Part 14
Als wir zum Schluß auch die Dienstwohnung besichtigen wollten, führte uns zwar ~Bunsen~ bis zur Eingangstür, zog dann aber einen riesigen Schlüsselbund hervor und prüfte jeden einzelnen Schlüssel, ob er zum Schloß passe. Der Versuch fiel negativ aus und das Resultat wurde bei mehrmaliger Wiederholung nicht besser, so daß ich schließlich den alten Herrn bitten mußte, seine Bemühungen einzustellen. Hinterher habe ich erfahren, daß die Operation mit dem Schlüssel eine Komödie war. ~Bunsen~ wollte uns einfach die Wohnung nicht zeigen, weil er fürchtete, sie würde meiner Frau ebenso wie Frau ~Meyer~ mißfallen und einen Grund zur Ablehnung des Rufes bilden. Darin hatte er sich allerdings geirrt. Nicht die Wohnung, sondern die Maßregeln, die man zur Erweiterung des Instituts getroffen hatte, und die nach meiner Ansicht nur eine Flickerei bedeuteten, waren für mich bestimmend, in Würzburg zu bleiben, nachdem man mir dort einen Neubau des Instituts in Aussicht gestellt hatte. Inzwischen war bei ~Meyer~ ein gründlicher Stimmungswechsel eingetreten, er bedauerte außerordentlich, nicht nach Heidelberg gegangen zu sein und besuchte mich umgehend in Würzburg, um mich darüber aufzuklären. Wir wurden rasch einig; denn mir war es lieb, absagen zu können, ohne daß der alte ~Bunsen~ und die Heidelberger Fakultät sich über mangelnde Schätzung der dortigen Professur zu beklagen hätten. Mit dem Ministerium zu Karlsruhe wurde die Angelegenheit telegraphisch erledigt und ~Meyer~ ist dann, wie bekannt, nach Heidelberg gegangen. Das alte ~Bunsen~'sche Laboratorium blieb im Betrieb, wurde aber durch einen Neubau für die organische Abteilung ergänzt. Ich habe mir später das vergrößerte Laboratorium angesehen und die Überzeugung gewonnen, daß meine ursprüngliche Ansicht richtig war. Man hätte mit demselben Gelde einen sehr viel größeren und zweckmäßigeren Neubau 10 Minuten vor der Stadt errichten können.
Die Universitätsverwaltung zu Würzburg und das Kultusministerium zu München gaben ihren Dank für mein Bleiben sofort zu erkennen; denn sie beantragten den Neubau des chemischen Instituts, wofür die Stadt einen prächtigen Bauplatz am Pleichering für die Überlassung des alten Gebäudes in der Maxstraße zur Verfügung stellte. Außerdem wurde für mich eine Gehaltszulage von 1000 Mk. in Aussicht gestellt, ohne daß ich in diesem Punkt eine Forderung gestellt hatte. Aber beide Positionen bedurften der Genehmigung durch den bayerischen Landtag. Sie wurden von der ultramontanen Mehrheit in schroffer Weise abgelehnt und die Gehaltszulage sogar zum zweiten Male, als die Kammer der Reichsräte die kleine Summe in den Etat wieder eingestellt hatte. Der Grund dieser schlechten Behandlung ist mir erst einige Jahre später bekannt geworden. Zum Trost dafür wurde mir zunächst ein bayerischer Orden verliehen und bald nachher auch die Gehaltszulage gewährt, nachdem die Mittel dafür durch einen Sterbefall frei geworden waren. Die Forderung für den Neubau mit 650000 M. mußte allerdings um 2 Jahre, d. h. bis zur nächsten Haushaltsperiode verschoben werden. Die Sache nahm dann einen sehr lustigen und für bayerische Verhältnisse so charakteristischen Verlauf, daß ich sie hier in den Einzelheiten mitteilen will.
