Part 16
Die Einführung in die philosophische Fakultät, die anfangs November 1892 stattfand, vollzog sich in einfachster Form, hatte aber gleich einen Haufen von Geschäften zur Folge; denn die Chemiker werden durch die zahlreichen Promotionsprüfungen besonders stark in Anspruch genommen. Bei der mündlichen Prüfung der Chemiker waren ~Landolt~ und ich immer gleichmäßig beteiligt, aber in der schriftlichen Beurteilung der Dissertationen fiel mir meistens das Hauptreferat zu, weil die große Mehrzahl Themata aus der organischen Chemie behandelten.
Von der Schwerfälligkeit der Geschäftsführung war ich in hohem Grade überrascht. Da die Fakultät ungeteilt ist und damals etwa 50, jetzt aber weit mehr als 60 ordentliche Mitglieder hat, so kann man sich denken, welche ausführlichen Debatten entstehen, wenn sogen. prinzipielle Fragen behandelt werden. Dazu kommt noch die Gewohnheit, nicht allein alle kleinen Geschäfte, sondern sogar die Abstimmung über das Resultat jeder einzelnen Doktorprüfung durch die gesamte Korporation vorzunehmen.
Das hängt zusammen mit der Einrichtung der sogen. Sedecim, d. h. mit dem Rechte der 16 ältesten anwesenden Mitglieder, die Promotionsgelder unter sich zu teilen. Für den Eintritt in diesen Kreis der Auserwählten ist aber nicht das Lebensalter, sondern die Zahl der Jahre maßgebend, die der Betreffende als Ordinarius an irgend einer deutschen Universität zugebracht hat. Daß dieser patriarchalische Verteilungsmodus der Billigkeit entspricht, kann niemand behaupten. Ich habe die ganze Einrichtung immer für ein Haupthindernis bei allen Reformvorschlägen in dem Geschäftsgang der Fakultät angesehen. Das Festkleben an Satzungen und Traditionen tritt überhaupt in dieser Körperschaft so stark hervor, daß es häufig an den Zopf erinnert und zuweilen geradezu lächerlich wirkt. Z. B. galten noch bei meinem Eintritt in die Fakultät die deutschen Bundesstaaten als Ausland und dementsprechend konnte ein Angehöriger dieser Staaten ohne Abiturium in Berlin promovieren. Erst ein Jahr später wurde nach einem Antrage des Physikers ~Kundt~ dieser Unsinn abgeschafft.
Die Größe der Körperschaft bringt natürlich eine Unmenge von Geschäften mit sich, deren Erledigung viel kostbare Zeit in Anspruch nimmt. Der philosophische Dekan ist deshalb ein viel geplagter Mann, und die Fakultät hält während des Semesters in der Regel jede Woche eine Sitzung ab, die für die Prüfungen 2 Stunden und für die geschäftlichen Dinge ungefähr die gleiche Zeit dauert. Wer vorher an der Sitzung der Akademie der Wissenschaften teilnimmt, und bei den Prüfungen beschäftigt ist, hat das Vergnügen, jeden Donnerstag von 4 bis 10 Uhr sitzen zu müssen. Dazu kamen für mich noch die zahlreichen Prüfungen von Medizinern, Apothekern und Lehramtskandidaten. Ich habe die ersten 12 Jahre meines Berliner Aufenthaltes über nichts so sehr geseufzt, wie über den Verlust an Zeit und Arbeitskraft, der auf diese Weise entstand. Später ist es mir gelungen, von der Mehrzahl dieser lästigen Geschäfte entbunden zu sein.
