Part 12
In Badenweiler mit seiner prächtigen Umgebung habe ich das Schlaraffenleben von Corsica etwa noch 5 Wochen fortgesetzt, bis eines Tages eine Depesche von dem Würzburger Professor ~Semper~ eintraf, der mich zu einer Unterredung nach Heidelberg einlud. Es war mir bereits bekannt, daß ~J. Wislicenus~ als Nachfolger von ~Kolbe~ nach Leipzig berufen war, und daß die Würzburger Professur für Chemie neu besetzt werden mußte. Daß man an mich denken würde, hielt ich für unwahrscheinlich, da ich wegen Krankheit mich in Urlaub befand und solche Dinge gerüchtweise immer stark übertrieben werden. In der Tat hatte auch die Fakultät in Würzburg auf mich verzichtet und ~O. Wallach~ dem Ministerium zu München vorgeschlagen. Ehe aber dort die Entscheidung fiel, hatte Fräulein ~Bertha Strecker~ aus München, die Schwester von Frau ~Leube~, in Erlangen erfahren, daß ich wieder gesund sei und diese Nachricht nach Würzburg überbracht. Das veranlaßte Professor ~Semper~, Mitglied der philosophischen Fakultät, die Möglichkeit meiner Berufung wieder in Erwägung zu ziehen, und zu dem Zweck die Zusammenkunft mit mir zu veranstalten. Sie fand statt im Hotel Schlieder zu Heidelberg, und, wie ich bald merkte, lief sie hinaus auf eine Prüfung meines Gesundheitszustandes, wozu sich offenbar ~Semper~ als Zoologe besonders geeignet hielt. Als später die Sache in Würzburg ruchbar wurde, erzählten sich die Leute dort, man habe mich von einem Tierarzt untersuchen lassen. Genug, ~Semper~ machte mir den Vorschlag, einen Spaziergang zum Schloß zu unternehmen. Obschon er viel älter war als ich, schlug er absichtlich einen raschen Schritt an, so daß er ganz atemlos oben ankam, während ich, an das Bergsteigen damals gewöhnt, mich bei dem Tempo sehr behaglich fühlte. Dann kam die zweite Probe, ~Semper~ schlug vor, eine Flasche Sekt zu trinken. Auch das war mir nicht unsympathisch, da der Genuß von Wein zu meinen Gewohnheiten gehörte. Der Erfolg dieses Frühstücks war dann auch, wie man erwarten konnte, eine leichte Betrunkenheit des älteren Herrn ohne Mitleidenschaft des jüngeren Kollegen. Das Examen war bestanden. ~Semper~ reiste nach Würzburg zurück, erklärte seinen Fakultätsgenossen, »der ~Fischer~ ist ein ganz starker, leistungsfähiger Mann, der uns alle überleben wird«, worin er auch recht behalten hat. Infolgedessen ging ein neuer Vorschlag der Fakultät nach München und etwa einem Monat später erhielt ich wirklich vom Ministerium den Ruf nach Würzburg. Um ~Wallach~ hat es mir leid getan, denn er war über den ersten Vorschlag der Fakultät unterrichtet. Aber ich konnte deshalb nicht zurücktreten, und da mir der Wechsel nach Würzburg außerordentlich sympathisch war, so nahm ich das Angebot des Ministeriums gerne an.
Zuvor hatte ich einen mehrwöchigen Aufenthalt in Homburg v. d. Höhe genommen, von dem mir zwei Ereignisse in Erinnerung geblieben sind.
