Chapter 13 of 21 · 3907 words · ~20 min read

Part 13

Ein zweiter Ordinarius für Chemie war in Würzburg nicht vorhanden. Das Institut für angewandte Chemie wurde von dem außerordentlichen Professor ~L. Medicus~ geleitet, der nicht allein bei ~Wislicenus~, sondern schon bei dessen Vorgänger ~A. Strecker~ Assistent gewesen und deshalb der Hauptträger der chemischen Tradition in Würzburg war. Große wissenschaftliche Interessen haben ihn niemals geplagt, aber er war bei den Studenten wegen seiner Jovialität recht beliebt und in unserem chemischen Kreise wegen seines köstlichen Humors und seiner freundlichen Lebensauffassung ein gern gesehenes Mitglied. Auch ich bin mit ihm aufs beste ausgekommen. Nach meinem Weggang ist er zum Ordinarius befördert worden und vor einigen Jahren auch schon zu den Vätern gegangen. Am Feldzug 1870 hatte er als bayerischer Offizier teilgenommen und war bei Orléans verwundet in Gefangenschaft geraten. Seine Schilderungen über die schlechte Behandlung und gehässige Verhöhnung von seiten der französischen Bevölkerung stimmte genau mit dem überein, was man heute über die Behandlung deutscher Kriegsgefangener in Frankreich hört, obschon der damalige Krieg so rasch zu Ende ging und die Volksleidenschaft keineswegs so aufpeitschte, wie der jetzige. Die philologisch-historische Klasse der philosophischen Fakultät zählte außer dem klassischen Philologen und Archäologen ~Urlich~ wenig hervorragende Männer. Ganz anders war es in der medizinischen Fakultät, zu deren Mitgliedern ich vielerlei Beziehungen hatte. Von Erlangen mit uns übergesiedelt, war ~Wilhelm Leube~ der Nachfolger des nach Berlin berufenen Professors ~Gerhardt~ in der inneren Klinik des Julius-Hospitals geworden; er verstand es, die große Tradition dieser Stelle in jeder Beziehung zu wahren. Neben ihm stand der Chirurg ~Maass~, ein geschickter Operateur, anregender Lehrer und trefflicher Gesellschafter. Leider ist er in ziemlich frühem Alter gestorben. Als Senior stand an der Spitze der Fakultät der Anatom ~Albert Kölliker~, ein geborener Schweizer. Er genoß in seiner Wissenschaft durch die Fülle wertvoller Untersuchungen großes Ansehen. Seinem Einfluß war es zuzuschreiben, daß die Anatomie äußerlich das schönste Institut hatte und in dem Unterricht der Mediziner eine überragende Rolle spielte. Nebenher war er ein ungewöhnlich schöner Mann, mit feinem Gesicht, weißem Lockenhaar, klugen dunklen Augen und einer zarten, fast frauenhaften Hautfarbe. Auf die Chemie muß er früher einen kleinen Pik gehabt haben; denn es wurde von ihm der Ausspruch kolportiert, den dümmsten seiner Söhne lasse er Chemiker werden, wozu die boshaften Würzburger den Zusatz machten, er habe tatsächlich auch den richtigen ausgesucht.

Mir ist er immer nur mit Freundlichkeit begegnet. Sein Prosektor war der außerordentliche Professor ~Stöhr~, ein geborener Würzburger, ein sehr behaglicher und liebenswürdiger Mann, der auch Nachfolger von ~Kölliker~ geworden ist. Durch Originalität zeichnete sich aus der Polikliniker ~Geigel~, ein Meister in der Abfassung von feinen und leicht ironischen Gutachten, deren sich die Fakultät stets bediente, wenn sie unbequeme Zumutungen des Ministeriums in München bekämpfen wollte. Er war das Haupt einer Musikbande, die aus Würzburger Professoren oder Bürgern z. B. den beiden Brüdern ~Stöhr~ und dem Pharmakologen ~Kunkel~ bestand. Während der Herbstferien hauste diese Gesellschaft zu Ammerland am Starnberger See und gab täglich kleine Konzerte, wobei das Hornblasen die Hauptrolle spielte.

