Chapter 4 of 18 · 3977 words · ~20 min read

Part 4

Dann kam der Abschied von Ernesti. Wie hatte sich das Verhältnis zu dem fremden Manne seit der Abreise von Straßburg geändert! -- Der ernste, zurückhaltende Mann war ihnen nahegerückt, als sei es ein lieber Verwandter. In schier väterlicher Weise hatte er die Jünglinge an die Hand genommen und in die Tiefen des politischen Lebens blicken lassen, die ihnen ohne diese Hilfe gewiß erst viel später und mit schmerzlichen Erfahrungen sich erschlossen hätten. Sie bereuten es nicht, den Umweg über den Gotthardt gemacht zu haben. Der Händedruck, der den Abschied besiegelte, trennte Freunde. Sorglich vermittelte Ernesti noch die Bekanntschaft mit dem Führer der flandrischen Händler, mit denen Heinrich und Johannes in die Heimat reisen sollten.

»+Bella gerant alii; tu, felix Austria, nube!+« Kriege laß die andern führen; du, glückliches Österreich, freie!

Ein gewaltiges Gebäude war durch die Heiratspolitik der Habsburger im 15. Jahrhundert aufgeführt worden, das noch ungeheuerlicher wurde durch die Entdeckung Amerikas. Die Krone von fünfzehn Ländern ließ der alternde Kaiser Maximilian, der ›Letzte Ritter‹, für die Häupter seiner Enkel Karl und Ferdinand zurück. Doch in diesem Hause wohnte nicht Glück und Eintracht beieinander, sondern Unfriede und Haß wucherten überall wie üppige Giftblumen. Die Kirche war auf dem besten Wege, den Rest ihres Ansehens zu verlieren. Sie trug selbst die Schuld daran, aber es kam damit einer der Grundpfeiler aller bestehenden Ordnung ins Wanken. Daß durch diese Ordnung der Dinge sich alles in eine völlige Unordnung verkehrt hatte, war nur zu einem kleinen Teile der Kirche als Schuld beizumessen. Ein Teil der Deutschen fühlte sich bei diesem Zustande durchaus wohl, die Masse aber war in Elend versunken und suchte sich, dem Ertrinkenden gleich, durch gewaltsame Anstrengungen das Leben zu erhalten.

Im Gegensatz zu Westeuropa war in Deutschland eine Vielzahl von kleinen Machtzentren entstanden. Der Fürstentümer, Grafschaften und Herrschaften war Legion, nicht zu rechnen die Freien Reichsstädte, die hinter ihren trutzigen Mauern und festen Toren ungestört ihrem Handel und Wandel nachgingen, Reichtum und Macht aufhäuften und sich um Kaiser und Reich, um Fürsten und Große nur kümmerten, wenn es ihre Belange forderten. Alle diese waren sich, die Großen wie die Kleinen, in einem gleich: in dem Bestreben nämlich, die eigene Machtfülle zu mehren, um die eigene Person mit Schimmer und Glanz zu umgeben.

In den Städten lag die Herrschaft mit der Sicherheit des Erbes in der Hand weniger Familien. Der Handwerker, in zielstrebigen Gilden vereinigt, hatte Zeit gehabt, Kisten und Kasten zu füllen. Nun waren sie auf dem Wege, auch die Ratssessel einzunehmen, getrieben von eigenem Ehrgeiz und vielleicht auch auf das Drängen des Ehegesponses und der Töchter, die so der strengen Kleiderordnung entgehen zu können hofften und demnächst ein Fältel mehr am Gewande, eine Pelzverbrämung mehr am winterdichten Mantel dem Neide der Nachbarinnen preisgeben durften.

Neben ihnen und unter ihnen, in den lichtlosen Hinterhäusern, in den dumpfigen Hütten, die an die Stadtmauer sich schmiegten, wie die Küchlein an die Henne, das städtische Proletariat, das von den Brosamen seiner glücklichen Mitbürger lebte und die staunende, bewundernde Masse abgeben durfte bei dem Gepränge des Rates, bei den Schauzügen der Gilden. In ihr gor und glomm es, und es bedurfte nur des Funkens, um die Flammen des Aufruhrs emporlodern zu lassen. Auf dem Lande aber, unter der Botmäßigkeit des Herrn, ob Graf oder schlichter Edelmann, seufzte der hörige Bauer in unerträglicher Frone, der geringsten persönlichen Freiheit beraubt für sich, für Frau, Tochter und Sohn. War der Herr vernünftig und zugänglich, so ließ er seinen Leibeigenen wenigstens so viel vom sauer Erworbenen, daß die Arbeitslust und Körperkraft nicht zu schnell sich abnutzte. Viele aber, sehr viele der Gebieter sahen in ihren Bauern und deren Angehörigen nur das Material, um ein bequemes Leben zu führen und der Wollust nach ihrem Belieben bei ihren Töchtern die Zügel schießen zu lassen. Und allen endlich lieferte er mit seinem Leibe das Rüstzeug, wenn es galt, Fehde und Streitigkeiten mit anderen im Kampfe Mann gegen Mann auszutragen.

