Chapter 15 of 21 · 3960 words · ~20 min read

Part 15

Bald nachher erschien eine amerikanische Dame, die sich als Miss ~Helene Abott~ und Fachgenossin vorstellte. Zu ihrem besonderen Schutze hatte sie sich ein zweites weibliches Wesen mitgebracht, das sich bei näherer Besichtigung als eine Negerin entpuppte. Sie erklärte in Würzburg wissenschaftlich arbeiten zu wollen und war erstaunt, daß Frauen noch nicht zu den Vorlesungen zugelassen seien. Ich habe ihr dann das Laboratorium gezeigt und sie den jüngeren Herren, ~Knorr~, ~Wislicenus~, ~Tafel~ vorgestellt. Sie machte ganz verständige Bemerkungen und zeigte, daß sie keine schlechten theoretischen Kenntnisse besaß. Nach ihrem Weggang wurde Kriegsrat gehalten, ob wir ihr vom Senat der Universität den Zutritt in das Laboratorium erwirken sollten. Einzelne waren mit Begeisterung dafür, aber die bedächtigen Elemente konnten die Befürchtung nicht unterdrücken, daß sie in dem bis dahin so gut harmonierenden Kreise leicht Verwirrung anrichten könne. Entsprechend dem Majoritätsbeschluß habe ich ihr dann abgeschrieben und erhielt darauf von ihr eine zwar höfliche, aber ziemlich energisch gehaltene Antwort, worin sie die Rückständigkeit Deutschlands in bezug auf das Frauenstudium rügte. Sie ist später die Gattin von ~Arthur Michael~ geworden, aber sie sind, soweit ich unterrichtet bin, nach einiger Zeit wieder auseinander gegangen.

Im Frühjahr 1892 mußte ich wegen eines Anfalls von Influenza einige Tage zu Bett liegen und meine Frau las mir gerade aus den eben erschienenen Berichten der chemischen Gesellschaft den Nekrolog von ~Peter Gries~ vor, von dem ich selbst den wissenschaftlichen Teil geschrieben hatte. Aber viel interessanter war der persönliche Teil von ~A. W. von Hofmann~ verfaßt und mit köstlichem Humor gewürzt. Wir haben darüber gerade herzlich gelacht, als ein Telegramm von ~Tiemann~ einlief, das den plötzlichen Tod von ~Hofmann~ meldete. Ich konnte wegen meiner Krankheit nicht zur Beerdigung hingehen, was ich um so mehr bedauerte, da ich dem Vorstand der chemischen Gesellschaft angehörte und von ~Hofmann~ bei meinem letzten Besuch in Berlin so freundlich empfangen worden war.

Mein Gesundheitszustand war damals nicht befriedigend. Wie sich hinterher herausstellte, war ich das Opfer einer chronischen Vergiftung durch Phenylhydrazin geworden. Während manche meiner Mitarbeiter und auch einige Diener sehr empfindlich gegen die Base waren, und darauf mit nervösen Beschwerden oder mit starken Anschwellungen von Hand und Arm reagierten, schien ich sehr widerstandsfähig gegen das Gift zu sein; denn seine schädliche Wirkung hatte sich bis 1891 auf ein Ekzem der Finger und inneren Handflächen beschränkt. Um so schlimmer gestaltete sich die chronische Vergiftung, die im Herbst 1891 auftrat und in sehr lästigen Störungen der Darmtätigkeit, namentlich in nächtlichen Koliken und Durchfällen sich äußerte. Die Krankheit erreichte im Winter 1891/92 ihren Höhepunkt und spottete aller normalen ärztlichen Behandlung. Erst die Anwendung von Prießnitzumschlägen brachte mir Erleichterung und den lang entbehrten Schlaf zurück. Die Vergiftung ist zum Teil durch Dämpfe, aber wie ich später feststellen konnte, noch viel mehr durch die Haut, d. h. von den Händen aus, zustande gekommen. Ich habe darunter viele Jahre gelitten und schließlich hat sich eine Idiosynkrasie gegen Phenylhydrazin und ähnliche Stoffe herausgebildet. Es war die zweite Schädigung, die von meinem Beruf kam, und ich wäre ihr wahrscheinlich erlegen, wenn nicht die Ursache erkannt worden wäre und ich dann die Berührung mit der schädlichen Base möglichst vermieden hätte. Die Vergiftung hatte natürlich auch recht schlecht auf mein Nervensystem eingewirkt und der Aufenthalt in der Dienstwohnung des Würzburger Instituts, die fortwährend mit der Laboratoriumsatmosphäre erfüllt und außerdem ungewöhnlich heiß war, wurde mir im Sommer 1892 so unangenehm, daß ich meinen Haushalt in ein gemietetes Landhaus vor der Stadt mit großem Garten verlegte.

