Chapter 10 of 21 · 3962 words · ~20 min read

Part 10

Die Einquartierung in Erlangen war nicht ganz leicht. Zunächst fehlte es an einer passenden Wohnung, und auch die Gasthäuser der armen Stadt boten kein bequemes Unterkommen. Ich habe mich deshalb zuerst in dem geräumigen Sprechzimmer des chemischen Instituts niedergelassen, wo ein sehr brauchbarer Laboratoriumsdiener namens ~Griesinger~ für meine Sachen sorgte. Mit der Beköstigung war ich allerdings auf das Gasthaus angewiesen, wo ein größerer Kreis von Professoren und Privatdozenten sich zu einer Tischrunde vereinigt hatte. Da ich inzwischen aber zehn Jahre Gasthausleben hinter mir hatte, so fühlte ich das Bedürfnis, einen eigenen Haushalt zu beginnen. Zu dem Zweck hatte ich mir schon in München die Möbel bestellt. Um mich dabei vor Übervorteilung zu schützen, war meine Schwester ~Emma~ mit ihrer Tochter ~Hedwig~ eigens von Rheydt nach München gekommen und von Frau ~Baeyer~, bei der sie Besuch machten, sofort als Logiergäste aufgenommen worden. Das Wohnungsprovisorium in Erlangen dauerte nicht allzu lange. Nach etwa zwei Monaten trafen alle Möbel ein und mit ihnen auch meine erste Haushälterin, eine Witwe aus Westfalen, die von meiner Schwester ~Bertha~ und meiner Mutter ausgesucht worden war. So zog ich denn in die erste mit einem selbständigen Haushalt eingerichtete Wohnung in eines der wenigen vornehmen Häuser Erlangens, die früher den Beamten des markgräflichen Hofes gedient hatten. Die Wohnung enthielt einen großen Saal mit Marmorfußboden und Stuckwerk im Rococostil. Er wird später noch bei der Besprechung meiner Arbeiten zu Ehren kommen; denn ich habe darin die Riechversuche mit Mercaptan ausgeführt.

Inzwischen hatten die Arbeiten im Laboratorium und die Vorlesungen begonnen. Zum Glück waren mir von München zwei prächtige junge Männer, ~Knorr~ und ~Reisenegger~, gefolgt, die zwar noch nicht promoviert hatten, denen ich aber ohne Bedenken Assistentenstellen übertragen konnte. Wir sind rasch Freunde geworden, und da es mir zu langweilig war, allein zuhause zu essen, so habe ich diese beiden jungen Herren eingeladen, wenigstens mittags meine Tischgenossen zu sein. Sie haben das gerne getan, weil meine Haushälterin als Köchin Vortreffliches leistete und auch an gutem Wein kein Mangel herrschte.

Beide hatten ihre analytische Ausbildung unter meiner Leitung in München erhalten, und ~Knorr~ war auch schon mit der Anfertigung einer Dissertation über das Piperylhydrazin beschäftigt, als wir in Erlangen einzogen. ~Reisenegger~ hat bald nachher von mir als Thema für die Dissertation »Die Reaktion zwischen Phenylhydrazin und den Ketonen« erhalten. Beide wurden in Erlangen mit gutem Erfolg promoviert. ~Reisenegger~ ist noch einige Zeit als Assistent geblieben, ging aber dann in die Industrie und zwar zu Meister Lucius & Brüning in Höchst a. M. Er stammt aus Oberbayern, wenn ich mich recht erinnere, aus Murnau, wollte ursprünglich Offizier werden und hatte das Kadettenhaus in München absolviert. Infolge eines körperlichen Schadens war er aber zur Chemie übergegangen. Er ist in Höchst durch alle Stufen des technischen Chemikers bis zum Mitglied des Direktoriums hindurchgegangen und jetzt im reiferen Alter vor einigen Jahren als Professor der Technologie an der technischen Hochschule zu Charlottenburg der Nachfolger von ~Witt~ geworden.