Als Geburtshelfer fungierte damals noch der einst so berühmte ~Scanzoni~, er starb aber bald und wurde durch ~Hofmeier~ ersetzt. Ganz besonders muß ich aber erwähnen den Augenarzt ~Julius Michel~, einen lustigen Pfälzer, der vor meiner Zeit auch in Erlangen gewesen war und mit dem ich mich recht befreundet habe. Obschon er es mit seiner ärztlichen Kunst und auch der Wissenschaft sehr ernst nahm, und sowohl als Arzt wie als Gelehrter einen guten Ruf genoß, so war ihm das Reißen von losen Witzen ein richtiges Lebensbedürfnis geworden. In der Gesellschaft bildete er deshalb ein belebendes Element, und wir haben in dem gastfreien Hause ~Leube~ nicht selten stundenlang seinen Späßen mit Vergnügen zugehört. Auch in ernsten Augenblicken konnte er Witze nicht unterdrücken, und seine Vorlesung war in dieser Beziehung etwas Besonderes. Ich will nur ein Beispiel anführen: Eines Tages hatte er einen Kandidaten der Medizin namens ~Jerusalem~ zu prüfen. Das Resultat war ungenügend, und nun verkündete er der Schar der Freunde des Kandidaten das Resultat mit den Worten: »Israel weine, Jerusalem ist gefallen.« Boshafte Leute haben allerdings hinterher behauptet, er hätte den Kandidaten nur durchfallen lassen, um diesen Witz machen zu können. Er war unverheiratet, führte aber einen trefflich geleiteten Haushalt und gab kleine Feste, bei denen ausgelassene Fröhlichkeit herrschte.

Ich hatte einmal mit einem Assistenten zusammen das kleine Unglück, daß uns ein stark gefärbtes chemisches Präparat beim Platzen eines Preßsackes ins Gesicht flog und die Augen nicht allein ganz verschmierte, sondern auch reizte. Wir hatten nichts Eiligeres zu tun, als die Universitätsklinik aufzusuchen. Freund ~Michel~ hat uns sofort sorgfältig gesäubert. Als aber die Harmlosigkeit der Sache festgestellt war, machte es ihm ein besonderes Vergnügen, in dem Buch der Poliklinik ein ausführliches Protokoll über diesen seltenen Fall niederzuschreiben, wobei er durch eine ganze Reihe von langen chemischen Namen seine wissenschaftliche Bedeutung zu illustrieren wußte. Ich habe später in Berlin, wohin er etwa 10 Jahre nach mir berufen wurde, seine Hilfe nochmals in Anspruch nehmen müssen, ebenfalls mit bestem Erfolg. Ich wurde damals von leichtem, aber anhaltendem Kopfschmerz geplagt, der sich bis zur Übelkeit steigern konnte, und die Ärzte, die ich frug, stellten ganz besorgte Diagnosen auf Zirkulationsstörungen und dergl. Da ich aber die Beobachtung machte, daß der Zustand am schlimmsten war, wenn ich tags zuvor stundenlang gelesen hatte, so kam ich schließlich auf die Vermutung, daß das von mir benutzte Augenglas, das ich mir einstmals selbst beim Optiker ausgesucht und dann länger als 20 Jahre unverändert getragen hatte, Schuld daran haben könne. Ich ging deshalb zum Freund ~Michel~, und nachdem er die Augen sowie das Glas untersucht hatte, faßte er sein Urteil in folgende Worte zusammen: »Die Kopfschmerzen hätten Sie längst verdient, man sagt doch, Sie seien sonst nicht so dumm.« Er verschrieb mir dann die richtige Brille, und die Kopfschmerzen, die mich viele Wochen geplagt hatten, waren wie weggeblasen. Niemals ist bei mir eine Kur von so glänzendem und raschem Erfolge begleitet gewesen.