Zunächst wieder ein Wagenunglück. Ich besuchte die mir von Lebzeiten ihres Gemahls her wohlbekannte Frau Dr. ~von Brüning~, geb. ~Spindler~ aus Berlin auf ihrem prächtigen Landsitz bei Homburg und sie lud mich zu einer Wagenfahrt ein. Ich suchte das abzulehnen mit der Motivierung, daß das Wagenfahren für mich zu viele Gefahren bringe. Sie ließ diese Bedenken aber nicht gelten, weil Pferde und Kutscher bei ihr durch langjährige Dienste bewährt seien. Wie fuhren also in Begleitung ihres Sohnes nach der nahegelegenen Saalburg im Taunus. Als wir uns glücklich wieder auf dem Rückweg und auf der ebenen Landstraße befanden, stieß plötzlich der Kutscher einen Schrei aus und fiel bewußtlos vom Bock. Die Zügel schleiften natürlich an der Erde. Glücklicherweise trabten die alten Pferde ruhig weiter, bis der junge ~Brüning~ vom Wagen auf den Bock klettern und dort die Zügel fassen konnte. So ging die Sache ohne Schaden für uns vorüber. Der kranke Kutscher wurde nun in den Wagen gesetzt und nach Hause gefahren. Wir folgten zu Fuß und Frau ~von Brüning~ war doch etwas erschüttert durch das prompte Eintreffen meiner Unglücksprophezeiung. Sie hat daraus die Konsequenz gezogen, in Zukunft neben den Kutscher stets noch einen Diener auf dem Bock sitzen zu lassen.
Zufälligerweise hatte auch die Familie ~Meister~ in Homburg eine Sommerwohnung bezogen und auf meinen Besuch hin wurde ich zu einer Abendgesellschaft zugezogen, an der die Fürstin Bismarck und ihr Sohn Herbert teilnahmen. Es war mir natürlich sehr interessant, die nächsten Angehörigen des großen Reichskanzlers kennen zu lernen. Sie gaben sich als einfache natürliche Menschen. Besonders galt das von der Fürstin, die in fast burschikoser Weise von ihrer eigenen Person redete.
Frau ~Meister~ war die Schwester von Frau ~Lucius~ und beide waren wieder die Töchter eines Kunstmalers aus Frankfurt a. M., in dessen Haus Bismarck verkehrt hatte, als er preußischer Gesandter beim Bundesrat in Frankfurt war. Daher stammte die Freundschaft zwischen den beiden Damen und der Familie Bismarck, und das hatte mir die unerwartete Ehre eingetragen, mit der Fürstin und ihrem Sohn zusammenzutreffen.
Inzwischen war der Würzburger Ruf eingetroffen. Ich ging deshalb nach Erlangen, um den Umzug vorzubereiten und machte bald nachher einen Besuch bei ~J. Wislicenus~ in Würzburg, um mich bei ihm über die dortigen Verhältnisse, insbesondere auch über die Einrichtungen des Instituts zu unterrichten. Wir kannten uns schon von den Naturforscherversammlungen und von festlichen Veranstaltungen der Universitäten Würzburg und Erlangen.
Er war eine sympathische Persönlichkeit, von sehr würdiger äußerer Erscheinung und liebenswürdigem Wesen. In seiner kinderreichen Familie herrschte er wie ein Patriarch. Von seinen Schülern wurde er allgemein verehrt als wohlwollender Lehrer und vornehmer Charakter. Die Universität Würzburg hatte ihn zweimal zum Rektor gewählt, und als solcher hat er das 300jährige Jubiläumsfest der Hochschule in mustergültiger Weise geleitet. Sein Lebenswerk ist in einer von ~Beckmann~ verfaßten Biographie geschildert und niemand wird die Verdienste leugnen wollen, die ~Wislicenus~ durch seine Arbeiten über Milchsäure, die Acetessigester-Synthese und namentlich später durch die vielen Anregungen auf stereo-chemischem Gebiete erworben hat. Aber als Chemiker und Naturforscher repräsentierte er doch einen ganz anderen Typ wie ~Baeyer~, ~Hofmann~ oder ~Liebig~ und ~Wöhler~. Ihm kam es mehr darauf