Um die von der Regierung betonte Notwendigkeit eines Neubaues für das chemische Institut an Ort und Stelle zu prüfen, erschien eine Kommission des Landtages in Würzburg. Sie bestand aus dem Ministerialbeamten Dr. ~Bumm~, dem Vertreter der ultramontanen Mehrheit Dr. ~Daller~ und dem Vertreter der liberalen Minderheit Dr. ~Schauß~. Letzterer hatte die Freundlichkeit, mich vor der offiziellen Besichtigung im Institut aufzusuchen, da er mich von der Münchener Zeit her persönlich kannte. Er eröffnete die Unterredung mit der Frage: »Wie kommen Sie als gut katholischer Mann dazu, Ihre Kinder protestantisch taufen zu lassen?« Auf meine Erklärung, daß ich stets protestantisch gewesen sei, erwiderte er: »Herrgott, dann ist Ihnen ja vor zwei Jahren schweres Unrecht geschehen«, wobei er die schlechte Behandlung von seiten des bayerischen Landtages im Auge hatte. Als ich aber dann zufügte, daß meine Frau katholisch sei, erklärte er lachend: »Nun, das ist noch viel schlimmer, dann haben Sie also die Strafe von damals redlich verdient.«
Bald nachher hatten wir die Ehre, die Kommission zu empfangen. Damit das in würdiger Weise geschehe, waren nach Verabredung mit den Assistenten und Studenten Vorbereitungen getroffen, nicht mit Blumen oder weißgekleideten Jungfrauen, sondern auf viel wirksamere Weise mit den stärksten Riechstoffen der Chemie. Brom, Schwefelwasserstoff, Ammoniak, Mercaptan, Skatol, Isonitril, Kakodyl hatten dazu gedient, die verschiedenen Räume des Instituts mit einer infernalischen Atmosphäre zu erfüllen, um den Mitgliedern der Kommission die ungenügende Größe und schlechte Ventilation überzeugend ad nasum zu demonstrieren. Ich sehe noch die erstaunten Gesichter der Herren, die sich tapfer durch die Gerüche durcharbeiteten, und als wir schließlich im Keller angelangt waren, atmete die ganze Gesellschaft auf und erklärte, daß hier die Luft bei weitem am besten sei.
Meine Aufgabe war es selbstverständlich, Herrn Dr. ~Daller~ für den Neubau zu gewinnen, und ich bot dafür alle mir zu Gebote stehende Beredsamkeit auf. Als kluger Mann hielt er sich für verpflichtet, auch billigere Möglichkeiten, z. B. einen Umbau des alten Instituts, zu erwägen.
Als ich diesen Gedanken zurückwies, weil das Haus in der Grundlage verfehlt sei, stellte er die überraschende, aber gewiß nicht unberechtigte Frage: »Wer garantiert uns denn dafür, daß solche Eselei nicht wieder passiert?« Ich war selbstbewußt genug, für meine Person die Eselei entschieden abzulehnen und hatte den Eindruck, daß sowohl Dr. ~Daller~, wie die beiden anderen Herren von meinen Darlegungen befriedigt seien. In der Tat wurde mehrere Wochen später die Summe für den Neubau von dem Landtag ohne jeden Abstrich bewilligt, und ich war auf diesen scheinbaren Erfolg meiner Bemühungen ziemlich stolz.
Als ich aber ein halb Jahr später ~Adolf von Baeyer~ in München besuchte und ihm den Verlauf der Verhandlungen über den Neubau des Würzburger Instituts erzählte, erfuhr ich mit einem gewissen Gefühl der Enttäuschung, daß der Gesinnungswechsel bei Dr. ~Daller~ nicht durch meine Beredsamkeit und sonstige Veranstaltungen herbeigeführt worden wäre, sondern durch den Eingriff eines meiner alten Schüler aus der Münchener Periode, Dr. ~Brandl~, durch den ich die früher erwähnte kleine Arbeit über die Bestimmung des Fluors in Silicaten hatte ausführen lassen. Dieser Herr war mit Dr. ~Daller~ engbefreundet und hatte ihm ernste Vorwürfe wegen der schlechten Behandlung gemacht, die mir von Seiten des bayerischen Landtages zwei Jahre vorher zuteil geworden war. Das war der Grund, warum Dr. ~Daller~ nunmehr für den Neubau des Instituts eintrat und die ungekürzte Bewilligung der Bausumme befürwortete.