Von den Juristen sind mir außer dem schon erwähnten Verwaltungsdirektor ~Risch~ der Pandektist ~Burkhardt~ und der Nationalökonom ~Schanz~ im Gedächtnis geblieben. Auch an einige Theologen erinnere ich mich gerne. Es waren katholische Herren, aber keineswegs vom Kaliber der sogen. Hetzkapläne, sondern zum Teil sehr gebildete, feinfühlige und joviale Herren. Mit dem Senior der Fakultät, den sie den Bischofsmacher nannten, bin ich öfters auf dem alten Glacis der Stadt, das so hübsche Spaziergänge bot, zusammengetroffen, und wir haben uns stundenlang in freiester Weise über Kirche, Staat und Gesellschaft unterhalten. Er war im Collegium Germanicum in Rom erzogen, hatte ein lesenswertes Buch über Kirche und Staat geschrieben, und ich habe von ihm vieles über die Institutionen der katholischen Kirche, besonders über die praktische Seelsorge gehört, was mich in höchstem Grade interessieren mußte. Ob dieser Verkehr mir in den katholischen Kreisen trotz meiner protestantischen Abstammung Vertrauen verschaffte, kann ich nicht sagen, aber ich erlebte doch eines Tages die Überraschung, daß etwa 25 katholische Theologen als eingeschriebene Hörer meine Vorlesung über anorganische Chemie besuchten. Auf meine Frage, wie die Herren dazu kämen, wurde mir die Antwort, der Bischof von Speyer habe es befohlen. Wahrscheinlich hatte dieser kirchliche Würdenträger den Wunsch, daß der in seiner Diözese tätige Klerus gewisse chemische Kenntnisse besitze, um besser mit den Arbeitern der zahlreichen chemischen Fabriken in der dortigen Gegend sich verständigen zu können. Auch der Religionslehrer des katholischen Gymnasiums war mein Zuhörer, und er erklärte mir eines Tages, er könne die Lehren der modernen Chemie in dem Religionsunterricht vortrefflich verwerten. Ich habe daraus den Schluß gezogen, daß Naturwissenschaft und Religion keine grundsätzlichen Gegner zu sein brauchen.

In Würzburg bestehen zwei wissenschaftliche Gesellschaften, an deren Arbeiten ich mich gerne beteiligt habe. Die ältere und allgemeinere führte den Namen physikalisch-medizinische Gesellschaft; ihre Mitglieder waren meistens Professoren und Dozenten. Die jüngere chemische Gesellschaft war erst von ~J. Wislicenus~ gegründet worden. Zu ihr gehörten selbstverständlich die Professoren und Assistenten der beiden chemischen Institute, aber die Mehrzahl der Mitglieder waren doch ältere Studenten. Auch hier wurden Originalvorträge, jedoch häufiger große Referate über fremde Arbeiten gegeben und daneben spielte die Geselligkeit eine Hauptrolle. Den Höhepunkt erreichte diese bei den alljährlichen Stiftungsfesten, zu denen viel frühere Mitglieder von auswärts und auch zahlreiche Professoren der philosophischen und medizinischen Fakultät erschienen. Gewöhnlich gab es dabei außer witzigen Tischreden und Vorträgen auch ein Festspiel. Mir sind zwei in Erinnerung geblieben. In dem einen wurde das Doktorexamen eines Chemikers auf die Bühne gebracht mit sehr komischen und drastischen Ausfällen gegen die bekannte Prüfungsweise einzelner Professoren, so daß der Dekan der Fakultät, ein Philologe, unwillig den Saal verließ, während das übrige Publikum sich köstlich unterhielt. Die zweite Aufführung war eine Operette »Der Chemikado« mit den Melodien des Mikado und einem sehr witzigen Text von Dr. ~Reitzenstein~. Die Kostüme und die Haartrachten hatte das Stadttheater geliehen. Der Mikado war mein früher erwähnter, lieber Neffe ~Alfred Mauritz~, der damals in Würzburg Chemie studierte, und von dem ich in späteren Jahren noch viel Freundschaft erfahren habe. Er trug meinen Laboratoriumsanzug und Hut, sprach den niederrheinischen Dialekt und trat als einziger Europäer in der japanischen Gesellschaft um so mehr hervor. Ich besitze eine Photographie der Schauspieler, deren Anblick mich noch jetzt zum Lachen bringt.