an, vorgefaßte theoretische Ansichten durch ein Experiment zu prüfen, als empirisch den Erscheinungen zu folgen und auf unerwartete Vorgänge zu fahnden. Untersuchungen, wo große experimentelle Schwierigkeiten zu überwinden waren, hätte er wahrscheinlich nicht anstellen können. Dem entsprach auch die ziemlich dürftige Einrichtung des Würzburger Instituts, das von ~Scherer~ 20 Jahre früher erbaut worden war, ohne an die Bedürfnisse unserer rasch fortschreitenden Wissenschaft zu denken. Das erste, was ich in Würzburg tat, war der Vorschlag, die ganz ungenügende Ventilation durch Anlage neuer Abzüge zu verbessern. ~Wislicenus~ hat mich dabei in liebenswürdigster Weise unterstützt und bei dem Verwaltungsdirektor der Universität, Professor ~Risch~, der aus den Einkünften der Hochschule ziemlich große Mittel zur Verfügung hatte, meine Forderung warm befürwortet. Die Verhandlungen endigten denn auch mit einer Bewilligung von etwa 6000 Mk. Dafür verlangte ~Risch~ von mir das feierliche Versprechen, daß ich niemals mehr die Mittel der Universität in Anspruch nehmen würde. Ich gab dasselbe lachend mit der Bemerkung, daß ich es bei der nächsten Gelegenheit brechen würde. Das ist schon nach einigen Jahren geschehen, und ich muß zu Ehren des Kollegen ~Risch~ zufügen, daß er für meine Wünsche immer eine offene Hand gehabt hat. Die kleinen Neueinrichtungen im Institut wurden während der Ferien ausgeführt, so daß Ende Oktober alles für die Arbeit bereit war. Für die Anlage der Abzüge hatte ich ein sehr einfaches System ausgedacht. Tonröhren, wie man sie für Aborte verwendet, wurden an die Wände gelegt, mit eisernen Schellen befestigt, über Dach geführt und dort durch einen zweckmäßigen Aufsatz gegen die schädliche Wirkung des Windes geschützt. Unten, im Arbeitsraum war ein Kniestück eingesetzt, um das Herabfallen des Schmutzes aus den Röhren zu verhindern. Um diese untere Öffnung des Rohres wurde dann der eigentliche Abzug in Holz und Glas gebaut. Eine Lockflamme in dem Rohr besorgt den nötigen Luftzug. Diese einfache Form des Abzuges läßt sich in jedem Gebäude anbringen und ist deshalb höchst empfehlenswert, wo es sich darum handelt, provisorische Laboratorien in fertigen Häusern einzurichten.
Von Erlangen waren mit übergesiedelt ~J. Tafel~ und die Familie ~Knorr~, die jetzt außer dem jungen Ehepaar noch einen Sohn zählte. Da sich für letztere keine passende Wohnung fand, so machte es mir ein Vergnügen, sie in die große Dienstwohnung des Instituts aufzunehmen, bis sie im Frühjahr ein Quartier außerhalb fand.
Die alten Assistenten des Instituts waren ~J. Wislicenus~ nach Leipzig gefolgt. Dagegen hatte er mir seinen Sohn ~Wilhelm~ zurückgelassen, dem ich gerne eine Assistentenstelle anvertraute, und der mir auch ein sehr lieber Freund geworden ist. Er konnte ebenfalls noch im Institut Quartier nehmen.
~Knorr~, der schon in Erlangen sich habilitiert hatte, wurde auf meinen Antrag ohne weiteres von der Würzburger Fakultät als Privatdozent übernommen und von mir mit der Leitung der analytischen Abteilung im Institut betraut. Für diese war der einzige große Arbeitssaal des Hauses reserviert, während die organische Abteilung sich mit einem kleinen Anbau und dem darunter befindlichen Keller begnügen mußte. Alles das war recht dürftig und auch recht unpraktisch angelegt. Der Hörsaal war ziemlich geräumig, weil man ihn von vornherein auf die große Zahl von Medizinern berechnet hatte, aber auch seine Einrichtung ließ viel zu wünschen übrig.