Der Druck war unerträglich, und der Gegendruck aus der Masse der Unterdrückten machte sich immer mehr wahrnehmbar; es gor und brodelte unter ihnen und schuf sich Luft nach oben in schrecklichen Taten der Verzweiflung, die wie die Blasen aus dem trüben Schlamm des Morastes aufstiegen und doch zuletzt wirkungslos zerplatzten. Der ›Arme Konrad‹, der ›Bundschuh‹ sind die Namensprägungen, unter denen sich die Bauern zusammenschlossen. Ihr verworrener Zorn griff die verrottete Kirche an, er stürmte an gegen die Gewalthaber jeglicher Art, er traf die Städter, wo er sie treffen konnte. Die Organisation der Bauern war eine wirre, unklare. Neben der großen Masse zogen sie in zahllosen Einzelhaufen durch das Land. Sie fanden sich zusammen, wie der Wolf sich zum Wolf gesellt, um gemeinsam auf Beute auszuziehen. Wen sie trafen, den schlugen sie nieder und bemächtigten sich seines Besitzes, und wer es konnte, der schlug sie tot wie tolle Hunde. Die Sicherheit im Lande, auf den Straßen war wieder einmal im deutschen Lande geringer denn je, und sie wurde noch verringert durch die adligen Schnapphähne, die bei der Aufteilung der Machtbelange unter ihre mächtigeren und einflußreicheren Standesgenossen übergangen waren. Sie lebten von der Hand in den Mund und hungerten und lungerten auf ihren zerfallenen Raubnestern, bis der Turmwärtel oder Spione das Herannahen einer Beute meldeten. Dann stiegen sie hinab, lauerten den Ankommenden auf, suchten die Beute zu erhaschen, schlugen, erschlugen oder wurden erschlagen.

Das größte Risiko bei dieser Art adliger oder bäuerlicher Wegeaufsicht trugen die Städter, wenn sie ihre festen Mauern verließen, um mit gefüllter Geldkatze im Osten oder Süden, im Norden oder Westen einzukaufen, oder wenn sie mit den erworbenen Warenballen oder Gewürzsäcken heimkehrten. Wer nicht reisen mußte, hockte daheim hinter dem Ofen; wen aber die Notwendigkeit veranlaßte, den Schutz der Stadtmauer aufzugeben, der sah sich nach genügendem Schutz um, damit er der Gefahr begegnen könne.

* * * * *

Auf dem Deutzer Ufer des Rheins lagerte und lungerte an einem der letzten Oktobertage des Jahres 1515 ein bunter Haufen kriegerischer Gestalten. Sie lagen und standen umher, wie es ihnen einfiel. Alle blickten nach dem gegenüberliegenden Köln, da, wo das Frankentor gegen den Strom zu den Austritt aus der Stadt freigab. Es waren deutsche Knechte, die in Frankreich abgelohnt wurden, nachdem der Herzog von Burgund mit dem jungen König Ludwig +XII.+ einen Vergleich geschlossen hatte. Der Obrist konnte den rückständigen Sold nicht zahlen, dieweil der Burgunder die Zahlung weigerte, nun er die fremden Söldner nicht mehr gebrauchte. Die Truppe meuterte, der Hauptmann, der zu vermitteln suchte, wurde erschlagen. Dann waren sie gegen Osten zu gezogen, marodierend und schatzend, wo sie es konnten und wo sie es wagen durften. In den Städten ließ man sie nicht ein; es waren zu wilde Gäste, denen die eigenen Stadtsoldaten nicht gewachsen gewesen wären. Auch das erzbischöfliche Köln hielt ihnen die Tore verschlossen. Sie wurden unter geeigneter Bedeckung um die Stadt geleitet an den Rhein. Dort überließ man sie sich, nachdem man unter gegenseitigem Grüßen, wie »Pfaffenknecht« oder »Meuterer«, voneinander Abschied genommen hatte. Von den Bastionen spähten die Stadtsoldaten mit brennender Lunte zu ihnen herab, um einen Annäherungsversuch unfreundlich zurückzuweisen. Der Fährmann mit seinen Knechten war seitens der Stadt gedungen, sie unentgeltlich an das andere Ufer überzusetzen; so hoffte man, bald den großen Strom zwischen der Stadt und den wilden Gesellen als schützenden Wall zu haben.