Länger ist ~Ludwig Knorr~ bei mir geblieben, da er von vornherein sich für die akademische Laufbahn entschied. Er entstammt einer Münchener wohlhabenden Kaufmannsfamilie aus dem bekannten Geschäft von ~Angelo Sabadini~ in der Kaufingerstraße und war schon in der Jugend nicht allein durch Klugheit, experimentelle Geschicklichkeit und Redegewandtheit, sondern auch durch besondere persönliche Liebenswürdigkeit ausgezeichnet. Nebenher huldigte er allem möglichen Sport, tanzte vorzüglich und spielte schon während der Münchener Zeit in der dortigen Gesellschaft z. B. auch im Hause ~Baeyers~ eine bedeutende Rolle. Unter anderem gelang es ihm trotz seiner Jugend und seiner noch unfertigen Laufbahn, das hübsche, viel umworbene Fräulein ~Elisabeth Piloty~, Tochter des großen Historienmalers in München zu gewinnen. Diese wurde schon im Frühjahr 1884 seine Gattin. Das Ehepaar ist dann später mit mir nach Würzburg übergesiedelt, und da ich von ihnen bis heute viel herzliche Freundschaft erfahren habe, so werde ich später auf sie zurückkommen.

In Erlangen trafen wir im Laboratorium den Privatdozenten der Chemie Dr. ~Vongerichten~, einen geborenen Pfälzer, der vorher eine Zeitlang im ~Baeyer~'schen Laboratorium gearbeitet hatte und mir deshalb gut bekannt war. Es hat mich gefreut, ihm einen Platz in dem hübsch eingerichteten Privatlaboratorium überlassen zu können, wo er seine wichtigen Versuche über die Verwandlung des Morphins in Phenanthren ausführte und damit für die Chemie des Alkaloids eine neue Periode eröffnete. Auch zu ihm bin ich in ein recht freundschaftliches Verhältnis getreten. Aber nach etwa drei Semestern verließ er die Universität und trat gleichfalls in die chemische Fabrik von Meister Lucius & Brüning in Höchst a. M. ein, wo er zunächst im wissenschaftlichen Laboratorium Verwendung fand. Seine Anstellung hat sich für die Fabrik sehr gelohnt, denn sie ist dadurch indirekt in den Besitz des Antipyrinpatentes gelangt.

Studierende aus der früheren Zeit waren sehr wenig im Institut vorhanden, da ~Volhard~, dem man allzu große Strenge in den Examinas nachsagte, nicht anziehend gewirkt hatte.

Die Abhaltung der großen Experimentalvorlesungen hat mir zuerst ziemlich viel Mühe gemacht; denn die zahlreichen Versuche, die dabei unentbehrlich sind, erfordern sehr genaue Vorübung, sowohl für den Professor wie für den Assistenten, und obschon das gute Buch von ~K. Heumann~ über Vorlesungsexperimente schon existierte, so habe ich es doch für nötig gehalten, noch ein besonderes derartiges Buch für meine Vorlesungen mit allen Einzelheiten anzulegen. Das ist dann mitgezogen nach Würzburg und Berlin und selbstverständlich im Laufe der Zeit immer reichhaltiger geworden. Auch im Laboratorium lag der ganze Unterricht auf meinen Schultern, da mir nur junge und wenig geübte Assistenten zur Verfügung standen. Dazu kamen noch die Prüfungen und die Fakultätsgeschäfte und außerdem selbstverständlich die eigenen Untersuchungen.

Leider waren die technischen Einrichtungen des Instituts, vor allen Dingen die Ventilation ungenügend und sowohl ich, wie meine Assistenten haben besonders bei den häufigen Arbeiten mit Chlorphosphor darunter sehr gelitten. Ich werde auf diese Ventilationsfrage bei der Besprechung des Würzburger und Berliner Neubaues ausführlich zurückkommen.

Im Laufe von einigen Semestern wurde der Besuch des Laboratoriums wieder befriedigend. In der analytischen Abteilung hatten sich ziemlich viele Apotheker, einige Mediziner und auch Chemiker eingefunden und die kleine organische Abteilung war schon nach zwei Semestern so überfüllt, daß ich einen außer Betrieb gesetzten Teil des alten Gebäudes wieder in Benutzung nehmen mußte.