Für die Begründung der Forderung an den Landtag hatten der Universitätsbaumeister ~von Horstig~ und ich einen provisorischen Bauplan entworfen und erhielten nun von der Regierung in München plötzlich den überraschenden Auftrag, diesen mit der vom Landtag bewilligten Summe auszuführen. Ich erklärte darauf kurzweg der Universitätsverwaltung, daß der Plan durchaus unreif sei und erst durch ein neues, nach jeder Richtung hin durchdachtes Projekt ersetzt werden müsse. Aber dazu hatte der Universitätsbaumeister keine rechte Lust, weil ihm inzwischen auch die Aufgabe zugefallen war, ein neues Haus für die gesamte Universität zu bauen. Es mußte also für das Institut ein besonderer Baumeister gesucht werden. Diese Aufgabe fiel wieder mir zu, und durch fleißige Erkundigungen bei Sachverständigen gelang es mir auch, einen im bayerischen Staatsdienst stehenden, jungen tüchtigen Baumeister zu ermitteln. Mit meinem Vorschlag, diesem Herrn unter günstigen Bedingungen den Institutsbau in Würzburg anzuvertrauen, fand ich beim Kultusministerium in München größtes Entgegenkommen. Aber die Bauverwaltung glaubte sich durch mein Vorgehen in ihren Rechten beeinträchtigt und schlug meine Bitte rundweg ab. Infolgedessen wandte ich mich im Einverständnis mit der Universitätsverwaltung in Würzburg an den hervorragenden Architekten Professor ~Hase~ in Hannover, mit dem ich vorher in einem Briefwechsel über seinen Sohn, der in Würzburg Chemie studierte, gestanden hatte. Er empfahl uns einen tüchtigen jungen Baumeister aus dem Kreise seiner Schüler, und es kam mit dem Herrn ein Vertrag zustande. Als dieser aber zur Genehmigung den Behörden in München vorgelegt wurde, entstand dort eine große Aufregung über die Wahl eines preußischen Baumeisters und über das eigenmächtige Vorgehen von Professor ~Fischer~. Der Vertrag wurde annulliert und die Münchener Baubehörde sandte, da sie selbst keinen geeigneten Mann zur Verfügung hatte, einen jungen schwäbischen Baumeister nach Würzburg, der sich aber hinterher als unfähig erwies. Der ganze Streit mit der Baubehörde zu München hatte aber das Gute, daß auf ihre ernsten Vorstellungen hin sich nun der tüchtige Universitätsbaumeister ~von Horstig~ noch bereit erklärte, auch den Neubau des chemischen Instituts zu übernehmen. Mit ihm zusammen habe ich dann einen neuen Plan ausgearbeitet, der nach meinem Gefühl gründlich durchdacht war und sowohl in den Raumverhältnissen, wie in den technischen Einrichtungen dem Bedürfnis der Universität Würzburg entsprach. Mit kleinen Abänderungen ist er auch wirklich ausgeführt worden, allerdings erst nach meinem Weggange von Würzburg, und ich glaube, daß auch heute noch das Würzburger Institut zu den besteingerichteten Laboratorien Deutschlands gehört.
