinrich, mein Einziger, ich liebe Dich, liebe Dich mehr, als Du ahnst. Aber schwöre mir in dieser seligen Stunde, daß Du mich nie verlassen willst; es bräche mir das Herz!« Ein heißer Kuß war die Antwort. »Du siehst die Sterne da oben am Himmelszelt; eher werden sie aus ihrer ewigen Bahn gerissen, als die Liebe zu Dir aus meiner Brust.«

Aber dann kam doch der Abschied. In einem langen Kuß trank ihre Sehnsucht sich satt; Venne schlüpfte ins Haus. Zum ersten Male seit langem eilte sie an der Kammer der Mutter vorbei, ohne ihr noch gute Nacht zu wünschen; ihr Herz war zum Zerspringen voll von dem, was sie erlebt. Geräuschlos gewann sie ihr Stübchen. Doch eine wachte noch wie immer im Hause und kam, um ihr beim Auskleiden zu helfen. Katharine war es, die alte Magd, die sie als Kind schon gewartet hatte. Trotz des Widerspruchs Vennes machte sie sich daran, die Bänder zu lösen und die goldenen Schnallen der Schuhe zu öffnen. Versonnen lächelnd blickte Venne in die Weite, die Hand auf das ungestüm pochende Herz gedrückt.

»Du bist so seltsam heute«, unterbrach die alte Vertraute die Stille. »Darf Deine alte Katharine nicht wissen, was Dich bewegt?«

»Ach, Katharine, Du verstehst mich doch nicht, was soll ich Dir also bekennen?«

Da entgegnete die Alte unwillig: »Ich soll Dich nicht verstehen, da ich doch Deine Regungen und Gefühle von Deinem ersten Tage an in Dir habe entstehen und sich regen sehen? Meinst Du, ich bin blind? Also, hat er endlich gesprochen, der Herr Heinrich?«

Erschrocken blickte Venne sie an. »Aber woher weißt Du denn ...?« »Also habe ich doch recht«, fuhr Katharine unbewegt fort. »Seine Wünsche kenne ich von anderen, und was Du für ihn empfindest, war mir auch längst bewußt. Aber er soll sich hüten,« fuhr sie fast drohend fort, »sich Deiner unwert zu zeigen oder Dich zu kränken, dann komme ich über ihn.« Lächelnd, voller Zuversicht wehrte Venne ab: »Wie kommst Du zu solchem Argwohn, Katharine?«

»Ich hatte einen bösen Traum. Aber es steht bei ihm, daß der Traum sich nicht erfülle.« Damit verließ sie die Glückliche.

Zweites Buch

Vor den offenen Arkaden des +Collegio di Spagna+ lösten sich die Sänften und Karossen der Bologneser in ununterbrochener Folge ab und entleerten sich ihres lebendigen Inhalts. Schöne Frauen schlüpften heraus in kostbarsten, duftigen Gewändern, das liebliche Antlitz den gaffenden Zuschauern unter einem leichten Schleier verbergend. Würdenträger schritten die Stufen hinan in ihrer reichen Amtstracht. Würdige Gelehrte, Geistliche im schlichten dunklen Gewande, kühn blickende Jünglinge in der modischen Tracht der Zeit, sie alle hatten dasselbe Ziel: die Festgemächer in dem spanischen Kollegium der Universität, in denen heute, wie alljährlich, der neue Dekan seinen Amtsantritt festlich beging.

Im Empfangssaale, dessen kristallene Kronleuchter das Gold der Decke wie das Marmorgetäfel der Wände widerspiegelten, wartete der Hausherr mit seiner Familie der Gäste und begrüßte sie, je nach Rang und Stand, mit besonderer Höflichkeit oder freundlicher Herablassung, aber immer mit der unnachahmlichen Zuvorkommenheit und Würde, die dem Spanier vor anderen eignet.

Ein lebhaftes Stimmengewirr in vielen Sprachen durchzog bald den Raum, gedämpft indes durch die Rücksicht, die man sich und den anderen schuldete, um nicht als unhöflich aufzufallen.

Das Festmahl, das in einem herrlich geschmückten, großen Saale vor sich ging, sah alles vertreten, was die alte Stadt an Anmut und Würde, an Reichtum und Gelehrsamkeit in ihren Mauern barg. An der Tafel wechselten die auserlesensten Gerichte, in den Kelchen funkelte edler Wein.