Vielleicht aber hätten die fremden Gäste sich doch nicht so mit der Überfahrt beeilt, wenn ihnen nicht ein besonderes Angebot die Sache annehmbar gemacht hätte.

In Köln weilten zur Zeit die flandrischen und wallonischen Kaufherren aus Gent, Antwerpen, Brügge, Dinant, und wo immer sonst das Kupfer des alten Rammelsberges Verwendung finden mochte. Sie kamen mit gespickten Geldkatzen und kostbaren Warenballen, um im Tausch für sie das wertvolle Metall einzuhandeln oder die Erzeugnisse ihres eigenen Gewerbfleißes zuvor in den Städten Westfalens und des Niedersächsischen Kreises in Geld umzusetzen und dann mit dem Verdienten in Goslar das Gewünschte zu erwerben. Ihre Gesichter wurden besorgter, je mehr sie sich den Grenzen Deutschlands näherten; denn was sie über die Zustände im Reiche hörten, mußte sie mit den größten Bedenken hinsichtlich ihrer Person wie ihres Eigentums erfüllen. Sie zogen zwar unter dem reisigen Geleit einer Anzahl Gewappneter dahin, aber diese boten allenfalls Schutz gegen die landesübliche Unsicherheit einzelner Trupps von Wegelagerern und adligen Strauchdieben. Im Kampfe mit großen Haufen verzweifelter und verwilderter Bauern mußten sie erdrückt werden.

Da kam einer der Wagenknechte, der, vor der Stadt sich ergehend, den seltsamen Zug der Landsknechte gesehen und von ihrem Wegziel gehört hatte, auf den guten Gedanken, dem Herrn diese wagemutigen Gesellen als Geleit für den Weg vorzuschlagen. Sein Vorschlag fand Anklang, wenn auch mancher der Kaufleute abriet, sich der wilden Soldateska anzuvertrauen. Ein Versuch sollte wenigstens gemacht werden. So wurde ein Unterhändler zu ihnen geschickt. Was er berichtete, klang vertrauenerweckender, als man erwartet und gehofft hatte. Die meisten Leute wollten nach Niedersachsen, woher sie stammten. Sie waren des Kriegslebens müde und sehnten sich nach Ruhe, wenigstens zur Zeit. Die Bewaffnung sei gut, der Webel, der die Führung habe, besitze Gewalt über die Leute, und die Soldaten selbst machten keinen allzu schlechten Eindruck. Gegen ein gutes Handgeld und entsprechende Ablohnung nach Erfüllung des Auftrages seien sie bereit, den Schutz des Zuges zu übernehmen, mit der Einschränkung allerdings, daß es dem einzelnen freistehe, abzuschwenken, wenn die Heimat erreicht sei. Da indes die meisten, wie erwähnt, aus den braunschweigischen Ländern und noch darüber hinaus waren, so blieb bis in die Nähe von Goslar ein wirkungsvolles Geleit gesichert. Das Handgeld war ausgezahlt, und die Knechte warteten ihrer Schützlinge.

Unter ihnen waren auch einige Blessierte und Schwerverletzte. Im Hintergrunde hielt der Wagen der Marketenderin, eines kräftigen Frauenzimmers. Immecke Rosenhagen hieß sie und stammte aus Salzwedel. Den Eltern war sie vor nunmehr manchem Jahre davongelaufen mit einem Gesellen des Vaters, der aus dem Stolz des eingeborenen Gildemeisters heraus sich dagegen sträubte, die einzige Tochter einem zugereisten Fremden zur Frau zu geben. Der Geliebte griff zur Hellebarde, sie bestieg das Wägelchen, in welchem sie allerlei Trink- und Eßbares für das Fähnlein mitführte. Übrigens hatte die beiden ein schnellbereiter Feldkaplan in christlicher Ehe zu Mann und Frau gemacht. Des Mägdeleins, das ihrer Liebe entsprossen, konnte sich der Vater nicht allzulange erfreuen; eine Stückkugel zerriß ihm vor den Wällen von Maastricht die Brust.