Nach alter Gewohnheit habe ich in Würzburg die Ferien regelmäßig zu kürzeren oder längeren Reisen benutzt. Ostern ging es meistens nach dem Süden. Die Reise nach Corsica 1886, wo der Skatolgeruch mich begleitete, ist früher schon erwähnt. Nach 14-tägigem Aufenthalt in Ajaccio erhielt ich den Besuch von ~W. Königs~ und ~R. von Pechmann~, die von Nizza kamen und nach einer stürmischen Nacht in ziemlich erschütterter Verfassung auf der Insel landeten. Einige Tage später sind wir zusammen auf einem Privatwagen von Ajaccio quer durch die Insel über Corte nach Bastia gefahren. Es ist eine Strecke von etwa 120 km, und die Fahrt dauerte zwei Tage. Es war für die beiden kleinen corsischen Pferde eine achtungswerte Leistung; denn die schöne Straße führte über eine beträchtliche Paßhöhe von mehr als 1000 m. Eisenbahnverbindungen gab es damals noch nicht auf der Insel.
Wegen der Armut des Landes kamen wir etwas verhungert in Bastia an, von wo es noch in der gleichen Nacht weiter nach Livorno ging. Hier sind wir für die kleinen Entbehrungen der sonst genußreichen Landfahrt entschädigt worden durch ein opulentes Mahl, das ~Pechmann~ zusammen mit dem Chef de cuisine des Hotels zusammengestellt hatte; denn er war nicht allein ein guter Chemiker, sondern auch in der Kochkunst wohl unterrichtet. Ich bin später noch einige Male mit diesem verdienten Fachgenossen auf Reisen zusammengetroffen. ~Königs~ hat ihm einen trefflichen Nekrolog gewidmet. Ich kann hier nur bestätigen, daß er ein sehr angenehmer Reisegesellschafter war, der gerne das Amt des Reisemarschalls übernahm und dessen Anordnungen man ruhig vertrauen konnte, wenn man nicht aufs Sparen angewiesen war.
Im nächsten Jahre verbrachte ich die Osterferien zu Bordighera an der Riviera di Ponente in Gesellschaft von ~Baeyer~ und später bin ich dort wiederholt mit ~Baeyer~ und einmal auch mit ~Victor Meyer~ zusammengetroffen. Zu unserm Kreise gesellte sich auch der Dichter ~Ludwig Fulda~, der uns bei Tisch mit allerlei Späßen und Schnurren trefflich unterhielt. Der Tag diente dann regelmäßig für Spaziergänge und Ausflüge in die prächtige Umgebung, und die Abende verbrachten wir ebenso regelmäßig in der Bierstube des Hotels mit Glücksspiel, wobei der höchste Einsatz allerdings auf 2 Soldi normiert war. ~Baeyer~ galt als der Sachverständigste, da er in jungen Jahren einmal einen mehrwöchentlichen Aufenthalt in Monaco gehabt und dort mit den Croupiers der Spielbank verkehrt hatte. Er war deshalb der Bankhalter, und es machte ihm großen Spaß als solcher an manchen Abenden einen Gewinn von 4 bis 5 Frs. einzustreichen. Ich bin selbst immer ein Feind des Spiels gewesen, weil es von meinem Vater als eines der schlimmsten Laster so oft gerügt worden war. Aber an die Spielabende in Bordighera, bei denen allerdings die Leidenschaft nicht allzu sehr erregt wurde, denke ich doch mit Vergnügen zurück.
Für manche Leute ist freilich ein solches Spiel mit dem Spiele ein gefährliches Ding. So hat unser Freund ~Pechmann~ schwer darunter gelitten; denn der größere Teil seines Vermögens war der Spielbank zu Monte Carlo zum Opfer gefallen, und auch in späteren Jahren, wenn er in die Gegend der Bank kam, bedurfte es sorgfältiger Überwachung durch seine Freunde, wenn die Reisekasse nicht gefährdet sein sollte. Auch unter meinen späteren Berliner Kollegen habe ich solche Spielfreunde kennen gelernt, die im übrigen sehr kluge und vernünftige Leute waren. Denn die Leidenschaften sind von dem Verstande ziemlich unabhängig.
Selbstverständlich fehlte es auch bei dem Zusammenleben an der Riviera, besonders auf den Spaziergängen, nicht an wissenschaftlichen Gesprächen, und es gab wohl kaum ein wichtiges Problem der Chemie, das wir nicht behandelt hätten.