Hier erschien an einem schönen Junitag plötzlich Geheimrat ~Friedrich Althoff~ vom Kultusministerium in Berlin. In scheinbar ganz naiver Form erzählte er mir, er habe einen zufälligen Aufenthalt in Würzburg nur benutzen wollen, unsere Bekanntschaft von der Berliner Naturforscherversammlung zu erneuern. Er sprach sich sehr erfreut über die einfache süddeutsche Lebensweise aus, über die Bescheidenheit der Professoren hierzulande, kam dann auf die Berliner Verhältnisse, das dortige chemische Institut und die Absicht des Kultusministers, für die Pflege der Chemie in Preußen möglichst viel zu tun. Es würde ihn interessieren, auch meine Ansicht darüber zu hören, worauf ich ihm freimütig erklärte, daß das von ~Hofmann~ erbaute Institut den Bedürfnissen der Gegenwart keineswegs mehr genüge. Erst zum Schluß stellte er an mich die Frage, ob ich den nötigen Neubau als Nachfolger von ~Hofmann~ nicht selbst besorgen wolle. Die Fakultät habe mich neben ~Kékulé~ und ~Baeyer~ vorgeschlagen, aber den Wunsch ausgesprochen, daß mit Rücksicht auf das hohe Alter der beiden Erstgenannten ich tatsächlich berufen würde. Über das Angebot, das an und für sich ja recht ehrenvoll war und auch in so entgegenkommender Form gemacht wurde, war ich selbst keineswegs erfreut; denn nun stand ich vor der Notwendigkeit, zwischen Würzburg, wo ich mich so glücklich fühlte, und Berlin, wovor mir graute, zu entscheiden.

Mein Entschluß wäre rasch gefaßt gewesen und zugunsten von Würzburg ausgefallen, wenn ich allein gestanden hätte und nur meinem Gefühl gefolgt wäre. Aber meine Frau war ehrgeiziger und ich mußte ~Althoff~ wenigstens das Versprechen geben, nach Berlin zu kommen, um die Verhältnisse an Ort und Stelle kennen zu lernen. Das geschah auch 8 Tage später. Im Ministerium zu Berlin war man in jeder Beziehung entgegenkommend. Der Minister Exzellenz ~Bosse~ empfing mich wegen Zeitmangel Sonntags morgens um 8 Uhr, um mir zu versichern, daß er alles tun würde, meine Bedingungen, insbesondere auch den Neubau des Instituts zu erfüllen. Auch die Berliner Fachgenossen haben mir stark zugeredet, den Ruf anzunehmen. Dazu noch keineswegs entschlossen, fuhr ich nach München, wohin mich der dortige Minister eingeladen hatte. Ich war erstaunt über die wenig geschickte Art, in der er mich zur Ablehnung des Berliner Rufes bereden wollte. Zunächst mußte ich 1½ Tage warten, bevor er mich überhaupt empfing und dann behauptete er, ich wäre durch die Bewilligung des Neubaues in Würzburg verpflichtet, dort zu bleiben. Ich antwortete ihm, daß der Bau doch nicht mir persönlich bewilligt sei, wenn das aber zuträfe, so könne man ihn ja aufgeben, da er noch garnicht begonnen sei. Kurzum ich kam von München etwas verstimmt nach Würzburg zurück. Inzwischen war dort mein alter Vater eingetroffen, der von dem Berliner Ruf gehört und sich sofort aufgemacht hatte, um mir zuzureden, ein so gutes Geschäft nicht leichtfertigerweise auszuschlagen. Zum zweiten Mal würde mir die Stelle in Berlin nicht mehr angeboten. Andererseits könne ich ja, wenn es mir dort nicht gefiele, jederzeit wieder wechseln.