Immecke und ihr Töchterlein Monika blieben dem Regiment treu und zogen mit ihm von einem Kriegsschauplatz zum andern. Wo immer die Kartaunen rasaunten und die Hakenbüchsen krachten, hielt ihr Wägelchen in der Nähe. Manchen Verwundeten hatte sie gepflegt, manchem Sterbenden die brechenden Augen zugedrückt. Und es war rührend, wie das rauhe Soldatenvolk diese Treue vergalt. Wehe dem, der sich gegen Immecke oder ihre Monika vergangen hätte. Die Mutter hatte zwar selbst einen allzeit schlagfertigen Mund, um sich etwaiger Ungebührlichkeiten zu erwehren; aber dazu wurde ihr kaum Gelegenheit gegeben; sie war Respektsperson im ganzen Regiment und besonders des Fähnleins des Hauptmanns Hennecke, unter dem ihr seliger Mann gedient hatte und dem sie sich infolgedessen auch zugeschrieben erachtete. Selbst der Spitz, der unter dem Wagen daherlief, war in diesen Schutz eingeschlossen.

Immecke Rosenhagen gab mehr als einmal die Schlichterin bei bösen Händeln ab, wie sie Würfelspiel, Trunkenheit oder die Dirnen des Trosses wohl hervorriefen. Hätte sich eins dieser losen Weiber einmal unehrbietig gegen Immecke oder ihr Töchterlein benommen, es wäre ihm teuer zu stehen gekommen. Die Meuterei, bei welcher der wackere Hauptmann Hennecke das Leben eingebüßt hatte, verzieh sie ihren Kindern, wie sie ihre Soldaten zu nennen pflegte, lange nicht. Zwar war der tödliche Streich nicht von einem Angehörigen des eigenen Fähnleins geführt worden. Indes die Leute auch des Hauptmanns Hennecke hatten sich an dem Aufruhr beteiligt. Sie selbst war zur Zeit der Tat auf Einkauf fortgewesen und hörte erst bei der Rückkehr von dem Tumult. Die Tat war geschehen, und den guten Hennecke rief niemand mehr ins Leben zurück. Aber den Knechten seines Fähnleins wurde von Immecke eine Predigt darob gehalten, die sie lange nicht vergaßen.

»Ihr wollt ehrliche, deutsche Knechte sein? Eidbrüchige Schufte seid Ihr, die mit Mordbuben gemeinsame Sache machen, wenn sie die paar ihnen zustehenden Gulden nicht sogleich erhalten. Kann der Herr Obrist dafür, wenn ihm der welsche Fürst das gegebene Versprechen nicht hält? Hat der Hauptmann nicht allezeit wie ein rechter Vater für Euch gesorgt? Nun liegt er erschlagen vor Euch, und daheim warten Frau und Kind vergeblich auf die Wiederkehr. Pfui über Euch!«

Die Knechte krauten sich verlegen hinter dem Ohr und schlichen beschämt zur Seite. Seit dem Tage hatte Immecke sie noch fester in der Hand. Sie war die eigentliche Führerin auf dem Marsche in die Heimat, wenn auch der Weibel die äußere Leitung beibehielt. Alle waren kriegsmüde, die Soldaten wie die Marketenderin. Wo sie ihr Haupt niederlegen würde, wußte Immecke noch nicht. Aber sie wollte ihrer Monika eine Heimat geben.

Vor dem Wagen, auf dem sie hantierte, standen einige Knechte und leerten den Becher mit Branntwein, der ihnen die Morgensuppe ersetzen mußte.

»Nun geht's zur Mutter, Immecke«, rief ihr Klaus Bolte zu, der in Osterode am Harz zu Hause war.

