Part 8
Monika kam. Meister Scheffer sah unbeobachtet durch ein Guckfenster, das auf der hofwärts gelegenen Werkstatt den Überblick über die Vorgänge auf der Hausdiele gestattete. Das Mädchen war nicht übel, sein Auftreten bescheiden, und ohne den Groll im Herzen und die Voreingenommenheit hätte er zuletzt wohl die eigenen Wünsche zurückgestellt; aber der Gedanke, was die in gleich strengen Anschauungen aufgewachsenen Nachbarn und Gildebrüder dazu sagen würden, verscheuchte die weiche Regung, und er verließ durch die Hoftür das Haus.
Das Wiedersehen zwischen Monika und Erdwin gestaltete sich erschütternd, obwohl die Schwester sie auf das Aussehen des Kranken vorbereitet und sie dringend gebeten hatte, jeden Gefühlsausbruch zu meiden. Als sie in das Zimmer trat und das bleiche Gesicht auf dem Lager sah, das sich von den bunten Kissen doppelt gespenstig abhob, sank sie mit einem Wehelaut am Lager des Geliebten nieder.
»Mein Erdwin, mein Einziger«, war alles, was sie unter verhaltenem Schluchzen hervorbringen konnte. Ein glückliches Lächeln huschte über das Gesicht des Kranken, und er reichte ihr die abgezehrte Hand, die sie mit Küssen bedeckte. Auch der Schwester rannen die Zähren über die Wange, und selbst die Mutter wischte sich mit einem Zipfel der Schürze die feucht gewordenen Augen. Sie sprachen nur wenig miteinander, aber die Blicke sagten den anderen, wie tief die Liebe im eigenen Herzen wurzele.
Die Mutter trieb zuletzt zum Aufbruch, aus Sorge, die Aufregung möchte dem Kranken schaden. Monika mußte versprechen, bald wiederzukommen.
»Gern,« sagte sie mit einem rührenden Lächeln, »wenn Deine Eltern es gestatten.«
Die Mutter war schon halb gewonnen und wiederholte auch ihrerseits die Einladung. Als der Vater heimkam, erzählte sie ihm von dem Wiedersehen und riet ihm dringend zur Nachgiebigkeit, aber noch blieb er halsstarrig und verstockt; es mußten noch andere Bundesgenossen kommen, um ihn gefügig zu machen.
Es waren einmal Heinrich Achtermann und Johannes Hardt, die des Fahrtgesellen nicht vergaßen.
Johannes fand Beschäftigung im Schreibzimmer des Oheims, der Pleban an der St.-Jakobskirche und +Notarius publicus+ war. Er hoffte, demnächst in die Kanzlei des Rates einzutreten. Die erfolgreichen Studien wie der wichtige Dienst, den er der Stadt geleistet hatte, waren eine Empfehlung, die ihm den Weg zu dem vom Vater gewünschten Ziele bahnten. Er vergaß über den eigenen Plänen und Hoffnungen den treuen Reisegefährten und Jugendfreund nicht. Wenn sich die Gelegenheit bot, sprach er bei Scheffers vor und verbrachte ein Stündchen am Bette des Verletzten. So war er über den Zwist wohl unterrichtet, und er, der Monika selbst und ihre uneigennützige, selbstlose Liebe werten konnte, half, wo er konnte, den Gegensatz auszugleichen.
Neben der Angst um die Wiederherstellung, dem Gram um die Verirrung, wie Meister Scheffer die Liebe des Sohnes zur Tochter der Immecke Rosenhagen immer noch nannte, war es auch die Sorge um seine Zukunft, wenn er gesundet sei. Daß Erdwin für das Handwerk nicht in Frage kam, stand zu befürchten. Aber was sollte werden? Sollte er wieder hinaus in das wilde Leben, zu dem ihm nunmehr auch die körperlichen Vorbedingungen fehlten?
Johannes suchte die Eltern über diesen Punkt zu beruhigen. Wozu seine Bescheidenheit in eigener Sache nie ausgereicht hätte, das tat er für den Freund gern und freimütig. Er war schon beim Rate vorstellig geworden, man möge für den Verletzten, wenn er wiederhergestellt sei, eine Verwendung im Dienste der Stadt vorsehen.