Die Vorzüge Berlins konnte auch ich mir nicht verhehlen. Das rege wissenschaftliche Leben der Reichshauptstadt und die in Aussicht gestellten großen Mittel, die Möglichkeit, einen größeren Kreis von Schülern um mich zu versammeln, hatte in der Tat für einen Mann in meinem Lebensalter (ich war noch nicht 40 Jahre alt) viel Verlockendes. So kam ich denn nach 8-tägigem Schwanken zu dem Entschluß, meine persönliche Neigung beiseite zu setzen und den Ruf anzunehmen. Ich bin dann zum zweiten Mal und zwar in Begleitung meiner Frau nach Berlin gefahren, um eine Wohnung zu mieten, da die Dienstwohnung von Frau ~von Hofmann~ noch bis zum Mai 1893 besetzt war, und um im Institut eine Reihe von kleinen baulichen Änderungen zu vereinbaren, die in den Herbstferien getroffen werden sollten.

Nachdem ich nunmehr fest gebunden war, redeten schon einige Kollegen offener über die Berliner Zustände, und mein alter Lehrer ~Kundt~ überraschte mich mit der Bemerkung: »Na ~Fischer~, Sie werden sich wundern über den Pack Arbeit, den man hier einem Professor aufladet.« Als ich darauf etwas erschrocken an ihn die Frage richtete, warum er mir das nicht vor 14 Tagen gesagt hätte, als ich ihn im Vertrauen auf die alte Freundschaft um Aufklärung über die Berliner Zustände gebeten hatte, erwiderte er lachend: »Ja, dann wären Sie nicht gekommen.«

Bei diesem letzten Aufenthalt genoß ich auch die erste Probe von dem geselligen Verkehr im Berliner Gelehrtenkreise; denn Frau ~von Helmholtz~ hatte Kunde von unserem beabsichtigten Besuch in Berlin erhalten und telegraphisch meine Frau und mich zu einer Abendgesellschaft eingeladen. Diese fand statt in der prächtigen Dienstwohnung der physikalisch-technischen Reichsanstalt zu Charlottenburg, und wir trafen dort einen interessanten Kreis von Leuten, darunter auch den alten ~Werner von Siemens~, mit dem ich mich lange über technisch-elektrochemische Probleme unterhielt, und der hinterher meine Frau durch besondere Liebenswürdigkeit auszeichnete. Hier mußte ich meine erste Berliner Tischrede halten als Antwort auf einige Worte der Begrüßung, die ~Helmholtz~ an meine Frau und mich richtete. Ausgehend von dem ~Keppler~'schen Gesetz der Planetenbewegung und ihrem Einfluß auf die Entwicklung der Physik konnte ich ein astronomisches Abbild der Gesellschaft entwickeln, in dessen Mittelpunkt Frau ~von Helmholtz~ als Sonne kam. Scheinbar habe ich dadurch ihre Gunst gewonnen; denn sie ist mir später immer in sehr freundlicher Weise entgegengekommen.

Bei der Abreise von Berlin war ich in sehr gedrückter Stimmung, hervorgerufen durch den schlechten Zustand des chemischen Instituts und durch manche überraschende Auskunft über die Verpflichtungen, die den Nachfolger von ~Hofmann~ erwarteten. Wenn ich mich nicht geschämt hätte, mein Wort zu brechen, so würde ich auf dieser Rückfahrt telegraphisch bei dem Kultusministerium in Berlin meine Zusage widerrufen haben. Aber dazu war es jetzt zu spät, besonders auch, weil ich das Gefühl hatte, daß man im Ministerium zu München über meine Annahme des Berliner Rufes verschnupft war.