»Na, die wird sich recht freuen, wenn Du mit Deiner zerhackten Visage vor ihr auftauchst. Sieh nur zu, daß wenigstens die Nase wieder etwas ins Gerade gerückt wird, sonst läuft selbst der Kater mit Grauen davon.«

»Schadet nichts, Mutter Immecke«, erwiderte Klaus ungerührt. »Freuen wird sie sich doch, denn zuletzt ist doch noch manches an dem Kerl geblieben, was sich sehen lassen kann. Wird für den verlorenen Sohn kein Kalb geschlachtet, so doch hoffentlich ein tüchtiges Stück Schinken aus dem Rauchfange geholt. Und der Vater soll's nicht zu arg machen. Dem Stöcklein sind wir mit der Zeit entwachsen; könnte uns ansonst gleich wieder die Klinke in die Hand drücken. Neugierig bin ich nur, wie wohl das Schwesterchen ausschaut, das ich vor Jahren als ein kleines Hutzelchen verließ. Muß etwa so alt sein wie Eure Monika. Ob sie freilich auch so schier und blank dareinschaut wie diese, weiß ich nicht.«

Da lief ein Schmunzeln über Immeckes Gesicht, und sie reichte Klaus Bolte einen Becher Branntwein. »Da, nimm's und trink's auf ihr Wohl, so verkühlst Du Dir den Magen nicht in diesem Schandwetter. Ansonst die Mutter Dich mit Kamillentee zurechtpäppeln muß, statt des Schlegels vom geschlachteten Kalbe.« Klaus lachte über das ganze Gesicht und setzte den Becher an die ewig durstigen Lippen.

Währenddessen war die Tochter, von der die Rede war, um einen Schwerblessierten beschäftigt, der mit noch zwei anderen auf einem Beiwagen im Stroh lag. Ihm war bei dem letzten Treffen das linke Bein zerschmettert, und die Säge des Feldschers hatte ihm nur einen armseligen Stumpf davon übriggelassen.

»Nun, wie geht's mit der Wunde, habt Ihr noch arge Schmerzen?« fragte das Mädchen mitleidig, während sie ihm das Strohkissen zurechtrückte, daß er bequemer sitze.

»Wie soll's anders sein,« murrte der alte Doppelsöldner, »natürlich zwickt's noch höllisch; aber das ist's nicht, was mich niederdrückt. Die Aussicht, den Bettelmann künftig zu spielen, als Lump hinter einer Hecke zu verrecken, das ist es, was einen ehrlichen Kriegsmann wurmt und auffrißt! Man hätte mich verbluten lassen und mit dem, was von mir da hinten bei Nanzig blieb, beiroden sollen!«

»Pfui doch, der garstigen Rede«, sagte Monika, während sie begütigend über das struppige Haar strich. »Dankt vielmehr Eurem Gott, daß er Euch das Leben ließ. Der wird auch weiter für Euch sorgen. Ihr habt doch noch Leute zu Hause, die für Euch sorgen werden.«

Der alte Veteran blickte gerührt zu ihr auf. »Du bist doch unser Engelein, Monika! Hast recht, so ganz verlassen bin ich nicht. Noch lebt mir das alte Mütterlein daheim; die freut sich, bringt ihm der Sohn auch statt güldener Ketten und anderer Schätze, die er auszog zu erwerben, nur ein Stelzbein mit. Und der Bruder, der das väterliche Anwesen erbte und bewirtschaftet, war auch keiner der Schlechtesten. Ist die Frau, die er inzwischen heimführte, von ähnlicher Gesinnung, so mag auch bei ihnen ein Plätzchen hinter dem Ofen für mich bereit sein, und den Kindswärtel kann ich zur Not auch noch spielen. Sag's nur der Mutter nicht, in welcher Laune Du mich getroffen, sonst setzt es noch ein Donnerwetter von ihr. Du weißt ja, wie sie ist.«

Immecke war derweil mit einem andern ins Gespräch geraten, der eine Binde über dem linken Auge trug.

»Wohl bekomm's, Erdwin Scheffer«, wünschte sie dem Einäugigen zugleich mit dem Becher, den sie ihm reichte. »Nun, freust Du Dich, daß wir glücklich über den Rhein sind? Jetzt geht's mit Macht der Heimat zu. Die Eltern werden sich freuen, wenn sie Dich wiederhaben.«

Ein verbissenes Lachen war die Antwort.