In besonderer Erinnerung ist mir eine stereochemische Frage geblieben. Im voraufgegangenen Winter 1890/91 hatte ich mich mit der Aufgabe beschäftigt, die Konfiguration der Zucker aufzuklären, ohne ganz zum Ziele zu gelangen. Da kam mir in Bordighera der Gedanke, die Entscheidung über die Konfiguration der Pentosen durch ihre Beziehungen zu den Trioxyglutarsäuren zu treffen. Leider konnte ich wegen Mangel eines Modells nicht feststellen, wieviel solcher Säuren nach der Theorie möglich seien, und ich legte deshalb die Frage ~Baeyer~ vor. Er griff solche Dinge mit großer Wärme auf und konstruierte gleich aus Zahnstochern und Brotkügelchen Kohlenstoffatommodelle. Aber nach langem Probieren gab auch er die Sache auf, angeblich, weil es ihm zu schwer wurde. Es ist mir erst später in Würzburg durch lange Betrachtung von guten Modellen gelungen, die endgültige Lösung zu finden.
Später bin ich mit ~Baeyer~ in den Osterferien wiederholt an den Genfer See, nach Territet bei Montreux gegangen, wo wir einigemale auch mit ~Carl Graebe~, der damals Professor in Genf war, zusammentrafen. Bei Sonnenschein war der Aufenthalt am Genfer See außerordentlich erfrischend und die herrliche Umgebung gab reichlich Gelegenheit zu schönen Spaziergängen und größeren Ausflügen. ~Graebe~ war ein belebendes Element in unserem Kreise, und wenn an der langen Tafel des Grand Hotels sein helles, lautes Lachen ertönte, so wurde die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft dadurch geweckt. Durch sein heiteres Wesen, seine gefälligen Umgangsformen, das kluge Urteil in wissenschaftlichen und auch rein menschlichen Dingen hat er mir so gut gefallen, daß ich mich gerne um seine Freundschaft bewarb und mit ihm wiederholt noch in späteren Jahren während der Herbstferien im Schwarzwald zusammengetroffen bin.
Mit 65 Jahren verließ er Genf, wo er mehr als ein Vierteljahrhundert als Professor der Chemie gewirkt hatte, und zog sich nach seiner Vaterstadt Frankfurt a. M. zurück, wo er jetzt noch hochbetagt, aber in körperlicher und geistiger Frische weilt. Seine großen wissenschaftlichen Arbeiten gehören der Geschichte an. Aber auch jetzt noch ist er schriftstellerisch tätig, und im vergangenen Herbst erfuhr ich zu meiner großen Freude in Baden-Baden von ihm, daß er eine Geschichte der organischen Chemie geschrieben habe, welche sicherlich das gleichartige vortreffliche Buch von ~Ed. v. Hjelt~ in glücklicher Weise ergänzen wird und von der ich hoffe, daß der Druck durch die Kriegszeit nicht verhindert wird.
Im Anschluß an einen Aufenthalt in Territet haben ~Baeyer~ und ich 1892 an dem internationalen Kongreß der Chemiker zur Reform der Nomenklatur der Kohlenstoffverbindungen in Genf teilgenommen. Er unterschied sich in vorteilhafter Weise von den lärmenden und verwirrenden internationalen Zusammenkünften wissenschaftlicher oder technischer Art, die in den letzten 20 Jahren stattfanden und die ich, wenn irgend möglich, vermieden habe. Der in Genf versammelte bestand aus etwa 60 Personen, die alle im gleichen Hotel untergebracht waren und die wie eine große Familie mehrere Tage zusammen verlebten. Auch mehrere Damen, u. a. auch meine eigene Frau nahmen an den bescheidenen, aber behaglichen, geselligen Veranstaltungen teil.