Die chemische Gesellschaft hat auch nach meiner Zeit ihre Tradition zu wahren gewußt und von Dr. ~Reitzenstein~ ist noch manches hübsche Festspiel verfaßt worden. Wegen Zeitmangel habe ich leider an den Stiftungsfesten von Berlin aus nicht teilnehmen können, aber beim 25-jährigen Jubiläum hielt ich mich für verpflichtet, meine Absage in gereimte Form zu kleiden, und da es eins der wenigen Gedichte ist, die ich verfaßt habe, so will ich das Telegramm hier anführen.

~Chemische Gesellschaft Würzburg.~

»Zum fröhlichen Feste Glückwünsch ich das Beste. Blüh' immer so weiter Und bleib auch stets heiter, Grüß' alle Bekannte Und chemisch Verwandte Vom alten Giftmischer Aemilius Fischer.«

Als Antwort der Gesellschaft traf prompt ein liebenswürdiger Vers von Dr. ~Reitzenstein~ ein.

Daß in Würzburg Fröhlichkeit und Humor blühten, war kein Wunder. Die freundliche Stadt mit dem prächtigen Schlosse, dem lieblichen Flusse, den schönen Glacis-Anlagen und den rebenbekränzten Bergen, die behagliche unterfränkische Bevölkerung und die alte Tradition des Krummstabes waren wohl geeignet, die an und für sich schon heitere Stimmung der akademischen Gesellschaft zu verstärken. Der Verkehr der Professoren untereinander und auch mit den Studenten war leicht und gemütlich und nahm nur zeitweise, z. B. bei den Prüfungen eine ernstere Form an. Trotzdem herrschte unter der Studentenschaft ein guter Geist; denn es wurde im allgemeinen in Würzburg ziemlich viel gearbeitet und in dem chemischen Laboratorium konnte man sich über Mangel an Fleiß nicht beklagen. Der größere Teil der Studentenschaft bestand aus Norddeutschen. Dasselbe galt von den Professoren, und von dem Partikularismus, der der bayerischen Regierung öfters bei Berufung der Professoren vorgeworfen wurde, war in Würzburg nichts zu merken. Hatte man doch an die Universität der alten Bischofsstadt, die nur eine katholisch-theologische Fakultät besaß, als Lehrer des Kirchenrechts einen Protestanten berufen! Eine Einmischung in Berufsgeschäfte ist allerdings von der ultramontanen Kammermehrheit öfters versucht, aber vom damaligen Kultusminister Dr. ~Lutz~ meist erfolgreich zurückgewiesen worden. Auch der Familienverkehr wurde in Würzburg in anmutiger Form zwischen den verschiedenen Fakultäten gepflegt und im ersten Winter war die Erlanger Kompagnie, d.h. die Ehepaare ~Leube~ und ~Knorr~ sowie meine Wenigkeit, bei den üblichen Abendessen das Objekt einer feierlichen Begrüßung. Die Antwort darauf haben wir abwechselnd gegeben, und diese erste Tischrede ist nicht selten für die akademische Gesellschaft der kritische Maßstab, den sie an neue Mitglieder anlegt. Ich mußte bei Kohlrauschs reden und hatte mir einen launigen Toast überlegt. In ihm spielte zum Schluß die Elektrizität eine Rolle, indem ich die einzelnen Damen den damals frisch erfundenen Glühlampen verglich und für die Hausfrau die Bogenlampe reservierte. Nun glaubte alle Welt, daß ich mich in diesem Bilde wie in einem Spinnetz verwickeln und höchstens durch einen brutalen Riß wieder befreien könnte. Aber glücklicherweise fiel mir ein, daß von der Bogenlampe zur Sonne rhetorisch nur ein kurzer Sprung nötig sei, und damit hatte ich das poetische Bild gewonnen, um die Hausfrau würdig zu preisen und die Zustimmung der Tischgesellschaft zu einem Hoch zu gewinnen.