Wo die Jugend saß, ging die Unterhaltung am lebhaftesten vor sich. Perlend flossen die Neckereien vom Munde der schönen Damen, mit witziger Anmut übten die Herren die Gegenwehr aus. Ernster floß der Rede Strom, wo Gelehrte über Fragen der Zeit das Wort führten. Hier schwärmte ein Jünger im Apoll seiner Dame von der Schönheit Petrarkischer Sonette vor, dort bewies ein Kriegsmann in glänzendem Gewande, daß sein Beruf der allein des strebenden Menschen würdige sei.

Gisela von Wendelin mit ihren Eltern zählte zu den Gästen. Ihr Kavalier, der Sohn des Podesta, unterhielt sie lebhaft, aber sie schenkte ihm nur zerstreut Gehör. Ihre Gedanken eilten über die Alpen in die norddeutsche Stadt, wo der heimlich Geliebte, nie Vergessene nun schon seit langem weilen mußte. Noch hatte sie kein Lebenszeichen von ihm wieder erhalten. Und außerdem lastete es auf ihr wie ein Druck, wie die Vorahnung kommenden Unheils, ohne daß sie sich Aufschluß über ihre Gefühle zu geben vermochte. Ihre Blicke kreuzten sich mit dem des Vaters, der ihr in einiger Entfernung gegenübersaß. Gütig lächelnd nickte er ihr zu, da wuchs auch ihr wieder die Zuversicht.

Die Freude des Abends stieg mit der Dauer des Festes; sie schimmerte wieder in den glänzenden Augen der Damen, sie erklang aus den frohen angeregten Gesprächen der Männer. Da ging noch ein letzter, einsamer Gast in das Haus. Unhörbaren Schrittes und ungesehen schritt er an der Reihe der Diener vorüber, ungesehen betrat er den Saal.

Sein glühender Blick überflog die Gäste. Dann näherte er sich der Festtafel. Hinter der schönsten der Damen hielt er an und beugte sich zu ihr nieder. Sie erblich unter seinem Hauch, und der zarte Leib erschauerte in Entsetzen. Und weiter ging der Gast. Dieses Mal war ein würdiger Ritter sein Ziel. Der zuckte zusammen und griff nach dem Herzen, aber er behielt sein Geheimnis für sich. Und weiter schritt der Unheimliche und beugte sich hier und beugte sich da. Und wo immer sein Hauch das Antlitz eines Gastes streifte, da erblichen die Wangen und erlosch die Freude. Und dann ging der Fremde davon, wie er gekommen, ungesehen und ungehört von den Dienern und nicht erkannt von der Menge der Gaffer. Das Fest aber wurde abgebrochen, weil, unbegreiflich und unerklärlich, ein Unwohlsein die Gäste befiel, die der Fremde gezeichnet. Am nächsten Tage schon in der Frühe, da wisperte es in der Stadt und raunte und ging in laute Wehklagen über: »Der Schwarze Tod ist da, die Pest ist in der Stadt!«

Wir nüchternen und klugen Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts wissen, wo diese Geißel des Menschengeschlechts ihre Heimat hat, wenn wir ihrer auch noch nicht Herr geworden sind. Zwischen dem Tianschan-Gebirge und dem Altai, im fernen Asien, im Osten auf das Sandmeer der Wüste Gobi blickend, im Westen auf die Kirgisensteppe herabschauend, erhebt sich der Tarbagatai, das Murmeltiergebirge, nach dem Tarbagan, dem Murmeltier, benannt. Dieses Tierchen, das zu Millionen dort haust, ist der Träger des Pestkeimes. Und wenn es selbst dieser Seuche erlegen, wirkt noch sein kleiner Leichnam als Überträger an allem, was in seine Nähe kommt, Tier und Mensch. Die Menschen fliehen aus ihren Siedlungen und tragen den Krankheitsstoff zu ihren Nachbarn. Und alles muß der Schrecklichen dienen, was Bewegung hat, Wind und Wasser, um ihre Herrschaft auszubreiten.

Unsere Vorfahren standen dem furchtbaren Würger in ohmächtigem Grausen und Entsetzen gegenüber; nichts anderes wußten sie ihr entgegenzusetzen als dumpfe Verzweiflung, wildes Wehklagen, brünstige Frömmigkeit oder tierische Lust. Wehe dem Ort, den diese Geißel überfallen, wehe der Stadt, in deren enge Gassen und dumpfe Häuser sie Einkehr hielt.