An der Spitze des Kongresses stand ~Charles Friedel~ aus Paris, ein geborener Elsässer und ein sehr sympathischer Mann; ich kannte ihn schon von einem früheren Besuch in Paris. Er begrüßte mich mit der ruhigen Freundlichkeit, die seinem Wesen eigen war. Wir haben uns lange unterhalten, weil ich ihm viel von seiner Vaterstadt Straßburg erzählen konnte, wobei er bis zu Tränen gerührt die Abtrennung seiner Heimat von Frankreich beklagte.
Auch die meisten anderen europäischen Länder waren vertreten. Eine Hauptrolle bei den Verhandlungen spielte ~Adolf Baeyer~, der ebenfalls sich mit Nomenklaturfragen schon vielfach beschäftigt hatte und durchweg mit seinen Vorschlägen durchdrang. Über die Einzelheiten zu berichten, habe ich um so weniger Veranlassung, als die Verhandlungen ziemlich ausführlich in den chemischen Zeitschriften geschildert sind.
Von dem Ergebnis des chemischen Kongresses ist manches geblieben und wohl dauerndes Eigentum der chemischen Sprache geworden. Aber die konsequente Durchführung einer rationellen Nomenklatur nach der chemischen Konstitution hat sich doch als unmöglich erwiesen, da sie schließlich zu Namen führte, die wegen ihrer Länge unbrauchbar sind. Auch das, was man vorzugsweise ins Auge gefaßt hatte, die Registrierung der Kohlenstoffverbindungen mit Hilfe solcher Namen, ist, wie man weiß, inzwischen abgelöst worden durch die praktische einfachere Registrierung nach der empirischen Formel, wie sie von ~M. M. Richter~ zuerst angewandt wurde. Aber auch hier wächst die Zahl der unter gleicher Formel aufgeführten Isomeren mit erschreckender Schnelligkeit, und schon muß man daran denken, neben der empirischen Formel noch ein zweites Registrierungsmittel zu finden, um die Aufsuchung der einzelnen Stoffe zu erleichtern.
Die Tage des Genfer Kongresses werden trotzdem allen Teilnehmern in bester Erinnerung geblieben sein; denn er war in seinem harmonischen Verlauf und dem behaglichen Verkehr seiner Mitglieder ein würdiges Abbild der gemeinsamen Interessen, welche die Vertreter der Wissenschaft in allen Ländern miteinander verbinden sollte. Nach den traurigen Erfahrungen des Weltkrieges rufe ich mir diese besseren Zeiten gerne ins Gedächtnis zurück und hoffe, daß mit der Rückkehr des Friedens auch die Vernunft und das Gefühl der Solidarität bei den Gelehrten und ganz besonders bei den Naturforschern zurückkehren wird.
Während der Würzburger Periode bin ich in den Herbstferien meist nach einem Seebad in Belgien oder Holland und später nach Norderney gegangen. An einer solchen Badereise nach Scheveningen 1889 nahm auch meine Frau teil, und wir haben dort mit ~Arthur Dilthey~ und seiner Frau mehrere vergnügte Wochen zugebracht und hinterher die größeren holländischen Städte besucht. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch meiner Frau Euskirchen und Umgebung gezeigt und sie unserer zahlreichen Familie am Niederrhein vorgestellt. Gewöhnlich aber ging sie in den Herbstferien mit den Kindern nach Ambach am Starnberger See zu ihren Eltern.
Zu der Jagd in Euskirchen, der ich früher so viel Erfrischung verdankte, bin ich seit meiner Erkrankung in Erlangen nicht mehr gekommen, weil ich mich nicht neuen Erkältungen aussetzen wollte. Statt dessen habe ich im September wiederholt die Naturforscherversammlung besucht, während der Würzburger Zeit diejenige zu Berlin 1886 und Heidelberg 1889. Letztere stand im Zeichen der Physik und Chemie; denn ~Heinrich Hertz~ und ~Victor Meyer~ hielten die beiden Hauptvorträge, der erste über seine große Entdeckung der elektrischen Wellen und der andere über allgemeine Probleme der Chemie.