Dauernden Familienverkehr habe ich aber nur bei ~Knorrs~ und ganz besonders bei dem lieben Ehepaar ~Leube~ gehabt. Die Woche mindestens einmal sind wir dort zusammengekommen. Gewöhnlich waren ~Michel~ und noch einige andere Freunde mit dabei, und wir haben bei einfachem Abendmahl überaus lustige Stunden verlebt. ~Leube~ war ein prächtiger Gesellschafter, klug, wissenschaftlich gut unterrichtet und mit den reichen Erfahrungen des erfolgreichen Arztes versehen. Er kannte eine große Anzahl von Menschen, die seinen ärztlichen Rat in Anspruch nahmen, hielt schöne Reden und machte allerliebste Gelegenheitsgedichte.

Seine liebe Frau ~Natalie~ fühlte sich mir chemisch verwandt; denn sie war, wie ich schon früher erwähnte, die Tochter von ~Adolf Strecker~, der als Professor der Chemie in Würzburg starb. Sie selbst hatte sich in dem chemischen Institut als 18-jähriges Fräulein mit ihrem ~Wilhelm~ verlobt. Dazu kam, daß ich zufälligerweise bei mehreren chemischen Arbeiten, z. B. bei den Hydrazinen und dem Coffein der wissenschaftliche Erbe von ~Strecker~ geworden war. Kurz nach meiner Verheiratung hat das Ehepaar ~Leube~ mir die Duzfreundschaft angeboten, und wir stehen noch jetzt, wo ~Leubes~ in Stuttgart ein behagliches Alter verleben, in freundschaftlichem Briefwechsel. Die älteste Tochter ~Lilly~ hat den Gynäkologen ~Bumm~, der jetzt ebenfalls an der Berliner Universität tätig ist, geheiratet. Die drei anderen Töchter sind die Frauen von Offizieren geworden. ~Leube~ hat mir auch in Krankheitsfällen wertvolle Dienste geleistet und meinen ältesten Sohn ~Hermann~ in frühester Jugend bei einem schweren Darmkatarrh geradezu vor dem Tode bewahrt.

Frau ~Leube~ hatte schon in Erlangen die gute Absicht, mir eine Frau zu verschaffen und glaubte das geeignete Mädchen dafür in Fräulein ~Agnes Gerlach~ in Erlangen gefunden zu haben. Aber meine Gleichgültigkeit in Sachen der Liebe und die Überhäufung mit wissenschaftlichen Problemen waren ihren Plänen nicht günstig gewesen, und schließlich trat noch als zweites Hindernis meine Erkrankung und die Befürchtung eines Rückfalles dazwischen. Aber Frauen geben so leicht ihre Lieblingsideen nicht auf, und so wußte sie das durch Liebreiz ausgezeichnete Fräulein wiederholt zu Besuchen in Würzburg zu veranlassen. Sie wurde dabei auf das kräftigste unterstützt von Frau Dr. ~Knorr~, die sich ebenfalls mit Fräulein ~Gerlach~ angefreundet hatte. Bei einem dieser Besuche ist es dann auch wirklich zur Verlobung zwischen dem Fräulein und mir gekommen. Es war am 1. Dezember 1887, wo ich selbst 35 Jahre und meine Braut 26 Jahre alt war. Die Hochzeit fand statt in Erlangen am Sonnabend den 22. Februar 1888, kurz vor Karneval, so daß ich 4 Tage Ferien hatte, um mich in den neuen Zustand hineinzugewöhnen. Wir mußten noch einige Wochen in Würzburg bleiben und haben dann Mitte März bei Beginn der Osterferien eine vierwöchentliche Reise nach Italien gemacht. Über diese Dinge will ich aber nicht Näheres berichten, weil die Schließung des Ehebundes eine zu intime Sache ist. Ich kann nur sagen, daß meine liebe Frau ein durch körperliche Schönheit, Reinheit der Seele und Sanftmut ausgezeichnetes Wesen war. Ihre Eltern hatten sie auf den Händen getragen und dadurch vielleicht zu sehr verwöhnt; denn die Pflichten der Ehe und die Führung eines großen Haushaltes haben ihr namentlich in Berlin den ruhigen Lebensgenuß stark verkürzt und eine gewisse Gleichgültigkeit gegen ihre eigene Wohlfahrt erzeugt, die bei ihrer letzten Krankheit einen unglückseligen Einfluß ausübte und vielleicht mit an ihrem Tode schuld gewesen ist. Sie starb am 12. November 1895 in Berlin an einer Meningitis infolge einer Mittelohrentzündung, wahrscheinlich weil die rettende Operation wegen des Widerstandes der Patientin zu spät ausgeführt wurde. In Würzburg hat sie mir zwei Söhne geschenkt.