Mein Vater war inzwischen von Würzburg wieder abgereist, ganz befriedigt von dem Erfolge seiner Überredungskunst. Für ihn selbst war eine Veränderung des Wohnsitzes eine Kleinigkeit; denn er hatte sich ja gerade zu der Zeit entschlossen, Euskirchen nach 56-jährigem Aufenthalt zu verlassen und nach Straßburg i. Els. überzusiedeln.

Für mich begann nun eine unbehagliche Zeit, die Vorbereitungen des Umzuges nach Berlin; denn ein Professor der Chemie wandert nicht nur mit seiner Gelehrsamkeit und den Büchern, sondern auch mit Präparaten, Apparaten und Assistenten. Als letztere folgten mir Dr. ~Oscar Piloty~, der früher erwähnte Däne Dr. ~Fogh~ und Dr. ~Lorenz Ach. Wislicenus~ war inzwischen außerordentlicher Professor geworden und als solcher in Würzburg gebunden. Auch für ~Julius Tafel~, den ich gerne mitgenommen hätte, konnte in Berlin keine passende Stellung geschaffen werden. Dagegen war es mir lieb, den Diener ~J. Wetzel~, der sich später durch einige zweckmäßige Glasapparate bekannt gemacht hat, als Präparator nach Berlin verpflanzen zu können. Mit dem Umzug des Haushalts hatte ich nichts zu tun, weil meine Frau ihn als ihr Recht und ihre Pflicht in Anspruch nahm.

Der Abschied von der lieben Stadt Würzburg, den Kollegen und Studenten war herzlich aber kurz. Die beiden Kinder kamen zu den Großeltern an den Starnberger See und ich selbst zog mit meiner Frau und einer Köchin in ein kleines, allerliebstes Holzhaus, 10 Minuten von Berchtesgaden am Untersberg in prächtiger Umgebung gelegen. Hier haben wir wie auf der Hochzeitsreise ganz für uns gelebt und bei herrlichem Wetter 6 Wochen zugebracht. Es war die richtige Vorbereitung für die kommende Berliner Periode. Zwar hatte mir die deutsche chemische Gesellschaft für die Feier ihres 25-jährigen Bestehens im November d. J. die Gedächtnisrede auf ~A. W. von Hofmann~ übertragen. Aber es kam mir bald zum Bewußtsein, daß ~F. Tiemann~ als Freund und Schüler des Verstorbenen viel mehr für diese Aufgabe berufen und auch gerne bereit sei, sie zu übernehmen. Nach Vereinbarung mit dem Vorstande der Gesellschaft haben wir deshalb getauscht, und die Entbindung von der Rede war, offen gestanden, für mich eine angenehme Erleichterung.

Berliner Zeit

Mitte September ging meine Frau nach Würzburg zurück, zur Anordnung des Umzugs nach der Berliner Wohnung, die wir im Hause eines Dr. ~von Dechend~, Mitarbeiter von ~Tiemann~ bei den Berichten, in der Königin Augustastraße nahe beim Tiergarten für ein Jahr gemietet hatten. Ende September verließ auch ich Berchtesgaden und traf in Berlin meine Frau ganz erschöpft und in Tränen, hervorgerufen durch die Widerwärtigkeiten im Verkehr mit den Berliner Umzugsleuten. Als Süddeutsche war sie mit diesen rohen Menschen nicht fertig geworden, und erst der Hilfe von Dr. ~Piloty~, der durch seine gewaltige Körpergröße und seine Energie auch den Berliner Packern imponierte, hatte sie es verdankt, daß sie mit ihren Wünschen und Anordnungen durchdrang. Dazu kam die gedrückte Stimmung, die damals auf der Reichshauptstadt lastete wegen der großen Choleraepidemie in Hamburg, die eine strenge Beaufsichtigung des Personenverkehrs nötig machte. Die geschickte Bewältigung dieser sanitären Aufgabe, welche Berlin trotz einigen 100 Fällen eingeschleppter Cholera vor der Epidemie bewahrte, hat mir hinterher sehr imponiert. Aber für alle Leute, die damals namentlich aus den einfachen süddeutschen Verhältnissen heraus Berlin zuwanderten, war es eine unbehagliche Zeit. Meine Frau wurde zum zweiten Male davon betroffen, als sie gleich hinterher die Kinder von den Großeltern am Starnberger See abholte; denn die Kinderfrau, die sie mitbrachte, konnte das Eisenbahnfahren nicht vertragen, erkrankte unterwegs und wurde von Leipzig an dauernder Aufsicht unterstellt.