Wegen der Größe der Fakultät müssen alle wichtigen Angelegenheiten und namentlich die Berufungsgeschäfte besonderen Kommissionen überwiesen werden. Ich habe im Laufe der Zeit vielen angehört und mich immer gefreut über die rein sachliche, von jedem Klickenwesen weit entfernte Art der Verhandlung. Dagegen konnte ich mich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, daß die Berufungsgeschäfte nicht mit der sorgfältigen Liebe behandelt werden, wie das an kleinen und mittleren Universitäten geschieht, wo jeder Einzelne an der Person des neuen Kollegen ein direktes Interesse hat. So erklärt sich auch die, nach meiner Auffassung falsche Gewohnheit, nach Berlin Männer zu berufen hauptsächlich nach dem wissenschaftlichen Ansehen, aber in einem Alter, wo man von ihnen keine großen Dienste weder für die Wissenschaft, noch für den Unterricht zu erwarten hat. Das gilt besonders für die Naturforscher, die früher verbraucht sind, als die Vertreter der Geisteswissenschaften, und ich habe mich immer wieder verpflichtet gefühlt, Bedenken gegen die Berufung alter Personen zu erheben.
Im allgemeinen spielen die Naturforscher in der Berliner Fakultät nicht die Rolle, die sie beanspruchen könnten. Die Vertreter der Geisteswissenschaften sind zahlreicher und sicherlich zum Reden mehr geneigt, vielleicht auch in der Form gewandter. Da sie ferner mehr Zeit haben und die Sitzungen regelmäßiger und andauernder besuchen, so führen sie hier das große Wort, und ich habe wiederholt gegen die Verletzung der Interessen der Naturwissenschaften Einspruch erheben müssen. Das hat zuweilen zu ziemlich erregten Debatten geführt und mir wahrscheinlich bei der Gegenpartei einige Antipathie eingetragen.
Die Akademie der Wissenschaften
Die meisten Mitglieder der Akademie sind auch Professoren an der Universität. Zur technischen Hochschule hat die Körperschaft erst persönliche Beziehungen mit der Einrichtung der technischen Abteilung in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse im Jahre 1900 erhalten.
Dazu kommen in der Regel noch einige Männer, die keine Lehrtätigkeit ausüben, da die Akademie in der Wahl von Mitgliedern ganz frei ist. Zu meiner Zeit war die letzte Art von Mitgliedern vertreten durch den großen elektrischen Erfinder ~Werner von Siemens~, den Botaniker ~Pringsheim~, die Astronomen ~Auwers~ und ~Vogel~ und später durch den Elektriker ~von Hefner-Alteneck~, sowie den Eisenbahnbaumeister ~Zimmermann~.
In der Akademie herrscht noch heute der vornehme Geist ihres Gründers ~Leibniz~, und ich habe mich während nunmehr der 25 Jahre, die ich ihr angehöre, stets über den unparteiischen und unabhängigen Sinn dieser Korporation gefreut. Jeder Versuch tatkräftiger Männer aus der Staatsregierung, die Maßregeln ihrer inneren Verwaltung zu beeinflussen, wurde einmütig abgewiesen. Auf der anderen Seite war man natürlich, sobald materielle Wünsche in Frage kamen, auf die Unterstützung der Staatsorgane angewiesen, und ich kann sagen, daß die Akademie in der mir bekannten Periode von Seiten des vorgeordneten Kultusministeriums dauernd großes Wohlwollen und tatkräftige Unterstützung gefunden hat. Früher war es ~Althoff~ im Kultusministerium, der ihre Geschäfte behandelte, und in den letzten 10 Jahren Fr. ~Schmidt~, der heute selbst Kultusminister ist.
Die inneren Geschäfte der Akademie wurden fast ausnahmslos in rein sachlicher Weise und mit vornehmer Ruhe erledigt, die nicht selten einen Anflug von Langeweile zeigt. Zu erregten Debatten kam es nur zuweilen bei der Wahl neuer Mitglieder. Erst mit dem Krieg ist es anders geworden. Er hat in der ersten Zeit auch verwirrend auf die Denkweise mancher Akademiker zurückgewirkt; davon wird später noch die Rede sein.