Auch ~H. von Helmholtz~ und ~Werner von Siemens~ kamen in Gesellschaft von ~Edison~, der gerade den Phonographen erfunden hatte und dieses merkwürdige Instrument durch einen Gehilfen vorführen ließ. Ferner habe ich hier den Physiker ~Bolzmann~ aus Wien zuerst sprechen hören. Er hatte die merkwürdige Gewohnheit, jeden Satz in der höchsten Stimmlage zu beginnen und im tiefsten Bariton zu beenden. Das war so anstrengend, daß ihm schon nach einigen Minuten der Schweiß über das Gesicht rann, und wir Zuhörer hatten trotz der großen Achtung vor dem Redner Mühe, unsere Heiterkeit zu verbergen.
~Bunsen~ war nicht anwesend. Wahrscheinlich hatte er noch genug von den Strapazen der 500-jährigen Jubelfeier der Universität Heidelberg, die einige Jahre zuvor im August 1886 stattgefunden und an der ich auch teilgenommen hatte.
In Gesellschaft von ~Baeyer~ machte ich damals meinen ersten Besuch bei ~Bunsen~, der uns sehr freundlich und mit Bergen von Zigarren empfing, aber in der Unterhaltung wohl wegen seiner Schwerhörigkeit zurückhaltend war. Wir trafen dort Sir ~Henry Roscoe~, der von England herübergeeilt war, um seinem alten Lehrer und Freunde ~Bunsen~ die Repräsentation während dieser Festtage zu erleichtern. ~Roscoe~ war ein sehr liebenswürdiger Mann, der sich uns jungen Fachgenossen schnell anzupassen wußte und uns durch die Erzählung von Schnurren aus seiner Heidelberger Studienzeit oder von seinen Erlebnissen in England viel Spaß machte. Ich habe ihn noch mehrmals in England selbst wiedergesehen und er hat mir auch einige sehr freundlich gehaltene Briefe geschickt.
Natürlich fehlte es damals in Heidelberg nicht an den üblichen Festen auf dem alten Schloß, an einem gewaltigen Kommers, dem der Großherzog in eigener Person präsidierte, und ähnlichen akademischen Veranstaltungen.
Die Naturforscherversammlung in Berlin vom Jahre 1886, die erste in der neuen Reichshauptstadt, war außerordentlich stark besucht. Sie trug einen anderen Charakter wie in Heidelberg, verlief aber für uns Chemiker auch sehr interessant; denn die Verhandlungen in unserer Sektion waren reich an wissenschaftlichem Inhalt und die einheimischen Mitglieder der chemischen Gesellschaft gaben sich alle Mühe, durch behaglichen geselligen Verkehr und Veranstaltungen von lustigen Festen, z. B. einem Bierabend der durstigen chemischen Gesellschaft unter dem Vorsitz von ~C. Scheibler~, den auswärtigen Fachgenossen den Aufenthalt in Berlin zu verschönern. Hier habe ich ~A. W. von Hofmann~ von neuem kennen gelernt und seine große Gewandtheit in geschäftlichen und repräsentativen Dingen bewundert.
Die chemische Gesellschaft hatte bei dieser Gelegenheit eine Ausstellung von wissenschaftlichen Präparaten veranstaltet, zu der ich neben anderen Dingen die frisch bereiteten synthetischen Indole beisteuerte. Darunter befand sich eine stattliche Menge von ganz reinem Skatol, und der Entdecker dieses Stoffes, Professor ~Brieger~, war sehr befriedigt, daß auch mein Präparat den von ihm geschilderten üblen Geruch besaß; denn ~A. von Baeyer~ hatte einige Zeit vorher mitgeteilt, daß reines Skatol nicht unangenehm rieche. Er war offenbar der nicht seltenen Täuschung zum Opfer gefallen, die durch die ganz verschiedene Wirkung von Riechstoffen in konzentrierter oder verdünnter Form auf das Geruchsorgan entstehen kann.