Die Eingewöhnung des Haushaltes und der Familie in die Berliner Verhältnisse ging Dank der Hilfe unserer Freunde rascher und besser von statten, als wir gedacht. Auch die kleinen Umbauten im Laboratorium, die besonders auf eine bessere Ventilation gerichtet waren, wurden rechtzeitig fertig. Und in der letzten Woche des Oktobers konnte das Institut für den regelmäßigen Betrieb wieder eröffnet werden.

~Tiemann~, der bis dahin die Leitung des Praktikums in Händen gehabt hatte, zog sich davon ganz zurück, blieb aber im Institut als Privatgelehrter zur Fortsetzung seiner erfolgreichen wissenschaftlichen Studien und hielt auch noch eine kleine Spezialvorlesung.

Mit ~S. Gabriel~ und den übrigen von ~Hofmann~ ererbten Assistenten Dr. ~Pulvermacher~ und Dr. ~Richter~ konnte ich mich leicht über die Verteilung der Arbeiten einigen. Die von mir mitgebrachten beiden Assistenten ~Piloty~ und ~Fogh~ übernahmen den Unterricht in dem Hauptsaal, der der analytischen Chemie eingeräumt war, ~Gabriel~ blieb in der organischen Abteilung und ich selbst übernahm außer den beiden großen Experimentalvorlesungen die Aufsicht über das Ganze. Als Privatassistent bei meinen eigenen Untersuchungen stand mir Dr. ~Lorenz Ach~, der schon in Würzburg dieselbe Stellung bekleidet hatte, zur Seite. Von den Würzburger Studierenden war nur der Engländer ~Crossley~, der später in London Professor an dem pharmazeutischen Institut wurde, mit übergesiedelt.

Die Wintervorlesung über anorganische Chemie habe ich mit einem kurzen Nachruf auf meinen großen Vorgänger begonnen, aber nach einem ganz anderen, schon in Würzburg benutzten Schema gehalten, weil diese Form für eine vorzugsweise aus Medizinern, Apothekern und Oberlehrern zusammengesetzte Zuhörerschaft nach meiner Erfahrung leichter verständlich und auch dem Entwicklungsgang unserer Wissenschaft mehr angepaßt war. Es machte mir aber besondere Freude, dabei die Hilfe von Dr. ~C. Harries~, der schon bei ~Hofmann~ Vorlesungsassistent gewesen war, zu haben; denn ich konnte nun viele der von ~Hofmann~ ausgebildeten Experimente zusammen mit den schon von mir gebrauchten dem Vortrag angliedern. So ist das reichhaltige Buch von Vorlesungsversuchen entstanden, das mit zweckmäßigen Ergänzungen seitdem in Berlin gebraucht wird und das auch manchem jüngeren Fachgenossen als Muster gedient hat.