Mein Privatlaboratorium bestand aus einem einzigen einfachen Wohnzimmer, und als Raum für Wägungen und optische Untersuchungen mußten wir das danebenliegende Sprechzimmer benutzen. Trotzdem sind hier die experimentell recht schwierigen Zuckerarbeiten ausgeführt worden. Zunächst begann ich aber mit der Ausbildung der schon in Erlangen begonnenen Synthese von Indolderivaten aus Phenylhydrazonen. Daran nahmen auch die meisten Doktoranden teil, wodurch das Institut gleich in einen recht schlechten »Geruch« kam; denn der Hauptstänker, das Skatol, das wir in recht stattlichen Mengen darstellen konnten, wurde von den Praktikanten in die Gast- und Wohnhäuser der Stadt hineingetragen und gab zu mancherlei Klagen Anlaß. Von der Haftbarkeit seines Geruches habe ich selbst ein drastisches Beispiel erlebt. In den Osterferien 1886 unternahm ich nämlich eine zweite Reise nach Corsica und führte dabei die Lodenjoppe mit, die ich während des Winters im Laboratorium getragen hatte und die mir bei kleinen Bergtouren auf der Insel dienen sollte. Als mein Koffer an der französischen Grenze vor der Zollbehörde geöffnet wurde, verweigerte der Beamte mit einer Gebärde der Entrüstung die weitere Durchsicht und verlangte schleunige Schließung des Koffers; denn aus diesem war ein starker Skatolgeruch aufgestiegen und hatte offenbar bei dem Beamten den Eindruck hervorgerufen, daß in dem Koffer sehr stark mit Kot beschmutzte Wäsche enthalten sein müßte. Noch schlimmer ging es mir in dem Schweizer Hof in Ajaccio. Ich hatte dort ahnungslos meine Kleider im Zimmer aufgehängt. Aber nach einigen Tagen erschien die Wirtin und richtete an mich die ängstliche Frage: »Um Gotteswillen, was fangen Sie auf Ihrem Zimmer an, die Nachbarschaft beschwert sich über den schlechten Geruch, der von dort kommt?« Jetzt wußte ich sofort, wo die Schuld lag, und die fatale Joppe wurde nun 14 Tage ins Freie in die corsische Sonne gehängt. Als ich sie aber wieder einpackte und nach Deutschland zurückkehrte, war der Geruch zwar stark vermindert, aber noch keineswegs verschwunden.
In Würzburg hatte ich von vornherein das Glück, daß mir eine Reihe tüchtiger junger Doktoranden zuzogen. Ich erwähne zunächst ~A. Schlieper~, Sohn des Kattundruckers ~Adolf Schlieper~ in Elberfeld, der 30 Jahre vorher durch seine Beobachtungen in der Harnsäuregruppe ~Adolf Baeyer~ Veranlassung gab, sich mit diesen Stoffen zu beschäftigen. Der Sohn ist sein Nachfolger geworden und steht, wenn ich nicht irre, noch an der Spitze des Geschäftes ~Baum & Co.~ Eine ebenso rühmliche Laufbahn hat ~C. Steche~ gemacht, der zur selben Zeit nach Würzburg kam. Er ist jetzt der Leiter der großen Riechstofffirma ~Heine & Co.~ in Leipzig. Dann ~Ahrheidt~, später Beamter der Badischen Anilin- & Sodafabrik. ~Friedrich Ach~ aus Würzburg, ein ebenso begabter wie fleißiger Chemiker, der nebenher auch ein eifriger Corpsstudent war und mit dazu beitrug, daß seine Corpsbrüder die Vorlesungen nicht vernachlässigten. Er ist nach Beendigung der Studien in die Alkaloidfabrik von ~C. F. Böhringer & Söhne~ in Waldhof bei Mannheim eingetreten und hat dort als Leiter des wissenschaftlichen Laboratoriums großen Anteil an der technischen Ausarbeitung der Kaffeinsynthese genommen. Darüber werde ich aus der Berliner Zeit noch berichten. Leider ist er frühzeitig an Psoriasis und Nephritis zugrunde gegangen.
Ferner ~Jacob Meyer~, der später selbständig das Tannigen entdeckte, jetzt seit einer Reihe von Jahren im Berliner Institut technische Probleme verschiedenster Art bearbeitet und mir bei der Verwaltung des Instituts eine wesentliche Hilfe leistet.