Obschon von ~Leibniz~ gegründet und in den Einzelheiten von ~Friedrich dem Großen~ nach dem Muster der Pariser Akademie reorganisiert, verleugnet die Berliner Akademie doch nicht ihren preußischen Charakter. Das zeigt sich in der außerordentlich peinlichen, manchmal pedantischen Form der Geschäfte und noch mehr in der Bestimmung, daß jedes Mitglied alljährlich an einem bestimmten Tage nach der sogen. Lesekarte einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten hat. Es liegt auf der Hand, daß ein solcher Zwang mit dem Wesen der wissenschaftlichen Forschung in Widerspruch steht. Er ist auch von manchem Mitglied der Akademie, wie mir bekannt, recht unbequem empfunden worden. Aber wiederholte Anläufe, ihn abzuschaffen, sind gescheitert. Ebenso überflüssig ist meines Erachtens die Bestimmung, daß Abhandlungen, die in den Schriften der Akademie veröffentlicht sind, von dem Urheber innerhalb der gesetzlichen Frist nur mit der Bewilligung der Akademie anderweitig publiziert werden dürfen. Allerdings wird sie von den Naturforschern wenig mehr beachtet, seit das Sekretariat derartige Verstöße gegen das Statut sehr milde handhabt. Das ist sehr vernünftig, denn der Naturforscher kann heutzutage nach einer Veröffentlichung in der Akademie nicht 1 bis 2 Jahre warten, bevor er seine Resultate auch in einer Fachzeitschrift mitteilt, da die Berichte der Akademie einen zu kleinen Leserkreis besitzen. Diese könnte sich wohl damit begnügen, die Priorität in der Veröffentlichung zu besitzen. Die erschwerten Bedingungen der Publikation haben zur Folge gehabt, daß ich ebenso wie die meisten anderen Berliner Naturforscher in den akademischen Schriften nur einen kleinen Teil meiner Untersuchungen niedergelegt habe, und das ist wohl der Grund, weshalb die Schriften der Akademie als Publikationsorgan nicht die Bedeutung erlangt haben, wie es bei ähnlichen ausländischen Akademieberichten der Fall ist. Im engeren Kreise haben wir öfter die Frage erwogen, ob es zweckmäßig sei, eine Änderung in der Redaktion der Sitzungsberichte eintreten zu lassen in der Weise, daß über alle wichtigen Untersuchungen, die in den von den Mitgliedern der Akademie geleiteten Instituten ausgeführt werden, kurze Mitteilungen in die Sitzungsberichte zu machen wären. Aber die geringe Neigung der Akademie, kurze, manchmal vorläufige Publikationen aufzunehmen, die besonders in der philosophisch-historischen Klasse zutage trat, ist derartigen Abänderungsplänen zu hinderlich gewesen. Dazu kommt die bei solchen Korporationen nicht seltene Macht der Gewohnheit, die alles Neue bekämpft, und die manchmal recht absonderliche Formen annehmen kann. Ein kleines Beispiel mag das illustrieren.
In dem alten Hause unter den Linden, das jetzt durch den Neubau ersetzt ist, waren die Versammlungsräume der Akademie auf viel kleinere Verhältnisse zugeschnitten. Beleuchtung und Heizung befanden sich ungefähr im gleichen Zustand wie vor 100 Jahren, und die Folge war, daß besonders in den öffentlichen Sitzungen in dem überfüllten Saale eine entsetzliche Luft herrschte und manchem Akademiker, ebenso wie der anwesenden Zuhörerschaft die meist zweistündige Dauer der Sitzung zu einer kleinen Plage werden ließ. Man beschloß also eine Änderung eintreten zu lassen, und da ich damals durch die Studien für den Neubau des chemischen Instituts in Fragen der Heizung und Ventilation Kenntnisse erworben hatte, so wurde ich beauftragt, zusammen mit dem Physiker ~F. Kohlrausch~ eine solche Einrichtung auch für den akademischen Sitzungssaal zu planen. Mit Hilfe eines geschickten Ingenieurs war diese Aufgabe rasch gelöst. Aber als der Plan zur Begutachtung der gesamten Akademie vorgelegt wurde und sich dabei herausstellte, daß die Luft des Saales während der Sitzung 2 bis 3 Mal in der Stunde erneuert werden sollte, trat eine peinliche Sorge vor Zugluft ein, und als gar ein angesehenes Mitglied der Korporation erklärte, er würde dadurch kalte Füße bekommen, war trotz der Versicherung, daß die eingeführte Luft angewärmt sei und durch das Ausströmen aus zahlreichen kleinen Öffnungen den Charakter des Zugwindes ganz verliere, unser Vorschlag nicht mehr zu retten.