Von den neu hinzugekommenen Chemikern verdienen drei besondere Erwähnung, Dr. ~Ernst Täuber~, ein Schlesier, der mir als Privatassistent bei der Bearbeitung der Acetonbasen geholfen hat; dann ~Kužel~, der zuletzt Unterrichtsassistent in der analytischen Abteilung war, und mit dem ich über die Hydrazine der Zimtsäure, das Indazol und Benzoylaceton gearbeitet habe; endlich ~Julius Tafel~, der erst die Isomerie von Indazol und Isindazol untersuchte und in Würzburg an meinen Zuckerarbeiten teilnahm.

~Täuber~ kam später an das technologische Institut zu Berlin und ist auch Mitglied des Patentamtes geworden. ~Kužel~, ein sowohl körperlich wie geistig bevorzugter Mann, hat in der Fabrik von Meister Lucius & Brüning eine recht erfolgreiche Tätigkeit ausgeübt, ist aber später nach seiner Heimatstadt Wien zurückgekehrt und hat sich in der Elektrotechnik durch die Darstellung von Metallfäden aus kolloidalem Metall einen Namen gemacht.

~Julius Tafel~ ist der akademischen Laufbahn treu geblieben. Er wurde in Würzburg Privatdozent und später als Nachfolger von ~Hantzsch~ ordentlicher Professor und Direktor des Instituts. Leider zwang ein Lungenleiden ihn frühzeitig, seine erfolgreichen wissenschaftlichen Arbeiten, besonders die elektrolytische Reduktion organischer Verbindungen, aufzugeben und ausschließlich seiner Gesundheit zu leben.

Von sonstigen Mitarbeitern erwähne ich noch ~O. Bülow~, den Vorlesungsassistenten ~Koch~, der das Trimethylendiamin und die Synthese von Harnstoffen aus solchen Diaminen bearbeitete, ferner ~Elbers~, der die ersten Hydrazinosäuren darstellte und ~Hess~, der an der Synthese von Indolderivaten aus Hydrazin teilnahm, dann ~Hegel~, einen Enkel des Philosophen, jetzt Mitglied des Patentamtes, ~Roese~ und endlich ~Antrick~, z. Zt. Direktor der chemischen Fabrik auf Aktien vormals Schering Berlin. Ein gewisse Ausnahmestellung nahmen ein ~C. Paal~ und ~O. Hinsberg~, weil sie über Thematas arbeiteten, die nicht von mir gestellt waren, aber dabei gerne theoretischen und experimentellen Rat und Hilfe von mir annahmen. Der erste hat damals seine interessanten Versuche über das Acetonyl-Aceton und seine Verwandlung in Furanderivate ausgeführt, ist später in Erlangen und dann auch in Leipzig als Nachfolger von ~E. Beckmann~ Professor für pharmazeutische und angewandte Chemie geworden. ~Hinsberg~ kam von Göttingen und hat in Erlangen die Chinoxaline entdeckt. Seine Publikation, die aus dem Erlanger Institut datiert war, hat mir einen Angriff von ~G. Körner~ in den Abhandlungen der römischen Akademie eingetragen. ~Körner~ behauptete dort, er habe das Chinoxalin vor ~Hinsberg~ dargestellt und mir bei einem Besuche in Mailand davon mündliche Mitteilung gemacht. Ich habe auf den Vorwurf ~Körners~, der viel zu spät zu meiner Kenntnis kam, öffentlich nicht geantwortet, wohl aber habe ich an ihn privatim geschrieben und ihn darauf aufmerksam gemacht, daß seine Klage durchaus unberechtigt sei. Ich selbst konnte mich in keiner Weise an eine solche Mitteilung ~Körners~ erinnern; aber selbst wenn diese wirklich geschehen ist, so hätte ~Körner~ mehrere Jahre Zeit gehabt, seine Beobachtungen zu publizieren. Nach einer so langen Frist aber auf eine angeblich private Äußerung hin, die sich in keiner Weise prüfen läßt, einen Prioritätsanspruch zu gründen und auch noch eine Anklage wegen Indiskretion gegen einen Fachgenossen zu erheben, ist eine sehr bedenkliche Art der Polemik, die gewiß kein vernünftiger Naturforscher anerkennen wird. Ich kann hier nur bezeugen, daß die Arbeit von ~Hinsberg~ auch nicht im geringsten durch die angebliche ~Körner~'sche Beobachtung beeinflußt war.