Heinrich Achtermann hatte schon am Tage nach dem Überfall bei den Scheffers vorgesprochen und mit herzlicher Teilnahme von der Schwere der Verletzung gehört. Sein Mitleid galt nicht nur dem unerschrockenen Helfer in der Not, sondern es rang hier ein Menschenkind mit dem Tode, das ihm als lieber Jugendgespiele und Genosse tausend lustiger Streiche besonders ans Herz gewachsen war. Der gutmütige und weichherzige Heinrich sah keinen Abstand zwischen dem Sohn des Schuhmachers und sich, dem Abkömmling eines alten Patriziergeschlechtes. Er war daher bedacht, dem Kranken alle Hilfe zu verschaffen, die der Reichtum der Eltern gestattete, und immer wieder wanderten Körbe mit stärkenden Mitteln in das Haus am Ägidienplatz. Als sich die ersten Anzeichen der Genesung einstellten, lag er dem Vater in den Ohren, dieser möge darauf bedacht sein, für die Zukunft Erdwin Scheffers zu sorgen.
Es hätte des lebhaften Mahnens gar nicht bedurft, denn auch der Ratsherr war dem Burschen wohlgewogen, der seinem Einzigen so mannhaft zur Seite gestanden hatte. So konnte es nicht fehlen, daß auch der hochmögende Rat diesem Ansturm von verschiedenen Seiten ein geneigtes Ohr lieh.
Der regierende Bürgermeister, Karsten Balder, der überzeugt war, daß man die Rettung des kostbaren Schriftstücks nicht zuletzt dem Mut und der Umsicht Erdwin Scheffers verdanke, sprach selbst im Hause des Meisters vor und teilte dem matt Aufhorchenden die Belobigung und günstige Gesinnung des Rates mit. Aber trotz allem kam man nicht weiter. Wohl hatte sich der Kranke inzwischen so weit erholt, daß er, auf den Stock gestützt, vorsichtig im Hause umherwandeln konnte. Indes das Rot der Gesundheit wollte noch immer nicht in die blassen Wangen zurückkehren, und der alte Lebensmut fehlte nicht minder.
Monika litt noch mehr unter der gedrückten Stimmung. Trotz aller liebevollen Zärtlichkeit der Schwester Erdwins, obwohl auch die Mutter allmählich den Widerstand schwinden ließ und sie freundlich begrüßte, wenn sie, was nur selten geschah, kam, trug sie dennoch schwer an dem Gefühl, daß sie im Hause des Geliebten nur geduldet sei.
Die eigene Mutter litt mit ihr unter diesem schiefen Verhältnis, und sie, die tatkräftige und entschlossene Frau, die durch einen langen und ehrbaren Lebenswandel inmitten des rauhen und lockeren Kriegslebens reichlich gesühnt hatte, was ihr etwa ihr eigenes Gewissen an jugendlichem Leichtsinn vorwerfen konnte, trug doppelt schwer an der Lage, die sie zur Rolle des untätig wartenden Zuschauers verurteilte. Sie sah, daß das Gesichtchen Monikas täglich schmaler und blasser wurde. Sie hörte nachts, wenn sie schlaflos auf ihrem Pfühle lag, die Seufzer des geliebten Kindes. Das hielt sie nicht länger aus.
Immecke Rosenhagen hatte das Fähnlein des erschlagenen Hauptmanns über den Rhein und weiter bis Goslar begleitet. Sie war des unruhvollen Kriegslebens mit seinen Bildern wilden Blutvergießens und roher Sitten müde. Sie wollte ihre Ruhe haben auf ihre alten Tage, vor allem aber sollte ihre Monika eine Heimat haben. Daß dies Goslar sein müsse, kam ihr zunächst nicht in den Sinn. Aber ausruhen wollte sie hier von der Mühsal des Marsches. Wohin sie alsdann ihren Stab setzen würde, war ihr selbst noch verschlossen. In die Heimat, nach Salzwedel, zog sie nichts Besonderes. Die Eltern waren längst tot, nähere Verwandte lebten ihr dort nicht. Und selbst wenn das der Fall gewesen wäre, hätte sie dieses nicht zur Rückkehr dorthin verlocken können. Denn was ihr die Tage in Goslar verleidete, würde sie dort in der Beschränktheit der kleinen Stadt, wo man ihre etwas abenteuerliche Jugendgeschichte kannte, doppelt treffen.