Im Sommer 86 wandte ich mich wieder den schon in Erlangen entdeckten Osazonen der Zucker zu und es gelang mir, mit Unterstützung von ~W. Wislicenus~, der damals mein Privatassistent war, das Isoglucosamin zu gewinnen. Bald darauf, nachdem die Indolarbeiten abgeschlossen waren, begannen die Synthesen in der Zuckergruppe, die mich bis zum Ende der Würzburger Periode vorzugsweise beschäftigt haben. Die Zahl meiner Mitarbeiter ist hier so groß gewesen, daß ich sie nicht alle anführen kann, aber ich halte mich doch für verpflichtet, drei besonders zu nennen. Zuerst ~J. Tafel~, der an der Oxydation der mehrwertigen Alkohole und der Verwandlung von Glycerose oder Acroleindibromid in den ersten synthetischen Zucker mit 6 Kohlenstoffatomen, die Acrose, teilgenommen hat. Das waren sehr mühsame und zum Teil auch recht gesundheitsschädliche Arbeiten.
Um genügende Mengen von Acrose in Form von Osazon zu gewinnen, haben wir einige Wochen zusammen in den Farbwerken Meister Lucius & Brüning zu Höchst a. M. mit den großen Hilfsmitteln der Fabrik Acrolein und sein Dibromid dargestellt. Das große Gefäß, aus dem das Acrolein destilliert wurde, befand sich im Freien, und die öfter wiederholte Operation wurde an windigen Tagen ausgeführt, um dem furchtbaren Geruch des Acroleins zu entgehen. ~Tafel~ ist einmal durch Versehen in eine Acroleinwolke hineingeraten und bekam ein so heftiges Nasenbluten, daß mir um seine Gesundheit bangte. Als etwas später die Schwierigkeiten bei der Zuckerarbeit sich immer mehr auftürmten und eine glückliche Lösung des Problems erst in weiter Ferne möglich schien, hat ~Tafel~, der für die beabsichtigte wissenschaftliche Laufbahn auch selbständige Resultate nötig hatte, sich anderen Aufgaben zugewendet. An seine Stelle sind dann eine Reihe von anderen Herren getreten, unter denen ich besonders ~Josef Hirschberger~, jetzt in Brooklyn, und ~Heller~, jetzt in Leipzig, nennen muß. Bei der speziellen Synthese von kohlenstoffreichen Zuckern durch das Blausäure-Verfahren haben besonders der Engländer ~Passmore~, der jetzt angesehener Handelschemiker in London ist, und ~Lorenz Ach~ aus Würzburg, von dem später noch die Rede sein wird, teilgenommen.
Unabhängig von mir waren die älteren Assistenten mit eigenen Problemen beschäftigt. ~Knorr~ hatte in Erlangen schon den großen praktischen Erfolg mit dem Antipyrin gehabt und wissenschaftlich nicht allein die Pyrazole, sondern auch die eleganten Synthesen von Pyrrolderivaten aus 1,4-Diketonen entdeckt. Diese Funde sind in Würzburg in weitestem Maße ausgenutzt worden. Dazu gesellte sich die Synthese des Morpholins, von dem der Entdecker annahm, daß es den Stickstoffring des Morphins enthalte.
Einen ebenso glücklichen Griff machte ~Wilhelm Wislicenus~ mit der Ausdehnung der Acetessigestersynthese auf andere Ester, z. B. den Oxalester. Wäre ihm ~L. Claisen~ nicht mit gleichzeitigen Beobachtungen in die Quere gekommen, so hätte er damals sicherlich das ganze große Gebiet der Kondensation von Estern untereinander oder mit Ketonen und Aldehyden erobert. Eine andere sehr niedliche Beobachtung von ihm war die Bildung von Natriumazid aus Stickoxydul und Natriumamid. Um dieselbe Zeit fand ~Tafel~ die Reduktion der Hydrazone zu Aminen mit Natriumamalgam und er hätte diese Reaktion sicherlich auch auf die Oxime ausgedehnt, wenn nicht ~Goldschmidt~ alsbald nach ~Tafels~ Publikation solche Versuche rasch angestellt und veröffentlicht hätte.