»Natürlich, die werden alle Türen bekränzen, wenn der Hansdampf in allen Gassen flügellahm wiederkehrt, der ihnen ausriß, weil es ihm daheim zu wohl war und weil er ihren gutgemeinten Plänen nicht gehorsamen wollte. Und die Freunde erst und die Jüngferlein, wie werden die sich um mich reißen, den Krüppel.«

»Laß die Mutter aus dem Spiel bei Deinem gottlosen Reden«, widerriet Immecke ernst und nachdrücklich. »Was weißt Du, was eine Mutter für ihr Kind im Herzen trägt.«

Sie kam nicht weiter mit ihrer Ermahnung, denn in diesem Augenblick begann am jenseitigen Ufer vor sich zu gehen, worauf alles schon wartete. Das Frankentor öffnete sich und ließ die Karren und Wagen der flandrischen Kaufleute heraus. Sie rumpelten nacheinander das abgeflachte Steinufer zur Fähre herab, die sie übersetzen sollte. Man sah, wie die Pferde unruhig aufstiegen, als sie das schwankende Gerüst betreten sollten. Dann kam die erste Last über den Strom und landete nach langer Zeit am Deutzer Ufer. Einmal nach dem andern fuhr der Fährmann mit seinen Knechten herüber und zurück, denn der Zug war lang, und die Fähre trug nicht mehr als zwei Gefährte zugleich. Es ging schon auf den Nachmittag, als der letzte Wagen den Uferrand bei Deutz heraufrollte.

Manches derbe Scherzwort fiel bei den Kriegsknechten über das Bild, das sich vor ihnen abspielte.

»Was mögen wohl die Ballen und Kisten an Kostbarkeiten bergen?« meinte neugierig lüstern Abel Wüstemann aus Zerbst. »Das kann Dir gleich sein«, fiel ihm Immecke ins Wort. »Für Dich ist's jedenfalls nicht bestimmt. Laß also Deine Gedanken und Finger davon, das rate ich Dir.«

»Nun, nun, man wird doch noch seinen Mund auftun dürfen«, brummte der also Gemaßregelte.

»Besser ist's schon, Du befolgst meinen Rat und behältst Deine Gedanken für Dich; wir kennen uns doch von Arras her, wo ich Dich durch ein gutes Wort vor dem Profosen rettete, als Du ein wenig von des Nächsten Gut an Dich gebracht hattest. Ein zweites Mal wird Dir meine Fürsprache fehlen. Wir wollen als ehrliche Leute in die Heimat ziehen.« Da schlich er beschämt zur Seite.

Verdrossen glitt der Blick Erdwin Scheffers über das Treiben am Strande. Unschlüssig stand er da über seine Hellebarde gebeugt, in seiner Lässigkeit doch die Kraft verratend, die in seiner schlanken, sehnigen Gestalt gefesselt stak. Das hübsche Gesicht wurde nicht einmal durch die schwarze Binde merklich entstellt. Die Hand glitt verloren durch das Bärtchen, welches die Lippen zierte. Monikas Blick folgte dem Abseitsstehenden. Sie wischte sich verstohlen die Augen, die ihr feucht geworden waren im Gedanken an sein Unglück; was war aus dem lustigen Gesellen geworden, der zu ständiger Kurzweil früher geneigt war. Ihr selbst kaum bewußt, schlug ihm ihr junges, unschuldiges Herz entgegen.

Erdwins Gedanken weilten indes weitab von ihr und vom Rhein. Die Berge des Harzes stiegen vor ihm auf und die Stadt mit den vielen Türmen, aus der er in trotzigem Übermut und Groll entwichen war. Wie mochte es jetzt daheim aussehen, was die Mutter sagen und der Vater denken, dessen starrer Sinn ihn beim eigenen Handwerk festhalten wollte, um ihn durch die Hand der Nachbarstochter noch unlöslicher mit der Heimat zu verbinden? Denn er kannte den unruhigen Sinn des Sohnes, der in die Ferne strebte und in unklarer jugendlicher Abenteurerlust jenseits der Berge die blaue Blume zu pflücken hoffte, von der die Mär erzählte. Erdwin hatte längst eingesehen, daß diese Blume im Lande Nirgendwo blühe und daß der ehrsame, gestrenge Vater zuletzt doch das Richtige mit ihm im Sinn hatte. Aber Trotz und Scham hielten ihn davon ab, als reuiger Sohn zurückzukehren, und auch die Aussicht, doch noch das Opfer der väterlichen Heiratspläne zu werden. Die breithüftige Maria Hellvogt, die man ihm zugedacht hatte, mit den guten, blauen Augen im rundlich-dummen Gesicht, konnte ihn auch heute noch nicht locken, zumal wenn er sie mit der zierlichen Monika verglich, die ihm in den Jahren der gemeinsamen Kriegsfahrt mehr als ein guter Kamerad geworden war. Nun kehrte er als ein Schiffbrüchiger heim, und er mußte vorliebnehmen, was ihm von der Eltern Gnade übrigblieb, wenn sie ihm nicht gar ganz die Tür verschlossen.