Einen zweiten Mißerfolg ähnlicher Art habe ich als Mitglied einer Kommission für den Neubau des Akademischen Hauses Unter den Linden gehabt. Zwar sind Heizung und Ventilation hier nach unseren Vorschlägen in vernünftiger Weise ausgeführt worden, aber bezüglich der Akustik konnte ich nicht durchdringen. Nach meinen Erfahrungen beim Neubau des chemischen Instituts hatte ich verlangt, daß die Sitzungssäle mit kassetierten Holzdecken und auch mit möglichst viel Holzbekleidung an den Wänden ausgestattet würden, da diese wie Resonanzböden wirken. Obschon die Mitglieder der Akademie diesmal auf meiner Seite waren, ist es mir nicht gelungen, den Eigensinn der Architekten zu überwinden. Sie behaupteten von Akustik sehr viel zu verstehen, haben unseren Rat in den Wind geschlagen und es auch richtig fertig gebracht, daß die Akustik in dem Neubau recht viel zu wünschen übrig läßt.
Im Sommer 1893, bald nach meiner Aufnahme in die Akademie, habe ich in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse meinen ersten Vortrag über die Synthese der Alkylglukoside gehalten, die der Ausgangspunkt für viele andere Arbeiten geworden ist.
In der ~Leibniz~-Sitzung, die im Juli desselben Jahres stattfand, habe ich auch meine Antrittsrede gehalten, die in den Sitzungsberichten veröffentlicht ist und bei der ich nicht allein die Richtung meiner eigenen Untersuchungen kennzeichnete, sondern auch in ganz kurzer Form einen Überblick über die Entwicklung der Chemie während der letzten 50 Jahre gab. Die Antwort darauf erteilte ~Dubois-Reymond~ und begrüßte mich als den zweiten Zuckerchemiker, gleichsam als den Erben von ~S. Marggraff~ in der Akademie. Ich habe daraus von neuem gesehen, welch populärer Stoff der Zucker ist, und als ich einige Zeit später einen Vortrag über die Stereochemie der Zucker hielt, kam ~Helmholtz~ zu mir, um seiner Freude Ausdruck zu geben, daß die Chemie derartige komplizierte Fragen des molekularen Baues behandeln könne. Selbstverständlich war das Urteil eines solchen Mannes für mich und meine Wissenschaft besonders ehrenvoll. Ich habe zwar gleich gemerkt, daß er die Sache nur halb verstanden hatte, weil ihm die Tatsachen, auf denen die Spekulation beruhte, zu fremd waren, aber mit dem Feingefühl des Genies hatte er doch den großen Fortschritt erkannt, den die Lehre von ~van't Hoff~ und ~Le Bel~ und ihre Spezialanwendung auf so komplizierte Gebilde wie den Zucker der Chemie gebracht haben. Seitdem ist mir, wie allen Mitgliedern der Akademie, alljährlich die Aufgabe zugefallen, an einem bestimmten Tage einen Vortrag abwechselnd vor der mathematisch-physikalischen Klasse und der gesamten Akademie zu halten. Ich habe mich dabei stets bemüht, allgemeine, meinem Arbeitsgebiet naheliegende Probleme in möglichst volkstümlicher Form zu behandeln und in der Regel auch die Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft gefunden. Die in den Sitzungsberichten gleichzeitig von mir veröffentlichten Experimentalarbeiten geben davon kein richtiges Bild, da sie nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Vortrag waren.
In jüngerer Zeit, wo auch das Programm der öffentlichen Sitzungen durch wissenschaftliche Vorträge erweitert wurde, habe ich auf Einladung der Akademie als Erster der mathematisch-physikalischen Klasse in der Friedrichsitzung Januar 1907 über die Chemie der Proteine und ihre Bedeutung für die Biologie gesprochen.