Von den Würzburgern Schülern verdient noch besonders Erwähnung ~Oscar Piloty~. Nachdem er im Münchener Verbandsexamen keinen Erfolg gehabt hatte, kam er in etwas gedrückter Stimmung nach Würzburg, fand aber rasch das Selbstvertrauen wieder, als er bei seiner Doktorarbeit über die kohlenstoffreichen Zucker aus Rhamnose sein experimentelles Geschick beweisen konnte. Er hat dann auch mit Erfolg promoviert und nachher an der recht schwierigen Verwandlung der Zuckersäure in Glucuronsäure teilgenommen. Er durfte jetzt auch ~Baeyers~ einzige Tochter ~Eugenie~, mit der er schon längst einig war, heiraten. Das junge Paar kam nach Würzburg und dem Ehemann passierte dabei das Unglück, daß er auf der Hochzeitsreise die militärische Kontrollversammlung vergaß und dafür mit einer kleinen militärischen Freiheitsstrafe belegt wurde. Zu meiner großen Freude entschloß er sich, mit mir nach Berlin überzusiedeln, um dort fast 7 Jahre als Assistent und später als selbständiger Leiter der analytischen Abteilung zu wirken. Als sich aber eine Gelegenheit bot, eine Professur an dem Münchener Laboratorium zu erhalten, zog die alte Sehnsucht nach der bayerischen Heimat sowohl ihn wie die Gemahlin unwiderstehlich dorthin, obschon er ein Vierteljahr später an dem neuen Berliner Institut die gleiche Stellung, vielleicht unter noch besseren Bedingungen, hätte haben können.
Die schönen wissenschaftlichen Leistungen ~Pilotys~, die von einem anderen Fachgenossen in einem ausführlichen Nekrolog geschildert werden sollen, haben mein ursprüngliches Urteil über seine experimentelle Begabung durchaus bestätigt, und ich habe mich darüber um so mehr gefreut, als sein Schwiegervater diese Meinung anfangs nicht teilen wollte.
Zu Anfang des unseligen Krieges hatte ~Piloty~ das wehrpflichtige Alter schon überschritten. Trotzdem meldete er sich aus patriotischer Begeisterung als Freiwilliger, und ich konnte noch durch eine Empfehlung an die bayerische Militärbehörde seine Beförderung zum Leutnant d. R. erleichtern. An der Spitze einer Maschinengewehrabteilung ist er in der Sommeschlacht gefallen, tief bedauert nicht allein von der Familie, sondern auch von Freunden und Fachgenossen, die von ihm noch manche schöne wissenschaftliche Leistung erwarteten.
Im letzten Jahr der Würzburger Periode kam auch ein junger Däne Dr. ~Fogh~ dorthin, um eine thermochemische Arbeit, hauptsächlich über die Verbindungen der Zuckergruppe, auszuführen. Er hatte sich zuvor bei ~M. Berthelot~ in Paris mit den thermochemischen Methoden bekannt gemacht und auch eine Reihe von Instrumenten von dort mitgebracht. Nur die Verbrennungsbombe fehlte ihm, aber in den Ferien konnte er nach Paris reisen und dort die kalorischen Verbrennungsversuche ausführen. Die Arbeit ist in den »Comptes rendus« erschienen. Dr. ~Fogh~ ist ebenfalls mit mir nach Berlin gegangen und dort eine Zeitlang Assistent in der anorganischen Abteilung gewesen. Aber aus Gesundheitsrücksichten mußte er bald Urlaub nehmen und ist schließlich nach Kopenhagen zurückgekehrt, von wo er mir nur noch eine Verlobungsanzeige geschickt hat. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.