Immecke war entschlossen, Goslar zu verlassen, denn sie wollte nicht länger untätig zuschauen, daß ihr Herzblatt sich abhärmte und dahinschwand. Doch als sie Monika gegenüber eine Andeutung dieser Art fallen ließ, traf sie auf einen so entschlossenen Widerstand, wie sie ihn von der schüchternen Tochter nie erwartet hätte.
»Ich weiche keinen Schritt von hier, ehe Erdwin nicht gänzlich hergestellt ist, und trifft ihn das Schlimmste, so soll sein Grab von meinen Tränen genetzt werden.«
»Nun, dann weiß ich auch, was ich zu tun habe«, antwortete die Mutter ebenso entschlossen. »Ich gehe selbst zu dem verdrehten und in seinem Bürgerstolz überspannten Scheffer und halte ihm seine Sünden vor.« Monika erschrak und bat die Mutter, davon abzusehen, aber alle Einrede war vergeblich.
Die Rosenhagens wohnten bei einer Witwe in der Badeleber Straße; von dort machte sich Immecke an einem der nächsten Tage auf den Weg nach St. Ägidien. Sie wollte zunächst im guten mit dem Scheffer reden, war aber entschlossen, die Sache zu irgendeinem Ende zu bringen, und dann sollte, scheiterte ihr Versuch, sie kein längerer Einspruch Monikas vom Aufbruch von Goslar fernhalten.
Es öffnete ihr die Schwester Erdwins, die sie von einem Besuch in der Badeleber Straße her kannte. Die Mutter wurde gerufen und mit ihr bekannt gemacht. Dann gingen sie zu Erdwin hinein. Es war das erstemal, daß Immecke ihn seit dem Tage von Riechenberg wiedersah. Auch sie erschrak, als sie ihn erblickte, obschon das Schlimmste längst überstanden war.
»Armer Schelm, wie haben sie Dir mitgespielt, aber nun heißt es schnellstens gesund werden, ich will das Meinige dazu beitragen und mit dem Vater sprechen.«
Erdwin stimmte lebhaft zu, die Mutter widerriet ängstlich, doch Immecke war entschlossen: »Ruft ihn also.« Aber die Mutter warnte, Erdwin der Aufregung auszusetzen.
»Gut, so suchen wir den Löwen in seiner Höhle auf«, sagte sie resolut und ließ sich von der Frau den Weg zur Werkstatt zeigen, wo Meister Scheffer wütend auf das Leder losklopfte, als solle es für alle Widerwärtigkeiten büßen, die ihm widerfuhren.
Sie klopfte, und ehe noch der Meister »Herein« gerufen hatte, stand sie schon im Zimmer. »Guten Tag, Meister Scheffer.« Er tat sehr erstaunt, aber sie hatte mit ihrem scharfen Auge wohl das Gesicht gesehen, das sich vorhin bei ihrem Kommen an das Guckfenster preßte, und da die Frau einen Augenblick das Zimmer verlassen hatte, durfte sie annehmen, daß er den Besuch kenne.
»Wir kennen uns durch unsere Kinder,« ging sie auf die Sache los, »und ihretwegen komme ich.«
Meister Scheffer fühlte sich höchst unbehaglich unter dem scharfen, prüfenden Blick der Frau, die da so mir nichts, dir nichts bei ihm eindrang. Er hüstelte verlegen und suchte an ihr vorbeizublicken, als suche er nach einem Bundesgenossen. Aber Immecke Rosenhagen kannte ihre Leute und ließ ihn nicht aus den Augen.
»Meister Scheffer, ich bin zu Euch gekommen, um von Euch zu hören, was Ihr gegen mich und mein Kind habt. Daß ich sie Euch nicht aufdrängen will, brauche ich nicht zu sagen. Indes, ich will nicht länger zusehen, wie zwei Menschenkinder, die mir beide lieb sind, an Eurem Starrsinn zugrunde gehen. So oder so will ich Klarheit schaffen.«
»Ihr kommt einem arg grob«, meinte er ausweichend. »Was ich für Gründe habe? Nun, es wären ihrer mehrere. Wir kennen uns zu wenig, und Ihr seid nicht von hier.«
»Ist das alles, so ist das kein Grund, Eure Zustimmung zu versagen. Oder ist es bei Euch verboten, durch frisches Blut von draußen Eure Stockfischigkeit zu bessern? Mir scheint das sogar sehr vonnöten, wie Ihr selbst beweist«, fuhr sie in ihrer derben Offenheit fort.