Wenn ich noch zufüge, daß ich in Erlangen die Osazone der Zucker auffand und damit die Grundlage für meine weiteren Zuckerarbeiten schuf, daß ich ferner durch Behandlung der Methylharnsäuren mit Chlorphosphor die ersten Oxypurine erhielt, daß ferner ~L. Knorr~ das Antipyrin entdeckte, wobei er die schon von mir flüchtig beschriebene Reaktion zwischen Phenylhydrazin und Acetessigäther in sehr sinnreicher Weise benutzte, so wird man den Eindruck bekommen, daß wir fleißig bei der Arbeit waren. Nur die Abende blieben der Geselligkeit vorbehalten.

Die Stadt bot wenig, hier und da ein Konzert, das von musikliebenden Männern veranstaltet wurde. Wir hatten einmal bei solcher Gelegenheit das Vergnügen, ~Bülow~ mit seinem vortrefflichen Orchester in Erlangen zu hören. Dann gab es zuweilen auch eine Vorstellung in dem alten markgräflichen Theater, das jetzt der Stadt gehörte und wo eine Nürnberger Truppe zu gastieren pflegte. Wollte man mehr von diesen Genüssen haben, so mußte man nach dem nahe gelegenen Nürnberg fahren.

Die Enge der kleinen Stadt führte die Angehörigen der Universität zu innigem Zusammenschluß. Der Familienverkehr wurde eifrig gepflegt. Ich selber habe bei meinem Freunde ~Wilhelm Leube~ und seiner Gemahlin ~Natalie~, einer Tochter des ausgezeichneten Chemikers ~Adolf Strecker~, viel davon profitiert. Selbstverständlich verlangte Frau ~Leube~ von ihren Freunden auch, wenn es nötig war, tätige Hilfe bei geselligen Veranstaltungen, und so mußte ich bei einem Ball, den ~Leube~ als Prorektor der Universität gab, die Herstellung einer Riesenbowle übernehmen. Ich habe die Gelegenheit benutzt, um einen karnevalistischen Aufzug zu veranstalten, der auf eine Verherrlichung des Weines hinauslief. Die Hauptfigur war dabei der starke, blühende Diener des Instituts ~Griesinger~, der als Küfermeister auftrat und die Bowle in einem stattlichen Faß auf geschmücktem Handwagen in den Ballsaal hineinfuhr. Auf dem Faß saß als Bacchus verkleidet ein hübscher zehnjähriger Knabe, der Sohn des Chirurgen ~Heinecke~, und um das Faß verteilt saßen die drei Töchter ~Leubes~ als Nymphen. Beim Umzug der Gruppe stimmte die ganze Gesellschaft das bekannte Rheinweinlied an: »Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher .....« Die Bowle, die ich aus 150 Flaschen Wein komponiert hatte, fand Beifall und war in wenigen Stunden ausgetrunken.

Am häufigsten trafen wir Unverheirateten uns natürlich im Gasthaus, wo ein sehr behaglicher Ton herrschte.

Von den jungen Medizinern sind mir am nächsten getreten die beiden Assistenten ~Leubes Penzoldt~ und ~Fleischer~. Mit dem ersten habe ich auch einige Versuche ausgeführt, besonders diejenigen über die Empfindlichkeit des Geruchsinns. Er ist jetzt ordentlicher Professor der inneren Medizin in Erlangen. Weniger glücklich hat sich das Schicksal von ~Fleischer~ gestaltet.

Unter den älteren Medizinern war ~Leube~ wohl die hervorragendste Persönlichkeit. Sein Ruf als Arzt bei Krankheiten des Verdauungstraktus führte zahlreiche Patienten, darunter manche interessante Menschen, in die Erlanger Klinik.