Der älteste ~Hermann Otto Lorenz~ wurde geboren am 16. Dezember 1888 und war von Anfang an ein kräftiges gesundes Kind. Dem entsprach auch seine spätere Entwicklung. Er hat nur eine gefährliche Krankheit mit zwei Jahren durchgemacht, einen Magen- und Darmkatarrh, da der Hausarzt törichterweise von vornherein ein Stopfmittel gab und dadurch einen hartnäckigen, gefährlichen Darmverschluß herbeiführte. Das Kind wäre sicher gestorben und zwar an Verdurstung, wenn wir ihm nicht auf Rat von ~Leube~ zuguterletzt per anum eine große Menge Wasser hätten zuführen können.

Die Geburt des zweiten Knaben, die am 5. Juli 1891 stattfand, war verfrüht und das Kind infolgedessen schwach. Es hat sich zwar später ziemlich rasch erholt. Aber als wir nach Berlin übersiedelten, hatte der jetzt ganz kräftige Knabe unter der schlechten Milch der Großstadt zu leiden. Er bekam infolgedessen im Juni 93 einen anhaltenden Darmkatarrh und im Herbst desselben Jahres das Scharlachfieber, gefolgt von einem sehr häßlichen Bronchialkatarrh. Diese Umstände haben vielleicht ungünstig auf das Nervensystem des Kindes gewirkt. Trotzdem entwickelte er sich zu einem großen, starken und geistig regsamen Jüngling, der mit Leichtigkeit die Schule absolvierte und mit 18 Jahren die Universität bezog. Ohne sich eine Erholungspause nach dem Gymnasium zu gönnen, stürzte er sich mit Feuereifer auf das Studium der Medizin. Alles sprach bei ihm für eine hoffnungsvolle Zukunft, als der Sommer 1910 eine jähe Schädigung der Gesundheit brachte. Er hatte hartnäckig auf der Absicht bestanden, in dem Sommer als Mediziner das vorgeschriebene halbe Jahr mit der Waffe zu dienen und geriet zu seinem Unglück in ein Infanterieregiment zu Jena. Durch den forcierten Militärdienst des Sommers ist der noch nicht genug entwickelte, ungewöhnlich große junge Mann überanstrengt worden. Er bekam Herzbeschwerden und wurde vom Militär entlassen. Die Krankheit war an und für sich wohl nicht schlimm, aber sie übte auf das Gemüt des jungen Mannes einen verderblichen Einfluß aus, denn er sah, wie es bei jungen Medizinern nicht selten ist, die Krankheit in einem besonders düstern Bilde. Er setzte zwar seine Studien fort und bestand im Frühjahr 1912 in Heidelberg mit Auszeichnung die ärztliche Vorprüfung, studierte dann zwei Semester in Würzburg und kam wegen militärischer Dinge im Sommer 1913 wieder nach Berlin. Aber hier brach er nervös zusammen. Seine Arbeitskraft war erschöpft. Er glaubte immer kränker zu werden, ließ sich im Herbst nach Nauheim, später nach Meran schicken und verfiel in eine tiefe Melancholie. Weder ich noch die behandelnden Ärzte haben seinen Zustand richtig erkannt, sonst hätte man vielleicht der fortschreitenden geistigen Erkrankung vorbeugen können. So aber kam es im November in Meran zum offenkundigen Ausbruch der Geisteskrankheit. Durch einen mehrmonatlichen Aufenthalt bei ~Binswanger~ in Jena gelang eine zeitweise Heilung. Er blieb noch den Sommer als Studierender in Jena. Obschon aus dem Militärverhältnis entlassen, hatte er sich auf eine Anfrage der Militärmedizinalbehörde verpflichtet, im Kriegsfalle ärztlichen Hilfsdienst zu leisten. Dementsprechend wurde er im September 1914 als Unterarzt an ein Lazarett zu Erfurt kommandiert. Diese Tätigkeit hat ihm anfangs zugesagt und gutgetan, aber nach 5 Monaten kam er in Streit mit dem Vorgesetzten und im Anschluß daran erfolgte ein neuer Ausbruch seiner Krankheit. Er ist dann wiederholt bei ~Binswanger~ gewesen, ohne aber seine Arbeitskraft wiederzugewinnen. Manchmal schien es, als sei die Krankheit ganz gehoben, so ruhig und vernünftig wußte er sich zu geben. Als ich im August 1916 mit ihm einen mehrwöchigen Aufenthalt in St. Blasien genommen hatte, war ich voller Hoffnung, daß die Heilung anhalte. Aber plötzlich kam ein Rückfall, schlimmer als die vorhergehenden. Wir kehrten nach Wannsee zurück, und er ging dann bald wieder zu seinem Freund Binswanger. Hier verschlimmerte sich der Zustand, er mußte in eine geschlossene Anstalt aufgenommen werden und das Bewußtsein, nun aller Wahrscheinlichkeit nach ein verlorener Mensch zu sein, hat ihn im Zustand tiefer Depression zu dem Entschluß geführt, freiwillig in den Tod zu gehen. Er ist am 4. November 1916 im Alter von 25 Jahren gestorben und ruht auf dem kleinen Friedhof zu Wannsee. Ein lieber, guter Sohn, ein talentvoller und strebsamer junger Mann ist mit ihm dahingegangen.