»Nun ja, das mag sein, aber es wäre da noch so manches ...«
»Und unter dem ›Manchen‹ ist eines für Euch die Hauptsache, gesteht es nur ruhig zu. Wer nicht seßhaft, gilt in Euren Augen als fahrendes Volk, und ich im besonderen bin Euch wohl gar verdächtig wegen der Herkunft meines Kindes. Seid unbesorgt, sie ist im Ehebett geboren so gut wie Eure eigenen. Und hegt Ihr Zweifel, so lest hier den Trauschein des ehrenwerten Feldkaplans Carolus Wintinger.«
»Ja, ich sehe schon, da ist alles in Ordnung«, ächzte Meister Scheffer. »Aber da wäre doch noch, ich meine, es gilt doch auch die eigene Reputation; da sind zum Exempel die Nachbarn, was sollten sie, was werden sie ...« Schneidend lachend fiel ihm Immecke ins Wort, indes die Stirn sich vor Zorn rötete.
»Da wäre doch noch, da ist zum Exempel,« höhnte sie, »da ist das Marketenderweib, das sich erdreistet, vor Euch zu treten und den vermessenen Gedanken zu haben, als wäre sie, als könnte sie ... Pfui Teufel der Wohlanständigkeit, die ihr Genüge darin findet, braven Leuten die Ehre zu kürzen. Aber nun beruhigt Euch, jetzt will ich nicht. Macht's mit Euch und Eurem Gott ab, wenn Euer Sohn darüber zugrunde geht. Doch über eines will ich Euch noch beruhigen. Ihr hättet Eurer Ehre nichts vergeben mit meiner Monika. Mir haben mehr vornehme Herren die Hand gedrückt und dankbar geküßt, als Euch vielleicht zu Gesicht gekommen sind.
Was wißt Ihr hier in Eurem satten Behagen von dem Leben und Nöten draußen, den Nöten Eurer eigenen Kinder, die hinauslaufen, weil Ihr ihnen die Enge hier zu unerträglich macht.
Euer eigener Sohn rannte so davon vor Euch, Meister Pechdraht, weil Ihr bange waret, sein Horizont möchte den eigenen überschreiten, könnte über die Sicht Eurer Türme hinausreichen. So lief er davon wie so mancher gute, deutsche, ehrliche Knabe, der in die Fremde ging, um auf welschem Schlachtfelde für welsche Fürsten sein Herzblut zu verspritzen.
Ich habe sie gelehrt, daß es ein Vaterland gibt, ein Deutschland, dem unsere Kraft gehören müsse, ich habe ihnen diese Sehnsucht in das Herz gepflanzt. Ich habe sie in die Arme genommen, wenn das Heimweh sie packte und schüttelte, ich habe ihre Wunden verbunden, die welsche Waffen ihnen geschlagen; ich habe ihnen die Augen zugedrückt und sie in welscher Erde betten helfen wie die Mutter ihr Kind, ich, die Deutsche den Deutschen. Das ist die Marketenderin Immecke Rosenhagen vom Regiment Holzendorf. Und nun lebt wohl, unsere Wege scheiden sich.«
Sie war draußen, ehe sich der gute Meister Scheffer von seiner Bestürzung und Beschämung erholt hatte. Die Haustür flog zu, daß die Glocke ängstlich wimmerte. Grimmig lächelnd schritt Immecke dahin, der Badeleber Straße zu. Nun war es zu Ende, und nun hieß es, einen Strich unter die letzte Vergangenheit machen, für sich und für Monika.
Als die Tochter sie ins Zimmer treten sah, wußte sie schon, wie der Besuch verlaufen war. Sie brauchte gar nicht zu fragen, die Mutter begann sogleich zu erzählen. Und sie schloß mit der barschen Aufforderung: »So, nun ist's Schluß. Ich habe das Meinige getan. Nun hat das Herz zu schweigen, und die Vernunft tritt an seine Stelle.«
Monika war so verschüchtert, daß sie vorab keine Silbe zu antworten wagte. Aber in der Nacht brach der Kummer sich Bahn, erst in einem stillen Schluchzen, daß die Schultern erbebten, und dann, als die Mutter sie ansprach, in lautem Weinen, so daß Immecke ihr doch ein gutes, tröstendes Wort sagen mußte. Auch am anderen Tage stand indes ihr Entschluß noch fest, Goslar zu verlassen. Denn: ein rascher, fester Schnitt ist besser als ein langsames Sich-dahin-quälen, dachte sie. Einen Augenblick kam ihr auch wohl der Gedanke, das alte Handwerk wiederaufzunehmen; aber davon ging sie bald wieder ab, wenn sie Monikas sich erinnerte. Da wurde sie in ihrem Vorhaben schwankend gemacht durch Heinrich Achtermann, der bei Scheffers von Immeckes Besuch und ihrem Mißerfolg gehört hatte. Er ging zu den Frauen und machte ihnen einen Vorschlag, der sie in Goslar festhalten sollte.