Sie kam nicht ohne Vorzeichen, so wußte es das Volk: Geflügelte Rosse am nächtlichen Himmel, mit seltsamen Reitern auf ihren Rücken, zogen unter Horrido mit der Meute auf den Wolken dahin. Öffnete man einen Rosenapfel, so entwich daraus wohl eine winzige Spinne. Dann war die Pest nahe. Sie wurde von Teufeln und bösen Geistern in die Brunnen gepflanzt; auch schlimme Menschen, Hirten, Hexen, Zigeuner und Juden vergifteten das Wasser.

Man suchte sie abzuwehren durch verdoppelte Frömmigkeit, Fürbitten der Heiligen und Wallfahrten. Aber eines guten Tages war der unheimliche Gast da. Wer es konnte, floh von der Stätte, wo sie einbrach, doch er war seines Lebens darum nicht viel sicherer; denn die anderen draußen erschlugen ihn, wenn sie erfuhren, daß er aus einem verseuchten Orte kam, um mit dem Träger die Krankheit am Vordringen zu hindern.

Wehe, dreimal wehe aber den Kranken selbst und den Häusern, in die der Schwarze Tod Einzug gehalten! Sie wurden gezeichnet, versperrt, daß niemand hinaus oder herein könne. Der Kranke mit seinen Angehörigen war von aller Welt abgeschlossen, und sie konnten verhungern, wenn sich nicht eine barmherzige Seele fand, die ihnen heimlich Nahrung zutrug.

In Bologna wütete die Seuche wie nie zuvor. Anfangs kündeten noch die Glocken, daß wieder ein Bewohner der Stadt ihr zum Opfer gefallen sei; aber dann schwiegen auch sie, denn ihr klagendes Gewimmer hätte sonst den Tag und die Nacht durchgellt. Die Stadt war tot. Vermummte Träger durchzogen mit Bahren und Karren die Straßen und lasen die Toten auf, die aus den Fenstern gestürzt wurden. Es lag auch wohl einmal einer unter ihnen, aus dem noch nicht alles Leben entflohen war: sie achteten des nicht, wer auf den Bahren und Karren lag, wanderte auch in die großen, mit Kalk gefüllten Gruben vor den Toren.

Die Pest, die wie ein hungriges Raubtier sich auf die unglückliche Stadt gestürzt hatte, zog nach Monden wie ein satter Gläubiger davon, der dem armen Schelm den Rest der Schuld stundet, bis es ihn gelüstet, wiederzukehren, um sich auch das Letzte als verfallenes Pfand zu holen. Verödet lagen die Häuser, verlassen die Straßen. Familien waren ausgetilgt, Geschlechter erloschen. Noch wich der Nachbar dem Nachbarn aus, wenn er ihn von fern sah. Aber leise, leise regte sich doch die Hoffnung, daß der Würger gegangen, und langsam keimte die Freude, daß der eigene Leib nicht von der Geißel geschlagen sei.

Giselas Vater war einer der ersten gewesen, welche dem grausigen Gaste auf seinen Wink folgten. Wenn das Wort nicht trügt, daß die Ängstlichen der Krankheit am ersten verfallen, so bewahrheitete es sich auch an der Mutter. Scheu hielt sie sich von dem einst so sehr geliebten Gatten fern, und laut ertönte ihr Jammern, als die ersten Anzeichen der Seuche sich auch bei ihr zeigten.

»Ich will nicht sterben, ich will nicht sterben!« so gellte ihr klagender Ruf durch das Haus. Aber vergeblich erklang ihr Flehen und Wimmern, auch sie trugen die schwarzen Männer nach einigen Tagen davon.

Nun war Gisela ganz allein in dem großen, leeren Hause. Sie hatte den Vater gepflegt, und sein letzter, dankbarer und trauriger Blick galt der treuen Tochter. Sie wich auch nicht vom Lager der Mutter, bis diese die Augen schloß. Unheimlich war es in dem öden Hause. Die Diener geflohen, die Mägde gestorben oder davongelaufen. Sie wäre verhungert, hätte ihr nicht eine fromme Frau aus dem Kloster der Ursulinen, erwiesener Guttaten eingedenk, heimlich Nahrung gebracht. Als die Sperre von den Häusern genommen wurde, als die Tore sich öffneten, da fand sie sich als eine einsame Waise unter Fremden; die Befreundeten und Verwandten tot, die Bekannten, soweit sie lebten, an fernen Orten. Hilflos, einsam wohnte sie im Hause der Eltern und hätte des Trostes mitleidiger Menschen doch so sehr bedurft.