Die Geschäfte der Korporation werden nach den Beschlüssen der Gesamtheit größtenteils von vier Sekretären geführt, aber wo fachmännischer Rat nötig ist, treten auch die einzelnen Mitglieder in Aktion, entweder für ihre Person allein, oder als Teile besonderer Kommissionen. Wo chemischer Rat nötig war, hat die Körperschaft nie versäumt, mich zu fragen. Einer meiner ersten Ratschläge hat leider eine peinliche Folge gehabt.
Bei der Verleihung des Ordens pour le merite Friedensklasse an ausländische Gelehrte wird nämlich die Akademie regelmäßig ersucht, Vorschläge zu machen, und als es sich hierbei um die Wahl eines Chemikers handelte, hielt ich mich für verpflichtet, in erster Linie ~L. Pasteur~ und außerdem noch ~Frankland~ und ~van't Hoff~ vorzuschlagen. Akademie und Regierung schlossen sich dem an, und der Orden wurde durch den deutschen Botschafter in Paris zuerst ~Pasteur~ angeboten. Dieser lehnte ab, was sein gutes Recht war. Aber er beging gleichzeitig die Taktlosigkeit, seinen Entschluß nicht geheim zu halten. Die Sache kam in die Öffentlichkeit und wurde von der französischen Presse zu einer großen chauvinistischen Kundgebung ausgenutzt. Als ich einige Jahre später Paris besuchte, um die dortigen Laboratorien zu besichtigen und ~H. Moissan~ aufsuchte, richtete er an mich sofort die Frage, weshalb die Berliner Akademie keinen Franzosen mehr zum Mitglied wähle. Als ich ihm darauf antwortete, daran sei das Benehmen von ~Pasteur~ schuld und die Sorge der Berliner Gelehrten vor weiteren Skandalen, die der Würde der Wissenschaft nur schaden könnten, gab er mir recht und betonte, daß auch die große Mehrheit der französischen Forscher es für falsch halte, nationalistische Tendenzen in der Wissenschaft gelten zu lassen. Seitdem haben eine ganze Reihe von Franzosen, u. a. ~Marcellin Berthelot~, nach Vorschlag unserer Akademie den Orden erhalten und angenommen.
Viel erfreulicher verlief ein anderer Antrag auf Ehrung eines Ausländers, den ich viele Jahre später gemeinsam mit ~Walter Nernst~ stellte. Er betraf die Verleihung der goldenen Leibniz-Medaille an Herrn ~Ernest Solvay~ in Brüssel und gleichzeitig an Herrn ~H. von Böttinger~ als Anerkennung ihrer Verdienste um die Förderung der Wissenschaften durch Zuwendung von reichen materiellen Mitteln. Beide Herren erschienen in der Leibniz-Sitzung an 1. Juli 1909, um diese Medaillen in Empfang zu nehmen, und abends hatten ~Nernst~ und ich das Vergnügen, in den Räumen des Automobilklubs zu Ehren der beiden Herren eine gesellige Zusammenkunft mit vielen Mitgliedern der Akademie, mit hervorragenden Chemikern und anderen Personen des wissenschaftlichen Berlins zu veranstalten. Mir fiel die Aufgabe zu, die beiden Herren in einer Tischrede zu begrüßen. Das Fest verlief in harmonischer und heiterer Stimmung, und die dabei gehaltenen Reden sind in einer kleinen Schrift »Festmahl zu Ehren der Herren ~E. Solvay~ und ~H. v. Böttinger~ am 1. Juli 1909 im Kaiserlichen Automobilklub zu Berlin« zusammengefaßt worden. Als Dank für die Ehrung machte Herr ~von Böttinger~ eine Stiftung von 30000 M., die er auf meinen Rat zur Erwerbung von Mesothorium bestimmte. Ich habe den Ankauf des Präparates besorgt und dasselbe verwaltet, bis die Akademie den Neubau Unter den Linden wieder bezog und dadurch die Möglichkeit erhielt, ihren gesamten materiellen Besitz im eigenen Hause aufzuheben. Das Mesothorium ist inzwischen auf meinen Rat von der Akademie mit großem Gewinn wieder verkauft und dafür ein entsprechender Vorrat des viel haltbareren Radiums angeschafft worden.