Gerne erinnere ich mich auch an die anderen Mediziner, den pathologischen Anatomen ~Zenker~, den Physiologen ~Rosenthal~, den Chirurgen ~Heinecke~, den Frauenarzt ~Zweifel~ und vor allem an den Senior der Fakultät, den Anatom ~J. v. Gerlach~, meinen späteren lieben Schwiegervater. Er spielte in der medizinischen Fakultät eine große Rolle nicht allein wegen seines wissenschaftlichen Ansehens und seiner Verdienste als Lehrer, sondern auch wegen seiner liebenswürdigen Persönlichkeit und seiner Bemühungen um das Wohl und Ansehen der Fakultät.

Uns Chemikern recht nahe stand der außerordentliche Professor der Pharmakologie ~Filehne~, der die fieberstillende Wirkung des Antipyrins zuerst feststellte und seine Einführung in die praktische Medizin besorgte.

Von den Juristen ist Professor ~Marquardsen~ als Politiker in der Öffentlichkeit am bekanntesten geworden. Er gehörte viele Jahre sowohl zum Reichstag, wie zum bayerischen Landtag. Ich habe später wiederholt in Berlin die Ehre und das Vergnügen gehabt, den alten erfahrenen, klugen und lebenslustigen Herrn in meinem Hause zu sehen. Solange meine Frau lebte, brachte er auch zuweilen seine Familie mit, die in Erlangen mit Gerlachs sehr befreundet war. Der zweite Jurist, mit dem ich öfter in Berührung kam, war der Schwabe ~Hoelder~, der später nach Leipzig gekommen ist.

Die Theologie war in Erlangen nur durch eine evangelische Fakultät vertreten, und diese betonte mit größter Entschiedenheit ihren rein lutherischen Charakter, so daß sie einem Vertreter der pfälzischen reformierten Gemeinden die Mitgliedschaft versagte. Die Fakultät genoß in der kirchlichen Welt einen guten Ruf. Zeugnis davon gab die große Anzahl junger Theologen aus Norddeutschland, die hier wenigstens einen Teil ihrer Studien absolvierten und gleichzeitig von der sehr billigen, aber auch sehr einfachen Lebensweise in der süddeutschen kleinen Stadt Nutzen zogen. Die Gewohnheit junger Theologen, sich frühzeitig zu verloben, wirkte anziehend auf heiratslustige Mädchen, und so war Erlangen das Refugium von mehr als 100 Pfarrerswitwen geworden, die hofften hier ihre Töchter an den Mann zu bringen. Um sich darüber lustig zu machen, hatte eine lose Verbindung von alten, etwas verbummelten Korpsstudenten, die glaubten in Erlangen leichter das Examen bestehen zu können, sich den Namen »Pfarrerstöchter« zugelegt.

Die philosophische Fakultät war im Gegensatz zu Würzburg und München nicht geteilt und ließ sich ohne sichtbares Widerstreben von ihrem Senior, dem Historiker ~Hegel~, Sohn des Philosophen, in wichtigen Dingen gerne leiten. Von den Naturforschern erwähne ich den Physiker ~Lommel~, einen verständigen und behaglich veranlagten Pfälzer, ferner den Botaniker ~Rees~, der unter ~de Bary~ eine vortreffliche Arbeit über die Hefen ausgeführt hatte, aber in Erlangen sich auf die Lehrtätigkeit und auf gesellige Bemühungen beschränkte, dann den talentvollen und witzigen Zoologen ~Selenka~, der später mit seiner Frau große Reisen auf Java ausführte, den sehr verdienten Mathematiker ~Noether~, seinen äußerst komischen Spezialkollegen ~Jordan~ und endlich den Professor der Pharmazie und angewandten Chemie ~Albert Hilger~. Dieser stand mir natürlich am nächsten, und wir haben auch zusammen ein chemisches Kolloquium eingerichtet. ~Hilger~ besaß damals den Ehrgeiz, sich mit rein chemischen Problemen zu befassen und hatte für den Zweck auch eine neue Auflage des bekannten Werkes von ~Husemann~ über Pflanzenstoffe herausgegeben. Da ich aber bald zu der Überzeugung kam, daß für diese Dinge seine Begabung und Ausbildung nicht ausreichten, so riet ich ihm, sich mehr auf praktische Dinge, namentlich auf die Nahrungsmittelanalysen zu werfen. Er hat das auch getan und besten Erfolg gehabt; denn seinen Bemühungen ist es wohl mit zuzuschreiben, daß in Bayern die Nahrungsmitteluntersuchung den Instituten für angewandte Chemie an den drei Landesuniversitäten übertragen wurde und daß dadurch die Kontrolle der Nahrungsmittel in Bayern viel früher und besser geordnet war, als in Norddeutschland, besonders in Preußen. ~Hilger~ war musikalisch und sorgte mit seiner klugen Frau, einer Holländerin, für die Pflege des musikalischen Lebens in Erlangen. Er ist später an die Universität München gekommen, wo er in der Nähe des ~Baeyer~'schen Laboratoriums einen Neubau für pharmazeutische und angewandte Chemie errichtete.