»Ich habe gehört, daß der >Goldene Adler< an der Gudemannstraße zum Verkauf stehe. Es ist eine gutgehende, achtbare Herberge, die ihren Mann ernährt. Wie ich Euch kenne, wäret Ihr wohl imstande, ihr vorzustehen. Ihr könnt Euch ja einen Schaffner halten. Wie Ihr es mit der Anzahlung halten wollt, weiß ich nicht, aber vielleicht ist da auch manches zu machen durch Bürgschaft, die Euch von meinem Vater nicht fehlen würde.«
»Da seid ohne Sorge,« entgegnete Immecke, »ich bin nicht mittellos. Ich habe einen guten Spargroschen, ehrlich verdientes Geld, das anzunehmen sich kein Goslarer Bürger zu bedenken braucht. Auf jeden Fall danke ich Euch für Euren guten Willen. Ich will mir's überlegen und Euch Nachricht geben.«
* * * * *
Die Einbürgerung ortsfremder Personen, für welche die neue Zeit aus parteipolitischen Gründen heraus alle Schwierigkeiten zu beseitigen bestrebt ist, konnte früher nur schwer erreicht werden, und Immecke Rosenhagen hätte mit ihnen nicht weniger, ja, vielleicht sogar noch mehr zu kämpfen gehabt, als sie sich entschloß, den Vorschlag Johannes Hardts anzunehmen.
Wer das Bürgerrecht einer Stadt wie Goslar erhielt, gewann damit einen Kranz von Rechten auch wirtschaftlicher Natur, die eine Auslese der Zuwandernden als sehr berechtigt erscheinen lassen mußte, abgesehen davon, daß man in jener unruhigen Zeit, die schon in der Masse der eigenen Bürger Keime gärender Ungeduld und Mißstimmung auf vielen Gebieten barg, sich hütete, noch fremde Schößlinge, deren Wesen nicht genug zu erkennen war, in den eigenen Garten zu pflanzen. Der Nachweis dieser »Würdigkeit« ist ein Erfordernis, das sich bis in unsere Tage in der Stadt Goslar erhalten hat und beispielsweise heute noch von neu anzustellenden Beamten verlangt wird.
Diese »Würdigkeit« hatte also auch Immecke Rosenhagen zu erbringen, und sie konnte das in einer Weise, die sich für sie zu einer glänzenden Genugtuung gestalten sollte. Als sie zum Rathaus beordert wurde, mußte sie sich dort zunächst einem Verhör in der Kanzlei unterziehen, das durchaus nicht nach ihrem Geschmack war. Der Schreiber behandelte sie mit einer ausgesprochenen Nichtachtung, und als sie dann selbst auf sich aufmerksam machte, versuchte man sie in ein förmliches Kreuzverhör zu nehmen. Aber da kannten sie Immecke Rosenhagen!
»Euch Schreibersleute scheint die Neugier arg zu plagen, aber befriedigt sie an einem anderen Objekt als bei mir. Ich habe Besseres zu tun, als müßige Leute zu unterhalten. Ich will zum Bürgermeister Karsten Balder, und wenn Ihr den Weg nicht wißt, suche ich ihn mir selber.«
Das war eine im Rathause geradezu unerhörte Art des Auftretens, noch dazu von einem Frauenzimmer. Aber sie hatte durchschlagende Wirkung; man wies sie zum Regierenden. Dort brachte sie unwillig sogleich ihre Ansicht über diese Art von Behandlung vor, so daß auch Karsten Balder sie erstaunt anblickte.