Was hielt sie noch in dieser Stadt, die ihr fremd geworden, wo die gespenstig leeren Häuser und Straßen ständig an das Unglück gemahnten, das sie betroffen? -- Da stieg die Sehnsucht in ihr auf nach dem fernen Deutschland, nach der liebevollen Base und die Erinnerung an den Mann im selben Lande, dem ihr Herz noch in gleicher Liebe entgegenschlug wie einst. Und sie faßte den Plan, der Freundin zu schreiben, sie um Obdach zu bitten, und so kam dieser Plan zur Ausführung.

Nachdem das Gebirge die Oker aus der engen Haft entlassen hat, in der sie sich, vom Bruchberge herabhüpfend, zwischen steilen Bergen und jäh abstürzenden Felswänden dahinwand, lacht bei dem rauchigen Hüttenort Oker die Freiheit. Fröhlich eilt sie in die lockende Weite, und über dem Staunen ob der neuen, fremden Welt, entgleitet ihr alles, was sie tändelnd und spielend an sich hielt, glattrunde Kiesel und feinkörniger Kies. Denn die Wasserfrauen haben ihr ins Ohr geraunt, da draußen, unter den Menschen, müsse man sich ehrbar und gesittet benehmen, wolle man Achtung genießen.

So wird aus dem wilden Gebirgskinde ein ruhig dahinziehendes Wasser. Aber hat es die Wildheit abgetan, so ist ihm dafür die Eitelkeit in die Glieder gefahren. Kokett sich drehend und windend, als wolle es mit eigenen Augen die rückwegige Schönheit bewundern, durchmißt es das Stück von Börßum bis nordwärts Braunschweig. So geht der Weg dahin zwischen flachbordigen Talwangen, bis es weiter nordwärts in die Heide kommt und nun sich vollends den Erwachsenen zurechnet. Unter dem ernsten Heidevolke ist auch die Oker ein stilles, ernstes Gewässer geworden.

Doch bevor sie das beschauliche Dasein eines besinnlich und bedächtig seines Weges schreitenden Alten erreichte, hatte sie schon zu jener Zeit nützliche Arbeit unter den Augen der Menschen zu leisten. Vor der Festung Wolfenbüttel wurde sie in viele Arme zerteilt, die das Schloß der braunschweigischen Herzöge, wie die Festung selbst mit einem schützenden Wassergraben umzogen oder in der Stadt die Mühlen trieben.

Gleiche Dienste fielen ihr auch in der einige Wegstunden nordwärts gelegenen Stadt Braunschweig zu. Suchte sich der Herzog gegen Angriffe von seinesgleichen zu schützen, so trieb die Braunschweiger bei der Sicherung ihrer Stadt, je länger, desto ausgesprochener, der Wille und Wunsch, dem eigenen Landesherrn Trutz bieten zu können. Wenn der Welfe auf die Höhe des Lechelnholzes ritt, eine halbe Stunde nordwärts seines eigenen Schlosses, konnte er den Turm von St. Andreas in die Lüfte ragen und die Stümpfe des Domes Sankt Blasius, wie das Heer der anderen Kirchen sich erheben sehen. Dann wallte wohl in ihm der Groll auf über die ungehorsame Tochter, die sich ihm verschloß und seine Gesandten abschlägig beschied auf sein an den Rat gerichtetes Ansinnen oder sie gar mit höhnischer Antwort heimschickte.

Und dabei mußte er seinen Zorn in sich hineinwürgen, denn es gab kein Mittel, um die Widerspenstige zu zähmen oder zu überwinden, im Gegenteil, die Erfüllung dieses Wunsches rückte in immer größere Fernen, je mehr die Macht der Stadt stieg. Übel lohnte sie es den Nachfolgern Heinrichs des Löwen, der ihr die erste Befestigung gegeben und den prächtigen Dom errichtet hatte, so mochte der Nachfolger selbst urteilen.