Kaum war der Betrieb des Instituts voll im Gange, so brach eine kleine Revolte bei den Dienern aus. Sie erklärten plötzlich, die Arbeit nicht leisten zu können und zu wollen. Offenbar hatten sie die etwas zu freundliche Umgangsform, die ich von Süddeutschland her gewöhnt war, mißverstanden und hielten nun eine Machtprobe mir gegenüber für angebracht. Zudem waren sie durch das vorangegangene Regiment in bezug auf Arbeitsleistung etwas verwöhnt. Ich mußte nun den Ton wechseln, habe einen Diener, der kündbar war, sofort entlassen, einen anderen, der leider schon festangestellt war, durch den Minister pensionieren lassen, und mir im Handumdrehen andere Aushilfen verschafft. Das war für Berlin die richtige Methode, und ich habe später mit den Dienern, für die ich übrigens auch nach bestem Können sorgte, niemals mehr ernste Zerwürfnisse gehabt. Im Gegenteil, ich muß sagen, daß sie bei richtiger Behandlung brauchbarer und leistungsfähiger als in Süddeutschland waren.

Das nach den Anordnungen von ~A. W. Hofmann~ erbaute chemische Laboratorium in der Georgenstraße, das den Beinamen »I. Chemisches Institut der Universität« führte, zum Unterschied von dem durch ~Rammelsberg~ geplanten und später von ~Landolt~ benutzten »II. Chemischen Institut« in der Bunsenstraße, galt in bezug auf Architektur und Fassade als Sehenswürdigkeit, war aber für chemische Zwecke recht unpraktisch gebaut. Überall fehlte es an Luft und Licht und ein großer Teil des bebauten Raumes bestand aus dunklen und unbenutzbaren Korridoren. Nur die beiden Hauptarbeitssäle im ersten Stock nach der Georgenstraße und das geräumige Privatlaboratorium konnten als normale Arbeitsräume angesehen werden. Dagegen war der große Vorlesungssaal so dunkel, daß selbst mittags von 11 bis 12 meist künstliche Beleuchtung angewandt werden mußte. Ganz ungenügend war auch die Ventilation, und meine erste Sorge war deshalb, gerade so wie im Würzburger Institut, die Anlage einer ganzen Reihe von Kapellen, in der einfachen Form, wie sie früher geschildert wurde. Um ihnen genügenden Zug zu sichern, wurde eine besondere Luftzufuhr durch ein in die Wand geschlagenes Loch und einen im Innern der Säle über Manneshöhe nach aufwärts geführten Holzkanal angelegt.

Selbst die Heizung befand sich in einem traurigen Zustand; denn die dafür vorhandenen Torföfen funktionierten so schlecht, daß ein Teil der Studenten sich Privatgasöfen angeschafft hatte, die natürlich dem Institut durch den Gasverbrauch teuer zu stehen kamen. Sie mußten durch neue Kohlenöfen ersetzt werden.

Der laufende Etat, der vorher etwa 15000 M. betrug, war infolge meiner Forderung auf 20000 M. vom Minister erhöht worden. Auch zwei neue Assistenten wurden bewilligt, aber wie ich später zu meinem Bedauern erfuhr, dem chemischen Institut zu Göttingen abgeknappst.

Für die Ergänzung des Inventars hatte ich ebenfalls eine bescheidene Summe -- wenn ich nicht irre, waren es 15000 M. -- bei der Berufung ausbedungen. Als ich diese aber in Anspruch nehmen wollte, gab es einen heftigen Zusammenstoß mit Geheimrat ~Althoff~ im Kultusministerium. Die Summe schien ihm nachträglich zu hoch, und er verstieg sich sogar zu der Forderung, daß ich diese Anschaffungen aus eigener Tasche machen sollte. Es kam dann zu einer Aussprache, die Herrn ~Althoff~ darüber belehrte, daß ich nicht im geringsten gesonnen sei, mich schlecht behandeln zu lassen und auf irgend eine Bedingung der Berufung zu verzichten. Wir haben später noch manche Meinungsdifferenz miteinander gehabt, aber unsere Unterhaltung spielte sich von da ab immer in gemäßigter Form ab. Allmählich gewöhnte er sich auch daran, bei mir in chemischen Dingen Rat zu holen. Er hatte leider die unbequeme Gewohnheit, die Besucher in einem recht unbehaglichen Vorzimmer stundenlang warten zu lassen. Als mir das zum zweiten Mal passierte, bin ich weggegangen und auf seine spätere Anfrage, warum ich das getan, erklärte ich ihm ganz offen, er könne mich wohl warten lassen, wenn ich von ihm etwas erreichen wolle; wenn er aber meine Hilfe beanspruche, so müsse er mich gleich empfangen, denn meine Zeit sei ebenso kostbar und ebenso knapp wie die seine. Das hat er eingesehen, und je länger ich mit ihm in Verkehr stand, umsomehr habe ich ihn schätzen gelernt. Er war ein sehr kluger, ideenreicher Mann, der für jeden noch so verfahrenen Karren ein Mittel der Fortbewegung zu finden wußte. Dazu kam eine außerordentliche Arbeitskraft und Ausdauer in der Verfolgung seiner Pläne. Zudem ließ er sich bei allen wichtigen Entscheidungen nur von sachlichen Rücksichten bestimmen. Mit den äußeren Formen nahm er es nicht genau, und er hat manche Angehörige der preußischen Hochschulen durch sein suburbanes Wesen stark vor den Kopf gestoßen. Trotzdem bin ich der Ansicht, daß seine Tätigkeit für die Blüte der preußischen Hochschulen, insbesondere auch für ihre Ausstattung mit Instituten, Bibliotheken, Seminaren von größter Bedeutung gewesen ist.