»Ich soll also meine ›Würdigkeit‹ nachweisen,« hub sie dann an, »ich denke, das soll heißen, ob ich nicht gestohlen oder betrogen oder sonst eine Missetat auf dem Gewissen habe. Dieses hier wird Euch hoffentlich darüber beruhigen.«
Damit überreichte sie ihm zwei Schreiben, eines von dem Feldobristen von Walsrode im Regiment Holzendorf und das andere von dem Generallieutenant und Befehlshaber der gesamten deutschen Knechte in burgundischen Diensten, Herrn Friedrich von Uslar.
Beide bestätigten, daß Immecke Rosenhagen, Marketenderin im Regiment Holzendorf, nicht nur ein braves, ehrliches und tapferes Frauenzimmer sei, sondern sich auch besondere Verdienste um das Wohl und Wehe der deutschen Knechte erworben und ihnen allzeit hilfreich zur Seite gestanden habe. Sie verdiene höchste Achtung, und ihr Lebenswandel sei ein untadeliger.
Karsten Balder durchlas die Schreiben, dann trat er auf Immecke zu und reichte ihr die Hand:
»Immecke Rosenhagen, was die Herren hier von Euch schreiben, ehrt Euch mehr, als viele Eures Geschlechtes von sich sagen können. Ihr seid herzlich willkommen in Goslar. Ich wollte, wir hätten mehrere Eurer Art in unseren Mauern. Mit diesem Handschlag begrüße ich Euch als Bürgerin von Goslar. Nehmt es zugleich als einen Ausgleich für die kleine Unbill von vorhin, für die Ihr ja aber selbst gleich Buße auferlegt habt«, schloß er lächelnd.
Freimütig blickte ihm Immecke in die Augen. »Ich danke Euch, Herr Bürgermeister Karsten Balder, und ich hoffe, Ihr werdet Euer Wohlwollen nicht zu bereuen haben.«
So wurde die Marketenderin Immecke Rosenhagen Bürgerin der Freien Reichsstadt Goslar und Besitzerin des ›Goldenen Adlers‹ in der Gudemannstraße. Und es erweist sich noch, daß sie dem Bürgermeister Karsten Balder nicht zuviel versprach.
Über die Berge des Harzes hielt der Winter noch seine eisenharte Faust ausgestreckt, obwohl der Februar zu Ende war. Wohl brausten hin und wieder die Stürme des herannahenden Frühlings durch den düsteren Tann und nahmen den ragenden Waldbäumen die ungeduldig getragene Schneelast ab, aber der nächste Tag verdarb, was sein Vorgänger gutzumachen versuchte, und die gleichmäßige, weiße Kappe deckte wieder Wipfel und Strauch. Im Dickicht lagerte das abgemagerte Wild, dem der Weg zu den kärglichen Äsungsplätzen durch die hartgefrorene Eiskruste versperrt war. Und manch edler Geweihte lag mitsamt den Gefährtinnen im Wundbett, weil der nagende Hunger sie auf die Nahrungssuche getrieben und die Läufe beim Durchschreiten der Schneekruste von dieser aufgerissen waren.
Das Raubzeug fand an ihnen willkommene Beute. Und dennoch war auch bei diesen Schmalhans Küchenmeister. Nicht einmal ein Mäuslein lief dem leise durch den Wald schliefenden Fuchs in den Weg. Das Eichkätzchen saß ihm unerreichbar im warmen Kobel, und der Häslein gab es auch in guten Zeiten nur wenige im wilden, rauhen Gebirge.
Meister Reinekes größerer Bruder, der Wolf, stieg in die Ebene herab und fiel an, was ihm in den Weg kam. Bis in die Landwehr drangen sie vor, und, was seit Menschengedenken nicht vorgekommen, einmal verirrte sich sogar einer von diesen frechen Gesellen durch ein Mauerpförtchen, das über Mittag ein Viertelstündchen offen gestanden hatte, in die Stadt. Dort fielen die Hunde ihn wütend an, und er büßte sein Leben unter ihren Bissen ein trotz wilder Gegenwehr. Er war ein lebendiges Zeichen dafür, wie groß auch die Not unter dem Getier des Waldes sein mußte.