Ingrimmig stampfte er mit der Waffe auf; da fiel sein Blick auf einen der Männer, die ihre Rosse von der Fähre die Uferböschung hinaufführten: Wenn's nicht gar so närrisch wäre, sollte man meinen, das sei ein alter Bekannter von daheim. Noch einmal sah er hin und noch einmal. Wahrhaftig, kein Zweifel, das war ja der Heinrich Achtermann, des Ratsherrn Sohn, und der da neben ihm, war das nicht Johannes Hardt von der Poppenbergstraße? Und schon klang es auch von seinen Lippen: »Heinrich Achtermann, Johannes, Herr Johannes Hardt, bist Du es, seid Ihr es wirklich?«

Hallo, wer rief hier, in der Fremde, ihren Namen? Heinrich blickte sich erstaunt um.

Die Freude, einen Bekannten aus der alten Heimat, einen Jugendgespielen unvermutet zu sehen, überwog bei Erdwin jedes andere Gefühl. Eilig trat er näher. »Bei Gott, das nenn' ich eine Freude in all der Trübsal«, sprudelte er hastig hervor. »Aber sagt, erkennt Ihr mich denn immer noch nicht, den Erdwin Scheffer von Sankt Ägidien, mit dem Ihr so oft in des Nachbars Garten auf Raub gezogen und der ebensooft vom Vater den Buckel zerbleut bekam, weil er dem Stadtweibel eine Nase gedreht oder die Zöpfe der dummen Mädel aneinander festgebunden hatte, daß sie zeterten und schrien, als sei der Habicht unter die Hühner gestoßen?«

Nun erkannten auch sie den Jugendgespielen, und die Freude war nicht minder groß. Das gab ein Fragen hin und her. Über die Heimat wußten sie freilich beide wenig Neues; im Vordergrunde standen die Erlebnisse in der Fremde.

»Was hast Du denn mit dem Auge?« fragte Johannes.

»Das ist das traurigste Kapitel aus meiner Irrfahrt. Es ist dahin, und nicht einmal im ehrlichen Kampfe vor dem Feinde verloren, sondern ein eidbrüchiger Schuft stieß mir sein Messer hinein, als ich einen ehrlichen Mann, unsern Hauptmann, aus den Krallen der meuterischen Knechte befreien wollte. Er hat zwar seine Tat mit dem Leben gebüßt, denn die Kameraden schlugen ihm gleich danach den Schädel ein, aber ich bin ein Krüppel fürs Leben und weiß noch nicht, wie ich es trage und vor die Eltern treten soll, denen ich im aufgeblähten Stolz vor mehr als fünf Jahren davonrannte.«

Man sprach ihm gut zu, und die düstere Falte auf der Stirn glättete sich allmählich unter dem lebhaften Austausch von gemeinsamen Erinnerungen und dem »Weißt Du noch?« »Besinnst Du Dich?« Niemand aber war froher als das wackere Paar am Marketenderwagen, als sie sahen, daß ihr Liebling wieder etwas frohmütiger dreinblickte, und Monika rechnete es dem Heimatsgenossen als besonderes Verdienst an, daß ihm dies gelungen war.

Der Zug der Kaufleute hatte das Bergische Land durchquert und war in die Soester Börde hinabgestiegen, vorbei an mehr als einem der Raubnester, die über den tiefen Taleinschnitt am Felsen klebten wie das Nest der Mauerschwalbe. Manch begehrlicher Blick eilte ihnen von da oben entgegen und geleitete sie im Vorbeiziehen, aber man wagte sich nicht an die Fremden heran, die wie ein kleiner Heereszug stattlich und sicher dahinzogen. Es waren der Kaufleute gar viele, die aus Flandern und Frankreich solchergestalt ins Reich zogen, denn manche von ihnen zogen noch über Goslar hinaus bis Leipzig, um dort auf den großen Märkten, den Vorläufern der heutigen Messe, den Warenaustausch bis nach dem fernen Osten hin zu vermitteln. Gemeinlich fand nur einmal im Jahre ein solcher Zug aus dem Westen her statt. In Goslar hielt man sich monatelang auf und handelte dort wie in Braunschweig und anderen Städten der Nachbarschaft, bis die Ostgänger wieder zurück waren und man nun mit dem begehrten Kupfer und anderen Schätzen die Rückreise antreten konnte.