In der großen Experimentalvorlesung über Chemie bildeten die Mediziner den größten Teil der Zuhörerschaft, dann kamen die Apotheker und erst in dritter Linie die Chemiker. Ich habe mich bemüht, dem gerecht zu werden und die eigentliche Vorlesung so einfach und populär zu halten, wie es ohne Gefährdung des wissenschaftlichen Charakters möglich ist. Aber hinterher gab ich häufig eine Ergänzung für die Fachchemiker, wobei nicht allein schwierigere theoretische Fragen, sondern auch manche speziellen experimentellen Methoden zur Sprache kamen. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, war diese Form des Vortrages den Studierenden recht willkommen. Leider ist sie für den Dozenten sehr anstrengend.
Der kollegiale Verkehr unterschied sich in Würzburg nicht unwesentlich von den Erlanger Sitten durch die freie, meist ganz ungeschminkte Äußerung der Meinungen und durch die Schlichtheit der Formen. Von dem Schaugepräge akademischer Würde, wie sie in Erlangen sowohl vom Senat als auch von der Fakultät geübt wurde, war in Würzburg wenig zu spüren, was mich als Rheinländer besonders sympathisch berührte.
Die philosophische Fakultät bestand wie in München aus zwei Sektionen. Unsere mathematisch-naturwissenschaftliche Abteilung zählte nur 6 Ordinarien, aber darunter waren mehrere durch hohes wissenschaftliches Ansehen ausgezeichnete Personen. Das galt besonders für den Physiker ~Friedrich Kohlrausch~ und den Botaniker ~Julius Sachs~. Zu ~Kohlrausch~ bin ich bald in ein freundschaftliches Verhältnis getreten; denn er war ein ebenso verständiger wie wohlwollender Kollege und jederzeit bereit, vernünftige Wünsche zu unterstützen. Seine ausgezeichneten Untersuchungen über das elektrische Leitvermögen von Lösungen und seine physikalischen Konstantenbestimmungen, sowie das von ihm verfaßte vortreffliche Lehrbuch der »Praktischen Physik« brauche ich hier nicht näher zu besprechen, da sie den Naturforschern genügend bekannt sind. Ich habe mit ihm an schönen Sommertagen manchen Spaziergang unternommen und auch in seiner Familie, besonders von seiten der liebenswürdigen Gattin, freundliche Aufnahme gefunden.
Ganz anders geartet war ~Sachs~, der berühmte Pflanzenphysiologe, der in Würzburg eine große Schule von Botanikern geschaffen und auch als wissenschaftlicher Schriftsteller durch ein großes Lehrbuch und die ausführliche Geschichte der Botanik Hervorragendes geleistet hat. Charakteristisch für seine kühne Kritik ist das vernichtende Urteil über das von ~Linné~ aufgestellte rein schematische System der Pflanzen. Er pflegte zu sagen, dieses System sei wie ein Pesthauch über die Botanik gegangen und habe die schon vorhandenen gesunden Keime eines natürlichen Systems auf lange Zeit zerstört. Zu meiner Zeit war ~Sachs~ schon ein kranker Mann mit überreiztem Nervensystem, der seine Launen in heftiger Weise auslassen konnte. Trotzdem ist es mir gelungen, mit ihm einen freundschaftlichen Verkehr zu pflegen, und ich habe bei öfteren Besuchen in seinem Institut manches gelernt, was mir für eigene Arbeiten auf physiologisch-chemischem Gebiet Nutzen brachte.