Außer dem Mesothorium habe ich auch länger als 20 Jahre die akademische Instrumentensammlung, die in meiner Dienstwohnung zuerst in der Dorotheenstraße und später in der Hessischenstraße untergebracht war, verwalten müssen. Die Inventarisierung der einzelnen Objekte war verhältnismäßig einfach, aber der Verkehr mit den Gelehrten, denen die Instrumente überlassen wurden, brachte zuweilen unbequemen Briefwechsel mit sich. Auch diese Verpflichtung bin ich inzwischen los geworden, weil die Instrumentensammlung ebenfalls in das neue Haus der Akademie übergeführt werden konnte, und jetzt von dem Archivar der Korporation verwaltet wird.
Als Inhaber des akademisch-chemischen Laboratoriums und der damit verbundenen Dienstwohnung in der Dorotheenstraße, einem der ältesten wissenschaftlichen Laboratorien Berlins, das von ~S. Marggraff~ erbaut und in dem ~Achard~ zum erstenmal Rohrzucker in größerer Menge (1700 Pf.) aus Zuckerrüben herstellte, stand ich zu der Akademie in einem besonderen Verhältnis. Das trat besonders scharf hervor, als der Plan eines Neubaues des chemischen Instituts gereift war, und die Verlegung des Instituts an eine andere Stelle nötig wurde. Für die Bewilligung der Bausumme stellte damals die Finanzverwaltung die Bedingung, daß die Akademie auf den Besitz in der Dorotheenstraße verzichten, und dafür einen Anteil an dem neuen Gebäudekomplex in der Hessischenstraße erhalten soll. Es ist begreiflich, daß die Aufgabe des alten Besitzes, der 150 Jahre der Akademie gehörte, und wo nicht allein der akademische Chemiker, sondern zeitweise auch der Astronom Unterkunft gefunden hatte, von manchem Mitglied der Korporation schmerzlich empfunden wurde, und daß deshalb die Zustimmung der Akademie zu dem neuen Plane von einer besonderen Verhandlung abhängig gemacht wurde. Als die Stimmung zu schwanken schien, traten zwei Männer auf das Entschiedenste für den Plan ein, der Mediziner ~Rudolph Virchow~ und der Theologe ~Adolf Harnack~ mit der Bemerkung, daß die Akademie verpflichtet sei, einer Wissenschaft wie der Chemie, wenn sie in eine Notlage geraten sei, zu Hilfe zu kommen. Diese großzügige Auffassung drang durch. Der Plan wurde einstimmig genehmigt, und ich habe mich dauernd der Akademie für diese vornehme Handlung verpflichtet gefühlt. Die Sympathie, die ich von Anfang an für sie gehabt habe, ist dadurch noch um ein Erhebliches gesteigert worden. Infolgedessen habe ich auch mit besonderer Freude eine Ehrung entgegengenommen, die mir von der Akademie durch Verleihung der ~Helmholtz~-Medaille im Januar 1909 erwiesen wurde. Die Medaille wird nicht nach dem Statut, aber gewohnheitsgemäß alle zwei Jahre abwechselnd einem Physiker oder Biologen gegeben. Demnach habe ich sie in letzter Eigenschaft erhalten, weil meine chemischen Arbeiten die Biologie vielfach berühren. Durch den Besitz der Medaille erhält man gleichzeitig das Recht, für neue Verleihungen Vorschläge zu machen, und ich habe schon das nächste Mal davon Gebrauch gemacht, um ~van't Hoff~ diese Ehre zuteil werden zu lassen. Er empfing die Medaille einige Wochen vor seinem Tode. Es war die letzte Ehrung, die ihm erwiesen wurde, und die ihm nach dem Zeugnis der Gattin noch viele Freude bereitet hat. Selbstverständlich habe ich auch immer mitgewirkt, wenn es sich um die Wahl von Chemikern zum ordentlichen oder korrespondierenden Mitglied handelte, und mit großer Befriedigung kann ich bezeugen, daß in allen diesen Geschäften bei den Chemikern der Akademie volles Einverständnis leicht zu erzielen war. Speziell erwähnen will ich die Wahl zu auswärtigen Mitgliedern, die auf meinen Vorschlag 1900 für ~M. Berthelot~ und 1905 für ~A. von Baeyer~ stattfand. Zusammen mit ~van't Hoff~ hatte ich das Vergnügen, die letzte Wahl bei der Feier des 70-jährigen Geburtstages ~von Baeyer~ im Oktober 1905 in München verkünden zu können.