Im Anfang des Jahres 1890 konnte ich in den Berichten der chemischen Gesellschaft die Synthese der Mannose und Lävulose mitteilen. Die Folge davon war eine Einladung des Vorstandes, einen zusammenfassenden Vortrag über die Kohlenhydrate in Berlin zu halten. Dieser fand statt am 23. Juli 1890, und ich konnte, unterstützt von meinem Mitarbeiter Dr. ~J. Tafel~, die wichtigsten Phasen der Untersuchung durch Experimente illustrieren. Es war das erste Mal, daß ich in der chemischen Gesellschaft sprach, und als Dank dafür erntete ich von Seiten des Vorsitzenden, Herrn ~A. W. von Hofmann~, einige sehr freundliche Worte der Anerkennung. Hinterher fand dann, wie es Sitte war und auch geblieben ist, ein in einfachen Formen gehaltenes Abendessen zu Ehren des Vortragenden statt.
Als ich nach Würzburg zurückkehrte und meine Frau, die neugierig auf den Verlauf des Vortrages war, mich danach fragte, habe ich mir eine kleine Neckerei erlaubt und ihr gesagt, die Leute hätten bei den Hauptstellen der Rede »Au« gerufen. Darauf gewaltige Entrüstung und Vorwürfe gegen die unhöflichen Preußen, wozu sie sich als Bayerin völlig berechtigt fühlte; denn auch mich selbst hat sie zuweilen im Zorn als Preußen tituliert. Ich habe sie allerdings hinterher über den Scherz aufgeklärt, aber die gute Laune war doch verdorben.
Die erste Synthese der natürlichen Zucker hat mir auch die erste öffentliche Anerkennung von Seiten des Auslandes eingetragen; denn ich erhielt bald nachher von der Chemical Society zu London die Davy-Medaille und wurde von der wissenschaftlichen Gesellschaft zu Upsala zum korrespondierenden Mitglied gewählt.
Obschon Würzburg nicht an gerade der großen Heerstraße lag, so ist mir doch mancher liebe Besuch von Fachgenossen dort zuteil geworden; so kam ~Eduard Hjelt~ eines Tages als früherer Studierender der Universität, später ~Victor Meyer~, dann ~Otto N. Witt~, ~H. W. Perkin~ jun. und mancher andere. Am meisten überraschte mich ~Ernst Haeckel~ aus Jena, der früh morgens mit der Reisetasche und in aller Eile erschien, um sich nach ~Ludwig Knorr~ zu erkundigen. Aus der kurzen, aber sehr lebhaften Unterhaltung ist mir ein Ausspruch ~Haeckels~ im Gedächtnis geblieben: »Wenn Ihr Chemiker synthetisch das richtige Eiweiß macht, dann krabbelt's.« ~Knorr~ erhielt einige Monate später in der Tat einen Ruf nach Jena und ist im Herbst 1889 dahin übergesiedelt. Es sind jetzt nahezu 30 Jahre, daß er ein angesehenes Mitglied der Thüringer Hochschule bildet.
Die sonderbarsten Besuche erhielt ich aus Amerika. Eines Tages erschien ein Professor der Physiologie, der von einem reichen Mann Geld erhalten hatte, um eine Universität in Worcester U. S. A. zu gründen. Er hatte die romantische Idee, ein ganzes Schiff mit europäischen Professoren, Assistenten, Instrumenten, Präparaten und ähnlichen Dingen zu beladen und mit diesem Apparat dann seine Universität auszustatten. Die Unterhaltung mit mir eröffnete er mit der Frage: »Wollen Sie mit mir als Professor nach Amerika gehen?«, worüber ich so überrascht war, daß ich das Ganze für einen Scherz hielt, bis er sein ausführliches Programm entwickelte. Er war übrigens ein gebildeter und weitgereister Mann, der viel Interessantes zu erzählen wußte.