Trotz der äußeren rauhen Form war er im Grunde genommen ein gütiger Mann, der überall half, wo er nur konnte. Das bewies seine Fürsorge für Witwen und Waisen, für altersschwache Professoren und Diener und die wenig bekannte Tatsache, daß er einen großen Teil seines Vermögens für solche Zwecke verschenkt hat.

Als meine Frau im jugendlichen Alter starb, hatte er solches Mitleid mit den drei kleinen hinterlassenen Kindern, daß er wohl ein Jahrzehnt hindurch diese alljährlich besuchte und ihnen auch vom Kultusministerium öfter durch Übersendung von hübschen Büchern eine Überraschung bereitete. Die Jungens waren darüber immer hocherfreut, weil sie glaubten, daß der Kultusminister in eigener Person ihnen auf diese Weise seine Anerkennung für gute Leistungen in der Schule aussprechen wollte. In Übereinstimmung mit vielen Kollegen habe ich ~Althoff~ damals für die bedeutendste Persönlichkeit im preußischen Kultusministerium gehalten.

Auch mit seiner Frau, einer geb. ~Ingenohl~ aus Neuwied, deren Mutter, eine geb. ~von der Leyen~, aus der Gegend von Flamersheim stammte und eine Jugendfreundin meines Vaters war, bin ich genau bekannt geworden, besonders während eines Aufenthaltes in Meran, von dem später noch die Rede sein wird. Sie ist eine liebe, kluge Frau und lebt trotz eines schweren Herzleidens noch jetzt hochbetagt in Steglitz. Das Andenken ihres Mannes hat sie durch eine sehr geschickte Lebensbeschreibung mit vielen interessanten Originalbriefen des Verstorbenen geehrt.

Die Professur der Chemie war schon von meinem Vorgänger her mit vielen Nebenämtern verbunden, die auch mir übertragen wurden. Dahin gehörte zunächst ein Lehrstuhl an der sogen. Pepinière, der jetzigen Kaiser Wilhelm-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen. Sie wird mit einem kleinen Gehalt honoriert und die Studierenden der Akademie besuchen, wie die übrigen Mediziner die regelmäßigen Vorlesungen über Experimentalchemie. Außerdem besteht an der Akademie ein Wissenschaftlicher Senat, in den ich ebenfalls gewählt wurde, und dem ich jetzt noch angehöre. Hier werden unter dem Vorsitz von Exzellenz ~von Schjerning~ militärärztliche Fragen verschiedenster Art in akademischer Form besprochen und daran schließt sich ein heiteres, auch von mir stets gerne besuchtes Abendmahl in den prächtigen Kasinoräumen der Akademie.