Mein dritter Sohn ~Alfred Leonhard Joseph~ wurde geboren am 3. Oktober 1894 zu Ambach am Starnberger See. Ich war damals bereits in Berlin und meine Frau wollte nur für einige Wochen ihre Eltern in Ambach besuchen. Da sie in hoffnungsvollem Zustand war und schon früher einmal Unglück gehabt hatte, so hielt ich die Reise für zu gewagt. Aber mit Rücksicht auf das hohe Alter ihres Vaters ließ sie sich nicht abhalten. Die Folge war, daß sie sich in Ambach gleich zu Bett legen und 5 Monate bis zur Geburt des Knaben liegen mußte. Auch dieser kam sehr zart auf die Welt. Er wurde später ebenfalls ein kräftiger Mann, hatte aber eine sehr empfindliche Haut und litt von Zeit zu Zeit an nervösen Kopfschmerzen. In frühester Jugend hatte er im Sommer in Wannsee zweimal hintereinander einen malariaartigen Zustand durchgemacht, bis wir unseren Wohnsitz dort auf die Höhe verlegten. Auch er war begabt, fleißig und ein guter Schüler, verließ mit 18 Jahren das Gymnasium und wollte wie der älteste Bruder Chemiker werden. Ich riet ihm aber davon ab wegen der großen Empfindlichkeit seiner Haut und seiner Kopfnerven. Er studierte deshalb zunächst Physik, verließ diese aber schon nach zwei Semestern und wurde Mediziner. Während er in Heidelberg studierte, brach der Krieg aus. Er meldete sich zunächst freiwillig, wurde aber zurückgestellt. Im Januar 15 trat er bei einem Artillerieregiment in Berlin ein. Nach erfolgter Ausbildung ging er im September desselben Jahres ins Feld und fand bei der Munitionskolonne, bei der sein Bruder ~Hermann~ Leutnant war, als Sanitätsgefreiter Verwendung. Hier wurde er bald zum Unteroffizier befördert. Im Juli 1916 hat er während seines letzten Urlaubs in Heidelberg die ärztliche Vorprüfung mit Auszeichnung bestanden. Im August desselben Jahres wurde er mit der Munitionskolonne nach Rumänien geschickt, und die beiden Brüder haben damals den Vormarsch in der Dobrudscha mitgemacht. Hier wurde er zum Feldunterarzt befördert. Während der ältere Bruder nach einer 6-wöchentlichen Ausbildung in Berlin Gasschutzoffizier wurde und dann als solcher den Vormarsch der deutschen Armee in Rumänien im Hauptquartier von Falkenhayn mitmachte, kam ~Alfred~ in verschiedene Spitäler und zuletzt zu seinem Unglück in ein Seuchenlazarett zu Bukarest, wo die sanitären Verhältnisse nach seiner eigenen