Fremder blieb mir der Mineraloge ~Fridolin Sandberger~, ein ebenfalls verdienter Gelehrter und ein wohlwollender Mensch, aber ein Sonderling, der noch ungern das Deutsche Reich anerkannte und auch von der modernen Chemie nichts wissen wollte. Er brachte das drastisch zum Ausdruck mit der Redensart: »Chemie ist, was knallt und stinkt.« Mindestens ebenso originell war der Zoologe ~Karl Semper~, der eine so große Rolle bei meiner Berufung gespielt hat. Seine wissenschaftliche Blütezeit lag auch schon eine Weile zurück. Als junger Mann hatte er zu wissenschaftlichen Zwecken weite Reisen gemacht und über die Philippinen und die Palaoinseln, wo er sich jahrelang aufhielt und auch seine spätere Gemahlin kennen lernte, wertvolle Bücher geschrieben. Zu meiner Zeit beschäftigte ihn am meisten der Plan eines Neubaues für das zoologische Institut. Da die Bewilligung der Gelder in München auf Schwierigkeiten stieß, so versuchte er die sonderbarsten Mittel, um die Notwendigkeit des Baues allen Leuten klar zu machen. So hatte er im alten Institut, das im vierten Stock des Universitätsgebäudes untergebracht war, große Aquarien angelegt, die eines Tages schadhaft wurden und alle darunter gelegenen Räume unter Wasser setzten. Es blieb also nichts anderes übrig, als einen Neubau am Pleicher Ring zu errichten, und die Einweihungsfeier wurde von ~Semper~ so eindrucksvoll inszeniert, daß sie sicherlich jedem Teilnehmer in der Erinnerung geblieben ist; denn zum Schluß führte er die ganze Gesellschaft, unter der sich die Spitzen der Universitäts- und Verwaltungsbehörden sowie eine Reihe von Damen befanden, in das Warmhaus, wo Pflanzen und Tiere in bunter Abwechselung versammelt waren, und das mit einer ausgiebigen Berieselungsanlage versehen war. Als die Gesellschaft sich bei Bier und Würstchen in einer behaglichen Feststimmung befand, trat plötzlich bei geschlossenen Türen die Berieselung in Tätigkeit, bis die ganze Versammlung von einem tropischen Regen total durchnäßt war.
Einige Zeit später kam der Kultusminister Dr. ~Müller~, der eben sein Amt angetreten hatte, zur Besichtigung der Universität nach Würzburg. Sein Besuch war auch den einzelnen naturwissenschaftlichen Instituten angekündigt, verzögerte sich aber aus irgendwelchem Grunde weit über die angesetzte Zeit. ~Semper~, dem das Warten zu lang wurde, hatte sich ein Frühstück von Wurst und Bier kommen lassen und war eben mit dessen Vertilgung beschäftigt, als der Minister eintrat. Dieser begrüßte den schmausenden Professor mit den jovialen Worten: »Ihnen scheint es heute gut zu schmecken«, worauf die prompte Antwort erfolgte: »Wenn Sie so lange wie ich vergeblich auf den Minister gewartet hätten, würden Sie auch Hunger bekommen haben.« Diese freimütige, keineswegs durch Ehrerbietung ausgezeichnete Antwort gab dem Minister Anlass, sich bald wieder zu empfehlen. Das sind nur ein paar Proben von den zahlreichen Schnurren, die ~Semper~ geliefert hat. Andererseits war er ein prächtiger Mann von würdigem Äußern, voll lustiger Einfälle, aller geselligen Unterhaltung zugetan und frei von jeder gelehrten Pedanterie. Man spürte bei ihm die Abkunft aus der durch hervorragende Künstler z. B. den berühmten Architekten ~Gottfried Semper~ ausgezeichneten Familie.
Ein weiteres Original war der Mathematiker ~Prym~, der aus einer reichen Fabrikantenfamilie zu Düren stammte. Er hatte zwar Mathematik studiert, war aber dann in ein Bankgeschäft zu Wien eingetreten, und von dort durch ~Kappler~ als Ordinarius der Mathematik an das Polytechnikum zu Zürich berufen worden. Obschon mit Glücksgütern sehr gesegnet, führte er in Würzburg mit seiner Familie ein ziemlich einfaches Leben. Mit dem Lehramt nahm er es sehr genau. Die Vorlesungen waren auf das gewissenhafteste vorbereitet, und es kam nicht selten vor, daß er säumige Studenten durch seinen Wagen aus der Wohnung abholen und in die Universität fahren ließ. Als Teilhaber an manchen industriellen Unternehmungen interessierte er sich für Chemie und hat mich später auch in Berlin mehrmals besucht.