An der Feier des 200-jährigen Stiftungsfestes der Akademie konnte ich leider nicht teilnehmen, weil ich wegen einer hartnäckigen Schwäche des Stimmbandes einen längeren Aufenthalt an der Riviera nehmen mußte. Die Feier brachte der Akademie eine Vermehrung der Mitglieder, speziell für die mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse die Abteilung für technische Wissenschaften, in die als erste Mitglieder die Herren ~Müller~-Breslau, Professor an der technischen Hochschule zu Charlottenburg, ~Martens~, Direktor des Materialprüfungsamtes zu Lichterfelde und ~von Hefner-Alteneck~, elektrotechnischer Erfinder, früher Beamter der Firma Siemens & Halske, gewählt wurden. Dadurch erhielt die Akademie Gelegenheit, hervorragende auswärtige Vertreter der Technik durch Ernennung zu korrespondierenden Mitgliedern zu ehren, und ich habe mir wiederholt erlaubt, solche Wahlen für technische Chemiker, z. B. für ~Ludwig Mond~, ~Ernest Solvay~ und ~Auer von Welsbach~ anzuregen.
Die Bedeutung einer wissenschaftlichen Akademie ist selbstverständlich in erster Linie bedingt durch das wissenschaftliche Ansehen der einzelnen Mitglieder. Zur Zeit meines Eintritts gehörten zur Berliner Akademie eine verhältnismäßig große Anzahl von Männern ersten Ranges. An der Spitze der Naturforscher stand ~Hermann von Helmholtz~, ein wissenschaftliches Universalgenie; denn er hat nicht allein in der Physik, Physiologie und Mathematik grundlegend gewirkt, sondern auch in der Erkenntnistheorie Achtenswertes geleistet. Wenn man von ~Alexander von Humboldt~ absieht, so war er der vielseitigste Naturforscher des 19. Jahrhunderts, nicht allein in Deutschland, sondern wahrscheinlich in der Welt, und diese Vielseitigkeit hat der Gründlichkeit seiner Forschung nicht den geringsten Abbruch getan. Dazu besaß er in hohem Maße die Gabe, naturwissenschaftliche Erkenntnis in leicht verständlicher Form und vornehmer Sprache weiteren Kreisen zugänglich zu machen, und ich kenne wenig naturwissenschaftliche Schriften, die auf mich in jüngeren Jahren so anregend gewirkt haben, wie die von ~Helmholtz~ publizierten Vorträge über verschiedene Zweige der Physik, Physiologie und Mathematik. Vielleicht hat ~Justus Liebig~ durch seine populären Schriften über die Bedeutung der Chemie für den Ackerbau, die Künste und Gewerbe größeren Einfluß auf die Entwicklung des wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens in Deutschland gehabt, aber an Feinheit der Darstellung und Schönheit der Form können sie den Vorträgen von ~Helmholtz~ nach meinem Empfinden nicht gleichgestellt werden. Zu der Zeit, als ich ~Helmholtz~ kennen lernte, war er schon 72 Jahre alt und eine in jeder Beziehung abgeklärte Persönlichkeit. Es war für uns Jüngere stets ein besonderes Vergnügen, wenn er in der Fakultät oder Akademie das Wort ergriff und in ruhiger besonnener Art seine Meinung äußerte. Ich habe wiederholt Gelegenheit gehabt, mit ihm Privatgespräche zu führen, bei denen er stets ein wohlwollendes Interesse an der Chemie kund gab. Diese persönliche und innige Berührung zwischen einzelnen Mitgliedern der Akademie vollzog sich in ungezwungener Form bei den Nachsitzungen, die in einem Kaffee stattfanden, zuerst im Hotel de Rome und später in verschiedenen anderen Kaffees Unter den Linden oder in der Potsdamer Straße. Diese Nachsitzungen waren nicht selten belehrender und vor allen Dingen unterhaltender als die amtliche Hauptsitzung. Als ~Helmholtz~ im August 1894 starb, war es mir als Vorsitzender der chemischen Gesellschaft, zu deren Ehrenmitgliedern er gehörte, eine angenehme Pflicht, ihm einen Nachruf zu widmen, der in den Berichten der Gesellschaft gedruckt wurde, und in dem ich meiner Bewunderung für den großen Mann vollen Ausdruck gegeben habe.