Die Studenten spielten in Erlangen natürlich die Hauptrolle, weil ein erheblicher Teil der Einwohner von ihnen lebte. Auch das Verbindungswesen blühte in ungewöhnlicher Weise, und damit im Zusammenhang stand das Duellwesen, das trotz des gesetzlichen Verbots von jedermann als etwas Selbstverständliches und Nötiges angesehen wurde. Ja, ich selbst habe mich mit ~Penzoldt~, ~Knorr~ und einigen anderen jungen Leuten noch an einem Kursus von Säbelfechten beteiligt, natürlich nur aus Freude an körperlicher Übung, während wir später zu unserer Überraschung hörten, daß es für ~Knorr~ eine Vorübung zu einer Säbelmensur war, die er mit Dr. ~Friedländer~ in München auszufechten hatte. Da ich außerdem wegen der Freude am Schwimmen die Universitätsbadeanstalt öfters besuchte, so widerfuhr mir die unerwartete Ehre, daß ich vom Senat zum Mitglied der Fecht- und Badekommission ernannt wurde und als solches tätigen Anteil an der Auswahl eines neuen Fechtmeisters nehmen konnte.

Im Jahre 1883 fand in der Direktion der Badischen Anilin- und Sodafabrik eine Personalveränderung statt. Vor allen Dingen wollte Dr. ~Heinrich Caro~, der damalige Leiter des wissenschaftlichen Laboratoriums, in den Ruhestand bzw. Aufsichtsrat der Fabrik eintreten. Seinem Einfluß war es wohl zuzuschreiben, daß der Hauptaktionär der Fabrik und Vorsitzender des Aufsichtsrates Herr ~Sigl~ aus Stuttgart mir den Vorschlag machte, Nachfolger von ~Caro~ zu werden. Obschon diese Stellung materiell sehr viel mehr einbrachte, wie jede Professur in Deutschland, so war mir doch die akademische Tätigkeit mit der vollen Freiheit wissenschaftlicher Arbeit sympathischer. Ich lehnte deshalb ab, nahm aber eine Einladung zu mehrwöchentlichem Besuch der Fabrik gerne an, teils aus Interesse für die Industrie der Teerfarben, teils in der Hoffnung, mir Rohmaterialien für meine Untersuchungen in großer Menge bereiten zu können. So bin ich denn im August 1883 nach Ludwigshafen-Mannheim gezogen. Der 14-tägige Aufenthalt war eine glückliche Kombination von eifriger Arbeit und fröhlicher Unterhaltung. Zunächst wurde ich durch die ganze Fabrik geführt und in jeder Abteilung von dem betreffenden Leiter in vertraulicher, aber sehr weitgehender Weise über die Einzelheiten der Betriebe unterrichtet. Das war eine Begünstigung, die nur selten wissenschaftlichen Chemikern zuteil wird, und ich verdankte sie wohl dem Wunsche der Direktion, dauernd mit mir in Verbindung zu bleiben. Gleichzeitig begannen im technischen Laboratorium größere Versuche zur Methylierung von Harnsäure nach der Vorschrift, die ich dafür in Erlangen ausgearbeitet hatte.