Mit Sorgen sah der Jäger den Folgen dieses unbarmherzigen Winters entgegen. Mit Sorgen blickte aber auch der Hausherr auf den ständig sich mindernden Vorrat an Spaltholz, das der nimmersatte Kamin mit gefräßiger Eile verlangte, wollte man nicht zähneklappernd im eigenen Hause sich der Kälte überliefern. Schlimm für die Armen, die ansonst auch im Winter ihren Bedarf an Leseholz sich im Walde sammeln konnten. Schlimm für alle, welche ihr Beruf aus der Stadt heraustrieb, wie die Erz- und Hüttenleute, welche im Granetal und anderen waldreichen Flußtälern die Erzroste bedienten. Es gab keine Möglichkeit, in den tiefverschneiten Forsten das nötige Holz zu fällen und zur Talsohle zu schaffen. Sie alle froren unfreiwillig schon seit Monaten, und der Hunger bleckte grimmig durch die kleinen Fensterscheiben ihrer Hütten.
Am Rammelsberge wurde der Grubenbetrieb notdürftig aufrechterhalten, denn seitdem das Pulver aufgekommen war, kam man immer mehr von dem uralten Brauch ab, das Erzgestein, welches abgebaut werden sollte, durch Feuer zu rösten und mürbe zu machen für den Angriff mit Spitzhaue und Brechstange. Aber das gewonnene Erz konnte nicht verhüttet werden und lag als lohnzehrendes, totes Material in Halden vor dem Berge.
Nur ein Teil der Menschen, die unter dem harten Joche des Winters litten, gewann ihm Freuden ab und wünschte, daß er noch länger sein Regiment ausübe: die Kleinen. Wenn sie der strengen Zucht des Magisters oder Schulmeisters entschlüpft waren, wenn sie der Aufsicht und den Mahnungen der Mutter auf einen Augenblick entwischen konnten, ertönte ihr Geschrei und Jubel auf der Straße. Wo immer ein Hang sich senkte, wo eine gefrorene Pfütze blinkte, da sausten sie auf den flachkufigen Bretterschlitten, auf umgekehrten Schemeln herab oder glitten auf des Schusters Rappen über die blanke Fläche in endlosem Kreislauf, einer den anderen anfeuernd und überschreiend. Mochte ein strenger und wohlweiser Rat, dessen Verbote sonst immer Beachtung fanden, noch so oft Erlasse gegen das Schlittern und Schlittenfahren in den Straßen geben, die Stadtweibel ihnen nachspüren, die Rangen lachten ihrer aus sicherer Entfernung und verschwanden nur um die Ecke, um an anderer Stelle das gesetzwidrige Spiel wiederaufzunehmen.
In den Häusern der Bürger war man des hartnäckigen Gesellen gleichfalls überdrüssig, nicht nur, weil der Holzvorrat zu Ende ging und die Erwerbsquellen vor den Toren für manche versiegt waren, auch die Jugend sehnte sein Ende herbei. Der Winter brachte zwar für das gesellige Leben in der reichen Stadt manche Gelegenheit, einander zu sehen und zu sprechen, neben dem Verkehr in den Familien, aber nachdem die Hauptfeier, das Festmahl des neugewählten Bürgermeisters, der mit dem andern im Amte verbleibenden für das nächste Jahr regieren sollte, begangen war, hatte der Winter für die Jugend, die flügge gewordene, seine Reize verloren, und sie harrte ungeduldig ~ihres~ Festes, des ›Langen Tanzes‹.
Er ging in seinen Anfängen bis in den Anfang des vierzehnten Jahrhunderts zurück und wurde um die Fastnacht gefeiert.
In gewöhnlichen Jahren war er der Vorbote des Lenzes, auch in Goslar. Heuer freilich sah es trübe aus, da der alte Griesgram Winter immer noch sein hartes Zepter schwang.
So gab er dieses Jahr auch nur ein klägliches Abbild der sonst dabei herrschenden Lust und Freude, denn die Kälte war just an dem Tage, auf den er fiel, grimmig. Die Jünglinge mochten ihr noch standhalten in warmgefütterten Wämsen, die Mägdelein aber scheuten die Teilnahme; denn welches Jungfräulein besitzt so viel Aufopferungsfreudigkeit, ein blaugefrorenes Näslein der Spottlust der männlichen Jugend auszusetzen. Gegen die Kälte konnte man sich auch schützen durch ein wärmendes Kolett, das, um die Schultern gelegt, den zarten Hals und die Brust schützte. Aber sollte man so das Geschmeide verdecken, das bestimmt war, die Schönheit der Trägerin zu heben. Und die duftigen Gewänder, die man sonst unter dem warmen Hauch der Frühlingssonne schon anzulegen wagen durfte, sie schieden für dieses Mal gänzlich aus.