Das zweite medizinische Nebenamt erhielt ich in der wissenschaftlichen Deputation für das Medizinalwesen, die damals dem Kultusministerium angegliedert war. Die Aufgabe der Deputation war recht mannigfaltig. Sie besorgte die Prüfung der preußischen Kreisärzte und galt für die preußische Zivil- und Gerichtsverwaltung als höchste sachverständige Instanz in allen medizinischen Fragen. Als Mitglieder gehörten ihr an die meisten Kliniker, dann der Hygieniker und der Chemiker der Universität. Für alle medizinischen Fragen war also ein Fachmann vorhanden. Was außerhalb der engeren Medizin lag, fiel dem Chemiker zu, und so habe ich Gutachten der verschiedensten Art erstatten müssen, manchmal über Dinge, die mir recht fern lagen, und für die ich mir erst die richtigen Sachverständigen suchen mußte. Im Gedächtnis geblieben ist mir ein Gutachten über die Königin Louisen-Quelle, den sogen. Gesundbrunnen, der in früherer Zeit weit außerhalb der Stadt lag, und wohin damals die Berliner Bevölkerung bei schönem Wetter in Scharen pilgerte, um das berühmte Wasser zu trinken.

Das Wasser dieser Quelle war um die Mitte der 90er Jahre von einem Apotheker als Tafelwasser unter der Bezeichnung »Natürliches Mineralwasser« auf den Markt gebracht worden. Da er aber dem Wasser Kohlensäure zugeführt hatte, so erfolgte die Anzeige bei der Behörde wegen Betrugs. Der Mann wurde vom Gericht zu einer kleinen Geldstrafe verurteilt, aber was viel schlimmer war, der Polizeipräsident erließ eine öffentliche Warnung vor dem Tafelwasser, das nichts weiter als gewöhnliches Brunnenwasser sei. Dadurch wurde das Geschäft in kürzester Zeit ruiniert. In seiner Not wandte sich der Besitzer an das Ministerium des Innern. So kam die Sache an die wissenschaftliche Deputation, und ich wurde zum Berichterstatter bestellt. Die Darlegungen des Klägers waren so ungeschickt, daß ich anfänglich glaubte, er sei im Unrecht. Ich entschloß mich aber zu einer lokalen Besichtigung der Quelle und sicherte mir dafür die Hilfe eines Beamten von der geologischen Landesanstalt. Nach langem Suchen fanden wir die ehemals so berühmte Quelle, die einem ganzen Stadtteil Berlins den Namen gegeben hat, die aber sehr wenig Leute noch kannten, in dem Kellergeschoß eines großen Mietshauses. Wir erkannten alsbald, daß es sich hier um eine wirkliche, aus ziemlich großer Tiefe kommende starke Quelle handelte, deren Wasser sehr wohlschmeckend und sicherlich hygienisch ganz unbedenklich war. Auch die Sättigung mit Kohlensäure wurde in sachverständiger und sauberer Weise ausgeführt. Dementsprechend fiel mein Gutachten über die Quelle günstig aus. Der Polizeipräsident mußte sein abfälliges Urteil widerrufen und das Tafelwassergeschäft war gerettet.

Aus diesem Beispiel habe ich ersehen, wie zweckmäßig es ist, sich bei solchen Gutachten nicht auf die Akten zu verlassen, sondern die tatsächlichen Verhältnisse, womöglich durch Augenschein gründlich kennen zu lernen.

In der Regel aber waren meine Gutachten für die Deputation recht langweilig und auf Kleinigkeiten, z. B. Zänkereien zwischen Apothekern und Drogisten beschränkt. Ich zog es deshalb vor, nach Ablauf meiner 5-jährigen Amtszeit aus der Deputation auszutreten. Mein Nachfolger wurde ~Landolt~. Später, als ~Althoff~ der Vorsitzende der Deputation geworden war, hat er mich nochmals halb zwangsweise als Mitglied in diese berufen, aber nach einigen Jahren bin ich wieder ausgetreten und die Stelle ist dann dem Pharmakologen aus der medizinischen Fakultät übertragen worden.