Als Rohmaterial hatte ich mir mehrere Kilo Schlangenexcremente aus Amsterdam durch Vermittlung von Professor ~Forster~ verschafft. Auf meine Erkundigung, weshalb das Material so teuer sei, erhielt ich die überraschende Antwort, daß es in Holland für die Herstellung von medizinischen Geheimmitteln verwendet werde und deshalb einen richtigen Marktpreis besitze. Die Überwachung der Methylierungsversuche, die wohl 10 Tage in Anspruch nahmen, hatte mein früherer Privatassistent Dr. ~Boesler~ übernommen, so daß ich mich darum kaum zu kümmern brauchte. Anders war es mit einem zweiten Präparat, der Orthoaminozimtsäure, die ich aus einem in der Fabrik vorrätigen Material, der Orthonitrozimtsäure, durch Reduktion mit Eisenvitriol und Ammoniak nach ~Tiemann~ darstellte. Die Operation mußte in stark verdünnter Lösung vorgenommen werden und erforderte die Filtration eines dicken Schlammes von Eisenhydroxyd. Zu dem Zweck wurde mir eine richtige Betriebsapparatur der Azofarbenfabrik zur Verfügung gestellt. Bei dieser Arbeit, die ich selbst übernehmen mußte, war mir das strenge Rauchverbot innerhalb des Fabrikgebäudes recht schmerzlich, aber wenn der alte ~Engelhorn~, Mitglied der Direktion, zum Plaudern mich besuchte, dann zündeten wir uns beide heimlich eine Zigarre an. Einmal erwischte uns dabei der Betriebsführer Dr. ~Burkhardt~, ein alter Münchener Bekannter von mir. Es gab nun ein großes Donnerwetter und wir wurden mit unseren Zigarren rücksichtslos vor die Türe gesetzt.

Den Nachmittag benutzte ich entweder zu kleinen Ausflügen oder zur Ausübung der Hühnerjagd in der frucht- und wildreichen Umgebung von Ludwigshafen, wohin mich das Direktionsmitglied Dr. ~Karl Klemm~ in freundschaftlicher Weise mitnahm. Die Abende verbrachte ich regelmäßig im großen chemischen Kreise im Pfälzerhof zu Mannheim, der sich durch den Ausschank vortrefflichen Pfälzer Weines auszeichnete. Die Herren aus der Technik waren dankbar dafür, daß ich ihnen neben mancherlei Schnurren auch über die Fortschritte der Wissenschaft in breiterer Form als sie sonst es erfahren konnten, Auskunft gab, und es wurde scherzhaft der Vorschlag gemacht, mich dauernd als »Vortragenden Rat« der Fabrik anzugliedern. In der Tat machte mir zum Schluß meines Aufenthaltes das Direktorium den Vorschlag, gegen ein mittleres Jahresgehalt in ein Vertragsverhältnis zur Fabrik zu treten, wobei ich nur die Verpflichtung übernehmen sollte, bei Erfindungen auf dem Gebiete der Teerfarben und Heilmittel der Fabrik das Verkaufsrecht einzuräumen. Dasselbe Angebot richtete man an ~Victor Meyer~ und ~Adolf von Baeyer~. Es ist aber nicht verwirklicht worden, weil bald nachher ein großer Personenwechsel in der Direktion der Fabrik stattfand.

Nach Erledigung meiner Arbeiten reiste ich von Mannheim nach Euskirchen, um meinem Vater bei der Hühnerjagd zu helfen. Hier hatte ich das Vergnügen, den Besuch von ~Victor Meyer~ zu empfangen. Er hatte etwa ½ Jahr vorher im ~Baeyer~'schen Hause den Wunsch geäußert, auch die Jagd kennen zu lernen, da dieser Sport ihm bisher fremd geblieben sei. Daraufhin lud ich ihn ein, während der Herbstferien zu uns an den Niederrhein zu kommen. Seine Zusage löste er nun ein. Leider hatte er kurz vorher anstrengende Hochgebirgstouren im Gebiete des Bernina gemacht und kam nun direkt aus dieser frischen Höhe ziemlich abgehetzt nach der warmen Ebene. Infolgedessen reichten seine körperlichen Kräfte nicht mehr aus, mit Genuß an der immerhin etwas anstrengenden Hühnerjagd teilzunehmen. Während mein Vater und ich ohne Ermüdung 6 bis 8 Stunden durch die Kartoffeläcker stiefeln konnten, lag er gewöhnlich nach 2 Stunden ermüdet hinter einem Busche. Leichter und interessanter war ihm deshalb eine kleine Jagd, die ich für ihn im Flamersheimer Walde veranstaltete. Er hatte dabei das auffallende Glück, im Laufe von etwa 2 Stunden von einem Rehbock und 5 Wildsauen angelaufen zu werden. Allerdings fehlte ihm die Übung, um eins der Tiere zu erlegen. Bei der Rüstung des Mittagsmahles, das unser Förster besorgte, mußten sich alle Mitglieder des kleinen Kreises am Kartoffelschälen beteiligen mit der Maßgabe, daß jeder so viel zu schälen habe, als er beabsichtige zu essen. Über diese eigenartige Sitte hat ~Meyer~ besonders gelacht und dazu das Geständnis abgelegt, daß er bisher nie in seinem Leben eine Kartoffel geschält habe.