Eine zweite sehr interessante Persönlichkeit in dem akademischen Kreise war ~Rudolph Virchow~, pathologischer Anatom, Hygieniker, Anthropologe und Politiker, ein Mann von einer ungewöhnlichen Arbeitskraft, der trotz der Zersplitterung seiner Tätigkeit alles, was er anfaßte, mit großer Gründlichkeit und Überlegung besorgte. Noch im Alter von 80 Jahren pflegte er nicht allein den ganzen Tag, sondern auch die halbe Nacht der Arbeit zu widmen, besaß dafür allerdings auch das Talent, jede freie Minute sogar in den Sitzungen oder bei Gesellschaften zum Schlaf benutzen zu können. Er war scharf in seinem Urteil und konnte gegen Auswüchse der Medizin und Hygiene oder gegen Mißgriffe der Staatsverwaltung in schärfster Weise auftreten. Aber ich habe stets den Eindruck bekommen, daß er sich nur durch sachliche Gründe und durch vornehme politische, soziale oder wirtschaftliche Grundsätze führen ließ. Zu mir persönlich ist er immer sehr freundlich gewesen, und seiner wirkungsvollen Unterstützung bei dem Neubau des chemischen Instituts habe ich schon gedacht. Aus der Akademie erinnere ich mich eines scharfen und erfolgreichen Protestes, den er gegen die Aufnahme einer von ~S. Schwendener~ präsentierten Abhandlung eines gewissen Dr. ~Pinkus~ über den vermeintlichen Zusammenhang zwischen dem Wachstum der Kopfhaare und dem Schicksal ihres Trägers in die Sitzungsberichte erhob. Seine Kritik war in biologischen Kreisen gefürchtet, aber von der großen Mehrzahl als sachlich anerkannt. Bei mir hat er einmal an einem Abendessen teilgenommen, das ich zu Ehren von ~William Ramsay~ veranstaltete. Als wir aus dem warmen Eßzimmer in die etwas unterkühlten Gesellschaftszimmer übersiedelten, sagte er scherzhaft zu mir: »Sie scheinen wie der Schah von Persien über alle Klimatas zu verfügen«, worauf ich ihm erwiderte, daß in der Chemie die Periode der extremen Temperaturen begonnen habe.
Ein anderer hervorragender Mediziner in der Akademie war der Physiologe ~E. Dubois-Reymond~, besonders bekannt geworden durch die zahlreichen akademischen Reden, die er als Sekretär der Korporation gehalten hat. Er war zweifellos auch ein geistreicher Mann und von ungewöhnlicher formaler Gewandtheit. Von Zeit zu Zeit lese ich noch heutzutage einzelne seiner Reden mit Genuß, wenn sich auch nicht leugnen läßt, daß die Effekthascherei dabei eine gewisse Rolle spielt, und die übertriebene mechanistische Tendenz einer überwundenen Periode der Wissenschaft angehört.