Schilderung recht schlecht waren. Hier hat er sich an fleckfieberkranken Türken infiziert und ist nach 14-tägiger Krankheit am 29. März 1917 gestorben. Er wurde auf dem Ehrenfriedhof zu Bukarest beerdigt, und sein Bruder ~Hermann~, der damals in Focsani stand, konnte ihm mit kurzem Urlaub die letzte Ehre erweisen. Er war ebenfalls ein sehr lieber, verständiger und begabter Mensch von vornehmer Gesinnung und sehr geschickt im Verkehr mit dem Volke. Wahrscheinlich wäre er ein ausgezeichneter Arzt, vielleicht auch ein erfolgreicher Forscher geworden.

Im Sommer 1888 war der hochbetagte ~Robert Bunsen~ vom Lehramt zurückgetreten. Die Professur wurde zunächst ~Victor Meyer~ angeboten, der aber nach einigem Zögern ablehnte und in Göttingen bleiben wollte. Darauf erhielt ich den Ruf und der betreffende Referent des badischen Ministeriums kam zur Unterhandlung mit mir nach Würzburg. Die Bedingungen waren im allgemeinen recht günstig und obschon ich gerne in Würzburg war, hatte Heidelberg doch für mich und noch mehr für meine Frau eine gewisse Anziehungskraft. Wir sind deshalb zusammen im Frühjahr 89 nach Heidelberg gefahren, um uns über alle Einzelheiten zu unterrichten. Im Hotel trafen wir bereits Exzellenz ~Bunsen~, der seine Dienstwohnung aufgegeben und einstweilen Quartier im Gasthaus genommen hatte. Der verehrungswürdige alte Herr empfing uns mit großer Höflichkeit und suchte uns die Vorzüge der Heidelberger Stelle möglichst klar zu machen.

Als ich nach der ersten Unterredung meine Frau frug, welchen Eindruck sie von dem großen Chemiker empfangen hatte, erwiderte sie lachend: »Erst möchte ich ihn waschen und dann küssen; denn er ist ein gar lieber Mann.«

Am nächsten Morgen zeigte uns ~Bunsen~ das von ihm erbaute und so lange benutzte Laboratorium am Wredeplatze. Er war ganz verliebt in das alte Haus, das allerdings die Weihe einer großen Tradition und gewaltigen wissenschaftlichen Arbeit trug. Aber die Hilfsmittel waren doch im Vergleich zur Neuzeit recht bescheiden. Die Ventilation wurde noch wie in den alten Alchemistenküchen durch einen großen Rauchfang besorgt und auf meine Frage, ob das genüge, erklärte der alte Herr: »Wir haben hier die reine Gartenluft.« Im Gegensatz dazu meinte dann der Assistent, an den ich mich noch vertraulich wandte, daß der Gestank meist unausstehlich sei.