Der Tag war wenig anstrengend, und diese Art der Jagd hat ihm besser gefallen, als das Ablaufen des freien Feldes. Da er aber offenbar jetzt seine Erfahrungen auf der Jagd für ausreichend hielt, so schlug ich ihm einen Ausflug nach der vulkanischen Eifel vor. Er war damit gerne einverstanden, und wir sind nun teils zu Wagen, teils zu Fuß über Rheinbach nach dem Ahrthal, von dort abwärts an den Rhein und dann durch das landschaftlich hübsche und geologisch sehr interessante Brohlthal nach dem lieblichen Laacher See, einem der schönsten Maare der vulkanischen Eifel gereist. Das hat ~Meyer~ natürlich in hohem Grade interessiert, und um ihm noch eine der charakteristischen Kohlensäurequellen dieser Gegend zu zeigen, führte ich ihn am nächsten Tage nach Burgbrohl zu dem aus der Münchener Zeit mir wohl bekannten Vetter Dr. ~Hans Andreae~, der hier nach einer stürmischen Studienzeit als Fabrikant und Familienvater gelandet war. Er erzeugte hauptsächlich reine Alkalibicarbonate und benutzte dafür die natürliche Kohlensäure, die als sogen. Mofette in mächtigem Gasstrom aus der Erde kam und für die Zwecke der Fabrik durch ein Metallrohr gefaßt war. Die Quelle dient jetzt zur Herstellung von flüssiger Kohlensäure, die seitdem ein bedeutender Handelsartikel geworden ist.

Selbstverständlich statteten wir auch dem am See gelegenen schönen Jesuitenkloster Marialaach unseren Besuch ab und kehrten dann, immer bei herrlichstem Wetter, wieder nach Euskirchen zurück, wo ~Meyer~ von meinem Vater, mit dem er sich rasch angefreundet hatte, Abschied nehmen wollte.

Inzwischen war von ~Wilhelm Königs~ eine Einladung an uns eingelaufen, ihn in Cöln zu besuchen, wo er ~Meyer~ die vielen Schönheiten der alten Handelsstadt zeigen wollte. Sie wurde angenommen. Auf der Fahrt empfing uns ~Königs~ schon in Kierberg bei Brühl mit der Einladung, Station in dem Landhaus seines Bruders, des Cölner Bankiers zu machen. Den Auftrag dazu hatte er von seiner Schwägerin, einer geistig sehr angeregten Frau, erhalten, weil sie die beiden Professoren kennen lernen wollte. Mit der Lebendigkeit der Rheinländerin wußte sie uns bei einem lustigen Frühstück ziemlich ausführlich über unsere wissenschaftlichen Ziele auszufragen. Sie belohnte uns dafür durch reichliche Bewirtung und durch das Vorzeigen ihrer eigenen Kunstwerke, einer Reihe von leidlich gemalten Ölbildern. Bei dieser Gelegenheit habe ich zum ersten Mal meinen späteren Schüler ~Ernst Königs~, der jetzt Privatdozent in Breslau ist, als Knaben gesehen.

~Meyer~ und ich haben uns dann getrennt, und er ist über Cöln nach Berlin zum Besuch seiner Eltern gefahren.